la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Nur ein mildes Lächeln habe ich übrig für diese Filme

Ich meine die, in denen ein genialer Pädagoge in eine Klasse einer Brennpunktschule kommt, meistens in irgendeinem amerikanischen Slum, ein oder zweimal irgendetwas absolut cooles und geniales tut und schwuppdiwupp werden aus den haltlosen Jugendlichen entweder hochbegabte Musiker oder Anwärter auf den Nobelpreis. Problemlos. Unsereiner kann da nur sprachlos staunen.

Ich arbeite in keinem Slum, noch nicht einmal an einer Brennpunktschule, nur an einer Abendschule, die sich wohl nicht wesentlich von anderen unterscheidet. Hier hat die Wirklichkeit nichts mit den Filmen gemein.

Die Lebensrealität unserer Studierenden liegt fernab von Ausbildung, erworbenen Kompetenzen, beruflichem Aufstieg. Es ist manchmal schwer auszuhalten. Diese leer erscheinenden Blicke, die wahrscheinlich auf die innere Traumwelt gerichtet sind, die sich in keinem noch so winzigen Schritt, keiner noch so einfachen Handlung in der Realität abbildet. Die Konzentrationsspannen von gerade ein paar Minuten, in denen sie sich losreißen können von der permanent laufenden Unterhaltung auf whatsapp oder Instagram oder was immer. Manchmal haben wir, meine Kollegen und ich, den Eindruck bei jemandem einen Ansatzpunkt gefunden zu haben um ihr oder ihm einen gangbaren Weg in eine selbstbestimmte Zukunft vorschlagen zu können. Manchmal gibt es den einen oder anderen hoffnungsvollen Beginn, ein Aufblitzen von Interesse an einer Ausbildungsrichtung, an einem Thema, an einem anzustrebenden Beruf. Einige wenige Male gelingt es. Der Normalfall ist das nicht. Meist scheitern die Vorsätze an der ersten Hürde, meist besteht die erste Hürde darin, sich einer Sache wirklich zu widmen, Zeit und Energie hineinzustecken und Konzentration.

Das gibt es in den Filmen alles nicht. Da wird die Illusion hochgehalten, dass jemand der/die sich bis zu einem Alter von zwanzig und darüber hinaus nie für irgendetwas interessiert hat, nie irgendetwas konsequent betrieben hat, plötzlich doch imstande ist, sich zu fokussieren und seine selbstschädigenden Verhaltensweisen zu verändern. Wäre ja schön, spielts aber nicht.

 

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Banalitäten in den letzten Sommertagen

Zum Glück bieten die mongolischen Studierenden immer Abkürzungen ihrer Namen an. Ich sehe mich außerstande  Namen wie Lkhagvasuren oder Gunjnaash auszusprechen oder sie mir zu merken. Es sind lange, für Europäer fast unaussprechliche Namen. Mit Abkürzungen wie Nogi oder Migo können wir schon eher leben. Es ist eine unangenehme, irgendwie unfreundliche Situation, wenn man sein Gegenüber nicht beim Namen nennen kann. In dieser Gruppe von 22 Studierenden sind 9 aus der Mongolei. Schwierig genug wird es sein , wenn man als Mongole drei europäische Sprachen so gut wie gleichzeitig lernen muss/soll/kann.

Nette Anekdoten sammeln sich da an. Im Spanischunterricht frage ich eine mongolische Studierende, was sie denn machen würde, wenn sie den Zug versäumt und erwarte eine Antwort wie „den nächsten nehmen“ . Aber keineswegs, dann würde ich ein Pferd nehmen, sagt sie, in der Mongolei stehen auf jedem Bahnhof Pferde, für den Fall, dass jemand den Zug versäumt. Dass jemand nicht reiten kann, ist in dem Konzept offenbar nicht vorgesehen.

Und wen treffe ich auf dem Heimweg im Bio-Supermarkt? Allerdings nicht bei Obst und Gemüse sondern beim Zotter-Schoki-Regal? Unsere Schulärztin, ganz vertieft in die Betrachtung und den Vergleich von diversen Schoko-Sorten. Ich habe mich dazu gesellt und wir haben die Vorzüge und Geschmacksnuancen von vielen Sorten durchdiskutiert, vom medizinischen Standpunkt gewissermaßen.

Morgen soll der letzte wirklich heiße Tag sein. Es wird wirklich Zeit, ich habe gerade beim gießen eine aufgeblühte Rhododendrenblüte gefunden, die war eindeutig für den nächsten Frühling bestimmt.


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Alltag asiatisch

Heute habe ich es kulinarisch deutlich besser gemacht als gestern: ich habe den Wirten mit den zweifelhaften Kochkünsten links liegen lassen und bin zum nächstgelegenen Asiaten gegangen. Dort gibt es erfreulicherweise bis 17h eine Auswahl von Menüs und auch noch eine recht umfangreiche Speisekarte. Aber es ist eben deutlich weiter zu gehen. Nachdem es bei meinem Hüftgelenk derzeit nur relativ schlechte, schlechte und ganz schlechte Tage gibt, ist es einfach mühsamer. Aber der Mensch muss ja nicht immer nur die leichten Wege humpeln.

Es gibt Erfreuliches in der Abendschule: der junge Mann, den ich im vorigen Semester rausgeschmissen habe, weil er in den Stunden ausschließlich auf seinem Smartphone herumgewischt und getippselt hat, ist wieder da und beteiligt sich doch glatt am Unterricht. Sogar ein Lächeln habe ich heute gesehen, wo er doch bisher nur starre Miene gezeigt hat. Vielleicht hat sich sein Leben im positiven Sinn verändert oder er wird gar erwachsen. Jedenfalls freut mich das sehr, weil ich ihn für einen ganz hoffnungslosen Fall gehalten habe. Ich bemühe mich auch, ihm die Rückkehr zu erleichtern, habe mir jeden erstaunten Kommentar verkniffen und arbeite nur mit Lob. Gelingt, passt, fein!

Es ist immer noch so warm, dass ich von morgens früh um acht bis abends um zehn ärmellos unterwegs war und immer richtig bekleidet war. Nicht einmal eine Jacke oder Weste habe ich mitgenommen, weil ich jedes Gramm einspare um möglichst wenig herumzutragen.


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Die finsteren Seiten der Wirt´n um´s Eck

Ich spiegele mich in der Sonnenbrille der Studierenden, die mir gegenüber sitzt. Zu jeder Jahreszeit trägt sie  Sonnenbrillen, nicht auf der Nase sondern wie einen Haarreifen auf dem Kopf und zum zweihundertsten Mal frage ich mich, wie die Brille auf dem glatten Stoff des Kopftuchs hält, ganz besonders wenn die junge Frau wie jetzt gerade den Kopf über ihre Mitschriften gebeugt hat und die Brille in einem Winkel liegt, der es mir erlaubt mich darin zu spiegeln. Neben ihr sitzt eine Afrikanerin mit einer besonders faszinierenden Zöpfchenfrisur. Bei dieser Version hat man den Eindruck, dass die Zöpfchen schwerelos sind und in alle Richtungen die tollsten Kaskaden bilden. Sonnenbrillen, Zöpfchenfrisur, bei mir erfüllen wahrscheinlich die Ohrringe den gleichen Zweck.

Oft, oder genauer gesagt jedes mal wenn ich dort gegessen habe, beschließe ich nicht mehr zu dem Wirten gegenüber der Schule zu gehen. So ging ich also heute wieder einmal hin. Immerhin sitzt man da im Freien und es gibt vernünftige Zeitungen zu lesen. Was soll ich sagen, die „Minestrone“ genannte Flüssigkeit war extrem fett und die Nudeln sahen wie Maden aus. Das Brathuhn mit Risibisi – hier Risipisi genannt – war so zäh und trocken als hätte es Urlaub in der Wüste gemacht, gemeinsam mit den Erbsen. Der Reis war immerhin genießbar wenn man ihn im Bratensaft anfeuchtete bzw ertränkte. Wieder einmal beschloss ich nie wieder hier zu essen, zumindest morgen nicht.


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Dienstagsmarathon

Mein Stundenplan ist sehr fein, aber die Dienstage sind unendlich. Ich bin um 8:00 aufgestanden und um 22h15 nachhause gekommen. Dazwischen habe ich unterrichtet und einen Berg Administratives erledigt, eine Menge neuer Schüler*innen und Studierender kennengelernt und natürlich auch eine Pause gehabt in der ich zur Abwechslung vom asiatischen Essen gebackenen Parasol gegessen habe. Sehr ungewöhnlich, dass es diese Pilze in Lokalen oder auch auf dem Markt gibt. Meist muss man sie selbst im Wald pflücken, falls man denn Gelegenheit dazu hat.

Heiß und stickig ist es in unserem derzeitigen Schulgebäude. Im dritten und vierten Stock Saunatemperaturen. Alle Fenster und Türen sind offen. Der Unterricht in einem Raum wird oft vom Unterricht in einem anderen gestört, aber die Hitze und die stehende Luft wären noch unangenehmer. Mittwoch soll es wieder 30 Gad haben.

Trotz der klimatischen Bedingungen plätschert der Unterricht angenehm dahin, vormittags wie abends. Die interkulturellen Highlights gibt es in den Pausen zu erfahren. Zum Beispiel die Debatte darüber ob Tätowierungen haram sind oder nicht. Es gab unter den Studierenden zwei Meinungen dazu: die einen sagen, dass sie erlaubt seien, weil sie ja unter der Haut liegen und daher den Körper nicht verletzen, die anderen meinen, man müsse sie auf jeden Fall bei der Gebetswaschung entfernen, was nicht möglich ist, daher sind sie verboten. Ich habe dazu keine Meinung. Lustig fand ich die Information, dass es schnell abwaschbaren Nagellack geben soll, der sich bei der Gebetswaschung schnell entfernen lässt.

Ich genieße solche Überlistungen der eigenen Religionsvorschriften. Sie zeigen so eine grundvernünftige Einstellung zum irdischen Leben. Vor allem bei nicht ganz so orthodoxen Juden gibt es ja da die skurrilsten, sophistisch erdachten Strategien, wie man Vorschriften, die das Leben schwierig machen umgehen kann. Dass sich solche Dinge auch bei den Muslimen entwickeln, finde ich äußerst positiv. Vorschriften zu hinterfragen und sich Möglichkeiten auszudenken, wie man sie umgehen kann ohne sie wirklich zu brechen, lässt sich mit der Unflexibilität und Humorlosigkeit des Fanatismus nicht vereinbaren. Nun ist der abwaschbare Nagellack noch kein großes Zeichen, aber immerhin.

 


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Vom Minirock zur schwarzen Säule

Das Gespräch, das ich heute abend mit einer Studierenden geführt habe, war so interessant, dass man uns beinahe im Schulgebäude eingesperrt hätte. Gerade noch im letzten Moment bevor der Schulwart die Alarmanlage eingeschaltet hat, sind wir hinausgekommen.

Sie hat mir von ihrer Großmutter erzählt, die als junge Frau in Afghanistan ein relativ freies Leben führte und Lehrerin war. Nach dem frühen Tod ihres Mannes zog sie allein zwei Söhne groß, einer davon der Vater der jungen Frau, doch dann kamen die Taliban und reduzierten sie auf eine schwarze Säule. Sie erzählte, wie die Großmutter die ganze Familie zur Auswanderung gedrängt hatte. Ich habe nicht gefragt, ob die Großmutter selbst auch mitgekommen ist. Die Frage werde ich nachholen

Sehr spannend fand ich auch das Verhältnis der jungen Frau zum Islam. Sie teilt ihr Leben in verschiedene Bereiche ein. In der Bäckerei, in der sie arbeitet, könnte sie ein Kopftuch tragen, tut es aber nicht, weil sie meint, dass ihre Religion nicht als Provokation herhalten soll. In der Abendschule trägt sie ein loses Kopftuch, die Art wie man sie an Frauen im Iran sieht; weder das Haar noch der Hals sind eigentlich bedeckt. Auf meine Frage, wie man ein Leben zwischen Arbeit und Schule mit fünf Gebeten am Tag verbinden könne, sagte sie, dass das darauf ankäme, wie man „Gebet“ definiere. Nach einer modernen Auslegung des Islam, wäre alles, was man gerne für andere tue, auch als Gebet zu betrachten. Wenn das viele Menschen so sähen, würde das der Gesellschaft sehr gut tun.

Jedenfalls eine interessante, neue Studierende, die gerne redet und gerne Auskunft gibt über ihre Meinungen.


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Behindert

Ich habe nicht viel zu tragen und bin pünktlich. Das die Straße Hinaufgehen tut weh, aber nicht sehr. Im Bus ist jede Menge Platz frei und wir brauchen knappe zehn Minuten bis zu meiner Umstiegstelle. Die Niederflur-Straßenbahn kommt ein paar Minuten später. Auch hier ist ein guter Platz frei und ich lehne mich erstmal entspannt zurück. Solange ich nicht selbst gehbehindert war, konnte ich auch nicht nachvollziehen wie das ist, ständig zu befürchten, dass sich unterwegs irgendwelche Hindernisse auftun.

Ich steige in der unterirdischen Station aus und sehe schon von weitem, dass der Aufzug nicht funktioniert. Das passiert nicht oft, aber doch immer wieder und manchmal dauert es zwei oder gar drei Tage bis er wieder geht. Zum Glück bin ich recht gut drauf, trotzdem sind drei Stiegen immer mit einem Bein voran eine mühsame Angelegenheit. Rund um mich herum hüpfen und rennen dutzende Schülerinnen und Schüler die Stiege hinauf. Ich sage mir, dass ich mich an solche Situationen zumindest für das nächste halbe Jahr gewöhnen muss und schaue möglichst unverbissen drein. Viele von den Jugendlichen kenne ich, habe sie aber vier Monate nicht gesehen. Sie kommen mich begrüßen, ich plaudere mit ihnen und auf die Frage wie es mir geht, sage ich auf zwanzig verschiedene Arten“na, ja“. Die Vorteile eines großen Wortschatzes erschließen sich ja immer wieder.

Am Ende der Stiege angekommen, bin ich aber noch nicht am Ziel. Die Jugend ist schon weit voraus. Ich bin froh, dass niemand beschlossen hat, mit mir in meinem Tempo zu gehen. Solche Freundlichkeiten kann ich gar nicht leiden, weil sie mich unter Stress setzen, schneller zu gehen als ich eigentlich kann. Gut, es bleibt die Strecke von vielleicht 250 Metern, davon die Hälfte bergauf. Geschafft. Und nun noch zehn sehr hohe Stufen von der Straße in das Gebäude hinein. Tolle Barrierefreiheit ist das für ein öffentliches Gebäude. Der Portier schaut mir lächelnd zu, das habe ich genau gebraucht. Aber ich bin ungerecht, er ist ein wirklich netter Mensch, nicht im mindesten gehbehindert und kann daher wahrscheinlich nicht nachvollziehen wie wenig es mich freut, wenn er mir lächelnd oder nicht dabei zusieht die Stufen immer mit demselben Bein voraus hinauf zu gehen.

Während des Tages funktioniert der schulinterne Lift klaglos. Das tut er praktisch immer und es gibt eigentlich keinen Anlass zu befürchten, dass er gleich am ersten Tag ausfällt. Als ob man nur Dinge befürchten könnte, deren Eintreten unwahrscheinlich ist. Im schlimmsten Fall kann ich schon in den dritten Stock hinaufgehen, auch mehrmals, aber wie viele Tage hintereinander das gut gehen würde, kann ich nicht beurteilen. Es sind noch Monate bis zur OP und ich möchte nicht damit anfangen müssen Schmerzmittel zu nehmen.