la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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10. Station der Literaturweltreise – Türkei

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Endlich habe ich wieder einmal Zeit zum Literaturreisen. Die Türkei ist derzeit ein recht ungemütliches (Reise)land, aber darum geht es in dem Buch ja auch.

Ob Asli Erdogan irgendwie mit dem türkischen Präsidenten verwandt ist, habe ich nicht recherchiert. Es ist im Grunde auch nicht wichtig. Die Autorin ist jedenfalls eine sehr vielseitige Frau. Nach ihrem Physikstudium hat sie eine Zeit in der Schweiz bei CERN gearbeitet, und hat sich dann dem Journalismus zugewandt.

Die Essays in diesem Buch handeln von Ereignissen in der jüngsten Geschichte der Türkei; Ob sie deswegen als „politische Essays“ bezeichnet werden können ? Es sind keine journalistischen Berichte über Geschehnisse und Vorfälle im politischen Leben. Asli Erdogan erzählt von ihrem persönlichen Erleben in einer literarischen Sprache.

„Lang schon ist der Tag angebrochen, aber er scheint am blutroten Horizont hängen zu bleiben wie an einem Haken (Auf der Bosporusbrücke beginnen die Lynchmorde) Er ist eher die Verlängerung der Nacht als ein wirklich neuer Tag. Das Licht kommt von einer ferneren, kälteren Sonne. es wärmt nicht, es tröstet nicht, es verspricht den geretteten oder verlorenen Lebendigen nichts.“ p. 39

Es ist wahrscheinlich den Übersetzern zu verdanken, dass es erklärende Fußnoten gibt für diejenigen, die mit der türkischen Innenpolitik nicht wirklich vertraut sind. Für mich zum Beispiel waren die Fußnoten sehr hilfreich, weil ich keine Ahnung hatte, welche Dimension der Brutalität die Verfolgung der Kurden tatsächlich angenommen hat. Und auch nicht welch ein wichtiges Thema der deutsche Parlamentsbeschluss über den türkischen Genozid an den Armeniern  in der Türkei war und ist.

„Ich zitiere aus Reden unserer „Staatsoberhäupter“. „Geschichtslüge“, „null und nichtig“, „unmoralisches Gesetz“, „rassistische Armenierlobby“, „Handlanger deutscher Unrechtstaatlichkeit“, „das türkische Volk hat sich noch nie etwas zuschulden kommen lassen“, „das türkische Volk ist seit jeher ein Vorbild an Barmherzigkeit“, „Verleumdung unserer Ahnen“, „entartete Verräter“ ………(…) Wissen wir tatsächlich nicht, dass im Fundament des Gebäudes, von dessen Balkon herab wir große Reden schwingen, lauter Tote eingemauert sind ?

(…) Wir haben einem Volk den Garaus gemacht, das hier Tausende von Jahren gelebt hatte. Haben so Schreckliches getan, dass die Überlebenden es nur als „Große Katastrophe“ benennen konnten. Vielleicht kann man die Vergangenheit nicht mit jetzigen Maßstäben bewerten, doch wir Heutigen begehen unser eigentliches Verbrechen dadurch, dass wir weghören und schweigen. Nicht nur zu den Ereignissen von 1915 oder 1938, sondern auch zu dem, was heute geschieht, in dieser Stunde … p47ff. „

Der Essay, der dem Band seinen Namen gegeben hat „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ wird durch Zitate aus einem Gedicht von Giorgos Seferis strukturiert. Sowohl Seferis Gedicht als auch Erdogans Text sind sehr hart. Asli Erdogan formuliert hier auch eines ihrer wichtigsten Ziele : „Ich will nicht Mittäterin sein“. Dies war (laut Fußnote) auch die wichtigste Aussage eines Manifests von 1128 Wissenschafterinnen und Wissenschaftern aus Universitäten in der ganzen Türkei, im im Jänner 2016. Sie protestierten gegen den Vernichtungskrieg der Sicherheitskräfte in den kurdischen Städten. Viele von ihnen verloren seither ihre Stellen und mussten ins Ausland fliehen. p66,67

Vielleicht ist dieser Essay das Herzstück der Sammlung. Was nicht heißt, das nicht auch die anderen äußerst lesenswert sind. Einerseits wegen ihrer literarischen Qualität und andererseits wegen der Insiderinformationen über Geschehnisse in der Türkei.

Ich danke dem Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars

 


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Ausbildungskatastrophen und Parallelgesellschaften

Katastrophale Berichte aus Wiener Volksschulen. Immer mehr „Brennpunktschulen“ zeichnen sich ab. Es ist nicht so, dass die Lage dieser Schulen neu wäre, es wurde nur nicht viel darüber gesprochen. Die Maßnahmen mit dem verpflichtenden Kindergartenjahr für Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache greifen nicht wirklich. Offenbar ist der Faktor „bildungsfernes Elternhaus“ viel stärker als der Faktor „nicht-deutsche Muttersprache“. Die Flüchtlingskinder, die sprachlich wirklich bei Null anfangen, haben viel weniger schulische Probleme als die in Österreich geborenen und aufgewachsenen Kinder aus hauptsächlich türkischen, bildungsfernen Familien.

Es ist erschütternd, dass der Lebensweg 5-jähriger Kinder praktisch vorgezeichnet ist, weil sie in ihrem Elternhaus keinerlei Förderung oder auch nur Unterstützung bekommen können. Die für die Erziehung meist allein zuständigen Mütter sind oft selbst fast Analphabetinnen, können kein Wort Deutsch, weil sie sich nur innerhalb der eigenen Parallelgesellschaft  bewegen und überhaupt kaum aus dem Haus gehen. Die Kinder lernen außer der eigenen Wohnung nichts kennen, außer (türkischem) Fernsehen gibt es keinerlei Freizeitaktivitäten. Eine österreichische Durchschnittsfamilie im gleichen sozialen Sektor macht mit den Kindern Ausflüge, spielt mit ihnen, liest ihnen auch einmal vor. Ganz zu schweigen von der Förderung, die ein Kind aus gebildeten Bevölkerungsschichten bekommt. Es liegen Welten zwischen den Erfahrungen der Kinder.

Man sieht ganz deutlich, wie die schlechte Stellung der Frauen in der türkischen community die Entwicklung hemmt, die nächste Generation an die gleichen schlechten Lebensbedingungen der Eltern geradezu fesselt. Die Kinder kommen in den Kindergarten und haben teilweise überhaupt keine Deutschkenntnisse obwohl sie in Österreich geboren sind. Sie werden auch nicht regelmäßig in den Kindergarten geschickt, weil die Familien bzw die Mütter jeder Art von Bildung und sei es auch nur dem Erwerb der Landessprache offenbar überhaupt keine Bedeutung zumessen.

Diese seit vielen Jahren bestehende Situation führt zu einem enormen Zulauf zu den Privatschulen, den ich nicht sehr positiv finde, weil er die sozialen Abgründe noch vertieft. Nur können eben noch so gute Angebote nichts ausrichten, wenn sie nicht angenommen werden.

Die Situation ist wirklich traurig. In den höheren Schulen, in denen es ohnehin nur einen ganz geringen Prozentsatz an türkischen Kindern gibt, schlagen die Irrtümer der Vergangenheit massiv zu. Die Fördermaßnahmen kommen dann zu spät. Jugendliche mit 16, 17 Jahren, die in ihrem bisherigen Leben nicht gelernt haben zu lernen, haben dann einfach keine Chance mehr, Grundlagenkenntnisse  aufzuholen, selbst wenn sie hochmotiviert wären.

Die nur scheinbare Durchlässigkeit des Systems und die Vogel-Strauß-Politik wird hier ganz klar. Kinder haben in der Hauptschule gute Noten, weil sie sich bemühen und auswendig lernen, die Prüfungen werden vorbereitet, ein sehr hoher Prozentsatz der HauptschülerInnen lernt gerade lesen und schreiben und das nicht nachhaltig. Nun können diese Kinder mit den guten Hauptschulnoten in eine Oberstufenschulform eintreten, scheitern dort aber kläglich.

 


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Die Würde ist antastbar

Ich habe dieses Buch gelesen, weil mich einerseits der Autor angesprochen hat. Ich kenne Ferdinand von Schirach als Autor des Theaterstück/Films/Fernsehfilms „Terror“, wo mittels einer fiktiven Geschichte die Frage aufgeworfen wird, ob es moralisch vertretbar ist, das Leben einiger für das Leben einer viel größeren Anzahl von Menschen zu opfern. Eine Frage, die ich höchst interessant finde, weil sie meiner Ansicht nach nicht entschieden werden kann. Eine ethische Frage, die deutlich zeigt, wie sehr Theorie und Praxis auseinanderklaffen, wie sehr der individuelle Standpunkt von Bedeutung ist.

Auch der Titel dieser Sammlung von Essays hat mich angesprochen. Schirach denkt über eine große Anzahl an Themen nach. Er stellt dabei viele Fragen, von denen sich mehr als eine als unlösbar erweist. Der erste Essay zum Beispiel mit dem Titel „Verstehen Sie das alles noch ? Fragen an die Wirklichkeit“ besteht ausschließlich aus Fragen. So verschiedenartigen wie „Beunruhigt Sie der Begriff „effiziente europäische Bankenaufsicht“ ? “ oder „Schreibt Frau Merkel ihrem Mann manchmal eine SMS, dass noch Milch eingekauft werden müsse ? “ oder „Können wir jemanden für das alles, wie es so schön heißt, zur Verantwortung ziehen ?

Außerdem hat mich interessiert, ob Schirach irgendetwas über seinen Großvater, Baldur von Schirach, schrieb, der ab 1940 „Gauleiter“ und „Reichsstatthalter“ in Wien war. Tatsächlich tut er das in dem Essay „Du bist, wer du bist“. Schirach erzählt, dass er seinen Großvater nicht wirklich gut kannte, weil er zu klein war, als dieser kurze Zeit bei seiner Familie wohnte. Trotzdem finde ich, dass die kleine Anekdote, die er erzählt, ein sehr helles Licht auf diesen Mann wirft.

„Wir spielten jeden Tag Mühle, er gewann immer mit dem gleichen Trick. Irgendwann dachte ich solange darüber nach, bis ich verstand, wie er das machte. Danach spielte er nicht mehr mit mir. Ich war damals fünf, sechs Jahre alt.“ p 39

Bekannt ist auch dieser Satz aus einer Rede, die er 1942 hielt:  „Wenn man mir den Vorwurf machen wollte, dass ich aus dieser Stadt Aberzehntausende ins östliche Ghetto abgeschoben habe, muss ich antworten: Ich sehe darin einen aktiven Beitrag zur europäischen Kultur.“

Schirach fragt sich und kann nicht verstehen, warum sein Großvater zu dem geworden ist, was er ist. Er stammt aus einer wohlhabenden , gebildeten Familie, hatte jede Möglichkeit im Leben …..

„Die Schuld meines Großvaters ist die Schuld meines Großvaters. Der Bundesgerichtshof sagt, Schuld sei das, was einem Menschen persönlich vorgeworfen werden könne. Es gibt keine Sippenhaft, keine Erbschuld, und jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene Biografie. In meinem Buch schreibe ich nicht über ihn und seine Generation. Ich weiß nichts von diesen Männern, was nicht schon tausendmal gesagt und erforscht wurde. Unsere Welt heute interessiert mich mehr. Ich schreibe über die Nachkriegsjustiz, über die Gerichte in der Bundesrepublik, die grausam urteilten, über die Richter, die für jeden Mord eines NS-Täters nur fünf Minuten Freiheitsstrafe verhängten. Es ist ein Buch über die Verbrechen in unserem Staat, über Rache, Schuld und die Dinge, an denen wir heute noch scheitern. Wir glauben wir seien sicher, aber das Gegenteil ist der Fall: wir können unsere Freiheit wieder verlieren. Und damit verlören wir alles. Es ist jetzt unser Leben und es ist unsere Verantwortung.

Ganz am Ende des Buches fragt die Enkelin des Nazis den jungen Strafverteidiger : „Bin ich das alles auch ?“Er sagt: „Du bist, wer du bist.“ Das ist meine einzige Antwort auf die Fragen nach meinem Großvater. Ich habe lange für sie gebraucht.“ p. 46

Ein unter die Haut gehender Autor.

Ich danke dem Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars


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9. Station der Leseweltreise – Iran

Es handelt sich um die Autobiografie von Shirin Ebadi, geboren 1947,  die als ganz junge Frau Richterin an einem Teheraner Gericht wurde, später vom Khomeini-Regime zur Schreibkraft in selben Gericht degradiert wurde und erst ab 1992 als Anwältin praktizieren durfte. Sie verteidigte – trotz persönlicher Gefährdung – Regimekritiker, misshandelte und diskriminierte Frauen und Kinder. 1994 gründete sie einen Kinderschutzbund. 2003 bekam sie den Friedensnobelpreis.

Shirin Ebadi ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.

Ich habe diese Autobiografie einer ungemein mutigen Frau mit großem Interesse gelesen. Zwei Aspekte haben mich besonders interessiert.

Shirin Ebadi führt ihren Mut darauf zurück, dass sie das große Glück hatte in einer Familie aufzuwachsen, in der die Töchter genauso geschätzt und gefördert wurden wie die Söhne. Dies war absolut keine Selbstverständlichkeit und sie wusste diese frühe Prägung sehr zu schätzen als sie bemerkte wie viele iranische Frauen das Gefühl der Minderwertigkeit, das sie schon als kleine Mädchen vermittelt bekommen hatten nicht abschütteln konnten.

Shirin Ebadi hatte aus Abneigung gegen das korrupte Shah-Regime anfangs die Khomeini-Revolution unterstützt. Sehr bald wurde ihr klar, dass sich die Situation des Landes, vor allem die Situation der Frauen keineswegs verbessert hatte. Mit größtem persönlichen Mut und Einsatz führte sie ihren Kampf für Menschenrechte, trotz Schikanen jeder Art, trotz Gefängnisaufenthalten und Morddrohungen verstummte sie nicht. Besonders bemerkenswert fand ich, dass sie nie den Islam in Frage stellte, sondern die Meinung vertrat, dass alles, was sie forderte innerhalb des schiitischen Islam möglich wäre. Sie legte sich mit hochrangigen Geistlichen an, die ihre Standpunkte offenbar aus religiöser Sicht nicht widerlegen konnten. Trotzdem konnte sie sich gegen das Regime und jeden einzelnen Mullah nicht durchsetzen.

„Im Islam gibt es eine als ijtihad bekannte Tradition der rationalen Auslegung, die seit Jahrhunderten von Juristen und Geistlichen gepflegt wird, um die Bedeutung der Lehren des Korans sowie deren Anwendung auf moderne Vorstellungen und Situationen zu diskutieren. Im sunnitischen Islam, der den ijtihad ablehnt, wird dieser seit Jahrhunderten nicht mehr praktiziert, doch im schiitischen Islam sind der Prozess und der Geist des ijtihad lebendig. Ijtihad ist ein wesentliches Element des islamischen Rechts, weil es sich bei der Scharia  eher um eine Sammlung von Grundsätzen als um kodifizierte Normen handelt. Gelangt man durch den Prozess des ijtihad zu einer Entscheidung oder bestimmten Meinung, so bedeutet dies, dass ein Jurist eine bestimmte Frage (ob zum Beispiel eine Frau im 20.Jahrhundert wegen Ehebruchs gesteinigt werden sollte) durch die Anwendung von Vernunft und durch Deduktion bewertet und die mit dieser Frage zusammenhängenden Interessen nach Prioritäten ordnet“ p.260

Ich persönlich finde es ja schlimm genug, dass eine Steinigung überhaupt zur Debatte steht. Aber für jemanden der/die in einem System lebt, in dem Hinrichtungen jeder Art, das Abschlagen von Händen und die Verherrlichung des „Märtyrertodes“ normale Praxis sind, wäre  wohl die Anwendung des ijtihad ein deutlicher Fortschritt in Richtung Menschenrechte. Shirin Ebadi gibt uns auch ein Beispiel dafür:

„Während der ersten Jahre nach der Revolution entschied Ayatollah Khomeini trotz der strengen Einstellung der führenden Geistlichen, dass die nationalen Medien Musik senden durften. Er kam zu dem Schluss, dass die jungen Leute sonst vom westlichen Radio geködert würden und dies letztendlich schädlicher für die islamische Republik wäre. Durch den Prozess des ijtihad also gelangte er zu der Einsicht, dass eine Praxis aus dem siebten Jahrhundert für die Gegenwart ungeeignet sei“ p.260

Man könnte natürlich auch vermuten, dass Khomeini im Interesse des Machterhalts durchaus zu pragmatischen Entscheidungen kommen konnte. Derselbe Khomeini, der Tausende junge Iraner mit ihren Todeshemden im Gepäck dorthin schickte wo die Iraker Minenfelder gelegt hatten. Die jungen Männer wurden über diese Felder geschickt um mit ihrem Leben die Minen zu entschärfen, sodass die nachfolgende reguläre iranische Armee geringere Verluste hatte. Natürlich kamen sie als Märtyrer direkt ins Paradies.

2009 schließlich tat Shirin Ebadi, was sie nie tun wollte, sie ging ins Exil nach London.

Ein sehr aufschlussreiches Buch, dass allerdings für Menschen wie mich, die mit den Ereignissen in der islamischen Republik Iran nicht im Detail vertraut sind gewisse Längen aufweist, wenn es um die Schilderung von Verbrechen und Prozessen geht. Aber das kann man dem Buch nicht vorwerfen.


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Die Arabesken des IS

Die Sprache des Terrors

Spannendes Thema, neuer, spannender Ansatz. Philippe-Joseph Salazar wurde in Casablanca geboren und verbrachte dort auch seine Kindheit. Man kann wohl sagen, dass er in der arabischen Welt zuhause ist. Obendrein ist er ein Schüler von Roland Barthes, einem bekannten Linguisten und Semiotiker. Betrachtet  man diese beiden biographischen Daten, so erstaunt der linguistische Ansatz zum Verstehen des IS nicht.

Salazar beschäftigt sich hauptsächlich mit der Rhetorik des IS. Dazu geht er zunächst zurück zur französischen Revolution:

Wer wäre heute noch bereit, derartige Sätze überzeugend auszusprechen oder gar in die Tat umzusetzen: Saint Justs „Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit“ Robespierres „Wer den Himmel anruft, will die Erde an sich reißen“ oder Marats“Die Freiheit muss mit Gewalt errungen werden“ Heute will das niemand mehr. Nur noch das Kalifat. (p14)

Er beschreibt die blumigen Arabesken des politischen Diskurses des IS

Gegen diesen Stil sind wir machtlos: Unsere politische Sprache ist vergleichsweise steril, rhetorisch banal und ohne jede Poesie. (p17)

Äußerst erhellend ist auch der Vergleich zwischen westlicher und islamischer Rechtstradition. Wo die westliche Rechtssprechung auf Rechtsnormen beruht (diese und jene Handlungen sind aufgrund von diesen und jenen Gesetzen verboten), arbeitet die islamische Rechtssprechung mit Analogien, die auf Interpretationen des Korans oder der Prophetengeschichten beruhen.

Weiters beschäftigt sich Salazar mit der Person des Kalifen, mit der Art wie er an die Macht kommen kann und mit dem Blick des Kalifats auf „sein“ Territorium

Das Recht auf Besitz und Eroberung, welches das Kalifat für sich in Anspruch nimmt, ist nicht extraterritorial, vielmehr ist es eine Wiedereroberung also eine Bestätigung, dass ihm jegliches Territorium bereits gehört. (p. 41)

Das territoriale Argument des Terrors lautet also wie folgt: weil Frankreich bereits dem Kalifat gehört, zur Zeit aber von den Ungläubigen besetzt gehalten wird, muss man diese Ungläubigen terrorisieren (p 42)

Auf der grundlegenden Unterscheidung zwischen „langue“ (Sprache) und „parole“(Rede) baut Salazar seine Betrachtungen der Propaganda auf, mit der der IS Jugendliche potentielle Dschihadisten überzieht. Er analysiert eine Reihe von IS-Videos sowie Videos der Gegenpropaganda des Westens.

„Um es anders zu sagen: In der E-Technik Internet verlegt sich das Kalifat auf Qualität, wir hingegen legen Wert auf Quantität. Das Kalifat setzt auf Heroismus, wir setzen auf Prävention. Es setzt auf das Ideal, wir setzen auf den Durchschnitt. Es setzt auf Transzendenz, wir setzen auf die Mittelschicht“ (p. 76)

Äußerst interessant finde ich auch die Gegenüberstellung des Dialogs (ein großer Wert im Westen) und des Appells, einer im Kalifat geschätzten Art der Rhetorik (p 84 ff)

Über die Ausführungen Salazars zum Feminismus im Kalifat konnte ich mich nur wundern, ebenso wie über seine ausführlichen Beschreibungen der Attribute der Männlichkeit der Krieger des Kalifats.

„Das Kalifat macht den Krieg wieder zu einer Sache der Männlichkeit“ (p117)

Ein weiterer Aspekt, den Salazar aufzeigt, ist der Unterschied zwischen der ideologischen Richtung des Islam des Kalifats und jener des Iran, eines Landes mit einer indo-europäischen Kultur, die die schiitische Version des Islam praktiziert

„Schauen wir uns den iranischen Islam an: Hat man jemals gesehen, wie ein Soldat der islamischen iranischen Revolution eine moralische Ansprache hielt und einem Opfer die Kehle durchschnitt, trotz aller Kriege und Schlachten, die seit der Entthronung des Schahs und der Erneuerung der schiitischen Herrschaft stattgefunden haben ? Nein, denn das ist nicht seine Aufgabe.“ (p 124)

„Im Iran, einer indoeuropäischen Kultur regiert der Klerus, schützen die Revolutionsgarden und arbeiten die Menschen, das ist das von Platon in der Republik beschriebene trifunktionale Modell (p.125) In der anthropologischen Sphäre, der die semitische und die arabisch-muslimische Welt, mit Ausnahme des Irans, entstammen, gibt es jedoch keine derartige funktionale Teilung. Ein arabisch-islamischer Soldat kann als Opferpriester handeln und seine Handlung während einer Liturgie des Menschenopfers auch als solche bezeichnen“ (p125)

Auch mit der Psychologie der ins Kalifat einwandernden jungen Menschen beschäftigt sich Salazar:

„Plötzlich – oder endlich- entdeckt man, dass Dschihadisten nicht zwingend dumm, minderbegabt, marginalisiert, gescheitert und ausgegrenzt sind, sondern in nicht wenigen Fällen Diplome vorweisen können, Söhne aus gutem Hause oder folgsame und fleißige Mädchen sind, die ihre Entscheidung häufig wortgewandt auszudrücken und zu beschreiben in der Lage sind (p. 142)

Salazar thematisiert noch die westliche und die dschihadistische Diskursgemeinschaft und erläutert seine Ansicht, wie der Krieg gegen den IS in einen bewaffneten Frieden umgewandelt werden könnte.

Keine einfache Lektüre, aber insgesamt ein hochinteressantes Buch mit ausführlicher, weiterführender Bibliographie zum Thema. Nicht besonders gut ist die Übersetzung. An vielen Stellen fand ich die Terminologie nicht so gut gewählt bzw verstand ich sie nur durch „Rückübersetzung“ ins Französische.

Philippe-Joseph Salazar

„Die Sprache des Terrors“

Pantheon Verlag: 2016

ISBN: 978 – 3-570- 55343 – 5

Vielen Dank an den Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars