Kategorie: SPORADISCHES TAGEBUCH

Samstag 16.Oktober 2021

Heute geht´s los. Ich bin registriert und eingecheckt und muss nur noch am Flughafen erscheinen, so pünktlich wie möglich. Mir graust vor den 3 1/2 Stunden Maske. Deswegen habe ich auch so lange gebraucht um mich endlich zu entscheiden.Wahrscheinlich wird es aber nicht so schlimm werden, denn es gibt etwas zu Essen und dazu muss man ja wohl den Mund frei machen.

Ziemlich furchtbar wäre, wenn es im Flugzeug eine/n Covid-Infizierten gäbe, denn dann müssten alle die rundherum gesessen sind in Quarantäne. Hotelquarantäne mit Meer in ein paar Metern Entfernung und nicht hin können, stelle ich mir ziemlich gruselig vor. Ebenso wie das unbemerkte Raus- und wieder Reinkommen ins Hotel. Aber das ist ja doch ein recht unwahrscheinliches Szenario. Wahrscheinlich sind ein paar sehr entspannte Tage an der Küste.

Die Erfahrung sagt mir, dass ich – egal wie nervös ich davor war – nachdem ich die Wohnungstür zugemacht habe in den Entspannungsmodus schalte und dass ist ja der Zweck der Übung.

Donnerstag 14.Oktober 2021 – Austausch

Für mich hat der Austausch mit Gleichaltrigen, die in ähnlichen Umständen leben eine ganz besondere Qualität. Ebenso wie für Teenager die Peergroup von großer Bedeutung ist, ist sie das auch für Ältere. Manche Themen kann man am besten oder ausschließlich mit Menschen ungefähr gleichen Alters besprechen. Das hat mit Lebenserfahrung zu tun und mit dem „Zeitgeis“, auch mit gemeinsam Erlebtem in Gesellschaft und Politik.

Auch der Austausch zwischen Generationen hat viel zu bieten, ist aber doch wieder ganz anders. Ebenso wie der Austausch zwischen Menschen, die verschiedenen Meinungsblasen angehören, der oft sehr schwierig, aber auch sehr lohnend ist. Der ausschließliche „Aufenthalt“ in einer Meinungsblase tut nicht gut

Austausch jedenfalls braucht es, außer man möchte Eremit*in werden, was sicher auch seine Vorzüge hat aber nach einiger Zeit dazu führt, dass man nur mehr mit großen Schwierigkeiten oder gar nicht mehr in der Lage ist, sich in der Gesellschaft zu bewegen. „Blogbeziehungen“ liegen da irgendwo dazwischen. Ich setze sie in Anführungszeichen, weil es meiner Meinung nach keine echten Beziehungen gibt, wo keinerlei persönliche Begegnung stattfindet.

Irgendetwas gibt es an jedem/jeder zu loben

In diesem Sinne möchte ich darauf hinweisen, dass unser neuer Kanzler von Kurzens Gnaden eine sehr angenehme Stimmlage hat und eine wirklich äußerst kultivierte Sprache. Von Burgtheater aufwärts. Von dem, was er sagt, bin ich deutlich weniger begeistert. Es ist aber alles noch in Bewegung und im Umbruch und man kann noch gar nicht sagen, wie sich die Machtstrukturen entwickeln werden. Offenbar sind die Landeshauptleute aus ihrer türkisen Starre erwacht und daraus kann sich noch so einiges ergeben. Ob mir das, was die erzkonservativen ÖVP-Landeshauptleute vielleicht ausbrüten werden besser gefällt, ist aber unwahrscheinlich.

Ich gehe also in einen hedonistischen retreat, fahre ans Meer und lasse mich überraschen. Der Laptop bleibt zuhause.

Das Foto kann man interpretieren: Es wird finster und die Lampen leuchten noch nicht. Aber zum Glück gibt es ja rundherum andere Arten der Beleuchtung.

Sonntag 10. Oktober – Überraschungen

Wir waren den ganzen Tag in PB und hätten mit dieser Überraschung nun wirklich nicht gerechnet. Kurz ist doch tatsächlich vom Amt des Bundeskanzlers zurückgetreten. Er wird Clubchef seiner Partei im Parlament, was ihm als Kollateraleffekt parlamentarische Immunität verleiht. Zum neuen Regierungschef macht er einen seiner engen Vertrauten, den derzeitigen Außenminister. Es kann sich wohl jede/r ausmalen, wie sich die Machtverhältnisse de facto gestalten werden.

Auf einer Demo vor dem Kanzleramt wird „Tango Korrupti“ gespielt. Da wäre ich vielleicht hingegangen, aber wir sind zu spät nach Wien gekommen und wurden von den Ereignissen überrascht. Gestern erklärte Kurz noch er würde selbstverständlich und unter allen Umständen im Amt bleiben und schickte zwei seiner Getreuen vors Mikrofon, die verkündeten, dass die ganze Partei „wie ein Mann“ hinter ihm stünde. Offenbar hatten einiger der Elemente dieses „Mannes“ Hackln dabei, die sie von hinten schwangen. Vorläufig hat er nicht viel an Macht verloren, aber sein Strahlemann-Effekt ist vorbei, er ist moralisch schwer angeschlagen und die Ermittlungen werden auch irgendwann weiter laufen.

Langweilig ist es in der österreichischen Innenpolitik derzeit wirklich nicht

Bohrer, Hämmer und Hobbies

Seit gut einer Woche – und noch ist kein Ende abzusehen – renovieren meine Unternachbarn. Es ist sehr laut. Das Hämmern wäre nicht so schlimm, aber die jaulenden Bohrgeräusche in der Betonwand sind sehr durchdringend. Heute und morgen ist die Küche dran, was man einem Zettel entnehmen kann, mit dem sie um Verständnis bitten. Ich habe eh Verständnis dafür, dass man seine Wohnung renovieren möchte, trotzdem nervt es nach einer Woche schön langsam.

Ich habe ja viele und recht zeitaufwändige Hobbies. Ich begeistere mich für alle, betreibe sie völlig freiwillig und mit viel Freude, aber es zeigt sich Stress am Horizont. Während der lockdowns war es nicht nur einfach möglich sondern auch psychologisch sehr hilfreich zweimal in der Woche viele Stunden im Atelier zu verbringen. Sonst fand ja das Leben hauptsächlich online statt und vieles war überhaupt nicht möglich.

Jetzt sieht die Sache anders aus. Es ist mir stressfrei kaum mehr möglich, alles was ich tun möchte zweimal die Woche zu betreiben. Die Schwierigkeit liegt darin, mich weder zu stressen noch zu frustrieren noch alles auf einmal tun zu wollen und dann im Endeffekt womöglich gar nichts zu machen. Ich möchte auch unbedingt vermeiden, dass bei mir das Gefühl auftaucht, dass ich ständig hinter meinen eigenen Ansprüchen nachhinke, denn es sind im Grunde ja Ansprüche auch wenn es sich um lauter freiwillige, angenehme Beschäftigungen handelt.

Vielleicht sollte ich auf „Blockbetrieb“ umschalten, also zB. in einer Woche eine Sache intensiv betreiben und die anderen nur unter ferner liefen. Die nächste Woche die Prioritäten wieder verändern. Andererseits habe ich aber wenig Lust, mein Leben zu strukturieren wie im Gefängnis.

Ich denke, es wird sich von selbst ergeben und zurecht schütteln. Es ist für mich ja noch sehr ungewohnt, dass ich absolut tun und lassen kann, was und wann ich möchte.

Mittwoch 6.Oktober 2021 – ungarisches Geflüster

Der erste Ungarischkurs, mit etwas durchwachsener Bilanz. Die Kursleiterin war eine Vertretung der tatsächlichen Kursleiterin, die wir also erst in der zweiten Stunde kennenlernen werden. Das ist ja nicht so schlimm. Diese Lehrerin war sehr charmant, die Gruppe angenehmerweise auch nur aus fünf Personen bestehend, perfekt.

Bücher wurden verkauft, die sich zunächst niemand angesehen hat, was ein Fehler war. Es wird ein einsprachiges Lehrbuch und eine einsprachige Grammatik verwendet. Man stelle sich vor, ich beherrsche 3,5 Wörter ungarisch und soll nun die hochkomplizierte Grammatik dieser Sprache ausgehend von ungarischen Erklärungen, die ich natürlich nicht verstehe, erlernen. Schon in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wusste man, dass diese Lernmethode für Erwachsene und ohne sprachliches Umfeld völlig ungeeignet ist.

Ich möchte mich aber ungern als Horrorkursteilnehmerin profilieren nach dem Motto „ich habe jahrzehntelange Erfahrung als Sprachlehrerin und weiß, wie das geht“ und dann womöglich noch mit dem Zusatz „so nämlich nicht“. Ich will auch nicht jedes Mal bedeutungsvoll schauen, wenn irgendwas nicht funktioniert.

Nicht so toll fand ich auch, dass die Kursleiterin zuerst meinte, es wäre didaktisch völlig verkehrt gleich in der ersten Stunde in die nicht ganz einfache Grammatik des Ungarischen einzusteigen, aber zehn Minuten später mit hellen und dunklen Vokalen und dem Plural begann.

Die Lösungsmöglichkeit, zu der ich mich entschlossen habe, ist, großen Aufwand zu treiben. Mindestens ein anderes Lehrbuch und eine Grammatik erwerben, eine Vokabelkartei anlegen, die Arbeitsanweisungen und Erklärungen aus dem einsprachigen Buch durch DeepL jagen. Das wird recht mühsam, aber wahrscheinlich ist es letztlich recht effektiv, weil ich mir alles besser merken werde, wenn ich es abgeschrieben, eingetippselt und übersetzt habe.

Intrinsische Motivation übersteht schlechte Bedingungen, schlechte Lehrer*innen und ungeeignete Bücher.

„Tartalom“ wird wohl Inhaltsverzeichnis heißen

Montag, 4. Oktober – Qi Gong, der erste

Nachdem ich mich jetzt schon eine Weile theoretisch mit Qi Gong beschäftigt habe, war es an der Zeit, endlich einen Kurs zu besuchen. Und der Kurs hat sehr angenehm begonnen: von sechs angemeldeten Leuten sind nur drei erschienen. Na, mir soll es recht sein, wenn es so eine kleine Gruppe ist oder bleibt, mit einiger Wahrscheinlichkeit würde der Kurs aber teurer, wenn es bei drei Leuten bliebe.

Der Kursleiter war meiner Ansicht nach überhaupt nicht vorbereitet, hat seine Sache aber sehr gut gemacht. Wenn man in seiner Materie sattelfest ist, muss man sich ja auf einen Anfängerkurs auch nicht vorbereiten. Wir haben etliche einfache Übungen gemacht, die ich mir – zumindest bis jetzt – gemerkt habe.

Was die Theorie betrifft, so kommt mir vor, dass Qi Gong-Übungen ebenso wie im Großen und Ganzen sämtliche asiatischen Systeme letztlich die Synchronisierung von Körper und Geist anstreben. So sieht auch die Grundübung der Meditation aus, das Bleiben im Hier und Jetzt. Ich habe den Eindruck, dass ich nichts grundlegend Neues beginne, sondern eine andere Seite der Medaille betrachte.

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Freitag 1.Oktober 2021

Die Gemüsekiste wird auch schon herbstlich, was sich durch diverse Köpfe und Riesengemüse bemerkbar macht: Krautkopf, Kürbis, Zeller und Wälder von Mangold. Die Menge überfordert den Kühlschrank, daher mache ich eine nächtliche Kürbissuppe. Ein Trumm weniger und Kürbissuppe zum Frühstück. Na, warum auch nicht. Morgen Abend, je nachdem wann wir zurückkommen abendliche Erzeugung von Erdäpfel-Mangold-Püree. Das wird auch immer besser je länger es herumsteht. Und dann brauche ich noch eine Idee für den Krautkopf.

Die zahlreichen „letzten schönen Wochenenden“ im Herbst stehen bevor. Im Vorjahr waren es viele, wer weiß, ob es in diesem Jahr auch so ist. Aber die Verlockung für Ausflüge ist eben groß, vor allem beim F. der ja viel Auslauf braucht und seine diversen Fahrräder noch lange nicht einwintern möchte. Er hat schon ein Radl in PB stehen, ich noch nicht. Das hat unter anderem mit unterschiedlich großer Motivation zu tun, aber nicht nur. Das, was ich suche, ist schwer zu finden und Fahrräder bzw. Teile davon sind momentan schwer zu bekommen. Na, bis zum Frühling werde ich das spätestens geschafft haben.

Mittwoch 29.September 2021 – Weltgeflüster

Immer wieder erstaunlich ist es doch, dass es Menschen gibt, die gleichzeitig ungemein schleimig und kriecherisch und andererseits bodenlos eingebildet sein können. Die sich einerseits unendlich erhaben über alle anderen fühlen und andererseits, dort wo sie sich Lob und Anerkennung erwarten, kriechen wie die Würmer. Es sind oft sehr empathische Menschen, die probieren und ergründen und schließlich genau wissen, wie sie den einen um den Bart gehen um zu ihrem überlebenswichtigen Lob zu kommen und die anderen in die Achillesferse stechen. Unangenehme Menschen, die sich wohl eigentlich selbst auch nicht leiden können, die einem aber gelegentlich zu einigen Erkenntnissen verhelfen. Nicht freiwillig natürlich, sondern ohne dass sie es bemerken. Bedanken muss man sich daher nicht dafür. Sie denken, dass sie alle manipulieren, dass sie die Puppen an ihren Schnüren tanzen lassen und vergessen dabei wie leicht manipulierbar sie selbst sind durch ihr großes Bedürfnis nach Anerkennung.

Menschen halt.

Sonntag 27. September – Feurige Stille

Nein, es geht nicht um den Vulkanausbruch auf La Palma sondern um die Schmiedewerkstatt in der Kartause Mauerbach.

Den zweiten „Tag des Denkmals“ haben wir für eine Besichtigung der Kartause genützt und dies beide nicht bereut. Wir hatten eine wirklich großartige Führung, die uns über das Gebäude und seine Geschichte, über den Orden der Kartäuser und seine Besonderheiten und auch über den heutigen Stand der Dinge informierte. Ein Mitarbeiter des Bundesdenkmalamts betätigte sich als Führer und aus dem vorgesehenen 50 Minuten-Rundgang wurden 3 Stunden. Drei sehr interessante Stunde.

Besonders ist an dieser Kartause, das sie Werkstätten enthält, in denen alte Handwerkskunst ausgeübt und weitergegeben wird. Es finden permanent Kurse zB. Schmiedekurse statt, bei denen ausgebildete Handwerker alte Techniken erlernen können. Wir erfuhren, dass die Schmiedekurse ungemein beliebt und immer ausgebucht wären.

Es werden Kurse abgehalten, Aufträge auch von Privaten durchgeführt und die Kartause mit allen Gebäuden instand gehalten. Dies ist beispielsweise ein barocker Wasserspeier, der repariert wurde.

Allein schon die herumstehenden und -liegenden Werkzeuge hätte ich mir stundenlang ansehen können.

Wir sahen auch eine Parkett-Ausstellung und erfuhren, dass Kaiser Maximilian bevor ihn die Revolution von Benito Juarez überrannte, Parkettböden aus seiner Heimatstadt Wien bestellte.

Andere Böden wurden restauriert und man konnte zusehen, wie der Restaurator die wunderschönsten Intarsienarbeiten unter diversen Schichten von allen möglichen Materialien befreite. Zum Glück waren die Kleber damals noch wasserlöslich

Lahme Drachen

Ich spazierte durch die wunderschönen Barockgärten von Schloß Hof. Es blüht noch alles, die Brunnen sind noch in Betrieb und plätschern intensiv, ein sehr schönes Ambiente für das Drachensteig-Fest. Viele Kinder und natürlich auch Erwachsene, die ihre selbst gemachte Drachen steigen ließen. Den Hai mochte ich am liebsten. Es gab auch einen Drachen aus dem ein Teddybär mit Fallschirm absprang, eine sehr nette von vielen Kindern bejubelte Idee.

Was leider fehlte, war der Wind. Die kleinen Drachen waren schon kaum hochzubringen und die angekündigten großen waren mangels Wind erst gar nicht erschienen. Mit einer Ausnahme: dieser augenrollende Oktopus sah sehr lustig aus, schaffte es aber leider nur kurz bis kaum über den Boden.

Morgen geht das Spektakel in die zweite Runde. Laut Wetterprognose mit einem ebenso warmen, strahlenden Herbsttag wie heute, aber mit mehr Wind. Dann werden wohl morgen die großen Drachen zu sehen sein. Schade, morgen haben wir schon anderes vor, denn an diesem Wochenende gibt es in Österreich den Tag des Denkmals, was heißt, dass man Gebäude besichtigen kann, die sonst nicht besucht werden können.

Heute waren die Drachen dran wobei der F eigentlich ausprobieren wollte, ob man von Schloss Hof zu Fuß in die Slowakei hinüber gehen kann. Kann man und der March-Auwald, durch den man dabei kommt, hat ihm sehr gut gefallen.

Samstag 25.September 2021

Gerade ist mir mehr nach dem Aufnehmen neuer Eindrücke als nach deren Verarbeitung. Kreativität braucht schließlich Rohmaterial zum Formen.

In diesem Sinne fahren wir jetzt gleich zu einem Drachensteig-Fest.

Ich weiß nur,

… dass Müemlék so etwas wie „Baudenkmal“ heißt. Das habe ich den Kellner gefragt, der großartig Deutsch konnte. Erfreulicherweise bietet DeepL auch ungarisch an, aber allein schon das Eintippen dieser langen Wörter mit Akzenten und Umlauten…

Aha, „1773-ban“ heißt „im Jahr 1773“. Na, das hätte ich mir denken können. 1773, da war Maria Theresia Kaiserin. „helyreallitotta az orszagos müemleki felügyelöség“ heißt laut DeepL „wurde von der nationalen Aufsichtsbehörde wieder in Kraft gesetzt“. Das macht Sinn. Faszinierenderweise heißt 1968-BEN auch „im Jahr 1968“

Kèsörokokò schafft DeepL nicht, aber Rokokò ist natürlich Rokoko und A Keleti Rèsz heißt „Das Ostkreuz“. Seltsam.

Sehr viel schlauer bin ich nicht geworden, aber der Ungarisch-Kurs hat ja auch noch nicht einmal begonnen.