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Dienstag 12. Jänner 2021 – Pharmazie und Stricken

Eisige Kälte und Pandemie treiben einen nicht direkt aus dem Haus. Ursprünglich wollte ich mit meiner Freundin S und etlichen Thermosflaschen einen Spaziergang machen, Ich fand es aber so kalt, dass mir der angebotene Besuch bei der S doch sehr viel angenehmer erschien.

Sie hatte Covid bereits im Februar, aber kein einziges Antikörperchen mehr. Schöne Aussichten sind das für die Impfung, Wahrscheinlich wird man sie jedes Jahr wiederholen müssen. Die S ist Apothekerin, also Pharmazeutin und wird nicht nur regelmäßig getestet sondern ist auch über den neuesten Stand der Forschung eingelesen. Worüber sie nicht eingelesen sein kann, ist der Stand der Impfplanung in diesem Land, der nahezu täglich verändert wird, wahrscheinlich um darüber hinwegzutäuschen, dass die ganze Truppe in Monaten nicht imstande war eine effiziente Strategie auszuarbeiten. Erschütternd welche grundlegenden Schwächen der Verwaltung durch die Covid-Pandemie sichtbar werden.

Erstaunlich wie sehr mir gewisse Verhaltensweisen schon in Fleisch und Blut übergegangen sind. Wie zum Beispiel niemals jemandem beim Essen gegenüber zu sitzen sondern im rechten Winkel zueinander, das ständige Lüften und Händewaschen. Trotzdem war es ein sehr gutes Gefühl zwischen Bergen von Fachbüchern und einem halben Dutzend begonnennen Strickprojekten zu sitzen und ein neues Rezept der S auszuprobieren. Sie kocht gerne und gut und hat vor ein paar Jahren eine Zusatzausbildung in Ernährungswissenschaft gemacht. Die S ist überhaupt die Königin der Zusatzausbildungen. Sehr beeindruckend, was sie alles tut und kann und dabei einen tiefenentspannten Eindruck macht. Die Stöße von buddhistischen Büchern, die ebenfalls herumstehen, werden da ihren Beitrag leisten. Auch die Anzahl der privaten „Sozialprojekte“ der S ist eindrucksvoll. Ich komme ja schon direkt ins Schwärmen, aber natürlich hat die S auch Fehler.

Samstag 9. Jänner 2021- schwarz-weiß

Nasenspitzeneinfriertemperaturen waren das heute. Die Hauberl- und- Kapuzen- Verhüllung mit noch einem Schal rundherum hat einigermaßen warm gehalten. Nur ein paar hundert Meter höher als Wien und man ist mitten im Schnee und wo es keine Schipisten gibt, ist man auch praktisch alleine.

Strenge schwarz-weiße Landschaften sind das kalt und geometrisch, aber sie bieten auch Weite und Stille. Wesentliches, das man als Städter*in in der Natur sucht.  Es herrschen Temperaturen, die tödlich sein können, wenn jemand – warum auch immer – allein liegen bleibt und nicht gefunden wird. Traurig ist, dass es Menschen gibt, nach denen niemand suchen würde.

Wir sind rund um St. Corona im Wienerwald herum gestapft und dann entlang des Coronabachs wieder nachhause gefahren.

Manche Ortsnamen sind für die Bewohner wenig erfreulich. In Österreich gibt es zwei Orte namens St. Corona und einen namens Fucking. Letzterer wurde wegen des Diebstahls von zig Ortstafeln und noch mehr Witzchen kürzlich auf Fugging umbenannt. Man kann sich vorstellen wie ungeheuer lustig die immer gleichen Witze für die Bewohner sein müssen.

Seit Juli kein gemeinsames Miksang mehr

Ein Jammer ! Das Fotografieren wäre ja nicht so das Problem. Lockdown hin oder her könnten wir ja in einen Park oder sonst wohin in die Natur oder in die Stadt gehen. Aber wo sollten wir uns die Bilder gemeinsam ansehen? Es gibt keine offenen Lokale und im Freien ist es zu kalt. Weitere zwei oder drei Monate werden wir schon noch aushalten. Wenn nicht, wäre das eine ziemliche Bankrotterklärung für eine Gruppe von kontemplativ Fotografierenden, die sich um Gelassenheit bemühen.

Freitag 1. Jänner 2021 – Geräusche

Die Fundstücke unseres Neujahrsspaziergangs waren – wenig überraschend – Überreste von Feuerwerkskörpern in allen Größen und Formen. Viele Menschen waren unterwegs. Wenn man ohnehin im Lockdown sitzt und das Wetter dann noch so deprimierend nebelig und finster ist, dass man zu Mittag Licht aufdreht, muss man einfach hinaus. Ebenso wie an den Weihnachtsfeiertagen sah man größere Gruppen von Leuten, die gemeinsam spazieren gingen oder irgendwo „Nur-Getränke-Picknick“ veranstalteten. Vielleicht ist das nur eine ganz subjektive Wahrnehmung, aber mir kam vor, dass die Menschen ungewöhnlich viel redeten. Die Gesprächsfetzen, die herum flogen, stammten aus Unterhaltungen zu den verschiedensten Themen. Ich fand es schön, mich als Teil einer größeren Anzahl von Menschen zu fühlen. Mit viel Abstand zwischen den Grüppchen, aber trotzdem. Ich habe sonst gar nicht so ein Bedürfnis nach „Herde“, aber womöglich ist das eine Illusion.

Zur mitternächtlichen Stunde standen wir – sehr neugierig – auf der Terrasse. Die Dächer rundherum waren aus demselben Grund auch ziemlich voll besetzt. In normalen Jahren haben wir eine sehr gute Aussicht auf Feuerwerk über Wien. Die Aussicht war theoretisch nach wie vor gut, aber es gab nur sehr wenig Feuerwerk. Es war auch extrem neblig. Im Nebel krachte es zwar, es gab aber nichts zu sehen. Insgesamt eine eher unheimliche Stimmung. Der Kran von der Baustelle schräg gegenüber war nur schemenhaft zu sehen, dahinter, seltsam verzerrt, der Vollmond. Mehr ein Szenario aus einem Gruselfilm als Silvesterstimmung.

Immerhin die Hälfte des Neujahrskonzerts habe ich gesehen und gehört. Der goldene Saal des Musikvereins ist eigentlich ziemlich renovierungsbedürftig, aber das sieht man bei der Übertragung nicht, weil alles mit Blumen überdeckt wird. Die Philharmoniker samt Dirigent machten einen sehr gelösten Eindruck. Womöglich ist es gar nicht so unangenehm für ein Orchester ohne Publikum zu spielen, obwohl das ständig betont wird. Wenn jemand allein auf einer Bühne steht und der Zuschauerraum auch leer ist, ist das sicher sehr unangenehm. Aber bei einem Orchester, noch dazu bei einem gut aufeinander eingespielten mit einem Spitzendirigenten? Es gab gewissermaßen auch Ersatz fürs Publikum: man konnte sich zum Applaudieren online anmelden und wurde dann dazugeschaltet. Auf dem Bildschirm viele kleine Kacheln von klatschenden Menschen aus aller Welt. Insgesamt ergab das mehr als das Geräusch eines applaudierenden vollen Saals. Ich nehme an, dass das Orchester nur das Geräusch gehört hat. Die Idee fand ich sehr gelungen und vermute, dass man sie nicht das einzige Mal gesehen haben wird.

Das letzte Foto der Woche

Der letzte Sonntag im Jahr und somit das letzte Foto der Woche

Schönen Dank an Aequitas et Veritas für die Idee

Wir waren nicht die einzigen, die Familientreffen in den Park verlegt haben. Das wäre jetzt zwar völlig neu gewesen in diesem Jahr, aber nicht besonders bemerkenswert, weil ganz offensichtlich viele Wiener auf diese Idee gekommen sind. Möglicherweise laufen am 25. und 26. Dezember aber ohnehin jedes Jahr viele Leute im Park herum und es ist mir bis jetzt nur noch nie aufgefallen.

Das bemerkenswerte an dem Foto ist die Sonne, die sich in letzter Zeit extrem rar gemacht hat und die hier die winterlich kahlen Bäume in Herbstfarben leuchten lässt. Daran ist aber kein einziges Blatt beteiligt, es ist alles nur Licht.

Interessant fand ich, dass die Meierei bzw das Café Landtmann mitten im Park einen Stand betreibt, an dem es diverse Süßigkeiten und Punsch ohne Alkohol gibt. Ein spannender Fall von Privilegien würde ich sagen. Der Weihnachtsmarkt vor dem Schloss durfte nicht stattfinden, warum darf dann dieser Stand öffnen, während des Lockdowns ? Diese Art von Fragen sind in Österreich meist nicht zu klären. Der alkoholfreie Beerenpunsch hat mir aber gut geschmeckt.

Mittwoch 23. Dezember 2020

Eigentlich ist das heurige Weihnachtsfest wunderbar stressfrei. Es gibt wohl Menschen, die ich gerne sehen möchte, aber dafür finden sich Lösungen und es muss auch nicht unbedingt zu Weihnachten sein. Aber es gibt auch die, die ich nur der Konvention halber sehen würde und die erspare ich mir alle. Ich habe Zeit für alles, was ich gerne machen möchte und eine gute Ausrede für alles, was ich nicht möchte. Natürlich gibt es eine Menge Dinge, die mir abgehen, aber nächstes Jahr werden sie dann umso mehr Freude machen. Nein, ich finde die Situation nicht unerträglich, sie hat durchaus auch ihre positiven Seiten.

So wünsche ich allen Besucher*innen dieses Blogs geruhsame, fröhliche, besinnliche Tage.

Möge sich Friede verbreiten

May peace spread

Tibetische Gebetsfahnen, Fahnen, Farben

Montag 21.Dezember 2020 –

Auf der oberen Kante meines Bildschirms sitzt seit heute ein Kameraauge und sieht mich undeutbar an. Nachdem ich mich für Ende Dezember zu ein paar Vorträgen angemeldet habe und die Vortragenden dringend gebeten haben, Kameras zu benützen, weil sie es so schrecklich finden mit schwarzen Flächen zu sprechen deren Reaktionen unsichtbar bleiben, habe ich also nun eine Kamera mit deren Hilfe ich in Zoom auftreten kann. Sehr ungern, aber ich verstehe, dass es unangenehm ist, mit jemandem zu kommunizieren den/die man nicht sehen sondern nur hören kann. Wir Menschen sind zur Verständigung doch sehr auf Körpersprache angewiesen. Ich könnte ja für die Vorträge meinen Laptop verwenden, der hat eine Kamera, aber ich mag nicht noch einen weiteren Computer herumstehen haben. Es sind eh schon zu viele.

Der F hat seine Computer vorübergehend verlassen und ist aus dem Homeoffice zum Zahnarzt gefahren und auf dem Rückweg bei einem Elektro-Gadget-Händler vorbeigekommen. Nun habe ich also so eine blöde Kamera von der ich mich beobachtet fühle. Bei Zoom habe ich mir einen Blätterhintergrund ausgesucht. Das macht die Sache eine Spur besser, aber wirklich nur eine Spur.

Währenddessen habe ich den Kunsthandel finanziell gefördert und größere Mengen Ölfarben erworben. Es gibt eine große Vielfalt von verschiedenen Marken und nachdem ich da nicht besonders bewandert bin, habe ich die vom D empfohlene genommen. Dass das die mit Abstand teuerste ist, hat er nicht dazu gesagt. Leider waren in dem Geschäft so viele Leute, dass man vermuten könnte, dass halb Wien sich während des kommenden Lockdowns künstlerisch betätigen möchte. Wie heißt es doch in unserer Bundeshymne „Volk begnadet für das Schöne“. Wenn man sich die schreienden, blinkenden , glitzernden Weihnachtsdekos in den Vorgärten und auf den Balkonen ansieht, lässt sich dieser Mythos allerdings nur schwer aufrecht erhalten.

Zum Abschluss ein Portrait meiner geschmacklich sehr gelungenen Schoko-Orangen-Salami. Die Optik lässt noch zu wünschen übrig, daran werde ich noch arbeiten. Gesünder wäre es zweifellos, wenn ich erst frühestens in einem Jahr darauf zurückkommen würde….

Freitag 18. Dezember 2020

Dass der D so ordentlich ist und Pinsel und Spachteln so richtig parallel auflegt wie die Zinnsoldaten hat mich etwas erschreckt. Auf meinem Rollcontainer sieht es ganz anders aus. Ich bin keine Chaotin, aber das streng parallele Auflegen von Werkzeugen liegt mir doch ziemlich fern. Meine Pinsel stehen in Gläsern, die Spachteln liegen in Schachteln oder stehen auch in Gläsern.

Das Besiedeln eines Gemeinschaftsateliers ist ein bisschen so als würde man zusammenziehen. Man muss langsam die Gewohnheiten der Partner ausloten und Wege finden, die für alle Beteiligten akzeptabel sind. Wir müssen auch aufpassen, nicht auf unsere dritte im Bunde zu vergessen und irgendwelche Entscheidungen zu treffen oder Routinen zu entwickeln, in die sie nicht leicht hinein finden kann. Morgen wird ihr Baby geboren und dann wird es noch eine Weile brauchen um sich vom Kaiserschnitt zu erholen und sich an das Leben mit dem Baby zu gewöhnen. Bis dahin wird es wahrscheinlich Frühling werden und wir können dann im Freien malen, was ja räumlich wieder eine neue Situation schaffen wird. Es ist im übrigen sehr großzügig von ihr, ab Dezember mitzuzahlen obwohl sie kaum vor März das Atelier wird benützen können. Vermutlich wollte sie aber die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, mit zwei gut bekannten Leuten so ein Projekt zu starten.

Neblig war es heute, ganz extrem neblig, wie mitten in den Wolken, sehr passend zur Ankündigung des nächsten Lockdowns ab 26. Dezember.

Donnerstag 10. Dezember 2020 – Ankommen im Keller

Regale, Rollcontainer mit Laden, äußerst solide Hocker für das Malen an der Staffelei wurden zusammengebaut. Gekauft und montiert hat hauptsächlich der D. Ich habe große Mengen Styroporverpackungen und Kartonagen in den Müll befördert. Das Haus ist in einen Hang gebaut und unser Atelier liegt im hinteren Teil des Hauses im Erdgeschoss, nach vorne hin aber im Keller. Der Müllraum liegt am anderen Ende des Kellers, das Klo ebenfalls und der Weg dorthin ist reichlich entrisch mit den klassischen Kellerabteilen mit Türen aus zusammengenagelten Brettern, halbrostigen Schlössern und dem fröhlichen Ambiente einer geschlossenen Gefängnisabteilung.

Unterwegs geht es durch viele Zwischentüren, vorbei an vielen Ecken. In einer solchen Ecke traf ich einen Mann mit kleiner Tochter, der an einem Kinderwagen herumbastelte. Die Kleine stellte sich mir breitbeinig in den Weg und fragte, ob ich die Chefin sei. Der Mann erklärte mir, dass seine Tochter wissen wolle, ob ich diejenige sei, die bestimmen konnte ob er den Kinderwagen dort reparieren dürfe oder nicht. Ich freute mich darüber, dass ein Mädchen mit Wurzeln im indischen Kulturkreis einer Frau spontan zutraute die Chefin zu sein.

An der nächsten Ecke traf ich den Putzmann, der mir im Detail erzählte, dass er zwar der Chef seiner Putzfirma sei, aber trotzdem mitarbeite, ebenso wie seine Frau. In diesen Kellerbereichen ist das Chef-sein wichtig. Nachdem ich das Klo inspiziert hatte, engagierte ich den Putzmann dafür, außerhalb seiner sonstigen Pflichten im Haus das Klo einmal in der Woche zu putzen, weil es dort so aussah und roch, als würden ziemlich viele Männer regelmäßig vorbeikommen. Unser Vermieter meinte, dass es nicht gut kommen würde, dieses Klo mit einem neuen Schloss zu versehen, weil dort der allgemeine Schlüssel sperre, denn alle Wohnungseigentümer hätten. Die benützen das Örtchen zwar nicht, aber absperren soll es auch keiner. Nun denn, dann muss es eben regelmäßig geputzt werden.

Der D war froh, dass ich ihm das Organisatorische abnahm und hatte inzwischen ein weiteres Regal montiert. Nun haben wir schon einen Mini-Abstellraum mit zwei Regalen. Besonders stabil sind sie nicht, aber sie waren billig. Was mir der D voraus hat, ist ein treffsicheres Vorstellungsvermögen dafür, wie eine heruntergekommene Wohnung aussehen wird, wenn man dies und das getan haben wird. Wände gestrichen, Fensterglas ausgetauscht etc. Ich sehe das nicht, ich muss es ausprobieren, was um einiges anstrengender ist. Das erinnert mich an eine Biologievorlesung, in der der Prof darüber sprach, dass das räumliche, abstrakte Denken dem Menschen im urzeitlichen Kontext viele Vorteile verschafft habe. Und so haben wir es als Menschheit einerseits sehr weit gebracht, andererseits stolpern wir gerade weltweit über Fledermaus-Viren.

Freitag 27.November 2020 – Reisigsarten und Preisgestaltung

In den letzten Jahren haben wir Adventkränze und sonstige Weihnachts- und Winterdeko auf dem Adventbazar einer Waldorfschule gekauft. Dort gibt es immer sehr hübsche originelle Dinge aus den verschiedensten Materialien, aber es ist auch ein Riesengedränge, weil der Bazar nur an einem Wochenende abgehalten wird und das Haus nicht so groß ist. Nun, in diesem Jahr gibt es den Bazar nur online und es werden auch keine Adventkränze verkauft. Also musste ich mich anderweitig umschauen.

Zuerst ein Irrweg über ein Blumengeschäft, das in seiner Homepage sehr hübsche Adventkränze anbot, ziemlich teuer aber wirklich schön. Telefonisch konnte man sie bestellen nach den Fotos auf der homepage und sie wurden nachhause geliefert. So weit so gut. Das Ding, das ich dann geliefert bekam, hatte allerdings mit dem Foto wenig gemeinsam. Zwar war es ein Kranz aus verschiedenen Reisigarten gebunden, mit Kerzen und sonstigem Dekor und tatsächlich hatte man mir am Telefon gesagt, dass es so unerwartet viele Aufträge gebe, dass sie nur mehr ganz wenig Material zur Verfügung hätten. Ein reizendes Mädel kam zum Liefern, das mir versicherte, dass es nicht nur Lieferantin sondern auch Floristin sei. Zwar konnte ich an dem gelieferten Ding keine Spur von floristischem Talent erkennen, aber sie war so jung und nett, dass ich eine heftige Beisshemmung hatte und nicht nur die höchst berechtigte Kritik hinunterschluckte sondern auch anstandlos den geforderten Preis bezahlte und ihr obendrein noch ein üppiges Trinkgeld gab. Wofür eigentlich könnte ich nicht sagen. „Corazón de abuelita“ nennen die Spanier solche Verhaltensweisen.

Die Deko war gelinde gesagt mickrig und irgendwie auf den Kranz draufgeklebt. Keine Spur von irgendeiner Ästhetik. Es gab insgesamt 4 trockene Orangenscheiben, vier Herzen und vier Zimtstangen genau symetrisch auf dem Kranz verteilt und dazu vier Kerzen, die statt fröhlich Rot blutiges Bordauxrot waren. Eine Farbe, die ich überhaupt nicht leiden kann. Die sehr bescheidene Deko war obendrein festgeklebt, so dass ich sie richtig herunterreißen musste um sie ein bisschen umzugruppieren. Viel zu gruppieren war eh nicht vorhanden.

Das war Freitag am frühen Nachmittag. Etwas später fuhren wir zum Wocheneinkauf in den Supermarkt, wo es auch keine Kränze gab, die mir irgendwie gefallen hätten. Ziemlich angegrantelt beschloss ich dann noch einen Sprung auf den gegenüber liegenden Markt zu machen. Und siehe da: alles voller Adventkränze. Es gab auch die von mir sehr geschätzten Reisigkränze ohne irgendeine Deko und ohne Kerzen und auch eine Menge sehr verschieden dekorierter Exemplare in allen Farben und Größen und wesentlich billiger als im Blumengeschäft. Ich weiß selbst nicht, warum ich nicht an den Markt gedacht hatte.

Nun haben wir also drei Adventkränze, zwei schöne und einen teuren.

Mittwoch 18.11.20 – Ateliergesäusel

JUHUUU, es ist soweit. Heute haben wir den Mietvertrag unterschrieben; mit Zusatz aus der Juristenfeder meiner Schwägerin, aber die beiden jungen Männer, deren Agentur das Atelier vermietet, sind so sympathisch und authentisch, dass es wohl gar nicht notwendig gewesen wäre. Vorsicht schadet ja aber nie. Es ist ein Vertrag für 4 Jahre geworden mit 3monatiger Kündigungsfrist für alle Beteiligten.

Ab 1. Dezember bin ich also 1/3 Teilhaberin an einem Atelier. Ein sehr schönes Gefühl und der Beginn von etwas. Was genau ist noch nicht definiert, aber es wird sich entwickeln in welche Richtung auch immer.

Zunächst müssen wir dann einmal einziehen. Vorläufig haben wir jede/r eine Staffelei, der D. spendet zum Einstieg zwei Klappsessel und die A. hat einen Tisch zu vergeben. Der D. freut sich schon auf den Tag, an dem die Baumärkte wieder aufsperren um Farbe und sonstiges zu erwerben. Ich hätte so meine Bedenken, wenn ich nicht selbst gesehen hätte, wie gut und kompetent er an seinem Haus in Irland selbst gearbeitet hat. Die Wände des Ateliers sind holzverschalt und dieses Holz soll heller gestrichen werden. Über die Farbe müssen wir uns noch verständigen, aber ein heller Anstrich macht einen Raum freundlicher und größer. Bei einer Größe von 40 m2 ist das kein Luxus.

Wir haben ja einen Shut-Down, aber mit hundert Ausnahmen, so dass sich ohnehin für jeden Aufenthalt im öffentlichen Raum eine passende Begründung findet und so ist es natürlich auch kein Problem einen Vertrag unterschreiben zu gehen. Ich bin 3 Stationen mit dem Bus gefahren und den Rest zu Fuß gegangen, es ist wirklich sehr nah von meiner Wohnung. Unterwegs habe ich auch ein paar abstrakte Nachtlichtbilder probiert. Das ist der Eingang des Ateliers von außen, beleuchtet, weil die Handwerker dort noch arbeiten.

Montag 16.November 2020 – Der zweite

Der Lockdown Nummer 2 also, ab morgen. Beim ersten Mal war ich froh, dass alles heruntergefahren wurde, inklusive Schulen. Es kam mir damals etwas unheimlich vor, mit den Öffis zu fahren, große Gruppen zu unterrichten. Dabei waren die Infektionszahlen im März bei gerade 100 pro Tag, vor kurzem waren sie bei fast 10.000. Angeblich sollen die österreichischen Zahlen pro Million Einwohner die höchsten der Welt sein. Das glaube ich nicht so ganz, denn die Zahlen, die aus manchen Ländern gemeldet werden, sind wahrscheinlich nicht besonders glaubwürdig. Aber schlimm genug wäre es schon, die höchsten Zahlen Europas zu haben.

Tatsächlich hat sich das distance-learning als ziemlich anstrengend für alle Beteiligten entpuppt und in weiterer Folge als Ursache für eine katastrophale Vergrößerung der Gräben zwischen von zuhause geförderten Kindern und solchen, deren Eltern sie gar nicht unterstützen können oder wollen. Beim zweiten Durchgang des Lockdown soll wieder der gesamte Unterricht auf distance-learning umgestellt werden. Die älteren Schüler*innen schaffen das ganz gut, die kleineren aber nicht. Abgesehen vom Kanzler war so ziemlich die gesamte Regierung und viele andere Entscheidungsträger gegen die Schulschließungen. Aber der Herr Kurz lässt ja keine großen Zweifel darüber, wer das letzte Wort hat.
Es haben aber schon viele Schulen Systeme ausgeklügelt, wie sie doch unterrichten können. Die Schulen sind ja nicht geschlossen, es findet eine Betreuung statt und immerhin beim zweiten Durchgang ist man darauf gekommen, dass man ja statt die Kinder nur zu bespaßen die Gelegenheit nützen könnte, gerade die schlechteren Schüler*innen zu fördern. Das Unterrichtsministerium verteilt Tablets und Laptops an Schüler*innen und Sonderverträge an Lehramts-Studierende in hohen Semestern. Eine österreichische Lösung: bei ungeliebten Bestimmungen gibt es so viele Ausnahmen und Sonderfälle , dass man sich die Regelungen genauso gut hätte ersparen können. Wir Österreicher sind noch aus Habsburgszeiten ein ziemlich autoritätsgläubiges Volk, andererseits ist aber die kreative Umgehung von Gesetzen und Bestimmungen, die einem selbst nicht sinnvoll erscheinen, ein beliebter Volkssport.

Diesmal bin ich am Tag vor dem Lockdown ziemlich nervös. Den ganzen Tag lang habe ich den Eindruck, dass ich irgendetwas vergessen haben muss, dass ich unbedingt vor dem Schließen des gesamten Handels besorgen müsste. Aber was ? Sicher keine Gegenstände des täglichen Gebrauchs, ich bin immer schon eine große Vorratshalterin gewesen, ganz abgesehen davon, dass die Supermärkte nicht schließen. Ich weiß einfach nicht, woher diese Unruhe gekommen ist. Jetzt ist es auf jeden Fall ohnehin zu spät.