la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Äußerst irritierend finde ich …

… dass so viele Politiker jeden zweiten Satz mit „Ehrlich gesagt“, „ganz ehrlich gesagt“, „wenn ich ehrlich bin“, „wenn ich ganz ehrlich bin“ einleiten. Viele andere Menschen tun das auch. Es wirft insgesamt kein besonders gutes Licht auf den Stellenwert von Ehrlichkeit in unserer Gesellschaft.

Der Wahlkampf beginnt und die Art wie er von allen Seiten geführt wird, macht es noch schwieriger sich für eine Partei zu entscheiden, Ich kann derzeit eigentlich nur sagen, wen ich auf gar keinen Fall wählen werde.Und dann bleiben leider nicht allzu viele Optionen übrig.

Ein Detail am Rande; wir nähern uns dem Ende der vierten und nicht der dritten Hitzewelle dieses Sommers. Nummer fünf steht Ende der Woche bereit. Da bin ich glücklicherweise in kühleren Inselgefilden und schwinge den Pinsel.

In den USA tobt – so höre ich – der Kampf zwischen Wissenschaft und Glauben. Nun ja, „Glauben“ kann man es auch nennen, wenn Tatsachen negiert und das Land wie ein korrupter Familienbetrieb geführt wird. Mir fällt dazu eher „Dummheit“ , „Skrupellosigkeit“, „maßlose Selbstüberschätzung“ und „Narzissmus“ ein.

Ein typisches Merkmal manipulativen Verhaltens wäre es, scheinbar kritische Fragen zu allem und jedem zu stellen, nach dem Muster „Wem nützt das ?“ aber keine Antworten darauf zu geben sondern es den zu manipulierenden Personen zu überlassen, sich die wildesten Theorien auszudenken. Den so verängstigten Personen, und das sind nicht ausschließlich schlichtere Gemüter, wirft man dann ein paar Brocken Heilsversprechen und Orientierungshilfen zu, die sie – ohne dass es dafür eine Grundlage gäbe – als reine Wahrheit annehmen.  Das dürfte recht gut funktionieren.

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Nicht nur Literatur gibt es zu lesen

„Die eigentliche Herausforderung der Entwicklungspolitik besteht darin, dass eine Gruppe von Ländern am untersten Rand immer weiter zurückfällt und oft regelrecht zerfällt.

Diese Länder ganz unten gehören zwar zur Welt des 21. Jahrhunderts, aber ihre Lebenswirklichkeit ist die des 14. Jahrhunderts: Bürgerkrieg, Seuchen, Analphabetismus. Die meisten dieser Länder liegen in Afrika und Zentralasien, ein paar wenige in anderen Regionen. (…) Wir müssen uns daran gewöhnen, das vertraute Zahlenverhältnis *  auf den Kopf zu stellen: insgesamt 5 Milliarden Menschen leben heute bereits im Wohlstand oder sind auf dem Weg dorthin, eine Milliarde fällt immer weiter zurück. “

Paul Collier „Die unterste Milliarde“ Pantheon: 2007 p.17

Mit „das vertraute Zahlenverhältnis“ ist die Situation  gemeint, in der  1 Milliarde Menschen in der reichen Welt leben und fünf Milliarden Menschen in der armen. Tatsächlich ist die Armut insgesamt zurückgegangen, aber die Kluft zwischen den ganz Armen und denen, die in großem oder bescheidenem  Wohlstand leben wird immer tiefer.


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10. Station der Literaturweltreise – Türkei

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Endlich habe ich wieder einmal Zeit zum Literaturreisen. Die Türkei ist derzeit ein recht ungemütliches (Reise)land, aber darum geht es in dem Buch ja auch.

Ob Asli Erdogan irgendwie mit dem türkischen Präsidenten verwandt ist, habe ich nicht recherchiert. Es ist im Grunde auch nicht wichtig. Die Autorin ist jedenfalls eine sehr vielseitige Frau. Nach ihrem Physikstudium hat sie eine Zeit in der Schweiz bei CERN gearbeitet, und hat sich dann dem Journalismus zugewandt.

Die Essays in diesem Buch handeln von Ereignissen in der jüngsten Geschichte der Türkei; Ob sie deswegen als „politische Essays“ bezeichnet werden können ? Es sind keine journalistischen Berichte über Geschehnisse und Vorfälle im politischen Leben. Asli Erdogan erzählt von ihrem persönlichen Erleben in einer literarischen Sprache.

„Lang schon ist der Tag angebrochen, aber er scheint am blutroten Horizont hängen zu bleiben wie an einem Haken (Auf der Bosporusbrücke beginnen die Lynchmorde) Er ist eher die Verlängerung der Nacht als ein wirklich neuer Tag. Das Licht kommt von einer ferneren, kälteren Sonne. es wärmt nicht, es tröstet nicht, es verspricht den geretteten oder verlorenen Lebendigen nichts.“ p. 39

Es ist wahrscheinlich den Übersetzern zu verdanken, dass es erklärende Fußnoten gibt für diejenigen, die mit der türkischen Innenpolitik nicht wirklich vertraut sind. Für mich zum Beispiel waren die Fußnoten sehr hilfreich, weil ich keine Ahnung hatte, welche Dimension der Brutalität die Verfolgung der Kurden tatsächlich angenommen hat. Und auch nicht welch ein wichtiges Thema der deutsche Parlamentsbeschluss über den türkischen Genozid an den Armeniern  in der Türkei war und ist.

„Ich zitiere aus Reden unserer „Staatsoberhäupter“. „Geschichtslüge“, „null und nichtig“, „unmoralisches Gesetz“, „rassistische Armenierlobby“, „Handlanger deutscher Unrechtstaatlichkeit“, „das türkische Volk hat sich noch nie etwas zuschulden kommen lassen“, „das türkische Volk ist seit jeher ein Vorbild an Barmherzigkeit“, „Verleumdung unserer Ahnen“, „entartete Verräter“ ………(…) Wissen wir tatsächlich nicht, dass im Fundament des Gebäudes, von dessen Balkon herab wir große Reden schwingen, lauter Tote eingemauert sind ?

(…) Wir haben einem Volk den Garaus gemacht, das hier Tausende von Jahren gelebt hatte. Haben so Schreckliches getan, dass die Überlebenden es nur als „Große Katastrophe“ benennen konnten. Vielleicht kann man die Vergangenheit nicht mit jetzigen Maßstäben bewerten, doch wir Heutigen begehen unser eigentliches Verbrechen dadurch, dass wir weghören und schweigen. Nicht nur zu den Ereignissen von 1915 oder 1938, sondern auch zu dem, was heute geschieht, in dieser Stunde … p47ff. „

Der Essay, der dem Band seinen Namen gegeben hat „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ wird durch Zitate aus einem Gedicht von Giorgos Seferis strukturiert. Sowohl Seferis Gedicht als auch Erdogans Text sind sehr hart. Asli Erdogan formuliert hier auch eines ihrer wichtigsten Ziele : „Ich will nicht Mittäterin sein“. Dies war (laut Fußnote) auch die wichtigste Aussage eines Manifests von 1128 Wissenschafterinnen und Wissenschaftern aus Universitäten in der ganzen Türkei, im im Jänner 2016. Sie protestierten gegen den Vernichtungskrieg der Sicherheitskräfte in den kurdischen Städten. Viele von ihnen verloren seither ihre Stellen und mussten ins Ausland fliehen. p66,67

Vielleicht ist dieser Essay das Herzstück der Sammlung. Was nicht heißt, das nicht auch die anderen äußerst lesenswert sind. Einerseits wegen ihrer literarischen Qualität und andererseits wegen der Insiderinformationen über Geschehnisse in der Türkei.

Ich danke dem Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars

 


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Ausbildungskatastrophen und Parallelgesellschaften

Katastrophale Berichte aus Wiener Volksschulen. Immer mehr „Brennpunktschulen“ zeichnen sich ab. Es ist nicht so, dass die Lage dieser Schulen neu wäre, es wurde nur nicht viel darüber gesprochen. Die Maßnahmen mit dem verpflichtenden Kindergartenjahr für Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache greifen nicht wirklich. Offenbar ist der Faktor „bildungsfernes Elternhaus“ viel stärker als der Faktor „nicht-deutsche Muttersprache“. Die Flüchtlingskinder, die sprachlich wirklich bei Null anfangen, haben viel weniger schulische Probleme als die in Österreich geborenen und aufgewachsenen Kinder aus hauptsächlich türkischen, bildungsfernen Familien.

Es ist erschütternd, dass der Lebensweg 5-jähriger Kinder praktisch vorgezeichnet ist, weil sie in ihrem Elternhaus keinerlei Förderung oder auch nur Unterstützung bekommen können. Die für die Erziehung meist allein zuständigen Mütter sind oft selbst fast Analphabetinnen, können kein Wort Deutsch, weil sie sich nur innerhalb der eigenen Parallelgesellschaft  bewegen und überhaupt kaum aus dem Haus gehen. Die Kinder lernen außer der eigenen Wohnung nichts kennen, außer (türkischem) Fernsehen gibt es keinerlei Freizeitaktivitäten. Eine österreichische Durchschnittsfamilie im gleichen sozialen Sektor macht mit den Kindern Ausflüge, spielt mit ihnen, liest ihnen auch einmal vor. Ganz zu schweigen von der Förderung, die ein Kind aus gebildeten Bevölkerungsschichten bekommt. Es liegen Welten zwischen den Erfahrungen der Kinder.

Man sieht ganz deutlich, wie die schlechte Stellung der Frauen in der türkischen community die Entwicklung hemmt, die nächste Generation an die gleichen schlechten Lebensbedingungen der Eltern geradezu fesselt. Die Kinder kommen in den Kindergarten und haben teilweise überhaupt keine Deutschkenntnisse obwohl sie in Österreich geboren sind. Sie werden auch nicht regelmäßig in den Kindergarten geschickt, weil die Familien bzw die Mütter jeder Art von Bildung und sei es auch nur dem Erwerb der Landessprache offenbar überhaupt keine Bedeutung zumessen.

Diese seit vielen Jahren bestehende Situation führt zu einem enormen Zulauf zu den Privatschulen, den ich nicht sehr positiv finde, weil er die sozialen Abgründe noch vertieft. Nur können eben noch so gute Angebote nichts ausrichten, wenn sie nicht angenommen werden.

Die Situation ist wirklich traurig. In den höheren Schulen, in denen es ohnehin nur einen ganz geringen Prozentsatz an türkischen Kindern gibt, schlagen die Irrtümer der Vergangenheit massiv zu. Die Fördermaßnahmen kommen dann zu spät. Jugendliche mit 16, 17 Jahren, die in ihrem bisherigen Leben nicht gelernt haben zu lernen, haben dann einfach keine Chance mehr, Grundlagenkenntnisse  aufzuholen, selbst wenn sie hochmotiviert wären.

Die nur scheinbare Durchlässigkeit des Systems und die Vogel-Strauß-Politik wird hier ganz klar. Kinder haben in der Hauptschule gute Noten, weil sie sich bemühen und auswendig lernen, die Prüfungen werden vorbereitet, ein sehr hoher Prozentsatz der HauptschülerInnen lernt gerade lesen und schreiben und das nicht nachhaltig. Nun können diese Kinder mit den guten Hauptschulnoten in eine Oberstufenschulform eintreten, scheitern dort aber kläglich.

 


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Die Würde ist antastbar

Ich habe dieses Buch gelesen, weil mich einerseits der Autor angesprochen hat. Ich kenne Ferdinand von Schirach als Autor des Theaterstück/Films/Fernsehfilms „Terror“, wo mittels einer fiktiven Geschichte die Frage aufgeworfen wird, ob es moralisch vertretbar ist, das Leben einiger für das Leben einer viel größeren Anzahl von Menschen zu opfern. Eine Frage, die ich höchst interessant finde, weil sie meiner Ansicht nach nicht entschieden werden kann. Eine ethische Frage, die deutlich zeigt, wie sehr Theorie und Praxis auseinanderklaffen, wie sehr der individuelle Standpunkt von Bedeutung ist.

Auch der Titel dieser Sammlung von Essays hat mich angesprochen. Schirach denkt über eine große Anzahl an Themen nach. Er stellt dabei viele Fragen, von denen sich mehr als eine als unlösbar erweist. Der erste Essay zum Beispiel mit dem Titel „Verstehen Sie das alles noch ? Fragen an die Wirklichkeit“ besteht ausschließlich aus Fragen. So verschiedenartigen wie „Beunruhigt Sie der Begriff „effiziente europäische Bankenaufsicht“ ? “ oder „Schreibt Frau Merkel ihrem Mann manchmal eine SMS, dass noch Milch eingekauft werden müsse ? “ oder „Können wir jemanden für das alles, wie es so schön heißt, zur Verantwortung ziehen ?

Außerdem hat mich interessiert, ob Schirach irgendetwas über seinen Großvater, Baldur von Schirach, schrieb, der ab 1940 „Gauleiter“ und „Reichsstatthalter“ in Wien war. Tatsächlich tut er das in dem Essay „Du bist, wer du bist“. Schirach erzählt, dass er seinen Großvater nicht wirklich gut kannte, weil er zu klein war, als dieser kurze Zeit bei seiner Familie wohnte. Trotzdem finde ich, dass die kleine Anekdote, die er erzählt, ein sehr helles Licht auf diesen Mann wirft.

„Wir spielten jeden Tag Mühle, er gewann immer mit dem gleichen Trick. Irgendwann dachte ich solange darüber nach, bis ich verstand, wie er das machte. Danach spielte er nicht mehr mit mir. Ich war damals fünf, sechs Jahre alt.“ p 39

Bekannt ist auch dieser Satz aus einer Rede, die er 1942 hielt:  „Wenn man mir den Vorwurf machen wollte, dass ich aus dieser Stadt Aberzehntausende ins östliche Ghetto abgeschoben habe, muss ich antworten: Ich sehe darin einen aktiven Beitrag zur europäischen Kultur.“

Schirach fragt sich und kann nicht verstehen, warum sein Großvater zu dem geworden ist, was er ist. Er stammt aus einer wohlhabenden , gebildeten Familie, hatte jede Möglichkeit im Leben …..

„Die Schuld meines Großvaters ist die Schuld meines Großvaters. Der Bundesgerichtshof sagt, Schuld sei das, was einem Menschen persönlich vorgeworfen werden könne. Es gibt keine Sippenhaft, keine Erbschuld, und jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene Biografie. In meinem Buch schreibe ich nicht über ihn und seine Generation. Ich weiß nichts von diesen Männern, was nicht schon tausendmal gesagt und erforscht wurde. Unsere Welt heute interessiert mich mehr. Ich schreibe über die Nachkriegsjustiz, über die Gerichte in der Bundesrepublik, die grausam urteilten, über die Richter, die für jeden Mord eines NS-Täters nur fünf Minuten Freiheitsstrafe verhängten. Es ist ein Buch über die Verbrechen in unserem Staat, über Rache, Schuld und die Dinge, an denen wir heute noch scheitern. Wir glauben wir seien sicher, aber das Gegenteil ist der Fall: wir können unsere Freiheit wieder verlieren. Und damit verlören wir alles. Es ist jetzt unser Leben und es ist unsere Verantwortung.

Ganz am Ende des Buches fragt die Enkelin des Nazis den jungen Strafverteidiger : „Bin ich das alles auch ?“Er sagt: „Du bist, wer du bist.“ Das ist meine einzige Antwort auf die Fragen nach meinem Großvater. Ich habe lange für sie gebraucht.“ p. 46

Ein unter die Haut gehender Autor.

Ich danke dem Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars