la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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41. Station der literarischen Weltreise – Kanada

Die Reise geht weiter. Diesmal besuche ich Margaret Atwood in Toronto.

Margaret Atwood

„Die Unmöglichkeit der Nähe“

Den deutschen Titel des Buchs kann ich sehr gut nachvollziehen. „Die Unmöglichkeit der Nähe“ beschreibt eindringlich die Beziehungen der drei Protagonisten zueinander und zu anderen . Der englische Originaltitel „Life before Man“ ist schwieriger, weil in so viele verschiedene Richtungen interpretierbar.

Es geht mir mit diesem Buch wie mit dem „goldenen Tagebuch“ von Doris Lessing. Ich sehe und anerkenne die literarische Qualität, aber beide Bücher deprimieren mich. Vielleicht hat das mehr mit mir als mit den Autorinnen zu tun. Wie auch immer. Ich schreibe hier ja keine Rezension sondern nur ganz kurze, persönliche Eindrücke. Ich habe sehr lange an dem Buch gelesen, weil es eben zufällig in eine Zeit gefallen ist, in der ich gerade abends für ein paar Seiten Zeit hatte. Wahrscheinlich bekommt diese Art von fragmentarischer Lektüre keinem Buch, weil man in keinen Lesefluß hineinkommen kann.

Die äußere Handlung des Buchs ist höchst einfach: drei Menschen, zwei Frauen und ein Mann sind in eine komplizierte Dreiecksbeziehung verflochten, an der auch noch andere rezente und ehemalige Liebhaber*innen beteiligt sind. Es wird vom Standpunkt der drei Hauptpersonen aus erzählt, aber nicht in Ich-Form. Die Kindheit aller drei Hauptpersonen wird aufgerollt und zeigt ganz verschiedene Welten, die zunächst nur aus der Kinder-Perspektive gesehen werden, dann gewinnen aber die Mütter, Tanten und Großmütter auch realistische Züge durch den Erwachsenen-Blick der Hauptpersonen. Dieser Aspekt des Buches hat mir sehr gut gefallen.

Die mit dem Titel des Buchs „die Unmöglichkeit der Nähe“ sehr treffend beschriebenen Liebesbeziehungen fand ich durchwegs labyrinthartig, durchaus realistisch und daher ziemlich deprimierend. Glücklich ist niemand, auch nicht so richtig dramatisch unglücklich, eher alles lauwarm. Mit Ausnahme der Trauer der einen Hauptfigur über den Selbstmord ihres Liebhabers. Damit beginnt der Roman: man steht sofort mitten in den schwierigen Verhältnissen: der Liebhaber von Elizabeth hat Selbstmord begangen, ihr Ehemann Nate versucht, sie in dieser Situation zu unterstützen. Er nützt seinerseits auch die Gelegenheit sich von seinem rezenten, erkalteten Verhältnis mit Martha zu befreien. Und so geht der Reigen weiter, alle sind irgendwie unglücklich, niemand kann jemand anderen erreichen, alle Arten von Beziehungen erzeugen mehr Frust als Glück, werden aber dennoch weitergeführt, irgendwie ….

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39. Station der Leseweltreise – Marokko

Leila Slimane

„Sex und Lügen“

Btb

Die Reise

„Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt“ lautet der Untertitel des Buchs. Die Autorin erfüllt diese Ansage nicht durchgehend. Es werden wohl einige Gespräche mit marokkanischen Frauen widergegeben, aber hauptsächlich geht es um eine Analyse der marokkanischen Gesellschaft durch die Autorin.

Leila Slimani ist in Marokko geboren, als die mittlere dreier Töchter des Ökonomen Othman Slimani. Sie besuchte die Schule in Rabat. 1999 ging sie nach Paris und studierte Medien und Politik.

Es ist eine durchaus interessante Beschreibung und Analyse der marokkanischen Gesellschaft, die allerdings nur Slimanis persönliche Meinung und Erfahrung wiedergibt. Wobei man auch berücksichtigen muss, dass sie seit annähernd zwanzig Jahren in Frankreich lebt.

Zusammengefasst wird die marokkanische Gesellschaft als eine beschrieben, in der die wichtigste Regel lautet „Macht, was ihr wollt solange niemand davon erfährt“ (p.18) Die Jungfräulichkeit der Frauen vor der Ehe wird verherrlicht und das Familiengesetz schreibt vor, dass vor der Ehe ein Keuschheitszertifikat zu erbringen ist, es werden jedoch zahlreiche Möglichkeiten zur „Wiederherstellung der körperlichen Jungfräulichkeit“ angeboten.

„Als Frau erwachsen zu werden, ist ein mit Demütigungen gepflasterter Weg. Vor der Polizei und dem Gesetz ebenso wie in der Öffentlichkeit ist es von Nachteil eine Frau zu sein. Wie der türkische Autor Zülfü Livaneli in seinem Roman „Glückseligkeit schreibt, ruht im gesamten Mittelmeerraum der Ehrbegriff im Schoß der Frauen. Eine Bürde, an der die Hälfte der Bevölkerung schwer trägt. Derart idealisiert und mystifiziert, ist die Jungfräulichkeit ganz offensichtlich ein Zwangsinstrument um die Frauen ans Haus zu binden und sie unausgesetzt zu überwachen. Statt einer Privatangelegenheit ist sie Gegenstand kollektiver Besorgnis. Darüber hinaus stellt sie eine lukrative Einnahmequelle für all jene dar, die jeden Tag Dutzende Hymen rekonstruieren, oder für die Anbieter falscher Jungfernhäutchen, die beim Geschlechtsverkehr bluten sollen. Die sexuelle Misere ist, wie wir sehen werden, ein Markt wie jeder andere.“ p.28

Bemerkenswert finde ich noch, dass Leila Slamani explizit darauf hinweist, dass die Situation wie sie ist nicht dem Islam zugeschrieben werden kann.

„Denn die muslimische Religion kann vor allem als eine Ethik der Befreiung, der Hinwendung zum anderen, als persönliches Wertesystem verstanden werden, und nicht nur als manichäische Sittenlehre“ p. 17

Insgesamt recht interessant, aber nicht wissenschaftlich fundiert.


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38. Station der Literaturweltreise – Kongo

Meine Literaturweltreise wird von Yvonne begleitet.

Gerade noch rechtzeitig vor Ende des Jahres habe ich eine weitere Literaturreisestation erreicht, den Kongo. Nicht jenen Kongo in dem heute gewählt wurde, sondern den kleineren Kongo, mit der Hauptstadt Brazzaville nicht Kinshasa. Interessantes Detail am Rande: Brazzaville war von 1940 bis 1943 nominell die Hauptstadt des Freien Frankreichs.

Der Roman spielt allerdings nicht in Brazzaville sondern in Pointe-Noire, einer Küstenstadt. Es ist der klassische Kindheitserinnerungsroman, von denen ich von afrikanischen Autoren schon so viele gelesen habe. Allerdings ist Alain Mabanckou als er nach 23 Jahren Abwesenheit der Stadt seiner Kindheit einen Besuch abstattet schon ein bekannter Autor und wurde vom dortigen Institut Francais eingeladen.

Alain Mabanckou ist ein Jahrgang 1960, er wurde im gleichen Jahr geboren, in dem sein Land die Unabhängigkeit von Frankreich erhielt. Während seiner Kindheit hieß das Land „Volksrepublik Kongo“ und lehnte sich in Regierungsform und Verwaltung stark an die Sowjetunion an. Es sind recht bunte Kindheitserinnerungen, die man in diesem Buch lesen kann. Für die europäische Leser*in sind es recht unbekannte Familienstrukturen, von denen da die Rede ist; einerseits die polygamen Familien: ein Mann, mehrere Frauen und im Normalfall sehr viele Kinder, die einander als Geschwister betrachten und andererseits die weit verzweigten Großfamilien, deren sämtliche Mitglieder sich auf ein wohlverdientes Geschenk des in Europa lebenden Verwandten freuen.

Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen, um kulturelle Besonderheiten, um eine Lebensbilanz des Autors. Lieber hätte ich das Buch im französischen Original gelesen, aber diese deutsche Übersetzung hat mich in der Bücherei gefunden.

„Lange Zeit habe ich meine Leser im glauben gelassen, meine Mutter lebe noch. Ich will mich bemühen von nun an zur Wahrheit zurückzukehren, in der Hoffnung, diese Lüge abzuschütteln, mit der ich bisher meine Trauer nur aufgeschoben habe. Mein Gesicht ist noch immer von diesem Verlust gezeichnet, und selbst wenn es mir gelingt, die Narbe durch eine aufgesetzte Fröhlichkeit zu kaschieren, tritt sie wieder zutage wenn mein lautes Lachen plötzlich verstummt und in meinen Gedanken die Silhouette jener Frau auftaucht, die ich nicht alt werden sah, die ich nicht sterben sah und die mir in meinen schlimmsten Albträumen den Rücken zuwendet und ihre Tränen vor mir verbirgt.“

 

 


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Neuer Aufbruch in der Literaturweltreise

In  den letzten Wochen hatte ich wirklich viel Zeit zum Lesen. Nachdem der F und ich beide sehr gerne und sehr viel lesen, haben wir auch immer genügend „Material“ herumliegen und so bin ich wieder zu einer etwas intensiveren Phase der Literaturweltreise aufgebrochen. Das letzte Quartal des Jahres bei Yvonne ist ja noch nicht vorbei.

Xiaolu Guo

„Es war einmal im Fernen Osten“

Es ist die Autobiographie einer chinesischen Autorin und Filmemacherin, die heute in Berlin lebt und in den 1970er Jahren in Südchina aufgewachsen ist.

„Ich kam als Waise zur Welt. Nicht, weil meine Eltern gestorben waren, nein, sie waren beide quicklebendig. Doch meine Eltern haben mich weggegeben. (…) Gleich nach meiner Geburt wurde ich zu einem Bauernpaar gebracht, das in einem entlegenen Bergdorf unserer Provinz am Ostchinesischen Meer lebte“ p.19

Aber auch diesen „Adoptiveltern“ wird das Baby zur Belastung und so bringen sie sie zu ihren Großeltern in ein Fischerdorf auf der Halbinsel Shitang. Dort wächst Xiaolu auf bis ihre Eltern sie zu sich in eine größere Stadt holen.

Besonders eindringlich fand ich die Schilderung der Großmutter und deren sklavenähnlichen Lebens im Haus ihres Mannes :

„Meine Großmutter war eine gute, manchmal ein wenig ängstliche Frau. Obwohl sie fast nie einen Pfennig in der Tasche hatte, schaffte sie es immer, ein paar kleine Geschenke für die Kinder, die draußen auf der Straße spielten, zusammenzukratzen: Bonbons, Reisreste oder eine Handvoll bunter Muscheln. Sie war gutmütig, still und der bescheidenste Mensch, der mir jemals begegnet ist. Ich bildete mir ein, dass ihr Buckel eine Folge dieser Demut war. Er machte sie langsam, sie konnte noch nicht einmal in einem normalen Tempo gehen. Natürlich spielten dabei auch ihre winzigen, gebundenen Füße eine Rolle, über die sie sich aber nie beklagte“ p. 29

Als 7jährige lernt sie ihre Eltern kennen und lebt von da an mit Eltern und Bruder in Wenling, wo sie 1980 eingeschult wird. Ihre Erinnerungen an ihre Kindheit sind nicht allzu gut, für westliche Leser*innen aber höchst interessant. Ihre Mutter war eine begeisterte Rotgardistin, ihr Vater dagegen ein „Klassenfeind“. Dieses – zumindest für meine Begriffe – ungewöhnliche Paar hat einen Sohn und eine Tochter, die sehr verschieden behandelt werden und einander auch nicht mögen. Die Familie wohnt in einem kommunistischen Wohnhof, dessen Beschreibung allein es schon wert gewesen wäre das Buch zu lesen.

Aus diesen Verhältnissen heraus gelingt es Xiaolu einen Studienplatz an der Filmhochschule in Peking zu ergattern. Während sie noch in china lebt, beginnt sie zu schreiben. Fasziniert hat mich auch ihre Beschreibung der chinesischen Zensur ihrer Romane, was warum geschrieben werden soll oder nicht geschrieben werden darf.

Der Roman beginnt damit, dass Xiaolu 2013 mit 40 Jahren in einem Londoner Krankenhaus eine Tochter zur Welt bringt und dann beschließt sich ihrer Vergangenheit zu stellen und ihre Mutter in China zu besuchen.


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34. Station der Leseweltreise – Malediven

Sehr lange habe ich für dieses Buch gebraucht, immer wieder kam anderes dazwischen.

Es handelt sich um ein Reisebuch, in dem es um die halbe Welt geht und so suche ich mir ein Land daraus aus zu dem es wahrscheinlich schwierig ist, Lesestoff zu finden: die Malediven.

Erich Follath

„Jenseits aller Grenzen“

Auf den Spuren des großen Abenteurers Ibn Battuta durch die Welt des Islam 

Penguin: 2017

Ibn Battuta war ein Abenteurer, ein Reisender aus dem 14. Jahrhundert, der wesentlich weiter gereist ist und mehr gesehen hat als der in Europa viel bekanntere Marco Polo.

Ibn Battuta stammt aus einer in Tanger ansässigen Berberfamilie. Er studiert islamisches Recht und bricht 1325 mit 21 Jahren zu einer Pilgerfahrt nach Mekka und Medina auf. Erst 25 Jahre später kehrt er in seine Heimatstadt zurück. Drei Jahre nach seiner Rückkehr bricht er noch einmal zu einer großen Reise bis nach Timbuktu auf.

Während seines bewegten Lebens beschäftigt er sich mit allen möglichen Professionen: Richter, Diplomat, Gelehrter, Makler und Kaufmann. Was sein Privatleben betrifft, so würde ich ihn nicht unbedingt als Sympathieträger bezeichnen. Er heiratete über ein halbes Dutzend Frauen und hatte zahllose Konkubinen und Sklavinnen, zeugte über 15 Kinder und verließ alle diese Frauen und Kinder wieder ohne Skrupel und Sentimentalitäten. Er liebte Macht und Geld, war aber auch ein Mensch mit großer Liebe zur Spiritualität.

Nach der Rückkehr von seiner Rreise nach Timbuktu regt der einflußreichste Mann Marrokos, der Sultan von Fez, Abu Inan Faris an, Ibn Battuta möge doch einen Bericht über seine ausgedehnten Reisen schreiben. Dazu stellt er ihm eine Art Ghostwriter zur Seite, einen jungen andalusischen Schriftsteller.

„Dieser Ibn Juzayy erweist sich als ein Segen und ein klein wenig auch als ein Fluch für das gemeinsame Werk. Als Dichter hochbegabt. gelingt es ihm, die sprudelnden Erinnerungen seines Gegenübers in eine ansprechende, ja literarische Form zu gießen. Aber Ibn Juzayys primäres Interesse gilt nicht einem genauen zeitlichen Ablauf der Ereignisse, und Ibn Battuta, der offensichtlich kein Tagebuch geführt hat, gerät gelegentlich bei seinen Erzählungen so aus dem Takt- und aus der Zeit-, dass jeder neuzeitliche Wissenschaftler oder Nachreisende vor einigen Passagen kopfschüttelnd konstatiert und kapituliert: Ganz so kann es nicht gewesen sein.

(…)

Trotz dieser kleinen Abstriche: dem Autorenpaar gelingt inhaltlich wie sprachlich, ein großer Wurf. Im Frühjahr 1355 vollenden sie das Werk“ p. 21

In diesem Buch beschreibt Erich Follath, Politikwissenschaftler und bekannter Sachbuchautor, der als diplomatischer Korrespondent für den SPIEGEL vor allem im Nahen Osten, Indien und Ostasien tätig war, eine Reise auf den Spuren Ibn Battutas. Follath erzählt von Ibn Battutas Reisen und Leben im 14. Jahrhundert und von seinen eigenen Eindrücken und Erfahrungen in den bereisten Ländern.

Zwischen Mittelalter und 21. Jahrhundert reisen die Leser*innen an folgende Orte:

Tanger, Ibn Battutas Geburtsstadt

Kairo 

Damaskus

Mekka, wohin er mehrere Male reiste, wohin ihm Erich Follath nicht folgen konnte; und sollte er es doch getan haben, kann er nicht in einem Buch darüber erzählen

Shiraz

Dubai, worüber hauptsächlich Follath berichtet, da zu Zeiten Ibn Battutas dort nicht viel mehr als Sand zu finden war

Istanbul

Samarkand

Delhi

Male, die Hauptstadt der Malediven

Jakarta

Hangzhou

Granada

An manchen Stationen fand ich die Berichte Ibn Battutas interessanter, an anderen die Berichte aus der Jetztzeit und immer die Verbindungen über 700 Jahre hinweg.

Ein außerordentlich interessantes Buch, das man allerdings nicht schnell einmal an einem Nachmittag liest.


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33. Station der Literaturweltreise – Schweiz

In diesem Fall bin ich nicht weit weg, aber hoch hinauf gereist:

Hier findet meine Literaturweltreise statt

Angelika Overath

„Alle Farben des Schnees“

btb-Verlag 2o13

Es handelt sich hier um ein Tagebuch der Autorin, die mit Mann und Kind 2007 von Tübingen in das Engadin zog, in den kleinen Bergort Sent. Von 1. September bis 1. September dokumentiert die Autorin ihr neues Leben im Dorf. Einerseits ist es ein persönliches Tagebuch, das die vielfältigen Interessen aus verschiedensten Lebensbereichen von Angelika Overath spiegelt, andererseits befasst es sich auch recht umfassend mit der Sozialgeschichte des Ortes und der Region.

Die Bilder aus dem Dorfleben – vor allem jene aus den Wintermonaten – werden sehr dicht und atmosphärisch geschildert. Der Alltag und das kulturelle Leben, an dem sich die Autorin intensiv beteiligt, erscheinen einem Stadtmenschen wie mir geradezu exotisch, wie aus einer anderen Welt.

Sehr interessiert haben mich auch die Berichte über das Rätoromanische. Der siebenjährige jüngste Sohn der Familie ist mitgezogen und besucht eine Schule mit Unterrichtssprache Rätoromanisch, wo er sich entgegen der Befürchtungen seiner Mutter sprachlich und sozial sehr schnell integriert. Sie selbst beginnt auch Rätoromanisch zu lernen, was die Basis ihrer eigenen Integration ins Dorfleben legt. Viele Menschen werden in dem Tagebuch beschrieben, immer aus einer positiven Perspektive.

Ein kleines, feines Buch, dessen in den Wintermonaten geschriebenen Teil ich bei der herrschenden Hitze als sehr angenehm kühlend empfunden habe.


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29. Station der Literaturweltreise – Kirgisien

Tschingis Aitmatov

„Kindheit in Kirgisien“

Unionsverlag Zürich 1999

ISBN: 3-293-20153-9

Kindheit und Jugend des Autors sind das Thema dieses Buchs, das außerdem ein bisschen Lyrik beinhaltet und einen etwas kuriosen dritten Teil, der sich mit seiner Tätigkeit als Landwirtschafts- und Viehzuchtexperte befasst. Man findet da etwa eine kurze Abhandlung darüber, ob man Kühe dreimal oder viermal täglich melken soll. Die Genossin Siptchenko, Melkerin in der Sowchose Frunse hat dazu einen Artikel in einer einschlägigen Zeitschrift geschrieben, in dem sie Aitmatov zu diesem Thema widerspricht.

Auch die Kindheitserinnerungen führen in völlig fremde Lebenswelten. In Aitmatows frühe Kindheit fällt die Zeit, in der die Kirgisen ihr Nomadenleben aufgaben bzw aufgeben mussten. Sie ließen sich in Kolchosen und Sowchosen nieder.

„Wenn die Bewegung zum Aufbruch einsetzt, geraten alle in eine gehobene, ja erregte Stimmung.

Die Jurten werden zusammengetragen. Die Gerätschaften werden auf Kamele, Pferde und Ochsen gepackt. Und danach bricht die ganze Gemeinschaft der Nomaden mit ihren zahlreichen Viehherden aus Steppen und Vorbergen in die Richtung der hohen schneeweißen Bergriesen auf. Sie ziehen über die Pässe hin zum Dschailoo, den sommerlichen Weidegründen im Hochgebirge.

Das Nomadenlager ist ein wohlgeordnetes System, man musste alles vorkehren  damit die Umsiedlung normal ablief und das Leben in den Bergen im Handumdrehen weitergehen konnte. Dort musste alles griffbereit sein, auf der Stelle ausgepackt, ausgebreitet und eingerichtet werden können.

Die Viehzüchter und ihre Angehörigen kommen ja an einen völlig menschenleeren Ort. Die Menschen hätten sich an diesem Platz seit langem niedergelassen und angesiedelt, wäre dort ein Leben das ganze Jahr über möglich gewesen“ p. 25

Erinnerungen an die letzten Tage des Nomadenlebens, an den Vater, der zunächst unter den Sovjets eine gute Stellung zu haben scheint, schließlich aber bei Unruhen 1937 erschossen wird. Erinnerungen an das schwierige Leben nach dem Tod des Vaters; Erinnerungen an die Mutter und die Tante Gülscha-apa.

Die kirgisischen Männer wurden massiv für den Krieg eingezogen und viele Jugendliche mussten Tätigkeiten übernehmen für die sie viel zu jung und überhaupt nicht qualifiziert waren. Aitmatov etwa wurde als Vierzehnjähriger Parteisekretär und Eintreiber der Kriegssteuer, einer seiner Freunde wurde mit sechzehn Jahren als Rektor einer Schule eingesetzt. Aitmatovs berufliches Leben gestaltete sich sehr abwechslungsreich: Nach einer Zeit als Viehzüchter besuchte er das Gorki-Literatur-Institut in Moskau und begann zu schreiben. In weiterer Folge wurde er Botschafter, zunächst Botschafter der UdSSR in Luxemburg, dann vertrat er ab Ende 1991 die aus der UdSSR entstandene Russische Föderation und schließlich 1994 wurde er zum Botschafter Kirgisiens bei der EU in Brüssel.

Die Texte sind kurz, flüssig geschrieben und führen in eine untergegangene Welt und Kultur. Aitmatov legte Wert darauf, dass seine Geschichten im Stil nicht an Niedergeschriebenes sondern an Erzähltes erinnern sollten.