Schlagwort: zeitgenössische Literatur –

59. Station der Literaturweltreise – Äthiopien

Meine Literatur- und Kunstweltreise
KLICK

Francesca Melandri ist eine 1964 in Rom geborene italienische Schriftstellerin. Die deutsche Übersetzung ihres Romans „sangue giusto“ der 2017 bei Rizzoli Libri in Mailand erschienen ist, wurde unter dem Titel „Alle außer mir“ bei btb in einer Übersetzung von Esther Hansen herausgegeben.

Es beginnt damit, dass vor der Tür von Ilaria Profeti, einer römischen Lehrerin in den 40ern ein junger Äthiopier steht. Er hat sich von Addis Abeba durch die Sahara, die Internierungslager Libyens, übers Mittelmeer, die Inseln Lampedusa und Sizilien bis nach Rom durchgeschlagen und ist der Enkel ihres Vaters, also ihr Neffe.

Mit diesem Paukenschlag beginnt der Roman, eine italienische Familiengeschichte, die vier Generationen der Familie Profeti umfasst. Die Erzählung beginnt im Sommer 2010, im Italien Berlusconis und spannt eine Brücke zu Italiens unaufgearbeiteter Faschismus- und Kolonialgeschichte.

Die zentrale Figur der Familiensaga, Attilio Profeti, ist zu Beginn der Erzählung 95 und ziemlich senil weshalb er von seinen Kindern über sein Leben nicht mehr befragt werden kann. Attilio Profeti war ein italienischer Lebemann der alten Schule und hat es mit allerlei mehr oder weniger krummen Geschäften zu Wohlstand gebracht. Als junges Mädchen erfuhr seine Tochter Ilaria, dass es neben ihren beiden älteren Brüdern noch einen deutlich jüngeren Halbbruder aus einer Parallelbeziehung des Vaters in Rom gibt. Dass der alte Herr aber als junger Mann in Äthiopien 1940 auch einen Sohn mit einer Afrikanerin zeugte, ist ihr neu. Der Sohn dieses Sohnes, steht nun vor ihrer Tür.

Die italienische Kolonialgeschichte, über die hier berichtet wird, ist um nichts weniger grausam und mörderisch als andere europäische Kolonialgeschichten. Der Faschismus unter Mussolini hatte auch eine starke rassistische Komponente, die das Regime in Nord- und Ostafrika prägte. Von ihren Kolonien Eritrea und Somalia aus marschierten die Italiener in Äthiopien (Abessinien) ein. Um den Widerstand der Abessinier zu brechen, setzen sie Senfgas ein. Tausende und abertausende Äthiopier werden während der nur fünfjährigen italienischen Herrschaft getötet.

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Die Doppelmoral des italienischen Kolonialismus propagiert strengste Apartheid, tatsächlich zeugten italienische Soldaten, Siedler und Schwarzhemden eifrig Kinder mit einheimischen Frauen. Mehr noch: in den Bordellen Italiens wurden Bilder nackter Äthiopierinnen aufgehängt, um die jungen Männer für den Einsatz in den Kolonien zu motivieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte in Italien niemand etwas von den kolonialen Schandtaten wissen, ebenso wenig wie von den Massakern, die Mussolinis Truppen in Griechenland, Kroatien oder Slowenien verübt hatten. «Die zwei blutigen Jahre der deutschen Besatzung hatten es möglich gemacht, dass eine Mehrheit der Italiener sich in einer der beiden Hauptpersonen des nationalen Bilderreigens wiederfand, entweder in dem wehrlosen Opfer oder in dem Partisanen, dem Helden des Widerstands», schreibt Melandri.

Melandri springt geschickt zwischen Gegenwart und Vergangenheiten, nur gegen Ende wird sie vielleicht etwas zu weitschweifig. Nach den Gräueln der Kolonialgeschichte und der Korruption unter Berlusconi war mir die zuletzt folgende Lebensgeschichte von Ernani Profeti, Attilios Vater, der als Bahnhofsvorsteher mit geschmeidigem Opportunismus durch den ersten Weltkrieg kommt, etwas zuviel.

Was mir gefehlt hat, war der Blick der afrikanischen Frauen auf das Geschehen. Sie werden von außen betrachtet und kommen eigentlich nicht selbst zu Wort.

Insgesamt ein höchst lesenswertes Buch über ein nicht nur italienisches, sondern auch europäisches Thema. Allerdings ist es nicht einfach diese vier Generationen Geschichte quer durch Kriege, Massaker und Elend des zwanzigsten Jahrhunderts in einem durchzustehen. Für mich war die Geschichte thematisch ein wenig überfrachtet: zwei Weltkriege, die italienische Kolonialgeschichte, der Faschismus, der Rassismus, das komplizierte Privatleben Attilio Profetis mit seinen vier Kindern von drei Müttern in zwei Kontinenten, das schwierige Privatleben Ilarias, die mit einem Abgeordneten der Berlusconi-Partei liiert ist mit dem sie weltanschaulich kaum etwas verbindet, die Flüchtlingsthematik … Es ist ein bissl viel in einem Roman auch wenn er 600 Seiten hat.

56. Station der Literaturweltreise – Neuseeland

Ein absolut faszinierendes Buch, von Anfang bis Ende.

Im Vorwort schreibt die Autorin, wie schwierig es war, einen Verleger zu finden für diesen Roman, an dem sie 12 Jahre geschrieben hatte und den sie so vollendet fand, dass sie nicht bereit war, irgendetwas daran zu ändern. Viele Verleger fanden ihn aber „zu umfangreich, zu sperrig, zu anders, verglichen mit der normalen Form des Romans. Ein Glück, dass sie nicht aufgegeben hat ! 1985 gewann sie den Booker-Preis. Heute gibt es eine deutsche Übersetzung des Romans in einem Fischer-Taschenbuch

Drei Protagonisten erleben wir. Eine Malerin, die sich mit ihrer Familie entzweit und auch den Zugang zu ihren künstlerischen Schöpfungsprozessen verloren hat, ein Mann, der zwischen zwei Kulturen lebt und ein Kind, der einzige Überlebende einer Schiffskatastrophe dessen Herkunft unbekannt ist. Diese drei Menschen, die sich zufällig getroffen haben, nähern sich einander, vergrößern die Abstände wieder, tanzen Spiralen und Kreise umeinander. Alle drei sind in der einen oder anderen Weise von ihren Wurzeln abgeschnitten, alle drei suchen nach Zusammengehörigkeit und finden sie nur in kurzen Augenblicken

Die äußeren Elemente der Handlung lassen sich in drei Sätzen zusammenfassen, die schwierigen manchmal verzweifelten Beziehungen zwischen den Protagonisten nicht.

Was mich so besonders fasziniert hat, ist Keri Hulmes Sprache, die Bilder, die sich gegenseitig zu inspirieren scheinen. Große und tiefe Bilder, die ineinander übergehen, dazwischen banalste Dialoge und sehr viele innere Monologe. Es ist nicht immer auf den ersten Blick klar, wer da gerade spricht.

Das Buch beginnt mit einem Prolog unter dem Titel „Das Ende am Anfang“. Tatsächlich werden in diesem Prolog die drei Protagonisten eingeführt. Das weiß man als Leser*in aber erst später. Ein kleines Zitat aus dem Prolog:

„Sie waren für sich selbst, nichts weiter als Menschen.
              Auch in Paaren, gleich wie gepaart, wären sie für sich selbst nichts weiter gewesen als Menschen. Aber alle zusammen sind sie Herz, Muskeln und Geist von etwas Gefährlichem und Neuen geworden, von etwas Seltsamen und Wachsenden und Großen.
             Zusammen, alle zusammen sind sie die Werkzeuge der Veränderung.“ p.17

Die Autorin und die Protagonistin Kerewin haben Maori-Vorfahren und der zweite erwachsene Protagonist, Joe stammt aus einer Maorifamilie. Dadurch erfährt man einiges über das Volk der Maori und deren Stellung im modernen Neuseeland. Die beiden erwachsenen Protagonisten kommen auch gegen Ende des Romans unabhängig voneinander mit Maori-Mystik in Berührung, was sich für beide sehr positiv auswirkt. Sehr interessant fand ich auch, dass in den Dialogen durchgehend Teile in der Maorie-Sprache*) stehen. Es gibt dazu zwar ein Glossar, aber es ist in der Reihenfolge des Auftauchens der Wendungen sortiert und ich fand es reichlich unpraktisch. Das ist aber auch schon das einzige, was ich an diesem Buch zu bekritteln habe.

Ein großes Leseerlebnis !

 

*) aus Wikipedia:  Die Sprache wurde 2006 in Neuseeland noch von rund 157.500 Menschen gesprochen, 131.600 davon maorischer Abstammung. Bei einem Bevölkerungsanteil von rund 565.300 Māori waren 2006 also nur noch 23,3 % der Māori in der Lage, die Sprache im täglichen Leben anzuwenden.

 

49. Station der Literaturweltreise – Dänemark (Grönland)

Die Weltreise: Stationen 1 bis 48 

Es ist ein Buch über Eis und Schnee, über große Kälte, über den hohen Norden und die Polarnacht, über die Kultur der Inuit, den Entdeckerdrang und die Weltausstellung in Chicago 1893. Es ist auch ein Buch über das Ende der Erde, über futuristische Gentechnologie und die letzten Menschen. Eine ungewöhnliche Familiengeschichte wird aufgerollt und aus verschiedenen Perspektiven zu verschiedenen Zeiten erzählt, wobei die genauen Zusammenhänge nicht völlig klar werden.

Es ist ein großartiges Buch. Ich habe es gleich zweimal gelesen und kann gar nicht sagen, was mir am besten gefallen hat. Die Schilderungen des hohen Nordens, des Eises und der Kälte oder jene der Arbeitsweise der Schamanen, Sprache und Schriftzeichen der Inuit, das Eintauchen in das Schiff einer Polarexpedition oder doch der Teil der Geschichte, der auf einem Eisplaneten spielt auf dem das letzte Raumschiff der Menschheit gestrandet ist und der von der Hauptprotagonistin „Winterthur“ genannt wird.

Der rote Faden der Handlung ist die Geschichte von Elaine Duval, einer Genetikerin, die eine herausragende Erfindung gemacht hat und auf dem Raumschiff reist, das die letzten überlebenden Menschen beherbergt und zu einer neuen Heimat bringen soll. Es ist auch die Geschichte des Lebens mit ihrem Großvater, dessen Mutter eine Inuit war, und der zurück nach Grönland zog, wo er seiner Enkelin die Kultur der Inuit näher brachte.

Die Handlung zieht sich durch verschiedene Zeitebenen: die Gegenwart auf Winterthur, wo Elaine der letzte überlebende Mensch zu sein scheint, ihre Kindheit und Jugend mit dem Großvater in Grönland und in der Schweiz, die Zeit der Weltausstellung in Chicago,die Elaines Urgroßmutter als junge Frau in Begleitung eines norwegischen Polarforschers erlebt, dessen berühmten Namen man erst am Ende erfährt. Die Urgroßmutter kehrt nach Abenteuern nach Grönland zurück und wird zu einer Schamanin ihres Volks. Wer der Vater von Elaines Großvater ist, erfährt man nicht, ebensowenig wie wir irgendetwas über Elaines Großmutter erfahren. Das kann man als Schwäche des Romans sehen, aber auch als Stärke: es erzeugt den Wunsch diesen Nebel zu durchdringen und den Text ganz genau zu lesen um keinen Hinweis zu übersehen.

Die sprachlichen Übergänge durch Zeit und Raum, die Assoziationsketten, den Wechsel der Zeiten und Perspektiven finde ich meisterhaft gelöst.  Obendrein lebt der Autor in Wien und schreibt somit eine Sprache, in der ich mich absolut zuhause fühle.

 

 

Lektüre in naher Zukunft

Das wird mein dritter Roman von Pascal Mercier. Einerseits haben mich die beiden anderen – „Nachtzug nach Lissabon“ und „Perlmanns Schweigen“ – sehr beeindruckt und andererseits fand ich den Klappentext zu diesem Buch unwiderstehlich. Ich freu mich schon …

Klappentext:

„Jetzt, da er wieder eine Zukunft hatte, wollte er verschwenderisch mit seiner Zeit umgehen“

Ein ärztlicher Irrtum wirft Simon Leyland aus der Bahn – und eröffnet ihm am Ende die Möglichkeit, sein Leben noch einmal völlig neu einzurichten. Pascal Merciers großer philosophischer Roman handelt von der Freiheit, unser Leben zu gestalten und von der Freiheit, die uns dabei die Literatur verspricht.“

 

47. Station der Literaturweltreise – Moçambique

Eine etwas seltsame Beziehung habe ich zu diesem Buch entwickelt. Ja, es ist gut geschrieben. Ja, es ist interessant, was die Beschreibung der Kolonialgeschichte Portugal-Moçambique betrifft, auch den Blick auf Sitten und Gebräuche einiger in der Gegend lebender Völker habe ich spannend gefunden. Mia Couto (Antonio Emilio Couto) ist obendrein ein mehrfach preisgekrönter Schriftsteller (und Biologe) aus einer in Mocambique lebenden portugiesischen Familie. Trotzdem hat mich dieses Buch so gar nicht überzeugt.

Die Handlung baut auf dem Perspektivenwechsel zwischen zwei Ich-Erzählern auf. Der eine, ein portugiesischer Kolonialoffizier, schreibt – seltsamerweise – sehr private Briefe an seinen militärischen Vorgesetzten. Die andere Perspektive ist die von Imani, einer jungen Frau, die in einer Missionsschule portugiesisch gelernt hat, und daher als Dolmetscherin verwendet wird. Ich finde beide Figuren nicht sehr glaubwürdig und auch wenig charakterisiert. Für magischen Realismus sind sie aber wiederum doch zu real.

Äußere Handlung gibt es in dem Buch kaum. Zwar herrscht Krieg zwischen verschiedenen Gruppen und Völkern, es gibt eine sehr eindrucksvolle Schilderung eines Schlachtfelds nach der Schlacht, aber mir fehlt der rote Faden. Auch das Ende bleibt völlig offen: Imani hat den portugiesischen Offizier angeschossen, der das ganze Dorf über die Absichten der Kolonialmacht belogen hat und nun fahren Imani, ihr Vater, eine plötzlich aufgetauchte Italienerin und der schwer Verletzte in einem Boot den Fluss hinunter.

„Es ist merkwürdig, wie Abschiede die Zeit verkürzen. Meine fünfzehn Jahre gehen an mir im Aufblitzen eines Augenblicks vorüber. Meine Mutter hat jetzt den Körper eines Kindes. Sie wird immer kleiner bis sie die Größe einer Frucht hat. Sie sagt zu mir: bevor du geboren wurdest, bevor du das Licht der Welt erblickt hast, hattest du schon Flüsse und Meere gesehen. Und etwas in mir reißt auf, als wüsste ich, dass ich niemals nach Nkokolani zurückkehren werde.“ p. 287

 

Besessen oder gespalten ? 46. Station der Literaturweltreise – Nigeria 3

43. Station der Literaturweltreise – Nigeria 3

 

Akwaeke Emezi

„Süsswasser“

2018

Als „poetisch“ und „verstörend“ wird dieses Buch beschrieben und da kann ich mich nur vollinhaltlich anschließen: sehr poetisch und sehr verstörend. Es ist der überaus vielversprechende Erstlingsroman von Akwaeke Emezi, 1987 in Nigeria geboren, heute in den USA lebend. Ich winde mich um das Fürwort, weil sie eine non-binäre Transgenderperson ist. Auf den Fotos, die ich gesehen habe, sieht sie aber immer weiblich gestylt aus.

In diesem Roman gibt es den Körper einer Protagonistin, Ada genannt. Die „Ich“ bzw „Wir“- Erzähler sind jedoch fast ausschließlich, die MitbewohnerInnen des „Marmorsaals“, wie ihr Kopf oder auch das Zentrum ihrer Identität genannt wird. Es sind verschiedene recht unterschiedliche Wesenheiten

„Wir kamen von irgendwoher – alles kommt von irendwoher. Wenn dieser Übergang von Geist zu Fleisch beendet ist, sollten die Tore eigentlich wieder geschlossen werden. Das wäre barmherzig, alles andere grausam.Vielleicht hatten die Götter es vergessen; manchmal sind sie so zerstreut.Nicht aus Böswilligkeit – zumindest nicht für gewöhnlich. Aber am Ende sind sie Götter und kümmern sich nicht um das, was mit Fleisch passiert, vor allem weil es so langsam und langweilig ist, fremdartig und grob. Sie schenken ihm nicht viel Aufmerksamkeit, außer wenn es gesammelt, organisiert und beseelt wird.

Als sie (unser Körper) sich in die Welt hinaus gekämpft hatte, glitschig und lauter als ein Dorf aus Stürmen, blieben die Tore offen. Wir hätten inzwischen in ihr verankert sein müssen, schlafend in ihren Membranen, mit ihrem Bewusstsein verbunden. Das wäre der sicherste Weg gewesen. Aber weil die Tore offen standen und nicht verschlossen waren gegen die Erinnerung, waren wir verwirrt. Wir waren beides gleichzeitig, alt und neugeboren. Wir waren sie und doch nicht. Wir waren nicht bei Bewusstsein, aber wir waren am Leben – genau genommen bestand das Hauptproblem darin, dass wir ein deutlich unterscheidbares Wir waren, statt ganz und ausschließlich sie zu sein.“ p.12

Die Autorin/derAutor stammt aus zwei Kulturen: Igbo (ein nigerianisches Volk) und Tamilen. Beide Völker haben eine dicht bevölkerte Geisterwelt in ihrer Tradition. Ich konnte nicht herausfinden, ob es sich bei den verschiedenen sie „reitenden“ Wesen um Gottheiten, Geister, Dämonen oder aufgrund einer Vergewaltigung in ihrer Kindheit abgespaltene Persönlichkeitsanteile handelt. Während des lesens scheint manchmal das eine wahrscheinlicher manchmal das andere. Wie auch immer, ist es ein faszinierendes, mitreißendes Buch, das ich ganz unabhängig von der Handlung auch nur wegen der Sprache mit ihren hervorragenden  Metaphern gelesen hätte.

Ich habe auch eine längere Rezension im Spiegel gefunden, falls sich jemand näher interessiert  https://www.spiegel.de/kultur/literatur/suesswasser-von-akwaeke-emezi-viele-ichs-zum-ueberleben-a-1225682.html

 

Montag 1. Juli 19 – Höhepunkt der eigentlich schon dritten Hitzewelle

Den Siegertext des Bachmannpreises habe ich gerade gelesen, „der Schrank“ heißt er, was mich nach Fertigstellung unseres Schrankes sehr amüsiert hat. Der Text gefällt mir sehr, lustig ist er allerdings ganz und gar nicht. Es geht um das Leben im Präkariat einer jungen Frau, so jung ist sie eigentlich auch nicht mehr, sechsunddreißig. Also ein Alter, bei dem man befürchten muss, dass sich ihre Lebensumstände nicht mehr entscheidend verändern könnten. Ein gesellschaftlich sehr wichtiges Thema sei das Präkariat, sagte die Autorin. Sie war bei der Preisverleihung sehr gerührt, ob es ein autobiografischer Text ist, weiß ich nicht. Er ist jedenfalls sehr realistisch und zeigt viele Aspekte einer solchen Lebenssituation auf.

Ich freu mich darauf, die anderen Texte zu lesen. Der Ingeborg-Bachmann-Preis ist immer sehr interessant, was die Texte betrifft, mit vielen Aussagen und Eitelkeiten der Juroren kann ich meistens weniger anfangen.

Mein erster richtiger Urlaubstag ist heute, gleichzeitig der bisher heißeste Tag des Jahres, es sollen bis zu 38 Grad werden. Der Wetterbericht, den ich gerade gehört habe, tröstet die Hitzegeschädigten damit, dass demnächst keine weiteren Hitzerekorde seit Beginn der Messungen im Jahre 1767 zu erwarten sind, weil die Latte im Juli etwas höher liegt als im Juni. Wenn das kein Trost ist !

Die Urlaubsplanung sieht vor, zunächst einmal zwei völlig planungsfreie Wochen zu verbringen ……

Hoch Gorelik !

Meine letzte literarische Entdeckung ist Lena Gorelik. Das erste Buch „Die Listensammlerin“ habe ich bei der „blind-date-mit-einem-Buch-Aktion“ meiner Bücherei zufällig kennengelernt und es hat mich richtig begeistert.

Dann folgte „Hochzeit in Jerusalem“, ganz anders geschrieben, ein ganz anderes Konzept. Oft leben Autoren von einem Konzept, von einem Thema, von einem Buchaufbau. Nicht so Lena Gorelik. In diesem Buch geht es um jüdische Identität, in einem originellen Plot. Auch hier eine junge Frau als Ich-Erzählerin.

 

Auch „Mehr Lila als Schwarz“ hat mich  überzeugt. Die Autorin schreibt völlig glaubwürdig vom Standpunkt einer 17-jährigen, in deren Welt man eintaucht. Freundschaft, Liebe, Schwärmerei, Erwachsenwerden ……

 

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Jetzt habe ich gerade „Null bis unendlich“ begonnen und es sieht ebenso gut aus wie die anderen.

 

 

25.Station der Literaturweltreise – Japan 2

Kazuo Ishiguro

„Als wir Waisen waren“

Heyne: 2016

ISBN 978 – 3- 453-421554

Meine literarische Weltreise

Ich habe noch keinen Ishiguro gelesen, den ich nicht großartig gefunden hätte; so auch diesen. Daher habe ich meine Zentralasienreise für einen Abstecher nach Japan bzw China unterbrochen.

Es ist eine ziemlich wilde Geschichte, die hier erzählt wird. Ein junger Engländer ist in den 1930er Jahren in London als Detektiv sehr erfolgreich. Über diese Tätigkeit erfährt man aber nichts und sie ist auch für die Geschichte nur insofern relevant als man als Leser annehmen kann, dass  der Erzähler im Bereich der Recherchen kompetent ist. Dieser junge Mann ist im International Settlement in Shanghai aufgewachsen gemeinsam mit Kindern aus aller Welt. Als er ungefähr zehn ist, verschwindet zuerst sein Vater, kurz danach auch seine Mutter und er wird nach England zu seiner Tante geschickt ohne dass das Verschwinden der Eltern aufgeklärt worden wäre.

Die Nachforschungen nach dem Verbleib seiner Eltern betreibt er jahrelang und systematisch. Ein Zeitstrang des Romans erzählt seine Kindheit in Shanghai, der andere die Gegenwart, in der er schließlich selbst nach Shanghai fährt um seine Recherchen abzuschließen.

Ich fand es manchmal schwierig zu sehen, ob der Erzähler sich kurz in ein Fantasiereich verirrt hat oder sich in der Realität befindet. Auch die Auflösung des Rätsels stellte mich vor die Frage, ob solche Vorfälle damals in Shanghai möglich gewesen wären. Es ist eine äußerst spannende Handlung, die in einigen Sequenzen ihre Figuren durch die Hölle gehen lässt, in anderen Erinnerungen aus einer behüteten Kindheit erzählt.

Auch mehrere Nebenfiguren sind sehr plastisch und interessant. Der beste Kindheitsfreund, der darunter leidet, dass seine Eltern ihn nicht japanisch genug finden und dem der Erzähler unter schrecklichen Bedingungen wieder begegnet. Die englische Lady, die auf der Suche nach einem ganz besonderen Mann ist und sich in eine grässliche Ehe verirrt. Die Adoptivtochter des Erzählers, eine sehr interessante Persönlichkeit

Opium spielt in dem Roman eine Rolle. Nach zwei Opiumkriegen, in denen die Briten China den Import der Droge aufzwangen, wird  zum Zeitpunkt der Erzählung Opium von Briten und Chinesen gemeinsam vertrieben. Die Opfer sind zahlreich, die Gewinne gigantisch. Auch der zweite japanisch-chinesische Krieg spielt in dem Roman eine Rolle. Zu dem Zeitpunkt der Handlung sind die Japaner bei der Eroberung Shanghais gerade sehr weit gekommen.

Klingt nach einem Action-Roman. Das ist es aber keineswegs, es ist ein Text mit der Qualitätsmarke „Ishiguro“.

18.Station der literarischen Weltreise – Israel 2


Nachdem mir das erste Buch, das ich von Lizzie Doron gelesen habe (klick) sehr gut gefallen hat und mir dieses Buch auch sehr empfohlen wurde, habe ich zugegriffen.

In „Das Schweigen meiner Mutter“ geht es weitgehend um die Generation der Kinder der Shoa-Überlebenden, um das Trauma der zweiten Generation, mit dem sowohl die Kinder der Opfer als auch jene der Täter leben.

„Deine Mutter hat immer zu mir gesagt:Golda wann hörst du endlich auf Brachale Geschichten von der Shoah zu erzählen? Was kann sie damit anfangen, mit Krematorium, Transport, Aktionen? Gib deiner Bracha Freude. Die Shoah ist nicht ihr Leid, sie ist unser Leid“ Golda seufzte tief. „Leider habe ich nicht auf sie gehört“. p.205

Das Schweigen der Mutter bezieht sich aber nicht nur auf ihre persönliche Geschichte sondern auch auf das scheinbare Verschwinden ihres Mannes, des Vaters der Erzählerin.

Doron beschreibt, wie sie als Kind, ständig auf der Suche nach ihrem Vater, ihre gesamte Umgebung immer wieder nach ihm fragt und dabei den Eindruck hat, dass manche ihrer Nachbarn und Freunde etwas über ihn wissen, ihr aber nichts sagen.

Zwei Zeitstränge laufen nebeneinander: die Kindheit der Erzählerin mit der Suche nach dem Vater und dem Schweigen der Mutter und die Gegenwart in der auch vom Leben vieler gleichaltriger Freundinnen berichtet wird.

Lizzie Doron schreibt eine sehr klare, schnörkelfreie Sprache, die direkt den Kern des Geschehens trifft. Die Personen in ihrer Geschichte sind bunt und schienen mir sehr authentisch.

„Alles, von dem ich wollte, dass du es weißt, habe ich dir gesagt“ Ein Satz, den die Protagonistin von ihrer Mutter mehrmals hört.

Daggi 30 –

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Laura Restrepo

„Die dunkle Braut“

Europa Verlag 2003

Aufgabe Nr. 52: Es gibt in der Bücherei, in die ich öfter gehe eine Aktion mit verpackten Büchern von denen man sich eines nehmen kann. So ist dieses Buch in meine Hände gefallen.

Eigentlich wollte ich nach den ersten paar Seiten gar nicht weiterlesen. So eine südamerikanische Huren-Heiligen Geschichte dachte ich mir. War es auch. Auf den ersten paar Seiten wurde so eine Art Bordellstadt im kolumbianischen Urwald in der Nähe eines Ölförderungsbetriebes beschrieben und das Zimmer einer der dort arbeitenden Prostituierten. Natürlich gab es dort eine besonders verehrte Christusfigur und alle dort arbeitenden Prostituierten waren nicht nur fleißig bei der Arbeit sondern auch fromm. Dutzende Bücher ähnlicher Thematik haben mir die südamerikanische Literatur ziemlich verleidet.

Ich habe dann doch weitergelesen, weil mir die Beschreibung der Lebensumstände der Arbeiter in der Ölförderung ganz interessant erschienen ist. Alle Lieblingsthemen dieses Literatursegments sind aufgetaucht: die gutherzigen Huren, die verlassenen Kinder, die Damen der Gesellschaft und deren Männer, die einen nicht geringen Anteil an den Kunden der Bordelle ausmachen. Es gab sogar einen an Toulouse-Lautrec erinnernden spanischen Adeligen, der sich in einer dieser  „Freudenhütten“ eingemietet hatte. Religiöse Feste und Heiligenverehrung, die verführerischen Indio-Frauen, das permanente schlechte Gewissen in alle Richtungen, die Autorin hat nichts ausgelassen inklusive eines ins Surreale übergehenden Endes: die handelnden Personen wissen nicht und die Leser erfahren nicht, ob die Hauptperson am Ende mit ihrem Lieblingsgeliebten weggeht oder ob das nur eine kollektive Illusion ist …

Es ist ein bunter Bilderbogen des Lebens in den kolumbianischen Urwäldern und Kleinstädten; gut geschrieben. Wenn ich nicht so eine Abneigung gegen die Huren-Heiligen-Geschichten hätte ….. Immerhin habe ich das Buch aber zu Ende gelesen und könnte mich jetzt damit befassen, die Einflüsse auf die Autorin und ihre Stellung in der kolumbianischen bzw Lateinamerikanischen Literatur zu analysieren aber dazu habe ich schlicht und einfach keine Lust.

Daggi 27 – Der alte König in seinem Exil

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ARNO GEIGER

Der alte König in seinem Exil

Carl Hanser Verlag  2011

Aufgabe 49: ein Buch, das dir geschenkt wurde

Man könnte es als Alzheimer-Geschichte beschreiben. Das würde aber diesem Text nicht gerecht werden. Es geht wohl um die Geschichte eines Menschen mit Alzheimer, aber diese Geschichte wird von seinem Sohn entdeckt, gefühlt, reflektiert und niedergeschrieben.

Trauer, Mitleid, Bedauern, Ängste spielen wohl eine Rolle, aber im Mittelpunkt steht der Mensch, dem der Autor mit Liebe, Respekt und Interesse gegenübersteht. Das Buch ist streckenweise sogar komisch. Wobei das Lachen nie den Menschen herabsetzt sondern nur die Komik der Situation würdigt.

„Meine Befürchtungen, dass der gute Teil vorbei sei, hatten sich oft genug als ungerechtfertigt erwiesem, meine Vorhersagen waren selten eingetroffen. Da täuschest du dich sehr, hätte der Vater wiederholt sagen müssen. In seiner besonnenen Art. Deshalb schaue ich jetzt nicht mehr so ängstlich in die Zukunft wie am Anfang. Ich sehe das alles nicht mehr so düster.

In gefasster Erwartung

Ich wollte mir mit diesem Buch Zeit lassen, ich habe sechs Jahre darauf gespart. Gleichzeitig hatte ich gehofft, es schreiben zu können bevor der Vater stirbt. Ich wollte nicht nach seinem Tod von ihm erzählen. Ich wollte über einen Lebenden schreiben, ich fand, dass der Vater, wie jeder Mensch, ein Schicksal verdient, das offenbleibt.

Zum Zeitpunkt, da ich diese Sätze schreibe, bin ich fast genau halb so alt wie er. Es hat lange gedauert, hierher zu kommen. Es hat lange gedauert, etwas herauszufinden über die grundlegenden Dinge, die uns getrieben haben, die Menschen zu werden, die wir sind.

„Früher war ich ein kräftiger Bursche“ sagt der Vater zu Katharina und mir „nicht solche Geißlein wie ihr“

Es heißt: Wer lange genug wartet, kann König werden. “

ARNO GEIGER