la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


Ein Kommentar

30. Station der Literaturweltreise – Anatolien statt Armenien – Türkei 2

Murat Isik

„Das Licht im Land meines Vaters“

niederländisches Original: Amsterdam 2012

deutsche Erstausgabe: Arche Literatur: 2016

ISBN: 978-3-7160-2744-8

Die Bücherei half mir bei der Suche nach Lektüre aus Zentralasien und empfahl mir dieses Buch zum Thema „Armenien“. Tatsächlich kommen in diesem Roman Armenier nur als Schatten aus der Vergangenheit vor: die Protagonisten leben in einem Dorf, das von Armeniern gegründet wurde, die dem Genozid zum Opfer fielen.

Tatsächlich ist es eine Familiengeschichte aus Ost-Anatolien, keine wirklich biographische, so der Autor, aber eine von den Erzählungen seiner Verwandten aus deren Jugend in Anatolien inspirierte. Der Autor, Murat Isik, kam mit seiner Familie als Kind zunächst nach Deutschland und dann in die Niederlande. Er studierte Rechtswissenschaften in Holland und den USA und arbeitet heute als Jurist für die Stadt Amsterdam. „Das Licht im Land meines Vaters“ ist sein Erstlingsroman.

Die Familie, deren Geschichte vom Standpunkt ihres jüngeren Sohnes aus erzählt wird, gehört zum Volk der Zaza, einer in der östlichen Türkei lebenden Volksgruppe, die heute aus 2 bis 3 Millionen Menschen besteht und zu den Aleviten zählt. Die Schilderung der „Türkisierung“ der Kinder durch einen Lehrer, der ihnen die türkische Sprache und diverses Nationalistisches beibringt, ist sehr aufschlussreich.

Aus einem einigermaßen gesicherten Leben wird die Familie durch einen Unfall des Vaters, der durch widrige Umstände ein Bein verliert, in eine Abfolge von Unglücksfällen hineingezogen.

“ Der Schrei verwandelte meinen Vater für immer in einen gebrochenen Mann.

Ich saß im Wartezimmer des Krankenhauses von Mus und zuckte zusammen, als ich hörte, wie sich die Säge mühsam durch den Knochen fraß. Dann ertönte der verzweifelte Schrei meines Vaters. Nach ein paar Zügen des Stahlblatts mit den scharfen Zähnen ging das Schreien in ein anderes Geräusch über, das zunächst etwas Tierisches und dann etwas Monströses hatte. Langsam wurde es zu einem bizarren Kreischen, in das sich düster klagendes Gegurgel mischte. Es war, als presste mein Vater den Schmerz aus seinem Körper heraus, als suchte ein Teil seiner Seele einen Ausweg aus dem tiefsten Inneren.

Ich rannte weg, um dem Geräusch zu entkommen, aber es verfolgte mich. Selbst als ich draußen stand und mir die Ohren zuhielt, hörte ich es noch.

Manchmal wenn ich meine Augen schließe und nur Stille mich umgibt, höre ich ihn wieder: den Schrei, der unser Leben ein für alle Mal verändert hat.“

Der Roman führt tief ins Innere der Armut und der Ignoranz aber auch der Kraft und des Durchhaltevermögens, wie etwa in der Figur der Mutter verkörpert. Nach einem Erdbeben, das das gesamte Dorf zerstört und bei dem viele Menschen umkommen, sind die Überlebenden nahe am Hungertod. Es taucht Hilfe auf von einer Seite, die „Staat“ genannt wird, von der der Erzähler noch nie gehört hat.

Die bewegte Geschichte der Familie endet mit einem optimistischen Ausblick in Izmir, der Geburtsstadt von Murat Isik.

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„Platz da“ am Mitmachblog – Platz da für mich

MitmachBlog

Ein außerordentlich unsympathisches Thema. Man sieht einen panzerartigen Menschen vor sich, der/die allen anderen den Platz an Luft und Sonne wegnehmen möchte.

Manchmal hat man aber halt solche Phasen, in denen mehr Platz und Zeit zum Atmen, zum Leben, zum Verwirklichen schön wären. Ich bin derzeit heftig gefordert und streckenweise sehr hart am Rande der Überforderung und daher habe ich mich gerade an einen großen, wenn auch im Ausland nicht so bekannten  Vertreter der österreichischen Leitkultur erinnert.

Der Text, den er da singt, ist ähnlich unsympathisch wie der Ausruf „Platz da“, aber, naja, ich gestehe gerade heute kann ich mich ganz gut damit identifizieren. Geht auch wieder vorbei, klar, hoffentlich bald.

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8 Kommentare

Ansichtskarten nannte man sie

Eine oder mehrere Fotografien und auf der Ruckseite einen kurzen Text.
Zu so etwas kann ich mich auch aufschwingen.
Foto entfallt (ebenso wie alle Umlaute.Dafur gibt es emoticons 😇)
Also im klassischen Stil zuerst das Wetter: Sonnenschein mit ganz wenigen Wolkchen, aber ein ordentlich kalter Wind.Das allgemeine outfit daher eher winterlich
Zweites klassisches Thema: Essen. Nachdem ich um eine Preisklasse hinaufgegangen bin, schmeckt es mir besser als sonst.
Zusatzthemen: mein Huftgelenk verhalt sich lobenswert, die Fotomotive halten still, die Lekture war gut ausgewahlt und es bieten sich genugend Moglichkeiten mein Portugiesisch etwas zu entrosten
Herzliche Grusse

Für Myriade und andere Buchweltreisende

5 Kommentare

Nette Menschen gibt es in den Weiten des Internet. Zum Beispiel Agnes, die Anregungen für die Literaturweltreise gibt.

Agnes Podczeck

Myriade fragte vergangene Woche, ob wir ein paar Vorschläge für Literaturen aus den Ländern Kasachstan und/oder Armenien hätten, Buchempfehlungen aus benachbarten Ländern wären ihr aber auch recht.

Ich bin heute mal meine Buchregale durchgegangen und stelle kurz ein paar Titel vor, die ich unbedingt für lesenswert halte:

Kasachstan

Ein Roman eines kasachischen Autors ist mir leider nicht bekannt (ich hatte geglaubt, mir mal eine Notiz gemacht zu haben, aber wann und wo dieser Zettel jetzt sein könnte, weiß ich nicht). Aber wenn es auch ins Weltreisekonzept passt, dass die Autorin des Buches eine deutsche Journalistin und das Buch auch kein Roman ist, sondern die wirklich interessante russisch-deutsch-kasachische Geschichte einer sogenannten Spätaussiedlerfamilie, dann möchte ich unbedingt empfehlen:

Ulla Lauchauer, Ritas Leute. Eine russisch-deutsche Familiengeschichte, Rowohlt-Verlag, 431 Seiten

Kirgisistan

Südliches Nachbarland von Kasachstan ist Kirgisien. Zwar unterscheiden sich beide Länder hinsichtlich ihrer Landschaft (Kasachstan: weites weites Land, trockene Steppe, Kirgisien: Hochgebirge –…

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