la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Montag 16.November 2020 – Der zweite

Der Lockdown Nummer 2 also, ab morgen. Beim ersten Mal war ich froh, dass alles heruntergefahren wurde, inklusive Schulen. Es kam mir damals etwas unheimlich vor, mit den Öffis zu fahren, große Gruppen zu unterrichten. Dabei waren die Infektionszahlen im März bei gerade 100 pro Tag, vor kurzem waren sie bei fast 10.000. Angeblich sollen die österreichischen Zahlen pro Million Einwohner die höchsten der Welt sein. Das glaube ich nicht so ganz, denn die Zahlen, die aus manchen Ländern gemeldet werden, sind wahrscheinlich nicht besonders glaubwürdig. Aber schlimm genug wäre es schon, die höchsten Zahlen Europas zu haben.

Tatsächlich hat sich das distance-learning als ziemlich anstrengend für alle Beteiligten entpuppt und in weiterer Folge als Ursache für eine katastrophale Vergrößerung der Gräben zwischen von zuhause geförderten Kindern und solchen, deren Eltern sie gar nicht unterstützen können oder wollen. Beim zweiten Durchgang des Lockdown soll wieder der gesamte Unterricht auf distance-learning umgestellt werden. Die älteren Schüler*innen schaffen das ganz gut, die kleineren aber nicht. Abgesehen vom Kanzler war so ziemlich die gesamte Regierung und viele andere Entscheidungsträger gegen die Schulschließungen. Aber der Herr Kurz lässt ja keine großen Zweifel darüber, wer das letzte Wort hat.
Es haben aber schon viele Schulen Systeme ausgeklügelt, wie sie doch unterrichten können. Die Schulen sind ja nicht geschlossen, es findet eine Betreuung statt und immerhin beim zweiten Durchgang ist man darauf gekommen, dass man ja statt die Kinder nur zu bespaßen die Gelegenheit nützen könnte, gerade die schlechteren Schüler*innen zu fördern. Das Unterrichtsministerium verteilt Tablets und Laptops an Schüler*innen und Sonderverträge an Lehramts-Studierende in hohen Semestern. Eine österreichische Lösung: bei ungeliebten Bestimmungen gibt es so viele Ausnahmen und Sonderfälle , dass man sich die Regelungen genauso gut hätte ersparen können. Wir Österreicher sind noch aus Habsburgszeiten ein ziemlich autoritätsgläubiges Volk, andererseits ist aber die kreative Umgehung von Gesetzen und Bestimmungen, die einem selbst nicht sinnvoll erscheinen, ein beliebter Volkssport.

Diesmal bin ich am Tag vor dem Lockdown ziemlich nervös. Den ganzen Tag lang habe ich den Eindruck, dass ich irgendetwas vergessen haben muss, dass ich unbedingt vor dem Schließen des gesamten Handels besorgen müsste. Aber was ? Sicher keine Gegenstände des täglichen Gebrauchs, ich bin immer schon eine große Vorratshalterin gewesen, ganz abgesehen davon, dass die Supermärkte nicht schließen. Ich weiß einfach nicht, woher diese Unruhe gekommen ist. Jetzt ist es auf jeden Fall ohnehin zu spät.


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Mittwoch, 30. September 2020

Über Psychotherapien denke ich nach. Mir kommt vor, dass nach Meinung ihrer Klienten, viele Therapeuten, ebenso wie die Lehrer*innen übrigens, an praktisch allem schuld sind, was ihren Klienten so widerfährt, teilweise sogar an den Dingen, die ihnen widerfuhren  lange bevor die Therapeuten in ihrem Leben auftauchten.  Vielleicht bin ich da etwas übersensibilisiert, weil ja Lehrer*innen auch an praktisch allem schuld sein sollen, nicht nur im schulischen sondern auch im allgemein gesellschaftlichen Bereich. Das ist ein Thema im Schulbetrieb, das ich nicht in absehbarer Zeit loslassen sondern weiterverfolgen werde.

Aber zurück zu den Therapeuten. Sehr zentral scheint mir das Thema der Abgrenzung. Es herrscht der Ansatz vor, dass sich Ärzte und Therapeuten abgrenzen müssen vom Leiden der Patienten bzw Klienten. Dass es schlichtweg nicht  zu ertragen ist, mit Dutzenden, mit Hunderten Menschen mitzuleiden. Die Abgrenzung dient der Psychohygiene der Ärzte und Therapeuten, dient letztlich aber auch jenen, die Hilfe und Unterstützung brauchen. Niemand hat unendlich viel zu geben, jede/r muss seine eigenen Batterien immer wieder aufladen. Das kommt mir vernünftig und ausgewogen vor.

Kürzlich sprach ich mit einem buddhistisch orientierten Arzt über das Thema der Abgrenzung in medizinischen und helfenden Berufen. Er vertrat die Theorie, dass Mitgefühl keine Grenzen kennen dürfe, dass man sich keineswegs abgrenzen dürfe vom Leiden anderer, sondern sich vielmehr voll auf alle Mitmenschen einlassen müsse. Sagt er, tatsächlich ist er selbst ein höchst empathieloser, unfreundlicher, selbstherrlicher Mensch und der Graben, der zwischen seiner Selbsteinschätzung und der allgemein vorherrschenden Fremdeinschätzung liegt, ist sehr tief.

Es ist auch sehr schwierig, das eigene Glück im Auge zu behalten und sich gleichzeitig auf das Leid anderer einzulassen.


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Der Beichtstuhl

Ein schönes Exemplar von einem Beichtstuhl.

Ich erinnere mich, wie das war, als ich als Kind das letzte Mal zur Beichte ging. Neun oder zehn muss ich da gewesen sein. Vom schulischen Religionslehrer, der selbst auch Pfarrer war, wurde eine Schulmesse organisiert, was an meiner Schule sonst nicht Brauch war.

Aus irgendwelchen Gründen wurde nicht der Beichtstuhl benützt, sondern der Pfarrer saß in einer Art Büro und ließ die Kinder aufmaschieren. Als ich an der Reihe war, sagte ich wahrscheinlich irgendwelche „Sünden“ auf, die ich für angemessen hielt oder die mir irgendjemand empfohlen hatte zu sagen. Daran erinnere ich mich nicht. Ich weiß nur noch, als wäre es gestern gewesen, dass der Pfarrer zu mir sagte „warum kommst du, wenn du eh nicht dran glaubst?“ Das hielt ich für eine absurde Frage, denn die Möglichkeit an dem Ereignis nicht teilzunehmen, war ja nie angeboten worden. Ich weiß noch, dass ich konsequenterweise aufstehen und gehen wollte, aber der Pfarrer, der es – aus heutiger Sicht betrachtet – wahrscheinlich nicht mit seinem Amtsverständnis vereinbaren konnte, ein „sündiges“ Kind einfach gehen zu lassen, hielt mich zurück, machte dann doch sein Kreuz und murmelte „ego te absolvo“.

Ich weiß nur noch, dass ich nicht verstand, wieso er mich zuerst fast rausgeschmissen hatte, was ich durchaus angemessen gefunden hätte und mich dann doch genauso behandelte wie alle anderen. Der arme Mann war wohl auch reichlich frustriert über seine eigene Handlungsweise.

Das war, soweit ich mich erinnere, meine letzte Begegnung mit der Beichte, denn ich wurde mit fortschreitendem Alter nicht gläubiger


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Samstag 5.9.20 – ständige Ferien

Montag beginnt die Schule ohne mich. Losgelassen habe ich definitiv noch nicht. Ich verfolge die hausinternen e-mails, habe die Stundenpläne der alten und neuen Kollegen studiert, es war mir wichtig, dass die Zugänge alle noch offen sind. Ich denke, in ein paar Monaten wird mir das alles weitgehend egal sein, zumindest aber werde ich innerlich um einiges weiter weg sein.

Den Moment der Pensionierung hätte ich nicht besser wählen können: die Schule zieht in ein renoviertes Haus, das mir nicht besonders sympathisch ist. Es gibt keine Schlüssel mehr sondern nur noch Chipkarten auf denen die jeweiligen Berechtigungen für den Eintritt in diverse Räume gespeichert sind. Hat für mich einen Geschmack von Misstrauen. Es dürfen nicht mehr alle Lehrer*innen überall hinein, wie das davor der Fall war.

Für über 150 Lehrer gibt es nur 25 Arbeitsplätze, jede/r bekommt aber ein privates Stehpult. Ein Stehpult!! Klingt für mich wie die Zustände auf dem Arbeitsmarkt im 19. Jahrhundert: Stehpult und Ärmelschoner. Das wird sich sicher irgendwie einspielen, man gewöhnt sich an alles, aber ich bin froh, dass ich mir das erspare.

Obendrein gibt es die Corona-Ampel, die in Wien auf gelb steht, was für die Schulen heißt, dass auf den Gängen Masken getragen werden sollen. Auf eine Beteiligung an diesem Zustand verzichte ich auch gerne.

Was mir wirklich fehlen wird, ist der Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen. Es ist schon ein feiner Zustand, wenn man täglich zwanglos viele Menschen trifft ohne dass man erst Treffen vereinbaren muss. Nicht dass ich alle meine Kollegen heiß geliebt hätte, aber ich habe mit sehr vielen gerne geredet und bin mit anderen persönlich befreundet. Die Aufrechterhaltung von Freundschaften, die aus dem beruflichen Umfeld kommen, halte ich aber für recht schwierig, weil ein sehr großer Teil der gemeinsamen Interessen weg fällt. Natürlich trifft man einander noch, aber es nicht mehr dasselbe. Verschiedene Lebensphasen, verschiedener Freundeskreis. Was ja nicht negativ ist aber eine gewisse Flexibilität erfordert.

Flexibilität ist überhaupt gefragt. Eigentlich wollte ich in diesem Herbst viel reisen. Daraus wird nichts werden, weil ich mir das komplizierte rundherum nicht antun will. Ich erinnere mich an einen Ausspruch von Konrad Lorenz „jeden Tag vor dem Frühstück eine Lieblingstheorie einstampfen, das erhält jung“. In meinem Fall geht es nicht um Theorien sondern um Pläne, aber vielleicht hält deren Einstampfung auch jung, zumindest geistig


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Sonntag 30. August 2020 – die Hexe Kniesebein und meine Titanhüfte

Da stehe ich mitten im Wald vor einem steilen Abwärtsweg. In die andere Richtung geht es steil bergauf, auch nicht besser. Viele Steine und Zapfen wenig Wurzeln über die man gut gehen könnte. Obendrein stehe ich da ganz allein. Der F ist bergauf unterwegs.

„Tief im Walde ganz allein wohnt die Hexe Kniesebein (aus „Hatschibratschis Luftballon“)“

Einmal ganz abgesehen davon, dass ich nicht tief im Walde bin und Häuser und Kirchen des schönen Mödlings von weitem zu sehen sind, hat ja die Kniesebein sicherlich einen besseren Orientierungssinn als ich. Was zwar keine Kunst ist, aber hilfreich. 

Ich schweife ab, also Weg hinunter oder hinauf? Andere Möglichkeiten gibt’s nicht. Es sei denn ich wollte quer durch den Wald. Will ich nicht. Was hat doch der Orthopäde am Mittwoch bei Betrachtung meiner Röntgenbilder gesagt. Da haben Sie aber Glück gehabt, hat er gesagt. Bei so einem Sturz passiert der Prothese selten etwas, aber der Knochen ist das fragilere Teil und kann leicht splittern. Aber ich erinnere mich an die OP, Sie waren eine mit besonders harten Knochen. Und schön eingewachsen ist die Prothese, hat er gesagt und dass ich mir die Kontrolluntersuchung im Dezember zum zweijährigen Jubiläum der OP ersparen kann. Es steht alles zum Besten. 

Trotzdem werde ich mein Glück jetzt nicht überstrapazieren und den Weg gaaaanz vorsichtig hinuntergehen. Die erprobten und bewährten Wanderstöcke aus Gastein liegen gemütlich im Auto. Die werden sich die äh.. Hände reiben. Das Auto steht irgendwo, der F war sich auch nicht ganz sicher wo sein ausgewählter Wanderweg beginnt. 

Wenn ich unten ankomme, setze ich mich in eines der zahlreichen Lokale in der Fußgängerzone. Bobo-Lokale würde die Frau Erkurt sagen. Frau Erkurt ist eine türkischstämmige Germanistin, die ich als Journalistin beim Biber sehr schätze. Sie hat ein Jahr an einem Gymnasium unterrichtet und darüber ein Buch geschrieben. Dann ist sie in ihren ursprünglichen Job als Journalistin zurückgekehrt. Jetzt wird sie heftig von allen Seiten zu ihrem Buch interviewt. Ich bin auch ganz ihrer Meinung, dass unsere Schulen für Kinder, die bildungsmäßig von ihren Eltern nicht unterstützt werden (können), schlecht funktionieren. Was ich irritierend an ihr finde, ist, dass sie immer nur von zwei Gruppen von Menschen spricht: von den Migranten und den Bobos. Das ist denn doch eine sehr verkürzte Darstellung der gesellschaftlichen Realität, im Bildungsbereich und überhaupt. 


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Donnerstag 27. August 2020

Ein Moment des Triumphes ist es, wenn es mir gelingt, bevor ich eine Hose in die Waschmaschie befördere, ein Papiertaschentuch herauszufischen. Das Nichtstattfindenmüssen vom Pflücken der Fussel von sämtlichen Kleidungsstücken aus der Maschine ist ein wunderbares Gefühl. Und wie viel Zeit es doch spart, nicht 20045 kleine weiße Fussel von allen möglichen Textilstrukturen zu ernten.

Weniger triumphal ist es, dass das geplante Schulbeginnsfest nicht stattfinden wird. Zu viele Menschen auf einem Fleck. Während dieses Festes war die Besichtigung des renovierten Schulgebäudes und die Verabschiedung jener, die in diesem Schuljahr in Pension gehen geplant. Ich dachte immer, dass mir an solchen Festlichkeiten nichts liegt, aber womöglich habe ich mich da geirrt, denn es tut mir richtig leid.

Nächste Woche oder sogar schon morgen soll ein „Corona-Ampel-System“ mit vier Farben vorgestellt und eingeführt werden. Grün – Gelb – Orange – Rot. Es gibt Regionen, in denen diese Ampel auf grün steht, nicht so in Wien. Mindestens gelb wird es werden und das heißt, dass in Schulen in den Gängen Masken getragen werden müssen. Diesbezüglich bin ich sehr froh, nicht mehr dabei zu sein. Was „orange“ für Konsequenzen hat, hat sich noch nicht bis zu mir herumgesprochen.

Dreimal in dieser Woche habe ich Oktopus gegessen, an verschiedenen Orten, in verschiedener Zubereitung, in verschiedener Gesellschaft. Und immer denke ich, dass man diese hochintelligenten Tiere nicht essen sollte. Zu ihrem Unglück schmecken sie aber nun mal sehr gut.

Ach, ich bin derzeit insgesamt nicht annähernd so ruhig und ausgeglichen wie es vielleicht wirken mag.


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Montag 29. Juni 2020

Ein Teil der Kollegen war gemeinsam in einem Raum im noch aktuellen Schulgebäude anwesend, andere waren über das restliche Haus verteilt. Der größte Teil des Kollegiums saß zuhause oder sonst irgendwo vor einem Computer oder ähnlichem Gerät. Im neuen bzw renovierten Schulgebäude, das im September eingeweiht werden soll, gab es auch schon ein WLAN-Netz und dort saßen diejenigen, die heute mit Übersiedlungsarbeiten dran waren. So lief unsere heutige Notenkonferenz ab, ziemlich zerstreut würde ich sagen. Insgesamt sehr improvisiert, denn das Ministerium schmeißt einen Erlass nach dem nächsten raus, wirft wieder alles um und verlautbart das Gegenteil… Nachdem es keine Vergleichswerte gibt, ist es auch schwer zu beurteilen wie gut oder schlecht alles läuft bzw ob es nicht noch verworrener laufen könnte.

Gestern habe ich ein Interview mit Christine Nöstlinger gehört, anlässlich ihres zweiten Todestages. Ihre Stimme finde ich unverwechselbar obwohl ich nicht besonders gut im Erkennen von Stimmen bin. Sie erzählte, dass man als Tochter seiner Mutter nicht entkommen könnte auch wenn man – wie sie – als Jugendliche und junge Frau heftige Konflikte mit ihr ausgetragen hätte. Im Alter würden Töchter nolens volens ihren Müttern immer ähnlicher. Ein Körnchen Wahrheit finde ich da schon. Ich kenne zwei Frauen für die es geradezu ein Lebensziel war, nicht so zu werden wie ihre Mütter. Bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang, dass Christine Nöstlinger einer ihrer beiden Töchter auch den Namen Christine gegeben hat.

Er flattert elegant und orange und ist der Sonnenschirm, den wir am Wochenende erworben haben. Ganz erstaunlich wie einfach es ist, mit so einem Sonnenschirm Sommer- und Urlaubsstimmung zu erzeugen. Ich würde es ja bei weitem vorziehen, im Regen unter dem Schirm zu sitzen; aber der Verkäufer, der so unfreundlich war, dass er nur ein umgeschulter Aussteiger aus der Wiener Gastronomieszene sein kann, versicherte mir, dass der Stoff nicht wasserdicht ist. Ich werde es natürlich ausprobieren. Nachdem wir nun einen granitenen Schirmfuss haben, der schwer genug ist, den F zu überzeugen, dass ihn der Wind nicht wegtragen kann, liegt ein Aufrüsten mit einem zweiten Schirm aus wasserdichtem Stoff im Bereich des leicht Verwirklichbaren.


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Und noch ein Fall

Eine weitere Covid-19-Infektion in einer anderen Klasse. Langsam werde ich unruhig. Insgesamt wird ja die Pandemie als ziemlich erledigt betrachtet, jeder Tag bringt mehr Normalität, aber wenn es in der eigenen, unmittelbaren Umgebung mehrere Ansteckungsfälle gibt, relativiert das die Normalität doch sehr. Ja, ich bin besorgt und unruhig, was natürlich nichts besser macht. Angst ist insgesamt ungesund und würgt die Kreativität, weiß man ja. Zwischen Theorie und Praxis klafft ein breiter Spalt, in dem das Leben stattfindet. Weiß man auch.

 


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Einschlag auf der Zielgeraden

Es hat nicht mich persönlich getroffen, sondern eine Schülerin meiner Schule, die seit gestern mit Covid-19 im Krankenhaus liegt. Schon ein Schock! So etwas trifft doch immer nur Leute, die man nicht kennt. Eine Flut von Bürokratie rollt über uns, gefühlte zweitausend Formulare zum Ausfüllen, ein Dutzend Schüler*innen und ebenso viele Lehrer*innen für zwei Wochen in Quarantäne. Wie alles im Leben hat es auch eine positive Seite: wir werden alle durchgetestet.

Mir ist schon ziemlich unheimlich, dass mir das Virus nun so nahe kommt. Zwar ist es ohnehin seit Monaten ganz in der Nähe und ich habe einfach nur Glück gehabt, aber in Verdrängung bin ich Weltspitze und das geht gerade nicht so gut. Die Lehrerzimmer sind so perfekt durchlüftet wie noch nie, was auch nicht unproblematisch ist, weil die Schule ja im Sommer zurückzieht in das renovierte frühere Schulgebäude und derzeit Gebirge von Büchern und Papier herumliegen, bereit zum Einpacken. Vor der Tür steht der erste LKW der Spedition. Die Kollegin, die die Operationen heute dirigiert, hat gerade ein mail geschickt, wir mögen doch bitte in die Umzugskartons nicht mehr hineinpacken als wir selbst tragen könnten. Die Herren von der Spedition müssten 3 Kisten auf einmal transportieren. Die sind also dreimal so stark wie jeder von uns ? Ob es die gesamte männliche Kollegenschaft schaffen wird, diese Schätzung unwidersprochen zu lassen.

Alles Galgenhumor ! Tatsächlich fürchte ich mich ziemlich und werde gleich die 375 Formulare für die Anmeldung zum Test ausfüllen, komplett und richtig …


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Mittwoch 3. Juni 2020

So hat denn die Präsenz-Phase in der Schule wieder begonnen, die dann Ende Juni in die Sommerferien übergehen wird. Jede Klasse ist in zwei Gruppen geteilt von denen eine an den geraden Tagen, die andere an den ungeraden kommt. Es hat etwas leicht Gespenstisches wenn so wenige Leute in den Gängen aneinander vorbeihuschen. Alles in allem habe ich mich gefreut, die Kollegenschaft und die Schülerinnen wiederzusehen. Es hat auch ziemlich gut getan, die wenig bodenhaftenden Vorstellungen unseres Ministers ausgiebig zu besprechen und Geschichten aus dem Leben der Schüler*innen zu erfahren. Weniger begeistert hat mich das Versprühen des garantiert am scheußlichsten riechenden Desinfektionsmittels. Es muss reiner Fusel sein, aus der Zeit als Desinfektionsmittel nicht aufzutreiben waren und die Schulen doch mit irgendetwas ähnlichem versorgt werden mussten. Wir rochen also alle ziemlich durchdringend.

Nachdem es in Wien heute offiziell nur mehr 254 Covid-19-Infizierte gab, erschien es mir ziemlich lächerlich mich zu einer Risikogruppe zu rechnen und weiterhin von zuhause aus zu arbeiten. Obendrein hätte mir das um einiges mehr Arbeit verursacht. 80% aller Lehrer*innen, die sich zur Risikogruppe hätten zählen können, sind zum Präsenzunterricht  gekommen. Welcher der beiden Fakten mich stärker beeinflusst hat, sei nun dahingestellt.

Ebenso gespenstig wie die Schule zeigte sich das Kieser Studio, wo ich gestern war. Man muss sich auf die Viertelstunde genau anmelden, wobei aber nicht genau zu eruieren ist, wie viele Leute auf einmal hinein dürfen. Die Trainingsmaschinen wurden umgestellt, so dass nicht mehr nebeneinander sondern hintereinander trainiert wird. Dieser Position der Geräte kann ich viel abgewinnen, man sieht nicht mehr aus den Augenwinkeln die Nachbarn zur Rechten und zur Linken sondern die Hinterfront des Geräts vor einem. Man wird sehen, wie lange die Situation so bleibt.

Vielleicht lerne ich es doch noch, manchmal den Mund zu halten, wenn bodenloser Schwachsinn verzapft wird von Leuten, die sich durch das Lesen von drei Artikeln als Expert*innen zu einem Thema fühlen, über das ihnen aber in Wirklichkeit die allergrundlegendsten Kenntnisse fehlen. Ja, ich bin ganz optimistisch vielleicht wird da noch was draus. Wenigstens manchmal.

 


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Samstag 23.5.20 – Präsenz und Idylle

Ich weiß nicht recht, wie ich die zwei letzten Tage nennen soll. „Schulisch überaktiv“, „Fernlernphase abschließend“, „Seit zwei Monaten inaktive Schüler*innen mit der Verkündung negativer Noten unangenehm aus dem Dornröschenschlaf reißen“. Jedenfalls sitze ich seit 48 Stunden praktisch ununterbrochen vor dem Computer. Es ist alles recht mühsam, weil ich wegen des Datenschutzes  jede Schülerin und jeden Schüler einzeln und privat verständigen und allen vor Beginn der Präsenzphase am 3.6. ihren derzeitigen Notenstand verkünden muss. Die Grundlagen für die Benotung des Fernunterrichts sind eine Kombination aus Vorurteilen, Illusionen und Wunschträumen. Bei den „Normalschüler*innen“ hat ja alles recht gut funktioniert, bei den Abendschülern eben noch ein bisschen schlechter als sonst. Viele sind zwei Monate lang einfach abgetaucht. Ob das an Problemen mit der Kommunikationstechnik, an mangelnden Fähigkeiten zur Selbstorganisation oder schlicht an Faulheit liegt, sei dahingestellt. Insgesamt war es eine interessante Erfahrung zum Abschluss meines Schulalltags.

Ich habe lange überlegt, ob ich mich als zur Risikogruppe gehörig deklarieren soll und habe mich nun dagegen entschlossen. Wahrscheinlich würde ich es nachträglich bedauern, meine Schulzeit ausklingen zu lassen in Risiko und möglicher Krankheit und Zurückgezogenheit auf Kosten der Kollegenschaft, die mich dann vertreten müsste. Ich werde also die ohnehin nur vier Wochen dauernde Präsenzunterrichtphase mitmachen und dann verhältnismäßig normal in den Sommerurlaub gleiten. Obwohl mich die häusliche Idylle langsam etwas kribbelig macht. Ja, leider ertrage ich Idyllen nie sehr lange …


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Freitag 15. Mai 2020 – Von Flaggen, Stühlen und der Gastronomie

Ob Themen wirklich in der Luft liegen, ob sie nur von Medien hochgepusht werden, oder ob die Medien sie aufgreifen, weil sie eben in der Luft liegen, ist sehr schwer zu beurteilen. In Österreich ist jedenfalls gerade das Thema „Auferstehung der Kulturveranstaltungen nach dem Lockdown“in aller Munde. Die zuständige Staatssekretärin wird von allen Seiten scharf kritisiert und man munkelt, dass sie bald zurücktreten wird.

Gestern bin ich an der Oper vorbeigefahren. Sie ist schwarz beflaggt. Ob es sich dabei um ein Symbol der Trauer um einen verstorbenen Menschen aus dem Opernmilieu handelt oder um die allgemeine Trauer um den Kulturbetrieb? „Kulturbetrieb bedeutet ja nicht, ein paar Stühle aufstellen und dann trägt jemand ein Gedicht vor“ sagte ich weiß nicht mehr wer. Ich hoffe sehr, dass sich zumindest bis Herbst alles einigermaßen normalisiert, vor allem natürlich wegen der finanziellen Lage so vieler Menschen, aber auch weil ich große Lust habe wieder regelmäßiger ins Theater und zu sonstigen Veranstaltungen zu gehen. Zeit werde ich dann ja haben. In dem Zusammenhang fällt mir ein Satz ein, der derzeit in aller Munde ist, wer immer ihn auch erfunden haben möge. Es gäbe derzeit schon mehr Virologen als Kranke.

Ein anderer Pfeiler österreichischen Selbstverständnisses nämlich die Lokale sperren ab heute wieder auf, wenn auch unter recht ungemütlichen Bedingungen: Tische ziemlich weit auseinander, vier Personen pro Tisch, das Servierpersonal muss Masken tragen. Völlig absurd finde ich, dass Gäste beim Betreten des Lokals Masken tragen sollen, die sie erst an ihrem Tisch abnehmen dürfen. Eine Augenauswischerei ist das. Entweder ist es gut und sinnvoll Masken zu tragen oder eben nicht. Dass es auf ein paar Metern Entfernung  Sinn machen soll, beim Sitzen am Tisch aber nicht, hat doch einen sehr schildbürgerlichen Anstrich. Ursprünglich hieß es ja, in den Lokalen müssen auch von den Gästen Masken getragen werden. Dass das Einschieben fester und flüssiger Nahrung dadurch doch sehr erschwert worden wäre, hat man beim Krisenstab dann auch eingesehen. Zwar würde ich sehr gerne endlich wieder einmal in einem Lokal sitzen und mit Leuten plaudern, die ich lange nicht gesehen habe, aber unter diesen Bedingungen werde ich noch eine Weile darauf verzichten.

Im Nebenzimmer brummt der Staubsauger, der bald einen besseren Nachfolger finden wird. Frau S. ist am Werk, was für mich ein sehr großer und wichtiger Schritt in die Vor-Corona Normalität ist.

Ich hasse ja das Putzen, obwohl ich derzeit eventuell doch lieber putzen würde als Schuldirektorin zu sein. Aus dem Unterrichtsministerium strömen jede Menge recht widersprüchlicher und unvollständiger Anweisungen aber nur sehr wenige Resssourcen. Man hat auch plötzlich zur Kenntnis genommen, dass viele Schulen in bedauernswertem baulichen und empörendem hygienischen Zustand sind. Es soll gebaut werden, „auch zum Ankurbeln der Bauwirtschaft“ sprach der Kanzler. Für seine Verhältnisse ist das eine der Wahrheit verpflichtete Aussage.

 


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Dienstag 12. Mai 2020

Seit über acht Wochen habe ich den Ort nicht mehr betreten. Das ist so lange her wie Sommerferien dauern. Im Eingangsbereich sind mehrere Tische zusammengestellt wie zu einem Buffet, nur stehen dort ausschließlich Flaschen mit Desinfektionsmittel und auf der verbleibenden freien Fläche sonnt sich eine Liste zum Ein- und Austragen der im Haus anwesenden Personen. Die Aufsicht über diese Schleuse führt der Portier, der einen größeren Vorrat an Zigaretten vor sich aufgetürmt hat und sehnsüchtig nach der Straße schielt, wo er sie rauchen könnte.

Im Lehrerzimmer liegen die Drehsessel mit der Sitzfläche auf den Tischen, dazwischen steht noch das Foto der kürzlich verstorbenen Kollegin. Ich reiße das Fenster auf und fahre einen Computer hoch. Wozu eigentlich, ich brauche ihn ja gar nicht. Einige Prüfungskandidaten stehen schon vor der Tür, brav maskiert, die meisten mit Masken in Fantasiedesigns. Ich bin überzeugt, dass der Nasen-Mundschutz in kürzester Zeit zum modischen Accessoire werden wird. Ein Kollege behauptet, dass die Fpp2-Masken viel angenehmer zu tragen sind, als die aus dem Supermarkt. Später, auf dem Heimweg habe ich mir welche besorgt und tatsächlich. Man bekommt nicht mehr und nicht weniger Luft als bei den anderen, sie sitzen aber besser und verrutschen nicht ständig wodurch man besser sieht und der Schutz ist vielleicht auch eine Spur besser.

Die Bücherregale sehen genauso schief und chaotisch aus wie am 13. März. In einem Regal liegt das Staberl der toten Kollegin, mit dem sie die an den Decken der Klassen befestigten Beamer ein- und ausgeschaltet hat, anstatt – wie wir anderen alle –  die größten Schüler damit zu beauftragen. Meistens sind auch die größten Schüler nicht groß genug und müssen noch auf einen Sessel oder gar einen Tisch steigen, und das erschien ihr gefährlich. Ach, Monica…

Wir sind uns alle nicht sicher, ob wir wie sonst üblich die Prüfungen schriftlich und mündlich abhalten sollen/müssen/dürfen. Die ministeriellen Erlässe zeichnen sich nicht so sehr durch Klarheit als vielmehr durch Länge aus, ohne aber alle Möglichkeiten zu berücksichtigen. Ein Prüfungskandidat hat ein Papierröllchen bedeckt mit einer winzigen Schrift in einen Kugelschreiber gepackt. Im Normalfall, hätte man die Arbeit für ungültig erklärt und er dürfte/müsste zum nächsten Termin nochmals antreten. Aber in Corona-Zeiten ist  die Arbeit nur negativ.

Die Öffis waren nicht annähernd so leer wie vor ein paar Wochen, aber akzeptabel. Wie sich die Situation entwickeln wird, wenn ab nächstem Montag die Kinder aus Volksschulen und Unterstufen wieder unterwegs sind, wird man sehen.


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Samstag 9.Mai 2020

Der Alltag mäandert vor sich hin, zwischen Idylle und Angst zwischen der Gewissheit der eigenen materiellen Sicherheit und der Sorge um andere.

Nächste Woche mache ich einen ausgiebigen Abschlussprüfungstag bei den Maturanten, zum ersten Mal seit 12.März wieder im  Schulgebäude.

Im Juni soll der Schulbetrieb in der Oberstufe wieder aufgenommen werden unter Vorgaben, die eigentlich bei Stundenplänen mit 14 Fächern kaum zu erfüllen sind. Klassen mit über 18 Schüler*innen sollen in zwei Gruppen geteilt werden, die an unterschiedlichen Tagen Unterricht haben sollen. Das ist bei Volksschulen sicher kein Problem, aber je mehr verschiedene Fächer und Lehrer*innen beteiligt sind, desto schwieriger bis zu unmöglich wird die Aufgabe. Obendrein gibt es Klassen mit mehr aber auch solche mit weniger als 18 Schüler*innen, also geteilte und ungeteilte Klassen mit insgesamt über 1000 Schüler*innen für die ein Stundenplan erstellt werden muss.

Das Chaos steht in den Startlöchern wenn am 18. Mai die Unterstufenschüler*innen wieder in die Schule kommen. Der Minister oder sonst irgendjemand im Ministerium hatte noch die geniale Idee, dass verschiedene Schulen in der gleichen Region bei Erstellung der Stundenpläne darauf achten sollten, dass Geschwister in verschiedenen Schulen an den gleichen Tagen Unterricht hätten. Solche Vorstellungen lassen mich an der praktischen Intelligenz ihrer Väter doch heftig zweifeln. Eine Idee, die so weit abseits jeder verwirklichbaren Realität liegt, ist gar nicht leicht zu finden. Die nicht besonders schwierige Erkenntnis, dass es auch in einem kleinen Land nicht zwei oder drei Geschwisterpaare in verschiedenen Schulen gibt, sondern zigtausende konnte sich nicht bis ins Unterrichtsministerium durchschlagen, zu steil, steinig und stachelig war der Weg. Meine Freude darüber weder Direktorin noch Administratorin zu sein, vermehrt sich mit jedem neuen Erlass beträchtlich.

Und dieser ganze Schlamassel nur dafür um maximal vier Wochen lang Präsenzunterricht zu halten. Meine Nichte, die gerne in die Schule geht, hat mir mit Grabesstimme mitgeteilt, dass das ja nur bestenfalls 10 Tage Unterricht für jede/n ergeben würde. Im Normalfall finden in der letzten Juniwoche diverse Kulturprojekte, Sportfeste etc statt. Auch in der vorletzten Juniwoche stehen normalerweise die Noten fest und die allgemeine Energie in einem Schulbetrieb ist nicht mehr auf Wissenserwerb gerichtet. Das soll nun- laut offiziellem Begehr – in diesem Jahr alles anders werden, es sollte bis zum letzten Tag gelernt werden. Auch hier zeigt sich der mangelnde Realitätsbezug des Ministeriums.


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Montag 27.April 20

Heute am ersten Tag der 7. Woche Bewegungsbeschränkungen ist auch mein erster Tag Normalisierung. Meine Wohnung strahlt vor Sauberkeit, man kann geradezu von einem Staubmangel sprechen. Alles gesaugt, gewischt, gebügelt, aber ich war es nicht und der F auch nicht. Jaaaaaa, die Perle Nr. 2 war da. Sie ist in Kurzarbeit und hat daher viel Zeit für Nebenjobs. Glücklicherweise stehe ich auf ihrer Liste der möglichen Nebenjobs ganz oben.

Die Carnivoren-Erde ist eingetroffen, zwar nicht am Freitag wie angekündigt, aber immerhin heute. Die Verpackung war halb aufgerissen, ich dachte schon jemand hätte den Inhalt des Pakets herausgeholt und für eigene Zwecke verwendet. War aber nicht so.

Es sammeln sich schon etliche Schul-Termine an. Eine abschließende Prüfung da, eine Zulassungsprüfung dort. Alles nur Schein, denn de facto werden alle überall durchkommen. Wenn sich der Minister hinstellt und milde lächelnd verkündet, man möge großzügig sein… Ob das im Endeffekt wirklich großzügig ist, für keine Kenntnisse positive Noten zu vergeben, wird sich erst herausstellen. Ob dieses Leitmotiv ein gutes für ein Schulsystem sein kann ?

Das soll natürlich kein Symbolbild für lückenhafte Kenntnisse sein.