Kategorie: GESCHREIBSEL

Donnerstag 23. September 2021

Seit Tagen versuche ich, einen Text zu schreiben aus der Inspiration von Natalies Einladung einer literarischen Figur ins Café. Mehrere Figuren habe ich mir schon ausgesucht, mehrere Schreibrichtungen habe ich bedacht, aber es wird einfach nichts draus. Meistens schreibe ich einfach drauf los und dann entwickelt sich der Text wie von selbst, aber nicht diesmal, nicht zu diesem Thema. Dabei gefällt mir die Idee so besonders gut. Aber nein.

Ich finde eine Figur, sie gefällt mir, ich denke, dass sich daraus ein Text entwickeln lässt mit diesen und jenen Schwerpunkten in der Persönlichkeit, mit einem Thema, zu dem die Person passt. Es gelingt mir einfach nicht. Heute hatte ich den ganzen Tag meine letztgewählte Person im Hinterkopf und dachte irgendwann wird sich eine Geschichte aus dem Nebel heraus schälen. Aber der Nebel ist genauso dicht wie in den letzten Tagen und nichts und niemand tritt heraus.

Es muss wohl daran liegen, dass die Idee mir nicht selbst gekommen ist, dass sie mir rein rational so gut gefällt, dass aber jener Teil meines Gehirns, der beim Schreiben den Ton angibt, mit der Idee nichts anfangen kann. Sehr schlechte Kommunikation zwischen mir und mir. Ich lasse es jetzt bleiben, aber eigentlich mit dem Hintergedanken, dass es sich schon von selbst schreiben wird, wenn ich nicht daran denke … Aus den hinteren Gehirnwindungen schleicht sich eh schon wieder eine Figur an ….

Morbides Wien – Impulswerkstatt

Ganz inspiriert von Natalies Text, wollte ich eigentlich den dritten Mann als Fremdenführer durch die Wiener Kanalisation schicken. Wie man sieht, ist es ganz was anderes geworden, wie das bei mir immer so ist. Bemerken möchte ich dazu, dass es selbstverständlich auch ein modernes, buntes, heiteres Wien gibt mit so vielen kulturellen Möglichkeiten aller Art, dass es unmöglich ist, alles zu sehen, zu hören, zu erleben. Aber hinter vielen Ecken lauert Irrationales und Depressives …

Der Geruch der modrigen Blätter, der Abfallprodukte des Sommers zieht durch den Prater. An manchen Stellen ist er besonders intensiv, verstärkt durch den trostlosen Anblick der leeren Ringelspiele und der hochfahrenden und hochfliegenden Attraktionen, die sich geräuschlos durch den Spätherbst kämpfen, ohne Besucher, leblos. Die Feuchtigkeit zieht sich durch alle Schichten der Bekleidung. Auch so mancher Bewohner der Meldemannstraße *) kam hier vorbei. Saß vor der leeren Geisterbahn, in Träume von Weltherrschaft versunken.

Auch in der Hauptallee riecht es nach Verfall und Weltuntergang in modernden Abstufungen. Es ist wahrscheinlich reine Einbildung , dass die benutzten Kondome, die hinter Büschen herumliegen zur allgemeinen Geruchslage beitragen. In der Nacht verwandelt sich die im Frühling so idyllische Hauptallee in einen gigantischen Straßenstrich. Die geschäftlichen Transaktionen finden dann hinter Bäumen und Büschen statt, wo sie von Elfriede Jelineks Klavierspielerin beobachtet werden. Sie trägt einen karierten Rock.

Breuer und Freud spazieren durch die Hauptallee, mit Hüten und Gehstöcken ausgestattet. Ihrer Gestik nach zu schließen, debattieren sie gerade und sind in vielem uneinig. Wäre auch noch Alfred Adler dabei, könnte es womöglich unter den würdigen Herren zu leichten Handgreiflichkeiten kommen. Vielleicht war es zum Zeitpunkt dieses Spaziergangs noch nicht ganz klar, dass der morbide, makabre Teil der österreichischen Seele vorübergehend die Herrschaft übernehmen würde. Bis alles zerbombt, verlassen und tot war, dann regierte vorübergehend wieder der klare Verstand. Leider allzu vorübergehend.

Der liebe Augustin**), gerade mit massivem Kater aus der Pestgrube herausgekrochen, trägt auch nicht zur Verbesserung der geruchlichen Lage bei, aber immerhin zur Stimmung. „Oh du lieber Augustin, alles ist hin“. Das Lachen in der Hoffnungslosigkeit, „die Lage ist verzweifelt aber nicht ernst“ ***) ist eine Wiener Spezialität. Im Hintergrund spielt die Zither, aber das sind schon wieder ganz andere Zeiten.

Da kommt Arthur Schnitzlers Kutsche, als Kind hat er ja in der Praterstraße gewohnt, gleich neben der Hauptallee. In der Kutsche aber sitzt nicht er, sondern Professor Bernardi und der Leutnant Gustl. Schnitzler selbst wird wohl gerade wieder einmal vor Gericht stehen wegen seiner sittenwidrigen Werke. Kaum einer hat die Dekadenz und die Abgründe hinter der Fassade des kulturell und wissenschaftlich blühenden Wiens in der letzten Phase der Habsburgermonarchie so dargestellt wie er. Oh ja, ich bin ein großer Schnitzler Fan, von der Novelle „Sterben“ bis zu seinen Bühnenstücken.

Jetzt ist es schon ziemlich voll in der Hauptallee, das Riesenrad dreht sich und es wird langsam Abend. Alles dreht sich, alles bewegt sich. Der Tanz auf dem Vulkan geht immer weiter
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*) Das Männerwohnheim in der Meldemannstraße 27 war von 1905 bis 2003 ein Obdachlosenasyl in Wien. Bekannt wurde es als Wohnort von Adolf Hitler zwischen 1910 und 1913.

**) Marx Augustin oder Der liebe Augustin (eigentlich Markus Augustin; * 1643 in Wien; † 11. März 1685 ebenda) war ein Bänkelsänger, Dudelsackspieler, Sackpfeifer, Stegreifdichter und Stadtoriginal. Er wurde durch die Ballade „O du lieber Augustin“ sprichwörtlich und zu einem sogenannten geflügelten Wort. Bis heute ist die Figur des lieben Augustin ein Inbegriff dafür, dass man mit Humor alles überstehen kann.

***) Ein Zitat, das Karl Kraus zugeschrieben wird, aber wahrscheinlich von Alfred Polgar ist. Egal, es passt auf jeden Fall großartig

Und plötzlich ist da ein Teich

In der Enge des Waldes schiebt sich der Blick auf´s Wasser, durch die Stämme flutet das Licht. Ein Bereich öffnet sich für andere, Neues kann gesehen werden.

zitiert aus „Anleitung für den Planetenbau“ Zentralbibliothek Alpha Centauri

So schön ist das Waldviertel, ABER …

Eigentlich erst zum dritten Mal bin ich öffentlich nach PB gefahren, das ja administrativ auch zum Waldviertel gehört. Während der Schulferien ist das noch ein wenig schwieriger als sonst, weil zwar nicht die Züge, aber die Busse, die hauptsächlich Schulkinder befördern, in extrem großen Intervallen fahren. Mit anderen Worten, die öffentlichen Verkehrsverbindungen im Waldviertel sind sehr verbesserungswürdig.

Ich stand also am Donnerstag am Bahnhof eines Nachbarorts von PB auf der anderen Seite der Donau und wusste, dass ein Bus, der mich zumindest in die Nähe meiner Wohnung bringen würde erst in einer Stunde geplant war. Auf einem Lampenmast am Ausgang des Bahnhofs fand ich die Nummer eines Taxis und rief dort an, aber der Fahrer hatte gerade an diesem Tag keine Zeit. Fix beförderte ich ihn in die Schublade mit der Aufschrift „Unverlässliches“ und überlegte, was ich nun in einer Stunde anfangen könnte.

Vor dem Bahnhofslokal saß eine Runde Männer in Bier und Gespräch vertieft. Einheimische, die sich als sehr nett und hilfreich erwiesen und mir ein Taxi aus dem Nebenort besorgten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hätte ich das selbst nicht gefunden auch nicht mit Hilfe von google. Jedenfalls erwies sich dieses Taxi als eine ideale Lösung. Der Besitzer hat zwei Kleinbusse und auch einen zweiten Fahrer, ist jederzeit erreichbar und holt mich zu einem moderaten Preis von wo auch immer ab. Sehr zufrieden bin ich mit dieser Lösung. Es ist ja nicht so, dass ich ständig nur mehr mit dem Taxi fahren möchte, aber es besteht die Möglichkeit, wenn die Busse gar nicht fahren oder nur zur falschen Zeit oder ich den einzig passenden versäume. Also ein Sicherheitsnetz im Hintergrund.

Nach PB gefahren bin ich um die Lieferung von Matratzen und Lattenrosten in Empfang zu nehmen. Die Betten kommen ja voraussichtlich erst im Oktober. Hat fast perfekt geklappt. Ein Trumm haben sie vergessen, aber das brauchen wir nicht dringend und so kommt es eben mit der nächsten Lieferung. Die Alternative wäre gewesen zu warten, dass die Lieferanten nochmals zurück zum Lager fahren und es abholen. Nachdem das Lager aber in gut 100 km Entfernung liegt, wäre es sehr spät geworden und ich wollte nicht warten.

Wir können also ab sofort in PB übernachten. Entweder liegen die Matratzen eben am Boden, oder wir benützen die Lattenroste auch gleich mit, dann ist eigentlich kaum ein Unterschied zu einem Bett. Zur Schonung des Bodens kann man eine Decke unter die Lattenroste legen und geht schon. Das Herumliegen eigener Matratzen schließt irgendwie die Besitznahme dieser Wohnung ab. Es fühlt sich schon fast zuhause an.

Was Gewässer betrifft, so liebe ich am meisten das Meer, allerdings muss es Gezeiten haben, sonst ist es für meine Begriffe kein Meer sondern ein großer Salzwassersee. Wobei ein See sich wie ein Ersatz für das Meer, den Ozean anfühlt. Ein Fluss aber steht für sich selbst. Nicht als Metadon für den Ozeanjunkie sondern als lebendiges, fließendes Gewässer. Diese etwas wirren Betrachtungen stellte ich an, als ich noch einen Spaziergang an der Donau machte. Die Donau steht hoch und fließt lebendig. Von der Donaulände ließ ich mich abholen und erreichte einen der ganz seltenen Züge, die mich direkt nach Wien bringen. Ein durch und durch guter Tag war das !

Liebe Einladungs-Leser*innen

Tut mir leid, dass das zweite Bild nicht zu sehen war. Diesmal weiß ich ausnahmsweise, was passiert ist. Ich habe bei dem Foto den Horizont begradigt – damit das Meer nicht allzu schnell ausläuft – und es nochmals auf WP hochgeladen. Dabei habe entweder ich oder WP irgendwas verwechselt. Jetzt müsste das richtige zu sehen sein. Bitte um Rückmeldung, ob Bild 2 jetzt zu sehen ist.

Bei dieser Gelegenheit wünsche ich allen einen schönen Tag !

Einladung zur Impulswerkstatt September, Oktober 2021

Willkommen an alle, die schon mitgemacht haben und alle, die noch mitmachen werden und natürlich auch alle, die zusehen, zuhören, lesen und kommentieren.

Die Sommer-Impulswerkstatt Juli und August hat aus meiner Sicht sehr gut funktioniert. Das Sommerloch hat nicht wirklich stattgefunden: waren die einem im (Blog)urlaub waren andere schon wieder zurück und es ist eine beträchtliche Menge an Beiträgen zusammengekommen.

Ich denke, dass zwei Monate ein guter Zeitraum sind, zwei Monate Zeit für Beiträge, mit einem Zwischenbericht in der Mitte. So kann man sowohl einem Blitz-Impuls nachgehen und den Beitrag gleich posten als auch länger bei einem Thema bleiben. Wir probieren es auf jeden Fall nochmals aus, diesmal mit zwei „Normalmonaten“, September und Oktober.

Weil ich eine Weile mit der Auswahl der Fotos gekämpft habe – ich konnte mich nicht entscheiden welche Fotos ich nehmen wollte – hat es einen Tag länger gedauert als geplant. Ich kann mir ja zum tausendsten Mal vornehmen, die Dinge nicht im letzten Moment zu machen. Nachdem es aber ohnehin nichts nützen wird, lasse ich es bleiben. Ich habe mit mir selbst diskutiert, ob die Impulsfotos nun einen jahreszeitlichen Bezug haben sollten oder nicht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass das nicht sein muss. Schließlich kann jede/r einen jahreszeitlichen Bezug hineinbringen, wenn er/sie möchte.

Vor den neuen Fotos wie immer die Beschreibung des Projekts KLICK

KLICK Hier könnt ihr nachlesen, wie dieses Projekt entstanden ist  

Bitte verlinkt eure Beiträge alle hierher.

KLICK Das Archiv des Projekts in dem alle Beiträge gesammelt sind und alles noch einmal nachgelesen werden kann, befindet sich auch hier (leider ist es nicht immer aktuell, aber meistens)

Die Teilnahme

ist für alle offen: Texte jeder Art, Bilder, Fotos, Zeichnungen, Betrachtungen, Musik, Installationen, Kochrezepte, Bastelanleitungen usw usf. als Resonanz, als Reaktion auf die Fotos des Monats sollen hier gesammelt werden.
Meine Idealvorstellung ist so eine Art Puzzle aus verschiedensten Teilen. Natürlich können alle beliebig viele Beiträge beisteuern.

Und nun die Impulsfotos

Bild 1

Bild 2

Bild 3

Bild 4:

Viel Freude

Sommer-Impulswerkstatt Juli, August 2021 Zusammenfassung

Hier gehts zur Einladung zur Sommer-Impulswerkstatt KLICK

Liebe Impulswerkstattbesuchende,

Eigentlich wollte ich die Impulswerkstatt ja über den Sommer schließen. Nun kann ich sagen, dass das sehr schade gewesen wäre. Zwar gab es eine kleine Zwischenflaute ab Mitte Juli bis Anfang August, aber sonst konnte ich mich über eine Menge interessanter Beiträge freuen.

Der zweimonatige Rhythmus hat mir so gut gefallen, dass ich ihn ein weiteres Mal ausprobieren werde. Dazu mehr bei der nächsten Einladung am 2. oder 3. September.

Auch diesmal habe ich mich über bekannte und neue Mitschreibende gefreut, über Texte, Bilder und Musik zu den vier Fotos. Bild Nr 4 ist ein bisschen zu kurz gekommen. Es war auch ziemlich schwierig. Ich habe dazu einen Text in Arbeit, den ich noch veröffentlichen werde sobald er fertig ist. Man muss sich ja von den selbst aufgestellten Regeln nicht tyrannisieren lassen. oder?

Wer nicht weiß, was die Impulswerkstatt ist und dies gerne erfahren möchte KLICK Eine Beschreibung des Projekts sowie alle Einladungen und Zusammenfassungen gibt es hier

Ansonsten überlasse ich das Wort den vielfältigen Beiträgen. Ich hoffe, ich habe alle richtig zugeordnet und nichts vergessen.

VOILÀ

Bild 1

Bild 2 :

Bild 3:

Bild 4:

Alle Bilder

Resonanz auf Beiträge:

Chronologische Liste

Impulswerkstatt – Unverzeihlich

Ganz besonders hinweisen möchte ich darauf, dass mein Text nicht das Mindeste mit der auf dem Foto abgebildeten Person zu tun hat. Mit Ausnahme der Tatsache, dass sie eine KZ-Überlebende ist.

Wer wird mir verzeihen? Wem kann ich verzeihen?

In unserer Baracke lebten zwei Frauen, die nie bei den Arbeitsgruppen dabei waren. Sie waren hübsch und verdienten sich ihr Überleben auf andere Weise. Manchmal brachten sie uns zusätzliche Rationen Brot mit und verteilten sie immer an die Schwächsten, an die Sterbenden, auch an solche, die gar nicht mehr die Kraft hatten zu essen. Es gab in unserer Baracke Frauen, die zuerst oder zumindest überhaupt an andere dachten. Und es gab Frauen, die nachts zwischen den Schlafenden umhergingen und das übrig gebliebene Brot suchten. Zu diesen gehörte ich. Wir schlichen wie die Schatten herum und gaben vor, einander nicht zu sehen. Wir fanden ja nicht viel, aber es reichte um etwas mehr Kraft zu haben und letztlich um zu überleben.

Ist es schlecht, seinem Überlebensinstinkt zu folgen, ist es böse auf Kosten anderer nicht zu sterben? Auf Kosten von Menschen, die ohnehin höchstens noch ein paar Tage zu leben hatten. Ist es falsch, das Unglück nicht anzunehmen sondern zu kämpfen? Ist nicht verloren, wer sich nicht selbst hilft?

Was hat es mir letztlich gebracht zu überleben? Ja, ich habe erlebt, wie eine neue Generation heranwuchs, in Israel, gesunde und starke Frauen und Männer, die sich nicht mehr wie die Schafe zur Schlachtbank führen lassen würden. Mehrere Generationen schon, die das Land aufgebaut haben. Auch mit Unterstützung des schlechten Gewissens einiger und der Solidarität anderer.

Nach der Befreiung aus dem KZ wusste niemand was mit uns geschehen sollte. Ich klammerte mich an den Gedanken, dass ich so viel Schuld auf mich geladen hatte um zu überleben, dass ich nun durchhalten musste, komme da noch was wolle. Es kam noch viel doch heute lebe ich im Wohlstand, habe Kinder, Enkel und Urenkel und werde als Überlebende meiner Generation geschätzt und umsorgt.

Meine Nächte verbringe ich mit den Schatten der Toten und der Lebenden. Den Schatten der Frauen, die mit mir die Baracke teilten, die Zwangsarbeit in den Siemens-Werkstätten, den Hunger, die Cholera und die Läuse.

Vor ein paar Tagen ist gegenüber eine neue Familie eingezogen, ein Paar mit vier Kindern und einer Großmutter. Seitdem schlafe ich kaum noch, denn ich habe sie wiedererkannt, nach Jahrzehnten. Sie war damals noch ein Kind und doch traf ich sie immer wieder bei den nächtlichen Streifzügen durch die Baracke. Gesichter, denen man unter solchen Umständen begegnet, prägen sich ein. Es gab nicht viel zu stehlen, sie hatte aber meistens irgendetwas ergattert. Sie war ein kleines, zartes Mädchen und alle freuten und wunderten sich, wie gut sie alles bewältigte.

Und nun? Soll ich ab jetzt nicht nur die Nächte sondern auch die Tage mit Schatten verbringen? Besonders mit einem. Vielleicht erinnert sie sich gar nicht an mich. Doch auch dieser Wunsch blieb unerfüllt. Sie sah mich an und ich wusste sofort, dass wir einander erkannt hatten, wir Fremde unter den Rechtschaffenen.

Wer wird uns verzeihen, dass wir überlebt haben? Ich kann es nicht.

Impulswerkstatt – Nirgendland

Dieser besonders schöne Beitrag von Christiane hat mich gestern erreicht. Wegen des Urheberrechts möchte sie ihn nicht in ihrem Blog veröffentlichen. Mir gefällt aber das Gedicht selbst und die nahezu perfekte Harmonie mit dem Foto so gut, dass ich mich vorübergehend über die Bestimmung hinweg setze. Auf dem Foto kann man den ersten Absatz des Gedichts lesen, darunter den zweiten. Vielen Dank fürs Finden des Gedichts und fürs Designen !

Mich fasziniert die ungewöhnliche Verwendung des Doppelpunkts. Vielleicht schaut der eine oder die andere Germanistin vorbei und hat dazu Wissen oder Theorie.

Die Wälder sind verschwunden,
die Häuser sind verbrannt.
Hab keinen mehr gefunden.
Hat keiner mich erkannt.
Und als der fremde Vogel schrie:
bin ich davongerannt.
Wohin ich immer reise,
ich komm nach Nirgendland.

Impulswerstatt – Wirklich wichtige Fragen werden langsamer gelöst

Dieser Text ist natürlich nicht erst gemeint. Es wäre ja schön, wenn Evolution so zielgerichtet wäre, aber leider kann man die hier geschilderte Entwicklung wohl zu 100% ausschließen. Schade irgendwie

Wirklich wichtige Fragen werden langsamer gelöst

Während die Welt sich noch damit befasste, wie dunkelhäutige Menschen zu bezeichnen wären, als schwarz oder afro-amerikanisch (afro-europäisch?), POCS oder gar einfach Menschen, eventuell dunkelhäutige Menschen, während einige versuchten die Klimakrise zu bewältigen und noch andere sich in Scheinwelten flüchteten, wo ihnen auch Sündenböcke für alles und jedes angeboten wurden, während also die Welt und das Zusammenleben der Menschen schwerst zerrüttet war, geschah Neuartiges. Zunächst geschah es unbemerkt, denn die Menschen waren in Kämpfe gegeneinander verwickelt und der Tunnelblick war zum Normalzustand geworden.

Wie es so ist in der Welt der Medien erschienen zunächst nur kleine Notizen in Revolverblättern, auch in den Social Media kümmerte sich niemand massenwirksam um das Thema bis schließlich die Brisanz dieser scheinbaren Einzelfälle erkannt wurde und der Zusammenhang zwischen den vielen kleinen Meldungen „Baby verhungert an der Brust der Mutter“, „mysteriöser Tod von Neugeborenen“, „Skandal an der Geburtsklinik“, „schwuler Arzt vernachlässigt Babys“ „Gott straft die Menschheit“. Es gab nicht einen, oder ein Dutzend oder hunderte Fälle, es waren Tausende weltweit. Die Neugeborenen starben obwohl sie gesund waren und es ihnen an nichts fehlte. In allen Fällen passierte das gleiche: die Kinder tranken nicht, hatten keinen Saugreflex und verhungerten. Auch Versuche mit intravenöser Ernährung scheiterten. Es war, als würden die Kinder etwas brauchen, das sie nicht bekamen, weil niemand wusste, was es denn sein könnte.

Die einen sagten, es läge ganz klar an den Folgen der Klimaveränderung, die Esoteriker nannten es „Folgen der Beleidigung von Mutter Erde“, gemeint war im Grunde dasselbe. Die Impfgegner nannten es eine eindeutige Folge der Covid-Impfung und die Verschwörungstheoretiker meinten, dass Bill Gates und George Soros nun endgültig zugeschlagen hätten. Tatsächlich waren alle ratlos.

Irgendwo im australischen Outback unter den letzten frei lebenden Aborigines waren vier Kinder geboren worden. Sie waren gesund und munter, schienen aber keine Nahrung zu brauchen, außerdem hatten alle vier eine ungewöhnliche Hautfarbe. Eines der Babys wurde von seiner Mutter versteckt, die drei anderen wurden getötet.

In Nordnorwegen, bei einer Heimgeburt kam ein Baby zur Welt, das nicht trank, aber recht gut gedieh. Außer ratlosen Gesichtern konnten die Neonatologen und Kinderärzte nichts beitragen. Den Zusammenhang mit den Tageslichtlampen, die die Eltern des Neugeborenen in der finsteren Jahreszeit immer benützten, konnte niemand sehen.

Linda ging nervös in ihrem Büro auf und ab. Heute war wieder eines der Problembabys geboren worden, ein anderes verstorben. „Problem“ dachte sie, ist ja eigentlich falsch, wenn wir nur wüssten, wie und womit wir die Kinder ernähren könnten, wären sie alles andere als ein Problem. Menschen, die keine herkömmliche Nahrung brauchten, das würde ungeheuerliche Veränderungen hervorrufen, vielleicht die Rettung der Erde, die ökologische und die soziale. Aber als Ärztin waren Menschen, die keine Nahrung brauchten für sie natürlich undenkbar. Es musste etwas anderes sein, etwas, das verstanden und gelöst werden könnte, wenn sie sich alle nur genügend anstrengten. Inzwischen war das Sterben der Babys nicht nur eine Tragödie für die Eltern sondern auch eine furchtbare Belastung für die Geburtenstation.

Sie hörte, wie jemand ihren Namen brüllte und die Tür aufgerissen wurde. Es war ein Labormediziner des Krankenhauses.

Chloroplasten“ sagte er atemlos.

„Was meinst du?“

„Chloroplasten sind die Zellorganellen der Pflanzen mit denen sie Photosynthese betreiben“

„Ja danke, das weiß ich. Und? „

„Wir haben das Blut des gestern verstorbenen Babys analysiert und Zellbestandteile gefunden, die nur etwas Ähnliches wie Chloroplasten sein können.“

Aber das ist doch unmöglich“

Ja, es ist unmöglich, aber es ist so“

Nach dieser Entdeckung, die in vielen Labors weltweit gemacht wurde, dauerte es gar nicht so lange bis sich die Nachricht weltweit verbreitet hatte. Hätte es schwieriger und kostspieliger Therapien bedurft um die Babys am Leben zu halten, wäre wohl alles nicht so schnell gegangen, zumindest nicht in den ärmeren Ländern, aber man musste die Kinder nur ans Tageslicht bringen und sehr schnell ging es ihnen sichtlich besser. Sie entwickelten eine dezent grüne Hautfarbe und hatten keine gesundheitlichen Probleme mehr.

Vierzig Jahre später saß der Jungpolitiker Arthur an seinem Schreibtisch. Das schwierige Thema mit dem er sich beschäftigte, war die Sicherung der Ernährung der über-50 jährigen. Es war wirklich eine sehr ecklige Angelegenheit, aber es gab nun einmal immer noch hunderte Millionen der Alten Menschen, die versorgt werden mussten. Wirklich unfassbar, allein schon die Zeit die diese Geschöpfe benötigten um… nun ja, ihre Energieversorgung in die Wege zu leiten.

Genüsslich drehte er seinen Arm, der auf dem sonnenbestrahlten Fensterbrett lag. Man musste es wohl so betrachten, dass diese Sackgasse der Evolution endgültig ausgemerzt werden würde in einem Tempo, das für einen so wichtigen evolutionären Sprung als durchaus flott zu bezeichnen war. Inzwischen war eben noch Toleranz angesagt, wenn es auch schwer fiel.

Die einzige Frage, die mit diesem sensationellen Schritt der Evolution nicht gelöst wurde, war, wie man dunkelgrüne Menschen nennen sollte, im Gegensatz zu hellgrünen.

Vielleicht doch …

Diese mitleidigen Blick machen es mir nicht leichter. Wenn ich mit meinem Stock, in viel zu warmer Kleidung mit Kopftuch und schwarzem Mantel über den Strand gehe. Wenn der Stock einsinkt, sinkt auch mein Körper zur Seite und das Aufrichten ist mühsam. Auf einem sehr schmalen Streifen ist der Sand gerade fest genug um dem Druck des Stocks stand zu halten und auch dem Wind, der weiter oben am Strand den Sand verweht. Bis weiter hinunter zum Vergessen schenkenden Wasser würde ich es nie schaffen, denn nicht nur die mitleidigen Blicke verfolgen mich. Auch die automatisch überwachenden Blicke meiner Familie finden mich immer.

Als ich jung war, herrschte in meinem Land ein völlig anderes soziales Klima als heute. Wir waren ohne verhüllende Bekleidung und ohne männliche Begleitung unterwegs. Wir konnten unser Leben beinahe selbst bestimmen, zumindest verstand ich es damals nicht besser. So weit, dass man als junge Frau schwimmen lernen durfte, ging es aber auch damals nicht. Als Mädchen stand ich unter der Aufsicht meines Vaters und meiner Brüder, heute bewachen mich meine Söhne. Mein Leben ist hier in oberflächlichen Bereichen etwas besser als zuhause, nicht im Wesentlichen, in dem, was für mich wesentlich ist.

Es ist wohltuend, ein paar unbeaufsichtigte Schritte machen zu können, mein Gesicht und meine Hände als einzige Teile meines Körpers mit Luft und Sonne in Kontakt zu bringen. Wie ein kleines Fenster der Verbindung mit der sinnlichen Welt fühlt es sich an.

Ich habe die Sprache gelernt, die hier gesprochen wird, lange bevor wir her kamen, so gut gelernt, dass ich diejenigen mit denen ich spreche immer überrasche. Eine gebildete, alte Frau aus meiner Gegend der Welt ist ihnen noch nicht untergekommen. Darauf sind sie nicht eingestellt und ihre gut gemeinten Routinen der Bevormundung erschrecken sie selbst ein wenig, wenn sie mit mir zu tun haben.

Doch eine echte Alternativen zu dem Leben, wie ich es führen muss, habe ich nicht. Soll ich alte Frau mich ganz allein in die Welt der mitleidigen Blicke wagen? Ist es unter Fremden mit ganz anderen Lebenserfahrungen weniger einsam als unter den eigenen Söhnen. Schlimm für uns alle ist, dass die Verunsicherung im fremden Land die Männer dazu bringt, sich an das einzige zu klammern, was sie als Kinder gelernt und erlebt haben.

Ich gehe noch ein paar Schritte weiter. Dort steht eine Bank und darauf sitzt eine Frau, etwa in meinem Alter und liest ein Buch. Ich bin traurig darüber, dass mir durch den Kopf schießt „das ist also erlaubt“. Ich könnte mich auch dorthin setzen, meinen Mantel nicht ausziehen, aber aufknöpfen und ein Gespräch versuchen …

Impulswerkstatt – Zwischen Wüste und Meer

Das Mittelmeer hat viele Gesichter, sanfte und grausame, es ist Wiege und Grab für Menschen und Kulturen. Und es hat viele inspiriert, warum also nicht auch mich, dachte ich. Ich war mir recht sicher, dass mir das von meinem Doktorvater vorgeschlagene Diss-Thema „Albert Camus und das Mediterrane“ viel Freude machen würde. Ich zögerte nur ein bisschen, weil ich den Eindruck hatte, dass er einen schwärmerischen Zugang zu dem Thema hatte, dem mein eher nüchterner Charakter nicht entgegenkam. Aber er sprach selbst seine Schwärmerei an und versicherte, dass ich beim Recherchieren und Verfassen der Dissertation meinen eigenen Ansätzen folgen könnte. Und so kam es, dass ich auf den Spuren von Albert Camus ein paar Monate in Algier verbrachte.

Schon vor Ort in einem Hotel untergekommen, studierte ich zahllose Wohnungsanzeigen. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, in der arabischen Altstadt zu wohnen und nicht in Belcourt, dem Viertel in dem Camus als Kind gelebt hatte. Dort würde es ohnehin nicht mehr so aussehen wie zu Camus Zeiten und ich wollte unbedingt ergründen, wie es mir als alleinstehende Frau ergehen würde, wenn ich eine Wohnung in einer arabischen Altstadt mieten wollte. Sollte dieses Projekt scheitern, so könnte ich mich ja immer noch in einem anderen Viertel einmieten.

In der gefühlt fünfhundertsten Annonce las ich den Hinweis „Dachbegrünung“, der mich so verblüffte , dass ich sofort aufbrach um mir die angepriesene Wohnung anzusehen. Die typischen weißen Würfel traditioneller arabischer Häuser im Maghreb haben zwar alle eine Dachterrasse, aber eine begrünte war mir noch nicht untergekommen.

In der Annonce war kein Wort vom Mietpreis gestanden, was mich eigentlich hätte abschrecken sollen, aber in einem Land, in dem um jeden Preis gehandelt wurde, war das wahrscheinlich einfach normal. Von außen betrachtet, scheint es, dass Preise ausschließlich von der Willkür des Verkäufers oder Vermieters abhängen. Ich glaube aber, dass es sehr wohl gewisse Regulative gibt, die aber auf Preise, die man von Fremden verlangt keine Anwendung finden.

Die angepriesene Dachbegrünung bestand aus einer sehr mickrigen, sehr staubigen Pflanze, die irgendwie zu den Palmen zu rechnen war. Wenn ich mir den Staub etwas weg dachte, konnte ich sehen, dass es sich um die Pflanze handelte, deren Blätter in den Cafés als Fächer und Fliegenklatschen verwendet wurden. Also eine sehr nützliche Mitbewohnerin.

Mein potentieller Vermieter und ich palaverten ausgiebig über Alger, über Wien, wo angeblich einer seiner Söhne studierte und so weiter und so fort. Es wurde langsam dunkel und rund um uns setzte langsam das abendliche Zikadenkonzert ein. Ich wunderte mich flüchtig von welchen Pflanzen die Zikaden hier wohl lebten, konnte mich mit der Frage aber nicht weiter beschäftigen, weil ich mich auf die Verhandlungen konzentrieren musste. Denn die angebotene Wohnung gefiel mir sehr.

Ich riskierte also die Offensive und fragte ihn, ob er ein Problem damit habe, einer Frau ohne Anhang eine Wohnung zu vermieten. Aber nicht im allermindesten, sagte er und unterstützte diese Aussage mit lebhafter Gestik. In Algerien wären die Leute überhaupt nicht so, wie die Europäer sich das vorstellten. Jaaa, das war die entscheidende Wendung im Gespräch. Ich konnte ihn bei seinem Selbstbild als fortschrittlicher Mann packen. Über diesen Verhandlungserfolg freute ich mich ebenso sehr wie darüber, dass ich die Wohnung tatsächlich bekam. Der Vermieter freute sich sicher noch mehr, denn die später an den Tag tretenden Defekte der Wohnung waren zahlreich und obendrein bezahlte ich annähernd doppelt so viel wie meine zukünftigen Nachbarn, aber nachdem ich einen guten Job bei der AUA ergattert hatte, konnte ich mir das leisten.

Im Jahr 1938, mit 23 Jahren schrieb Camus seinen Essaie „noces“, der den deutschen Titel „Hochzeit des Lichts“ bekam. Es geht Camus darin um die Vermählung des Meers mit der Erde, um Eindrücke aller Sinne, um die überwältigende Landschaft.

Ich stand am Strand von Alger und versuchte durch die Augen von Albert Camus zu sehen, eines jungen Mannes, dessen Vater im Krieg starb als er noch ganz klein war, dessen Mutter Analphabetin war, der mit siebzehn Jahren an Tuberkulose erkrankte und überlebte, der Philosophie studierte, sich politisch in der Résistance engagierte und zu einem der bedeutendsten französischen Schriftsteller wurde, der 1957 den Nobelpreis gewann. Ich stand am Meer in der kargen Landschaft Algeriens und der extremen Hitze, die wesentliche atmosphärische Elemente in Camus Romanen darstellen. Die dazu gehörige sinnliche Körperhaftigkeit, sieht er in seinen frühen Werken als Privileg der Jugend. Als ich dort stand, war ich auch jung und konnte diesen Gedanken gut nachvollziehen. Heute sieht die Sache anders aus und ich stelle das Monopol der Jugend auf Sinnlichkeit, Körperhaftigkeit und Genuss sehr in Frage.

Schon damals interessierte mich vieles an der Philosophie und der Literatur von Camus und damals wie heute fasziniert mich seine Interpretation des Sisyphos-Mythos am meisten. Dass man sich Sisyphos glücklich vorstellen solle, in seinem völlig hoffnungslosen und sinnlosen Tun, einen Stein auf einen Hügel hinaufzurollen nur damit er auf der anderen Seite wieder hinunterrollt. Dass es innerhalb dieser absoluten Sinnlosigkeit Glück geben konnte. Heute kann ich diese Faszination besser einordnen: es ist das Glücklichsein im Hier und Jetzt, ungeachtet der Vergangenheit, ungeachtet der Zukunft, meine persönliche Verbindung zwischen Existentialismus und Buddhismus, die in Jahrzehnten gereift ist.

Aber das alles begann damals erst in mir zu gären. Wenn ich sagte, dass mein Job bei der Fluglinie AUA durchaus sisyphosartigen Charakter hatte, weil es bei einer Fluglinie naturgemäß kein Sommerloch gab, so war das nur dahergeredet, ich hatte Camus Gedanken noch nicht wirklich verstanden. Nur die Bedeutung der Sinnlichkeit, der Sinneswahrnehmungen zog mich an.

Mein Aufenthalt sollte mir einen Eindruck vom Lebensgefühl in einer Stadt am südlichen Mittelmeer verschaffen. Ein Puzzlestein für das Thema „Albert Camus und das Mediterrane“. Ich sah, hörte, roch und erlebte sehr viel. Allein das Wetterleuchten über dem weißen Algier mit den Gebetsrufen von den Minaretten ist ein unvergesslicher Eindruck.

Es folgten viele andere Eindrücke, andere Versionen des Mediterranen in verschiedenen Ländern und Kulturen rund ums Mittelmeer. Das Lebensgefühl in einer arabisch geprägten Stadt ist anders als jenes in den romanischen Ländern des Mittelmeers und auch anders als in Griechenland oder in Israel. Die Gemeinsamkeiten sind schwer zu greifen. In der leichten Extase, die durch extreme Hitze entsteht, dachte ich manchmal, dass am Mittelmeer noch die alten Götter herrschen. Ein Gedanke, der meinem Alltags-Ich völlig fremd ist. Vieles an Philosophie, Literatur, Lebensgewohnheiten rund um das Mittelmeer habe ich kennen gelernt aber weniges davon hat mich jemals so fasziniert wie Camus „il faut imaginer Sisyphe heureux“, man muss sich Sisyphos glücklich vorstellen.

Ich verabschiedete mich von Algerien an einem heißen Oktobertag, Staub lag in der Luft, die Stadt war ausgetrocknet und diese trockene Luft schien den Schall weit zu tragen. Das Hupkonzert schien von überall her zu kommen. Aus Alger kommend in einem Flugzeug der AUA landete ich in Wien bei Regen, einem sanften Nieselregen, den ich als zu meinen Ehren interpretierte.

Sommerintermezzo 7 von 12

Die Sommerversion der ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Ich dachte, ich versuche mich einmal an einem nicht wirklich erzählerischen Text mit Einbau von sieben dieser Wörter. Bei fünf der Wörter kann ich mir vorstellen, dass sie in dem Text aufgehen, zwei weitere eventuell, mehr oder weniger. Die anderen fünf passen definitiv nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, was dabei herauskommen wird, denn ich möchte den Schwerpunkt auf den Text und nicht auf die Wörter legen.

No, man wird sehen.

Die verwendeten Wörter sind die folgenden. Ich möchte sie nicht hervorheben, weil es schwierig genug war, sie im Text einigermaßen unauffällig zu machen.

Dachbegrünung Fliegenklatsche KonzertRegen Sommerloch – Wetterleuchten – Willkür

Der Text ist eigentlich ein Beitrag zu meiner Impulswerkstatt, zum ersten Bild, daher stelle ich ihn auch dort hinein

Aus der Wüste kommend ….

Das Mittelmeer hat viele Gesichter, sanfte und grausame, es ist Wiege und Grab für Menschen und Kulturen. Und es hat viele inspiriert, warum also nicht auch mich, dachte ich. Ich war mir recht sicher, dass mir das von meinem Doktorvater vorgeschlagene Diss-Thema „Albert Camus und das Mediterrane“ viel Freude machen würde. Ich zögerte nur ein bisschen, weil ich den Eindruck hatte, dass er einen schwärmerischen Zugang zu dem Thema hatte, dem mein eher nüchterner Charakter nicht entgegenkam. Aber er sprach selbst seine Schwärmerei an und versicherte, dass ich beim Recherchieren und Verfassen der Dissertation meinen eigenen Ansätzen folgen könnte. Und so kam es, dass ich auf den Spuren von Albert Camus ein paar Monate in Algier verbrachte.

Schon vor Ort in einem Hotel untergekommen, studierte ich zahllose Wohnungsanzeigen. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, in der arabischen Altstadt zu wohnen und nicht in Belcourt, dem Viertel in dem Camus als Kind gelebt hatte. Dort würde es ohnehin nicht mehr so aussehen wie zu Camus Zeiten und ich wollte unbedingt ergründen, wie es mir als alleinstehende Frau ergehen würde, wenn ich eine Wohnung in einer arabischen Altstadt mieten wollte. Sollte dieses Projekt scheitern, so könnte ich mich ja immer noch in einem anderen Viertel einmieten.

In der gefühlt fünfhundertsten Annonce las ich den Hinweis „Dachbegrünung“, der mich so verblüffte , dass ich sofort aufbrach um mir die angepriesene Wohnung anzusehen. Die typischen weißen Würfel traditioneller arabischer Häuser im Maghreb haben zwar alle eine Dachterrasse, aber eine begrünte war mir noch nicht untergekommen.

In der Annonce war kein Wort vom Mietpreis gestanden, was mich eigentlich hätte abschrecken sollen, aber in einem Land, in dem um jeden Preis gehandelt wurde, war das wahrscheinlich einfach normal. Von außen betrachtet, scheint es, dass Preise ausschließlich von der Willkür des Verkäufers oder Vermieters abhängen. Ich glaube aber, dass es sehr wohl gewisse Regulative gibt, die aber auf Preise, die man von Fremden verlangt keine Anwendung finden.

Die angepriesene Dachbegrünung bestand aus einer sehr mickrigen, sehr staubigen Pflanze, die irgendwie zu den Palmen zu rechnen war. Wenn ich mir den Staub etwas weg dachte, konnte ich sehen, dass es sich um die Pflanze handelte, deren Blätter in den Cafés als Fächer und Fliegenklatschen verwendet wurden. Also eine sehr nützliche Mitbewohnerin.

Mein potentieller Vermieter und ich palaverten ausgiebig über Alger, über Wien, wo angeblich einer seiner Söhne studierte und so weiter und so fort. Es wurde langsam dunkel und rund um uns setzte langsam das abendliche Zikadenkonzert ein. Ich wunderte mich flüchtig von welchen Pflanzen die Zikaden hier wohl lebten, konnte mich mit der Frage aber nicht weiter beschäftigen, weil ich mich auf die Verhandlungen konzentrieren musste. Denn die angebotene Wohnung gefiel mir sehr.

Ich riskierte also die Offensive und fragte ihn, ob er ein Problem damit habe, einer Frau ohne Anhang eine Wohnung zu vermieten. Aber nicht im allermindesten, sagte er und unterstützte diese Aussage mit lebhafter Gestik. In Algerien wären die Leute überhaupt nicht so, wie die Europäer sich das vorstellten. Jaaa, das war die entscheidende Wendung im Gespräch. Ich konnte ihn bei seinem Selbstbild als fortschrittlicher Mann packen. Über diesen Verhandlungserfolg freute ich mich ebenso sehr wie darüber, dass ich die Wohnung tatsächlich bekam. Der Vermieter freute sich sicher noch mehr, denn die später an den Tag tretenden Defekte der Wohnung waren zahlreich und obendrein bezahlte ich annähernd doppelt so viel wie meine zukünftigen Nachbarn, aber nachdem ich einen guten Job bei der AUA ergattert hatte, konnte ich mir das leisten.

Im Jahr 1938, mit 23 Jahren schrieb Camus seinen Essaie „noces“, der den deutschen Titel „Hochzeit des Lichts“ bekam. Es geht Camus darin um die Vermählung des Meers mit der Erde, um Eindrücke aller Sinne, um die überwältigende Landschaft.

Ich stand am Strand von Alger und versuchte durch die Augen von Albert Camus zu sehen, eines jungen Mannes, dessen Vater im Krieg starb als er noch ganz klein war, dessen Mutter Analphabetin war, der mit siebzehn Jahren an Tuberkulose erkrankte und überlebte, der Philosophie studierte, sich politisch in der Résistance engagierte und zu einem der bedeutendsten französischen Schriftsteller wurde, der 1957 den Nobelpreis gewann. Ich stand am Meer in der kargen Landschaft Algeriens und der extremen Hitze, die wesentliche atmosphärische Elemente in Camus Romanen darstellen. Die dazu gehörige sinnliche Körperhaftigkeit, sieht er in seinen frühen Werken als Privileg der Jugend. Als ich dort stand, war ich auch jung und konnte diesen Gedanken gut nachvollziehen. Heute sieht die Sache anders aus und ich stelle das Monopol der Jugend auf Sinnlichkeit, Körperhaftigkeit und Genuss sehr in Frage.

Schon damals interessierte mich vieles an der Philosophie und der Literatur von Camus und damals wie heute fasziniert mich seine Interpretation des Sisyphos-Mythos am meisten. Dass man sich Sisyphos glücklich vorstellen solle, in seinem völlig hoffnungslosen und sinnlosen Tun, einen Stein auf einen Hügel hinaufzurollen nur damit er auf der anderen Seite wieder hinunterrollt. Dass es innerhalb dieser absoluten Sinnlosigkeit Glück geben konnte. Heute kann ich diese Faszination besser einordnen: es ist das Glücklichsein im Hier und Jetzt, ungeachtet der Vergangenheit, ungeachtet der Zukunft, meine persönliche Verbindung zwischen Existentialismus und Buddhismus, die in Jahrzehnten gereift ist.

Aber das alles begann damals erst in mir zu gären. Wenn ich sagte, dass mein Job bei der Fluglinie AUA durchaus sisyphosartigen Charakter hatte, weil es bei einer Fluglinie naturgemäß kein Sommerloch gab, so war das nur dahergeredet, ich hatte Camus Gedanken noch nicht wirklich verstanden. Nur die Bedeutung der Sinnlichkeit, der Sinneswahrnehmungen zog mich an.

Mein Aufenthalt sollte mir einen Eindruck vom Lebensgefühl in einer Stadt am südlichen Mittelmeer verschaffen. Ein Puzzlestein für das Thema „Albert Camus und das Mediterrane“. Ich sah, hörte, roch und erlebte sehr viel. Allein das Wetterleuchten über dem weißen Algier mit den Gebetsrufen von den Minaretten ist ein unvergesslicher Eindruck.

Es folgten viele andere Eindrücke, andere Versionen des Mediterranen in verschiedenen Ländern und Kulturen rund ums Mittelmeer. Das Lebensgefühl in einer arabisch geprägten Stadt ist anders als jenes in den romanischen Ländern des Mittelmeers und auch anders als in Griechenland oder in Israel. Die Gemeinsamkeiten sind schwer zu greifen. In der leichten Extase, die durch extreme Hitze entsteht, dachte ich manchmal, dass am Mittelmeer noch die alten Götter herrschen. Ein Gedanke, der meinem Alltags-Ich völlig fremd ist. Vieles an Philosophie, Literatur, Lebensgewohnheiten rund um das Mittelmeer habe ich kennen gelernt aber weniges davon hat mich jemals so fasziniert wie Camus „il faut imaginer Sisyphe heureux“, man muss sich Sisyphos glücklich vorstellen.

Ich verabschiedete mich von Algerien an einem heißen Oktobertag, Staub lag in der Luft, die Stadt war ausgetrocknet und diese trockene Luft schien den Schall weit zu tragen. Das Hupkonzert kam von überall her . Aus Alger kommend in einem Flugzeug der AUA landete ich in Wien bei Regen, einem sanften Nieselregen, den ich als zu meinen Ehren interpretierte.

Freitag 16. Juli 2021 – zu viele oder zu wenige Wörter …

Ich bemerke gerade, dass meine Technik des Schreibens gar nicht so verschieden von jener des Malens ist. Und ich bemerke, dass ich bei beidem gerne einen neuen Schritt machen möchte. Das ist alles noch etwas diffus und gärt und braucht seine Zeit. Ich bemerke aber, dass mir beim Schreiben das Einbauen von vorgegebenen Wörtern irgendwie im Weg steht.

Was übe ich, wenn ich bestimmte Wörter in einen Text einbaue: Fantasie, Kreativität, das Spielen mit Wörtern, manchmal auch die eine oder andere Schreibtechnik. Das mache ich alles gerne. Was ich aber nicht übe, ist die Umsetzung eigener Gedanken und Vorstellungen in einen Text, denn der einigermaßen glaubhafte Einbau von Wörtern braucht ein gewisses Umfeld, das vielleicht aber eher doch nicht in die eigentliche Intention des Textes passt. Es kommt natürlich auch auf die Anzahl der einzubauenden Wörter und auf die Länge des Textes an. Derzeit habe ich aber den Eindruck, dass die vielen einzubauenden Wörter mich irgendwo anketten, wo ich nicht sein möchte.

Ich schreibe gerade an einem Text, von dem ich eine gewisse Vorstellung habe und versuche sieben Wörter einzubauen. Momentan habe ich den Eindruck, dass mir das nicht gelingen wird, die Wörter grell hervorstechen und den Text völlig unmöglich machen werden. Gut, ich entwickle aber schon einen gewissen Ehrgeiz, vielleicht wird es doch noch was …

Sommer-Impulswerkstatt Zwischenbilanz Juli

Dieser Zwischenstand der Sommer-Impulswerkstatt steht unter dem Motto:
Juhuu immer noch kein Sommerloch

Ich freue mich auf die Beiträge derjenigen, die schon frisch inspiriert aus einem Urlaub zurückkommen werden, jetzt demnächst oder auch erst im August oder aber durch die Freude auf den baldigen Urlaub schon ganz inspiriert sind.

Kreative Texte, Sachtexte, Fotos, Bilder, ihr wisst schon, alles was durch die Fotos in eurem Kopf entsteht und irgendwie umgesetzt wird, ist willkommen.

Weiterhin oder jetzt erst recht einen schönen Sommer wünsche ich allen und melde mich Ende Juli zu einer weiteren Zwischenbilanz.

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