la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


15 Kommentare

Abschied

Etüdensommerintermezzo bei Christiane 

Aktenzahl: II-18/1

Du warst ein Kreativer, der sich Kreativität nur selten gestattete. Auf jeden Fall musste alles, was unter deinen Händen entstand einen Zweck erfüllen. Holz war dabei eines deiner Lieblingsmaterialien. Auch anderes wurde bearbeitet, verändert, nützlich gemacht. In der Zeit in der du Kind warst, waren das Fähigkeiten, die den Unterschied zwischen Hungern und  satt sein  ausmachen konnten, zwischen einem undichten und einem schützenden Dach über dem Kopf. Es ging nicht darum gestylte Lampions aufzuhängen sondern funktionierende Stromleitungen zu haben. Die Besitzlosen lebten in der Ungewissheit von Wanderbaustellen. Die Besitzlosen und die, die sich dem herrschenden Regime widersetzten. So einer war dein Vater. Als Kind war das für dich eine Katastrophe, der Grund für die Armut, die Benachteiligungen, den Hunger. Du hast diese Seite deines Vaters wohl nie so richtig geschätzt, aber ich bin heute stolz auf meinen Großvater.

Du hast studiert, hast Karriere gemacht, bist wohlhabend geworden. Deine Kinder wissen nicht, wie es ist, etwas das man unbedingt haben möchte nicht zu bekommen. Dein Sarkasmus war wohl Verteidigungslinie gegen Erinnerungen, ein Windhauch, der versuchte gegen den großen Sturm zu blasen. Gegen den großen Sturm aus Krieg und Hunger und Schmerzen. Es hat dich amüsiert, dass die Zeiten nun so sind, wie sie sind, dass Menschen versuchen möglichst wenige Kalorien zu essen, Knäckebrot, eine halbe Tomate und gegen mögliche Depressionen Johannisbeersaft trinken. Ein bissl herablassend hast du auf die Nachgeborenen geschaut, die eine behütete Kindheit hatten, genug zu essen und einen Arzt wenn sie krank waren, die ihre Lebensmittel an jeder Ecke kaufen können und nicht die Rüben aus den Feldern stehlen müssen. Du warst stolz auf deine gewaltige Resilienz und deine Erfolgsgeschichte. Waldeinsamkeit hast du nie gesucht, denn die Kontrolle wolltest du nie aufgeben. Die Kontrolle über die Erinnerungen und das Leben danach und schließlich auch den Tod. Du bist alt geworden, sehr alt und in Frieden gestorben.

Die Graugänse fliegen auf und deine Schritte verklingen im Blau.

Advertisements


8 Kommentare

ABC Etüden – Sommerpausenintermezzo 3

Andere Intermezzos gibt es bei Christiane zu lesen

Diesmal habe ich versucht, keine Geschichte zu erzählen sondern so vor mich hin zu schreiben, den Text also selbst laufen zu lassen und dabei 10 der Wörter einzubauen

Und ewig lockt der Ohrring

Ohne Ohrringe bin ich´s nicht. Ich besitze geschätzt hunderte in allen möglichen Materialien, in wertvollen und angeblich wertlosen. Meine Vorstellungen von Wert sind nicht unbedingt mehrheitsfähig. Es gibt aber schon Edelsteine und Halbedelsteine, die ich lieber mag als andere, Metalle, die ich anderen vorziehe. Mir kommt es auf die Freude an sie zu tragen, auf die Originalität der Verarbeitung, darauf wie sie zum Outfit passen nicht darauf, ob sich jemand fragen könnte, was die wohl gekostet haben. Meine Ohrringe gibt es in allen möglichen Ausführungen, vom absoluten Firlefanz im Kirchturmspitzen- , Pinguin- oder Unterwasserkönig-Design bis zum klassischen Stil in Gold und Diamant. Zu allen denkbaren Gelegenheiten passen irgendwelche meiner Ohrringe, ob ich zum Schwimmen im Baggersee gehe oder zum Sachertorten-Essen in ein Kaffehaus, immer baumelt etwas in meinen Ohren.

Wenn ich ohne Ohrringe unterwegs bin, so ist das ein sehr schlechtes Zeichen. Ein Hinweis darauf, dass irgendetwas gar nicht in Ordnung ist, dass ich irgendwelche gröberen Probleme habe. Mir irgendetwas schwer im Magen liegt. Luxusproblemchen schaffen es nicht, mich am Tragen von Ohrringen zu hindern. Die kürzlich erhaltene verstörende Nachricht ein in meinen Augen ungemein scheußliches  Biedermeierschränkchen geerbt zu haben, fiel zum Beispiel noch eindeutig in die Kategorie Luxusprobleme und ich hielt mich metaphorisch gesprochen an einem Paar Silber-Lapislazuliohrringen fest um dieses Erbschaftsproblemchen zu lösen. Habe ich zuwenig oder schlecht geschlafen, richte ich mich an einem Paar Ohrringe auf, wenn ich einen bergmassivhohen Stoß an Prüfungen zu bearbeiten habe, trage ich Ohrringe, die bei Kopfbewegungen ein bissl klimpern.

Gegen alles und jedes helfen Ohrringe natürlich nicht, meine sonstigen Überlebensstrategien passen hier aber nicht zum Thema.

Meine Liebe zu Schmuck, nicht nur zu Ohrringen, auch zu Ketten und Ringen wird mir hoffentlich nicht zum Verhängnis.  Nicht dass da ein falscher Eindruck entsteht, meine Schätze sind selbstverständlich alle bezahlt und es besteht nicht die geringste Chance, mich in irgendeiner Strafanstalt besuchen zu können oder mit einer Fussfessel anzutreffen. Auch wenn es die in interessantem Schmuckdesign gebe. Armbänder und Fussketten mag ich nicht so besonders. Die Armbänder stören mich bei allem und jedem und für die Fusskettchen fehlt es mir an den gazellenhaften Fussfesseln. Nettes Wortspiel übrigens. Nein, meine Befürchtungen gehen mehr in eine andere Richtung.

Las ! Où est maintenant ce mépris de Fortune

Où est ce coeur vainqueur de toute adversité

Cet honnête désir de l´immortalité,

Et cette honnête flamme au peuple non commune

Joachim Du Bellay

„Regrets, VI“ veröffentlicht 1558

Der Autor beklagt, dass er materiellen Besitz nicht mehr verachtet und ihm das ehrenhafte Streben nach Unsterblichkeit nichts mehr bedeutet.

 


21 Kommentare

ABC- Etüden – Sommerpausenintermezzo 2

Bei Christiane, wie immer, auch im Sommer

Beim letzten Text habe ich irrtümlich 11 der 15 Wörter verwendet und daher bei diesem Text ein Wort gestrichen (Ablenkungsmanöver), sonst sind es die gleichen Wörter wie beim ersten Text.

„Wir müssen auch über unsere Kirchturmspitze hinaus sehen, in die Welt“ rief Udo, der neugewählte Vorsitzende des Jungchristenvereins mit viel Pathos „Die Ärmel müssen wir aufkrempeln in dieser Pfarre und so viele Missstände beseitigen“. Dem Pfarrer, es muss gesagt werden, ging der junge Mann auf die Nerven. Zum dritten Mal in zwei Wochen war er zu einer Versammlung geladen worden, auf der dieser Udo lang und breit und ausschweifend dozierte und gar kein Ende fand. Der Pfarrer war dazu übergegangen im Geiste die Intarsien auf dem Biedermeierschränkchen im Pfarrsaal neu zu arrangieren und zu anderen Mustern zusammenzusetzen. Das half ein bisschen. Diesmal hatte er den Organisten gebeten seine Chorprobe während der Versammlung der Jungchristen anzusetzen und so wurde Udos Rede von einem schallenden „Lobet den Herrn …..“ unterbrochen. Der Pfarrer breitete entschuldigend die Arme aus – er konnte das fast so gut wie Don Camillo – und entschwand erleichtert in Richtung Kirche.

Der Pfarrer, seine Haushälterin und deren Kind saßen beim Abendessen im Garten. Der Pfarrer hatte die 50 lange hinter sich gelassen und wirkte auch älter als er war. Die Haushälterin war sehr jung, ungemein tüchtig und obendrein eine engagierte Mutter. Sie sprachen über den Verein der Jungchristen, vielmehr hielt der Pfarrer einen Monolog zum Thema, wie ungemein arrogant und selbstherrlich diese jungen Leute wären und wie oberflächlich und verzichtbar ihr Engagement. Irgendwann glaubte die nicht mit voller Konzentration zuhörende Haushälterin sogar das Wort „Firlefanz“ gehört zu haben. Aber sie kannte diese Tirade so gut, dass sie das eine oder andere neue Wort auch nicht zu größerer Aufmerksamkeit motivierte. Es war dem Pfarrer schon aufgefallen, dass sie in letzter Zeit überhaupt etwas verwirrt schien und ihren vielfältigen Pflichten nicht mit der gewohnten gelassenen Perfektion nachkam.

Udo war nicht nur ein pathetischer Redner, er war auch ein Mann der Tat. In wenigen Wochen war es ihm gelungen, einen Besuchsdienst für die Alten des Orts auf die Beine zu stellen. Er hatte auch den Besitzer der lokalen Fischkonservenfabrik zu einem substantiellen Sponsoringbeitrag für die zweimal wöchentlich stattfindende Tafel überredet. Die Menschen in der großen Gemeinde waren begeistert und beteiligten sich, plötzlich motiviert, an Udos Projekten. Sogar einige von jenen, die seit Jahren nicht in der Kirche vorbeigekommen waren, sogar die wenigen bekannten Atheisten im Ort. Es herrschte eine echte Aufbruchsstimmung an der der Pfarrer aber keinen Anteil hatte.

Eine junge Frau begleitete und unterstützte Udo. Er sagte, sie sei seine Zwillingsschwester und manche glaubten das auch, schließlich müssen sich zweieiige Zwillinge nicht besonders ähnlich sehen. Sie arbeitete mit an den Projekten, machte aber manchmal den Eindruck nur halbherzig bei der Sache und  in manchen Dingen mit Udo nicht einverstanden zu sein. Bei den nachfolgenden Ereignissen blieb ihre Rolle immer ein bisschen unklar und schwer zu fassen.

Eines Tages sah man sogar die Haushälterin des Pfarrers mit ihrem Kind aus dem Haus kommen, wo Udo und seine Schwester wohnten. Das Kind weinte und seine Mutter war auch sichtlich aufgewühlt. Man wunderte sich und die Stimmung hätte durchaus kippen können, aber Udo war zu einem so beliebten Mitbürger geworden, dass der Vorfall schnell in Vergessenheit geriet.

Die Zeit verging, es wurde Sommer. Der Pfarrer saß in seinem Garten und sah undurchdringlichen Blicks dem Kind der Haushälterin beim Spielen zu. Er hatte nicht viel zu tun. Wenn es darum ging Ratschläge einzuholen, um Hilfe zu bitten, ja sogar wenn es sich um ein religiöses Thema handelte, gingen die Leute zu Udo während der Pfarrer unbeliebter war als je zuvor. So unbeliebt war er anfangs gar nicht gewesen, erst als er kaum jemals im Pfarrhaus anzutreffen immer unterwegs war und insgesamt als wenig hilfreich empfunden wurde, begannen die Menschen sich von ihm abzuwenden.  Die Situation hatte sich mit dem Einzug der jungen tüchtigen Haushälterin zwar verbessert, aber die Menschen hatten den Pfarrer längst abgeschrieben und in den von ihm zelebrierten Messen saßen weniger als ein Dutzend Unermüdliche.

Udos angebliche Schwester organisierte ein Sommerfest am nahe gelegenen Baggersee. Es wurde ein großes Event, an dem die Menschen aus der ganzen Umgebung teilnahmen. Mehrere Musikgruppen traten auf und es wurde bis in den frühen Morgen getanzt. Der halbe Ort hatte es als Ehrensache betrachtet, Essen und Getränke nicht nur zur Verfügung zu stellen sondern persönlich zu verkaufen, wobei die Erlöse des Verkaufs und der Spenden in eines der Projekte einfließen sollten. Es gab eine Tombola und einen Verkleidungswettbewerb unter dem Motto „Federkleid“. Den ersten Preis des Tauchwettbewerbs bei dem der Unterwasserkönig oder die Unterwasserkönigin gekürt wurden, hatte wiederum die Fischkonservenfabrik gesponsert . Es handelte sich um einen silbernen Ohrring in Fischform. Nach amerikanischem Vorbild gab es auch einen Torten- und Kuchenwettbewerb. In aller gebotenen Heimlichkeit hatte sogar die Haushälterin des Pfarrers eine ihrer Kreationen, eine abgewandelte Sachertorte eingereicht. Die Einnahmen aus all diesen Aktivitäten überstiegen die Erwartungen bei weitem und es wurde in einer nachfolgenden Sitzung des Jungchristenvereins beschlossen damit ein weiteres Projekt zu realisieren: eine Gratisbetreung für Schüler. Der Pfarrer ließ sich nicht blicken, was auch niemand erwartet hatte.

Immer noch war es Sommer, immer noch waren die Gespräche im Pfarrhaus die gleichen, immer noch boomten Udos Projekte, als es aus kirchlicher Sicht zu einem regelrechten Skandal kam: der Pfarrer war zur letzten Ölung einer der wenigen treuen Kirchgängerinnen zu spät gekommen, ohne nennenswerte Begründung, ohne irgendeine Entschuldigung. Vielleicht wäre man in der Gemeinde achselzuckend darüber hinweg gegangen, aber das ließen die Jungchristen nicht zu. Die Kampagne gegen den Pfarrer begann. Reden, Plakate sogar ein Protestmarsch wurde abgehalten und Udo gelang es, einen Termin beim Bischof zu bekommen.

Der Showdown fand im spätsommerlich idyllischen Garten des Pfarrhauses statt. Vieles blühte noch, die Insekten wagten halsbrecherische Flugmanöver und das Kind spielte auf dem Rasen. Wer Udo hereingelassen hatte, blieb unklar. Es waren in diesen schwierigen Zeiten sämtliche Eingänge zum Pfarrhaus geschlossen, was nicht weiter problematisch war, weil ohnehin niemand den Pfarrer sehen wollte. Udo also stand plötzlich im Garten, wo der Pfarrer in einem Liegestuhl saß und tröstliche Worte aus einer Publikation las, die er bei Udos Anblick reflexartig unter dem Gartenmöbel verschwinden ließ. „Nun junger Mann, haben Sie endlich das Verwerfliche an Ihrem Tun eingesehen?“ fragte der Pfarrer salbungsvoll.

Udo ging ein paar Schritte über den Rasen und nahm das herumkrabbelnde Kind auf den Arm. Er lächelte es an und sagte „Hallo, kleiner Bruder“. Der Pfarrer zog sauer eine Augenbraue hoch. „Meine Mutter, Katharina, ist vor einem Jahr gestorben und hat uns, meiner Schwester und mir einen Brief hinterlassen in dem sie uns mitteilt, was wir zu ihren Lebzeiten nie erfahren haben, wer unser Vater ist. Der Mann, der im Namen seiner angeblichen Liebe zu Gott nie irgendetwas für seine Kinder und deren Mutter getan hat, der in einer Nacht- und Nebelaktion verschwunden ist und nie wieder von sich hören ließ. Angeblich wusstst du gar nichts von uns. Das kann man glauben oder auch nicht. Meine Mutter jedenfalls hat alles getan um deiner Karriere nicht im Weg zu stehen. Damit ist es ja wohl jetzt vorbei, jedenfalls habe ich das zwischen den Worten des Bischofs verstanden.“

Der Pfarrer sagte nichts, er schien in sich zusammengeschrumpft zu sein. „Meine Schwester und ich, wir hätten dir vielleicht verziehen, uns selbst gewissermaßen als deine Jugendtorheit betrachtet in einem unmenschlichen System. Wir wollten dich ursprünglich nur kennen lernen. Aber, dass du mit diesem Kleinen hier das ganze wiederholst und noch zwei Menschen in deine Hölle mit hineinziehst, das kann ich nicht einfach so mit ansehen.“ Er legte der inzwischen zu ihnen getretenen Pfarrhaushälterin ihr Kind in den Arm und sagte: „du kannst jederzeit zu uns kommen, wir überlegen dann gemeinsam, wie es weitergehen kann.“

Der Pfarrer schwieg. Was hätte er auch sagen können.

 

 

 

 


16 Kommentare

Scheideweg – ABC-Etüden Sommerintermezzo I

Bei Christiane, wie immer, auch im SommerDas braucht schon etwas mehr Zeit als eine klassische ABC-Etüde. Diesmal wollte ich gerne eine Geschichte mit einem happy-end schreiben. Ordentlich klischeehafte Figuren, aber immerhin eine ausbaufähige Geschichte.

An dem Tag an dem ihr erstes Forschungsstipendium genehmigt worden war, dachte sie zurück an Yasmin, nicht mehr mit der rotglühenden Wut der achtzehnjährigen sondern mit Dankbarkeit. Die starke Emotion hatte sie nicht vergessen, sie lag immer noch dicht unter der Haut, der Schmerz betrogen und als Figur in labyrinthischen Ablenkungsmanövern missbraucht worden zu sein. Die Wut, die Verzweiflung, das Gefühl des Verlassenseins. Der harte Schnitt in ihrem Leben.

Schön war es nicht am Baggersee, dazu waren die Steine zu spitz, das rundum wachsende Unkraut zu stachelig, die Bäume zu klein. Es gab in der näheren Umgebung attraktivere Badegelegenheiten und so blieb der Teich Fröschen, Libellen und Wasserläufern überlassen. Manchmal kamen Spaziergänger mit Hunden vorbei, die dann vielleicht kurz ins Wasser gingen, aber auch zu einem Hundeparadies reichte es auch nie. Die nahe gelegene Fischkonservenfabrik, dieser Betonklotz im Nirgendwo machte die Gegend auch nicht anziehender.

Es war ihr letztes Jahr im Gymnasium. Widerborstig, aufmüpfig, dachte sie, beschrieb ihre damalige Gemütslage wohl am besten. Langweilig fand sie ihre Mitschüler. Auch bei denen standen Biedermeierschränkchen und nachgebaute Bauhaus-Stühle zuhause, die Eltern waren gebildet, tolerant und gut gekleidet. Ihr ganzes Leben lag vorgezeichnet  vor ihr. Die bestandene Matura würde der erste Schritt in die absolute Konformität sein. Aber da gab  es den Unterwasserkönig.

Woher der Mann gekommen war, wusste man nicht. Es wusste auch niemand, ob und wo er eine Unterkunft hatte. Dass er aber am Baggersee seinen wohlgeformten Körper nackt darbot, wussten alle. Er arbeitete nicht, er lernte nicht, er lebte einfach, wie sie damals fand. Ganz genauso stellte sie es sich auch vor: einfaches Leben mit der Natur, Liebe und Freiheit. Es war ein heißer Frühling, dem ein heißer Sommer folgte und bald hatte sich rund um den Unterwasserkönig und den Baggersee eine Gefolgschaft Gleichgesinnter gebildet. Sie war die einzige Schülerin in dieser Gruppe und heftig beeindruckt von einer ihr völlig fremden Welt, deren Umgangsformen und Gesetze sie nicht kannte, die ihr aber als verlockendes Gegenmodell zu ihrem Leben erschienen.

Die schriftliche Matura war gut verlaufen, theoretisch sollte sie nun ihre Zeit mit dem Lernen für die mündliche verbringen. Tatsächlich kauerte sie auf einem Handtuch am Ufer des Sees. Die Steine stachen durch den Stoff, aber das nahm nur ihr rationales Ich wahr, das sie zum Schweigen verurteilt hatte. Die meterhohen Unkrautwedel  gefielen ihr besser als jede Palme und hatte ER nicht gerade genau in ihre Richtung gelächelt. Und jetzt kam er herüber. In steifem John-Wayne-Gorilla-Schritt hätte ihre Mutter gesagt und schallend gelacht. Er setzte sich neben sie und weil auf dem Handtuch nicht viel Platz war, rückte sie ein Stück und saß jetzt auf den Steinen, ganz nah an den Disteln. Die Luft flimmerte, die Sterne tanzten. Er gab ihr einen Stöpsel seines Kopfhörers und sagte, dass er alte Musik möge. Bach? Palestrina? dachte sie verwundert, was aus den Kopfhörern tönte, war aber Eddie Grant „Gimme hope, Joanna, …….“ Ach, sie verstand sofort, was er ihr damit sagen wollte, dieser wunderschöne, erotische, kluge nackte Mann auf ihrem Handtuch.

Dann tauchte Yasmin das erste Mal auf. Eines Nachmittags, an dem sie unlustig etwas Mathe lernte, stand sie vor ihrer Tür, in einer Art Mini-Federkleid und riesigen Ohrringen. Die Ohrringe waren größer als das Kleid hätte ihre Mutter gesagt. Yasmin war auch mit sonstigen Accessoires behängt, die sogar dem baggerseegetrübten Blick als geschmackloser Firlefanz erschienen. Im Laufe ihrer mehrwöchigen Freundschaft verbesserte sich Yasmins Outfit wesentlich. Viele Stücke wanderten aus dem wohlbestückten, bürgerlichen Kleiderschrank zu Yasmin hinüber, theoretisch als Leihgabe.

Sie tauchten nun immer gemeinsam am Baggersee auf. Yasmin sagte, dass sie den Mann nicht leiden könne und ihr nur der See so gut gefiele. Das rationale Ich tobte im Gitterkäfig, wurde aber nicht gehört. Yasmin gefiel es hier eben, na und, warum nicht? Über alle wichtigen Dinge wie Mode, Schmuck und Männer konnte man sich mit Yasmin stundenlang unterhalten. Unwichtiges wie Mathe, Biologie, Literatur kamen in ihrem Weltbild gar nicht vor. Umso besser, davon hatte sie selbst genug. Ein paar Ohrringe, die keineswegs aus Firlefanz bestanden, wechselten die Besitzerin. Yasmin ersetzte ihr alle anderen Freundinnen. Sie merkte, dass ihre Eltern sich wunderten, aber nichts sagten. Sie luden Yasmin allerdings auch nicht ein, wie sie das sonst mit ihren Freunden machten

Mehr schlecht als recht hatte sie die mündliche Matura bestanden. Nicht einmal in ihren Lieblingsfächern hatte sie geglänzt, was den Verdacht nahelegte, dass man sie als Erinnerung an bessere Zeiten und in der Hoffnung auf Veränderung durch die Prüfung getragen hatte. Nach einem klassischen Abschlussfest mit den Professoren und der Schulleitung, mit Reden, Geschenken, belegten Brötchen, Sachertorte und Sekt fuhr ihre Klasse in einen Club nach Tunesien. Sie wollte nicht mitfahren, sie bevorzugte den Baggersee. Alle schüttelten den Kopf, aber das war ihr egal. Ihren Eltern erzählte sie, dass sie sich lieber auf´s Studium vorbereiten wolle. Heute war ihr klar, dass sie das nicht geglaubt haben konnten.

Der Unterwasserkönig zeichnete sie unter seiner Gefolgschaft immer mehr aus. Sie durfte ihm sogar ein neues Handy organisieren. Heute dachte sie, dass er wohl davon ausging, dass sie es irgendwo gestohlen hatte, tatsächlich hatte sie es gekauft und war sehr stolz darauf, dass er es verwendete. Die Sterne tanzten immer noch. Die Grillen zirpten in der heißen Nacht, die Kräuter, die rund um den See auch wuchsen dufteten stark. Der Mann fuhr mit dem Finger die Linie von ihrem Nabel über den Bauch bis zum Venushügel nach und zerrte dann an ihrem Bikini. „Gimme hope Joanna, gimme hope Joanna, gimme hope before the morning come …..“ „gehen wir noch schwimmen“ fragte Yasmin scheinheilig und tauchte hinter einem Busch auf. So war es immer. Wenn es fast so weit war, wenn sie sich so nahe gekommen waren, dass endlich irgendetwas Körperliches passieren musste, tauchte Yasmin auf. Was immer undurchsichtig blieb, war die Reaktion des Mannes. Weder schien er verärgert noch auch nur irritiert, wie jemand, der schon den halben Teich leer gefischt hat und dem nun an einem weiteren Fang nicht mehr so viel lag.

Wenn sie und der Unterwasserkönig miteinander sprachen, störte sie Yasmin nie. Die Gespräche verliefen nach dem gleichen Muster: er fragte sie irgendetwas und sie erzählte dann, beschrieb das Haus ihrer Eltern, erzählte wann wer in der Siedlung wohin auf Urlaub fuhr, zu welchem Haus welches Auto gehörte. Er hörte ihr aufmerksam zu und stellte viele Zwischenfragen, sie war glücklich über die Aufmerksamkeit und das Interesse, das er für sie zeigte. Wie unendlich naiv sie doch damals gewesen war. Oft dachte sie über ihr weiteres Leben nach, wie die Liebe triumphieren würde über das Spießertum, wie sie gemeinsam mit ihm weggehen würde, an Orte an denen nicht einmal mehr eine Spur von der eleganten Wohnsiedlung zu sehen sein würde, nicht einmal mehr die Kirchturmspitze von der ganzen Bigotterie.

Dann kam der Tag und der Moment, den sie im Rückblick ganz klar als einen Scheideweg sah, eine Richtungsentscheidung für ihr Leben. Ihre Eltern würden erst am nächsten Tag zurückkommen, sie wollte nur in ihr Zimmer gehen, sich umziehen und dann den Weg zum Baggerteich nehmen. Sie mochte die Dunkelheit und machte kein Licht an als sie aus dem Garten ins Haus kam. Der Unterwasserkönig und Yasmin hatten gerade den Safe im Wohnzimmer geknackt und räumten den Schmuck ihrer Mutter in eine schon gut gefüllte Tasche. Sie konnte sich später gar nicht daran erinnern, die Polizei gerufen zu haben, aber sie hatte es getan und die Polizei kam sehr schnell. Sie patrouillierten schon seit ein paar Tagen, weil es viele Einbrüche gegeben hatte, immer punktgenau wenn die Bewohner nicht da waren. „Es war ein Spiel, wir haben das zu dritt ausgemacht“ sagte Yasmin und sah sie scharf an. „Nein“ sagte sie, „nein, das haben wir nicht und ich habe die Polizei gerufen.“ Dann kamen die Nachbarn um sich besorgt zu erkundigen, ob sie irgendetwas für sie tun könnten. Eine ihrer ehemaligen Mitschülerinnen, die gegenüber wohnte und auch nicht mitgefahren war nach Tunesien, lud sie ein bei ihr zu schlafen. Die Welt rüttelte sich in diesem Moment wieder anders zusammen und was nach ein paar Tagen herauskam, war eine klare Vorstellung davon, was sie gerne mit ihrem Leben anfangen wollte. Biedermeierschränkchen kamen darin nicht vor, aber auch keine Unterwasserkönige.

Knapp war das damals, ganz knapp, dachte sie und schickte Yasmin wo immer sie sein mochte einen freundlichen Gedanken dafür, dass sie durch sie so viel gelernt hatte.

 


16 Kommentare

Myriades Reime – ABC-Etüden

Die ABC-Etüden bei Christiane 

Mit 10 Sätzen einen Text schreiben in dem 3 vorgegebene Wörter vorkommen

Diesmal ist es ein bissl anders, weil ich mich im Reimen und Verszählen geübt habe.

Keine Ahnung wie viele Sätze das sind, aber in jedem Fall weniger als 10

Man beachte, dass es immer abwechselnd 8 oder 7 Silben sind

Bio-Diesel aus der Pflanze,

die den Regenwald zerstört

Sonnenbaden auf der Schanze,

die dem Jet-Set nur gehört

Und man muss auch ständig lauern,

ob man auch beachtet wird

Unbeeindruckt vom Bedauern,

dass im Wege man sich irrt

Pompös geht die Welt zugrunde

eingerahmt in Ignoranz,

geh´n wir alle vor die Hunde

in makabrem Totentanz


17 Kommentare

Wie man Karriere macht – ABC-Etüden

Die ABC-Etüden bei Christiane 

Mit 10 Sätzen einen Text schreiben in dem 3 vorgegebene Wörter vorkommen

Immer war ihm klar gewesen, dass er dazu bestimmt war die wirklich große Karriere zu machen, die die jemanden zum Milliardär machte, ihn in die gleichen Reihen katapultierte wie Bill Gates oder die Rothschilds und hatte auch früh damit begonnen an seinem Aufstieg zu arbeiten. Als Schulkind versuchte er die besonderen Pausenbrote seiner Mutter zu verkaufen. Hatte er aber endlich einen Kunden gefunden, machte an diesem Tag sein Vater die Brote, die so unsensationnel waren, dass sie niemand haben wollte. Immer gab es irgendein kleineres Hindernis, das den ganz großen Erfolg nicht zuließ. So ging es weiter in seinem Leben, er arbeitete hart, wenn andere sich mit Sonnenbaden oder Party Feiern verzettelten. Er genoß sein fantastisches Gespür für Geschäfte, andere meinten, dass er mit absoluter Zielsicherheit auf das falsche Pferd setzte. Aber diesmal war der große Durchbruch unvermeidlich.

Nachdem er das beträchtliche von seinen Eltern ererbte Vermögen bis auf den letzten Cent verloren hatte, erbte er noch einmal von einer Tante und dieses auch nicht geringe Vermögen hatte er in die Krönung seiner Karriere gesteckt: die neue Firma bestand aus zwei Bereichen, einerseits der Autoverkauf:  „Setzen Sie auf die Zukunft, rüsten Sie um auf Diesel“ stand da in gewaltigen Lettern, ein Verkaufswagen neben dem anderen und mehrere Bio-Diesel Zapfsäulen, Sonderanfertigungen mit diversem Schnick-Schnack und seinen Initialen in massivem Gold. Und daneben das Restaurant, es hatte den Rest der Erbschaft verschlungen, in Palmenoptik gebaut mit pompösen Details und dem Hinweis auf vergoldeten Ästen: „alle unsere Gerichte enthalten Palmöl“.

Diesmal, so war er sich absolut sicher, hatte er sogar auf zwei richtige Pferde gesetzt.


9 Kommentare

Kochkunst – ABC-Etüden

 

ABC -Etüden bei Christiane

Einen Text schreiben mit 3 vorgegebenen Wörtern in 10 Sätzen

Übungsthema: Absurde Verwendung eines Wortes

Wo hast du dieses Rezept gefunden ?

Beim Entrümpeln, am Dachboden der Frau Marterer.  Es ist uns nur aufgefallen weil das Papier so giftgrün ist. Du weißt ja, ihr Mann ist kürzlich gestorben und jetzt lässt sie das Haus total umbauen. Sie wirkt richtig glücklich. Wundert mich gar nicht, das Leben mit dem Marterer – nomen est omen – muss die Hölle gewesen sein.

Komisch dieses Rezept, zuerst denkt man, es ist ein interessanter Fleischeintopf mit Obst, aber dann kommt diese seltsame Zeile: 55 Pfirsiche, Fleischvernichtung, Kernschmelze, Verwendung als Saft. Soll man das Fruchtfleisch wegwerfen? Und „Kernschmelze“ mit 55 Pfirsichkernen ?

Warte da unten steht noch was. „An meine Urenkelinen – Für den extremen Notfall – Oma Hilde“