la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Montag 29. Juni 2020

Ein Teil der Kollegen war gemeinsam in einem Raum im noch aktuellen Schulgebäude anwesend, andere waren über das restliche Haus verteilt. Der größte Teil des Kollegiums saß zuhause oder sonst irgendwo vor einem Computer oder ähnlichem Gerät. Im neuen bzw renovierten Schulgebäude, das im September eingeweiht werden soll, gab es auch schon ein WLAN-Netz und dort saßen diejenigen, die heute mit Übersiedlungsarbeiten dran waren. So lief unsere heutige Notenkonferenz ab, ziemlich zerstreut würde ich sagen. Insgesamt sehr improvisiert, denn das Ministerium schmeißt einen Erlass nach dem nächsten raus, wirft wieder alles um und verlautbart das Gegenteil… Nachdem es keine Vergleichswerte gibt, ist es auch schwer zu beurteilen wie gut oder schlecht alles läuft bzw ob es nicht noch verworrener laufen könnte.

Gestern habe ich ein Interview mit Christine Nöstlinger gehört, anlässlich ihres zweiten Todestages. Ihre Stimme finde ich unverwechselbar obwohl ich nicht besonders gut im Erkennen von Stimmen bin. Sie erzählte, dass man als Tochter seiner Mutter nicht entkommen könnte auch wenn man – wie sie – als Jugendliche und junge Frau heftige Konflikte mit ihr ausgetragen hätte. Im Alter würden Töchter nolens volens ihren Müttern immer ähnlicher. Ein Körnchen Wahrheit finde ich da schon. Ich kenne zwei Frauen für die es geradezu ein Lebensziel war, nicht so zu werden wie ihre Mütter. Bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang, dass Christine Nöstlinger einer ihrer beiden Töchter auch den Namen Christine gegeben hat.

Er flattert elegant und orange und ist der Sonnenschirm, den wir am Wochenende erworben haben. Ganz erstaunlich wie einfach es ist, mit so einem Sonnenschirm Sommer- und Urlaubsstimmung zu erzeugen. Ich würde es ja bei weitem vorziehen, im Regen unter dem Schirm zu sitzen; aber der Verkäufer, der so unfreundlich war, dass er nur ein umgeschulter Aussteiger aus der Wiener Gastronomieszene sein kann, versicherte mir, dass der Stoff nicht wasserdicht ist. Ich werde es natürlich ausprobieren. Nachdem wir nun einen granitenen Schirmfuss haben, der schwer genug ist, den F zu überzeugen, dass ihn der Wind nicht wegtragen kann, liegt ein Aufrüsten mit einem zweiten Schirm aus wasserdichtem Stoff im Bereich des leicht Verwirklichbaren.


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Und noch ein Fall

Eine weitere Covid-19-Infektion in einer anderen Klasse. Langsam werde ich unruhig. Insgesamt wird ja die Pandemie als ziemlich erledigt betrachtet, jeder Tag bringt mehr Normalität, aber wenn es in der eigenen, unmittelbaren Umgebung mehrere Ansteckungsfälle gibt, relativiert das die Normalität doch sehr. Ja, ich bin besorgt und unruhig, was natürlich nichts besser macht. Angst ist insgesamt ungesund und würgt die Kreativität, weiß man ja. Zwischen Theorie und Praxis klafft ein breiter Spalt, in dem das Leben stattfindet. Weiß man auch.

 


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Einschlag auf der Zielgeraden

Es hat nicht mich persönlich getroffen, sondern eine Schülerin meiner Schule, die seit gestern mit Covid-19 im Krankenhaus liegt. Schon ein Schock! So etwas trifft doch immer nur Leute, die man nicht kennt. Eine Flut von Bürokratie rollt über uns, gefühlte zweitausend Formulare zum Ausfüllen, ein Dutzend Schüler*innen und ebenso viele Lehrer*innen für zwei Wochen in Quarantäne. Wie alles im Leben hat es auch eine positive Seite: wir werden alle durchgetestet.

Mir ist schon ziemlich unheimlich, dass mir das Virus nun so nahe kommt. Zwar ist es ohnehin seit Monaten ganz in der Nähe und ich habe einfach nur Glück gehabt, aber in Verdrängung bin ich Weltspitze und das geht gerade nicht so gut. Die Lehrerzimmer sind so perfekt durchlüftet wie noch nie, was auch nicht unproblematisch ist, weil die Schule ja im Sommer zurückzieht in das renovierte frühere Schulgebäude und derzeit Gebirge von Büchern und Papier herumliegen, bereit zum Einpacken. Vor der Tür steht der erste LKW der Spedition. Die Kollegin, die die Operationen heute dirigiert, hat gerade ein mail geschickt, wir mögen doch bitte in die Umzugskartons nicht mehr hineinpacken als wir selbst tragen könnten. Die Herren von der Spedition müssten 3 Kisten auf einmal transportieren. Die sind also dreimal so stark wie jeder von uns ? Ob es die gesamte männliche Kollegenschaft schaffen wird, diese Schätzung unwidersprochen zu lassen.

Alles Galgenhumor ! Tatsächlich fürchte ich mich ziemlich und werde gleich die 375 Formulare für die Anmeldung zum Test ausfüllen, komplett und richtig …


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Mittwoch 3. Juni 2020

So hat denn die Präsenz-Phase in der Schule wieder begonnen, die dann Ende Juni in die Sommerferien übergehen wird. Jede Klasse ist in zwei Gruppen geteilt von denen eine an den geraden Tagen, die andere an den ungeraden kommt. Es hat etwas leicht Gespenstisches wenn so wenige Leute in den Gängen aneinander vorbeihuschen. Alles in allem habe ich mich gefreut, die Kollegenschaft und die Schülerinnen wiederzusehen. Es hat auch ziemlich gut getan, die wenig bodenhaftenden Vorstellungen unseres Ministers ausgiebig zu besprechen und Geschichten aus dem Leben der Schüler*innen zu erfahren. Weniger begeistert hat mich das Versprühen des garantiert am scheußlichsten riechenden Desinfektionsmittels. Es muss reiner Fusel sein, aus der Zeit als Desinfektionsmittel nicht aufzutreiben waren und die Schulen doch mit irgendetwas ähnlichem versorgt werden mussten. Wir rochen also alle ziemlich durchdringend.

Nachdem es in Wien heute offiziell nur mehr 254 Covid-19-Infizierte gab, erschien es mir ziemlich lächerlich mich zu einer Risikogruppe zu rechnen und weiterhin von zuhause aus zu arbeiten. Obendrein hätte mir das um einiges mehr Arbeit verursacht. 80% aller Lehrer*innen, die sich zur Risikogruppe hätten zählen können, sind zum Präsenzunterricht  gekommen. Welcher der beiden Fakten mich stärker beeinflusst hat, sei nun dahingestellt.

Ebenso gespenstig wie die Schule zeigte sich das Kieser Studio, wo ich gestern war. Man muss sich auf die Viertelstunde genau anmelden, wobei aber nicht genau zu eruieren ist, wie viele Leute auf einmal hinein dürfen. Die Trainingsmaschinen wurden umgestellt, so dass nicht mehr nebeneinander sondern hintereinander trainiert wird. Dieser Position der Geräte kann ich viel abgewinnen, man sieht nicht mehr aus den Augenwinkeln die Nachbarn zur Rechten und zur Linken sondern die Hinterfront des Geräts vor einem. Man wird sehen, wie lange die Situation so bleibt.

Vielleicht lerne ich es doch noch, manchmal den Mund zu halten, wenn bodenloser Schwachsinn verzapft wird von Leuten, die sich durch das Lesen von drei Artikeln als Expert*innen zu einem Thema fühlen, über das ihnen aber in Wirklichkeit die allergrundlegendsten Kenntnisse fehlen. Ja, ich bin ganz optimistisch vielleicht wird da noch was draus. Wenigstens manchmal.

 


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Samstag 23.5.20 – Präsenz und Idylle

Ich weiß nicht recht, wie ich die zwei letzten Tage nennen soll. „Schulisch überaktiv“, „Fernlernphase abschließend“, „Seit zwei Monaten inaktive Schüler*innen mit der Verkündung negativer Noten unangenehm aus dem Dornröschenschlaf reißen“. Jedenfalls sitze ich seit 48 Stunden praktisch ununterbrochen vor dem Computer. Es ist alles recht mühsam, weil ich wegen des Datenschutzes  jede Schülerin und jeden Schüler einzeln und privat verständigen und allen vor Beginn der Präsenzphase am 3.6. ihren derzeitigen Notenstand verkünden muss. Die Grundlagen für die Benotung des Fernunterrichts sind eine Kombination aus Vorurteilen, Illusionen und Wunschträumen. Bei den „Normalschüler*innen“ hat ja alles recht gut funktioniert, bei den Abendschülern eben noch ein bisschen schlechter als sonst. Viele sind zwei Monate lang einfach abgetaucht. Ob das an Problemen mit der Kommunikationstechnik, an mangelnden Fähigkeiten zur Selbstorganisation oder schlicht an Faulheit liegt, sei dahingestellt. Insgesamt war es eine interessante Erfahrung zum Abschluss meines Schulalltags.

Ich habe lange überlegt, ob ich mich als zur Risikogruppe gehörig deklarieren soll und habe mich nun dagegen entschlossen. Wahrscheinlich würde ich es nachträglich bedauern, meine Schulzeit ausklingen zu lassen in Risiko und möglicher Krankheit und Zurückgezogenheit auf Kosten der Kollegenschaft, die mich dann vertreten müsste. Ich werde also die ohnehin nur vier Wochen dauernde Präsenzunterrichtphase mitmachen und dann verhältnismäßig normal in den Sommerurlaub gleiten. Obwohl mich die häusliche Idylle langsam etwas kribbelig macht. Ja, leider ertrage ich Idyllen nie sehr lange …


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Freitag 15. Mai 2020 – Von Flaggen, Stühlen und der Gastronomie

Ob Themen wirklich in der Luft liegen, ob sie nur von Medien hochgepusht werden, oder ob die Medien sie aufgreifen, weil sie eben in der Luft liegen, ist sehr schwer zu beurteilen. In Österreich ist jedenfalls gerade das Thema „Auferstehung der Kulturveranstaltungen nach dem Lockdown“in aller Munde. Die zuständige Staatssekretärin wird von allen Seiten scharf kritisiert und man munkelt, dass sie bald zurücktreten wird.

Gestern bin ich an der Oper vorbeigefahren. Sie ist schwarz beflaggt. Ob es sich dabei um ein Symbol der Trauer um einen verstorbenen Menschen aus dem Opernmilieu handelt oder um die allgemeine Trauer um den Kulturbetrieb? „Kulturbetrieb bedeutet ja nicht, ein paar Stühle aufstellen und dann trägt jemand ein Gedicht vor“ sagte ich weiß nicht mehr wer. Ich hoffe sehr, dass sich zumindest bis Herbst alles einigermaßen normalisiert, vor allem natürlich wegen der finanziellen Lage so vieler Menschen, aber auch weil ich große Lust habe wieder regelmäßiger ins Theater und zu sonstigen Veranstaltungen zu gehen. Zeit werde ich dann ja haben. In dem Zusammenhang fällt mir ein Satz ein, der derzeit in aller Munde ist, wer immer ihn auch erfunden haben möge. Es gäbe derzeit schon mehr Virologen als Kranke.

Ein anderer Pfeiler österreichischen Selbstverständnisses nämlich die Lokale sperren ab heute wieder auf, wenn auch unter recht ungemütlichen Bedingungen: Tische ziemlich weit auseinander, vier Personen pro Tisch, das Servierpersonal muss Masken tragen. Völlig absurd finde ich, dass Gäste beim Betreten des Lokals Masken tragen sollen, die sie erst an ihrem Tisch abnehmen dürfen. Eine Augenauswischerei ist das. Entweder ist es gut und sinnvoll Masken zu tragen oder eben nicht. Dass es auf ein paar Metern Entfernung  Sinn machen soll, beim Sitzen am Tisch aber nicht, hat doch einen sehr schildbürgerlichen Anstrich. Ursprünglich hieß es ja, in den Lokalen müssen auch von den Gästen Masken getragen werden. Dass das Einschieben fester und flüssiger Nahrung dadurch doch sehr erschwert worden wäre, hat man beim Krisenstab dann auch eingesehen. Zwar würde ich sehr gerne endlich wieder einmal in einem Lokal sitzen und mit Leuten plaudern, die ich lange nicht gesehen habe, aber unter diesen Bedingungen werde ich noch eine Weile darauf verzichten.

Im Nebenzimmer brummt der Staubsauger, der bald einen besseren Nachfolger finden wird. Frau S. ist am Werk, was für mich ein sehr großer und wichtiger Schritt in die Vor-Corona Normalität ist.

Ich hasse ja das Putzen, obwohl ich derzeit eventuell doch lieber putzen würde als Schuldirektorin zu sein. Aus dem Unterrichtsministerium strömen jede Menge recht widersprüchlicher und unvollständiger Anweisungen aber nur sehr wenige Resssourcen. Man hat auch plötzlich zur Kenntnis genommen, dass viele Schulen in bedauernswertem baulichen und empörendem hygienischen Zustand sind. Es soll gebaut werden, „auch zum Ankurbeln der Bauwirtschaft“ sprach der Kanzler. Für seine Verhältnisse ist das eine der Wahrheit verpflichtete Aussage.

 


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Dienstag 12. Mai 2020

Seit über acht Wochen habe ich den Ort nicht mehr betreten. Das ist so lange her wie Sommerferien dauern. Im Eingangsbereich sind mehrere Tische zusammengestellt wie zu einem Buffet, nur stehen dort ausschließlich Flaschen mit Desinfektionsmittel und auf der verbleibenden freien Fläche sonnt sich eine Liste zum Ein- und Austragen der im Haus anwesenden Personen. Die Aufsicht über diese Schleuse führt der Portier, der einen größeren Vorrat an Zigaretten vor sich aufgetürmt hat und sehnsüchtig nach der Straße schielt, wo er sie rauchen könnte.

Im Lehrerzimmer liegen die Drehsessel mit der Sitzfläche auf den Tischen, dazwischen steht noch das Foto der kürzlich verstorbenen Kollegin. Ich reiße das Fenster auf und fahre einen Computer hoch. Wozu eigentlich, ich brauche ihn ja gar nicht. Einige Prüfungskandidaten stehen schon vor der Tür, brav maskiert, die meisten mit Masken in Fantasiedesigns. Ich bin überzeugt, dass der Nasen-Mundschutz in kürzester Zeit zum modischen Accessoire werden wird. Ein Kollege behauptet, dass die Fpp2-Masken viel angenehmer zu tragen sind, als die aus dem Supermarkt. Später, auf dem Heimweg habe ich mir welche besorgt und tatsächlich. Man bekommt nicht mehr und nicht weniger Luft als bei den anderen, sie sitzen aber besser und verrutschen nicht ständig wodurch man besser sieht und der Schutz ist vielleicht auch eine Spur besser.

Die Bücherregale sehen genauso schief und chaotisch aus wie am 13. März. In einem Regal liegt das Staberl der toten Kollegin, mit dem sie die an den Decken der Klassen befestigten Beamer ein- und ausgeschaltet hat, anstatt – wie wir anderen alle –  die größten Schüler damit zu beauftragen. Meistens sind auch die größten Schüler nicht groß genug und müssen noch auf einen Sessel oder gar einen Tisch steigen, und das erschien ihr gefährlich. Ach, Monica…

Wir sind uns alle nicht sicher, ob wir wie sonst üblich die Prüfungen schriftlich und mündlich abhalten sollen/müssen/dürfen. Die ministeriellen Erlässe zeichnen sich nicht so sehr durch Klarheit als vielmehr durch Länge aus, ohne aber alle Möglichkeiten zu berücksichtigen. Ein Prüfungskandidat hat ein Papierröllchen bedeckt mit einer winzigen Schrift in einen Kugelschreiber gepackt. Im Normalfall, hätte man die Arbeit für ungültig erklärt und er dürfte/müsste zum nächsten Termin nochmals antreten. Aber in Corona-Zeiten ist  die Arbeit nur negativ.

Die Öffis waren nicht annähernd so leer wie vor ein paar Wochen, aber akzeptabel. Wie sich die Situation entwickeln wird, wenn ab nächstem Montag die Kinder aus Volksschulen und Unterstufen wieder unterwegs sind, wird man sehen.


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Samstag 9.Mai 2020

Der Alltag mäandert vor sich hin, zwischen Idylle und Angst zwischen der Gewissheit der eigenen materiellen Sicherheit und der Sorge um andere.

Nächste Woche mache ich einen ausgiebigen Abschlussprüfungstag bei den Maturanten, zum ersten Mal seit 12.März wieder im  Schulgebäude.

Im Juni soll der Schulbetrieb in der Oberstufe wieder aufgenommen werden unter Vorgaben, die eigentlich bei Stundenplänen mit 14 Fächern kaum zu erfüllen sind. Klassen mit über 18 Schüler*innen sollen in zwei Gruppen geteilt werden, die an unterschiedlichen Tagen Unterricht haben sollen. Das ist bei Volksschulen sicher kein Problem, aber je mehr verschiedene Fächer und Lehrer*innen beteiligt sind, desto schwieriger bis zu unmöglich wird die Aufgabe. Obendrein gibt es Klassen mit mehr aber auch solche mit weniger als 18 Schüler*innen, also geteilte und ungeteilte Klassen mit insgesamt über 1000 Schüler*innen für die ein Stundenplan erstellt werden muss.

Das Chaos steht in den Startlöchern wenn am 18. Mai die Unterstufenschüler*innen wieder in die Schule kommen. Der Minister oder sonst irgendjemand im Ministerium hatte noch die geniale Idee, dass verschiedene Schulen in der gleichen Region bei Erstellung der Stundenpläne darauf achten sollten, dass Geschwister in verschiedenen Schulen an den gleichen Tagen Unterricht hätten. Solche Vorstellungen lassen mich an der praktischen Intelligenz ihrer Väter doch heftig zweifeln. Eine Idee, die so weit abseits jeder verwirklichbaren Realität liegt, ist gar nicht leicht zu finden. Die nicht besonders schwierige Erkenntnis, dass es auch in einem kleinen Land nicht zwei oder drei Geschwisterpaare in verschiedenen Schulen gibt, sondern zigtausende konnte sich nicht bis ins Unterrichtsministerium durchschlagen, zu steil, steinig und stachelig war der Weg. Meine Freude darüber weder Direktorin noch Administratorin zu sein, vermehrt sich mit jedem neuen Erlass beträchtlich.

Und dieser ganze Schlamassel nur dafür um maximal vier Wochen lang Präsenzunterricht zu halten. Meine Nichte, die gerne in die Schule geht, hat mir mit Grabesstimme mitgeteilt, dass das ja nur bestenfalls 10 Tage Unterricht für jede/n ergeben würde. Im Normalfall finden in der letzten Juniwoche diverse Kulturprojekte, Sportfeste etc statt. Auch in der vorletzten Juniwoche stehen normalerweise die Noten fest und die allgemeine Energie in einem Schulbetrieb ist nicht mehr auf Wissenserwerb gerichtet. Das soll nun- laut offiziellem Begehr – in diesem Jahr alles anders werden, es sollte bis zum letzten Tag gelernt werden. Auch hier zeigt sich der mangelnde Realitätsbezug des Ministeriums.


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Montag 27.April 20

Heute am ersten Tag der 7. Woche Bewegungsbeschränkungen ist auch mein erster Tag Normalisierung. Meine Wohnung strahlt vor Sauberkeit, man kann geradezu von einem Staubmangel sprechen. Alles gesaugt, gewischt, gebügelt, aber ich war es nicht und der F auch nicht. Jaaaaaa, die Perle Nr. 2 war da. Sie ist in Kurzarbeit und hat daher viel Zeit für Nebenjobs. Glücklicherweise stehe ich auf ihrer Liste der möglichen Nebenjobs ganz oben.

Die Carnivoren-Erde ist eingetroffen, zwar nicht am Freitag wie angekündigt, aber immerhin heute. Die Verpackung war halb aufgerissen, ich dachte schon jemand hätte den Inhalt des Pakets herausgeholt und für eigene Zwecke verwendet. War aber nicht so.

Es sammeln sich schon etliche Schul-Termine an. Eine abschließende Prüfung da, eine Zulassungsprüfung dort. Alles nur Schein, denn de facto werden alle überall durchkommen. Wenn sich der Minister hinstellt und milde lächelnd verkündet, man möge großzügig sein… Ob das im Endeffekt wirklich großzügig ist, für keine Kenntnisse positive Noten zu vergeben, wird sich erst herausstellen. Ob dieses Leitmotiv ein gutes für ein Schulsystem sein kann ?

Das soll natürlich kein Symbolbild für lückenhafte Kenntnisse sein.

 


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Montag 20.4.2020 –

Langsam verdichten sich die Gerüchte, wie die heurigen Abschlussjahrgänge und -semester beurteilt werden sollen in jenen Fächern, die nicht bei den Abschlußprüfungen vorkommen: aufgrund der Arbeit im Fernunterricht. Naja, eine müde Sache, schließlich kann ja niemand überprüfen, wer diese Arbeiten tatsächlich verfasst hat. Ich wäre dafür einfach mit „teilgenommen“ oder „nicht teilgenommen“ zu benoten. Ansonsten ist das wieder einmal nur eine Art Demutsgeste, die von den Schüler*innen und Studierenden gefordert wird, die mit Kenntnissen nichts zu tun haben muss.

Aber was soll´s , es darf auch Glück im Unglück geben und so kommen viele Schüler*innen um Fächer herum, die sie nicht mögen oder von denen sie keine Ahnung haben. Für einige wird das hilfreich sein, für andere neutral, für einige ein Nachteil, wenn jemand aufgrund des Zeugnisses Kenntnisse voraussetzt, die nicht vorhanden sind. Wie so vieles im Leben: Roulette.

Es sickert bei mir erst so langsam durch, was alles abgesagt wurde. Zum Beispiel Fs Weihnachtsgeschenk, die Schifffahrt zur Sommersonnenwende in der Wachau mit Feuern an den Donauufern und Feuerwerk auf dem Fluss. Darum tut es mir sehr leid. Wir werden wohl auf nächstes Jahr oder eine andere Schifffahrt umbuchen. Die Betriebe im Tourismusbereich sind ohnehin in großer Anzahl am Rande des Ruins, da muss man sich  nicht mit Rückzahlungsforderungen für entfallene Veranstaltungen daran beteiligen.

Meinen Träumen nach zu schließen, beschäftigt sich mein Unterbewußtsein offenbar heftig mit dem Virus, was mir im wachen Zustand gar nicht so klar ist. Mir fehlt es ja an nichts, trotzdem …


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Montag 30. März 2020

So !! Ich habe alle Übungsaufträge fertig gestellt und verschickt. Damit sind die SchülerInnen in meinem Fach bis nach Ostern beschäftigt. Das fühlt sich sehr gut an. Natürlich muss ich nach wie vor korrigieren und Feedback geben, aber das läuft nebenbei und erfordert nicht allzuviel Energie und schon gar keine Kreativität, die wäre dabei eher hinderlich und darf sich nun frei austoben.

Ich spiele gerade eine Runde candy-crash und summe dabei die Marseillaise. Sehr bedenklich, wenn ich mir das so überlege, klarer Fall von Corona-Syndrom.

Voraussichtlich ab Mittwoch spenden also alle Supermärkte am Eingang allen Kunden je einen Mund- und Nasenschutz, den dann alle beim Einkaufen tragen sollen. So weit so gut. Über kurz oder lang, nach Maßgabe der Anzahl der verfügbaren Masken wird man sie wohl eine Zeit lang überall tragen müssen. Ich werde es hassen, was mir nicht viel nützen wird, also werde ich mich bemühen es zu lieben. Unrealisierbare Pläne gehören auch zum Corona-Syndrom. Der Wiener Bürgermeister bekommt morgen vom chinesischen Botschafter ein paar zigtausende Masken geschenkt. Wir sind in der dritten Woche Shut-down. Morgen soll es regnen, wenn nicht gar schneien und hageln. Das wird die Gelegenheit für einen langen, genüsslichen, einsamen Spaziergang.


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Freitag 27.3.2020 – 12. Tag der Coronabeschränkungen

Ich sitze täglich stundenlang am Computer. E-mails von den Schüler*innen kommen herein. Viel mehr als ich gedacht hätte, von Leuten von denen ich es nicht erwartet hätte. Die Situation ist wohl auch für die Studierenden  verwirrend und unsicher, sie fürchten wohl nicht zu Unrecht, um den Abschluss des Sommersemesters und sind bemüht den Kontakt zu halten.

In Wiener Brennpunkt-Pflichtschulen hört man, gibt es Kinder, die einfach von der Bildfläche verschwunden sind, ihren Lehrer*innen nicht antworten. Teilweise, weil es an der technischen Ausrüstung fehlt, teilweise weil sie keine Möglichkeiten haben zuhause zu lernen oder die jüngeren Geschwister betreuen müssen. Es ist eine ziemliche Katastrophe, weil da die ohnehin großen Abgründe zwischen geförderten und nicht geförderten Kindern noch mehr aufbrechen werden, ohne dass die Kinder etwas dagegen tun könnten. Die Stadtverwaltung hat nun offenbar das Sozialamt auf das Problem angesetzt. Ob das Ergebnisse bringen wird. Ziemlich sicher scheint jedenfalls, dass die Schulen nach den Osterferien nicht gleich wieder hochgefahren werden.

Langsam schlägt mir die Isolation auf´s Gemüt


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Sonntag 15. März 2020

Nun hat Fs Chef endlich home office angeboten mit der hübschen Formulierung, ob er sich vorstellen könne zuhause effizient zu arbeiten. Kann er. Allerdings ist er gerade per Rad aufgebrochen um sich seinen Kopfhörer aus dem Büro abzuholen. Ich hätte gesagt, na kauf dir doch einen gleich ums Eck, aber nein, das geht ja nicht, ab Morgen ist ja alles zu und heute ist Sonntag. Ursprünglich hatte man ja überlegt, die Elektronikgeschäfte offen zu lassen, weil die vielen Menschen, die ins home office gehen wahrscheinlich dies und das brauchen werden, das wurde aber dann nicht verwirklicht. Nur der Lebensmittelhandel, die Apotheken und Drogerien, Tankstellen, Trafiken, Post bleiben offen.

Drakonische Maßnahmen, ja. Jetzt wurde auch eine Ausgangssperre auf österreichisch verhängt. Man soll wenn irgend möglich zuhause bleiben, aber man kann einkaufen gehen, spazieren, aber nur allein oder mit Personen mit denen man ohnehin zusammen wohnt, dringende Erledigungen sind auch ausgenommen. Krisen erfordern drastische Maßnahmen und ich persönlich kann damit gut leben. Das Problem ist , dass man die Erfolge oder Nicht-Erfolge erst zeitversetzt sehen kann. Der heutige Tote hat sich vor mehreren Tagen angesteckt.

Eine der positiven Seiten dieses „Urlaubs“ wird sein, dass meine Terrasse in diesem Frühling wunderbar gepflegt werden wird. Wir kaufen meistens bei einem großen Interspar, bei dem es zwar am vergangenen Panik-Freitag kein Klopapier und keine Küchenrollen gab, aber Pflanzen und Blumenerde. Weiters werde ich viel Zeit zum Lesen und Wohnungräumen haben. Ich muss noch nicht einmal in die Schule, weil das Ministerium die ursprüngliche Idee, die Schularbeiten und sonstigen Prüfungen der Abschlussklassen in Kleingruppen abzuhalten aufgegeben hat. Nicht so gut geht es den Kollegen in den Unterstufen, die die Kinder, die zuhause nicht betreut werden können bespaßen müssen. Man weiß aber noch gar nicht, wie viele das sein werden. Es ist alles flexibel zu improvisieren. An und für sich sind solche Situationen in gewisser Weise auch prickelnd.


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Dienstag 10. März 2020

Es herrscht eine seltsame Stimmung. „panische Ruhe“ nennt sie ein von mir sehr geschätzter Journalist. Es werden höchstwahrscheinlich alle Schulen geschlossen werden, es ist nur noch nicht klar wann, und wir Lehrer*innen wurden vom Minister aufgefordert ein Konzept für den Fernunterricht zu erstellen um „den Unterrichtsertrag sicherzustellen“. Solche Konzepte legen wir ja locker an einem Abend hin. Die Unis wurden bereits geschlossen, das Problem bei den Schulen ist die Betreuung der jüngeren Schüler*innen. Wo sollen Eltern so plötzlich eine oder mehrere vertrauenswürdige Betreuungspersonen hernehmen? Es ist momentan alles recht schwierig und steht auf tönernen Füssen, aber wir werden´s schon packen. Morgen also zehn Stunden Unterricht und dazwischen Fernlernkonzept erstellen und natürlich sämtliche nicht-digitale Unterlagen sortieren und nachhause befördern.


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Mittwoch 26. Februar 2020

Was mich erstaunt ist, dass ich an meinen Arbeitsmarathon-Mittwochen nicht mehr und nicht weniger müde bin, egal ob ich in der Mittagspause herumlaufe und diverses erledige oder ob ich irgendwo herumhänge. Ein Sprung nachhause und eine Runde schlafen, wäre auch eine Möglichkeit, die aber zeitlich schwer einzubauen ist.

Gestern war es obendrein sehr galgenhumorig in der Schule. In Wien gab es eine Lehrerin, die in Italien war und deren Grippe zunächst als mögliche Corona-Infektion gedeutet wurde. Wir bekamen die ganze Geschichte brühwarm mit, weil der Neffe einer Kollegin Schüler dieser Schule ist. Zunächst sollte diese Schule evakuiert werden, dann wurde sie gesperrt und alle „Insassen“ durchgetestet. Schließlich Entwarnung. Wir haben Szenarien entworfen, wie wir – 150 Lehrer*innen  und 1200 Schüler*innen im Schulgebäude kampieren würden. Es war lustig. „Der Schmäh rennt“ nennt man so eine Stimmung in Wien. Naja, eine kleine Spur Hysterie war möglicherweise auch dabei. Aber insgesamt war es eher beruhigend. Wir haben auch Pläne gemacht, was wir nicht alles zuhause endlich erledigen könnten, falls demnächst die Schulen geschlossen würden. Auf jeden Fall war es wesentlich unterhaltsamer als eine Faschingssitzung, wenn auch einen Tag zu spät.

Heute gibt es allerdings den ersten bestätigten Corona-Fall in Wien