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Samstag 4.Februar 2023 – Sturm, Ungarisch und Mist

Seit Dienstag stürmt es gewaltig, mit kurzen Unterbrechungen. Heute Nacht war besonders unangenehm, es hörte sich an, als würde das Dach gegenüber herunterkommen. Es waren zum Glück aber nur ein paar Dachziegel. Nach dem letzten Ungarischkurs des Wintersemesters getraute ich mich nicht über die Brücke, denn sie war aus Sturmgründen so gut wie ausgestorben und ich konnte auch eine Frau sehen, die vom Sturm regelrecht gegen das Brückengeländer gedrückt wurde und Mühe hatte auf der anderen Seite anzukommen. Ich verzichtete also auf den nächtlichen Spaziergang in Regen und Wind, der mir gefallen hätte, wenn der Wind kein Sturm gewesen wäre, und ging zur Station der Straßenbahn, die über die Brücke fährt.

Meine bisherige Ungarischlehrerin ist für ein halbes Jahr in Brasilien, wo sie ihre Masterarbeit schreibt. Vertreten oder abgelöst wird sie von einer Frau, die zufällig in der gleichen Straße wohnt wie ich. Interessante Zufälle gibt es! Diese Frau jedenfalls traf ich an der Straßenbahnhaltestelle und wir fuhren gemeinsam nachhause. Lustig fand ich, dass sie meinte, dass sie, wenn Ungarisch nicht ihre Muttersprache wäre, niemals auf die Idee käme, diese extrem schwierige Sprache lernen zu wollen. Was das extrem schwierige betrifft, stimme ich ihr voll zu, bin aber nach wie vor von dieser Sprache total fasziniert und motiviert. An dem Punkt, von dem an das Lernen vielleicht etwas einfacher wird, bin ich aber leider noch nicht angekommen.

Bei heftigen Windböen und auch noch strömendem Regen fuhren wir zum Mistplatz. Mit den Überresten des Christbaums, etlichen kaputten Geräten, darunter meine kürzlich verstorbene Schreibtischlampe, einem Schwung unnötiger Kabel und gefühlten Kilos an alten Druckerpatronen. Ich war ganz beschwingt den Krempl nicht mehr herumstehen zu haben. Der F offenbar auch, denn er blieb an einer gelinde gesagt nicht sehr günstigen Stelle stehen um in ein Blumengeschäft hinein zu huschen und den Besitzern mitzuteilen, dass ihre auf dem Gehsteig ausgestellten Pflanzen auf der anderen Straßenseite gegen eine Wand gedrückt, gelandet wären. So edel dass er beim Aufsammeln geholfen hätte, war er dann doch nicht, er war aber ohnehin schon klitschnass.

Montag 30. Jänner – 2023 Installateursglück

Meine Erfahrungen mit Installateuren sind eindeutig und fundiert. Man sucht zunächst eine möglichst lange Liste von in der Nähe befindlichen Firmen und beginnt dann mit den Anrufen. Man übergießt die Personen am anderen Ende der Leitung mit jedem nur verfügbaren Gramm an Charme und hofft auf einen einigermaßen fixen Termin in einigermaßen naher Zukunft. Möchte man sein ganzes Bad renovieren lassen, sieht die Sache natürlich anders aus, aber wenn es nur darum geht, verstopfte Rohre zu reinigen, ist das Anlocken eines Installateurs eine schwierige Sache.

Soweit meine Ausgangsposition. Ich rufe die erste Firma auf der Liste an, am Telefon ein freundlicher Mensch, der sich als Chef der Firma entpuppt, mir mitteilt, dass er gerade unterwegs ist und mich zurückrufen wird. Ungewiss ist dieser Anruf denke ich mir, aber ich warte eine halbe Stunde bevor ich die nächste Firma anrufe. Nach der versprochenen viertel Stunde, kein Anruf, nach einer halben Stunde auch noch nichts. Beharrlichkeit, denke ich mir, ohne Beharrlichkeit kein Installateur und rufe nochmals bei derselben Firma an. Der Chefinstallateur entschuldigt sich wortreich, es hätte etwas länger gedauert aber jetzt läge sein Terminplan vor ihm. Er denkt eine Weile laut, mit vielen „Hms“ und „vielleicht da“ und „wenn ich“ ….

Ich gehe davon aus, dass er mit Tagen und Wochen jongliert und mittlerweile auf seinem Kalender mindestens Ende Februar angekommen ist. Doch nein, zwischen 13.30 und 14:30 können wir kommen, sagt er. Heute ??? frage ich und kann es gar nicht fassen. Entweder hat es erdbebenartige Veränderungen bei den Installateuren gegeben oder meine Vorurteile sind falsch.

Jedenfalls kam Punkt 14:00 ein bestens ausgerüsteter Installateur, noch dazu einer mit ungarischem Akzent, was mich daran erinnert hat, dass ich meine Aufgaben für den Kurs noch nicht gemacht habe. Ich habe aber nicht versucht, mein Ungarisch an ihm zu üben, denn man soll arbeitende Leute nicht ablenken. Er hat den vibrierenden Rohrentstopfer benützt, der Geräusche erzeugt hat, bei denen mir ganz anders geworden ist. Die Rohre haben geklungen als würden sie gleich aus der Wand springen. Offenbar war die Operation aber erfolgreich, das Wasser fließt wieder ab, wenn auch etwas blubbernd. Dies wäre ein Anzeichen dafür, dass die Überlüftung am Dach nicht funktioniert, sagt der Installateur. Aha, ich schreibe mir „Überlüftung“ auf.

Nach Entgegennahme eines netten Sümmchens, das allerdings dem angekündigten Preis entspricht, verlässt mich der Installateur nach erfolgreichem Werk. Ich rufe die Hausverwaltung an und informiere sie über Blubbern und Überlüftung. Sie versprechen mir, dass ein weiterer Installateur vorbeikommt und fragen mich, warum ich denn wegen der Verstopfung nicht bei ihnen angerufen hätte. Tja, äh … ich habe selbst einen Installateur gefunden, der am gleichen Tag gekommen ist, am gleichen Tag! Der Herr in der Hausverwaltung sieht das ein. Na gut, dann schicken Sie mir halt die Rechnung, oder lassen Sie ihren Installateur die Rechnung gleich auf uns ausstellen. Ich bin überwältigt, dass ich obendrein die Kosten refundiert bekomme. Eine sehr gelungene Operation.

Anna Eulenschwinge „steigen“

Anna Eulenschwinge hat ein interessantes Foto/Schreibprojekt ersonnen mit einer ungewöhnlichen Art der Themenfindung.

63-2-8 nennt sich die Methode, aufgrund derer für Jänner das Stichwort „steigen“ ermittelt wurde.

STEIGEN

Immer höher steigen. Distanz gewinnen im Bemühen Klarheit herzustellen, die Dinge von weitem, von oben zu sehen. Manchmal braucht die Klarheit aber auch größere Nähe, ein Herabsteigen, ein Versuch Fäden zu entwirren. Dabei kann Durchblick entstehen, aber auch noch größere Verwirrung.

Montag 16. Jänner 23 –

Ich entwickle mich noch zur Spezialistin für Stromverrechnung und deren Beobachtung. Erfreulicherweise gibt es auch für die Wohnung in PB so ein Smart Meter, mit dem der Stromverbrauch fast in Echtzeit gemessen wird. Es funktioniert allerdings noch nicht, obwohl ich eingeloggt bin. Ich fürchte, dass ich mit den bürokratischen Telefonaten noch nicht wirklich durch bin.

Es gibt auch schöne Dinge zu erledigen, etwa das Einlösen der Gutscheine, die wir für die nicht stattgefundene Sonnwendfahrt auf der Donau vor drei Jahren bekommen haben. Das war ein Weihnachtsgeschenk von 2019. Ich denke, ich werde etwas Ähnliches buchen aber es gibt auch noch andere Möglichkeiten. Wir könnten etwa nach Passau fahren oder einfach nur durch die Wachau. Mag ich alles, nur nicht eine Schifffahrt mit Essen und Musik, das ist nichts für mich.

Eigentlich habe ich nicht den Eindruck, in der akuten Coronazeit besonders eingeschränkt gewesen zu sein. Im Rückblick zumindest waren die Lockdowns ganz gemütlich. Weder der F noch ich haben Corona gehabt, weder in den Alpha bis Delta-Varianten noch in irgendeiner Omicron-Form. Wir sind immer in der Stadt und außerhalb herumgekommen, wir sind gemeinsam gereist und ich auch allein. Wahrscheinlich habe ich eine Menge Leute seltener als sonst getroffen und ein paar Theaterabende und sonstige Veranstaltungen haben nicht stattgefunden. Aber die Zweitwohnung in PB, mit der ich viel Freude habe, habe ich während der Coronazeit gekauft. Das Atelier haben wir wenige Tage vor einem langen Lockdown bezogen. Alles in allem habe ich wirklich nicht den Eindruck Zeit verloren oder nicht gelebt zu haben.

Nachdem ich gestern bei Mafalda gelandet bin. Auf Spanisch ist es netter, weil Libertad (Freiheit) tatsächlich als Name verwendet wird. Quino hat diesen Streifen aber lange vor Corona gezeichnet und es gibt und gab in Lateinamerika genügend Situationen auf die er anwendbar ist.

Fotoprojekt – Vier Jahreszeiten. Nummer 1: Jänner

Nach einer Weile Abstinenz habe ich wieder Lust an einem Fotoprojekt teilzunehmen. Ich habe mich für das Projekt von Royusch entschieden.

Es geht darum denselben Ort über ein Jahr lang fotografisch zu begleiten. Ich fand es gar nicht einfach einen passenden Ort zu finden und habe mich schließlich für ein Motiv entschlossen, das aus drei Teilen besteht, die abwechselnd in den verschiedenen Monaten in den Fokus rücken sollen: die barocken Blumenbeete von Schloss Schönbrunn in Wien und im rechten Winkel dazu die Bäume einer Allee mit davor stehenden Statuen. Um die Sache etwas lebhafter und vielfältiger zu gestalten, nehme ich noch eine gleich daneben befindliche Glyzinien-Hecke dazu.

Für dieses Konzept brauche ich aber – nur für den ersten Beitrag – zwei Fotos. Ich weiß, ich weiß, nur eines. Ich halte mich dann auch in weiterer Folge daran, aber für das erste Mal müssen es zwei sein um den Ausgangszustand zu dokumentieren. Tut mir Leid, ich fasse sie beide in einer kleinen Galerie zusammen und dadurch ist es eh fast wie eines.

Man sieht hier also die schon umgegrabenen barocken Schnörkel im Rasen vor Schloss Schönbrunn, die im Laufe des Jahres mit verschiedenen Blumen bepflanzt werden und ein paar von den derzeit kahlen Bäumen, die im rechten Winkel eine Allee bilden. Rechts sieht man einen Ausschnitt eines Glyzinien- Bogens. Die Pflanzen sind, wie im Jänner normal, völlig kahl.

Dies ist der Ausgangszustand. In den folgenden Monaten werde ich dann monatlich ein Foto zeigen von einem der Teile.

Ich hoffe, lieber Roland, es ist für dich so in Ordnung.

Urzeitlich jung

Im Haus des Meeres war ich heute, einer der drei Wiener Tiergärten, der aus einem Flak-Turm aus dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Das Gebäude wurde völlig renoviert, die alte Bausubstanz in Glas eingehüllt. Jede Menge Aquarien und Terrarien samt Bewohnern in verschiedenen Klimazonen. Viele der Tiere gehen, hüpfen, fliegen frei herum und man wird vor „Glückstreffern“ gewarnt, die eventuell von oben kommen könnten.

Die alten Luftschutzkeller wurden erhalten und können besichtigt werden. Wäre ich mit dem F dort gewesen, hätten wir sie uns wahrscheinlich angesehen. Meine heutige Begleitung wollte aber nicht hinunter. Ich fand es auch recht erstaunlich, dass viele der zahlreichen ukrainischen Familien, die da heute unterwegs waren in die Luftschutzkeller hinunter gingen. Vielleicht war ihnen nicht klar, was es zu sehen gab.

Ich finde die Renovierung sehr gelungen, aber mir fehlt der Schriftzug auf dem Flakturm, der mich jedesmal wenn ich ihn gesehen habe aufs Neue berührt und beeindruckt hat.

Er gehörte zu den bekanntesten künstlerischen Schriftzugen Wiens: „Smashed to Pieces (in the still of the night)“ des Künstlers Lawrence Weiner. Seit 1991 war diese Wortskulptur – ein Mahnmal gegen den Faschismus – auf dem Flakturm in Mariahilf zu sehen, in dem das Haus des Meeres untergebracht ist.

Nun ist, wie der „Standard“ berichtet, eine Nachahmung dieses bekannten Schriftzugs, der Ende April am Dach des Haus des Meeres übermalt worden war, wieder aufgetaucht  – und zwar auf einem anderen Flakturm: Jenem im Arenbergpark. Wer für diese Guerilla-Aktion verantwortlich ist, ist ebenso ungeklärt wie die Frage, wie der oder die Aktionisten den – an sich gesperrten- Flakturm überhaupt betreten konnten.

Das ist eine Guerilla-Aktion, die mir sehr gefällt und ich hoffe, dass man die „Schuldigen“ nicht findet. Inzwischen hat sich eine andere Lösung gefunden, aber es ist einfach nicht dasselbe.

Mittwoch 21. Dezember 2022 – Banalitäten

Heute findet wieder ein Zahnarzttermin statt um zu sehen, ob der Eiterherd „besiegt“ ist. Kriegerisch geht es bei mir überhaupt zu. Das Immunsystem ist generalmobilisiert. Die Makrophagen sind hungrig und aggressiv, die T-Zellen dagegen marschieren diszipliniert in Reih und Glied: und schwenk nach links, und Schildkröte und zuschlagen, die Coronaviren haben eine Rundum-Niederlage erlitten. So stelle ich mir die inneren Kämpfe vor, dank bildhafter Phantasie sehe ich die Legionen plastisch vor mir.

Der Vorweihnachtsstress legt sich langsam, der letzte Meditationsabend des Jahres, der letzte Ungarischkurs vor Anfang Jänner. Tatsächlich wird natürlich gar nichts abgeschlossen und neu begonnen, es sind nur Pausen. Meine Geschenksterminverlegung auf Neujahr bewährt sich auch, ich bin entspannt. Der arme F muss sich durch drei Firmenweihnachtsfeiern arbeiten, zwei hat er schon.

Heftiger Themenwechsel. Blätter sind doch in allen Jahreszeiten schön. Allein schon die Oberflächenstrukturen