Schlagwort: ABC-Etüden

Sommerintermezzo 7 von 12

Die Sommerversion der ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Ich dachte, ich versuche mich einmal an einem nicht wirklich erzählerischen Text mit Einbau von sieben dieser Wörter. Bei fünf der Wörter kann ich mir vorstellen, dass sie in dem Text aufgehen, zwei weitere eventuell, mehr oder weniger. Die anderen fünf passen definitiv nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, was dabei herauskommen wird, denn ich möchte den Schwerpunkt auf den Text und nicht auf die Wörter legen.

No, man wird sehen.

Die verwendeten Wörter sind die folgenden. Ich möchte sie nicht hervorheben, weil es schwierig genug war, sie im Text einigermaßen unauffällig zu machen.

Dachbegrünung Fliegenklatsche KonzertRegen Sommerloch – Wetterleuchten – Willkür

Der Text ist eigentlich ein Beitrag zu meiner Impulswerkstatt, zum ersten Bild, daher stelle ich ihn auch dort hinein

Aus der Wüste kommend ….

Das Mittelmeer hat viele Gesichter, sanfte und grausame, es ist Wiege und Grab für Menschen und Kulturen. Und es hat viele inspiriert, warum also nicht auch mich, dachte ich. Ich war mir recht sicher, dass mir das von meinem Doktorvater vorgeschlagene Diss-Thema „Albert Camus und das Mediterrane“ viel Freude machen würde. Ich zögerte nur ein bisschen, weil ich den Eindruck hatte, dass er einen schwärmerischen Zugang zu dem Thema hatte, dem mein eher nüchterner Charakter nicht entgegenkam. Aber er sprach selbst seine Schwärmerei an und versicherte, dass ich beim Recherchieren und Verfassen der Dissertation meinen eigenen Ansätzen folgen könnte. Und so kam es, dass ich auf den Spuren von Albert Camus ein paar Monate in Algier verbrachte.

Schon vor Ort in einem Hotel untergekommen, studierte ich zahllose Wohnungsanzeigen. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, in der arabischen Altstadt zu wohnen und nicht in Belcourt, dem Viertel in dem Camus als Kind gelebt hatte. Dort würde es ohnehin nicht mehr so aussehen wie zu Camus Zeiten und ich wollte unbedingt ergründen, wie es mir als alleinstehende Frau ergehen würde, wenn ich eine Wohnung in einer arabischen Altstadt mieten wollte. Sollte dieses Projekt scheitern, so könnte ich mich ja immer noch in einem anderen Viertel einmieten.

In der gefühlt fünfhundertsten Annonce las ich den Hinweis „Dachbegrünung“, der mich so verblüffte , dass ich sofort aufbrach um mir die angepriesene Wohnung anzusehen. Die typischen weißen Würfel traditioneller arabischer Häuser im Maghreb haben zwar alle eine Dachterrasse, aber eine begrünte war mir noch nicht untergekommen.

In der Annonce war kein Wort vom Mietpreis gestanden, was mich eigentlich hätte abschrecken sollen, aber in einem Land, in dem um jeden Preis gehandelt wurde, war das wahrscheinlich einfach normal. Von außen betrachtet, scheint es, dass Preise ausschließlich von der Willkür des Verkäufers oder Vermieters abhängen. Ich glaube aber, dass es sehr wohl gewisse Regulative gibt, die aber auf Preise, die man von Fremden verlangt keine Anwendung finden.

Die angepriesene Dachbegrünung bestand aus einer sehr mickrigen, sehr staubigen Pflanze, die irgendwie zu den Palmen zu rechnen war. Wenn ich mir den Staub etwas weg dachte, konnte ich sehen, dass es sich um die Pflanze handelte, deren Blätter in den Cafés als Fächer und Fliegenklatschen verwendet wurden. Also eine sehr nützliche Mitbewohnerin.

Mein potentieller Vermieter und ich palaverten ausgiebig über Alger, über Wien, wo angeblich einer seiner Söhne studierte und so weiter und so fort. Es wurde langsam dunkel und rund um uns setzte langsam das abendliche Zikadenkonzert ein. Ich wunderte mich flüchtig von welchen Pflanzen die Zikaden hier wohl lebten, konnte mich mit der Frage aber nicht weiter beschäftigen, weil ich mich auf die Verhandlungen konzentrieren musste. Denn die angebotene Wohnung gefiel mir sehr.

Ich riskierte also die Offensive und fragte ihn, ob er ein Problem damit habe, einer Frau ohne Anhang eine Wohnung zu vermieten. Aber nicht im allermindesten, sagte er und unterstützte diese Aussage mit lebhafter Gestik. In Algerien wären die Leute überhaupt nicht so, wie die Europäer sich das vorstellten. Jaaa, das war die entscheidende Wendung im Gespräch. Ich konnte ihn bei seinem Selbstbild als fortschrittlicher Mann packen. Über diesen Verhandlungserfolg freute ich mich ebenso sehr wie darüber, dass ich die Wohnung tatsächlich bekam. Der Vermieter freute sich sicher noch mehr, denn die später an den Tag tretenden Defekte der Wohnung waren zahlreich und obendrein bezahlte ich annähernd doppelt so viel wie meine zukünftigen Nachbarn, aber nachdem ich einen guten Job bei der AUA ergattert hatte, konnte ich mir das leisten.

Im Jahr 1938, mit 23 Jahren schrieb Camus seinen Essaie „noces“, der den deutschen Titel „Hochzeit des Lichts“ bekam. Es geht Camus darin um die Vermählung des Meers mit der Erde, um Eindrücke aller Sinne, um die überwältigende Landschaft.

Ich stand am Strand von Alger und versuchte durch die Augen von Albert Camus zu sehen, eines jungen Mannes, dessen Vater im Krieg starb als er noch ganz klein war, dessen Mutter Analphabetin war, der mit siebzehn Jahren an Tuberkulose erkrankte und überlebte, der Philosophie studierte, sich politisch in der Résistance engagierte und zu einem der bedeutendsten französischen Schriftsteller wurde, der 1957 den Nobelpreis gewann. Ich stand am Meer in der kargen Landschaft Algeriens und der extremen Hitze, die wesentliche atmosphärische Elemente in Camus Romanen darstellen. Die dazu gehörige sinnliche Körperhaftigkeit, sieht er in seinen frühen Werken als Privileg der Jugend. Als ich dort stand, war ich auch jung und konnte diesen Gedanken gut nachvollziehen. Heute sieht die Sache anders aus und ich stelle das Monopol der Jugend auf Sinnlichkeit, Körperhaftigkeit und Genuss sehr in Frage.

Schon damals interessierte mich vieles an der Philosophie und der Literatur von Camus und damals wie heute fasziniert mich seine Interpretation des Sisyphos-Mythos am meisten. Dass man sich Sisyphos glücklich vorstellen solle, in seinem völlig hoffnungslosen und sinnlosen Tun, einen Stein auf einen Hügel hinaufzurollen nur damit er auf der anderen Seite wieder hinunterrollt. Dass es innerhalb dieser absoluten Sinnlosigkeit Glück geben konnte. Heute kann ich diese Faszination besser einordnen: es ist das Glücklichsein im Hier und Jetzt, ungeachtet der Vergangenheit, ungeachtet der Zukunft, meine persönliche Verbindung zwischen Existentialismus und Buddhismus, die in Jahrzehnten gereift ist.

Aber das alles begann damals erst in mir zu gären. Wenn ich sagte, dass mein Job bei der Fluglinie AUA durchaus sisyphosartigen Charakter hatte, weil es bei einer Fluglinie naturgemäß kein Sommerloch gab, so war das nur dahergeredet, ich hatte Camus Gedanken noch nicht wirklich verstanden. Nur die Bedeutung der Sinnlichkeit, der Sinneswahrnehmungen zog mich an.

Mein Aufenthalt sollte mir einen Eindruck vom Lebensgefühl in einer Stadt am südlichen Mittelmeer verschaffen. Ein Puzzlestein für das Thema „Albert Camus und das Mediterrane“. Ich sah, hörte, roch und erlebte sehr viel. Allein das Wetterleuchten über dem weißen Algier mit den Gebetsrufen von den Minaretten ist ein unvergesslicher Eindruck.

Es folgten viele andere Eindrücke, andere Versionen des Mediterranen in verschiedenen Ländern und Kulturen rund ums Mittelmeer. Das Lebensgefühl in einer arabisch geprägten Stadt ist anders als jenes in den romanischen Ländern des Mittelmeers und auch anders als in Griechenland oder in Israel. Die Gemeinsamkeiten sind schwer zu greifen. In der leichten Extase, die durch extreme Hitze entsteht, dachte ich manchmal, dass am Mittelmeer noch die alten Götter herrschen. Ein Gedanke, der meinem Alltags-Ich völlig fremd ist. Vieles an Philosophie, Literatur, Lebensgewohnheiten rund um das Mittelmeer habe ich kennen gelernt aber weniges davon hat mich jemals so fasziniert wie Camus „il faut imaginer Sisyphe heureux“, man muss sich Sisyphos glücklich vorstellen.

Ich verabschiedete mich von Algerien an einem heißen Oktobertag, Staub lag in der Luft, die Stadt war ausgetrocknet und diese trockene Luft schien den Schall weit zu tragen. Das Hupkonzert kam von überall her . Aus Alger kommend in einem Flugzeug der AUA landete ich in Wien bei Regen, einem sanften Nieselregen, den ich als zu meinen Ehren interpretierte.

ABC-Etüden – Nougat-Pralinen

Die ABC-Etüden
Wie immer bei Christiane
Drei vorgegebene Wörter sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text untergebracht werden
Die Wörter kommen diesmal von Monika

Das Problem mit den Pralinen ist, dass ihre Lebensdauer in meiner Umgebung so extrem kurz ist. Würde man mich einen Pralinenjunkie nennen, wäre das nur sehr wenig übertrieben. Ach, ich liebe sie alle, aber den Nougat-Variationen kann ich überhaupt nicht widerstehen, dieses schmelzende Gift im Mund, diese verschiedenen Schokolade-Aromen.

Es konnte ja so nicht weitergehen und so beschloss ich, eine selbst erdachte Desensibilisierungskur zu machen. Ich bat meine Freundin Traudl eine Packung Pralinen in meiner Wohnung so gut zu verstecken, dass ich sie nicht finden konnte. Das tat sie, aber nicht ohne mich mehrmals zu fragen, ob ich das wirklich für eine gute Idee hielte. Ich komplimentierte sie hinaus und setzte mich – vorläufig entspannt – auf ein Sofa.

Aber ich kenne mich ja, ich weiß ja genau wie das ist, nach kürzester Zeit begann ich zu überlegen, wo die Süßen wohl sein könnten. Natürlich wollte ich nur eine einzige kosten und die anderen dann nur ansehen. Ach, die Tiefen des Selbstbetrugs. Ich wanderte durch die Wohnung und suchte, systematisch. Dabei bemerkte ich, dass die Leiter im Abstellraum etwas anders stand als sonst. Also waren sie irgendwo oben.

Dann ging alles ganz schnell: Leiter, Teppich, Krankenwagen, komplizierter Bruch, Krankenhaus.

Nun lag ich hier, haderte mit der ganzen Welt, hauptsächlich mit mir selbst und wurde mit herzhaftem, gesundem Essen ernährt. Es wäre mir eventuell gelungen das gesunde Essen als Positivpunkt zu verbuchen, wären da nicht die Besuche gewesen. Ja, ich habe sehr liebe Freundinnen und Freunde, die sich um mich kümmern und mich nicht im Krankenhaus allein herumliegen lassen. Insgesamt habe ich schon sieben Bonbonnieren mit Pralinen bekommen.

Zuerst wollte ich die Schwester ersuchen, sie alle auf den Kasten zu stellen, ich kann ohnehin nicht aufstehen. Aber die Schwester hat wohl annähernd zweihundert Kilo und einen widerwärtig verständnisvollen Blick.

Mißerfolg auf der ganzen L
inie

301 Wörter

ABC -Etüden – der Marsch der Mädels

Die ABC-Etüden
Wie immer bei Christiane
Drei vorgegebene Wörter sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text untergebracht werden
Die Wörter kommen diesmal von Nellindreams

https://365tageasatzaday.files.wordpress.com/2021/05/2021_2324_2_300.jpg

Keineswegs zufällig war sie die Anführerin der Beschaffungstruppe. Sie roch schon von weitem, wo es welche Lebensmittel zu finden gab, sie fand die kürzesten und sichersten Wege und setzte die Truppe in Bewegung. Heute war es wieder einmal so weit, ein vielversprechendes Lager war ausfindig gemacht, es musste nur noch abgebaut werden. Möglichst schnell und effizient natürlich. Sie schaute jedes einzelne der Mädels streng an und setzte sich an die Spitze der Truppe. Und los marschierten sie, siegessicher, zielorientiert und ein bisschen verwegen.

Auch Hanne war so etwas wie eine Truppenanführerin. Sie hatte eine Art Picknickdecke aufgelegt und die Köder für die Ameisen in geblümtem Geschirr angerichtet.
“ Du bist doch eine alte Kitschtante“ sagte ihr Mitstreiter Bruno lachend. „Eine Umsiedlungsaktion ist doch kein Picknick“
„Das Leben auch nicht“ meinte Hanne wenig originell dafür umso lauter. Bei der Jagd auf Ameisen waren andere Kriterien als die Lautstärke zu beachten.
Hanne hatte alles recherchiert. Es handelte sich um ein Nest von Formica pressilabris Nylander, einer vom Aussterben bedrohten Ameisenart, das auf keinen Fall einer Baustelle zum Opfer fallen sollte. Einige der Tiere wurden angelockt, dann das ganze Nest ausgegraben und umgesiedelt.

Die Mädels marschierten diszipliniert wie immer. Die Fühler abwechselnd am Boden und in der Luft. Ha, da vorne musste das Lager sein. Köstliche Düfte. Und es war gar nicht weit. Sie begannen die Logistik für den Abtransport aufzubauen.

Hanne beobachtete ihre Decke und konnte keine einzige Ameise entdecken. „Sie werden schon her finden“ meinte Bruno „inzwischen können wir ja selbst essen“ Hanne wartete. Dann hörte man einen Schrei und ein lautes Lachen. „Die Schwarmintelligenz hat uns ausgetrickst“ rief Bruno. Er hielt eine Plastikdose in der Hand, überall auf der Dose und auf Brunos Händen krabbelten Ameisen. Der Kuchen und das Obst waren schon zu einem guten Teil verladen. Die Picknickdecke blieb leer.

301 Wörter

Das Wasser der Alhambra- Extraetüde für die Impulswerkstatt

Wasserspiele als wesentliche Elemente der Gartenkunst, in persischen, chinesischen, arabischen Gärten. Steine, Wasser, Pavillons. Die Fontäne auf dem Foto stammt von einem nächtlichen Besuch im Planten un Blomen-Park in Hamburg

Eine Extraetüde wie immer bei Christiane
Extra, weil es fünf dieser Wörter in einem Text von höchstens 500 Wörtern sein müssen.

Tatsächlich sind es sogar weniger als 500

Beide Hände in den Brunnen gehalten. Jedesmal wenn ich vorbeigehe, habe ich die Hoffnung, dass es diesmal so weit sein wird. Das Wasser wird mich hochheben und wegtragen aus dem Palast mit den geometrischen Steinbecken, den blauen Fliesen und der ornamentalen Schrift an den Wänden, aus den Rosengärten, weg von den geschnitzten Holzfenstern, hinter denen sich die Frauen vor der Welt verbergen und den prächtigen Toren mit Metallbeschlägen, die alle Wege versperren. Wunderschöner Käfig in blau und weiß. Die kühlen Böden und die gleißende Sonne, der Schatten in den Höfen unter den Orangenbäumen und die leisen Geräusche der Wasserspiele.

Doch eines Tages werden die perfekten Gipsornamente im Wasser zerfließen und der Beherrscher aller hier wird vor Gier und Arroganz verdampfen.

Wegwerfen werden wir die Schleier und Korsette, die Hilfsmittel für die laue Potenz des Herrschers. Die Eunuchen werden die Männer aus den Baracken weit weg vom Palast einladen und alle, Frauen, Männer und Eunuchen werden auf ihre Art genießen und leben, unabhängig davon, was ihnen davor widerfahren ist. Dann wird der Palast geöffnet werden, die Schönheit der Gebäude und Gärten wird für alle zu sehen sein und aus dem Käfig wird ein Paradies werden.

Unerträglich wäre das Leben, würde dieses schöne Märchen nicht seit Generationen in den Haremsbereichen der Alhambra erzählt. Das Märchen fließt durch alle Wasserbecken, durch die Rohre, die den Löwenbrunnen speisen und es sprudelt auch durch alle Privaträume. Alle kennen es, die Frauen und die Eunuchen und die unzähligen Kinder des Herrschers, die auf vielen Wegen auf den ersehnten Thron gelangen können. Doch keiner dieser Wege führt an Mord und Verrat vorbei. Die möglichen Thronerben und ihre Mütter hören dem Märchen nicht zu, versuchen, es zum Schweigen zu bringen. Doch das ist noch niemandem gelungen. Es fließt und sprudelt durch die Räume, die Patios und die Gärten getragen vom lebendigen Wasser.

Noch lacht der Herrscher darüber. Alles um ihn ist ihm untertan, wartet auf seinen Befehl. Seine Leibwachen ebenso wie die Rosen und das Wasser. Und er hat zurecht gelacht, ebenso wie sein Vorgänger und sein Nachfolger. Niemals hat das Wasser in den Palästen irgendjemanden befreit, nicht die Frauen, Kinder und Eunuchen und am allerwenigsten den Herrscher über sie alle.

Immer mit einem Fuß im Gefängnis – ABC-Etüde

Die ABC-Etüden
Wie immer bei Christiane
Drei vorgegebene Wörter sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text untergebracht werden
Die Wörter kommen diesmal von Red Skies Over Paradise

„Wie konnte denn die Situation nur so eskalieren! “ fragte der Schuldirektor mühsam beherrscht. Ihm gegenüber saßen wie zwei Häufchen Elend die Unterrichtspraktikanten Helmut X und Anita Y.

Ein Schulausflug mit Jugendlichen an einem lauen Tag im Mai. Das perfekte Frühlingsszenario: grün, warm, Blüten und Blümchen, Vogelgesang. Die Baracken, die Zäune, die Gaskammern alles ging unter im übermächtigen Frühling, in der Flut der jugendlichen Hormone. Wenn man wollte, konnte man übersehen, dass hier irgendjemandem irgendetwas widerfahren sein könnte, dass hier Menschen in industriellem Ausmaß ermordet wurden.

Mitten unter den von der Ausstellung aufgewühlten Jugendlichen die beiden Praktikanten, denen die Situation sichtlich entglitt. Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis des Unterrichts flog ihnen schmerzhaft um die Ohren. Es gelang ihnen gerade noch, eine Gruppe ihrer Schüler davon abzuhalten mitten auf dem Gelände ein Picknick zu veranstalten, dann brachen die Strukturen zusammen.

Mit einem „alles Erfindung!“ des Schülers M begann es und endete in einer wüsten Schlägerei und zwei Festnahmen.

„Haben Sie denn nicht gelernt, dass der erhobene moralintriefende Zeigefinger zu Aggressionen führt?“ „Meinen Sie nicht, dass der Zeitgeschichteunterricht an einer Brennpunktschule wie der unseren etwas mehr braucht als die Vermittlung von Zahlen und Fakten?“ Der Schuldirektor erinnerte sich an sein erstes Unterrichtsjahr als bei einer Schiwoche ein Schüler beinahe an einer Alkoholvergiftung starb und er dafür verantwortlich gewesen wäre.


„Ich erwarte ihre Anmeldung zu diesem Kurs“ sagte der Schuldirektor wesentlich milder und schob den Praktikanten einen Zettel über den Schreibtisch „Außerdem können Sie an dieser Schule sehr viel für Ihren weiteren beruflichen Weg lernen. Und machen Sie sich keine Sorgen, Ihre Zeugnisse sind noch nicht geschrieben. Ach, und fragen Sie bei Gelegenheit den Kollegen A nach seinen Erlebnissen bei der vorjährigen Sprachwoche in London.“

„Wenn ich noch einmal höre, dass Lehrer am Vormittag recht und am Nachmittag frei haben….“ sagte Unterrichtspraktikantin Anita Y. …

301 Wörter



Wie man mit dieser und jener Vorliebe blühende Geschäfte macht

Die ABC-Etüden
Wie immer bei Christiane
Drei vorgegebene Wörter sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text untergebracht werden
Die Wörter kommen diesmal aus dem Bodenlosz-Archiv

Dezember. Gerade hatte sie den Text für das Weihnachtsangebot für Stammkunden abgeschickt. Nun saß sie im üppig begrünten Glashaus auf ihrer Dachterrasse und schaute dem dampfenden Whirlpool zu. Ihre private Wohlfühloase zu der die Kunden und Angestellten keinen Zutritt hatten. Und wie immer um diese Jahreszeit erinnerte sie sich zurück an den Tag in ihrem Leben an dem sie die zündende Idee zu ihrer Firma hatte.

Der Eingangsbereich war von neutraler Eleganz aber mit einigen für ihre Kunden erfreulichen und aufschlussreichen Details ausgestattet. Neben der Rezeption ein Bildschirm von gigantischen Ausmaßen auf dem in Dauerschleife ein Video gezeigt wurde, das Angestellte in ihrer Berufskleidung bei der Ausführung typischer beruflicher Tätigkeiten zeigte. Stammkunden – und das waren fast alle – gingen an dem Bildschirm vorbei in den hinteren Bereich des Gebäudes, wo sie ein intimerer Empfang erwartete. Von der Bio-Bar, wo neben Sekt auch rechtsdrehende Joghurt-Variationen und frisch gepresste Gemüsesäfte angeboten wurden, holten ihre jeweiligen Kundenbetreuer*innen sie ab.

Sogar der Abgang in den Keller, inklusive Treppenlift für schon sehr reife Kunden, war im oberen Bereich noch von konventioneller Eleganz. Unten sah es naturgemäß anders aus.

Der Whirlpool dampfte, der Jasmin duftete und es begann zu schneien. Mit unendlicher Dankbarkeit dachte sie an ihre Großmutter. In jener Zeit als sie am tiefsten Punkt ihrer Lebenskrise angekommen war, kramte sie noch einmal in den Besitztümern ihrer Großmutter in dem alten Haus, das ab dem nächsten Tag endgültig der Bank gehören würde. Dort fand sie den Gegenstand, der den Grundstein für ihre heutige befriedigende berufliche Situation legte: ein Korsett.

Ihr Betrieb befriedigte sie im wahrsten Sinn des Wortes. Dass sie trotz fantastischer Gewinne gelegentlich selbst mitarbeitete, trug nicht nur zum Florieren der Firma sondern auch zu ihrem positiven Lebensgefühl bei. Eines nur fehlte ihr, ein altertümliches Firmenschild mit der Aufschrift „Bärbels Dominastudio. Wir erfüllen ihre Wünsche“.

300 Wörter

ABC-Etüde – vom Glücklichsein

Die ABC-Etüden
Wie immer bei Christiane
Drei vorgegebene Wörter sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text untergebracht werden
Die Wörter kommen diesmal von Doroart

Glücklich zu sein war immer Magdas Thema gewesen. Schon in ihren Schulaufsätzen und in ihren Kinder-Tagebüchern gab es kaum andere Themen als das Glücklichwerden. Wie es zu erreichen war, was man dafür brauchte und wie man sich verhalten musste um den richtigen Weg zu finden.
Nachdem ihre Eltern sich getrennt hatten, wurde das Thema „wie werde ich glücklich“ zur Obsession. Sie bearbeitete es nun von einem anderen Zugang aus „was muss ich vermeiden, wenn ich glücklich werden will“. Menschen, die nur ein einziges Thema kennen, sind immer in Gefahr, ihre Umgebung zu langweilen, umso mehr je länger sie ihre gesamte Aufmerksamkeit auf ein einziges Gebiet konzentrieren. So ging es auch Magda.
Wurde sie von den wenigen Menschen, die noch Zeit mit ihr verbringen wollten zu irgendetwas eingeladen, so waren ihre Standardantworten „das wird mich auch nicht glücklich machen“, „macht euch sowas glücklich ?“ und ähnliches. Irgendwann wurde es auch den freundlichsten zu viel und die Einladungen blieben ganz aus. Von sich aus ging Magda nicht auf andere Menschen zu. Sie war bei ihren Glücksforschungen zu dem Schluss gekommen, dass es nicht die anderen waren, die sie glücklich machen würden. Sie selbst musste diesen Zustand erreichen. Leider blieben die Erfolge immer noch aus.
Magda war seit einigen Jahren freie Mitarbeiterin bei einer Firma die glücklich machende Kosmetik- und Wellnessprodukte verkaufte. Da Menschen sie nicht interessierten, war sie in dieser Tätigkeit ziemlich erfolglos. Seit sie aber zu dem Schluss gekommen war, dass materielle Dinge sie auch nicht glücklich machen würden, kümmerte sie das nicht weiter.

Eines Tages als Magda – wie immer einmal völlig in Gedanken versunken – eine Straße überqueren wollte, wurde sie von einem LKW erfasst. Wegen zahlloser Verletzungen lag sie wochenlang im Koma doch zum Erstaunen der Ärzte erholte sie sich und wachte wieder auf. Von diesem Moment an machte sie große Fortschritte.
Heute wurde ihr der Katheter entfernt, der lange in ihrem Körper gewesen war und sie würde nunmehr eine Bettpfanne benützen können. Und das Erstaunliche geschah: Magda fühlte sich glücklich.

Die wahren Abenteuer – ABC-Etüde

Die ABC-Etüden
Wie immer bei Christiane
Die Wörter stammen diesmal von ihr selbst und dem Etüdenerfinder
Drei vorgegebene Wörter müssen in einem Text von höchstens 300 Wörtern untergebracht werden

Den Krückstock mit dem Papageienkopf benützte sie schon den ganzen Vormittag. Sie hüpfte fröhlich an der Garderobe vorbei und schwang den Sonnenhut, den sie sich zu ihrem 85er gegönnt hatte. Groß, weiß mit einem Blumenschal um die Krempe gebunden. Tatsächlich ging sie langsam und vorsichtig und stützte sich auf ihren Stock. Aber „die wahren Abenteuer sind im Kopf“ sagte sie sich als sie an ihrer Wohnungstür ankam.

Sie massierte ihre gefühllos gewordenen Finger eine Weile, fasste den Papageienkopf fester und schritt elegant die paar Stufen bis zum Straßentor hinunter. Es dauerte eine Weile, denn sie musste sich nach jeder Stufe ein bisschen aufrichten und am Geländer festhalten. Sie kam aber gerade richtig, denn auf der Straße zog gerade die diesjährige Pride Parade vorbei. Eine Menge geschmückter Wagen, bunt, laut, schräg. Viele Menschen auf den Wagen und auf der Straße. Sie stürzte sich in die Menge, tanzte begeistert mit, schwang die Hüften und ihren Stock, ließ ihr Haar im Wind wehen und vibrierte auf den schreiend pinken Stöckelschuhen.
Als ein junger Mann in Strapsen, Netzstrümpfen und rot geschminkten Brustwarzen haltlos an ihr vorbei torkelte, fing sie ihn auf und konnte gar nicht aufhören zu lachen. Miteinander tanzten sie zwischen den Wagen, warfen den Zuschauenden Kusshände zu und verrenkten sich im Rhythmus der Musik. Sie hatte noch lange nicht genug und müde wurde sie ohnehin nie.
Plötzlich war neben ihr eine Frau, die sie umkreiste, mit Hüfte und Schulter berührte. Sie lachte ausgelassen, lockend und doch fröhlich. In ihrem langen Leben hatte sie vieles nicht ausprobiert, vielen Verlockungen widerstanden. Warum eigentlich?

Sie saß nun seit über einer Stunde auf der Bank und sah dem Faschingsumzug der Kindergärten zu. Süß waren die ausgelassenen kleinen Frösche in ihren Kostümen. Sie winkten der freundlichen Oma. Die wahren Abenteuer sind im Kopf


Alex, die dritte – ABC Etüde

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Die Wörter  stammen diesmal von Puzzleblume

Die unten stehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Das ist eine gemeinschaftliche Fortsetzungsgeschichte

Der erste Teil der Geschichte (Myriade)

Der zweite Teil der Geschichte (Werner)

Und hier der dritte Teil (Myriade)

Alex war wieder einmal unrund. Wenn er so unzufrieden mit sich und der Welt herumschwamm, konnte er seine Dackelfalten so richtig runzeln und zusammenziehen. Wenn er es darauf anlegte, konnte er damit sogar das Schilf zum scheppern bringen.
Er war unzufrieden, denn es scharwenzelten zwar alle um ihn herum, wollten seine Meinung hören und ihm irgendwie gefällig sein, aber Alex war ein kluger Fisch, der solche Manöver durchschaute und die schleimenden Mitfische nur gewähren ließ, weil ihm jede andere Reaktion zu viel Energie abverlangt hätte. Er hatte aber keine Energie zu verschenken, denn er war verliebt, über alle Flossen. Er war schon lange verliebt, hatte sich nur noch nie getraut etwas davon durchblicken zu lassen und getraute sich immer noch nicht.

Wanda kam wieder herangeflosst. Schon von weitem sah er, wie entschlossen sie war an die vermeintlich existierenden Perlen heranzukommen. Er wusste, dass es diese Perlen nicht gab, ließ aber Wanda ihre Manöveer und Strategien abwickeln. Sie war sehr hübsch und bunt, sie legte sich ordentlich ins Zeug um ihn zu verführen. Er hatte sich auch verzweifelt bemüht, sich an ihren Schuppen gerieben, sich dies und das vorgestellt. Doch es war dasselbe wie immer.

Er versuchte, sich auf Wandas Geblubber zu konzentrieren, doch es war sinnlos denn er sah den schönsten aller Fische heranschwimmen, den elegantesten, stärksten, begehrenswertesten. Allein schon diesr fruchtige Duft, der sich breitmachte. Alex spürte wie sein Herz hüpfte und Wanda hatte er sofort völlig vergessen. Ach, Otto! Er seufzte so tief, dass eine riesige Luftblase zur Oberfläche des Teichs aufstieg.

Am Ufer saß der Pfarrer, starrte ins Wasser und dachte darüber nach, wie er die neueste Verordnung des Vatikans umgehen könnte: er durfte homosexuelle Paare nicht segnen. „Ein Fisch möchte ich sein“ dachte er „die haben diese Art Probleme nicht“

294 Wörter

Die Geschichte von Alex- ABC- Etüde

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Die Wörter  stammen diesmal von Puzzleblume

Die unten stehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Es war einmal ein Fisch namens Alex. Er lebte mit anderen Fischen in einem Teich mit klarem Wasser auf den zu allen Jahreszeiten die Sonne schien. Alex war mittelgroß, schnell und wendig. Er war freundlich zu seinen Mitfischen, hatte aber eine Besonderheit, die ihn von allen anderen unterschied und ihm das Fischleben schwer machte.

Vor Jahren hatte einer der Angler, die den Teich auch gerne besuchten einen Spiegel ins Wasser fallen lassen. Fische, vor allem die männlichen, sind bekanntlich sehr eitel und kaum hing der Spiegel auf halber Höhe des Teichs in einigen Algen verankert, kamen sie zahlreich um sich zu bewundern. Sie schwammen und schwebten um den Spiegel herum und waren alle sehr zufrieden mit ihrer Erscheinung. Mit Ausnahme von Alex, den der Spiegel sehr traurig machte, denn er konnte es nicht übersehen, dass er anders aussah.

Eines Tages hörte man am Ufer des Teichs heftiges Scheppern und laute Stimmen. Die Gerüche reichten von Gebratenem bis zu den fruchtigen Aromen von Obsttorten.

Die Fische ahnten nichts Gutes und die meisten zogen sich ans andere Ende des Teichs zurück. Alex aber kam gerade von einer seiner frustrierenden Begegnungen mit dem Spiegel, sah und hörte nichts und schnappte ganz automatisch nach der Fliege, die da vor seiner Nase hing.

„Um Himmels Willen, was ist denn das?“ rief der eine Angler, der Alex aus dem Wasser gezogen hatte.
„Ein Monster, wirf ihn wieder hinein !“ kreischte der andere. “ Wer hat nichts dabei gefunden, in die Nähe eines Atomkraftwerks zu ziehen ! “

In Rekordtempo packten sie ihre Sachen und verschwanden immer wieder vor sich hin murmelnd „Ein Fisch mit Dackelfalten !! „

Alex aber war seit diesem Tag der König des Teichs. Niemals hatte irgendein anderer die Begegnung mit einem Angler überlebt. Viele Fische überlegten, wie sie selbst auch zu solch hübschen Falten kommen könnten.

Eine sehr böse Geschichte – ABC Etüden

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Die Wörter  stammen diesmal von  Berlinautor

Die unten stehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

EINE SEHR BÖSE GESCHICHTE

Wäre er nicht der Neffe des Bürgermeisters gewesen, hätte man Lehrer Adolf längst entlassen, aber da die Verwandtschaftsverhältnisse nun einmal so waren wie sie waren, durfte er weiterhin in der lokalen Volksschule seinen zweifelhaften Unterricht abhalten.

Engagiert war Lehrer Adolf, sehr sogar. Er investierte viel Zeit in seine Unterrichtsvorbereitung. Dass seine Schüler*innen sich vor dem  Unterricht fürchteten, lag nicht am Aufwand, den er für die Vorbereitung betrieb. Dass die Kinder immer so intensiv trödelten wie nur irgend möglich bis sie in seinem Klassenzimmer ankamen, hatte auch Gründe.

An diesem Sonntag beschäftigte sich Adolf mit dem Bau von Unterrichtsmaterialien zum Thema „Gleichgewicht“ Anschaulich sollten die Materialien sein und gleichzeitig auch der moralischen Erbauung dienen. Man kann sich vorstellen, was für eine ungesunde Mischung bei so einem Vorhaben herauskommen musste.

Überlebensgroße Figuren aus verschiedenen Materialien hatte er gebaut, die im Museum für außerirdische Monster mit einem Stoffwechsel auf Chlorbasis nicht aufgefallen wären. Die Besonderheit seiner Figuren war, dass dort wo man so etwas wie ein Gesicht vermuten konnte Platz war für Kärtchen mit den Namen der Kinder. Zwei dieser Figuren hatte er probeweise im Garten aufgestellt. Mit Hilfe von Holzkeilen standen die Figuren gerade, es ging ja um Gleichgewicht. Zog man diese Stützen heraus, fielen die Figuren um, im Idealfall auf die Person, die genau vor ihr stand und deren Namensschild auf der Figur angebracht war. Das hätte lustig sein können, wenn die Figuren nicht aus einem übelriechenden, schwammigen Material gewesen wären und der Lehrer nicht so ein Terrorregime geführt hätte.

Sehr zufrieden stand er in seinem Garten mit einem Schnitzmesser in der Hand und Holzstücken, die er selbst zurechtschnitt. Die Figuren im Garten standen bereits, die Figuren für den Klassenraum waren ebenfalls fertig, es fehlten nur noch die Klassenkeile an denen er noch schnitzte. Das würde wieder eine einprägsame Unterrichtsstunde werden.

Für manche Geschäftsmodelle ist Covid ein Segen- ABC-Etüde

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Die Wörter  stammen von Flumsi (Wortgeflumselkritzelkram)

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Das Foto zeigt die Protagonistin auf dem Weg zur Arbeit

 

„Ach wie so trügerisch sind Frauenhe-e-e-erz e-en“ schmetterte sie die ungelenke deutsche Übersetzung von „La donna è mobile“. Gerade war sie an ihrem Arbeitsplatz angekommen und fuhr den PC hoch. Das Geschäftsmodell, das sie entdeckt hatte war überaus erfolgreich und lief mit wenigen  Arbeitsstunden. Nach dem einmaligen Aufwand der Einrichtung  von Konten in mehreren Ländern, benötigte das laufende Geschäft nur wenig Zeit. Es erforderte allerdings große Sorgfalt bei der Verwaltung von Fotos und anderen Dokumenten.

„Mein allerliebster Otto“ tippte sie

„Kaum ertrage ich es,  immer noch getrennt von ihnen sein zu müssen. Einem so liebenswerten, großzügigen Mann mit der in Jahrzehnten entwickelten Empathie eines wahren Gentleman der alten Schule. Ich bin auch so glücklich zu hören, dass Sie doch einige soziale Kontakte pflegen wie zum Beispiel mit Ihrem Freund, dem Notar …. „

Notare brauchte man bekanntlich für das Verfassen von Testamenten. Die Geschenke des guten Otto bewegten sich ja meistens im 5-stelligen Bereich, was auf erhebliche Summen im Hintergrund schließen ließ. Hier hatte sie ein dezent pornografisches Foto geplant, was aber doch ein gewisses Risiko beinhaltete, denn die Gefühle des 95jährigen Otto schwankten zwischen erotisch und väterlich. Aber Mann bleibt Mann egal wie alt, dachte sie und hängte das Foto doch an.

“ Danke für Geld für Operation von Mütterlein ! Aber braucht noch einmal 20.000. Ukraine schlecht Land, Ärzte wollen viel Geld . Vorbereitung unser Hochzeit auch teuer. Danke du starke Mann. Foto hat gemacht Freund. Will auch heiraten, aber nicht so gute, starke Mann wie du.“

Eine kleine Eifersuchtsspitze wirkte manchmal Wunder. Dieser Kunde bekam die Fotos aus dem Ordner „Maria, Ukraine, schlecht deutsch“

Nun kam „Robert, wirklich nett, nur gemäßigte Forderungen“. Vielleicht strich sie ihn demnächst aus der Kundenkartei. Er war wirklich sympathisch und hatte ohnehin wenig Geld.

Sie lehnte sich entspannt zurück. Die Goldfäden in ihrer Strickjacke glänzten.

303 Wörter

Hanuman – ABC-Etüde

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Die Wörter  stammen diesmal von  Wortman

Die obenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Die Sonne brannte herunter auf die breite Straße, die zum örtlichen Hanuman-Tempel führte und von tausenden fröhlich  gekleideten Menschen blockiert war, die alle in dieselbe Richtung drängten, die einen über die anderen stolpernd. Die bunten Pigmente und Früchte, die sie als Schmuck und Opfer mitgebracht hatten, ergossen sich über die Menge, wurden zertrampelt und verschmiert. Die Tore des Tempels waren verschlossen, aber die Gerüchte hatten schon ihren Weg nach draußen gefunden.

Blau ?  Blau ??

Er ist doch nicht blau !!

Und Federn ? Federn !!!

Die empörte Menge wogte, schwankte und schrie.

Die Hanuman-Priester waren ebenfalls ratlos. Der absolut fremdländisch aussehende blaue Affe, der plötzlich unter ihnen aufgetaucht war, konnte doch unmöglich der Gott Hanuman sein. Oder etwa doch ?

Blau ist ja nicht völlig unmöglich, auch Lord Shiva…

Die Farbe ist doch nicht der Punkt sondern die Federn !!! Welcher hinduistische oder meinetwegen auch buddhistische oder überhaupt irgendein Gott hat den Federn !!

Im Buddhismus gibt es keinen Gott, murmelte der Priester, der wegen seiner Liebe zum Detail bei seinen Kollegen nicht übermäßig beliebt war.

Der blaue Affe saß auf auf einem Podest zwischen Weihrauchstäbchen und wassergefüllten Schalen und knabberte geruhsam an einer Banane, dann kratzte er sich an seinen ornamentgeschmückten Ohren und schwang an einem Brokatvorhang wie an einer Liane über den Köpfen der Priester.

Was machen wir bloß, rief der Oberpriester pathetisch aus, wir können doch nicht einen neuen Gott verkünden ! Und obendrein einen so … äh …. lebendigen !

Höchstens wenn wir behaupten, wir hätten ihn von den Kiowa  oder den Apachen übernommen, murmelte sein detailverliebter Kollege.

Ganz in der Nähe in einem unauffälligen Haus fand ein Treffen der Liga für tätigen Atheismus statt. Alle Mitglieder waren erschienen und die Stimmung war ganz hervorragend. Das Gelächter der Mitglieder der Liga schallte bis zum Hanuman-Tempel hinüber.

ABC-Etüden – Grauen, zum Glück surreal

Die Extra-Etüden bei Christiane

 

Wir irren umher. Alle. Ziellos. Surreal ist das Leben oft.

„Die weichmütigen nach links“ knarzt ein unsichtbarer Lautsprecher. „ Die Verblendeten nach rechts. Es gibt keine Überschneidungsmengen“

Von den Bahngleisen zur Rampe vorbei an den Weichmütigen. Die Demütigen stehen da auch und die Gläubigen. Alle todgeweiht.

Schuhe, Haare, Zahngold und Haut. Und der alles erstickende, alles durchdringende, fettige Rauch. Die gnädige Natur lässt den Geruchssinn abstumpfen.

Das grelle, orange Licht der Duschen ist in ein stumpf-aggressives Braun übergegangen, das durch die sich verrenkenden Körper hindurchsticht. Falsche Freude, echtes Elend. Die staubige Ebene bietet sich als Tanzfläche an oder als Backstube, wo alles möglich ist außer das Backen. Ohnehin mündet alles in die Hölle.  

Der Tag der Auferstehung, an den sie glaubten, fällt aus. Es bleibt nur, darauf zu warten, dass der Planet wieder erschüttert wird und die Lava die Spuren der Duschen verwischt. Wenn´s nur nicht geht wie in Pompei, für Jahrtausende konserviert die Schuhe, die Haare, das Zahngold und die Haut.

„Spuren von Humanoiden. Sollen wir sie liegen lassen?“ fragt der Wurm die Ameise.

Trügerisches – OOps eine irrtümlich entstandene Mini-Etüde

Es wird Zeit, dass ich mich mit anderen Motiven als Spiegelungen befasse, aber sie verfolgen mich unverdrossen. Es ist erschütternd. Von jedem Gehsteig, von jeder Wand wacheln sie mir zu. Von Wasserflächen will ich gar nicht reden, daran komme ich überhaupt nicht vorbei. Spiegel von Motorrädern, Windschutzscheiben von Autos, Scheinwerfer, Lautsprecher, Fenster, Glasscheiben jeder Art. Die Welt scheint hauptsächlich aus Spiegelungen zu bestehen.

Und bei der extremen Farblosigkeit, die derzeit vorherrscht, ist so ein oranger Streifen unwiderstehlich.

Außerdem winke ich Christiane zu