Kategorie: BÜCHER

2. Jänner 2022 – alles glänzt

Einen Marathon der Aktualisierungen habe ich betrieben. Etliche Stunden bin ich vorm Kastl gesessen und habe meine beiden großen Projekte, das Kreativ- und das Literatur-und-Kunstprojekt, bis auf den letzten Beistrich aktualisiert. Ich nehme mir dann immer vor, die Verwaltung nicht wieder aufzuschieben, aber wie das halt so ist …

In der Impulswerkstatt, die unter „Menü“ bei den Seiten zu finden ist, sind sämtliche Fotos, Einladungen und Zusammenfassungen der Beiträge seit Oktober 2020 zu finden. Es fehlt nur noch die Einladung für das Mitmachen beim Jänner + Februar Durchgang. Die kann dort nicht stehen, weil es sie noch nicht gibt. Aber Montag wird es sie geben und ich bin schon sehr gespannt auf alle eure Beiträge beim nächsten Durchgang.

Meine Literatur- und Kunstweltreise, auch unter „Menü“ zu finden, habe ich auch völlig aktualisiert, was ein ziemlicher Aufwand war, weil die Seite eine Mischung aus altem und neuem Editor war. Ich habe alles Unnötige entfernt und jetzt glänzt auch sie. Schade ist nur, dass bei dem totalen Umbau und dem Löschen der vorherigen Versionen alle „likes“ gefressen wurden. Na, ich werde es schon aushalten.

Die größere Übersichtlichkeit zeigt mir, dass es Länder gibt mit schon mehreren Einträgen und natürlich auch noch sehr viele ohne irgendeinen Eintrag. Bei manchen Ländern habe ich so meine Zweifel, ob mir jemals etwas Passendes unterkommen wird. Ich suche ja nur ganz selten zielgerichtet, die meisten Bücher sind Zufallstreffer.

Ich lese sehr viel mehr als ich hier aufliste, aber es passt nicht alles und mehr als maximal fünf Einträge pro Land möchte ich nicht machen. Gerne werde ich aber auch im nächsten Jahr etlichen der Anregungen, die ich auf den Blogs immer wieder finde nachgehen. Danke an viele von euch, manchmal sind die Wege auf denen ich interessanten Lesestoff finde sehr verschlungen

Im verarmten Wien

Diese Krimi-Reihe von Alex Beer ist eine, die ich gerne lese. Den ersten Band „Der zweite Reiter“ und auch den zweiten HIER habe ich gelesen. Dies ist der fünfte.

Was ich an Alex Beers Krimis mag, ist die historische Kulisse. Sie spielen im Wien der 1920er Jahre. Die spanische Grippe, die im ersten Band noch wütete, ist vorbei, dafür führt die enorme Inflation zu großer Armut, Hunger und Obdachlosigkeit. Das Szenario ist wenig erheiternd, vor allem wenn es sich um die eigene Stadt handelt, aber historisch durchaus korrekt. Auch manche Personen der Handlung sind historisch, etwa der Polizeipräsident Schober, der auch ein halbes Jahr Bundeskanzler und Begründer der Vorgängerorganisation der Interpol war.

Dieser Roman spielt in mehreren Ländern entlang der Donau, so auch in Ungarn. Das Lektorat war in diesem Teil des Textes sehr nachlässig: praktisch jeder einzelne ungarische Mini-Satz, der vermutlich wegen des Lokalkolorits verwendet wurde, ist falsch, sogar „guten Tag“!

Die Autorin, Alex Beer, stammt aus Bregenz und lebt in Wien, was ihre immer exakten Ortsbeschreibungen erklärt. Es ist ja keineswegs selbstverständlich, dass in Romanen, die an bestimmten Orten spielen, diese Orte auch realistisch beschrieben werden. Es gibt übrigens eine interessante Parallele zu einer anderen von mir geschätzten Krimi-Autorin nämlich Fred Vargas. Beide Autorinnen sind Archäologinnen.

Alex Beers Krimi-Reihe um den Ermittler August Emmerich ist preisgekrönt – neben zahlreichen Shortlist-Nominierungen (u.a. für den Friedrich Glauser Preis, Viktor Crime Award, Crime Cologne Award) erhielt sie den Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur 2017 und 2019 wurde ausgezeichnet mit dem Krimi-Publikumspreis des Deutschen Buchhandels MIMI 2020 und mit dem Österreichischen Krimipreis 2019.

In diesem fünften Band ihrer Reihe wird dem bewährten Ermittler und Kriegsveteranen August Emmerich ein Psychoanalytiker zur Seite gestellt, was mich intensiv an „Vienna Blood“ erinnert hat. Nachdem in den 1920 er Jahren die freudsche Psychoanalyse tatsächlich immer bekannter wurde, muss man der Autorin die Verwendung dieser Idee nicht übel nehmen. Tatsächlich erreichte „Vienna Blood“ traurige Berühmtheit, weil genau am Tag der Ausstrahlung des ersten Teils im ORF das terroristische Attentat in Wien stattfand und die Krimi-Ausstrahlung mit dem aufgrund der Ereignisse dieses Tages geschmacklos gewordenen Titel unterbrochen wurde. Wenn ich mich recht erinnere, wurde der Film ein paar Tage später unter einem anderen Titel gezeigt.

Zurück zu „Der letzte Tod“ . Es ist ein gut geschriebener Krimi mit komplexer und origineller Handlung in atmosphärischem, historischen Milieu, schnell und einfach zu lesen. Was mir nicht gefallen hat, ist – neben dem Ungarisch-Fiasko – der extreme Cliffhanger am Ende des Romans, der eher zu einer sehr schlicht gestrickten Serie passen würde.

(…) er öffnete den Riegel und hob den Deckel der Kiste in die Höhe. „Was zur Hölle ……“ murmelte er, als er sah, was sich darin befand.
Diese Geschichte war noch nicht abgeschlossen.

Dieser Roman ebenso wie die vier anderen Bände der Reihe sind im zur Penguin/Randomhouse Verlagsgruppe gehörenden Limes-Verlag erschienen.

Der große Wind der Zeit

Den Luchterhand Literaturverlag habe ich kürzlich entdeckt. Sehr empfehlenswert für Leser*innen, die sich für zeitgenössische Literatur interessieren. Ich habe begonnen, mich durch das Verlagsprogramm zu arbeiten. Meine Nummer 1 war DIESES ebenso interessante wie verstörende Buch, dies ist nun meine Nummer 2, die für mich auch unter die Lesegenüsse fällt und eine Nummer drei wartet noch darauf gelesen zu werden.

Der Roman spielt im heutigen Israel und umfasst Szenen aus dem Leben von vier Generationen einer Familie, wobei die älteste Generation vertreten durch Omama Eva durch deren Tagebuch zu Wort kommt, das von ihrer Urenkelin Libby gelesen und szenisch fantasiert wird.

Eva ist eine Tänzerin, die in den 1930er Jahren in Berlin lebt und intensive Beziehungen zu Nazis unterhält. Sie heiratet in Israel einen Jemeniten, bekommt einen Sohn, pendelt zwischen Orten und zwischen ihrer Leidenschaft als Tänzerin und politischem Engagement in Israel. In einer sehr starken Szene versucht sie erfolglos ihre in Wien lebenden Eltern davon zu überzeugen nach Israel auszuwandern. Die Eltern glauben nicht an die Schrecken, die ihnen ihre Tochter für die nahe Zukunft ausmalt. Es wird dann nur noch lakonisch berichtet, in welchen KZs sie ermordet wurden

Auch die Urenkelin Libby ist eine ungewöhnliche Frau. Zu Beginn des Romans hat sie gerade ihre Tätigkeit als Verhörspezialistin für palästinensische Häftlinge bei der israelischen Armee gekündigt. Bei einem ihrer letzten Verhöre lernt sie einen Palästinenser kennen, der des Terrors verdächtigt wird, einen Historiker, der in Coventry an seiner Doktorarbeit scheibt und nur nach Israel gekommen ist um am Begräbnis seiner kleinen Cousine teilzunehmen, die von der Armee erschossen wurde, weil sie mit einer Stricknadel herumspielte, die von den Soldaten für eine Waffe gehalten wurde. Libby und der als Terrorist verdächtigte interessieren sich für die Sicht des jeweils anderen

„Was für ein Spaß, mit dir zu streiten“ Er schmolz förmlich vor Vergnügen „Wenn alle Israelis so wären wie du, wäre das super unterhaltsam“
„An dem Tag, an dem alle Palästinenser wie du sind, Adib, werden sie entdecken, dass die meisten Israelis so wie ich sind“ S 356

„Du bist die dritte Generation der Flüchtlinge und ich bin die vierte Generation von Flüchtlingen“ erwiderte Libby. „Willst du einen Krieg zwischen mir und dir und unseren Kindern wegen Leuten, die wie Fausi al-Kawukdschi oder sein Kontrahent Hadsch Amin al-Husseini in Nazibegriffen einer totalen Vernichtung dachten ?“
„Ich möchte keinen Krieg mit dir“ entgegnete Adib „aber wir haben eine Menge zu bereden“
„Eine Menge“ stimmte ihm Libby zu „und wir werden reden“
„Also wann kommst du nach Coventry? fragte er
„Am Tag nach meiner Entlassung aus der Armee“ antwortete sie „in genau zwei Wochen“ S 444

Ich möchte hier nicht alle Personen vorstellen, die in diesem bunten Gemälde des israelischen Alltags vorkommen. Orthodoxe Armeekommandanten gehören ebenso dazu wie korrupte Politiker, übergriffige Psychologen, rebellische Töchter, Lebemänner und -frauen …

Eine weitere Hauptgestalt dieses Romans ist Uri, der sich Dave nennt, der Sohn von Eva ist und der Großvater von Libby. Er ist über achzig, Mitbegründer eines Kibbuz, durch dessen Geschäfte er gerade reich wird. Er fährt oft und gerne mit seinem Motorrad (Harley-Davidson WLC 43 aus den Tagen von Pearl Harbor S34 ) durchs Land, je unwegsamer die Strecken durch die Wüste umso lieber. Eine meiner Lieblingsszenen in diesem Roman ist die Unterhaltung zwischen Dave und einem langjährigen palästinensischen Freund.

Die beiden alten Herren unterhalten sich auf einer Ebene von Mensch zu Mensch, sie kennen und respektieren die jeweils andere Sprache und Kultur und nehmen die politische Situation, wie sie nun einmal ist.

„Inschallah. Adib macht schon den Doktor fertig. Redet englischeres Englisch als euer Regierungschef.
„Unser Ministerpräsident spricht Amerikanisch, kein Englisch“ präzisierte Dave.
„Der Junge wird nachhause zurückkommen und der Kulturminister in unserer Regierung, wenn wir einen Staat haben“
„Ihr werdet einen Staat haben, ihr werdet eine Regierung haben, ihr werdet Schmach und Schande haben wie wir“ tröstete Dave seinen Gastgeber und langjährigen Freund.
(…)
„Die Liebe sieht das Gute. Die Enttäuschung sieht das Schlechte. Die enttäuschte Liebe sieht das Ganze“ zitierte Dave ein altes arabisches Sprichwort
„Du hast drei Söhne, alhamdulillah, einer erfolgreicher als der andere, warum enttäuschte Liebe?“ wunderte sich Saliman über seinen Gast.
„Wir haben das, was wir geschaffen und erreicht haben mit viel Leid erreicht“ sagte Dave „doch wie haben eine Generation von Vergnügungsjägern großgezogen. Strecken die Beine über den Deckenrand hinaus und bringen sich um für teure Leichenhemden.“
„Die Unterhaltung mit dir, chawadscha Daud, ist wie in einem Buch lesen“
„Auch mit dir, Saliman “ (…) S169

Tatsächlich ist dieser Roman ein Aufruf zu menschlichem Miteinander in einer politisch unlösbar erscheinenden Situation. Der Autor schreibt auch gegen die Klischeevorstellungen von der israelischen Geschichte und Gesellschaft, die nicht so stereotyp ist, wie wir uns das in Europa vorstellen.

Joshua Sobol, Der heute wohl bekannteste Dramatiker Israels verfasste neben zahlreichen Bühnenstücken auch Romane, die sich immer mit dem Thema Israel oder dem jüdischen Glauben befassen. Er wurde 1939 geboren, noch zu Zeiten des Völkerbundmandats für Palästina, lebte zeitweise in einem Kibbuz, studierte Literatur und Geschichte in Israel und Philosophie in Paris.

Es ist ein anspruchsvoller Roman, ich habe zum Beispiel einiges an Geschichte Israels und Palästinas nachgelesen. Es ist auch ein Roman, der Lösungen für möglich hält auf die kaum jemand mehr wetten wollte. Schließlich ist es auch ein sehr liebevoll geschriebener Roman, der sich aber fernhält von jeder Sentimentalität.

Sehr empfehlenswert

Es ist schon sehr lang geworden, trotzdem gäbe es jede Menge Textstellen, die ich noch gerne zitieren würde, denn der Text hat sehr viele Facetten. Auf keinen Fall verzichten kann ich aber auf die Erwähnung der Textstelle, die dem Buch seinen Namen gegeben hat:

„(…) und dann lebten sie wieder zusammen, bis ein großer Wirbelwind kam, der ihn in die Arabische Abteilung und sie in die Deutsche Abteilung des Palmach blies, und da haben sie selbst die Flügel ausgebreitet, schwangen sich auf den großen Wind der Zeit und flogen mit ihm wie die Kraniche, die keine Angst vor Höhe und Weite haben, und sperrten sich nicht ein wie panische Mäuse in ihren Löchern…“ S 429

Keine Macht den Psychopathen

Zunächst gefiel mir das Buch recht gut. Es beginnt mit der Aufzählung von „Warnsignalen, an denen man einen toxischen Menschen erkennt“. Diese Aufzählung fand ich recht erhellend ebenso wie die Beschreibung der „Technik“, die ein psychopathischer Mensch anwendet um einen anderen Menschen zunächst zu erobern und dann eiskalt links liegen zu lassen.

Es beginnt mit einer totalen Idealisierung, inhaltlich und zeitlich massiver Zuwendung und Spiegelung des Opfers. Der psychopathische Mensch gibt vor, alle Neigungen und Meinungen des Opfers zu teilen. Dann folgt unweigerlich die Phase der Entwertung. Die ehemals über alles Geliebte und Geschätzte wird plötzlich als verrückt bezeichnet, als klammernd, obsessiv und pathologisch eifersüchtig. Wahrheiten und Tatsachen werden verdreht, das Opfer steht plötzlich als Lügnerin und emotional Bedürftige da, während ihre potentielle Nachfolgerin heftig hofiert wird. Dieses Dreieck mit wechselnder Besetzung der Rollen gehört laut Autor zu der typischen Entwicklung. Und der Zyklus geht immer so weiter. Das unendliche Bedürfnis nach Anerkennung, ja Verehrung, das den Psychopathen auszeichnet, braucht immer wieder neue Nahrung aus neuen Quellen.

So weit so gut. Der Text ist interessant, allerdings auch sehr redundant, man könnte ihn ohne Verlust von Information auf etwa ein Drittel wenn nicht noch weniger kürzen.

Gestört hat mich auch, dass es hier ausschließlich um Liebesbeziehungen geht, die noch weiter darauf reduziert werden, dass der psychopathische Mensch immer ein Mann ist, das Opfer immer eine Frau. Ich denke, dass sich solche pathologischen Beziehungsstrukturen auch in anderen Bereichen des Lebens finden lassen und ich hätte es wissenswert gefunden, wie die Sache aussieht, wenn man es zum Beispiel mit einem narzisstischen Chef zu tun hat oder etwa mit einem psychopathischen Sporttrainer

Im zweiten Teil geht es darum, wie ein Opfer eines psychopathisch veranlagten Mannes sich aus dieser Beziehung befreien kann. Zweifellos gibt es da ein paar gute Ratschläge für Betroffene und einiges an Information für sonstige Leser*innen, aber auch dieser zweite Teil ist extrem in die Länge gezogen und alles wird mehrmals wiederholt, einmal so herum und einmal so herum.

Ganz besonders gestört hat mich, dass der Autor die Leserinnen persönlich anspricht auf sehr sensationalistische Art und Weise und dabei vorgibt, genau zu wissen, wie sie sich fühlen.

„Anstelle der Selbstzweifel empfinden Sie nun ungeheure Wut. Sie haben die Wahrheit erkannt. Ihnen ist bewusst geworden, dass Sie benutzt, umgarnt und einer Gehirnwäsche unterzogen wurden. Sie sind außer sich. Sie würden ihn am liebsten umbringen“ S 288

„In dieser Phase versuchen Sie verzweifelt, sich in alles und jeden in Ihrer Umgebung einzufühlen. Sie schließen neue Bekanntschaften, versuchen Ihnen das zu geben, was sie nach Ihrer Einschätzung brauchen könnten und hoffen, im Gegenzug, Liebe und Anerkennung zu erhalten.“ S 191

Diesen zweiten Teil habe ich nur noch quer gelesen, weil mich einerseits der Stil (siehe obige Zitate) sehr irritiert hat und andererseits auch die Reduzierung verschiedener und in verschiedener Stärke ausgeprägter Persönlichkeitsstörungen auf einen einzigen Typus, der „der Psychopath“ genannt wird.

Ein letzter Punkt, der mich auch sehr gestört hat, ist, dass der Autor für das Verfassen eines solchen Buches offenbar nur durch ein eigenes Erlebnis mit einem psychopathischen Partner qualifiziert scheint. Seine Analysen beziehen sich daher möglicherweise nur auf sein eigenes Erleben, das er als Grundlage nimmt für die Darstellung angeblich immer gleicher Abläufe einer solchen Beziehung.

Alles in allem würde ich den ersten Teil dieses Buch als recht generalisierenden aber doch ganz interessanten Einstieg in die Thematik bezeichnen. Den zweiten Teil würde ich auf der Suche nach einem hilfreichen Ratgeber nicht unbedingt auswählen.

64. Station meiner Literatur – und Kunstweltreise – Schweden 2

Hier ist meine Weltreise zu finden

Wollte ich dieses Buch mit einem Wort beschreiben, so würde ich „verstörend“ wählen. Ich habe lange gebraucht um hineinzufinden, aber dann hat mich die gleichzeitig harte und lyrische Sprache völlig überschwemmt und die Handlung eben ziemlich verstört.

Ein schizophrenes Mädchen aus Belgien verliebt sich als 14-jährige in einen Moslem und konvertiert zum Islam. Sie trampt nach Schweden wo sie an einem islamistischen Attentat teilnimmt. All das geschieht verzerrt durch die Nebel ihrer Krankheit. Sie weiß weder wer sie ist noch warum sie was tut. Sie überlebt und wird in den Hochsicherheitstrakt einer schwedischen psychiatrischen Klinik eingeliefert.

Dort besucht sie ein Schriftsteller, dessen Bücher ihr gefallen haben. Und so kommt der zweite Ich-Erzähler ins Spiel, ein Moslem, Schwede mit nordafrikanischen Wurzeln, der überlegt mit Frau und Tochter nach Kanada auszuwandern. Diesem Mann übergibt das Mädchen einen von ihr geschriebenen Text, in dem sie beschreibt, dass sie aus der Zukunft kommt. Eine Zukunft, in der Schweden zu einer Gesellschaft geworden ist, in der Muslime, die den „Bürgervertrag“ nicht unterzeichnen, als „Schwedenfeinde“ stigmatisiert und in einem eigenen Wohnviertel untergebracht werden. Es gibt verschiedene Stufen der Diskriminierung, die zu verschiedenen Arten der Unterbringung führen. Eine schaurige dystopische Geschichte, die im Laufe der Geschehnisse den Ich-Erzähler zusehends beeinflusst.

Es wird die Theorie aufgestellt, dass das Mädchen in einem Foltergefängnis namens al-Mima in der jordanischen Wüste gewesen sein soll. Ob es dieses Gefängnis gibt, ob es eine Fiktion oder ein durch Abu Ghraib inspirierter Ort ist, kann ich nicht sagen. Jedenfalls ist die Beschreibung dieses Orts einer der Punkte in dem Roman, an dem sich eine reale und eine mystische Welt überschneiden und zwar auf eine Art, die den Leser*innen die Orientierung erschwert, eigentlich unmöglich macht.

„Dort, in der jordanischen Wüste, an einem Ort auf der Grenze zwischen Technologie und Theologie, war das Mädchen in der Klinik in diesen seltsamen Zustand ohne Kontakt zur Außenwelt geraten, in dem sie sich befunden hatte, als man sie nach Belgien zurückgebracht hatte.“ S 161

Die Schicksale des Autors und des Mädchens beginnen sich zu berühren. Die erschreckenden Beschreibungen einer in der Zukunft liegenden islamophoben, gewalttätigen schwedischen Gesellschaft aus der das Mädchen behauptet zu kommen, die Pläne des Autors, nach Kanada auszuwandern. Immer mehr drängt sich die Frage auf, ob man Moslem und Schwede sein kann, ob der Islam und seine Gläubigen in einer westlichen Gesellschaft eine positive Zukunft haben können.

Verwirrend an diesem Roman ist, dass er nicht chronologisch erzählt wird und es nicht sofort klar ist, wer gerade in Ich-Form erzählt: das Mädchen oder der Autor. Es ist auch oft unklar, ob man sich gerade in der realen Welt, in der phantasierten Dystopie des Mädchens oder in einer mystischen Parallelwelt befindet. Sehr schwer zu lesen ist dieser Text, sprachlich und inhaltlich anspruchsvoll und ganz bestimmt kein Unterhaltungsroman. Aber er wirkt nach. Ich habe den Roman schon vor einer Weile ausgelesen mich aber noch nicht wirklich davon gelöst.

Johannes Anyuru, geboren 1979, ist ein sehr interessanter Autor, Sohn einer Schwedin und eines Uganders, debütierte er 2003 mit der Gedichtsammlung Det är bara gudarna som är nya ( Nur die Götter sind neu). Es folgten weitere Gedichtsammlungen und das Buch, das ich gelesen habe, ist sein zweiter Roman, der 2017 erschienen ist. Anyuru arbeitete auch an Theaterstücken mit und beschäftigte sich mit Poesie in Klangform. Er wird als Vertreter der schwedischen Einwandererliteratur betrachtet, obwohl er in Schweden aufgewachsen ist.
Ein Wanderer zwischen Kulturen dürfte der mehrfach preisgekrönte Autor sein, der 2007 zum Islam konvertierte. Auf jeden Fall keiner, der versucht, den Erwartungen seiner potentiellen Leserschaft gerecht zu werden

Ein seltsamer Titel

Die 63. Station meiner Literaturweltreise: Kanada 2

Naomi Fontaine hat ein Buch leiser, zarter Töne geschrieben. Es spielt in einem First-Nations-Reservat in Québec, im französischsprachigen Kanada. Über das Innu Reservat wird kaum explizit Geschichtliches oder Soziologisches erzählt. Die Dinge wie sie sind werden durch die Streiflichter auf das Leben der Reservatsbewohner*innen dargestellt und mittendrin steht die Ich-Erzählerin, die in Québec studiert hat und nun als Französisch-Lehrerin in ihr Dorf zurückgekehrt ist. Um in dieser Schule unterrichten zu können, trennt sie sich von ihrem Freund, der ihr nicht folgen möchte. Ihre Begeisterung für den Ort und die Schule ist groß.

„Ich stellte mir vor, wie ich die nackten Wände schmücken würde. Mit Fragmenten der Literaturgeschichte, mit Zitaten aus Romanen, Fotos von Schriftstellern, Postern von berühmten Gemälden. Mit Werken, die in fremden Köpfen entstanden waren und dabei helfen, seine eigenen Weg zu finden.(…) Ich würde meinen Schülern von der Welt erzählen. Davon, wie man die Welt sehen kann. Wie man sie lieben kann. Und davon, wie man die unsichtbare, längst überholte Grenze überwinden kann, die um das Reservat verläuft, das wir selbst lieber als „Gemeinschaft“ bezeichnen, um unsere Herzen zu besänftigen“ S13

Von einem Jahr wird erzählt, das Yammie als Lehrerin in ihrem Dorf verbringt. „Rückkehr ist Schicksal“ lautet der bemerkenswerte erste Satz dieses Romans“ . „Eine Rückkehr in das kleine Dorf und die sandige, stachelige Natur, zusammengeträumt anhand von unveränderlichen Kindheitserinnerungen“ der erste Absatz (S9)

Die Schule, in der sie unterrichtet heißt Manekanetish, kleine Marguerite, zum Gedenken an eine Frau, die noch vor dem Bau der Schule im Reservat viele Kinder großgezogen hat, elternlose und schwierige Kinder. „Manekanetish, Petite Marguerite“ ist auch der Titel des französischen Originals dieses Buches. Die deutsche Übersetzung „Die kleine Schule der großen Hoffnung“ finde ich nicht sehr gelungen. Das liegt unter anderem daran, dass ich Bücher in deren Titel „klein“ vorkommt immer mit einigem Misstrauen betrachte. Im Fall dieses Buches ist das Misstrauen aber ganz und gar nicht angebracht.

Das Buch hat viele sehr kurze Kapitel, die alle jeweils ein kleines Geschehnis beleuchten. So klein ist es dann meist doch nicht, wenn man die Auswirkungen auf die betroffenen Personen betrachtet und die Aussagekraft über das Leben der Bewohner*innen des Reservats.

Sehr gut gefällt mir zum Beispiel die Geschichte der Theatergruppe, deren Gründung Yammie zunächst eher widerwillig übernimmt. Sie beschließt, dass die Truppe den „Cid“ von Corneille einstudieren soll, was zunächst großen Widerstand erzeugt später aber zu einem von den Schüler*innen begeistert getragenen Projekt wird.

„Es war eine Herausforderung. Genau das, was ich brauchte. Ein unmögliches Projekt“ S63

Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu, Yammie hat ihre Schüler*innen besser kennengelernt, ist ihnen näher gekommen. Immer wieder erfahren wir auch Details aus ihrer eigenen Kindheit. Die Art wie ihre Verbundenheit mit ihren Wurzeln im Reservat gezeigt wird, hat mich überrascht, ist aber sehr schlüssig.

Die Autorin, Naomi Fontaine wurde 1987 in Uashat geboren, dem Ort an dem auch dieser Roman spielt. Als Kind verließ sie mit ihrer Mutter das Reservat, um in Québec-Stadt zu leben, wo sie Pädagogik studierte. Ihr Debüt »Kuessipan« erschien 2011 und wurde preisgekrönt und verfilmt. Naomi Fontaine hat ihre beiden Romane auf französisch geschrieben.

»Die kleine Schule der großen Hoffnung«, ihr zweiter Roman, hat wohl sehr viele autobiographische Elemente. 2018 stand es auf der Shortlist des renommiertesten kanadischen Literaturpreises, des Governor General’s Award und war auch in Frankreich ein großer Erfolg. Das Buch wird derzeit als Fernsehserie verfilmt. Der Roman wurde auch bei der Frankfurter Buchmesse 2021 im Rahmen des Schwerpunkts „Kanada“ vorgestellt. Herausgekommen im C. Bertelsmann Verlag wurde der Text von Sonja Finck ins Deutsche übersetzt.

Die Unschuld der Opfer

Nachdem mir das Buch, das Irvin und Marilyn Yalom gemeinsam zu schreiben begonnen haben und das von Irvin Yalom nach dem Tod von Marilyn fertiggestellt wurde, sehr gut gefallen hat KLICK, wollte ich gerne etwas von Marilyn Yalom lesen.

Zwar habe ich fast alle Romane und Kurzgeschichten von Irvin Yalom gelesen, wusste aber nichts über seine Frau. Marilyn Yalom (1932-2019) war Kulturhistorikerin mit einem besonderen Faible für Frankreich, die einen Frauensalon führte bei dem sich Literatinnen und Wissenschaftlerinnen diverser Gebiete regelmäßig trafen. Sie hat im Bereich der Kulturgeschichte mit Schwerpunkt Feminismus geforscht und geschrieben.

Dieses Buch besteht aus in der Ich-Form erzählten Geschichten von Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs Kinder waren. Kinder aus verschiedenen Ländern, aus Familien mit unterschiedlichen politischen Ansichten, jüdische Kinder und nicht-jüdische Kinder, Kinder, die in relativer Sicherheit lebten, andere, die mit oder ohne ihre Familien vertrieben oder verschickt wurden, auch Marilyn selbst hat einen Text über ihre Kindheit beigetragen.

Ich habe lange daran gelesen, dazwischen immer wieder anderes, denn es sind emotional sehr fordernde Texte. Obwohl die Geschichten von Erwachsenen geschrieben wurden, kann man doch immer wieder die kindliche Perspektive erkennen.

Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte von Winfried Weiss, dem Sohn eines regimetreuen Gendarmen. Weiss hat seine Memoiren unter dem Titel „A Nazi Childhood“ 1983 in Kanada veröffentlicht. Der Blick des Kindes, das keine andere Ideologie kennt, als die seiner Eltern und gleich denkenden Umgebung und diese Meinungen einfach wiedergibt, kindgemäß unreflektiert, ist sehr eindringlich.

Aus allen Geschichten kann man herauslesen, wie sehr ihre auf verschiedene Arten schwierige Kindheit das weitere Leben der Erzähler*innen geprägt hat.

“ Jede dieser Geschichten zeigt uns einen Mikrokosmos des Zweiten Weltkriegs, gesehen durch die Augen eines Kindes und erlebt mit den Gefühlen eines Kindes, und führt uns in die Welt des jeweiligen Kindes. Natürlich kannte ich all diese Zeugen des Krieges nur als Erwachsene und musste mich auf ihre rückblickenden Erinnerungen verlassen. Dennoch, trotz der Fallstricke, die dies birgt (…) vertraue ich der Substanz dieser Berichte. Kinder erleben die alltäglichen Mechanismen des Krieges, und wenn das Erlebte wieder ans Tageslicht kommt, machen uns die Erinnerungen der Kinder zu Zeugen der brutalen Realität des Krieges.

Alles, was ich von Irvin Yalom gelesen habe und auch auch dieses Buch, ist in der deutschen Übersetzung beim btb-Verlag erschienen. Der btb Verlag wurde 1996 in München als Taschenbuch-Verlag gegründet und gehört heute zur Penguin Random House Verlagsgruppe.

Über den Tod und das Leben

Von Irvin Yalom habe ich fast alle Romane und Kurzgeschichten gelesen. Laut seiner eigenen Einschätzung sind es diese literarischen Werke, die ihn aus der Schar amerikanischer Psychoanalytiker hervorheben und den Weg dahin – schreibt er – habe ihm seine Frau Marilyn gewiesen. Marilyn Yalom (1932-2019) war Kulturhistorikerin mit einem besonderen Faible für Frankreich, die einen Frauensalon führte bei dem sich Literatinnen und Wissenschafterinnen diverser Gebiete regelmäßig trafen)

Dieses Buch ist anders, es ist kein Roman sondern eine Art Tagebuch, das von Irvin und Marilyn Yalom gemeinsam begonnen und nach Marilyns Tod von Irvin beendet wurde. Das Projekt für dieses gemeinsame Buch entstand nach Marilyns Krebsdiagnose als absehbar wurde, dass sie bald sterben würde.

Es sind nachdenkliche Betrachtungen über Leben und Tod, auch Biografisches beider Autoren und Erinnerungen an eine 65 Jahre dauernde Ehe, die in diesem Buch zu finden sind.

Besonders beeindruckt hat mich Irvin Yaloms schonungsloser, offener Umgang mit den Beschwernissen seines Alters. Er hat Gleichgewichtsprobleme, die ihn zum Benützen eines Gehstocks zwingen und sein Gedächtnis wird immer schlechter. Der Text erweckt den Eindruck akribischer Beobachtung des eigenen Gemütszustands und absoluter Ehrlichkeit bei dessen Beschreibung. Ob das tatsächlich so ist, weiß nur der Autor selbst.

Nach Marilyns Tod kramt Irvin Yalom in seinen eigenen Romanen und beschließt, sie nochmals zu lesen.

„Die Schopenhauer Kur“ zu lesen, ist eine wirksame Therapie für mich. Seite um Seite werde ich ruhiger und zufriedener mit meinem Leben. In meinen Augen sind die Sätze schön komponiert, meine Wortwahl ist gut, und ich glaube, dass es mir gelungen ist, den Leser zu erreichen (…) Der Kerl, der dieses Buch geschrieben hat, ist um einiges gescheiter als ich es bin, und er weiß sehr viel mehr über Philosophie und Psychotherapie als ich. Und manche meiner Sätze rauben mir den Atem. Habe ich das wirklich geschrieben?

(…)

Mein alterndes Gedächtnis hat zum ersten Mal etwas Gutes: ich erinnere mich an so wenig aus dem Buch, dass mich die Ereignisse überraschen und unterhalten.

S 251 – 253

Ein Kernstück dieses Berichts ist auch die Verzweiflung über Marilyns baldigen Tod auf einer Seite und deren Wunsch nach einem baldigen assistierten Suizid auf der anderen Seite. Auch dieser „Kampf“ wird sehr offen beschrieben.

Ein empfehlenswertes Buch für Zeiten in denen der Tod weit weg und abstrakt erscheint und auch für Zeiten, in denen die Vergänglichkeit hinter jeder Ecke lauert.

Alles, was ich von Yalom gelesen habe, auch dieses Buch, ist in der deutschen Übersetzung beim btb-Verlag erschienen. Der btb Verlag wurde 1996 in München als Taschenbuch-Verlag gegründet und gehört zur Penguin Random House Verlagsgruppe.

Ulli Gaus Memorandum in Buchform

Gestern ist es ganz erstaunlich schnell mit der Post aus Deutschland eingeflogen. Mit herzlichen Grüßen, Ulli, falls du aus der Sommerpause mit Umzug vorbeischaust

Das Titelbild gefällt mir schon sehr, es ist ungewöhnlich, dass in dieser Generation Fotos vom Alltagsleben gemacht wurden, dass man Leute sieht, die nicht bei besonderen Anlässen für die Kamera aufgestellt wurden zur Dokumentation von Taufen, Hochzeiten, Familienfesten.

Die Fotos in diesem Buch sind Zeitdokumente, sowohl die gestellten als auch die Schnappschüsse. Diese Frauen, die wahrscheinlich teilweise noch im neunzehnten Jahrhundert geboren wurden, einen oder gar zwei Weltkriege erlebt und überlebt haben, irgendwie halt, wie es möglich war. Die meisten von ihnen haben wohl mehr als den ihnen durchschnittlich zustehenden Anteil an Leid und Katastrophen zugeteilt bekommen. Ich denke, dass die Motivation für Ullis Projekt aus dem ein Büchlein geworden ist, war zu zeigen, wie viel Frauen aller Generationen zum Leben und Überleben beitragen und beigetragen haben.

Die Texte zwischen den sehr zahlreichen Fotos sind sehr persönlich, sehr privat und doch werden viele dieser Gedanken und Gefühle den Nachgekommenen bekannt oder zumindest verständlich sein.

Mein Lieblingsfoto ist jenes auf dem einander Großmutter und sehr kleine Enkeltochter beide irgendwie belustigt ansehen. Und über jedes Foto auf dem gelächelt oder gelacht wird, freue ich mich.

Die Sonne war ein grünes Ei

Ein Lesetipp von Ule Rolff, für den ich mich sehr herzlich bedanke, denn diesen Text von H.C. Artmann kannte ich noch nicht und es wäre sehr schade gewesen, hätte ich ihn nicht kennen gelernt. Er kommt mir vor wie in Worte gegossener Surrealismus, aber im Stil und Rhythmus von Schöpfungsmythen geschrieben.

Eine kleine Kostprobe:

Zu anbeginn der welt entstanden aus dem nichts die kaffeemühle und der papierdrachen. Aus dem harmonischen knirschen der mühle und dem lebhaften flattern des drachens entstand der geist des himmels. Er fühlte sich erhaben und gelangweilt. Nach einer weile wurden kaffeemühle und papierdrachen über den hochmut des geistes zornig: während er schlief, fielen sie über ihn her, warfen ihn in einen abgrund. Aus dem gefallenen Geist entstand das wasser. Das war der erste zwischenraum. Eine Erde aber gab es noch nicht.

HC. Artmann „Die Erde war ein grünes Ei. Von der Erschaffung der Welt und ihren Dingen“ S34

Erstaunlich, wie schwierig es ist, ohne Großbuchstaben zu schreiben. ein Kampf gegen mühsam erlernte Automatismen

62. Beitrag zu meiner Literatur-Weltreise – Irland

Nein, es geht hier weder um Dinosaurier noch um andere Planeten. Es geht um Menschen, die aus den verschiedensten Gründen nicht in die Schubladen des Durchschnittlichen passen, die sich und die Welt als fremdartig empfinden können.

Danielle McLaughlins Kurzgeschichten „Dinosaurs on Other Planets“ kamen als ihr Debütwerk 2015 heraus, ihr Erstlingsroman „The Art of Falling“ 2021 bei Random House. . Die deutsche Übersetzung stammt von Silvia Morawetz und ist im Luchterhand Verlag, der ebenfalls zur Random House Gruppe gehört, erschienen.

ihr Erstlingsroman „The Art of Falling“ 2021 bei Random House. Die irische Autorin begann erst mit vierzig Jahren zu schreiben, gewann aber bald mehrere angesehene Literaturpreise, darunter etwa den Windham-Campbell Preis. Sie lebt mit Mann und drei Kindern in Irland, wo ihre Kurzgeschichten auch spielen.

Was mir an diesen Kurzgeschichten besonders gefallen hat, ist, dass man als Leser*in mitten in die Geschichten hinein steigt. Weder die Personen noch die Vorgeschichte werden in mehr als ein paar Sätzen vorgestellt. Man ist plötzlich mitten in der Geschichte, lebt eine Weile mit und steigt dann wieder aus. So als würde man jemanden kennen lernen, eine Zeit an seinem Leben teilnehmen und sich dann wieder trennen.

Die Texte der Autorin sprechen mich sehr an: ihre fantasievollen Metaphern, ihre Kunst in wenigen Worten eine Atmosphäre zu schaffen. Ihre Kurzgeschichten sind äußerst originell ohne dass der Eindruck entsteht, sie hätte sich den Kopf zerbrochen um noch eine ungewöhnlichere Person oder Story zu erfinden.

Ein rundes Leseerlebnis und eine äußerst vielversprechende Autorin, die ich auf jeden Fall verfolgen werde.

Die nicht sterben

Wenn ein Buch ein Bestseller ist, heißt das ja noch lange nicht, dass es gut ist. Mir fallen spontan ein paar Beispiele ein. Aber es muss ja andersherum auch nicht jeder Bestseller schlecht sein. Diesen Roman von Dana Grigorcea finde ich jedenfalls großartig

Ein kleiner Lebenslauf der Autorin, die auch etliche Preise sowohl für ihre literarische als auch für ihre journalistische Arbeit gewonnen hat.

Dieses Buch hat mich gefesselt. Zunächst einmal wegen der dichten Atmosphäre, die erzeugt wird. Die Villa der Tante der Erzählerin ist alter Familienbesitz in Transsylvanien bzw der Walachei, der vorübergehend vom Ceaușescu-Regime konfisziert und danach wieder zurückgegeben wurde mit den Überbleibseln der Einrichtung aus der Zeit als die Villa von der kommunistischen Nomenclatura als Jagdhaus verwendet wurde. Die Beschreibung dieser Villa und des Ortes B. erzeugt schon diese dichte Atmosphäre aus Luxus, Dekadenz, Armut, Korruption, einem Schuss Mythos, einer Prise Erotik und einem Gerüst aus Geschichte der Region.

Der historische Vlad III. Drăculea (ca 1431 -1477) , bekannt als „der Pfähler“ oder einfach „Dracula“ wird – wenn man der Autorin glauben darf – in der Region als positive Figur wahrgenommen. Der Vers des rumänischen Nationaldichters Mihai Eminescu (1850 – 1889) :

„Ach, Pfähler! Herrscher! Kämst du doch,
Mit harter Hand zu richten“ (S 106)

würde immer öfter wieder zitiert, weil die Verhältnisse im Land auch in der Gegenwart von Korruption geprägt wären.

„In meiner KIndheit sprach man in Rumänien nur von einem ganz bestimmten Graf Dracula – und das war der das Volk aussaugende Diktator Ceaușescu“ S34

Das Buch ist sehr geschickt geschrieben. Der Mythos von Vlad, dem Pfähler, und die Hinterlassenschaft der kommunistischen Zeit unter Ceauscescu vermischen sich. Die Autorin spielt mit Signalwörtern, mit Erwähnung von Aberglauben und Symbolen und weist damit in Richtung Vampirgeschichte ohne das Wort auch nur zu erwähnen. Bis zum Ende weiß man nicht, ob die Ich-Erzählerin nun zum Vampir geworden ist, oder ob sie sich alles nur einbildet. Es ist auch ein sehr geschicktes Element, dass die Ich-Erzählerin sich direkt an die Leser*innen wendet. Trockene Erzählung und wahnwitzige Schilderungen von vampirischen Elementen gehen ineinander über.

Die Geschichte der jungen Künstlerin, die schon ihr ganzes Leben in der Villa ihrer Tante in B. ihre Ferien verbringt und sich und ihre Familie als Teil der Region begreift, vermischt mit der Geschichte der Zeit des Pfählers, dem Ceaușescu-Regime und der aktuellen Verhältnisse in Rumänien und schließlich die sich daraus entwickelnde Vampir-Geschichte, von der man aber nie erfährt ob sie sich nun tatsächlich zugetragen haben soll oder nur ein Phantasieprodukt der Erzählerin ist.
Mit der Vampirgeschichte baut Dana Grigorcea eine Menge geschichtlicher Information über die Region und über den historischen Dracula ein. Etwa, dass dieser als Kind von seinem Vater, dem damaligen Fürsten der Walachei als Geisel am Hof des osmanischen Sultans gelassen wurde, weil die Walachei zwischen Ungarn und dem osmanischen Reich eingezwängt war und ihre Loyalität nach allen Seiten beweisen wollte.

Der Fürst tritt nur einmal auf. Die Autorin lässt ihn althochdeutsch sprechen, was ich auch sehr gelungen finde. “ Wir sin gelîchen bluotes “ S151 lässt sie ihn zu der Erzählerin sagen.

Ein ziemlich irrwitziges Buch, das man wahrscheinlich nur lieben oder hassen kann und das keinem Genre zuordenbar ist. Mir hat es sehr gut gefallen.

Permakultur auf dem Balkon

Der zweite Griff in die Fülle an Garten- und Pflanzenbüchern, auch ein guter.

Ein Buch aus dem Yuna Verlag, den ich bisher nicht kannte. Ein Blick auf die homepage hat mich darüber informiert dass „Yuna“ auf keltisch „Geschenk“ bedeutet. Der Verlag gehört zu der Randomhouse-Gruppe.
Die Autorin, Ulrike Windsperger hat Gartenbau, Erziehungswissenschaften und Soziologie studiert. Eine Mischung, die ich sehr ansprechend finde. Sie ist als Universitätsdozentin, Imkerin und Kräuterpädagogin tätig und verfasste ihre Diplomarbeit über Permakultur. Dass sie weder homepage noch Konten auf irgendeiner Plattform der social media hat, imponiert mir. Offenbar setzt sie auf die Qualität des Buchs.

Es ist ein sehr hübsch gestaltetes und übersichtlich angelegtes Buch zum Thema „urbanes Gärtnern in Permakultur.“

Ein Balkon ermöglicht AnfängerInnen wie Fortgeschrittenen des Urbanen Gärtnerns mehr Lebensqualität, Ablenkung vom Alltag, Ruhe und Zufriedenheit (…) Man muss nicht Gartenbau studiert haben, um erfolgreich seine Lieblingsblumen, sein Lieblingsgemüse, duftende, wohlschmeckende Kräuter oder gar Beeren, Obst, Kartoffeln oder Pilze auf Balkon oder Terrasse zu kultivieren (p7)

Die Permakultur verfolgt ein ganzheitliches, naturnahes Prinzip. Ihr Ziel ist es, dass ein achtsamer und ressourcenschonender Umgang mit der Natur zum Lebensprinzip erhoben wird. Sie unterstützt eine lustvolle Lebensphilosophie, die zukunftsorientiert ausgerichtet ist (p 8 )

Nach einer Einleitung zu den Grundlagen geht es zur Vorbereitung für den Anbau. Es werden jede Menge praktische Tipps gegeben zu der Erde, den Pflanzgefäßen, Rankhilfen. Alles, was man so braucht zum vertikalen Gärtnern. Das Buch gibt Hilfestellungen für die Planung so einer Miniplantage, es zählt alles auf, was an Hilfsmitteln gebraucht wird und gibt auch zu den Themen „Kompostieren“ und „Gießen“ eine Menge Hinweise.

Weiter gehts mit der Auswahl der Pflanzen, welche Ausrichtungen des Balkons eignen sich für welche Pflanzen. Besonders interessant fand ich, welche Pflanzen im gleichen Gefäß gut miteinander auskommen. Das ist ein Thema zu welchem es gar nicht einfach ist, Schriftliches zu finden.

Das Kapitel „Anbau“ befasst sich unter anderem mit Wassermanagement, Nährstoffversorgung und biologischem Pflanzenschutz. Zum Abschluss steht noch ein Abriss über Gärtnern auf der Fensterbank, also auf winzigsten Flächen.

Ein sehr gehaltvolles, gut strukturiertes Buch von einer kompetenten Autorin. Für gärtnernde und gärtnern-wollende Menschen sehr zu empfehlen.

Ein Blick ins Buch

Wildpflanzen und ihre Möglichkeiten

Ich habe zweimal in den Topf der Pflanzenbücher gegriffen und es waren zwei gute Griffe. Hier Nummer eins.

„Raus in die Botanik“ von Sonja Greimel, im Südwest Verlag veröffentlicht.

Es ist kein Buch für Profibotaniker, obwohl natürlich auch die Experten immer wieder das eine oder andere erfahren können. Aber prinzipiell ist es ein sehr feines Buch für Pflanzeninteressierte.

Es gibt zunächst einen Bestimmungsteil, der durch die Graphik in den Umschlägen und dann im Buch selbst sehr gut unterstützt wird. Stängelformen, Blattstellung -form, -ansatz -zusammenstellung und -ränder, Blütenstände und auch die Gliederung in Pflanzenfamilien werden durch klare kleine Graphiken erläutert. Allein das hätte mir schon gut gefallen.

Es geht weiter mit einem Bestimmungsteil, in dem die angeführten Pflanzen nach der Farbe ihrer Blüten geordnet sind. Aussehen und Standorte der Pflanzen werden auf einer Seite beschrieben, daneben gibt es Hinweise auf die Verwendung der Pflanze in der Volksheilkunde und in der Küche. Darauf folgt ein kurzer Teil über bekannte Heilpflanzen und ihre Verwendung in Heilkunde und Küche.

Das nächste Kapitel nennt sich „Streifzug durch die Botanik“ Es gibt Hinweise auf Bestimmung und Standorte von Wildpflanzen und warnt vor „giftigen Zwillingen“. Es bietet auch eine Check-Liste zum Sammeln und Verarbeiten von Pflanzen sowie einen Sammelkalender von März bis Oktober.

Dann gibt es einen Teil mit Kochrezepten und einen mit Anleitungen zur Erzeugung von Medikamenten und Kosmetika, von Holunderblütensirup bis Blaubeermuffins, von der Erkältungssalbe bis zur Seife.

Vier bekannte Persönlichkeiten aus dem Bereich der Heilkunde und ihre Ansätze werden kurz beschrieben. Hippokrates, Hildegard von Bingen, Paracelsus und Pfarrer Kneipp.

Abschließend steht ein kleines zusammenfassendes Glossar über Inhalts- und Wirkstoffe von Pflanzen.

Ich finde es eindrucksvoll wie viele verschiedene Aspekte von (Wild)pflanzen hier auf nicht einmal 200 Seiten angerissen werden. Es ist ein wunderbarer Einstieg in das Thema.

Der Verein der Linkshänder

Es ist ja nicht der einzige Nesser-Krimi, den ich jemals gelesen habe, aber tatsächlich ist mir noch nie aufgefallen, dass Nesser ein fiktives Land kreiert hat, wo sein Kommissar van Veeteren lebt und in dem auch Teile dieses Romans spielen. Maardam hielt ich für irgendeine Stadt in Schweden, die mir eben anderswo noch nie untergekommen ist. Tatsächlich gibt es Maardam ebenso wenig wie Kymlinge.

Ein klassischer Nesser-Krimi. In bewährter Strukturierung auf verschiedenen Zeitebenen erzählt: die 1960er Jahre, die Jugendzeit fast aller Beteiligten, in der ein Verbrechen begangen wird, 1991 wenn die Beteiligten an diesem Verbrechen zusammenkommen und bei diesem Treffen fast alle ermordet werden, 2012 als ein neuer Aspekt dieses alten Falls wieder auftaucht und die Geschichte neu aufgerollt wird.

Van Veeteren, schon lange in Pension, feiert seinen 75sten Geburtstag und befasst sich mit der Lösung dieses Falls, bei dessen Bearbeitung im Jahr 1991 er sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Der Fall weitet sich aus nach Schweden und Nessers beide Kommissare, van Veeteren und Barbarotti begegnen sich in diesem Roman auf recht unspektakuläre Weise.

Es wird aus der Perspektive vieler Menschen eine komplexe Geschichte erzählt. Diese vielen Perspektivenwechsel und kurzen Texte erzeugen Spannung und machen den Roman leicht lesbar, erlauben aber nur kurze, oberflächliche Blicke auf die verschiedenen Personen. Vielleicht ist die Geschichte auch etwas überladen mit einer Häufung von komplizierten Schicksalen (weggelegtes Kind, abtrünnige Nonne, Beziehung von Zwillingsschwestern, Autismus …), die auf 600 Seiten alle nur angerissen werden können.

Bei der Zusammenführung aller Stränge dieser Handlung fehlt mir das eine oder andere Detail. Es versöhnt mich aber, dass Van Veeteren, der nun einmal ein philosophisch interessierter Protagonist ist, über Leon Rappaport und seine Theorien zum Thema Wahrnehmungen und Wahrheit berichtet ( Seite 217). Ein Hinweis, dem ich nachgehen werde.

Es handelt sich um einen Krimi und für einen solchen hat er mir gefallen, es tat mir aber leid um die Möglichkeiten, die in dieser Geschichte noch stecken würden.