la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


14 Kommentare

Montag 1. Juli 19 – Höhepunkt der eigentlich schon dritten Hitzewelle

Den Siegertext des Bachmannpreises habe ich gerade gelesen, „der Schrank“ heißt er, was mich nach Fertigstellung unseres Schrankes sehr amüsiert hat. Der Text gefällt mir sehr, lustig ist er allerdings ganz und gar nicht. Es geht um das Leben im Präkariat einer jungen Frau, so jung ist sie eigentlich auch nicht mehr, sechsunddreißig. Also ein Alter, bei dem man befürchten muss, dass sich ihre Lebensumstände nicht mehr entscheidend verändern könnten. Ein gesellschaftlich sehr wichtiges Thema sei das Präkariat, sagte die Autorin. Sie war bei der Preisverleihung sehr gerührt, ob es ein autobiografischer Text ist, weiß ich nicht. Er ist jedenfalls sehr realistisch und zeigt viele Aspekte einer solchen Lebenssituation auf.

Ich freu mich darauf, die anderen Texte zu lesen. Der Ingeborg-Bachmann-Preis ist immer sehr interessant, was die Texte betrifft, mit vielen Aussagen und Eitelkeiten der Juroren kann ich meistens weniger anfangen.

Mein erster richtiger Urlaubstag ist heute, gleichzeitig der bisher heißeste Tag des Jahres, es sollen bis zu 38 Grad werden. Der Wetterbericht, den ich gerade gehört habe, tröstet die Hitzegeschädigten damit, dass demnächst keine weiteren Hitzerekorde seit Beginn der Messungen im Jahre 1767 zu erwarten sind, weil die Latte im Juli etwas höher liegt als im Juni. Wenn das kein Trost ist !

Die Urlaubsplanung sieht vor, zunächst einmal zwei völlig planungsfreie Wochen zu verbringen ……


5 Kommentare

Hoch Gorelik !

Meine letzte literarische Entdeckung ist Lena Gorelik. Das erste Buch „Die Listensammlerin“ habe ich bei der „blind-date-mit-einem-Buch-Aktion“ meiner Bücherei zufällig kennengelernt und es hat mich richtig begeistert.

Dann folgte „Hochzeit in Jerusalem“, ganz anders geschrieben, ein ganz anderes Konzept. Oft leben Autoren von einem Konzept, von einem Thema, von einem Buchaufbau. Nicht so Lena Gorelik. In diesem Buch geht es um jüdische Identität, in einem originellen Plot. Auch hier eine junge Frau als Ich-Erzählerin.

 

Auch „Mehr Lila als Schwarz“ hat mich  überzeugt. Die Autorin schreibt völlig glaubwürdig vom Standpunkt einer 17-jährigen, in deren Welt man eintaucht. Freundschaft, Liebe, Schwärmerei, Erwachsenwerden ……

 

IMG_5097

 

Jetzt habe ich gerade „Null bis unendlich“ begonnen und es sieht ebenso gut aus wie die anderen.

 

 


8 Kommentare

25.Station der Literaturweltreise – Japan 2

Kazuo Ishiguro

„Als wir Waisen waren“

Heyne: 2016

ISBN 978 – 3- 453-421554

Meine literarische Weltreise

Ich habe noch keinen Ishiguro gelesen, den ich nicht großartig gefunden hätte; so auch diesen. Daher habe ich meine Zentralasienreise für einen Abstecher nach Japan bzw China unterbrochen.

Es ist eine ziemlich wilde Geschichte, die hier erzählt wird. Ein junger Engländer ist in den 1930er Jahren in London als Detektiv sehr erfolgreich. Über diese Tätigkeit erfährt man aber nichts und sie ist auch für die Geschichte nur insofern relevant als man als Leser annehmen kann, dass  der Erzähler im Bereich der Recherchen kompetent ist. Dieser junge Mann ist im International Settlement in Shanghai aufgewachsen gemeinsam mit Kindern aus aller Welt. Als er ungefähr zehn ist, verschwindet zuerst sein Vater, kurz danach auch seine Mutter und er wird nach England zu seiner Tante geschickt ohne dass das Verschwinden der Eltern aufgeklärt worden wäre.

Die Nachforschungen nach dem Verbleib seiner Eltern betreibt er jahrelang und systematisch. Ein Zeitstrang des Romans erzählt seine Kindheit in Shanghai, der andere die Gegenwart, in der er schließlich selbst nach Shanghai fährt um seine Recherchen abzuschließen.

Ich fand es manchmal schwierig zu sehen, ob der Erzähler sich kurz in ein Fantasiereich verirrt hat oder sich in der Realität befindet. Auch die Auflösung des Rätsels stellte mich vor die Frage, ob solche Vorfälle damals in Shanghai möglich gewesen wären. Es ist eine äußerst spannende Handlung, die in einigen Sequenzen ihre Figuren durch die Hölle gehen lässt, in anderen Erinnerungen aus einer behüteten Kindheit erzählt.

Auch mehrere Nebenfiguren sind sehr plastisch und interessant. Der beste Kindheitsfreund, der darunter leidet, dass seine Eltern ihn nicht japanisch genug finden und dem der Erzähler unter schrecklichen Bedingungen wieder begegnet. Die englische Lady, die auf der Suche nach einem ganz besonderen Mann ist und sich in eine grässliche Ehe verirrt. Die Adoptivtochter des Erzählers, eine sehr interessante Persönlichkeit

Opium spielt in dem Roman eine Rolle. Nach zwei Opiumkriegen, in denen die Briten China den Import der Droge aufzwangen, wird  zum Zeitpunkt der Erzählung Opium von Briten und Chinesen gemeinsam vertrieben. Die Opfer sind zahlreich, die Gewinne gigantisch. Auch der zweite japanisch-chinesische Krieg spielt in dem Roman eine Rolle. Zu dem Zeitpunkt der Handlung sind die Japaner bei der Eroberung Shanghais gerade sehr weit gekommen.

Klingt nach einem Action-Roman. Das ist es aber keineswegs, es ist ein Text mit der Qualitätsmarke „Ishiguro“.


3 Kommentare

18.Station der literarischen Weltreise – Israel 2


Nachdem mir das erste Buch, das ich von Lizzie Doron gelesen habe (klick) sehr gut gefallen hat und mir dieses Buch auch sehr empfohlen wurde, habe ich zugegriffen.

In „Das Schweigen meiner Mutter“ geht es weitgehend um die Generation der Kinder der Shoa-Überlebenden, um das Trauma der zweiten Generation, mit dem sowohl die Kinder der Opfer als auch jene der Täter leben.

„Deine Mutter hat immer zu mir gesagt:Golda wann hörst du endlich auf Brachale Geschichten von der Shoah zu erzählen? Was kann sie damit anfangen, mit Krematorium, Transport, Aktionen? Gib deiner Bracha Freude. Die Shoah ist nicht ihr Leid, sie ist unser Leid“ Golda seufzte tief. „Leider habe ich nicht auf sie gehört“. p.205

Das Schweigen der Mutter bezieht sich aber nicht nur auf ihre persönliche Geschichte sondern auch auf das scheinbare Verschwinden ihres Mannes, des Vaters der Erzählerin.

Doron beschreibt, wie sie als Kind, ständig auf der Suche nach ihrem Vater, ihre gesamte Umgebung immer wieder nach ihm fragt und dabei den Eindruck hat, dass manche ihrer Nachbarn und Freunde etwas über ihn wissen, ihr aber nichts sagen.

Zwei Zeitstränge laufen nebeneinander: die Kindheit der Erzählerin mit der Suche nach dem Vater und dem Schweigen der Mutter und die Gegenwart in der auch vom Leben vieler gleichaltriger Freundinnen berichtet wird.

Lizzie Doron schreibt eine sehr klare, schnörkelfreie Sprache, die direkt den Kern des Geschehens trifft. Die Personen in ihrer Geschichte sind bunt und schienen mir sehr authentisch.

„Alles, von dem ich wollte, dass du es weißt, habe ich dir gesagt“ Ein Satz, den die Protagonistin von ihrer Mutter mehrmals hört.


5 Kommentare

Daggi 30 –

img_0676

Laura Restrepo

„Die dunkle Braut“

Europa Verlag 2003

Aufgabe Nr. 52: Es gibt in der Bücherei, in die ich öfter gehe eine Aktion mit verpackten Büchern von denen man sich eines nehmen kann. So ist dieses Buch in meine Hände gefallen.

Eigentlich wollte ich nach den ersten paar Seiten gar nicht weiterlesen. So eine südamerikanische Huren-Heiligen Geschichte dachte ich mir. War es auch. Auf den ersten paar Seiten wurde so eine Art Bordellstadt im kolumbianischen Urwald in der Nähe eines Ölförderungsbetriebes beschrieben und das Zimmer einer der dort arbeitenden Prostituierten. Natürlich gab es dort eine besonders verehrte Christusfigur und alle dort arbeitenden Prostituierten waren nicht nur fleißig bei der Arbeit sondern auch fromm. Dutzende Bücher ähnlicher Thematik haben mir die südamerikanische Literatur ziemlich verleidet.

Ich habe dann doch weitergelesen, weil mir die Beschreibung der Lebensumstände der Arbeiter in der Ölförderung ganz interessant erschienen ist. Alle Lieblingsthemen dieses Literatursegments sind aufgetaucht: die gutherzigen Huren, die verlassenen Kinder, die Damen der Gesellschaft und deren Männer, die einen nicht geringen Anteil an den Kunden der Bordelle ausmachen. Es gab sogar einen an Toulouse-Lautrec erinnernden spanischen Adeligen, der sich in einer dieser  „Freudenhütten“ eingemietet hatte. Religiöse Feste und Heiligenverehrung, die verführerischen Indio-Frauen, das permanente schlechte Gewissen in alle Richtungen, die Autorin hat nichts ausgelassen inklusive eines ins Surreale übergehenden Endes: die handelnden Personen wissen nicht und die Leser erfahren nicht, ob die Hauptperson am Ende mit ihrem Lieblingsgeliebten weggeht oder ob das nur eine kollektive Illusion ist …

Es ist ein bunter Bilderbogen des Lebens in den kolumbianischen Urwäldern und Kleinstädten; gut geschrieben. Wenn ich nicht so eine Abneigung gegen die Huren-Heiligen-Geschichten hätte ….. Immerhin habe ich das Buch aber zu Ende gelesen und könnte mich jetzt damit befassen, die Einflüsse auf die Autorin und ihre Stellung in der kolumbianischen bzw Lateinamerikanischen Literatur zu analysieren aber dazu habe ich schlicht und einfach keine Lust.


12 Kommentare

Daggi 27 – Der alte König in seinem Exil

img_0371

ARNO GEIGER

Der alte König in seinem Exil

Carl Hanser Verlag  2011

Aufgabe 49: ein Buch, das dir geschenkt wurde

Man könnte es als Alzheimer-Geschichte beschreiben. Das würde aber diesem Text nicht gerecht werden. Es geht wohl um die Geschichte eines Menschen mit Alzheimer, aber diese Geschichte wird von seinem Sohn entdeckt, gefühlt, reflektiert und niedergeschrieben.

Trauer, Mitleid, Bedauern, Ängste spielen wohl eine Rolle, aber im Mittelpunkt steht der Mensch, dem der Autor mit Liebe, Respekt und Interesse gegenübersteht. Das Buch ist streckenweise sogar komisch. Wobei das Lachen nie den Menschen herabsetzt sondern nur die Komik der Situation würdigt.

„Meine Befürchtungen, dass der gute Teil vorbei sei, hatten sich oft genug als ungerechtfertigt erwiesem, meine Vorhersagen waren selten eingetroffen. Da täuschest du dich sehr, hätte der Vater wiederholt sagen müssen. In seiner besonnenen Art. Deshalb schaue ich jetzt nicht mehr so ängstlich in die Zukunft wie am Anfang. Ich sehe das alles nicht mehr so düster.

In gefasster Erwartung

Ich wollte mir mit diesem Buch Zeit lassen, ich habe sechs Jahre darauf gespart. Gleichzeitig hatte ich gehofft, es schreiben zu können bevor der Vater stirbt. Ich wollte nicht nach seinem Tod von ihm erzählen. Ich wollte über einen Lebenden schreiben, ich fand, dass der Vater, wie jeder Mensch, ein Schicksal verdient, das offenbleibt.

Zum Zeitpunkt, da ich diese Sätze schreibe, bin ich fast genau halb so alt wie er. Es hat lange gedauert, hierher zu kommen. Es hat lange gedauert, etwas herauszufinden über die grundlegenden Dinge, die uns getrieben haben, die Menschen zu werden, die wir sind.

„Früher war ich ein kräftiger Bursche“ sagt der Vater zu Katharina und mir „nicht solche Geißlein wie ihr“

Es heißt: Wer lange genug wartet, kann König werden. “

ARNO GEIGER