Kategorie: SPORADISCHES TAGEBUCH

Seit gefühlt ewigen Zeiten

habe ich keine live-Musik mehr gehört und fast vergessen, wie groß der Unterschied ist, echte Menschen statt irgendwelche Trägermedien zu erleben. Es ist wie bei den Bildern. Natürlich kann man sich Bilder auf Fotos ansehen, aber es ist doch überhaupt kein Vergleich mit einer persönlichen Begegnung.

Sie waren beide sehr gut, der Gitarrist gar hervorragend. Eine unerwartete und höchst erfreuliche Zugabe zu einer Ausstellung, die von einem Ärzte-Kunstverein alljährlich abgehalten wird. Einer der Musiker ist Untermieter eines der Mitglieder des Vereins und so kamen wir zu dem Konzert. Von den Bildern und Skulpturen hat mir kaum etwas gefallen. Ich war aber zufrieden, weil ich immer wusste, warum mir etwas nicht gefiel. Und das war nicht immer so.

Auch wenn er mir nicht gefällt, respektiere ich doch jeden eigenen Stil, aber muss Van Gogh oder Dali als Inspiration herhalten, wenn man so gar nicht an sie herankommt ?

Innerstädtischer Kanal

Wenn ich vom Ungarischkurs nachhause schlendere, nehme ich eine der drei möglichen Brücken über den Donaukanal. Da herrscht zumeist Blaue-Stunden-Stimmung. Bei warmem Wetter trifft sich die Jugend am Donaukanal.

Auf der Brücke sieht es so aus

Sonntag 15.Mai 2022 – Schwarz und türkis

Remineszenzen an die Sowjetunion mit Wahlergebnissen über 90% für die jeweiligen Parteivorsitzenden in Abwesenheit alternativer Kandidaten kann man derzeit auch in Österreich beobachten. Am Parteitag der ÖVP am vergangenen Samstag wurde der neue Parteichef und derzeitige Bundeskanzler, Karl Nehammer, mit 100% Zustimmung (in Worten: hundert) gewählt. Ob das wohl heißt, dass er dabei keine Stimme hatte oder dass er sich selbst auch gewählt hat ? „Gewählt“ kann man sowas ja eigentlich nicht nennen, es gab keinen Gegenkandidaten und etliche sollen dem Parteitag fern geblieben sein.

„Und das ist erst der Anfang“ verkündete er nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses, auf das er stolz zu sein schien. Aha, nächstes Mal 200% ? In der derzeitigen Lage der ÖVP, in einem bekannt gewordenen Sumpf aus Korruption und Machtmissbrauch, der in zahlreichen Untersuchungen der Korruptionsstaatsanwaltschaft und ebenso zahlreichen Gerichtsverfahren behandelt wird, klingt die Ankündigung „und das ist erst der Anfang“ eher wie eine wilde Drohung. Die Beliebtheit, in der sich die ÖVP zu Zeiten von Kurz sonnen konnte, ist dahin, die Umfragewerte sinken und sinken. Auch in diesem Zusammenhang ist „das ist erst der Anfang“ unglücklich gewählt. Eventuell wurde der Satz aber auch bei der Berichterstattung über den Parteitag etwas aus dem Zusammenhang gerissen, trotzdem.

Dennoch ist Nehammer für mich, im Vergleich zu seinen Vorgängern als ÖVP-Parteivorsitzende und Kanzler wie Kurz oder Schüssel eher sympathisch, was nicht heißt, dass ich ihn und/oder seine Partei jemals wählen würde.

Gestern sah ich dann noch eine Diskussion zum Thema „ÖVP, was nun?“. Die Generalsekretärin der ÖVP, Sachslehner, war da zu bewundern, eine Frau, die hervorragend ins Team Kurz gepasst hätte. So eine Ansammlung von leeren Phrasen, Vermeidung der Erwähnung jeglicher Fakten und aggressivem Grundtenor! Einen großen Punkt für die ÖVP machte in meinen Augen der ehemalige EU-Agrarkommissar Fischler, dem diese Dame offenbar auch heftig auf die Nerven ging und der ihr nach Vorausschicken von „niemals würde ich ihnen vor der Kamera Ratschläge erteilen“ empfahl, über die Grundlagen nachzudenken auf die sie ihre Kommunikationsstrategie aufbauen wollte. Im Klartext heißt das höchstwahrscheinlich „Reden sie nicht so einen Schmarrn daher!“

Ein politiklastiger Tag war das.

Freitag 13. Mai 2022

Der Plausch am Ententeich, temperatur- und stimmungsmäßig mitten im Sommer hat mir gut gefallen. Ich treffe eigentlich meine ehemaligen Kolleginnen lieber einzeln als in der Gruppe. Zumal die Gruppe von Frühaufsteherinnen dominiert ist und sich immer zum Frühstück trifft. Frühstück ist für mich kein angenehmes „soziales Ereignis“. Es macht mir keine Freude um 7 aufzustehen, ans andere Ende der Stadt zu fahren und dort zu frühstücken. Ich treffe also lieber diejenigen Mitglieder der Gruppe, die ich gerne treffen möchte am Nachmittag oder Abend.

Im übrigen ärgere ich mich gerade sehr über mich selbst, weil ich doch glatt übersehen habe, dass die Frist für die Unterstützung von sieben Volksbegehren geendet hat ohne dass ich eines unterschrieben hätte. Es waren sieben und davon hätte ich gerne das Anti-Korruptionsvolksbegehren unterschrieben und die Forderung für mehr und bessere psychologische und psychiatrische Behandlung von Jugendlichen. Es ist ziemlich erschütternd wie viel Bedarf es dafür gibt. Aber nein, ich habe das Ende der Frist übersehen.

Mittwoch 11. Mai 2022 – Napló

An der Ungarischfront geht es gerade hoch her. Wir haben einen ersten Test gemacht mit dessen Ergebnis ich ganz zufrieden bin, nur bei den Vokabeln hapert es noch etwas. Wenn man aber bedenkt, wie schwierig sie zu merken sind, weil es kaum jemals irgendeine Ähnlichkeit mit einer mir bekannten Sprache gibt, dann sieht es damit auch nicht so schlecht aus. Als kleine Kostprobe die Wochentage, besonders der Donnerstag hat es mir angetan.


hetfő – kedd – szerda – csütörtök – péntek – szombat – vasárnap

Ich habe eine sehr brauchbare ungarische Tastatur gefunden, die auch vorliest. Die Akzente sind ja leicht zu setzten, Umlaute gibt es auf einer deutschen Tastatur auch, aber im Ungarischen unterscheidet man zwischen langen und kurzen Umlauten:
őőőőő   ööööö
űűűűű    üüüüü

Meine Begeisterung für die Sprache ist ungebrochen. Einer meiner Mitlernenden meinte, dass seine Motivation durch die Wiederwahl von Orbán doch deutlich beeinträchtigt wäre. Für mich ist das nicht so. Weder hat Orbán die Sprache erfunden noch beeinflusst er sie und ewig wird er auch nicht an der Macht bleiben.

Auf bis zu dreißig Grad soll die Temperatur heute ansteigen. Ich verstehe wirklich nicht, was es denn da zu jubeln gibt. Dreißig im Mai, fünfundvierzig im Juli ?

Sonntag 8. Mai 2022 – Kirtag

Kirtag war in PB mit einer ganz erstaunlich jungen Mannschaft aus dem örtlichen Musikverein. Ich dachte, dass die Um-tata-Musik mehr eine Sache älterer Semester wäre, aber das Beweisfoto unter der Linde, die um 1300 gepflanzt worden sein soll, zeigt anderes. Kulinarisch war auch nicht viel los: Hamburger und Pommes. An einem Stand gab es Brot aus einem alten Holzofen. Gut, aber was hilft der noch so abenteuerliche Ofen, wenn der Teig völlig ungewürzt ist? Einen Stand der Lebenshilfe gab es, wo ich ein paar hübsche Kerzenständer gekauft habe, die ich nicht brauche, aber die Werkstätten der Lebenshilfe unterstütze ich immer gerne.

Die enge Straße neben dem Hauptplatz war rechts und links von Standln besetzt, alle in indischer Hand und alle mit dem praktisch identischen Sortiment an Gürteln, Taschen, Bekleidung, Plüscheinhörnern und diversem sonstigen Kitsch. Eigentlich furchtbar, aber ja, die Verkäufer von Ramsch müssen auch von irgendwas leben. Ich frage mich nur, warum sie ihr Sortiment nicht manchmal verändern. Die genau gleichen Standln stehen auch in Wien und immer mindestens ein halbes Dutzend nebeneinander, die alle versuchen, die mehr oder weniger gleichen Waren zu verkaufen.

Für diese Veranstaltung nach PB zu fahren, hätte sich nicht gelohnt, aber die Spaziergänge im sanften Nieselregen, im explodierenden Frühling dann schon.

Samstag 7.Mai 2022 -Entspannung

Der F. als wohlwollender Begleiter einer notorischen Knipserin zuckt nicht einmal mehr mit der Wimper wenn ich statt des Künstlermarktes, über den wir gerade schlendern, das alte Holztor fotografiere. Dabei hat mir der Markt gut gefallen, mit zwei Malerinnen bin ich ins Gespräch gekommen und habe mir Visitenkarten mitgenommen. Die Stimmung war angenehm, es tröpfelte so vor sich hin, manchmal kam auch die Sonne heraus.

Ein Wochenende auf dem Land mit kleinen Attraktionen und großer Freude. Es ist ja eigentlich keine Bereicherung, wenn man zwischen fünfzig Veranstaltungen wählen kann, sich für eine entschließt und dann ständig den Eindruck hat, die falsche gewählt zu haben. Gibt es nur eine Veranstaltung entfällt die Problematik der Wahl .

Sonntag 1. Mai 2022 – gelungener Kulturmix

Der Wiener Donauturm und der Pavillon im Garten eines ganz hervorragenden Chinarestaurants im Donaupark. Schon der Park ist sehr schön, die Kombination von Hochhäusern und alten Bäumen, von vielen naturbelassenen Flächen mit Rosen und verschiedenen Brunnen. Das Essen in diesem Restaurant ist schlichtweg köstlich. Es hat einen Innenhof mit Pavillon, einen Teich und einen gepflegten Garten. Oft versammeln sich dort die Angestellten der Chinesischen Botschaft und auch viele andere Chinesen. Obwohl es ein sehr angenehmes Ambiente ist, kommen sie aber wahrscheinlich wegen der Küche. Auch wir gehen wegen der Küche hin.

Samstag 30.April 2022 –

Der F und ich führen gerne am Wochenende beim Frühstück tiefsinnige Gespräche. Heute ging es um den Aspekt der Freiwilligkeit von tugendhaften Handlungen. Um die Klippe, was den überhaupt tugendhaft ist, sind wir zunächst großflächig herumgeschifft.

Besonders in islamischen Ländern aber auch im Bereich anderer Religionen gibt es das grundsätzliche Konzept, dass Menschen vor Versuchungen des „Bösen“ unter welchem Namen auch immer beschützt werden sollen. Manchmal mit allen Mitteln bis zum Verlust des Lebens.
Die Gegenthese, die vor allem im nicht-religiösen Bereich vertreten wird, ist, dass Tugend Selbstverantwortung braucht, ohne die sie eigentlich nur folgsame Erfüllung von Geboten und Verboten ist ohne dass eigene Überzeugung eine Rolle spielt. Nach dem Motto „ich habe nur meine Pflicht erfüllt“. Inwiefern kann man als tugendhaft betrachten, was nur getan oder vermieden wird, weil man einen strafenden, sanktionierenden Gott fürchtet? In Klammern gesetzt ist es allerdings für die Wirkung tugendhafter Handlung völlig irrelevant aufgrund welcher Motivation sie gesetzt werden.

Gibt es keinen Gott oder eine wie immer geartete höhere Instanz ist Tugend selbst definiert. Da beißt sich die Katze in den Schwanz: selbstdefinierte und -verantwortete Tugend wird von keinem Gott oder sonst jemandem belohnt, die Abwesenheit von Tugend aber auch nicht sanktioniert.



Freitag 29.April 2022 – Blätter und Geist

Einmal geht´s noch, Salat aus jungen Spinatblättern. Die Blätter sind eigentlich schon etwas zu groß und hart an der Grenze zu dem Zeitpunkt, an dem sie beginnen Oxalsäure zu produzieren. Dann sollte man sie nicht mehr roh essen sondern kurz blanchieren. Bei mir herrscht gerade eine Grünphase: in letzter Zeit hatte ich in der Biokiste hauptsächlich Obst bestellt, in der gestrigen Lieferung waren aber hauptsächlich Blätter von verschiedenen Gemüsesorten in verschiedenen Grüntönen. Und diese ungewöhnlich aussehenden dunkelroten Karotten, aus denen das Provitamin A nur so herausschwappt. Sogar der F, ein extremer Apfeltiger, mag gelegentlich keine Äpfel und dann haben wir, so wie gerade, mehrere große Schüsseln Äpfel in der Küche herumstehen, die darauf warten, dass sie verputzt oder verarbeitet werden.

Ganz wichtig finde ich es im Alltag eine gute Balance zwischen intellektuellen und „erdigen“ Themen zu bewahren. Manchmal hat man ja längere Phasen von der einen oder der anderen Seite, in glücklichen Momenten lässt sich beides vereinen, auf jeden Fall aber sollte doch mittelfristig die Balance gewahrt bleiben. Ich halte es ja längere Zeit weder ohne das eine noch ohne das andere aus und meist reguliert sich daher das Gleichgewicht von selbst. Kochen und Fotografieren gehört zu den erdverbundenen Themen, Besuche im Tiergarten fallen unter sowohl als auch.

Da habe ich doch tatsächlich auch ein passendes Foto zu Karotten und Salat.

Identität und Spiegelung

Es gibt ja manchmal Textstellen in literarischen Werken, die genau gewissermaßen ins eigene Schwarze treffen. So geht es mir mit dieser Stelle. Die Stelle ist aus einem Buch, zu dem ich völlig zufällig gekommen bin. Jemand hat es mir in die Hand gedrückt und gemeint, ich sollte doch einmal schauen, ob es mir gefällt.

Eine Weile stand er fröstelnd am Quai und betrachtete ein paar Möwen, die auf dem Deck eines der Segelboote aufgereiht nebeneinander saßen und schliefen. Unter dem Rumpf des Bootes bewegten sich die Schatten kleiner Fische. Dann erblickte er im schwarzen Wasser vor sich in perspektivischer Verzerrung sein Spiegelbild, wie es schlingerte, schaukelte und schwankte, sich hin und her bewegte, auseinanderriss, zitternd wieder zusammenfloss und erneut in kleinen Wellen zerlief. Er musste lächeln, denn der Mann im Wasser, diese oszillierende Erscheinung dort unter ihm, die nie eine klare Form finden würde, war er.

Ulrich Tukur "Der Ursprung der Welt" Roman  S.Fischer: 2019  S63

Das Nichtvorhandensein einer starren, unwandelbaren Identität ist ein Thema, das ich nicht nur spannend sondern oft auch sehr entspannend finde. Wir können mehr und anders sein, als die klar umrissene Person, die wir in der eigenen Vorstellung meistens sind. Es ist mehr an uns dran, als immer nur die gleichen Verhaltensweisen und Muster.

Strudel und Strömungen

Die Fotos sind nicht gerade gelungen, aber anders war es nicht möglich. Man sieht die Strudel des Strudengaus und die alte Inschrift.

Es ist schon ein Jammer in wie vielen Ländern der Welt Menschen Politiker wählen, die sie sehr kritisch betrachten, weil die einzige Alternative Menschen sind, die sie auf keinen Fall an der Spitze ihres Staates haben wollen. Immer nur das kleinere Übel. Schon viele Jahre, an vielen Orten. Das ständige Politiker-bashing verschlimmert die Lage noch. Wer will es sich – vor allem auf den unteren Ebenen – antun Politiker*in zu werden? Es wird zB immer schwieriger, Leute zu finden, die Bürgermeister werden wollen.

Macron wurde ohne Begeisterung gewählt, wieder einmal um LePen zu vermeiden. Ich selbst habe schon oft Parteien bzw Personen gewählt, die mir als das kleinere Übel vorkamen. Waren sie auch, keine Frage, trotzdem wäre es schön, jemanden mit Begeisterung zu wählen, mit der Überzeugung , dass er/sie die genau richtige Person für diese Amt ist.

Der F als starker Farbkontrast in der Landschaft kurz vor dem Bewundern eines verbliebenen Burgturms

Was in PB so alles los ist, hätte ich nie vermutet. Vereine über Vereine, Projekte nach Projekten. Zum Beispiel gibt es ein Ortverschönerungsprojekt gemeinsam mit der TU Wien. Das Land NÖ fördert die Verlegung von Glasfaserkabeln im ganzen Ort bis vor die Haus- bzw Wohnungstür. Angeblich soll der Baubeginn Ende Sommer sein. Man wird sehen, wie schnell die schnelleren Leitungen fertig sind. Sie werden jedenfalls für Fs Homeofficetage eine große Erleichterung sein.

Wir sind am Osterwochenende in westlicher Richtung an der Donau entlang gefahren, durch den Strudengau und ich muss schon sagen, dass die Landschaft dort jener in der Wachau um nichts nachsteht, sie ist nur nicht so bekannt. Kulturell ist in der Wachau mehr los, aber dafür gibt es auch schon wieder Unmengen von Touristen, die sich durch die engen Gassen von Weißkirchen und ähnlichen Orten schieben. Schön, aber am besten außerhalb der Marillenblütensaison und der Sommersaison