la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Abschied

Etüdensommerintermezzo bei Christiane 

Aktenzahl: II-18/1

Du warst ein Kreativer, der sich Kreativität nur selten gestattete. Auf jeden Fall musste alles, was unter deinen Händen entstand einen Zweck erfüllen. Holz war dabei eines deiner Lieblingsmaterialien. Auch anderes wurde bearbeitet, verändert, nützlich gemacht. In der Zeit in der du Kind warst, waren das Fähigkeiten, die den Unterschied zwischen Hungern und  satt sein  ausmachen konnten, zwischen einem undichten und einem schützenden Dach über dem Kopf. Es ging nicht darum gestylte Lampions aufzuhängen sondern funktionierende Stromleitungen zu haben. Die Besitzlosen lebten in der Ungewissheit von Wanderbaustellen. Die Besitzlosen und die, die sich dem herrschenden Regime widersetzten. So einer war dein Vater. Als Kind war das für dich eine Katastrophe, der Grund für die Armut, die Benachteiligungen, den Hunger. Du hast diese Seite deines Vaters wohl nie so richtig geschätzt, aber ich bin heute stolz auf meinen Großvater.

Du hast studiert, hast Karriere gemacht, bist wohlhabend geworden. Deine Kinder wissen nicht, wie es ist, etwas das man unbedingt haben möchte nicht zu bekommen. Dein Sarkasmus war wohl Verteidigungslinie gegen Erinnerungen, ein Windhauch, der versuchte gegen den großen Sturm zu blasen. Gegen den großen Sturm aus Krieg und Hunger und Schmerzen. Es hat dich amüsiert, dass die Zeiten nun so sind, wie sie sind, dass Menschen versuchen möglichst wenige Kalorien zu essen, Knäckebrot, eine halbe Tomate und gegen mögliche Depressionen Johannisbeersaft trinken. Ein bissl herablassend hast du auf die Nachgeborenen geschaut, die eine behütete Kindheit hatten, genug zu essen und einen Arzt wenn sie krank waren, die ihre Lebensmittel an jeder Ecke kaufen können und nicht die Rüben aus den Feldern stehlen müssen. Du warst stolz auf deine gewaltige Resilienz und deine Erfolgsgeschichte. Waldeinsamkeit hast du nie gesucht, denn die Kontrolle wolltest du nie aufgeben. Die Kontrolle über die Erinnerungen und das Leben danach und schließlich auch den Tod. Du bist alt geworden, sehr alt und in Frieden gestorben.

Die Graugänse fliegen auf und deine Schritte verklingen im Blau.

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Adieu Intimsphäre …..

Wer das Konzept Privatsphäre oder gar Intimsphäre völlig loslassen kann, fühlt sich möglicherweise in einem Mehrbettzimmer im Krankenhaus ganz gut. Wen es nicht stört, intimste Details vor fünf anderen Patientinnen, mehreren Schwestern und Ärzten und sonstigen eventuell gerade im Zimmer befindlichen oder ein- und ausgehenden Personen abzuhandeln, dem wird es dort vielleicht gefallen. Die Putztruppe, die Essensverteiler, die Betten-in-den-OP-Transporteure, die Schwestern, die Ärzte, die Besucher, alle verwenden die gleiche Technik mit einer Hand zu klopfen und mit der anderen gleichzeitig die Tür aufzureißen. Die Visite kommt energiegeladen hereingestürmt , waltet ihres Amtes und anschließend weiß jede alles über jede. Um einigermaßen diskret zu sein, muss man halt ins All starren oder sich hinter einem Buch verschanzen, wenn etwa ein Chirurg bei der Dame im Bett  gegenüber schon einmal die Operationszone anzeichnet.

Wir sind ja alle nicht prüde und ziehen uns mitten im Raum vor aller Augen an und aus. Wir nehmen es ganz selbstverständlich, dass Untersuchungen ebenfalls im praktisch öffentlichen Raum stattfinden. Es gibt in dieser vorsintflutlichen Krankenhaus-Abteilung für die „Normalzimmer“ genau vier Toiletten und zwei Duschen nicht etwa in den Zimmern sondern am Gang und wen kann es stören, dass manche Patientinnen, die sich nicht selbst waschen können von den Schwestern bei offener Tür geduscht werden. Was macht es schon aus, wenn alle Vorbeigehenden zusehen können oder müssen. Es besteht ja sogar die Möglichkeit sich die Zähne zu putzen an einem uralten Waschbecken bei dem aus unerfindlichen Gründen die Überlaufsöffnung mit irgendeiner eklig gefärbten Masse verschlossen wurde.Dort kann man sogar einen Vorhang um sich herum ziehen. Nach einigen Tagen Aufenthalts in diesem Zimmer kam es mir schon irgendwie übertrieben vor, mich hinter einem Vorhang zu verstecken um mir die Zähne zu putzen, wo doch ganz andere Dinge beinahe öffentlich stattgefunden hatten.

Was um alles in der Welt mich veranlasst hat, ausgerechnet in dieses Krankenhaus zu gehen? Es war der hervorragende Ruf des Operateurs, der nun einmal dort anzutreffen ist. Viele wollen von diesem Arzt operiert werden und die wenigen komfortableren Zimmer sind immer belegt. So kann es geschehen, dass auch Menschen, die sonst nicht auf der unterprivilegierten Seite des Lebens zuhause sind, einander in Zimmern mit vielen Betten ins Auge blicken. Es ist eine Situation, in der viele sich nicht nur ihren Mitpatientinnen  sondern auch dem Sensenmann gegenüber sehen. Ja, es hat sich eine Atmosphäre der Solidarität aufgebaut und wir haben gemeinsam über unser Matratzenlager und die Striptease-Darbietungen gewitzelt. Galgenhumor mit leichter Hysterie vor der Operation, Erleichterung oder Verzweiflung danach. Von der menschlichen Seite her, war die Erfahrung bereichernd. Das Ausloten meiner eigenen Ressourcen auch. Trotzdem habe ich die Hütte so schnell wie möglich wieder verlassen.

Nach der OP war ich noch wesentlich mehr als froh. Die Chirurgen hatten mit einer großen Ausweidungsaktion gerechnet und alles für eine stundenlange Operation vorbereitet. Der ganz besonders freundliche und obendrein noch attraktive Anästhesist hatte mir – wahrscheinlich zu meiner Beruhigung – versichert, dass sie jede Menge passende Blutkonserven vorrätig hätten und auch sonst für alle Eventualitäten gerüstet wären. Leider hat mich diese Information  alles andere als beruhigt. An der Ausrüstung des OPs und den medizinischen Kapazitäten und Kompetenzen aller Beteiligten hatte ich ohnehin nie gezweifelt. Als ich dann aber aus der Narkose aufwachte und der Wunsch-Chirurg mit breitem Lächeln sagte, dass sie nur den sehr großen aber völlig gutartigen Tumor entfernt hätten, alles andere noch da wäre und Weiteres am Mittwoch, war das glasklare Euphorie, trotz Überwachungselektroden, Katheter, Sauerstoffzufuhr durch die Nase, geklammerter Wunde, über mir baumelnder Infusionsflaschen und gefühlt hunderten Nadeln in beiden Händen und Armen. Alles Kleinigkeiten im Vergleich dazu was hätte sein können.


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Abschiedszeremonie

Sukhavati-Zeremonie

Meine verstorbene Freundin Barbara war Buddhistin und daher wurden für sie von verschiedenen buddhistischen Gruppen Sukhavati-Zeremonien abgehalten. Für mich sind das Abschiedszeremonien wenn sie  auch in einem System, das an Wiedergeburt glaubt noch zusätzliche Bedeutungen haben.

Die Zeremonie bestand aus drei Teilen.

Zunächst wurde der Verstorbenen gedacht. Kinder und Erwachsene, Familie und Freunde haben  über sie gesprochen, es wurden Anekdoten erzählt. Es wurde gelacht und geweint.

Im zweiten Teil wurde Tonglen betrieben. Das ist eine buddhistische Übung, bei der Schlechtes eingeatmet, transformiert und Gutes wieder ausgeatment werden soll. In Kurzfassung werden gute Gedanken an die Verstorbene geschickt, die ihr dabei helfen sollen alle Hindernisse des Überganges zu überwinden.

Und der dritte Teil der Zeremonie ist das Loslassen. Egal ob man nun an Wiedergeburt glaubt oder nicht, ob man an ein Leben nach dem Tod glaubt oder nicht, auf jeden Fall ist es hilfreich die Toten loszulassen. Bei dieser Zeremonie wird ein Foto der verstorbenen Person verbrannt und dabei NAMO AMITABHAYA HRI rezitiert bis von dem Foto nur Asche übrig bleibt. Ich nehme an, dass beim Original dieser Zeremonie kein Foto sondern der Leichnam verbrannt wird.

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Ich habe die Zeremonie sehr eindrucksvoll gefunden, optisch: das brennende Foto, und akustisch; es wird mehrmals der Gong geschlagen. Vor allem fand ich sie aber psychologisch sehr schlüssig. Zuerst wird intensiv über die Verstorbene gesprochen, gelacht, geweint. Dann gibt man eigene Energie, schickt Liebe, Wärme, Unterstützung und schließlich läßt man los, was für die eigene Psychohygiene wichtig ist. Es tut niemandem gut, sich gedanklich an Verstorbene zu klammern.

Mein Verhältnis zum Buddhismus ist kein so nahes, ich glaube weder an Auferstehung noch an Wiedergeburt. Müsste ich mich zwischen beiden entscheiden, so käme mir die Wiedergeburt schlüssiger und natürlicher vor als eine Auferstehung, aber ich bleibe doch beim Agnostizismus: niemand weiß es und niemand wird es jemals ergründen können.

Die Zeremonie war aber sehr schön. Zunächst hatte ich den Eindruck, dass Barbara auch danei war und mitgelacht, mitgeredet und vielleicht auch mitgeweint hat und dann war sie weg und die Art dieses Weggegangenseins kam mir gut und richtig vor. Es war eine tröstliche Zeremonie, nicht eine von der Sorte nach denen es allen Beteiligten schlechter geht als vorher.