Kategorie: SPORADISCHES TAGEBUCH

Die lila Karotte

Lila Karotten sind mir bislang noch nicht untergekommen und daher war ich neugierig als ich sie bei meinem Gemüselieferanten angeboten sah.

Diese ursprüngliche Variante der Karotte, aus der die orangen Sorten hervorgegangen sind, schmeckt ein bisschen wie rote Rüben aber ohne die erdige Nuance. Sie soll ganz ungeheuer gesund sein (welches Gemüse ist das laut Beschreibung nicht? ). Auf jeden Fall färbt sie ganz intensiv alles, was nur in ihre Nähe kommt.

Montag 22. Februar 2021

Zwar hat der F einen Nachsendeauftrag bei der Post, das Nachschicken funktioniert aber nur gelegentlich wenn überhaupt. Daher habe ich gestern eine Posteinsammel-Tour in seine Wohnung gemacht und dabei auch einen Spaziergang am Wasser. Die alte Donau ist teilweise noch gefroren.

Freitag 19. Februar 2021 – Augenblicke

„Ich schau aus wie die Hexe Soundso“ sage ich zum F und wühle vor dem Spiegel in meiner Nichtfrisur.

„Du schaust aus wie eine Corona-Königin“ antwortet er. Bevor ich das unter ganz herausragend charmante Komplimente verbuche, sehe ich seinen sehr breiten Grinser. Nett ist es aber auf jeden Fall, schließlich hätte er auch sagen können, dass er in seiner Beurteilung zwischen der Hexe Kniesebein und Mme Mim schwankt. Verbuche ich es halt unter „Prinzipiell Liebevolles, aber …“

Einen möglichst ähnlichen Sinn für Humor zu haben, finde ich in einer Beziehung sehr wichtig. Man erspart sich vieles an Missverständnissen und Kränkungen.

Die Geschichte zum Bild

Vielen Dank an alle für die Infos !

An diesem Bild hängt eine kleine Geschichte: Mein Atelierkollege hat es gemalt. Ich habe es zum ersten Mal noch ohne Schrift gesehen und vermutet, dass es sich um einen altirischen Helden handelt, der versonnen über Tara blickt. Daraufhin hat der D geantwortet, dass er ganz zerknirscht ist, weil das doch die Kathy Soundso ist, die ihm 3 Stunden Modell gesessen ist. Beim nächsten Mal hatte das Bild dann diesen Schriftzug. Unsere Diskussion über Charakteristika  weiblicher bzw männlicher Gesichter steht noch aus.

Es wird also wohl Katjuscha heißen sollen und der D, der keine kyrillische Schrift beherrscht  hat „M“ und „T“ verwechselt.

Mittwoch 17.Februar 2021

Das waren wohl die letzten Eiszapfen dieses Winters. An sich liebe ich den Winter, aber nicht diesen. Von diesem Winter wünsche ich mir nur, dass er vorbeigehen und die Temperaturen steigen mögen, was meine Lebensqualität in etlichen Aspekten verbessern wird.

Ich überlege, ob ich mich auf der Wiese vor dem Atelier gärtnerisch betätigen soll. Blumenzwiebeln? ein Hochbeet? ein paar Büsche? Schwierige Entscheidung, weil ich ja die Leute nicht kenne, die in diesem Haus wohnen. Unser Vermieter sagt, dass sie sehr nett sind und die gemeinsame Grünfläche überhaupt nicht nützen. Aber die Balkone, die auf unsere Seite schauen sind bewohnt und begrünt. Das lässt hoffen, dass die darin wohnenden Leute nichts gegen ein paar Pflanzen haben werden. Aber sowas muss man vorsichtig angehen. Der D und ich haben uns schon auf einen Heurigentisch vor der Tür verständigt. Damit werden wir einmal unsere Präsenz bekanntmachen und dann wird man ja sehen. Falls gleich ein paar wutschnaubende Leute erscheinen oder gar der Tisch über Nacht verschwindet  brauchen wir zuerst eine Charme-Offensive.

Aber ja, ich bin auch zu einer Charme-Offensive bereit, ein kleines Einweihungsfest des Ateliers für die Nachbarn, warum nicht. Die A samt Baby müsste natürlich auch dabei sein. Ein Baby ist ein sehr positiver Faktor für die Anbahnung von guten nachbarschaftlichen Beziehungen.

Vorläufig regieren aber noch die Eiszapfen.

Hin und wieder darf man doch ……

Man soll sich ja über seine Mitmenschen nicht lustig machen, aber wenn jemand monatelang täglich in hysterisch anmutendem Eifer mehrere Verschwörungslinks postet, die anscheinend bald wieder gelöscht werden, weil sie sogar nicht zimperlichen Plattformen wie you tube zu blöd und/oder zu hetzerisch sind, in regelmäßigen Abständen den Weltuntergang prophezeit und auch sonst intensiv über Bedrohungen und Verfolgungen schwadroniert,  dann schreibt “ da könnte man doch glatt paranoid werden“, dann darf ich schon wenigstens schmunzeln, oder ? Eine rhetorische Frage, ich möchte keine Diskussion zum Thema führen

Es häufen sich die Hinweise darauf, dass ich ganz bestimmt nicht auf Twitter aktiv sein möchte. Wie bei allen Kommunikationsmitteln und Medien kommt es darauf an, wie man sie nützt, natürlich. Ich meine hier das „tägliche Geschäft“ wo die Leute darüber berichten, in welchem Gang sie gerade durch den Supermarkt gehen oder Ähnliches. Der alte Spruch, aufs Fernsehen gemünzt, trifft auf die „neuen Medien“ noch viel mehr zu “ Vom Fernsehen (hier durch Internet zu ersetzen) werden die Klugen klüger und die Dummen dümmer“

„Mutationsgebiet“ halte ich ganz unabhängig von virologischen und politischen Fragen für eine sehr misslungene Wortschöpfung. Ähnlich arg wie „freitesten“.

Ich habe heute einen kritisch-spitzen Tag, was sich hoffentlich bald wieder ändern wird …

Genau so etwas …

… hatte ich auch einmal an der Wand. Vielleicht nicht ganz so verzweigt, aber auch aus Klorollen. Und es kam mir unendlich originell vor. Wie man sieht, ist aber zumindest ein anderer – ich vermute es werden wohl mehrere sein  – auf dieselbe Idee gekommen.

Endlich wieder !!

Die Gastronomie ist geschlossen, aber die Geschäfte sind offen und auch die Museen. Zu meiner ganz großen Freude. Schon im Mai hat die Albertina modern eröffnet und seitdem mache ich immer wieder Anläufe um mir das neue Museum anzusehen. Nicht dass das besonders kompliziert wäre: die Albertina modern liegt im Zentrum von Wien mit einer U-Bahn-Station gleich daneben. Heute bei strahlendem Sonnenschein habe ich es endlich geschafft.

Die Albertina Modern ist im Künstlerhaus untergebracht, einem Gebäude, das 1868 fertiggestellt wurde und einen reizvollen Kontrast zu der darin ausgestellten modernen Kunst darstellt.

Ich hatte damit gerechnet ein eher leeres Museum anzutreffen, schließlich gibt es in Wien derzeit keine Touristen und die paar wenigen würden ja wohl nicht ausgerechnet heute Nachmittag die Albertina modern besuchen wollen. Tatsächlich waren keine Menschenmassen unterwegs, aber doch wesentlich mehr Museumsbesucher als ich vermutet hätte. Sehr viele junge Menschen, sogar eine englischsprachige Gruppe mit Führerin war unterwegs. Unter normalen Umständen ist das ja nicht bemerkenswert, heute schon.

Die Essl-Sammlung inklusive Fotografie-Ausstellung habe ich mir vorgenommen, eine Anzahl von Werken, die nicht zu klein und nicht zu groß war. Mit zu wenig kann ich gut umgehen, aber zu große Ausstellungen sind immer frustrierend. Alles wahrzunehmen und aufzunehmen ist unmöglich, was also soll man weglassen? War die Entscheidung richtig ? Vielleicht doch lieber alles oberflächlich ansehen als irgendetwas auslassen usw usf

Vieles hat mir gefallen, anderes nicht. Vieles fand ich inspirierend, anderes ließ mich kalt. Schon vor langer Zeit habe ich für mich entschieden, dass mich Debatten darüber, was Kunst sein darf und was nicht, überhaupt nicht interessieren. Weder beschäftige ich mich mit Kunstkritik noch muss ich gar von Kunst leben. Ich genieße den absoluten Luxus, Werke betrachten zu können, die mich ansprechen, die mich irgendwie berühren, die ich schön, interessant, aufwühlend finde und alle anderen links liegen lassen zu können. Nichts zwingt mich im Bereich der Kunst objektiv, zurückhaltend, fair zu sein. Was mich anspricht, beachte ich, was nicht nicht. Ich kann durchaus die künstlerische und/oder handwerkliche Qualität eines Werks anerkennen ohne dass es mir irgendetwas gibt. Und manchmal dagegen finde ich ein paar Linien überwältigend.

Ein Beispiel von einem Werk, das ich heute sehr beeindruckend fand:

„Die Päpste“ oder „heilende Akrobatik“ von  Virgilius Moldowan, 2008.Der Künstler wurde 1955 in Brasow, Rumänien geboren und lebt seit 1986 in Wien

Überlebensgroße Silikonfiguren von den Päpsten Karol Wojtyla und Joseph Ratzinger.

Die Darstellung ist hyperrealistisch und zeigt die körperlichen Spuren des Alters

 

Freitag 12. Februar 2021

Der F arbeitet zu viel. Zu lang und zu konzentriert und seit Monaten im Homeoffice. Ich dachte immer, dass es weniger stressig ist, zuhause zu arbeiten, allein schon weil man sich den Weg zum Arbeitsplatz erspart. Das war aber ein Irrtum. Neben einigen Vorteilen, die zusehends kleiner werden, hat das Arbeiten zuhause den ganz großen Nachteil, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit völlig verschwimmen, zu Ungunsten der Freizeit natürlich.

Heute hatte sich der F einen freien Tag genommen, weil er das Bedürfnis hatte, ein bissl Natur zu sehen. Dummerweise war es der bisher kälteste Tag des Winters und wir konnten nicht sehr lange unterwegs sein, weil die Kälte durch und durch ging. Trotzdem war es erholsam zwischen den Schwarzföhren herumzustapfen und die Sonne zu genießen an diesem eisigen aber strahlenden Tag

Die Habsburger Kaiserin Maria Theresia (1740-1780) ließ im südlichen Niederösterreich weitläufige Schwarzföhrenwälder anlegen, wodurch einer Verkarstung der Landschaft bis heute entgegengewirkt wird. Man sieht sehr gut, in wie wenig Erde diese Bäume überleben können.

Darüber, dass man seine Ressourcen erkennen, entdecken und aktivieren muss, höre ich gerade im Radio während ich meine Sachen packe um ins Atelier zu gehen. Von einem Psychotherapeuten, der in seiner Praxis ein Trampolin stehen hat um seine Patienten physisch zu aktivieren. Von der Wichtigkeit der Bewegung für die Psyche,  von der möglichen Erstarrung des autonomen Nervensystems und den zahlreichen Stresserkrankungen ist die Rede, aber auch davon dass Menschen aneinander wachsen.

Mittwoch 10. Februar 2021

3700 % soll die Inflation in Venezuela betragen. Das muss man sich in der Praxis vorstellen, Preise ändern sich mehrmals täglich beträchtlich. Bei Anfällen von Selbstmitleid, wie furchtbar doch alles derzeit ist, muss man sich solche Lebenssituationen vor Augen führen. Diese und viele andere. Sehr imponiert hat mir in diesem Zusammenhang, dass Kolumbien sämtlichen Flüchtlingen aus Venezuela Unterstützungen und Zugang zum Arbeitsmarkt, der Gesundheitsversorgung und der Bildung gewährt. Das ist ungeheuer großzügig und ich hoffe, nicht demnächst zu erfahren, dass irgendwelche finsteren Motive dahinter stecken.

Der Gastronomie in Wien geht es schlecht, weil die Lokale geschlossen sind, aber beim Herumstromern sehen ich immer, dass auch die kleinsten Cafés, Imbissstuben, Restaurants über die Gasse verkaufen und bei vielen stehen die Kunden Schlange. Es haben wohl alle genug vom immer nur selbst produzierten Essen und vom ständigen Kochen.Trotzdem werden viele Betriebe eingehen oder zumindest nicht alle Angestellten halten können. Man kann nur hoffen, dass es nicht so schlimm wird, wie es aussieht.