la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Über und unter der Erde

Bevor Schönbrunn wieder geöffnet wurde, sind wir öfters auf einem nahe gelegenen Friedhof spazieren gegangen. Ruhe, viel Platz, jede Menge Pflanzen und Grabsteine. Viele Grabsteine erzählen Geschichten oder regen zumindest dazu an, sich welche auszudenken. Der älteste Grabstein, den wir finden konnten, wurde für jemanden gesetzt, der 1790 geboren wurde. Dieser Friedhof wurde 1862 eingeweiht als Weiterführung mehrerer kleinerer Friedhöfe, die als Folge einer großen Choleraseuche und der Bevölkerungsentwicklung zu klein geworden waren.

Es erstaunt mich immer wieder, welche Informationen über die Verstorbenen als relevant erachtet und auf den Grabsteinen eingraviert werden. Abgesehen von der österreichischen Titelsucht, die praktisch von jedem Grabstein herunterlacht, werden auch die Besitztümer aufgeführt. „Hausbesitzer“ gibt es viele und „Hausbesitzersgattinen“ aber eine „Hausbesitzerin“ ist mir noch nicht untergekommen.

Man sieht hier die verschiedenartigsten Gräber, vom Mausoleum bis zum kleinen Holzkreuz ohne irgendeine Grabplatte. Auch Menschen mit Vorliebe für … Jugendstil sind nicht unsterblich.


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Freitag 28.Februar 2020 – Krematorium

Das ist das Krematorium am Wiener Zentralfriedhof, „Feuerhalle“ genannt, „Krematorium“ ist wohl ein zu stark belastetes Wort. Das Foto ist zwei Jahre alt, von dem Tag an dem mein Vater hier verabschiedet wurde.

Heute wurde hier meine kürzlich verstorbene Kollegin verabschiedet, allerdings mit einer religiösen Zeremonie, womit ich nicht gerechnet hatte, viele andere auch nicht. Aber man geht zu so einer Veranstaltung um sich zu verabschieden und Präsenz zu zeigen und nicht um seine Weltanschauung zu bekunden. Niemand hatte jemals davon gehört, dass die Verstorbene irgendwie religiös gewesen wäre und viele waren sehr befremdet einen Priester auftauchen zu sehen. Das wird wohl ein Wunsch der Familie gewesen sein. Ich fand es sehr schade, dass niemand aus der Familie, dem Freundeskreis oder der Kollegenschaft ein paar Worte gesprochen hat. Ob das innerhalb einer religiösen Zeremonie nicht möglich oder nicht üblich ist, weiß ich nicht.  Es war dann wohl für den Priester auch etwas schwierig, weil weit über die Hälfte der Anwesenden sich nicht bekreuzigten und die Gebete nicht mitsprachen. Es herrschte also eine etwas seltsame Atmosphäre, als wären zwei Welten ohne Vorbereitung aufeinander getroffen. Der Saal war voll, es waren auch viele Schüler*innen da. Viel wurde geweint und viel umarmt. Innerhalb eines halben Jahres ist es die zweite Kollegin, die eine Krebserkrankung nicht überlebt hat.

Auf dem Heimweg wurden Anekdoten erzählt. So finde ich es richtig, Trauer, Verabschiedung, der Horror vor der eigenen Sterblichkeit mit der man angesichts des Todes unausweichlich konfrontiert wird und dann wieder zurück ins Leben.


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Dienstag 28.1.20 – Tod

Wir hatten heute Notenkonferenz und schon von weitem war die schwarze Fahne am Schuleingang nicht zu übersehen. Die Kollegin mit dem Bauchspeicheldrüsenkrebs ist heute in der Früh gestorben. Knapp drei Monate nach der Diagnose. Die dritte Extrem-Chemo wurde abgebrochen, weil sie überhaupt keine Kraft mehr hatte und wahrscheinlich sollte sie in Ruhe sterben können. Mehr wissen wir nicht, weil sie schon seit einer Woche auf Nachrichten nicht mehr geantwortet hat. Mehr gibt es auch nicht zu wissen, die conditio humana liegt jenseits der Kommentare. Sie war eine überdurchschnittlich freundliche und wohlwollende Frau …

Eine Schweigeminute von 150 Menschen …


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Lebensstufen

 

Julian Barnes

„Lebensstufen“

btb Verlag – deutsch: 2014

Ein tiefsinniges, lesenswertes, bedenkenswertes Buch über Ballonfahrten, Fotografieren, Lieben, Sterben und Trauern. Über Höhen und Tiefen, den technischen Fortschritt und menschliche Beziehungen.

Allein schon der erste Satz: „Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden, und die Welt hat sich verändert.“

Zunächst könnte man denken, es handle sich um eine Geschichte der Ballonfahrt, oder der Fotografie.  Höhe, Tiefe und Abbildungen werden jedoch als Metaphern verwendet um das eigentliche Thema des Buchs, die Trauer in einen größeren Rahmen zu setzten.

„Man empfindet den schmerzlichen Verlust des gemeinsamen Vokabulars, der Metaphern, Neckereien, Abkürzungen, Insider-Witze, Albernheiten, vorgeblichen Rügen, amourösen Fußnoten – all der versteckten Anspielungen, die voller Erinnerungen sind, aber wertlos, wenn man sie Außenstehenden erzählt. “ p.108

Ich möchte auch noch den Klappentext zitieren:

„Julian Barnes neues Buch handelt von Ballonfahrten, Fotografie, Liebe und Trauer. Davon, dass man zwei Menschen miteinander verbindet und sie wieder auseinanderreißt. Und von seiner Trauer über den Tod seiner Frau – schonungslos offen, präzise und zutiefst berührend.“

„Ein Taj Mahal aus Papier“ THE OBSERVER


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Erinnerungen an Erinnerungen, die nicht mehr abrufbar sind

Das menschliche Gehirn ist nicht annähernd so dauerhaft wie die Steine. Die Steine aber sind auch tot, immer schon gewesen. Und so bleiben die Erinnerungen eingeschlossen in die Steine und können nicht wiederbelebt werden und nicht verstanden.


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Tod – ABC-Etüden

Ein plötzlicher Ruck, die Seile spannen sich, der Sarg steht an seinem Platz. Reden, Gesänge, Blumen, harte, schwarze Schatten. Gepresstes Atmen hinter Sonnenbrillen. Das Aufprallen der Erde auf dem Holz, endgültig. Fassungslosigkeit, Panik, immer präsente Angst um das eigene Leben. Die Rituale bleiben leer und stützen und halten nicht mehr.

Irren durch den Friedhof, zwischen den Steinen mit den bekannten Namen mit den unerbittlichen Daten und den verblassten Bildern, zwischen den machtlosen Inschriften und Lichtern. Groß und prächtig die Mausoleen, armselig die verwitterten Holzkreuze und namenlosen Steine auf den Soldatengräbern.

Hochaufragende Mauern menschlicher Hybris zerfallen vor unseren Augen.

Doch dann: der zärtliche, weiche Nieselregen durchdringt die Erde, durchdringt das Holz und vereint, was zusammengehört.

 

Die ABC-Etüden bei Christiane

Es soll ein Text entstehen mit einer Länge von  maximal 300 Wörtern, in dem die 3 vorgegebenen Wörter vorkommen.

Diesmal sind das „weich“ – „Nieselregen“ – „irren“

Die Art des Textes kann frei gewählt werden. 


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Im Fenster des Altenheims

Er hat mich berührt, dieser kaputte Blumentopf im Fenster des Altenheims. Überall anders hätte ich ihn als lebensphilosophisch, kreativ oder eben einfach kaputt gesehen. Aber nicht im Fenster des Altenheims. Dort wurde er mir zur riesengroßen Projektionsfläche für so manches …..


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Wasser und Gewalt – HVB

Der reißende Strom wird gewalttätig genannt
Aber das Flußbett, das ihn einengt
Nennt keiner gewalttätig
Bertold Brecht: Über die Gewalt

Mich spricht dieser Gedanke an, wenn auch wahrscheinlich nicht im Sinne von Brecht. „Gewalttätig“ gefällt mir in diesem Zusammenhang nicht so sehr, weil das ein Wort ist, das eine Absicht beinhaltet. Zu Brechts Gedanken passt es aber, denn das Zitat ist aus dem Zusammenhang gerissen und ist eigentlich ein politisches Statement in Metaphern. Darum soll es hier aber nicht gehen.

Um Wasser soll es hier gehen. Wasser, das Hindernisse umfließt oder so lange abschleift, bis es keine Hindernisse mehr sind. Um Wasser, das einen kleinen Bach bilden kann oder einen reißenden Strom, eine Oase oder eine Überflutung. Wenn das Hindernis weder umflossen noch abgeschliffen werden kann, staut sich das Wasser bis es stark genug ist, das Hindernis mit Gewalt zu beseitigen oder hoch genug um eine andere Möglichkeit des Durchfließens zu finden.

Nicht viele Menschen können sich der Faszination von fallendem, sprühenden Wasser entziehen, manche klettern sogar auf gefrorenen Wasserfällen. Wasser kann nähren und vernichten, inspirieren und zu Tode erschrecken, die Welle der Wellen für Surfer aber auch der Tsunami; sonniges Mittelmeer und eisig-stürmischer Nordatlantik.

Meere und Ozeane sind so geschmeidig, dass die Schwerkraft sie in Ebbe und Flut wiegen kann als Wasserwand aber so hart, dass Schiffe daran zerschellen. Wasser kann lieblich, idyllisch sein, blaugrün leuchten, leise plaudern oder es ist schwarz, tödlich kalt, bis in die Tiefen aufgewühlt und der Kraft jedes schwimmenden, treibenden Menschen unendlich überlegen. Die Sonne spiegelt sich im Wasser oder der Sturm dröhnt die Wellen in schwindelnde Höhen. Das Wasser tanzt mit Leben und Tod in unergründlichen Zyklen.

Wir Menschen bestehen zum Großteil aus Leere und Wasser

 

Mein Atlantik. Das Bild ist nicht bearbeitet, man sieht die Spiegelung der Abendsonne


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Wie roch mein August

Eine Idee von Read-On, an der ich mich gerne beteilige

Die beherrschende Duftnote war eindeutig Staub, frischer leichter Staub und alter schwerer Staub und ein wenig feuchter Staub, der leicht in Schimmel und Moder hinüber wächst. Staub von außen und von innen und an manchen schwer zugänglichen Orten könnte man glatt an die Urzeugung glauben und darüber rätseln, was wohl aus diesem zusammengeballten Staub entstehen wird. Ein lange leerstehendes Haus riecht nach verbrauchter Luft und wenn man auch stundenlang alle Fenster und Türen offen lässt. Vielfältig ist der Staubgeruch, er hat eine Komponente von Verzweiflung, von Verlust der ordnenden Kontrolle über die Welt, von Wehmut und Vergänglichkeit, eine biblische Dimension sogar als Grundstoff der monotheistisch Gläubigen. Immer erinnert er daran, dass Veränderung meist einen längeren Zwischenstopp im Chaos braucht und dass auch die allerbemühteste staubwedelnde Biederkeit sich nicht gegen den Fluss des Lebens stemmen kann.

Ich wusste nichts von der Vielfältigkeit und der Gewalt des Staubs und davon, dass ich diesen Geruch gar nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Überall schleicht er sich ein an Orte, die ganz bestimmt nicht staubig sein und nicht vernachlässigt und nicht leer. Der Staubgeruch hat sich auch in meine Wohnung  eingeschlichen, in die Kleidung und die Bücher und die Teppiche. Die Vorausahnung künftigen Staubs bringt mich dazu, meine Schrankräume und Bücherregale zu durchforsten und zu entrümpeln, meine Dokumente zu sammeln, die Anzahl der Geschirrstücke zu überdenken. Staub kann erschrecken und inspirieren und eröffnet auch Blicke in die Zukunft, keine besonders angenehmen allerdings. Staub riecht nach der conditio humana.

Auch angenehme Gerüche gab es im August, das viel dezenter als zu früheren Zeiten gechlorte Wasser der städtischen Schwimmbäder, die sonnengetrocknete Wäsche. Hätten Wespen einen für Menschen wahrnehmbaren Geruch, dann wäre dieser allgegenwärtig gewesen im August.

Aber insgesagt hat der Staub alles überlagert, schleichend und unerbittlich und maßlos konsequent.


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Abschied

Etüdensommerintermezzo bei Christiane 

Aktenzahl: II-18/1

Du warst ein Kreativer, der sich Kreativität nur selten gestattete. Auf jeden Fall musste alles, was unter deinen Händen entstand einen Zweck erfüllen. Holz war dabei eines deiner Lieblingsmaterialien. Auch anderes wurde bearbeitet, verändert, nützlich gemacht. In der Zeit in der du Kind warst, waren das Fähigkeiten, die den Unterschied zwischen Hungern und  satt sein  ausmachen konnten, zwischen einem undichten und einem schützenden Dach über dem Kopf. Es ging nicht darum gestylte Lampions aufzuhängen sondern funktionierende Stromleitungen zu haben. Die Besitzlosen lebten in der Ungewissheit von Wanderbaustellen. Die Besitzlosen und die, die sich dem herrschenden Regime widersetzten. So einer war dein Vater. Als Kind war das für dich eine Katastrophe, der Grund für die Armut, die Benachteiligungen, den Hunger. Du hast diese Seite deines Vaters wohl nie so richtig geschätzt, aber ich bin heute stolz auf meinen Großvater.

Du hast studiert, hast Karriere gemacht, bist wohlhabend geworden. Deine Kinder wissen nicht, wie es ist, etwas das man unbedingt haben möchte nicht zu bekommen. Dein Sarkasmus war wohl Verteidigungslinie gegen Erinnerungen, ein Windhauch, der versuchte gegen den großen Sturm zu blasen. Gegen den großen Sturm aus Krieg und Hunger und Schmerzen. Es hat dich amüsiert, dass die Zeiten nun so sind, wie sie sind, dass Menschen versuchen möglichst wenige Kalorien zu essen, Knäckebrot, eine halbe Tomate und gegen mögliche Depressionen Johannisbeersaft trinken. Ein bissl herablassend hast du auf die Nachgeborenen geschaut, die eine behütete Kindheit hatten, genug zu essen und einen Arzt wenn sie krank waren, die ihre Lebensmittel an jeder Ecke kaufen können und nicht die Rüben aus den Feldern stehlen müssen. Du warst stolz auf deine gewaltige Resilienz und deine Erfolgsgeschichte. Waldeinsamkeit hast du nie gesucht, denn die Kontrolle wolltest du nie aufgeben. Die Kontrolle über die Erinnerungen und das Leben danach und schließlich auch den Tod. Du bist alt geworden, sehr alt und in Frieden gestorben.

Die Graugänse fliegen auf und deine Schritte verklingen im Blau.