la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Nava Ebrahimi – Das Paradies meines Nachbarn

52. Station der Literaturweltreise – Vereinigte Arabische Emirate – Dubai

Nachdem ein wichtiger Teil dieses Romans in Dubai spielt, „verrechne“ ich diese Lesestation unter „Vereinigte Arabische Emirate.

Der Titel dieses Buchs kommt daher, dass einer der drei Protagonisten dem im Iran schon als Kind eingehämmert wurde, dass ein Märtyrer direkt ins Paradies kommt, darüber sinniert, dass das Paradies doch nicht für alle Menschen gleich aussehen könne, dass es vielmehr je nach Interessensgebieten seiner Bewohner unterschiedlich sein müsste. Er überlegt auch, ob es denn so wäre, dass jeder einzelne allein in seinem Paradies ist.

Die Geschichte hat drei Protagonisten, die mit dem Iran in Verbindung stehen. Der eine, Sina, der zwar immer in Deutschland gelebt hat, aber einen mittlerweile in Amerika lebenden iranischen Vater hat. Der Zweite, Ali Najjar, der mit Hilfe seiner Mutter als Kind aus dem Iran geflohen ist. Und der dritte, Ali-Reza der von dieser Mutter mit der Identität ihres Sohnes versehen in den Krieg geschickt wurde.

Der aus dem Iran geflohene Protagonist, Ali Najjar, der nun als bekannter Objekt-Designer in Deutschland lebt, ist auf seltsamen Wegen zu dem Ruf gekommen ein Kindersoldat gewesen zu sein, der mit großem Glück dem Tod entkommen ist. Der Iran hat ja Jugendliche zur Entminung großer Flächen eingesetzt. Die Kinder wurden einfach über die Minenfelder getrieben, wobei viele Minen explodierten und die „Kindersoldaten“ tötete oder verletzte. Die Nachkommenden erwachsenen Soldaten wurden dadurch geschützt, dass viele der Minen bereits explodiert waren und dass sie über die Leichen gingen. 

Tatsächlich wurde Ali Najjar aber durch ein Kind ersetzt, das seine Mutter auf der Straße aufgelesen und mit der Identität ihres Sohnes versehen hatte um dessen Flucht zu verschleiern. Dieser Ali-Reza ist aufgrund einer Verletzung, die er sich als Kindersoldat zugezogen hat querschnittgelähmt und lebt im Iran. Er erfährt, dass die Frau, die er als seine Mutter betrachtet verstorben ist und einen Brief für ihren in Deutschland lebenden Sohn Ali Najjar hinterlassen hat, den er beschließt ihm persönlich zu überreichen.

So kommt es zum Showdown in Dubai, an dem alle drei Protagonisten beteiligt sind.

Ich fand zwar die drei Protagonisten ein bisschen flach, aber der Plot ist interessant und die Geschichte flüssig geschrieben


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Juli Zeh – Neujahr

51. Station der Literaturweltreise – Spanien

Erstaunlich, dass ich in dreieinhalb Jahren Literaturweltreise noch nie in Spanien war. Auch diesmal sind es die Kanaren und nicht das Festland. Das muss ich demnächst ändern

Ein empfehlenswertes Buch. Leicht zu lesen, aber nicht seicht. Im weiten Feld zwischen schwieriger Literatur und Banalität angesiedelt. Spannend aber nicht reißerisch. Die handelnden Personen sind glaubwürdig geschildert, die mondähnliche Landschaft von Lanzarote ebenfalls.

Der Protagonist ist ein Mann, der mit 38 Jahren in ein fast vergessenes Trauma hinein fällt. Es ist sehr gut beschrieben, wie dieses alte Trauma in sein Leben und seine Handlungen hineinwirkt, ohne dass er weiß, woher die für ihn nicht einzuordnenden Gefühle kommen. Nicht so restlos glaubwürdig ist vielleicht, dass er einen Urlaub mit Frau und Tochter eigentlich gegen den Willen seiner Frau organisiert, gerade an dem Ort, an dem die vergessenen Ereignisse stattgefunden haben.

Der Titel des Buchs beschreibt nur die Zeit des Jahres, zu der der Urlaub auf Lanzarote stattfindet: Weihnachten und Neujahr. Vielleicht steht „Neujahr“ auch für „Neubeginn“, was jedenfalls passen würde.

Sehr gut geschildert hat Juli Zeh die Beziehung des Protagonisten zu seiner jüngeren Schwester, die er selbst auch erst verstehen kann, als ihm die alte Geschichte wieder einfällt und die er dann in eine ganz andere Richtung umlenkt.

Es ist ein schmales Buch, 190 Seiten, schnell gelesen, aber nicht unbedingt schnell wieder vergessen. Es sind ein par eindringliche Szenen dabei, einige sehr starke Bilder und man spürt sowohl die mögliche Verwirrung als auch die Kraft des menschlichen Geistes alte Wunden zu überwinden und das Leben neu zu gestalten.


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Barracoon – Geschichten vom letzten amerikanischen Sklavenschiff

50. Station der literarischen Weltreise – Benin

Eines der Vorwörter zu diesem Buch stammt von Alice Malsenior Walker, der Autorin des Romans „Die Farbe Lila“, der 1983 mit dem American Book Award und dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und 1985 von Steven Spielberg verfilmt wurde.

„Wenn man Barracoon liest, versteht man sofort, welches Problem viele Schwarze, vor allem schwarze Intellektuelle und politische Führer, vor Jahren damit hatten. Es benennt schonungslos die Gräueltaten, die afrikanische Völker aneinander verübten, lange bevor angekettete Afrikaner traumatisiert, krank, desorientiert, ausgehungert als „schwarze Fracht“ auf Schiffen im „höllischen Westen“ eintrafen. Wer mag sich das maßlos grausame Verhalten der „Brüder und Schwestern“ eingestehen, die unsere Vorfahren als Erste gefangen nahmen?  Wer wollte in aller fürchterlichen Detailgenauigkeit wissen, wie afrikanische Häuptlinge zielgerichtet Afrikaner von benachbarten Stämmen fingen, wie sie Eroberungskriege provozierten, um Menschen – Männer, Frauen und Kinder – , die nach Afrika gehörten, für den Sklavenhandel zu erbeuten? und dies auf so abscheuliche Art und Weise, dass es einem noch 200 Jahre danach bei der Lektüre vor Grauen und Jammer schaudert. Dies ist, machen wir uns nichts vor, mehr als quälend zu lesen“

Vorwort von Alice Walker p.10

Es handelt sich hier um einen relativ kurzen Text, der die autobiographisch erzählte Geschichte von Cudjo Lewis sein soll und wohl auch ist, die von Zora Neale Hurston  1927 und 1928 aufgezeichnet wurde, was ihr auch Kritik an der wissenschaftlichen Verlässlichkeit ihrer Arbeit eingebracht hat. Die Lebensgeschichte wird von mehreren Vorwörtern und Einleitungen eingerahmt. Es gibt auch einen Anhang mit afrikanischen Geschichten und der Beschreibung von Spielen.

Es hat mich angerührt, wie hier von einer Afroamerikanerin jedes kleinste Krümel von Geschichte ihrer Vorfahren eingesammelt und betrachtet wird. Auch dem afrikanischen Sklavenhandel, der älter ist als der afro-europäische oder afro-amerikanische sieht sie ohne Beschönigungen  ins Auge. Das große menschliche Bedürfnis nach Wissen über die eigenen Wurzeln wird hier sehr deutlich.

Cudjo Lewis, der eigentlich Kossula hieß, war ein Afrikaner, der 1859 auf dem letzten Sklavenschiff, der Clotilda, nach Amerika gebracht wurde zu einem Zeitpunkt zu dem der Sezessionskrieg bereits im Gang war und die offizielle Abschaffung der Sklaverei auch in amerika nur noch eine Frage der Zeit.

Sein Leben war hart. Angefangen mit seiner Gefangennahme durch das Heer des Königs von Dahomey, der einen blühenden Sklavenhandel betrieb  und alle Angehörigen eines Volkes, die für den Verkauf als Sklaven an die amerikanischen und europäischen Sklavenhändler nicht in Frage kamen, köpfen ließ. Einige Jahre lebte er als Sklave. Nach der Befreiung wurde sein Leben nicht wirklich leichter, ein Schlag folgte dem nächsten. Seine Kinder starben eines nach dem anderen. Trotz allem war er einer der Begründer einer Gemeinschaft von Afrikanern auf die die schon länger in Amerika befindlichen Sklaven herunter sahen und sie als Wilde betrachteten. An diesen wahnwitzigen Mechanismen menschlichen Verhaltens hat sich ja nichts verändert.

Dieser Leseeindruck hat gar nichts mit meinem Meinungsaustausch mit Natalie bei den „Brüsten des Modells“ zu tun. Es ist reiner Zufall , dass ich gerade ein Buch zu diesem Thema gelesen habe.


Ein Kommentar

Abgrund

Das Thema war vor dem massiven Auftauchen des Rassismus-Themas in aller Munde insofern ist der Plot recht aktuell wenn auch nicht besonders originell, aber doch glaubwürdig und gut erzählt und die Auflösung war für mich überraschend.

Alle Fäden der Handlung kommen am Ende nachvollziehbar zusammen, Das isländische Lokalkolorit ist durchaus spürbar und für mich recht interessant. Dass ich die isländischen Namen nicht richtig zu männlich und weiblich zuordnen kann, ist natürlich der Autorin nicht vorzuwerfen.

Yrsa Sigurdardóttir beherrscht ihr Handwerk. Es ist Insgesamt solide Krimi- bzw Thrillerkost ohne genüßliche Beschreibungen von Brutalität, ohne inhaltliche oder stilistische Ausschläge nach oben aber auch nicht nach unten, hat mich nicht rasend fasziniert, aber auch nicht gelangweilt.


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Barlach

Eine völlig andere Art von Biographie als alle, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Anfangs hat es mich irritiert, dass es ein ziemlich erzählerischer Text ist. Der Autor versetzt sich in seine Figur, für meinen Geschmack etwas zu sehr, eine Biographie ist kein Roman. Ich habe mich aber eingelesen, denn diese Art Text ist natürlich auch wesentlich flüssiger zu lesen.

Sehr interessant fand ich, wie lange Barlach gebraucht hat um nicht nur seinen eigenen Stil sondern überhaupt die starke Motivation für sein bildhauerisches Werk zu finden. Dass er auch Dramatiker war und etliche Stücke geschrieben hat, wusste ich vorher gar nicht.

Als Mensch besonders sympathisch ist mir Ernst Barlach durch diese Biographie nicht geworden:

„In seinen Briefen an Düsel hält er seine offenbare Ignoranz für eine deutsche Tugend. Böcklin und Klinger können auch viel weniger als die gefeierten Pariser Meister, aber in ihnen steckt viel mehr an Wahrheit und Tiefe, eben echtes Genie! In dieser Stadt (Paris) aber sei man bloß fingerfertig geschickt, nur hier konnte einst Meyerbeer über Wagner triumphieren. Barlachs Fazit: „Wir sind schon zu sehr Juden“ Barlach, ein Antisemit? Das nicht, aber einer, der immer mal wieder in Gefahr steht, in Deutschtümelei zu versinken, das schon.“ S51

Vielleicht ein Detail, dennoch ist es mir unangenehm aufgefallen bei einem in der Gegenwart lebenden Biographen. Barlach hatte ein Kind mit einer nicht näher beschriebenen Frau. Er bekam auf gerichtlichem Weg das Sorgerecht für dieses Kind, das seiner Mutter weggenommen wurde. Für heutige Begriffe eine doch sehr ungewöhnliche Vorgangsweise, zumal der Vater Barlach das Kind von dessen Großmutter aufziehen ließ. Dem Autor ist aber die hinter diesem Urteil stehende Einstellung und die Haltung und Gemütslage der Mutter nicht einmal einen Nebensatz wert.

Der zweite Punkt, den ich interessant fand, war die Beschreibung der ersten Jahre des Nazi-Regimes. Wie sich Barlach und viele andere deutsche Künstler positioniert haben. Wie verschieden das Attribut „deutsch“ von verschiedenen Seiten verwendet wurde.

Die Illustration der Biographie, vor allem die Abbildungen von Barlachs Werk finde ich nicht sehr großzügig. Ob man schwarz-weiße oder farbige Abbildungen vorzieht ist Geschmackssache, aber die Anzahl der Fotos von Skulpturen ist doch sehr klein.


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Zuckerfrei

Das Buch nähert sich dem Thema „Zucker“ von verschiedenen Seiten. Der rote Faden durch das Buch ist der Anspruch Kinder von klein an mit möglichst wenig Zucker zu ernähren, es liest sich aber auch mit Blick auf Erwachsene mit eingefahrenen Gewohnheiten recht gut.

Es geht zunächst um Theorie der Ernährung mit Betonung auf Beschaffenheit und Wirkung von Zucker und um Warenkunde. Verschiedene Zuckerarten, aber auch andere süße Nahrungsmittel werden erörtert. Dem Zucker wird auf vielen Wegen nachgespürt, vor allem in Fertigprodukten jeder Art. Ich fand es erstaunlich zu erfahren, wo überall Zucker drin ist und wie man rätselhafte Inhaltsstoffbeschreibungen enträtseln kann.

Dann macht die Autorin einen kenntnisreichen Exkurs in die Welt des Profitdenkens und der Zuckerlobbys, der auch sehr zu denken gibt und  Zusammenhänge enthüllt, die nicht unbedingt auf den ersten Blick sichtbar sind.

Der dritte Teil des Buchs enthält Rezepte, mehrheitlich solche, die auf Kinder zugeschnitten sind aber nicht nur. Ein Rezept für Apfelcrumble ohne Zucker zum Beispiel liest sich sehr verlockend. Ich habe es aber noch nicht ausprobiert.

Zur Abrundung hat das Buch noch einen Anhang mit häufig gestellten Fragen und Anregungen zum Protokollieren von Ernährungsgewohnheiten und -vorlieben hauptsächlich jener von Kindern.

Es ist ein solides Buch mit viel Text und einigen Graphiken, nicht von der Sorte mit riesigen Illustrationen, die sehr kleine Inhalte hübsch aufbereiten und die Seitenanzahl hochtreiben. Die Graphiken in diesem Buch finde ich informativ und von der Anzahl her genau richtig im Verhältnis zum Text.

 

 


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100 Jahre 100 Kunstwerke

Ein Bildband mit einem ungewöhnlichen Konzept.

Vorgestellt werden Gemälde, Skulpturen und Objekte, Installationen, Performances, Fotografien, Filme und Videos aus vier Kontinenten, die mit Formen, Medien, Materialien, moderner Technik und Traditionen experimentieren. Sichtbar wird, wie Idee und Stile in den letzten 100 Jahren verdrängt, zurückerobert und in Gang gesetzt wurden. Einleitung p. 7

Nach welchen Kriterien die Autorin das jeweilige Werk, das für ein bestimmtes Jahr steht, ausgewählt hat, weiß ich natürlich nicht. Sie schreibt dazu:

Alle in diesem Buch vorgestellten Werke waren aus unterschiedlichen Gründen für die Entwicklung in der Kunst entscheidend – und bei etlichen von ihnen wurde dies erst lange nach ihrer Entstehung deutlich p.8.

Dies ist kein Bildband, den man systematisch durchliest. Er bietet vielmehr Stoff für lange Zeit. Zur Abbildung jedes Werks gibt es einen Kommentar zu diesem Werk, der auch Weiterführendes über Künstler*innen, Strömung, Verbindungen bietet. Es gibt keine Unterteilungen in verschiedene Stilrichtungen, Schulen, Gruppierungen, es gibt ein Werk pro Jahr zu sehen, von 1919 bis 2018 .

Eigenes kannte ich, anderes gar nicht, von manchen Künstler*innen und Richtungen habe ich noch nie gehört. In manchen Fällen bedaure ich das in anderen weniger. Vieles hat mir gefallen oder hat mich interessiert, mit anderem konnte ich gar nichts anfangen. Ich habe für mich die Vorgangsweise gewählt, dieses Buch immer wieder an einer beliebigen Stelle aufzuschlagen und mich dann mit dem abgebildeten und kommentierten Werk auseinanderzusetzen, manchmal länger, manchmal kürzer, je nachdem.

 


Ein Kommentar

Biologe schreibt zweiten Band

Der erste Band „Kinder der Zeit“ hat mir gut gefallen. Es gehört zu einem sehr speziellen Genre innerhalb der Science Fiction, das ich „biologische Science Fiction“ nenne und das nicht unbedingt jedermanns Sache ist.

Der zweite Band hat wiederum mir nicht so gut gefallen. Die Entwicklung der verschiedenen Tierarten und ihrer Zivilisationen tritt in den Hintergrund bzw wird sie von der Beschreibung nicht mehr wirklich nachvollziehbarer Techniken abgelöst. Über weite Strecken geht es hier hauptsächlich um Action, die ja in der Science Fiction durchaus ihre Berechtigung hat, nur ich mag sie eben nicht.

Auch dieser Plot ist spannend und manchmal überraschend, aber mir hätte er mit dem Schwerpunkt „Menschheit begegnet anderer Zivilisation“ besser gefallen. Diese Komponente ist schon vorhanden, wird aber von viel Kampf und Action überlagert.

Das Ende des Buchs wird wieder sehr skizzenhaft, die Figuren immer flacher und schemenhafter, es wird nichts mehr näher ausgeführt. Schade!

 

 


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Biologe schreibt Science Fiction

Die Kinder der Zeit

Nachdem ich den Roman als e-book gelesen habe, gibt es kein persönliches Foto davon.

Ich habe wieder einmal in biologischer Science fiction geschwelgt. Der Autor hat Zoologie studiert und das merkt man an seinen Beschreibungen der Anatomie, der Physiologie und des Verhaltensspektrums der Spinnen, Ameisen und Oktopusse, die in diesem Buch vorkommen.

Der Plot ist einfallsreich und spannend: in fernster Zukunft, in der eine menschliche Zivilisation (die unsere) sich zerstört hat, gibt es eine weitere technologische Zivilisation auf der Erde, die den zerstörten Planeten verlassen muss und auf der Suche nach bewohnbaren Planeten unterwegs ist. Diese letzten Menschen finden Planeten, die bereits von ihren Vorfahren in Besitz genommen wurden. Allerdings nicht persönlich sondern durch das Verbreiten eines Virus, der in der Lage ist, die Entwicklung einer Spezies zu beschleunigen und zu lenken.

Ja, es ist nur für Fans des Genres geeignet …

Jedenfalls war dieser Virus ein voller Erfolg und die letzten Menschen finden auf einem für menschliche Besiedlung sehr geeigneten Planeten eine von ihren Vorfahren erzeugte Zivilisation vor. Aber es handelt sich dabei nicht um die hochentwickelten Affen, die geplant waren sondern um ganz andere Tiere.

Der Roman hat Protagonisten, die teilweise nicht ganz flach sind, wie es in diesem Genre meistens der Fall ist. Bei den Spinnen hatte der Autor die interessante Idee den Individuen, die in ihrer Gesellschaft ähnliche Funktionen ausüben immer wieder die gleichen Namen zu geben. Portia ist also die Großmutter, Mutter und Tochter einer anderen Portia. Das vereinfacht die Darstellung vieler Individuen über viele Generationen.

Die Beschreibung dieser Zivilisation hat mir sehr gefallen, weil der Autor – wie schon erwähnt- ein sachkundiger Zoologe ist, der eine Spinnenzivilisation erfunden hat, wie sie rein theoretisch nach langer Entwicklung dieser Tierart existieren könnte. Besonders die Idee der Emanzipation der Männchen fand ich sehr gelungen.

Das Ende dieser vielversprechenden Geschichte allerdings fand ich ziemlich enttäuschend. Ich hätte erwartet, dass es zu einer interessanten Begegnung zwischen der menschlichen und der anderen Kultur kommt. Diese Begegnung wird aber nur skizziert. Ich dachte aber, dass das abrupte Ende wohl die Vorbereitung auf einen zweiten Band wäre, was sich als richtig herausstellte.

 


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Schule vor dem Kollaps

Ein sehr eindringlicher und leider wohl kaum übertriebener Titel.

Das Buch beschreibt die Situation in Deutschland, die sich von jener in Österreich diesbezüglich kaum unterscheidet. Auch in Österreich gibt es Parallelgesellschaften, die wenig bis keinen Wert auf Bildung legen, Kinder, die grundlegende Dinge wie zB die Benutzung einer Schere zum Ausschneiden von Papier kaum beherrschen, Kinder, die keine Beziehung zur Natur haben, weil sie aus ihren Wohnungen kaum herauskommen. Kinder, die kaum Deutsch können. Auch in Österreich muss man sehr darauf achten für solche Lagebeschreibungen keinen Applaus von der falschen Seite zu bekommen.

Die Autorin, Ingrid König, ist seit Jahrzehnten Schuldirektorin und durch alle möglichen Höhen und Tiefen der Bemühungen um sprachliche und kulturelle Integration gegangen. Sie beschreibt sehr engagiert die Veränderungen, die im Lauf der Zeit stattgefunden haben und die aktuelle Lage. Durch zahlreiche Fallbeschreibungen gewinnt man einen Einblick in die schwierige Situation vieler Kinder und Lehrer*innen.

„Es gibt viele nachvollziehbare Gründe für Inklusion, aber die wenigsten Verantwortlichen machen sich bewusst, was es bedeutet ein lernbehindertes Kind in der Klasse zu haben (wobei es oft nicht bei einem bleibt) gemeinsam mit Kindern, die vielfältige Verhaltensauffälligkeiten aufweisen, Kindern mit Konzentrationsschwierigkeiten neben Kindern mit Rechenschwäche, vielen Kindern mit Migrationshintergrund ohne wirklich ausreichende Deutschkenntnisse, Kindern, die als Seiteneinsteiger mitten im Schuljahr kommen, Kindern, die mit Chipstüten als Frühstück in die Schule kommen, Kindern, die mit winzigen , müden Augen am Morgen im Unterricht sitzen, weil sie nachts und am Wochenende stundenlang Playstation oder PC-Spiele spielen, Kindern, die zu nichts Lust haben, Kindern, die nach ein paar Monaten wieder weg sind. Und dazwischen ein paar leistungsstärkere und begabtere, die etwas lernen wollen und sich schnell langweilen, wenn man ihnen nicht auch immer wieder Futter gibt – dies alles unter einen Hut zu bringen, ist schlichtweg ein Ding der Unmöglichkeit. Wir versuchen es trotzdem.“ p. 168

Ein sehr empfehlenswertes Buch für jene, die meinen, dass Lehrer*innen zu viel Urlaub und kaum irgendetwas zu tun hätten und dass es ja ganz einfach wäre, jungen Kindern etwas beizubringen Der Einblick in die „Idylle“ einer Grundschule (in Österreich: Volksschule) in einem Brennpunkt-Bezirk in Frankfurt ist sehr überzeugend.


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Jeder kann Mathe lernen

Der Titel hat mich richtiggehend verlockt. Dazu muss man wissen, dass meine Mathematikkenntnisse freundlich ausgedrückt bescheiden sind. Ich hatte die Erwartung, dass es sich um ein Buch handelt, in dem die wesentlichen Bereiche der Mathematik einfach und übersichtlich dargestellt werden. So einfach und übersichtlich, dass es sich flüssig lesen lässt und doch viele verschüttete Grundlagen auffrischt. Leider hat sich herausgestellt, dass dieses Buch für Vorschüler, Grundschüler und Mittelschüler gedacht ist und ganz so unbeleckt bin ich doch auch wieder nicht.

Nun ist dieses Buch zwar für meine Vorstellungen nicht geeignet, aber es ist doch ganz offensichtlich eine sehr brauchbare Unterlage wenn man Kinder der genannten Altersstufen mit den Grundlagen der Mathematik vertraut machen möchte. Die einzelnen Bereiche werden in kleine Schritte zerlegt, die Fakten einfachst erklärt, es gibt Materialvorschläge für Übungen mit anfassbaren Objekten und auch eine Menge sonstige Übungen. Häufige Hürden und falsche Denkansätze werden vorgestellt und erläutert und dann folgen natürlich Lösungsmöglichkeiten, Vorschläge für Erläuterungen und Überprüfungen des Verständnisses der Kinder. Werden neue Bereiche angegangen, gibt es am Anfang des Kapitels Hinweise, was man verstanden haben muss um sich mit diesem neuen Thema zu beschäftigen. Zeichnungen und Graphiken sind so groß, dass man git zu zweit damit arbeiten kann, auszufüllende Tabellen und ähnliches sind groß genug um sie tatsächlich auszufüllen. All dieses ist bei einem Lehrbuch leider keineswegs selbstverständlich.

Ein wirklich feines Buch ! Vielleicht sollte ich doch auch ……

 


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Missbrauch in allen vorstellbaren Variationen

Die 14jährige Protagonistin Julia, die sich selbst Turtle nennt, lebt mit ihrem heißgeliebten und ebenso gehassten Vater ziemlich einsam in Nordkalifornien zwischen Wäldern und Küsten. Der Vater ist ein Waffennarr, der überzeugt ist, dass die Welt demnächst untergehen wird. Vielleicht sind amerikanische LeserInnen nicht ganz so schockiert wie ich, wenn sie von einer Vierzehnjährigen lesen, die sich mit allen möglichen Waffen in Theorie und Praxis bestens auskennt, sich täglich mit Schießübungen und dem Reinigen und Auseinandernehmen ihrer Waffen beschäftigt und einige davon auch in die Schule mitnimmt, ohne dass irgendjemand es bemerkt.

In weiterer Folge wird es schlimmer. Langsam kristallisiert sich heraus, dass es um extreme Gewalt, um sexuellen und psychischen Missbrauch geht. Der Text ist nicht leicht zu lesen, vor allem die Selbstgespräche von Turtle, die sich selbst als Schlampe, Fotze, Spalte beschimpft, muss man aushalten, wie auch die ebenso bedrückende wie schriftstellerisch hervorragende Charakterisierung der Personen. Die Interaktion und das Ineinandergreifen der Persönlichkeiten von Vater, Tochter und Großvater sind erschreckend realistisch beschrieben. Auch die anderen Personen der Handlung: Nachbarn und deren Kinder, eine Lehrerin handeln völlig plausibel. Es geht um Vernachlässigung und Gewalt , es geht auch um Liebe und ihre Pervertierung.

Die sehr einleuchtende Beschreibung der gegenseitigen Abhängigkeit von Vater und Tochter, der Mechanismen der Verschleierung der Gewalt und der Hassliebe der Tochter für den Vater hat mich sehr beeindruckt. Sowohl, was die literarische Qualität als auch was die glaubwürdige psychologische Charakterisierung betrifft. Es war mir aber auch etwas zu viel Gewalt dabei. Die seitenlange, in allen Details geschilderte Schießerei zwischen Turtle und ihrem Vater wäre auf ein Zehntel der Länge und der Details reduziert immer noch sehr brutal gewesen. Gefallen hat mir wiederum, dass das Ende offen bleibt. Es scheint mir sehr einleuchtend, dass solch eine Situation nicht innerhalb von ein paar Wochen in Normalität übergehen kann, auch bei noch so gutem Willen aller Beteiligten.

Insgesamt hat für mich die Qualität des Textes über die manchmal unnötig breitgetretenen Gewaltszenen deutlich überwogen.


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43. Station der Leseweltreise – Polen

Wieder einmal eine Strecke der Leseweltreise

Nachdem David Ben Gurion als David Grün in Polen, das damals zum russischen Reich gehörte, geboren wurde,  und aufgewachsen ist, „verrechne“ ich ihn hier unter Polen.

Diese von Tom Segev verfasste Biographie David Ben Gurions lässt sich trotz großer Detailgenauigkeit flüssig lesen. Das ist bei einer wissenschaftlich angelegten Biographie keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Es sind etwa 700 Seiten Text und  weitere  etwa 100 Seiten Anmerkungen.

Eine Biographie lässt sich nicht zusammenfassen, es sei denn man erzählte das ganze Leben der beschriebenen Person und das würde doch weit über einen Leseeindruck hinausgehen. Ich beschränke mich also darauf einige Aspekte hervorzustreichen, die mich beeindruckt haben.

Ganz besonders interessant fand ich die Geschichte der Beziehungen zwischen den im heutigen Israel ansässigen Palästinensern und den großteils eingewanderten Juden, vom Anfang der jüdischen Besiedlung unter britischer Regierung bis zur heutigen Situation, die mehr oder weniger klugen und mehr oder weniger gerechten Ansätze zu einem friedlichen Zusammenleben, die politisch hochkomplizierte Zusammenarbeit zwischen britischer Kolonialmacht, eingewanderten Juden und Palästinensern, die ebenfalls sehr schwierigen Prioritätssetzungen der zionistischen Bewegung, der Blick aus anderer Perspektive auf den zweiten Weltkrieg.

Sehr gut gefiel mir auch, dass Ben Gurion nicht auf ein Podest erhoben und mit heroischen Zügen ausgestattet wurde, sondern dass auch seine weniger bewundernswerten Eigenschaften und Handlungen im politischen und privaten Bereich beleuchtet werden. Auch so bleibt noch die Beschreibung eines Menschen, den man aus verschiedenen Gründen bewundern kann, eines Großen des 20. Jahrhunderts.

 


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Überschlagende physikalische Phantasie

Cixin Liu

„Jenseits der Zeit“

Heyne 2019

Es handelt sich hier um den 3. Band von Cixin Lius Science-Fiction-Trilogie, deren erste Bände „Die drei Sonnen“ und „Der dunkle Wald“ heißen.

Über den ersten Band habe ich hier berichtet:  „Die drei Sonnen“.

Im zweiten Teil bereitet sich die in  neue Reiche und Gruppierungen aufgeteilte Menschheit auf den kriegerischen Zusammenstoß mit den Außerirdischen vor. 400 Jahre vor dem errechneten Datum der Begegnung beginnen die Vorbereitungen.  Diese Haupthandlung wird durch diverse Nebenhandlungen umflossen, die immer wieder völlig unerwartete, überraschende Wendungen bringen. Eine Kontinuität der handelnden Personen wird durch den Kunstgriff des Kälteschlafs erreicht.

Faszinierende Zukunftsbilder gibt es in diesem Roman. Etwa das Peking des 24sten Jahrhunderts, unterirdisch, ökologisch, schwebend… Oder die drei Weltraumflotten, die die Regierungen der einzelnen Länder ersetzt haben.

Im Laufe der Handlung gibt es mehrere verblüffende Wendungen und man muss bis ganz ans Ende warten um zu erfahren, was denn der dunkle Wald ist. Das Ende führt nochmals in eine ganz andere Richtung und so klingt das Buch anders aus, als es begonnen hat.

Cixin Lius blühende Fantasie hat aber auch für den dritten  Band noch einige Überraschungen auf Lager. Leider fehlt es mir an ausreichendem physikalischen Wissen um beurteilen zu können wie weit der Autor zu Beginn der Handlung die Pfade des Möglichen verlässt. Später wird alles so phantastisch, dass er diese Pfade ganz eindeutig verlassen hat.

Die Handlung lässt sich nicht in ein paar Sätzen nacherzählen, was ich ohnehin nicht tun möchte, schließlich gehört die Überraschung zum Lesevergnügen und Cixin Liu hat viele äußerst überraschende Elemente eingebaut. Wiederum geht die Handlung in eine ganz andere Richtung als ich erwartet hätte.

Auch im dritten Band wird die Kontinuität der Handlung durch mehrere Personen gehalten, die mehrmals Jahrhunderte im Kälteschlaf verbracht haben, dann wieder geweckt wurden und so die ganze Geschichte lang präsent sind. Andere wichtige Personen werden als Helden der Geschichte auch immer wieder erwähnt.

Auf manchen Strecken im dritten Band war mir die Geschichte etwas zu physik-lastig, aber das wurde in anderen Passagen wieder ausgeglichen und insgesamt hat mir auch der dritte Band sehr gut gefallen, wenn auch nicht ganz so gut wie der erste.


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Alles gesammelt und herausgegeben

Die wandernde Erde

Cixin Liu

Die wandernde Erde

Heyne. 2018

 

Mir haben die beiden ersten Bände der Trisolaris-Trilogie von Cixin Liu ausnehmend gut gefallen und ich warte nun schon lange auf den dritten Band, dessen deutsche Übersetzung  nun endlich im April herauskommen soll.

„Die wandernde Erde“ ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, kürzeren und längeren. Wahrscheinlich wurde so ziemlich alles, was Cixin Liu außerhalb seiner Trisolaris-Trilogie geschrieben hat und ins Deutsche übersetzt ist, in solche Kurzgeschichten-Bände verpackt. Für mich ist es der zweite, den ich lese. Die Geschichten hängen eigentlich nicht zusammen, wenn auch einige aus dem gleichen fiktiven Universum stammen.

Manche haben mir besser gefallen als andere, aber Cixin Lius fruchtbare Fantasie schimmert doch überall durch, wenn auch eine Kurzgeschichte nicht so umfassend erfundene und beschriebene Welten bieten kann wie ein Roman. Als kleine Snacks in Erwartung der Hauptmahlzeit, des dritten Trilogie-Bandes haben sie mir durchaus geschmeckt.