Schlagwort: Atelier

Samstag 2. Jänner 2021

Der Bot, der die Meldung  „muchas gracias. ?Cómo puedo iniciar sesion?“ von x verschiedenen Adressen verschickt, ist unermüdlich, seit Monaten. Derzeit sind es wenigstens nicht hunderte Spams pro Tag sondern nur noch Dutzende, auch die sind lästig zum Löschen. Sollte ein Kommentar von jemandem im spam gelandet sein, habe ich ihn ungeschaut gelöscht. Tut mir leid, falls da ein echter Kommentar dabei war, aber die muchas-gracias-Spammeldungen sind einfach zu viele um sie einzeln anzusehen.

Die fünf Tage Beschäftigung mit spirituellen Themen hat mir eine Menge Stoff zum Nachdenken und Nachfühlen gebracht, war aber sehr anstrengend. Das online-setting war letzten Endes gar nicht so schlecht, weil es mir ermöglicht hat, mich zurückzuziehen, wann immer ich wollte, ohne dass dies besonders aufgefallen wäre oder irgendjemanden gestört hätte. Die Kommunikation wäre in natura eine viel bessere gewesen, aber ich hätte nicht fünf Tage lang acht Stunden durchgehalten. Somit ist die Bilanz eine positive.

Der D war heute auch im Atelier, was sich sehr gut getroffen hat, weil ich den Tag mit dem Eröffnen der Ölfarben-Tuben gefeiert habe. Er hat mir eine Menge Tipps gegeben, hauptsächlich zu den kleinen Hilfsmitteln zum Farbmischen, zum Pinselreinigen, zur mehrfachen Verwendung von Terpentinersatz. Es lässt sich sehr gut lernen, wenn jemand mit Erfahrung daneben steht und seine Kenntnisse gerne und gut weitergibt.

Freitag 18. Dezember 2020

Dass der D so ordentlich ist und Pinsel und Spachteln so richtig parallel auflegt wie die Zinnsoldaten hat mich etwas erschreckt. Auf meinem Rollcontainer sieht es ganz anders aus. Ich bin keine Chaotin, aber das streng parallele Auflegen von Werkzeugen liegt mir doch ziemlich fern. Meine Pinsel stehen in Gläsern, die Spachteln liegen in Schachteln oder stehen auch in Gläsern.

Das Besiedeln eines Gemeinschaftsateliers ist ein bisschen so als würde man zusammenziehen. Man muss langsam die Gewohnheiten der Partner ausloten und Wege finden, die für alle Beteiligten akzeptabel sind. Wir müssen auch aufpassen, nicht auf unsere dritte im Bunde zu vergessen und irgendwelche Entscheidungen zu treffen oder Routinen zu entwickeln, in die sie nicht leicht hinein finden kann. Morgen wird ihr Baby geboren und dann wird es noch eine Weile brauchen um sich vom Kaiserschnitt zu erholen und sich an das Leben mit dem Baby zu gewöhnen. Bis dahin wird es wahrscheinlich Frühling werden und wir können dann im Freien malen, was ja räumlich wieder eine neue Situation schaffen wird. Es ist im übrigen sehr großzügig von ihr, ab Dezember mitzuzahlen obwohl sie kaum vor März das Atelier wird benützen können. Vermutlich wollte sie aber die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, mit zwei gut bekannten Leuten so ein Projekt zu starten.

Neblig war es heute, ganz extrem neblig, wie mitten in den Wolken, sehr passend zur Ankündigung des nächsten Lockdowns ab 26. Dezember.

Montag 14. Dezember 2020 – Es hat richtig begonnen.

Unglaublich, der D hat schon drei Bilder gemalt und weitere 5 Leinwände grundiert. Eines von den Bildern mag ich sehr. Das strahlende Blau ist Öl über Acryl. Eine sehr empfehlenswerte Technik, weil dadurch die Ölfarbe gut hält, nicht nur auf Leinwänden sondern auch auf Malbrettern, die nur höchstens 1/5 so viel Platz brauchen wie die Leinwände. Das Öl als oberste Schicht trocknet auch schneller. „Schneller“ ist allerdings immer noch recht langsam.

Ich habe bis jetzt gerade einmal zwei Leinwände grundiert, mit Spachtelmasse und Pigmenten. Interessanterweise vermischen sich die Pigmente recht gut mit der Spachtelmasche, es braucht gar keinen Binder. Die Spachtelmasse braucht aber ebenfalls ewig zum Trocknen vor allem wenn man sie so dick aufträgt, wie ich das gerne tue.

Zwar habe ich noch nichts gemalt, aber Farben und vieles andere in Regale geräumt. Ich besitze fünf, fünf ! große Flaschen schwarze Gouache. Will mir das irgendetwas sagen? und wenn ja, was ? Als Reaktion darauf habe ich zwei Leinwände hauptsächlich in weiß grundiert. Was daraus wird, wird sich zeigen. Es fühlt sich hervorragend an, keine Vorgaben und keine Themen zu haben. Eine Idee im Hinterkopf habe ich wohl, aber wenn der Weg unterwegs ganz woanders hin abbiegt, ist mir das auch recht.

Donnerstag 10. Dezember 2020 – Ankommen im Keller

Regale, Rollcontainer mit Laden, äußerst solide Hocker für das Malen an der Staffelei wurden zusammengebaut. Gekauft und montiert hat hauptsächlich der D. Ich habe große Mengen Styroporverpackungen und Kartonagen in den Müll befördert. Das Haus ist in einen Hang gebaut und unser Atelier liegt im hinteren Teil des Hauses im Erdgeschoss, nach vorne hin aber im Keller. Der Müllraum liegt am anderen Ende des Kellers, das Klo ebenfalls und der Weg dorthin ist reichlich entrisch mit den klassischen Kellerabteilen mit Türen aus zusammengenagelten Brettern, halbrostigen Schlössern und dem fröhlichen Ambiente einer geschlossenen Gefängnisabteilung.

Unterwegs geht es durch viele Zwischentüren, vorbei an vielen Ecken. In einer solchen Ecke traf ich einen Mann mit kleiner Tochter, der an einem Kinderwagen herumbastelte. Die Kleine stellte sich mir breitbeinig in den Weg und fragte, ob ich die Chefin sei. Der Mann erklärte mir, dass seine Tochter wissen wolle, ob ich diejenige sei, die bestimmen konnte ob er den Kinderwagen dort reparieren dürfe oder nicht. Ich freute mich darüber, dass ein Mädchen mit Wurzeln im indischen Kulturkreis einer Frau spontan zutraute die Chefin zu sein.

An der nächsten Ecke traf ich den Putzmann, der mir im Detail erzählte, dass er zwar der Chef seiner Putzfirma sei, aber trotzdem mitarbeite, ebenso wie seine Frau. In diesen Kellerbereichen ist das Chef-sein wichtig. Nachdem ich das Klo inspiziert hatte, engagierte ich den Putzmann dafür, außerhalb seiner sonstigen Pflichten im Haus das Klo einmal in der Woche zu putzen, weil es dort so aussah und roch, als würden ziemlich viele Männer regelmäßig vorbeikommen. Unser Vermieter meinte, dass es nicht gut kommen würde, dieses Klo mit einem neuen Schloss zu versehen, weil dort der allgemeine Schlüssel sperre, denn alle Wohnungseigentümer hätten. Die benützen das Örtchen zwar nicht, aber absperren soll es auch keiner. Nun denn, dann muss es eben regelmäßig geputzt werden.

Der D war froh, dass ich ihm das Organisatorische abnahm und hatte inzwischen ein weiteres Regal montiert. Nun haben wir schon einen Mini-Abstellraum mit zwei Regalen. Besonders stabil sind sie nicht, aber sie waren billig. Was mir der D voraus hat, ist ein treffsicheres Vorstellungsvermögen dafür, wie eine heruntergekommene Wohnung aussehen wird, wenn man dies und das getan haben wird. Wände gestrichen, Fensterglas ausgetauscht etc. Ich sehe das nicht, ich muss es ausprobieren, was um einiges anstrengender ist. Das erinnert mich an eine Biologievorlesung, in der der Prof darüber sprach, dass das räumliche, abstrakte Denken dem Menschen im urzeitlichen Kontext viele Vorteile verschafft habe. Und so haben wir es als Menschheit einerseits sehr weit gebracht, andererseits stolpern wir gerade weltweit über Fledermaus-Viren.

Freitag 4. Dezember 2020 – Ateliergeflüster – Einzugsetappen

Der Staffeleien -Transport hat stattgefunden. Zwei Kisten voller Farben und Pigmente waren auch dabei. Meine Sachen stehen in der linken Ecke, die man hier nicht sieht. Der D hat sich schon etwas eingerichtet, wie man sieht.

Es fehlen uns nun Regale für Farben und Werkzeuge, Stauraum für Leinwände, eine Kleiderablage und etliches mehr. Zwar öffnen die Geschäfte nächste Woche wieder, aber nach drei Wochen Lockdown wird ein Riesenandrang herrschen, es werden sich kilometerlange Schlangen bilden und da muss ich nicht dabei sein. Noch eine Woche Geduld schaffe ich auch noch.

Ich muss schon sagen auf den Bildern sieht das ganze gar nicht so schlecht aus. In Detail ist es etwas grindiger, als man hier sieht. Allerdings soll morgen noch der Putzmann den Staub und die Spinnweben von Jahren beseitigen.

Donnerstag 3. Dezember 2020

Heute hatten wir Winter. Es soll an diesem einem Tag so viel Schnee gefallen sein, wie im ganzen letzten Winter. Das kommt mir denn doch etwas übertrieben vor, aber es ist schon eine Menge geworden. Sogar  Schneemänner habe ich in einem kleinen Park mehrere gesehen. Ob sich die Petersilie über die Berieselung freut, ist schwer zu sagen. Vielleicht ist diese Pflanze winterhart, bei manchen Petersilien ist das so.

Zwar mag ich den Schnee, aber es hätte nicht unbedingt gerade heute sein müssen. Es war geplant, heute meine große Staffelei und etliche schwere Kisten mit Farben zu übersiedeln. Tja aber, wir haben noch keine Winterreifen und das Atelier ist in einer Nebenstraße, die sicherlich nicht geräumt wurde. Ich hätte ja auch ein Taxi nehmen können, aber ich finde, dass das nicht dasselbe ist. Wahrscheinlich ist die weiße Pracht Freitag oder spätestens Samstag ohnehin wieder weggeschmolzen und allerschlimmstenfalls warte ich bis Mittwoch, da werden die Winterreifen montiert. Ein paar Tage auf oder ab sind ja nicht so schlimm.

Das sieht der D ganz anders. Er ist überdynamisch unterwegs und hat schon stundenlang gemalt. Außerdem hat er vor, gleich am Montag in einen Baumarkt zu eilen und Rollcontainer zu kaufen. Das ist der erste Öffnungstag der Geschäfte nach drei Wochen Lockdown, da kann man sich vorstellen, was da los sein wird. Das finde ich unvernünftig und gehe nicht mit. Aber ich bin überzeugt, dass er ein höchst brauchbares Modell ausgewählt hat.

Dienstag 1. Dezember 2020 – Ateliergeflüster – Einzug

1.Dezember, wir sind offizielle Mieter des Ateliers. Ein erfreulicher Tag. Ich wollte mir an diesem ersten Tag nur einmal die Schlüssel abholen und mir den Zustand ansehen.

Schon von weitem sah ich aber Freund D, der schon weggehen wollte, nachdem er große Mengen seiner Besitztümer abgeladen hatte. Einige sehr erfreuliche Besitztümer, die wir alle drei benützen können. Etwa zwei sehr starke Lampen, wie sie in einem Fotoatelier verwendet werden. Damit bekommen wir an einem trüb-finsteren Wintertag strahlende Helligkeit.

Er hatte schon alles ausgemessen und offenbar auch das gesamte Angebot von Baumärkten und Möbelhäusern durchforstet. Das Ergebnis der Recherchen war ein Rollcontainer mit Laden, den man als Beistelltisch neben die Staffelei stellen kann und der genug Platz für viele, viele Utensilien bietet. Nächste Woche sperren die Geschäfte wieder auf und der D möchte gleich zuschlagen. Ich habe ihn ersucht, mir auch so ein Roll-Ding mitzubringen.

Ich finde es hoch interessant, wie anders der D ist, wenn seine Frau nicht dabei ist. Einmal habe ich ihr gegenüber das Thema angesprochen, aber sie hat die Bemerkung leicht beleidigt angenommen. Seither verkneife ich es mir, ihr zu berichten, wie effizient, fürsorglich und kommunikativ der D sein kann, wenn sie ihn nicht ständig darauf hinweist, dass er das alles angeblich nicht ist. Naja, was gehen mich die Mechanismen der Beziehungen anderer Leute an, auch wenn es langjährige Freundinnen und Freunde sind.

Das Atelier hat für mich das richtige Gleichgewicht zwischen den Annehmlichkeiten der Zivilisation und einer gewissen Abgefucktheit, die man auch Bohème nennen kann. Wir haben einen Wasseranschluss mit einem Ausgussbecken, aber nur kaltes Wasser. An der Decke beider Räume verlaufen eine Menge Rohre verschiedener Art, aber die Therme, die das Warmwasser für den Stock über uns produziert, schaut neu aus. Der Boden in einem Raum hat so eine Art Filzfließen, mit denen man leben kann, im anderen Raum wurde ein sehr unauffälliges und sicher leicht zu reinigendes Linoleum verlegt. Dafür sind die Heizkörper mit Spinnweben dekoriert. Es ist weder kalt noch besonders warm, einem Modell könnte man aber eher nicht zumuten, die Hüllen fallen zu lassen. Wie wohl die zahllosen Künstler, die sich keine Heizung leisten konnten, mit ihren Nacktmodellen umgegangen sind? Vielleicht haben sie nur im Sommer Akte gemalt.

Am Donnerstag werde ich die größere meiner beiden Staffeleien übersiedeln und dann könnte es schon losgehen. Ein paar Fotos von „Atelier im Rohzustand“ muss ich auch noch machen …

Freitag 20.November 2020

Der Hermann Schmidt Verlag schickt einen Newsletter mit dem Hinweis auf ein Buch mit dem Titel  „Erfolgreiches eigenes Atelier“. Lustiger Zufall. Auf „erfolgreich“ in dem hier genannten Sinn lege ich ja keinen Wert, erfolgreich für meine Vorstellungen soll es aber schon werden. Es soll mich zum regelmäßigen Malen motivieren, dazu meine derzeitigen Themen „Brücke“  und „Abstrahierung“ endlich auch anders als im Kopf anzugehen.

Der D hat bei der Vertragsunterzeichnung die gesamte Kaution bezahlt, in bar. Eine seltsame, irgendwie anachronistische Vorgangsweise. Und jetzt warte ich darauf, dass er mir seine Kontonummer mitteilt, damit ich meinen Anteil überweisen kann, denn wir sehen einander derzeit ja nicht. Aber nix, keine Kontonummer. Manchmal können auch großzügige Menschen leise nerven!

Andere nerven lauter. Es gibt da die alte Geschichte vom buddhistischen Meister, der gefragt wird, warum er bloß mit jemandem befreundet ist, der ein extrem unangenehmer, unhöflicher, unverläßlicher Mensch ist und in allem und jedem andere Standpunkte auf äußerst rechthaberische Weise vertritt. Und der Meister erklärt, dass dies sein wichtigster und  liebster Freund sei, weil er an ihm und seinen Verhaltensweisen Gelassenheit und Loslassen üben kann. Ich übe auch. Wenn auch vielleicht nicht mit so viel Erfolg wie der besagte Meister. Andererseits ist ja der Erfolg seiner Bemühungen nicht überliefert, was vielleicht seine Gründe hat.

Es nervt mich außerdem, dass mir zu meinem grünen Foto in der „impulswerkstatt“ so gar nichts einfällt, abgesehen von zwei möglichen Fantasygeschichten zu denen ich aber keine Lust habe. Eine dritte Idee hatte ich gestern, sie nimmt aber auch noch keine konkreten Formen an. Dabei habe ich gestern Unkraut gejätet und Pflanzen aus dem Wasser in die Erde befördert. Gärtnerisches wirkt oft sehr inspirierend. Diesmal nicht. Es gibt ja eigentlich viele Ansatzpunkte: das Grün, die Ähre, der Stacheldraht, die Verbindung von Stacheldraht und Ähre, Krieg und Frieden, Durchhaltevermögen, Behinderungen, Freiheit und und und aber nichts will sich zu einem Text formen.

 

 

Mittwoch 18.11.20 – Ateliergesäusel

JUHUUU, es ist soweit. Heute haben wir den Mietvertrag unterschrieben; mit Zusatz aus der Juristenfeder meiner Schwägerin, aber die beiden jungen Männer, deren Agentur das Atelier vermietet, sind so sympathisch und authentisch, dass es wohl gar nicht notwendig gewesen wäre. Vorsicht schadet ja aber nie. Es ist ein Vertrag für 4 Jahre geworden mit 3monatiger Kündigungsfrist für alle Beteiligten.

Ab 1. Dezember bin ich also 1/3 Teilhaberin an einem Atelier. Ein sehr schönes Gefühl und der Beginn von etwas. Was genau ist noch nicht definiert, aber es wird sich entwickeln in welche Richtung auch immer.

Zunächst müssen wir dann einmal einziehen. Vorläufig haben wir jede/r eine Staffelei, der D. spendet zum Einstieg zwei Klappsessel und die A. hat einen Tisch zu vergeben. Der D. freut sich schon auf den Tag, an dem die Baumärkte wieder aufsperren um Farbe und sonstiges zu erwerben. Ich hätte so meine Bedenken, wenn ich nicht selbst gesehen hätte, wie gut und kompetent er an seinem Haus in Irland selbst gearbeitet hat. Die Wände des Ateliers sind holzverschalt und dieses Holz soll heller gestrichen werden. Über die Farbe müssen wir uns noch verständigen, aber ein heller Anstrich macht einen Raum freundlicher und größer. Bei einer Größe von 40 m2 ist das kein Luxus.

Wir haben ja einen Shut-Down, aber mit hundert Ausnahmen, so dass sich ohnehin für jeden Aufenthalt im öffentlichen Raum eine passende Begründung findet und so ist es natürlich auch kein Problem einen Vertrag unterschreiben zu gehen. Ich bin 3 Stationen mit dem Bus gefahren und den Rest zu Fuß gegangen, es ist wirklich sehr nah von meiner Wohnung. Unterwegs habe ich auch ein paar abstrakte Nachtlichtbilder probiert. Das ist der Eingang des Ateliers von außen, beleuchtet, weil die Handwerker dort noch arbeiten.

Montag 9. November 2020 – Atelier !!!

In dieser rasenden Woche hätte ich beinahe vergessen, dass wir ja ein ganz gut passendes Atelier gefunden haben. Es ist ziemlich in der Nähe meiner Wohnung und ich bin froh, dass es der D gefunden hat und ich daher nicht verdächtig bin, etwas gesucht zu haben, was ganz in meiner Nähe ist.

Es ist nicht sehr groß, gerade 40m2 mit zwei Räumen und einem winzigen Abstellraum. Der eine Raum hat ein Fenster und ein Tor, die praktisch die ganze Außenwand einnehmen, dafür hat der andere Raum gar kein Tageslicht. Es wird gerade renoviert, wir bekommen saubere Wände und Böden, ein Ausgussbecken mit Warmwasser, neue Glasscheiben, viele Leuchtkörper an der Decke. Die Heizung funktioniert und ist ebenso wie Strom und Wasser in der Miete inkludiert. Es ist etwas teurer als die Schimmelbude und viel kleiner, aber wir müssen keinen Cent in irgendetwas hineinstecken, was wir nicht auch wieder mitnehmen können. Die Stützstangen, die man auf dem Foto sieht, kommen natürlich weg, die halten nicht die Decke – hoffen wir zumindest.

Hier kann man den D bewundern, der sich um Fotos bemüht mit denen er seine Frau überzeugen möchte, die der Sache sehr skeptisch gegenübersteht. Wenn die Bilder nicht schöner geworden sind als meine, sehe ich da schwarz. Seine Frau ist eine liebe Freundin von mir, die ich sehr schätze, aber sie ist in finanziell sehr schlechten Verhältnissen aufgewachsen und hat Sparsamkeit extrem verinnerlicht. Eine zusätzliche Miete fällt nicht unter ihre Vorstellungen von sparsamer Lebensweise. Der Arm in rot gehört entweder unserer Dritten im Bunde, der A, oder dem Verwalter, der uns alles gezeigt hat.

Einen gewissen Bohème-Effekt hat man hier auch: das Klo ist nämlich am anderen Ende des Gebäudes. Man kann entweder durch einen sehr entrischen Keller gehen oder außen um das Haus herum und auf der anderen Seite wieder hinein. Nachdem wir ja in Pandemie-Zeiten leben und das Klo kein Waschbecken hat, dürfen wir auch die daneben liegende ziemlich grindige Waschküche benützen um uns dort die Hände zu waschen. Auch den Müllraum des Hauses dürfen wir benützen. Ich sehe mich schon mit einem riesigen Schlüsselbund !

Die aus meiner Sicht ziemlich scheußliche Holztäfelung können wir weiß streichen, das macht größer und heller. Was mich von diesem Objekt überzeugt, ist der Außenbereich, den wir auch benützen dürfen. Dort sehe ich schon einen Tisch stehen und Staffeleien und ein paar Bilder zum Trocknen in der Sonne. Weiter links ist eine Wiese und die Bäume von denen man einen Teil sieht, sind groß und beschatten die Wiese. Man kann ja im Normalfall gut 8 Monate des Jahres draußen verbringen.

Nun geht´s um den Vertrag. Der D hat es furchtbar eilig, aber ich kann nicht über meinen Schatten springen und einen Vertrag unterschreiben, den nicht eine sachkundige Person meines Vertrauens angeschaut an. Juristentochter eben, wahrscheinlich hat mir mein Vater schon als Säugling beigebracht, dass man niemals, unter überhaupt keinen möglichen Umständen irgendetwas unterschreibt, was man selbst nicht hundertprozentig versteht ohne eine vertrauenswürdige, kompetente Person zu konsultieren. Es gibt dümmere Glaubenssätze. Nachdem das zukünftige Atelier ohnehin erst mit 1. Dezember „beziehbar“ ist, wird meine Manie auch keine Verzögerung erzeugen.Wenn die Hürde mit dem Vertrag genommen sein wird, werde ich mich mit Begeisterung ins Projekt stürzen.

Ateliersuche #1

Die A, der D und ich haben schon vor gut einem Jahr überlegt, uns ein gemeinsames Atelier zu mieten. Dann ertranken wir aber alle in Arbeit und dann kam Corona, aber jetzt ist es so weit.

Bei unserem letzten Malwochenende haben wir zufällig ein paar Häuser neben unserem derzeitigen Malquartier ein Atelier entdeckt, das Plätze vermietet. Aber schon nach einem Anruf bei der Besitzerin des Ateliers war klar, dass diese Plätze tatsächlich nur Plätze an einem größeren Tisch waren, die zur Vermietung standen und das hat uns nicht interessiert.

Heute haben der D und ich das erste in Frage kommende Objekt besichtigt. Ziemlich abgefuckt, aber mit reichlich Platz für drei Leute auch wenn alle drei gleichzeitig anwesend wären, was wahrscheinlich nicht so oft der Fall sein würde. Es ist eine ebenerdige Substandard-Wohnung, was heißt, dass das Klo am Gang neben der Wohnung liegt. Allerdings wurde ein Bad eingebaut mit einer Dusche, die so ungefähr das ärgste an Dusche ist, was ich je gesehen habe. Obendrein wurde innerhalb dieser Duschkabine ganz oben ein Heizstrahler eingebaut. Das ganze sieht aus wie eine Kombination aus Guillotine und elektrischem Stuhl. Das ist aber egal, wir brauchen ja kein Bad und können dort einfach die Tür zumachen.

Über der ganzen Wohnung, die eine Fläche von ungefähr 42m2 hat, wurde eine hölzerne Zwischendecke eingezogen wodurch die Fläche verdoppelt wurde. Die Stiege ist nicht ganz so gemeingefährlich wie sie aussieht.

 

Die Küche ist leer, völlig verdreckt, aber gefliest und mit Wasser- und Elektroanschlüssen

Das zweite Zimmer, ebenfalls völlig verdreckt und mit einem funktionslosen Heizkörper ausgestattet, bietet einen Boden, den man ohne alle Gewissensbisse mit Farbe tränken kann und zwei sehr große Fenster mit Nordlicht. Darüber zwei weitere Räume, in derselben Größe wie diese und ein geräumiger Vorraum ebenfalls mit einer Empore.

Das Haus ist öffentlich ganz gut zu erreichen, die für uns nötige Infrastruktur ist vorhanden: ein paar Lokale, ein paar Supermärkte. Es hat einen Hof mit Fahrradständer und Teppichklopfer und auch ein Stück grün.

Tja, also der Bohème-Faktor ist eindeutig gegeben: alles ist alt, verkommen und ziemlich verdreckt. Aber aufgrund seiner Größe hat es doch ein gewisses Potential. Soviel Bohème, dass man im Winter nicht heizen kann, wollen wir aber nun auch nicht. Der D ist aber handwerklich sehr gut und kann abschätzen wieviel Geld bzw Arbeit wir da hineinstecken müssten.

Ein sehr heftiges Argument für diese Hütte ist ihr Preis. Die verkommene Behausung ist um 250 monatlich zu haben, plus Betriebskosten natürlich, unglaublich billig für drei Leute.