la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Freitag 27.November 2020 – Reisigsarten und Preisgestaltung

In den letzten Jahren haben wir Adventkränze und sonstige Weihnachts- und Winterdeko auf dem Adventbazar einer Waldorfschule gekauft. Dort gibt es immer sehr hübsche originelle Dinge aus den verschiedensten Materialien, aber es ist auch ein Riesengedränge, weil der Bazar nur an einem Wochenende abgehalten wird und das Haus nicht so groß ist. Nun, in diesem Jahr gibt es den Bazar nur online und es werden auch keine Adventkränze verkauft. Also musste ich mich anderweitig umschauen.

Zuerst ein Irrweg über ein Blumengeschäft, das in seiner Homepage sehr hübsche Adventkränze anbot, ziemlich teuer aber wirklich schön. Telefonisch konnte man sie bestellen nach den Fotos auf der homepage und sie wurden nachhause geliefert. So weit so gut. Das Ding, das ich dann geliefert bekam, hatte allerdings mit dem Foto wenig gemeinsam. Zwar war es ein Kranz aus verschiedenen Reisigarten gebunden, mit Kerzen und sonstigem Dekor und tatsächlich hatte man mir am Telefon gesagt, dass es so unerwartet viele Aufträge gebe, dass sie nur mehr ganz wenig Material zur Verfügung hätten. Ein reizendes Mädel kam zum Liefern, das mir versicherte, dass es nicht nur Lieferantin sondern auch Floristin sei. Zwar konnte ich an dem gelieferten Ding keine Spur von floristischem Talent erkennen, aber sie war so jung und nett, dass ich eine heftige Beisshemmung hatte und nicht nur die höchst berechtigte Kritik hinunterschluckte sondern auch anstandlos den geforderten Preis bezahlte und ihr obendrein noch ein üppiges Trinkgeld gab. Wofür eigentlich könnte ich nicht sagen. „Corazón de abuelita“ nennen die Spanier solche Verhaltensweisen.

Die Deko war gelinde gesagt mickrig und irgendwie auf den Kranz draufgeklebt. Keine Spur von irgendeiner Ästhetik. Es gab insgesamt 4 trockene Orangenscheiben, vier Herzen und vier Zimtstangen genau symetrisch auf dem Kranz verteilt und dazu vier Kerzen, die statt fröhlich Rot blutiges Bordauxrot waren. Eine Farbe, die ich überhaupt nicht leiden kann. Die sehr bescheidene Deko war obendrein festgeklebt, so dass ich sie richtig herunterreißen musste um sie ein bisschen umzugruppieren. Viel zu gruppieren war eh nicht vorhanden.

Das war Freitag am frühen Nachmittag. Etwas später fuhren wir zum Wocheneinkauf in den Supermarkt, wo es auch keine Kränze gab, die mir irgendwie gefallen hätten. Ziemlich angegrantelt beschloss ich dann noch einen Sprung auf den gegenüber liegenden Markt zu machen. Und siehe da: alles voller Adventkränze. Es gab auch die von mir sehr geschätzten Reisigkränze ohne irgendeine Deko und ohne Kerzen und auch eine Menge sehr verschieden dekorierter Exemplare in allen Farben und Größen und wesentlich billiger als im Blumengeschäft. Ich weiß selbst nicht, warum ich nicht an den Markt gedacht hatte.

Nun haben wir also drei Adventkränze, zwei schöne und einen teuren.


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Mittwoch 25.11.2020 – Augen in die Welt

Eiskalt war es in meiner Wohnung, bei Außentemperaturen um den Gefrierpunkt. Nein, zum Glück ist nicht die Heizung ausgefallen, ich hatte nur „Besuch“ von einem Fenstermonteur, der die Verglasung an einer meiner Terrassentüren auswechselte. Wenn in die Vakuum-Verglasung Luft eintritt, verringert sich die Isolierwirkung beträchtlich und außerdem laufen die Scheiben an. Nachdem der Mann keine Maske trug und sehr gesprächig war, setzte ich auf Frischluft und riss alle Türen und Fenster auf. Er war sehr gründlich, wechselte nicht nur die eine Scheibe aus, sondern kontrollierte auch alle anderen Türen und Fenster, schmierte sie, stellte sie neu ein. Auf meine Frage, wie denn sein Geschäft ginge in diesen Zeiten, erzählte er, dass eigentlich recht gut, die Auftragslage sei weitgehend gleich geblieben und er würde ja selbstverständlich seine Stammkunden nicht im Stich lassen, falls es irgendwelche Probleme gäbe. Im Klartext heißt das wohl, dass ein Teil seines Geschäfts auf Pfusch beruht. Das ist nun nicht besonders außergewöhnlich. Die Genossenschaft zu der meine Wohnung gehört, beschäftigt meistens kleine Firmen, die natürlich billiger sind als große, und flexibler.

Kleine Aufwärmphase, dann kam meine allerhöchst geschätzte Putzfrau, von der ich auch nicht verlange, dass sie mit Maske arbeitet. Auch in diesem Fall wird Frischluft eingesetzt und wir müssen uns ja auch nicht im gleichen Raum aufhalten. erfreulicherweise haben wir aber beide einen Hang zu offenen Fenstern bei allen möglichen Temperaturen. Im Bereich des Alltagslebens finde ich es nicht besonders schwierig, vernünftige Maßnahmen gegen Ansteckung zu ergreifen. Mein Risikofaktor ist der F, der zwar prinzipiell im homeoffice arbeitet, aber einen Tag in der Woche geht er ins Büro. Bislang hat sich einer seiner Kollegen mit Covid 19 infiziert, aber den hat er zum Glück schon eine Weile nicht gesehen. Hoffen wir das Beste.


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Dienstag 25.11.2020 – Stromern rund um´s Impfen

Ich bin ganz pünktlich und schlendere über die Schwedenbrücke. Die U-Bahn war nicht leer, aber auch nicht überfüllt, die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln wird praktisch 100%ig eingehalten, das aber ohnehin schon seit Monaten.  Hinter mir die Ruprechtskirche und darunter der Platz wo der Attentäter erschossen wurde. Aber nichts davon ist heute in meinem Fokus. Was mir dagegen zum Beispiel auffällt, sind die Steinchen am Boden, die offenbar wegen Glatteis gestreut wurden. Heute Nachmittag ist es zwar sehr kalt, aber trocken.

Durch die Taborstraße gehe ich, vorbei an der Gasse, in der ich aufgewachsen bin. Das Haus steht nicht mehr und es ist ein seltsames Gefühl, dass am richtigen Platz das falsche Haus steht. Die Geschäfte sind geschlossen, wir haben ja Lockdown. In sehr vielen Geschäftslokalen sind aber Menschen anwesend, vermutlich die Besitzer oder Geschäftsführer und werkeln mit irgendetwas herum, dekorieren die Auslagen um, sitzen an Schreibtischen und bearbeiten ihre Laptops, telefonieren. Man kann ihnen von der Straße aus bei ihren Aktivitäten zusehen. Die Geschäftslokale sind voll, es sieht aus als hätte man die Fülle der Waren gerade noch untergebracht und wartete ungeduldig auf die Menschenmassen, die demnächst hineinstürmen werden

Ich komme an einer Schneiderei vorbei, in der gearbeitet wird und habe  den Eindruck dass, wenn ich an irgendeine dieser Türen klopfen würde, sicher jemand käme um mich zu fragen, was ich kaufen möchte. An nahezu allen Geschäften steht angeschrieben, dass man die Produkte, welcher Art auch immer, online kaufen kann oder einfach nur anrufen soll und dann alles umsonst nachhause geliefert bekommt. Bei manchen wird der Umkreis angegeben, in dem sie liefern, bei anderen ist es die ganze Stadt. Es gibt viele kreative Ansätze, wie man ohne andere zu gefährden seine Geschäfte betreiben kann. Demnächst werde ich auf diese Art einen Adventkranz erwerben, aber nicht in dieser Straße.

Es gibt eine Gratis-Grippeimpf-Aktion in Wien, die man in verschiedenen Bezirksämtern in Anspruch nehmen kann. Warum immer habe ich mir dieses ausgesucht. Es funktioniert alles völlig problemlos, nach höchstens 10 Minuten bin ich geimpft und wieder auf der Straße. Es ist meine allererste Grippeimpfung, die ich aber schon vor Covid19 beschlossen hatte. Nachdem ich nun nicht mehr täglich mit mehreren Öffis fahre und mit hunderten Leuten zu tun habe, von denen immer einige krank sind, dachte ich, dass der ständige Immunisierungseffekt nachlassen und mein Immunsystem nicht mehr ganz so fit sein wird.

Auf dem Rückweg gehe ich quer durch das Viertel und komme an einem kleinen Platz vorbei. Dort steht eine mir wohlbekannte Kirche mit weit offenen Toren. Wahrscheinlich wird auch hier fleißig gelüftet. Auf einer Bank direkt vor dem geöffneten Tor sitzen zwei klassisch-muslimisch gekleidete Mädchen, die miteinander kichern und schräg dahinter ist ein koscherer Supermarkt. Wie in Andalusien im Mittelalter, wo die allgemeine religiöse Toleranz eine blühende Kultur gefördert wenn nicht gar hervorgebracht hat.


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Freitag 20.November 2020

Der Hermann Schmidt Verlag schickt einen Newsletter mit dem Hinweis auf ein Buch mit dem Titel  „Erfolgreiches eigenes Atelier“. Lustiger Zufall. Auf „erfolgreich“ in dem hier genannten Sinn lege ich ja keinen Wert, erfolgreich für meine Vorstellungen soll es aber schon werden. Es soll mich zum regelmäßigen Malen motivieren, dazu meine derzeitigen Themen „Brücke“  und „Abstrahierung“ endlich auch anders als im Kopf anzugehen.

Der D hat bei der Vertragsunterzeichnung die gesamte Kaution bezahlt, in bar. Eine seltsame, irgendwie anachronistische Vorgangsweise. Und jetzt warte ich darauf, dass er mir seine Kontonummer mitteilt, damit ich meinen Anteil überweisen kann, denn wir sehen einander derzeit ja nicht. Aber nix, keine Kontonummer. Manchmal können auch großzügige Menschen leise nerven!

Andere nerven lauter. Es gibt da die alte Geschichte vom buddhistischen Meister, der gefragt wird, warum er bloß mit jemandem befreundet ist, der ein extrem unangenehmer, unhöflicher, unverläßlicher Mensch ist und in allem und jedem andere Standpunkte auf äußerst rechthaberische Weise vertritt. Und der Meister erklärt, dass dies sein wichtigster und  liebster Freund sei, weil er an ihm und seinen Verhaltensweisen Gelassenheit und Loslassen üben kann. Ich übe auch. Wenn auch vielleicht nicht mit so viel Erfolg wie der besagte Meister. Andererseits ist ja der Erfolg seiner Bemühungen nicht überliefert, was vielleicht seine Gründe hat.

Es nervt mich außerdem, dass mir zu meinem grünen Foto in der „impulswerkstatt“ so gar nichts einfällt, abgesehen von zwei möglichen Fantasygeschichten zu denen ich aber keine Lust habe. Eine dritte Idee hatte ich gestern, sie nimmt aber auch noch keine konkreten Formen an. Dabei habe ich gestern Unkraut gejätet und Pflanzen aus dem Wasser in die Erde befördert. Gärtnerisches wirkt oft sehr inspirierend. Diesmal nicht. Es gibt ja eigentlich viele Ansatzpunkte: das Grün, die Ähre, der Stacheldraht, die Verbindung von Stacheldraht und Ähre, Krieg und Frieden, Durchhaltevermögen, Behinderungen, Freiheit und und und aber nichts will sich zu einem Text formen.

 

 


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Mittwoch 18.11.20 – Ateliergesäusel

JUHUUU, es ist soweit. Heute haben wir den Mietvertrag unterschrieben; mit Zusatz aus der Juristenfeder meiner Schwägerin, aber die beiden jungen Männer, deren Agentur das Atelier vermietet, sind so sympathisch und authentisch, dass es wohl gar nicht notwendig gewesen wäre. Vorsicht schadet ja aber nie. Es ist ein Vertrag für 4 Jahre geworden mit 3monatiger Kündigungsfrist für alle Beteiligten.

Ab 1. Dezember bin ich also 1/3 Teilhaberin an einem Atelier. Ein sehr schönes Gefühl und der Beginn von etwas. Was genau ist noch nicht definiert, aber es wird sich entwickeln in welche Richtung auch immer.

Zunächst müssen wir dann einmal einziehen. Vorläufig haben wir jede/r eine Staffelei, der D. spendet zum Einstieg zwei Klappsessel und die A. hat einen Tisch zu vergeben. Der D. freut sich schon auf den Tag, an dem die Baumärkte wieder aufsperren um Farbe und sonstiges zu erwerben. Ich hätte so meine Bedenken, wenn ich nicht selbst gesehen hätte, wie gut und kompetent er an seinem Haus in Irland selbst gearbeitet hat. Die Wände des Ateliers sind holzverschalt und dieses Holz soll heller gestrichen werden. Über die Farbe müssen wir uns noch verständigen, aber ein heller Anstrich macht einen Raum freundlicher und größer. Bei einer Größe von 40 m2 ist das kein Luxus.

Wir haben ja einen Shut-Down, aber mit hundert Ausnahmen, so dass sich ohnehin für jeden Aufenthalt im öffentlichen Raum eine passende Begründung findet und so ist es natürlich auch kein Problem einen Vertrag unterschreiben zu gehen. Ich bin 3 Stationen mit dem Bus gefahren und den Rest zu Fuß gegangen, es ist wirklich sehr nah von meiner Wohnung. Unterwegs habe ich auch ein paar abstrakte Nachtlichtbilder probiert. Das ist der Eingang des Ateliers von außen, beleuchtet, weil die Handwerker dort noch arbeiten.


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Samstag 14. November 2020 – Zooooooooom

Der schulische online-Unterricht findet über MS-Teams statt, da kenne ich mich inzwischen recht gut aus. Mein buddhistischer Kurs aber findet über zoom statt. Gut, noch eine Kommunikations-Plattform. Neues zu lernen, erhält das Hirn in Schwung. Es wird so sein wie bei den Sprachen, je mehr man schon kann, desto leichter fällt jede weitere zu lernen.

Eigentlich ist zoom ganz einfach zu bedienen, leider hat aber mein PC bisher das Einschalten des Mikros verweigert. War etwas mühsam per Telefon an einem meeting teilzunehmen. Eigentlich nicht etwas, sondern sehr mühsam, auch für die anderen. Wenn ich schon Kontakte vor dem PC hockend abwickeln muss, möchte ich doch wenigstens nicht nur zuhören, sondern auch mühelos mitreden können. Der Herr Diplomingenieur, vulgo F, hat irgendwas umgeschaltet, jetzt funktioniert das Mikro wieder. Eine Kamera möchte ich nicht dazu schalten, da fühle ich mich beobachtet. Andererseits ist es ein bissl unhöflich, sein Gesicht nicht herzuzeigen. Vielleicht ein Foto. Daran muss ich noch tüfteln. Die Teilnehmer*innen am buddhistischen Kurs kennen mich eh persönlich, aber wie´s ausschaut werde ich vielleicht noch anderes auch online abwickeln müssen.

Der neue Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen für den ganzen Tag beginnt am Dienstag. Am Mittwoch Abend gehe ich meinen Mietvertrag fürs Atelier unterschreiben. Naja, das verrechne ich als wichtige Ausnahme für die psychische Gesundheit oder als sportliche Betätigung, vielleicht gehe ich zu Fuß. Ab 1. Dezember zahlen wir Miete und können das Objekt benützen, aber der Lockdown dauert mindestens bis 6. Dezember. Der Einzug wird sich daher etwas schwierig gestalten, aber für den Anfang wird eine Staffelei und ein Sessel pro Person als Einrichtungsgegenstände ausreichen. Pinsel, Farben und sonstiges Material werden nach und nach folgen und wir müssen ja nicht alle drei gleichzeitig dort sein.


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9. November 2020

Heute kommt zu der allgemein wunderbar heiteren Stimmung bedingt durch Pandemie und Attentat noch der Faktor des Gedenktages an das Novemberpogrom 1938 hinzu. 82 Jahre ist das her und noch immer stehen überall auf der Welt aus gegebenem Anlass Polizei und Soldaten vor Synagogen und sonstigen jüdischen Einrichtungen. Bis vor wenigen Jahren sprach man noch in reinstem Nazijargon von der „Reichskristallnacht“. Ich werfe das niemandem vor, ich habe den eigentlich unsäglichen Begriff auch verwendet.


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Montag 9. November 2020 – Atelier !!!

In dieser rasenden Woche hätte ich beinahe vergessen, dass wir ja ein ganz gut passendes Atelier gefunden haben. Es ist ziemlich in der Nähe meiner Wohnung und ich bin froh, dass es der D gefunden hat und ich daher nicht verdächtig bin, etwas gesucht zu haben, was ganz in meiner Nähe ist.

Es ist nicht sehr groß, gerade 40m2 mit zwei Räumen und einem winzigen Abstellraum. Der eine Raum hat ein Fenster und ein Tor, die praktisch die ganze Außenwand einnehmen, dafür hat der andere Raum gar kein Tageslicht. Es wird gerade renoviert, wir bekommen saubere Wände und Böden, ein Ausgussbecken mit Warmwasser, neue Glasscheiben, viele Leuchtkörper an der Decke. Die Heizung funktioniert und ist ebenso wie Strom und Wasser in der Miete inkludiert. Es ist etwas teurer als die Schimmelbude und viel kleiner, aber wir müssen keinen Cent in irgendetwas hineinstecken, was wir nicht auch wieder mitnehmen können. Die Stützstangen, die man auf dem Foto sieht, kommen natürlich weg, die halten nicht die Decke – hoffen wir zumindest.

Hier kann man den D bewundern, der sich um Fotos bemüht mit denen er seine Frau überzeugen möchte, die der Sache sehr skeptisch gegenübersteht. Wenn die Bilder nicht schöner geworden sind als meine, sehe ich da schwarz. Seine Frau ist eine liebe Freundin von mir, die ich sehr schätze, aber sie ist in finanziell sehr schlechten Verhältnissen aufgewachsen und hat Sparsamkeit extrem verinnerlicht. Eine zusätzliche Miete fällt nicht unter ihre Vorstellungen von sparsamer Lebensweise. Der Arm in rot gehört entweder unserer Dritten im Bunde, der A, oder dem Verwalter, der uns alles gezeigt hat.

Einen gewissen Bohème-Effekt hat man hier auch: das Klo ist nämlich am anderen Ende des Gebäudes. Man kann entweder durch einen sehr entrischen Keller gehen oder außen um das Haus herum und auf der anderen Seite wieder hinein. Nachdem wir ja in Pandemie-Zeiten leben und das Klo kein Waschbecken hat, dürfen wir auch die daneben liegende ziemlich grindige Waschküche benützen um uns dort die Hände zu waschen. Auch den Müllraum des Hauses dürfen wir benützen. Ich sehe mich schon mit einem riesigen Schlüsselbund !

Die aus meiner Sicht ziemlich scheußliche Holztäfelung können wir weiß streichen, das macht größer und heller. Was mich von diesem Objekt überzeugt, ist der Außenbereich, den wir auch benützen dürfen. Dort sehe ich schon einen Tisch stehen und Staffeleien und ein paar Bilder zum Trocknen in der Sonne. Weiter links ist eine Wiese und die Bäume von denen man einen Teil sieht, sind groß und beschatten die Wiese. Man kann ja im Normalfall gut 8 Monate des Jahres draußen verbringen.

Nun geht´s um den Vertrag. Der D hat es furchtbar eilig, aber ich kann nicht über meinen Schatten springen und einen Vertrag unterschreiben, den nicht eine sachkundige Person meines Vertrauens angeschaut an. Juristentochter eben, wahrscheinlich hat mir mein Vater schon als Säugling beigebracht, dass man niemals, unter überhaupt keinen möglichen Umständen irgendetwas unterschreibt, was man selbst nicht hundertprozentig versteht ohne eine vertrauenswürdige, kompetente Person zu konsultieren. Es gibt dümmere Glaubenssätze. Nachdem das zukünftige Atelier ohnehin erst mit 1. Dezember „beziehbar“ ist, wird meine Manie auch keine Verzögerung erzeugen.Wenn die Hürde mit dem Vertrag genommen sein wird, werde ich mich mit Begeisterung ins Projekt stürzen.


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Photo der Woche, zehn – Tod

Das Leitmotiv Tod zog sich durch die Woche. Ich habe auf einem Friedhof einen überaus ungewöhnlichen Grabstein fotografiert. Leider musste ich das Foto schneiden, was ihm nicht gut tut, aber im Hintergrund sah man jemanden mit einer quietschbunten Jacke und dieser Farbfleck hätte den Gesamteindruck noch mehr gestört, als das Schneiden.

Jedenfalls habe ich noch nie so einen Grabstein gesehen, finde ihn aber ganz faszinierend mit seinen Blumen und Kerzen in den natürlich entstandenen Löchern. Auf der unten liegenden Steinplatte steht der Name der dort begrabenen Person.

Ein Projekt von Aequitas und Veritas


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Donnerstag 5. November, sehen und fühlen

Ich hatte die Fernsehbilder des Attentats gesehen, Analysen und Berichte gehört, jede Menge, aber ich spürte es nicht. Ein Attentat in meiner Stadt, an Orten, die ich sehr gut kenne und ich spüre nicht mehr und nicht weniger als ob es irgendwo auf der Welt wäre? Die Abstumpfung durch die ständigen Nachrichten von den Gräueln auf der Welt ? Ich hatte das dringende Bedürfnis den Ort des Geschehens zu sehen und so fuhr ich in die Wiener Innenstadt.

Die Bodenmarkierungen, wo Tote und Verletzte lagen, durchnummeriert in leuchtendem Grün, rote Friedhofskerzen, weiße Rosen, der ein oder andere Spruch, Kränze. Viele Polizisten waren präsent, hielten sich aber so gut wie möglich im Hintergrund. In den engen Gassen ist das nicht so einfach. Sehr viele Menschen, aber eine große Stille, eine eigenartige Stimmung, mehr nach Weinen als nach Wut. Jetzt war ich eingetaucht.

Die Ruprechtskirche, die älteste Kirche Wiens angeblich aus dem 8 Jahrhundert, urkundlich erstmals erwähnt im Jahr 1200, das alte Kopfsteinpflaster, die vielen kleinen Lokale. Wir befinden uns in Wiens Ausgehviertel in der Altstadt, Bermudadreieck genannt. Es ist auch ein altes jüdisches Viertel. Die Synagoge in der Seitenstettengasse mitten drin, daneben das Verwaltungszentrum der jüdischen Religionsgemeinschaft. Auch hier keine Nervosität, es stand noch nicht einmal Polizei genau vor diesen Gebäuden. Man geht ja auch nicht davon aus, dass dieser Anschlag einen antisemitischen Kern hatte. Auch die sonst überall in Gruppen herumstehende Polizei ist gelassen, von Nervosität merkt man nichts.

Die Leute stehen rund um die Plätze wo Kerzen und Blumen hingelegt werden. Meist ist das dort, wo die grünen Markierungen wahrscheinlich erst vom nächsten Regen wieder weggewaschen werden. Es gibt ja derzeit kaum Touristen in Wien und erstaunlich wenige Handys werden gezückt, ein paar Kameras mit riesigen Objektiven. Ich habe zwar eine Kamera mit, möchte aber keine voyeuristischen Fotos machen. Ich habe schlichtweg nicht das Bedürfnis irgendwelche Fotos zu machen. Es wundert mich selbst, ist aber so. Unter normalen Umständen springen mich die Motive von allen Seiten an. Es könnte sein, dass das nicht funktioniert, wenn der Blick nach innen gerichtet ist.

Die grün leuchtenden Zahlen, die für die Toten und Verletzten stehen, sind eng beieinander. Man kann sich gut vorstellen, dass eine Person in neun Minuten an allen diesen Orten geschossen hat, dass es tatsächlich ein Einzeltäter war. Die Leute gehen herum wie zwischen Gräbern, betroffen, leise. Hin und wieder spricht jemand und merkt selbst, dass er zu laut ist.

Ich bin froh, dass ich hingefahren bin, es ist doch meine Stadt.


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Mittwoch 4. November 2020 – Terror, Wahlen und Kunst

Ich starre gebannt abwechselnd auf den derzeitigen Stand der Wahlergebnisse in den USA und die Berichterstattung über den Terroranschlag am Montag in der Wiener Innenstadt. Gäbe es keine Berichterstattung wäre heute einfach ein eher düsterer Herbsttag ohne besondere Vorkommnisse. Natürlich könnte ich mich einfach ausklinken aus dem Internet im allgemeinen und aus dieser Berichterstattung im besonderen. In vielen Fällen wäre das wahrscheinlich klug, heute aber nicht, denn diese beiden Themen, Islamistischer Terror und US-Regierung, haben ganz direkten Einfluss auf mein Leben und auf die menschliche Gesellschaft im allgemeinen und da hilft es nicht, einfach nicht hinzusehen.

Zusehends heftiger gehen mir die Art „Kunstdiskussionen“ auf die Nerven bei denen zB jemand eine Stunde lang erörtert, warum er zwei blaue Striche parallel gezogen hat. Ich bin ohnehin ein Kopfmensch und wenn ich Kunst auch noch intellektuell analysieren soll, dann vergeht mir die Freude daran. Meine Vorstellung ist es, den Weg aus dem Inneren über die Hand auf die Leinwand zu finden. Daraus entstehen im Idealfall Ansichten der Innenwelt, die vielleicht auch bei anderen Resonanz auslösen können oder auch nicht. Es gibt viele verschiedene Zugänge zur Kunst, die nicht unbedingt kompatibel und mehr oder weniger gefällig sind. Auch viele allgemein anerkannte Künstler gibt es, die miteinander nicht viel anfangen könnten.


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Montag 2.November 2020 – Lockdown und Attentat

Die Temperaturen erinnerten an Frühling, 20 Grad, der letzte Abend vor dem Lockdown, die letzten Theateraufführungen und Konzerte, die letzte Gelegenheit im Freien vor einem Lokal zu sitzen. Viele Menschen unterwegs, viele Menschen in den Theatern und Konzertsälen. Und dann brach der Terror los, in der Innenstadt, dort wo Wiens größte Synagoge steht, neben der größten Partymeile, neben dem Donaukanal. An sechs verschiedenen Orten gab es Anschläge.

Es lief ein Gerücht, dass es auch eine Geiselnahme gegeben haben sollte, ausgerechnet in dem Lokal, in dem ich Sonntag Mittag gegessen hatte. Es war aber nur ein Gerücht.

Einer der Attentäter wurde erschossen, er liegt vor der Ruprechtskirche, der ältesten Kirche Wiens. Der Entminungsdienst ist unterwegs, den der tote Attentäter trägt einen Sprengstoffgürtel und hat große Mengen von Munition mit sich. Ob die noch nicht gefassten weiteren Täter auch mit Sprengstoffgürteln ausgestattet sind, weiß niemand. Die Polizei samt Sondereinheiten, der Cobra und der Wega, haben die Innenstadt praktisch abgesperrt, Passanten werden perlustriert, alle auf den Straßen befindlichen Menschen werden in Innenräume gescheucht bzw dort festgehalten. Alle Veranstaltungen werden zu Ende gebracht, die Musiker spielen sogar Zugaben. Irgendwann sind dann doch alle Veranstaltungen in der Innenstadt zu Ende und das Publikum erfährt was los ist.

Derzeit, weit nach Mitternacht sind sehr viele Leute von der Polizei an diversen Orten eingesperrt, von Theatern und Konzertsälen zu Lokalen, Hotels und sonstigen Innenräumen. Die öffentlichen Verkehrsmittel stehen still. Theoretisch hätte der Lockdown um Mitternacht begonnen. Jetzt, gegen 01:00 höre ich, dass die Menschen langsam nachhause gehen dürfen. Ob morgen Früh alles normal sein wird und alle unbesorgt aus dem Haus gehen können werden, weiß man noch nicht. Die Hubschrauber höre ich noch kreisen und das Folgetonhorn von Polizei- und Rettungsfahrzeugen.

Es wird furchtbarer, in interessanten Zeiten zu leben.


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Freitag, 30. Oktober 2020

Gerade haben wir das letzte Stück Kuchen, von der letzten Gästin verputzt. Ein veganer Mohnkuchen, der sehr gut geschmeckt hat. Erstaunlich für mich, weil ich mich gar nicht erinnern kann schon irgendwann einen veganen Kuchen gegessen zu haben und meine Vorstellung davon, war so ein vor Trockenheit wie Sand zwischen den Zähnen knirschendes  eher ungenießbares Produkt . Aber nein, gar nicht. Nicht nur der mitgebrachte, selbst gemachte war sehr gut, auch der von mir gekaufte ebenfalls vegane Kuchen aus der Bäckerei hat mir geschmeckt. Man lernt eben noch immer dazu.

Mit den Gästen wird es in nächster Zeit eher traurig aussehen. Es scheint, dass es im Rahmen eines kleinen Lockdowns eine Ausgangsbeschränkung ab 20:00 geben wird. Dass man seine Gäste dann um 19h rausschmeißen müsste, damit sie noch gut nachhause kommen, ist eher unlustig. Aber ich versteh´s, es steigen die Infektionszahlen sehr stark an, die freien Intensivkrankenbetten werden weniger und das medizinische Personal wird bald überlastet sein.

Die Theater werden wohl wieder gesperrt werden und ich fürchte auch die Fitness-Center. Heute war ich noch einmal beim Kieser-Training in einem sehr wenig besuchten Studio und hoffe, dass Montag oder Dienstag auch nochmal geht und dann eben wieder vier Wochen Pause. Auch nicht gesund.

Ich gönne mir einen buddhistischen Kurs in fünf Teilen an fünf aufeinander folgenden Donnerstagen. Gestern war der erste Teil, der nächste wird wohl notgedrungen über zoom stattfinden müssen. Ich kann mich gar nicht entscheiden, was mir unangenehmer ist: ein Präsenzkurs mit Maske oder ein online-Kurs. Lustigerweise hat das Meditationszentrum den Status eines religiösen Zentrums und darf daher auch offen haben, aber die Abendkurse werden sich wahrscheinlich mit den abendlichen Ausgangsbeschränkungen überschneiden oder auch nicht, man wird sehen. Morgen sollen die neuen Bestimmungen verkündet werden. Ich habe sie schon satt diese Pressekonferenzen deren Hauptinhalt die Ankündigung einer nächsten Pressekonferenz ist …

Morgen Vormittag wird es aber interessant: der D hat wieder ein potentielles Atelier aufgetrieben und wir können es morgen besichtigen. Ich bin schon sehr gespannt.