Kategorie: BÜCHER

59. Station der Literaturweltreise – Äthiopien

Meine Literatur- und Kunstweltreise
KLICK

Francesca Melandri ist eine 1964 in Rom geborene italienische Schriftstellerin. Die deutsche Übersetzung ihres Romans „sangue giusto“ der 2017 bei Rizzoli Libri in Mailand erschienen ist, wurde unter dem Titel „Alle außer mir“ bei btb in einer Übersetzung von Esther Hansen herausgegeben.

Es beginnt damit, dass vor der Tür von Ilaria Profeti, einer römischen Lehrerin in den 40ern ein junger Äthiopier steht. Er hat sich von Addis Abeba durch die Sahara, die Internierungslager Libyens, übers Mittelmeer, die Inseln Lampedusa und Sizilien bis nach Rom durchgeschlagen und ist der Enkel ihres Vaters, also ihr Neffe.

Mit diesem Paukenschlag beginnt der Roman, eine italienische Familiengeschichte, die vier Generationen der Familie Profeti umfasst. Die Erzählung beginnt im Sommer 2010, im Italien Berlusconis und spannt eine Brücke zu Italiens unaufgearbeiteter Faschismus- und Kolonialgeschichte.

Die zentrale Figur der Familiensaga, Attilio Profeti, ist zu Beginn der Erzählung 95 und ziemlich senil weshalb er von seinen Kindern über sein Leben nicht mehr befragt werden kann. Attilio Profeti war ein italienischer Lebemann der alten Schule und hat es mit allerlei mehr oder weniger krummen Geschäften zu Wohlstand gebracht. Als junges Mädchen erfuhr seine Tochter Ilaria, dass es neben ihren beiden älteren Brüdern noch einen deutlich jüngeren Halbbruder aus einer Parallelbeziehung des Vaters in Rom gibt. Dass der alte Herr aber als junger Mann in Äthiopien 1940 auch einen Sohn mit einer Afrikanerin zeugte, ist ihr neu. Der Sohn dieses Sohnes, steht nun vor ihrer Tür.

Die italienische Kolonialgeschichte, über die hier berichtet wird, ist um nichts weniger grausam und mörderisch als andere europäische Kolonialgeschichten. Der Faschismus unter Mussolini hatte auch eine starke rassistische Komponente, die das Regime in Nord- und Ostafrika prägte. Von ihren Kolonien Eritrea und Somalia aus marschierten die Italiener in Äthiopien (Abessinien) ein. Um den Widerstand der Abessinier zu brechen, setzen sie Senfgas ein. Tausende und abertausende Äthiopier werden während der nur fünfjährigen italienischen Herrschaft getötet.

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Die Doppelmoral des italienischen Kolonialismus propagiert strengste Apartheid, tatsächlich zeugten italienische Soldaten, Siedler und Schwarzhemden eifrig Kinder mit einheimischen Frauen. Mehr noch: in den Bordellen Italiens wurden Bilder nackter Äthiopierinnen aufgehängt, um die jungen Männer für den Einsatz in den Kolonien zu motivieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte in Italien niemand etwas von den kolonialen Schandtaten wissen, ebenso wenig wie von den Massakern, die Mussolinis Truppen in Griechenland, Kroatien oder Slowenien verübt hatten. «Die zwei blutigen Jahre der deutschen Besatzung hatten es möglich gemacht, dass eine Mehrheit der Italiener sich in einer der beiden Hauptpersonen des nationalen Bilderreigens wiederfand, entweder in dem wehrlosen Opfer oder in dem Partisanen, dem Helden des Widerstands», schreibt Melandri.

Melandri springt geschickt zwischen Gegenwart und Vergangenheiten, nur gegen Ende wird sie vielleicht etwas zu weitschweifig. Nach den Gräueln der Kolonialgeschichte und der Korruption unter Berlusconi war mir die zuletzt folgende Lebensgeschichte von Ernani Profeti, Attilios Vater, der als Bahnhofsvorsteher mit geschmeidigem Opportunismus durch den ersten Weltkrieg kommt, etwas zuviel.

Was mir gefehlt hat, war der Blick der afrikanischen Frauen auf das Geschehen. Sie werden von außen betrachtet und kommen eigentlich nicht selbst zu Wort.

Insgesamt ein höchst lesenswertes Buch über ein nicht nur italienisches, sondern auch europäisches Thema. Allerdings ist es nicht einfach diese vier Generationen Geschichte quer durch Kriege, Massaker und Elend des zwanzigsten Jahrhunderts in einem durchzustehen. Für mich war die Geschichte thematisch ein wenig überfrachtet: zwei Weltkriege, die italienische Kolonialgeschichte, der Faschismus, der Rassismus, das komplizierte Privatleben Attilio Profetis mit seinen vier Kindern von drei Müttern in zwei Kontinenten, das schwierige Privatleben Ilarias, die mit einem Abgeordneten der Berlusconi-Partei liiert ist mit dem sie weltanschaulich kaum etwas verbindet, die Flüchtlingsthematik … Es ist ein bissl viel in einem Roman auch wenn er 600 Seiten hat.

Das wütende Heer

Ich glaube, ich habe ziemlich alle Krimis von Fred Vargas gelesen, manche auf französisch , manche in deutscher Übersetzung. Frédérique Audoin-Rouzeau ist von ihrer Ausbildung her Historikerin und Mittelalterarchäologin mit zusätzlichem Schwerpunkt Archäozoologie.  In diesem Bereich arbeitet sie auch.

Fred Vargas ist nicht eine, die ihre Bücher im Akkord schreibt, eines alle zwei Jahre, höchstens, eher weniger. Sie stammt aus einer künstlerisch-intellektuellen Familie und ist neben Ruth Rendell und Batya Gur eine meiner liebsten Krimiautorinnen. Diese drei Autorinnen haben gemeinsam, dass in ihren Büchern die Krimihandlung im Grunde nur ein Vorwand für Milieuschilderungen oder Psychogramme ist. Es gibt zwei verschiedene Universen bei Vargas, aber in den letzten Büchern geht es hauptsächlich um Kommissar Adamsberg und seine Truppe. Manchmal überlappen sich aber die Universen und es tritt auch die eine oder andere Figur aus der jeweils anderen Welt auf. In den Krimis von Fred Vargas tummeln sich sehr ungewöhnliche, skurrile Personen. Sie läßt die Skurrilität aber nie in Klamauk umkippen.

Kommissar Adamsberg ist ein sehr ungewöhnlicher Mensch und seine Truppe  steht ihm an Skurrilität in nichts nach. Jede einzelne dieser Figuren inklusive der Kommissariatskater wird, man könnte sagen in liebevoller Schonungslosigkeit beschrieben. Viele von ihnen könnten sich aufgrund ihrer diversen psychischen und sonstigen Probleme kaum in ein „normales„ Leben eingliedern, aber Adamsberg führt seine Truppe höchst erfolgreich auf seine Art mit klarem Blick im Nebel und holt aus allen ihre ganz speziellen Qualitäten heraus. Mir kommen Vargas Bücher immer vor, wie ein Plädoyer für die Buntheit und Vielfalt menschlicher Gesellschaften. Eigenschaften, die man auf den ersten Blick eindeutig als Schwächen einstuft, entpuppen sich in manchen Situationen als ganz große Qualitäten

Dieses Buch ist weder ihr bestes, noch das letzte, das erschienen ist. Ich habe es trotzdem gerne gelesen. Vargas bleibt ihrem Muster treu, seltsame mythologische Geschehnisse darzustellen, die dann langsam, mit archäologischer Akribie in ihren wahren Zusammenhang gestellt werden. Manchmal ist der Ort der Handlung Paris, oft andere französische Regionen oder auch andere Länder.

In diesem Buch geht es um eine Art lokale wilde Jagd in der Normandie, die über einen bestimmten Waldweg reitet und nur von manchen Menschen gesehen werden kann. Diese besonderen Menschen werden im Ort gefürchtet, weil sie nicht nur die Mitglieder des „Wütenden Heers“ (L´Armée furieuse) sondern auch die von ihnen ergriffenen sehen können. Die Ergriffenen sind Menschen, die bald sterben werden. Die Schilderung des Lebens in einer kleinen normannischen Gemeinde samt ihrer lokalen Wilden Jagd  hat mir gut gefallen, wenn sie auch nicht an die Spitzenbücher von Vargas (vor und nach diesem) herankommt.

Dieser Text ist in einer deutschen Übersetzung von Waltraud Schwarze 2011 im Aufbau Verlag erschienen und nun bei Blanvalet, einem Mitglied der Penguin-Randomhouse Gruppe noch einmal in der gleichen Übersetzung. Die Übersetzung des Titels finde ich in seiner Doppelbedeutung sehr gelungen. Warum für eine Neuerscheinung gerade dieser Text ausgewählt wurde, wird der Verlag wissen.

57. Station der Literaturweltreise – Südafrika

Eine weitere Station meiner Literaturweltreise

Olive Schreiber „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ Manesse Verlag *)

Olive Schreiner (* 24. März 1855 in Wittebergen, heute Südafrika; † 11. Dezember 1920 in Wynberg, Südafrika) war eine südafrikanische Schriftstellerin und eine frühe Feministin. Lange Betrachtungen über die Situation von Frauen gehören zu diesem Roman, der in dieser Ausgabe auch ein Nachwort von Doris Lessing enthält.

„Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ erschien 1883. Das Buch, seinerzeit ein Welterfolg, erscheint anlässlich des 100. Todestags der Autorin  am 11.12.2020  in einer Neuübersetzung von Viola Siegemund im Manesse Verlag. Es ist ein sehr schön verarbeitetes, kleines Buch, das gut in der Hand liegt.

Der Titel des Buchs hat mich angezogen, ich wollte gerne mehr über eine afrikanische Farm erfahren. Tatsächlich bleibt die afrikanische Farm der eher verschwommene Hintergrund der Geschichte. Es kommen „Kaffern“ und „Hottentotten“ vor, von denen die Leserin annimmt, dass sie auf dieser Farm arbeiten, aber wie ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen aussehen, bleibt völlig im Hintergrund. Das Kolonialthema kommt auch nur in kleinen nebensächlichen Szenen vor. Man erfährt auch kaum etwas über die Produkte und die Art der Produktion auf dieser Farm.

Im Mittelpunkt der Erzählung stehen drei Hauptfiguren: Waldo, der Sohn eines verstorbenen Aufsehers, Em, die Tochter des ebenfalls verstorbenen Besitzers der Farm und Lyndall, deren Cousine. Die Schicksale dieser drei Menschen werden erzählt, gut erzählt,  aber öfter hat man  den Eindruck sich in einem Thesenroman zu befinden, denn es wird – meist in Form von Monologen – etwas langatmig über Religion und Frauenrechte doziert.

Vom Standpunkt des 21. Jahrhunderts aus, müsste man die Erzählung etwas straffen und die Beschreibung der äußeren Umstände etwas erweitern.  Die Geschichte selbst fand ich interessant, schon als Blick in völlig andere Zeiten. Wenn sie auch Unglaubwürdiges enthält: wie sich etwa ein verschmähter Verehrer einer Hauptperson als Frau verkleidet und sich als Pflegerin der kranken Geliebten bewährt. Mir kam dies wie eine seltsam unpassende Slapstick-Einlage vor.

Ein interessantes Buch für das man sich aber Zeit nehmen muss.

*) Der Manesse Verlag ist ein deutscher Verlag für klassische Literatur, der 1944 in Zürich gegründet wurde und heute zur Penguin Random House Verlagsgruppe gehört.

Von 199 auf 196

Ich habe meine Literaturreiseseite umgebaut und erneuert, auf den neuesten Stand gebracht und mit einer bunten Karte versehen. War eigentlich viel Aufwand, aber jetzt ist alles so gestaltet, dass es sehr schnell und einfach immer wieder auf den neuesten Stand gebracht werden kann. Und irgendwann (in einer fernen Zukunft) werden auf der Liste nur noch ganz wenige Länder stehen, aus denen oder über die ich nichts gelesen habe.

Ich habe herausgeklaubt welche von den vielen Winz-Inseln eigene Staaten sind. Erstaunlich viele. Bei einigen wird es ziemlich schwierig werden, ein literarisches Werk zu finden. vielleicht ist das aber auch nur ein Vorurteil.

Die Westsahara ist zwar kein eigener anerkannter Staat, aber ich finde sowohl die klimatische als auch die politische Lage so schlimm, dass ich ein Land auf meiner Liste daraus gemacht habe. Nicht dass damit irgendjemandem geholfen wäre …..

Es sind derzeit 56 Lesestationen aus 47 Ländern. Ich habe etliche Romane aus verschiedenen Ländern, die demnächst an die Reihe kommen, aber dazwischen lese ich natürlich auch noch anderes …

Jedenfalls war das ein typischer Lockdown-Sonntag wie es wohl noch etliche geben wird.

Reisen in 199 Länder dieser Erde

Meine Literaturweltreise begann auf Anregung von Yvonne   im Jänner 2017, geht also nun im Jänner 2021 ins fünfte Jahr und es ist noch kein Ende abzusehen.

Auf der Liste, die ich verwende, stehen 199 Länder, von denen ich ungefähr fünfzig „bereist“ habe. „Ungefähr“ deswegen, weil sich meine Seite dazu (zu finden unter Menü)  gerade als work in progress darbietet. So ein Lockdown ist der ideale Zeitpunkt für strukturierende Arbeiten auf dem Blog.

Was ich leider immer noch nicht gefunden habe, ist eine vernünftige Weltkarte auf der man Länder einfärben oder sonstwie markieren kann. Ich hatte zunächst eine solche Karte, die aber nur extrem mühsam funktioniert, weil man jedesmal, wenn man ein neues Land markieren möchte, von Null anfangen und alle Länder wieder neu eingeben muss. Ich bin auf der Suche nach einem anderen Modell. Bitte um Info, falls jemand so eine Karte ausprobiert hat.

In vier Jahren habe ich also ungefähr ein Viertel aller Länder dieser Erde besucht. Das ist nicht überwältigend viel, aber ich lese auch noch anderes und manche Länder habe ich auch mehrmals bereist, weil mir mehrere interessante Autor*innen untergekommen sind. Mehr als maximal vier Beiträge pro Land wird es aber nicht geben   Es kommt immer wieder vor, dass Länder umbenannt werden, dass neue Staaten entstehen. Ich halte mich an meine 199 Länder. Sollte ich lesend irgendwo unterwegs sein, wo solche geo-politischen Umwälzungen stattfinden, werde ich mir überlegen, wie ich damit umgehe.

Der ursprüngliche Plan war, Werke von Autoren aus dem jeweiligen Land oder Literatur jeder Art über das jeweilige Land zu lesen. Im Lauf der Zeit gab es bei Yvonne manchmal zusätzlich kulinarische Beiträge zu manchen Ländern. Ich habe meine Literaturstationen um „Kunststationen“ bereichert, also Berichte über Ausstellungen bzw Austellungskataloge.

Für manche Länder ist es nicht so einfach ein literarisches Werk zu finden. Etwa für kleine Inseln, die aber unabhängige Staaten sind zB Tonga oder Tuvalu. Aber mit Geduld und Interesse werde ich schon fündig werden.

Nachdem derzeit das Reisen nicht so einfach ist, schätze ich es ganz besonders „wenigstens“ literarisch unterwegs zu sein. „Wenigstens“ passt eigentlich gar nicht, denn aus Kunst und Literatur erfährt man viel und es gibt ja durchaus auch gar nicht so wenige Länder, in denen ich mich – aus verschiedenen Gründen – physisch gar nicht aufhalten möchte.

Derzeit bin ich in der Karoo, in Südafrika unterwegs.

56. Station der Literaturweltreise – Neuseeland

Ein absolut faszinierendes Buch, von Anfang bis Ende.

Im Vorwort schreibt die Autorin, wie schwierig es war, einen Verleger zu finden für diesen Roman, an dem sie 12 Jahre geschrieben hatte und den sie so vollendet fand, dass sie nicht bereit war, irgendetwas daran zu ändern. Viele Verleger fanden ihn aber „zu umfangreich, zu sperrig, zu anders, verglichen mit der normalen Form des Romans. Ein Glück, dass sie nicht aufgegeben hat ! 1985 gewann sie den Booker-Preis. Heute gibt es eine deutsche Übersetzung des Romans in einem Fischer-Taschenbuch

Drei Protagonisten erleben wir. Eine Malerin, die sich mit ihrer Familie entzweit und auch den Zugang zu ihren künstlerischen Schöpfungsprozessen verloren hat, ein Mann, der zwischen zwei Kulturen lebt und ein Kind, der einzige Überlebende einer Schiffskatastrophe dessen Herkunft unbekannt ist. Diese drei Menschen, die sich zufällig getroffen haben, nähern sich einander, vergrößern die Abstände wieder, tanzen Spiralen und Kreise umeinander. Alle drei sind in der einen oder anderen Weise von ihren Wurzeln abgeschnitten, alle drei suchen nach Zusammengehörigkeit und finden sie nur in kurzen Augenblicken

Die äußeren Elemente der Handlung lassen sich in drei Sätzen zusammenfassen, die schwierigen manchmal verzweifelten Beziehungen zwischen den Protagonisten nicht.

Was mich so besonders fasziniert hat, ist Keri Hulmes Sprache, die Bilder, die sich gegenseitig zu inspirieren scheinen. Große und tiefe Bilder, die ineinander übergehen, dazwischen banalste Dialoge und sehr viele innere Monologe. Es ist nicht immer auf den ersten Blick klar, wer da gerade spricht.

Das Buch beginnt mit einem Prolog unter dem Titel „Das Ende am Anfang“. Tatsächlich werden in diesem Prolog die drei Protagonisten eingeführt. Das weiß man als Leser*in aber erst später. Ein kleines Zitat aus dem Prolog:

„Sie waren für sich selbst, nichts weiter als Menschen.
              Auch in Paaren, gleich wie gepaart, wären sie für sich selbst nichts weiter gewesen als Menschen. Aber alle zusammen sind sie Herz, Muskeln und Geist von etwas Gefährlichem und Neuen geworden, von etwas Seltsamen und Wachsenden und Großen.
             Zusammen, alle zusammen sind sie die Werkzeuge der Veränderung.“ p.17

Die Autorin und die Protagonistin Kerewin haben Maori-Vorfahren und der zweite erwachsene Protagonist, Joe stammt aus einer Maorifamilie. Dadurch erfährt man einiges über das Volk der Maori und deren Stellung im modernen Neuseeland. Die beiden erwachsenen Protagonisten kommen auch gegen Ende des Romans unabhängig voneinander mit Maori-Mystik in Berührung, was sich für beide sehr positiv auswirkt. Sehr interessant fand ich auch, dass in den Dialogen durchgehend Teile in der Maorie-Sprache*) stehen. Es gibt dazu zwar ein Glossar, aber es ist in der Reihenfolge des Auftauchens der Wendungen sortiert und ich fand es reichlich unpraktisch. Das ist aber auch schon das einzige, was ich an diesem Buch zu bekritteln habe.

Ein großes Leseerlebnis !

 

*) aus Wikipedia:  Die Sprache wurde 2006 in Neuseeland noch von rund 157.500 Menschen gesprochen, 131.600 davon maorischer Abstammung. Bei einem Bevölkerungsanteil von rund 565.300 Māori waren 2006 also nur noch 23,3 % der Māori in der Lage, die Sprache im täglichen Leben anzuwenden.

 

Dating – Verwirrungen

Das Cover gefällt mir nicht besonders. Es scheint, als hätten alle Verlage sich darauf geeinigt, ihre Thriller nur noch in weiß-rot-schwarzen Umschlägen zu produzieren. Das sieht in einer Buchhandlung doch recht eintönig aus. Vor allem weil der rote Anteil meist Blut darstellt.

Dieser Thriller hat mir aber ganz gut gefallen. Die Geschichte ist sorgfältig und logisch konstruiert, flüssig und spannend geschrieben ohne besonders brutal zu sein. Die Lebensumstände sind durchaus realistisch geschildert, schließlich gehören Dating-Plattformen verschiedenster Art zum täglichen Leben vieler Menschen.

Dating-Plattformen stehen auch im Mittelpunkt der Handlung und Mr. Right Now, der dort seine Opfer findet. Joy Fieldings Personen agieren  glaubhaft und sind plastisch und lebendig beschrieben. Es sind vier Frauen, die freundschaftliche bzw verwandtschaftliche Beziehungen zueinander haben und entweder einen Mann suchen oder einen loswerden wollen. Mr. Right Now allerdings ist abgesehen von seinem originellen Namen eine etwas klischeehafte Figur, was aber nicht weiter stört.

Ich hatte schon längere Zeit nichts mehr von Joy Fielding gelesen, weil ich fand, dass ihre Plots immer nach dem gleichen Muster gestrickt und somit nicht besonders spannend waren. Diesen hier fand ich etwas anders. Das Ende ist zwar vorhersehbar aber nicht die Wege, die dorthin führen.

Alles in allem ein gut geschriebener Thriller, für anspruchslose Lektüre bestens geeignet.

 

Ein kleines, feines Buch

Sehr klein und sehr fein!

Vorgestellt wird die Body2Brain-Methode: über den Körper kommen Informationen und somit neue Ideen ins Gehirn, die letztlich alte Verhaltensmuster verändern und ungewollte Emotionen unter Kontrolle bringen

Zweck dieser ganz einfachen Übungen (zB Augen auf und zumachen, auf einem Bein stehen) ist es, das vegetative oder autonome Nervensystem zu beeinflussen.

Ein nettes Buch zu dem es auch eine kostenlose App gibt, die wenig überraschend auch „body2brain“ heißt.

Die Illustrationen mit den Schafen Oscar und Emily runden dieses feine kleine Buch ab.

Falsche Zielgruppe

 

Helliconia: Frühling

So wurde dieser erste Teil einer Trilogie angekündigt:

Helliconia ist ein Planet in einem Doppelsternsystem, auf dem ein Jahr zweieinhalb Tausend irdische Jahre dauert. Nach mehr als tausend Jahren erbarmungslosem Winter beginnen die Gletscher auf Helliconia zurückzuweichen. Das erste Grün zeigt sich, die Tierwelt erwacht. Nun kehren auch die Menschen, Nachfahren der Forscher, die diese Welt einst entdeckten, an die Oberfläche ihres Planeten zurück – doch zuerst müssen sie die Fesseln der Barbarei abschütteln und sich von der Unterdrückung der einheimischen Phagoren befreien …

Wenn sich die  Handlung eines 485 Seiten langen Romans umfassend in 3 Sätzen zusammenfassen lässt ist das aus meiner Sicht kein gutes Zeichen. Wenn man gerne seitenlang liest wer wen wie geprügelt und/oder abgestochen hat, ist das wahrscheinlich anders.

An und für sich lese ich diese Art von Fluchtgeschichten ganz gerne, wenn sie flüssig geschrieben sind und so, dass es eine Welt gibt, in die man sich hineindenken kann und ausgearbeitete Figuren. Bei diesem Text hatte ich den Eindruck, dass es sich um ein Drehbuch oder Regieanweisungen für einen Action-Film handelt. Der Autor verwendet eine sehr einfache, abgehackte Sprache. Es kommen sehr viele Personen vor, aber nur ganz wenige werden wenigstens ein kleines bisschen entwickelt. Es geht von einer Kampf- und Schlachtenszene zur nächsten, wobei es sehr schwierig ist, die zahlreichen Personen mit sehr langen Namen überhaupt auseinanderzuhalten und kaum hat man sich eine Person irgendwie gemerkt, ist sie schon wieder weg und kommt nicht mehr vor.

Ich gehöre eindeutig nicht zum Zielpublikum dieser Trilogie, deren Lektüre ich nach einem Drittel des ersten Bands auf extremes Querlesen umgestellt habe und deren zweiten und dritten Band ich nicht lesen möchte.

Unblutiger Krimi

Hakan Nesser

„Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“

2020

Wer einen absolut unblutrünstigen, intelligenten  Krimi lesen möchte, ist bei diesem Buch richtig, eigentlich bei Hakan Nesser immer. Es geht nur sehr am Rande, wenn überhaupt, um Morde. Es geht vielmehr um zwischenmenschliche Beziehungen einerseits zwischen Kommissar Barbarotti und seiner Lebensgefährtin Kommissarin Backmann und andererseits zwischen den Personen der Tragödie, die sich immer weiter von einer Tragödie wegbewegt. Mehr sei hier nicht verraten.

Obendrein spielt das ganze teilweise in einer offenbar sehr malerischen einsamen Gegend Schwedens, in Gotland. Die Landschaft dort gehört gewissermaßen auch zu den Personen der Handlung.

Hat mir als leichte aber nicht seichte Zwischenlektüre gut gefallen

55. Station der Literatur- und Kunstweltreise – México

Karte aus Wikipedia

Hier findet sich meine im Jänner 2017 begonnene Literatur- und Kunstweltreise

Wir sind in den letzten zwei Wochen ein bissl herumgefahren und haben uns abgesehen von zwei Steinzeitdörfern mit dazugehörigen Museen und einer reichlich kuriosen Habsburger-Gedenkstätte auch eine kleine Maya-Ausstellung angesehen. Pikant war, dass die Mayaaustellung gleich neben dem Nitsch-Museum zu finden war. Blut zu Blut gewissermaßen.

Es war eine kleine Ausstellung. Klein von der Anzahl der real gezeigten Objekte, aber es gab sehr viel an diversem filmischen Material zu sehen.Zu dem Zeitpunkt als ich zum ersten Mal von den Mayas hörte, was Jahrzehnte her ist, war die Schrift bzw die Schriften noch nicht entziffert, was der Kultur einen recht mysteriösen Anstrich gab. Inzwischen kann man die Schriften weitestgehend lesen und hat dabei entdeckt, dass bei den Mayas ebenso wie bei anderen Völkern wie den Assyrern oder den Ägyptern die Schrift zuerst sehr praktischen Zwecken diente.

Man steht ehrfürchtig vor Steinstelen, Keilschriftzylindern, Papyri und überlegt, was für kosmische Weisheiten da wohl zu lesen sind. Tatsächlich stehen da Informationen wie „X verkaufte Y soundsoviel Land um den und den Preis“ „es wurde soundsoviel Weizen am soundsovielten auf das Schiff X geladen und nach Y verschifft“ „König A, der Sohn von König B, regierte von … bis. Glorreich besiegte er die …. “

Spirituelles findet man eher in gezeichneter Form, was das Verständnis nicht einfacher macht. Vor allem die realistischen Darstellungen der extrem blutigen Opfer ist gewöhnungsbedürftig.

Faszinierend die Mathematik der Maya, die die Null kannten und damit sehr exakte astronomische Berechnungen durchführten. Wenn man dagegen an die Römer denkt mit ihren langen Strich-Buchstaben Zahlen! Einigen Ärger und ein paar skurrile Episoden hat verursacht, dass das Ende eines Kalenderzyklus der Maya auf das Jahr 2012 fiel und die Esoteriker mit dem Ende der Welt rechneten. Das waren wahrscheinlich die gleichen, die heute Donald T als den Retter der Welt feiern. Das aber nur am Rande.

Weitgehend unbekannt ist auch der Grund für den teilweisen Niedergang der Kultur im 9. Jahrhundert, der zum Verlassen großer Stadtstaaten und damit zum Rückgang der Gesamtbevölkerung führte. Dazu gibt es zwei Erklärungsansätze: einen ökologischen: Dürren, Überbevölkerung, Auslaugen der Böden und einen politischen: Kriege, Invasionen etc. Derzeit wird der ökologische Erklärungsansatz favorisiert.

Interessant fand ich auch, dass sich in letzter Zeit die Vorstellung von einer Mayastadt verändert hat: die imposanten Steinbauten, die man schon lange kennt, waren nur das Zentrum der Stadtstaaten. Die zahlreichen restlichen Bauten gruppierten sich um das Zentrum und waren aus Holz.

Die Ausstellung beschäftigte sich auch mit dem Alltagsleben der Maya; dem Alltagsleben der historischen Völker und jenem der heutigen Nachkommen. Daher gab es auch Stoffe zu sehen.

Nachdem die heutige Maya-Bevölkerung zu einem Teil auf dem Staatsgebiet von México lebt, ist dies meine mexikanische Reisestation. Demnächst mache ich mich auf den Weg in die Südsee.

Mary Trump und ihr Onkel

Leider ein sehr enttäuschendes Buch. Am besten gelungen, finde ich den Titel. Wenige Fakten und sehr viele davon  stammen vom Hörensagen, aus Erzählungen anderer Familienmitglieder. Ein paar Anekdoten, in denen auch Donald Trump vorkommt. Viel Interpretation auf Basis von  psychologischen Ferndiagnosen der Autorin. Sogar die biographischen Daten von Donald Trump sind spärlich gesät, es fehlen sogar Eckdaten wie Heiraten und die Geburt von Kindern. Donald Trump ist noch nicht einmal die Hauptperson in diesem Buch, das man nicht als Biographie bezeichnen kann. Er tritt als Nebenfigur auf, als gleichgültiger Onkel und völlig unfähiger Geschäftsmann, der sich in permanentem Ruin befinden würde ohne die ständige finanzielle Unterstützung seines Vaters, Fred Trump.

Ich fand es ganz interessant und ziemlich gruselig über das Leben einer völlig dysfunktionalen, reichen amerikanischen Familie zu lesen. Die Autorin beschreibt eigentlich das Leben ihres Vaters, dem ältesten Bruder von Donald Trump, der laut ihrer Interpretation durch die Kälte und mangelnde Wertschätzung seines Vaters in den Alkoholismus getrieben wurde, an dem er letztlich wahrscheinlich starb.  Ebenso hätte dieser Vater seinen Sohn Donald zu dem gemacht, was er heute ist. Das mag alles so sein oder auch nicht. Mary Trump ist Psychologin, aber ihre Diagnose von der psychischen Instabilität und dem Charakter ihres Onkels geht kaum über das hinaus, was ohnehin alle sehen können.

Auch die Geschichte von Mary Trumps Vater, die den größten Teil des Textes ausmacht, ist spekulativ und bruchstückhaft und eigentlich auch nicht besonders überzeugend was ihren Wahrheitsgehalt bzw die Interpretation seiner Handlungen betrifft.

Erstaunlich finde ich, dass Donald Trump, sein Image von diesem Buch so bedroht sah, dass er es verbieten lassen wollte. Ich finde nicht, dass viel drinsteht, was ein politisch interessierter Mensch nicht ohnehin wüsste, und was der US-Präsident nicht täglich demonstrieren würde. Wer also entweder biographische Daten oder irgendwelche enthüllte Geheimnisse erwartet, sollte sich anderweitig informieren.

 

Schlecht begonnene Beziehung

Kerstin Hensel

Regenbeins Farben

Schief begonnen hat meine Beziehung zu diesem Buch. Ich hatte darüber gelesen, dass skurrile Gestalten auftreten und es mir deswegen bestellt. Auf dem Cover las ich dann „herrlich komische Verwicklungen nehmen ihren Lauf“. Ich rechnete also mit einem witzigen Buch und ließ es eine Weile herumliegen, weil ich gerade nicht in der Stimmung für Witziges war

Die angekündigten „köstlich witzigen Situationen“ konnte ich beim Lesen allerdings nicht finden. Ganz im Gegenteil sind für mich die Figuren der Handlung großteils eher tragische Gestalten. Vielleicht habe ich auch eine völlig andere Vorstellung von Humor als die Person, die den Klappentext geschrieben hat.

Wie auch immer, das Buch hat mir gut gefallen. Die Handlung beginnt und endet auf einem Friedhof, der in der Einflugschneise eines Flughafens liegt. Die dort grabpflegenden Witwen kennen einander aus einem anderen Lebensbereich, aus der Kunstszene. Eine Malerin, die Witwe eines Kunstmäzens und eine Kunstprofessorin und bekannte Kritikerin treffen sich auf dem Friedhof und anderswo. Die Malerin, die viele Jahre nicht an die Öffentlichkeit trat, weil sie von ihrer eigenen Kunst nicht überzeugt war, wird nun von einem bekannten Galeristen, der auf demselben Friedhof Grabpflege betreibt zu einer Ausstellung überredet.

Die Autorin hat einen sehr poetischen Schreibstil, der immer wieder einmal ins Surreale kippt und den ich sehr angenehm und fließend zu lesen fand. Die Figuren hatten für mich sehr harte Konturen, sie erinnerten mich an Skulpturen der 1920er und 30er-Jahre, kantig, etwas mechanisch in der Bewegung, psychologisch wenig charakterisiert daher nicht wirklich lebendig werdend. Die Autorin ist sehr weit weg von ihren Figuren, erzählt deren Geschichten aber auf eine Art, die mich angesprochen hat.

Die Ausstellung der Malerin Regenbein endet als Fiasko. Nicht wegen der Qualität der Bilder sondern eigentlich weil die Versammelten von der deutschen Geschichte insbesondere der Nazi-Zeit eingeholt und vernichtet werden.

Es wird im Klappentext auch darauf hingewiesen, dass es sich um „Verflechtungen deutsch-deutscher Biographien“ handelt. Nachdem die Geschichten teilweise bis vor die Gründung der DDR zurückreichen, fand ich das nicht besonders verblüffend. Das Thema ist für mir als Österreicherin aber auch nicht emotional besetzt, daher kann ich diesen Aspekt des Werks wahrscheinlich auch nicht nachvollziehen.

Alles in allem fand ich mich in diesem Buch etwas fremd, schätze aber die lyrisch angelegte Sprache, die surrealen Momente und die Handlung selbst.

54. Station der Literaturweltreise – Republik Moldau

Meine literarische Weltreise

Die Republik Moldau ist eines jener Länder aus denen unsere mitteleuropäischen Altenpflegerinnen, Kindermädchen, Putzfrauen, Gärtner etc kommen. Viele von ihnen haben Kinder, aber die Eltern kommen allein, die Kinder bleiben eventuell in der Obhut von Verwandten oder auch allein zurück. Sozialwaisen nennt man sie. Es sind keine Einzelfälle sondern ein weit verbreitetes Phänomen in den östlichen Ländern Europas innerhalb und außerhalb der EU-Grenzen.

Liliana Corobca, die selbst in Moldawien aufgewachsen ist, lebt heute in Rumänien, wo sie Literaturwissenschaft studiert hat. „Der erste Horizont meines Lebens“ ist nicht autobiographisch und heißt im rumänischen Original „Kinderland“. Ein Titel des Verlags, der in der Übersetzung vielleicht nicht ganz nachvollziehbar war

Der Roman handelt von drei Geschwistern, einem 12-jährigen Mädchen, einem 6-jährigen und einem 3-jährigen Buben, die in einem moldawischen Dorf allein leben. Die Mutter arbeitet in Italien, der Vater in Russland, selten kommen sie zu Besuch, einmal in der Woche ruft die Mutter an. Es gibt eine Großmutter im Hintergrund, die aber sehr krank ist und von der man annimmt, dass sie bald sterben wird. Es gibt einen Patenonkel und eine Patentante, die im ärgsten Notfall bereit sind, den Kindern zu helfen, denn im Dorf herrscht das Recht des Stärkeren und es sind praktisch alle stärker als drei auf sich selbst gestellte Kinder.

Die Hauptfigur des Romans ist das 12-jährige Mädchen, das ziemlich idealisiert wird. Sie führt den gesamten Haushalt inklusive der Haltung eines Schweins und etlicher Hühner. Sie betreut die beiden kleinen Brüder, sie geht auch zur Schule und sie stellt Überlegungen an, die man einem Kind ihres Alters nicht wirklich zutraut. Sie sinniert über das Leben im allgemeinen und ihres im Speziellen, über ihr Dorf und die Welt. Obwohl sie aufgrund ihrer Lebenssituation schnell erwachsen werden muss, sind doch ihre Betrachtungen nicht die einer 12-jährigen. Auch wieder ein Problem der Erzählperspektive.

Wenn auch manche Figuren dieses Romans nicht ganz authentisch wirken, so ist doch das Thema ein heißes Eisen der europäischen Sozialpolitik und so ist schon weger seiner Thematik ein sehr interessantes Buch, das in Welten führt, von denen wir als Mitteleuropäer meist nur eine sehr vage Vorstellung haben, wenn überhaupt.

53. Station der Literaturweltreise – Südkorea

                                              Meine Literaturweltreise

Ein ungewöhnliches Buch. Ein sehr ungewöhnliches Buch. Es ist die Geschichte einer Frau, die beschließt kein Fleisch mehr zu essen, was ungeahnte Konsequenzen hat. Gerne wird der erste Satz dieses Romans zitiert. „Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar“. Ein genialer erster Satz, der den Auftakt für einen bemerkenswerten Roman bildet.

Warum die Hauptfigur kein Fleisch mehr isst, bleibt für ihren Ehemann unverständlich, aber wir Leserinnen erfahren es durch Einschübe in den Text, in denen die Protagonistin in der Ich-Form erzählt. Was ich übrigens für ein sehr brauchbares Stilmittel zur Ergänzung des auktorialen Erzählens halte. Abgesehen davon, dass sie keine tierischen Produkte mehr isst, trägt sie auch keinen BH mehr, was auch als kaum verzeihlicher Verstoß gegen die gesellschaftlichen Konventionen betrachtet wird.

Wegen der totalen Veränderung in ihrer Ernährung nimmt die Protagonistin extrem ab wodurch ihr neuer Lebensstil auch für andere sichtbar wird und das Unglück nimmt seinen Lauf. Weitere wichtige Personen dieser Geschichte sind neben dem Ehemann die Schwester und der Schwager der Hauptfigur. Aus der Sicht dieser drei, aber in auktorialer Form wird die Geschichte erzählt und der Roman dadurch in drei Teile geteilt. Im ersten ist die Perspektive die des Ehemanns mit Einschüben in Ich-Form, in denen die Protagonistin erzählt. Der zweite Teil berichtet über den Schwager, der Künstler ist und seine ganz eigene Sicht auf die Protagonistin hat, über deren Innenleben wir nun nichts mehr erfahren. Der dritte Teil schließlich ist aus der Sicht der Schwester geschrieben. Bei der Lektüre dieses Teils war ich mir nicht sicher, ob es sich um die Beschreibung psychischer Krankheit oder um einen Einbruch des Surrealen in den Text handelt.

Die Personen stehen wohl für recht typische Vertreter der südkoreanischen Gesellschaft. Der Ehemann, ein unendlich konventioneller, langweiliger Mann; wobei konventionell die absolute Hingabe an den Beruf einschließt. Er arbeitet  von frühmorgens bis spätabends und das Nachhausekommen um Mitternacht an vielen Tagen hintereinander wird nicht als ungewöhnlich empfunden. Wirklich schockiert hat mich die Szene in der der Ehemann bei seiner Firma anruft und sagt, dass er zwei Stunden später kommt, weil er seine Frau ins Krankenhaus bringen muss und dann bemerkt, dass es ungemein großzügig sei, dass diese zwei Stunden nicht als Grund für eine Kündigung genommen werden, was durchaus möglich und nicht ungewöhnlich wäre. Der Schwager, ein Videokünstler, der sich wegen eines körperlichen Merkmals in obsessiver Weise von seiner Schwägerin sexuell angezogen fühlt. Schließlich die Schwester, die durch das Betreiben eines Schönheitssalons die Familie ernährt und ohne nennenswerten Beitrag ihres Manns den Haushalt und die Betreuung des gemeinsamen Kindes übernimmt. In weiterer Folge übernimmt sie auch die Betreuung der Protagonistin bevor und nachdem diese in ein psychiatrisches Krankenhaus eingeliefert wurde.

Nicht nur eine gut geschriebene, interessante Geschichte sondern auch ein Einblick in die südkoreanische Gesellschaft.