Schlagwort: ABC-Etüden

Für manche Geschäftsmodelle ist Covid ein Segen- ABC-Etüde

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Die Wörter  stammen von Flumsi (Wortgeflumselkritzelkram)

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Das Foto zeigt die Protagonistin auf dem Weg zur Arbeit

 

„Ach wie so trügerisch sind Frauenhe-e-e-erz e-en“ schmetterte sie die ungelenke deutsche Übersetzung von „La donna è mobile“. Gerade war sie an ihrem Arbeitsplatz angekommen und fuhr den PC hoch. Das Geschäftsmodell, das sie entdeckt hatte war überaus erfolgreich und lief mit wenigen  Arbeitsstunden. Nach dem einmaligen Aufwand der Einrichtung  von Konten in mehreren Ländern, benötigte das laufende Geschäft nur wenig Zeit. Es erforderte allerdings große Sorgfalt bei der Verwaltung von Fotos und anderen Dokumenten.

„Mein allerliebster Otto“ tippte sie

„Kaum ertrage ich es,  immer noch getrennt von ihnen sein zu müssen. Einem so liebenswerten, großzügigen Mann mit der in Jahrzehnten entwickelten Empathie eines wahren Gentleman der alten Schule. Ich bin auch so glücklich zu hören, dass Sie doch einige soziale Kontakte pflegen wie zum Beispiel mit Ihrem Freund, dem Notar …. „

Notare brauchte man bekanntlich für das Verfassen von Testamenten. Die Geschenke des guten Otto bewegten sich ja meistens im 5-stelligen Bereich, was auf erhebliche Summen im Hintergrund schließen ließ. Hier hatte sie ein dezent pornografisches Foto geplant, was aber doch ein gewisses Risiko beinhaltete, denn die Gefühle des 95jährigen Otto schwankten zwischen erotisch und väterlich. Aber Mann bleibt Mann egal wie alt, dachte sie und hängte das Foto doch an.

“ Danke für Geld für Operation von Mütterlein ! Aber braucht noch einmal 20.000. Ukraine schlecht Land, Ärzte wollen viel Geld . Vorbereitung unser Hochzeit auch teuer. Danke du starke Mann. Foto hat gemacht Freund. Will auch heiraten, aber nicht so gute, starke Mann wie du.“

Eine kleine Eifersuchtsspitze wirkte manchmal Wunder. Dieser Kunde bekam die Fotos aus dem Ordner „Maria, Ukraine, schlecht deutsch“

Nun kam „Robert, wirklich nett, nur gemäßigte Forderungen“. Vielleicht strich sie ihn demnächst aus der Kundenkartei. Er war wirklich sympathisch und hatte ohnehin wenig Geld.

Sie lehnte sich entspannt zurück. Die Goldfäden in ihrer Strickjacke glänzten.

303 Wörter

Hanuman – ABC-Etüde

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Die Wörter  stammen diesmal von  Wortman

Die obenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Die Sonne brannte herunter auf die breite Straße, die zum örtlichen Hanuman-Tempel führte und von tausenden fröhlich  gekleideten Menschen blockiert war, die alle in dieselbe Richtung drängten, die einen über die anderen stolpernd. Die bunten Pigmente und Früchte, die sie als Schmuck und Opfer mitgebracht hatten, ergossen sich über die Menge, wurden zertrampelt und verschmiert. Die Tore des Tempels waren verschlossen, aber die Gerüchte hatten schon ihren Weg nach draußen gefunden.

Blau ?  Blau ??

Er ist doch nicht blau !!

Und Federn ? Federn !!!

Die empörte Menge wogte, schwankte und schrie.

Die Hanuman-Priester waren ebenfalls ratlos. Der absolut fremdländisch aussehende blaue Affe, der plötzlich unter ihnen aufgetaucht war, konnte doch unmöglich der Gott Hanuman sein. Oder etwa doch ?

Blau ist ja nicht völlig unmöglich, auch Lord Shiva…

Die Farbe ist doch nicht der Punkt sondern die Federn !!! Welcher hinduistische oder meinetwegen auch buddhistische oder überhaupt irgendein Gott hat den Federn !!

Im Buddhismus gibt es keinen Gott, murmelte der Priester, der wegen seiner Liebe zum Detail bei seinen Kollegen nicht übermäßig beliebt war.

Der blaue Affe saß auf auf einem Podest zwischen Weihrauchstäbchen und wassergefüllten Schalen und knabberte geruhsam an einer Banane, dann kratzte er sich an seinen ornamentgeschmückten Ohren und schwang an einem Brokatvorhang wie an einer Liane über den Köpfen der Priester.

Was machen wir bloß, rief der Oberpriester pathetisch aus, wir können doch nicht einen neuen Gott verkünden ! Und obendrein einen so … äh …. lebendigen !

Höchstens wenn wir behaupten, wir hätten ihn von den Kiowa  oder den Apachen übernommen, murmelte sein detailverliebter Kollege.

Ganz in der Nähe in einem unauffälligen Haus fand ein Treffen der Liga für tätigen Atheismus statt. Alle Mitglieder waren erschienen und die Stimmung war ganz hervorragend. Das Gelächter der Mitglieder der Liga schallte bis zum Hanuman-Tempel hinüber.

ABC-Etüden – Grauen, zum Glück surreal

Die Extra-Etüden bei Christiane

 

Wir irren umher. Alle. Ziellos. Surreal ist das Leben oft.

„Die weichmütigen nach links“ knarzt ein unsichtbarer Lautsprecher. „ Die Verblendeten nach rechts. Es gibt keine Überschneidungsmengen“

Von den Bahngleisen zur Rampe vorbei an den Weichmütigen. Die Demütigen stehen da auch und die Gläubigen. Alle todgeweiht.

Schuhe, Haare, Zahngold und Haut. Und der alles erstickende, alles durchdringende, fettige Rauch. Die gnädige Natur lässt den Geruchssinn abstumpfen.

Das grelle, orange Licht der Duschen ist in ein stumpf-aggressives Braun übergegangen, das durch die sich verrenkenden Körper hindurchsticht. Falsche Freude, echtes Elend. Die staubige Ebene bietet sich als Tanzfläche an oder als Backstube, wo alles möglich ist außer das Backen. Ohnehin mündet alles in die Hölle.  

Der Tag der Auferstehung, an den sie glaubten, fällt aus. Es bleibt nur, darauf zu warten, dass der Planet wieder erschüttert wird und die Lava die Spuren der Duschen verwischt. Wenn´s nur nicht geht wie in Pompei, für Jahrtausende konserviert die Schuhe, die Haare, das Zahngold und die Haut.

„Spuren von Humanoiden. Sollen wir sie liegen lassen?“ fragt der Wurm die Ameise.

Trügerisches – OOps eine irrtümlich entstandene Mini-Etüde

Es wird Zeit, dass ich mich mit anderen Motiven als Spiegelungen befasse, aber sie verfolgen mich unverdrossen. Es ist erschütternd. Von jedem Gehsteig, von jeder Wand wacheln sie mir zu. Von Wasserflächen will ich gar nicht reden, daran komme ich überhaupt nicht vorbei. Spiegel von Motorrädern, Windschutzscheiben von Autos, Scheinwerfer, Lautsprecher, Fenster, Glasscheiben jeder Art. Die Welt scheint hauptsächlich aus Spiegelungen zu bestehen.

Und bei der extremen Farblosigkeit, die derzeit vorherrscht, ist so ein oranger Streifen unwiderstehlich.

Außerdem winke ich Christiane zu

Verhetzung zum Wohle des Landesvaters – ABC-Etüde

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Die wunderbar vielseitigen Wörter  stammen von  Blaupause7

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

In einem ebenso armen wie korrupten Land im Jahr 2021.

Arm ist das Land, weil die Erträge für den Verkauf der gewaltigen Mengen an kostbaren Rohstoffen ihren direkten Weg in die Taschen des „Landesvaters“ finden. Aus demselben Grund regiert die Korruption.

Die blechernen Lautsprecher wummern, die Menge schwingt mit, stroboskopisches Licht, gelb, orange. Die Menschen recken die Fäuste, die Frust-Energie ihres elenden, manipulierten Lebens fließt kraftvoll in die Fäuste. „Niemals lassen wir uns unsere Freiheit nehmen“ brüllt der Einpeitscher auf der wackligen Bühne. „Hängt-sie-auf“. Die Menge skandiert mit. Die ganze Wut, die ganze Verzweiflung über ihr prekäres Leben, über den Mangel am Grundlegensten, auch an Freiheit, alles fließt in die Fäuste, die sie im Rhythmus hochstoßen. Der Einpeitscher ist zufrieden und leitet den Höhepunkt der Veranstaltung ein. „Keine Impfung!!“ brüllt er „Keine Impfung“ brüllt die Menge und stampft rhythmisch durch den Hinterhof. Die Emotionen kochen hoch, der Einpeitscher lenkt sie geschickt weg von den tatsächlichen Problemen.

In seinem Palast freut sich der vor kurzem wieder einmal in seinem Amt bestätigte Landesvater. Niemals würde er seine Untertanen der Gefahr der Freiheitsberaubung oder gar der Impfung aussetzen.Er selbst ist natürlich geimpft, ebenso seine Hauptfrau und andere wichtige Verwandte und einige politische Weggefährten, je nach deren Loyalität. Der von Oxfam gespendete Impfstoff reicht natürlich nicht für alle. Impfungen für´s Volk müsste man kaufen und das wäre nicht nur teuer sondern auch gefährlich. Das ganze sensible Gleichgewicht  des Aufhetzens der einen gegen die anderen und des Belohnens seiner bedingungslosen Anhänger würde zusammenbrechen. Eventuell könnte man Impfstoff auf dem Weltmarkt kaufen und an die Regierungstreuen um den fünffachen,  besser zehnfachen Preis weiterverkaufen. Divide et impera hat er irgendwann gelernt. Dass man als Diktator nicht zulassen darf, dass sich Vernunft und Solidarität durchsetzen, hat er im Gefühl, als Nachfahre vieler absoluter Herrscher unter verschiedenen Bezeichnungen. 

Erschüttert das jemanden?

Einbruch bei Olpo – ABC-Etüden

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter vom bloglosen Ludwig Zeidler

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Diese Etüde bezieht sich auf die Unterhaltung zwischen Christiane, Olpo und mir über Vorzimmer, Kernseife und redundante Türen

Hademar Backen war nicht etwa Bäcker.Backen gehörte noch nicht einmal zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Sein Beruf, der gleichzeitig auch als Hobbie betrachtet werden konnte, war um vieles profitabler: er war Einbrecher.

Heute stand er nachdenklich vor einer Tür. Er konnte geradezu hindurchsehen und wusste ganz sicher, dass dahinter noch eine zweite sein musste. Die mit Kreide gemalten Zeichen an der Wand ignorierte er. Auf die Meinung schon vorbei gekommener Kollegen war er nicht angewiesen.

Flink, effizient und spurenlos öffnete er beide Türen und fand sich in einer chaotischen Waschküche wieder, die er auf den ersten Blick als Tarnung entlarvte. Ein ganz schlauer wohnte hier, aber Hademar war nicht umsonst Profi, wie ihm absolut seriöse Referenzen wie jene der Polizei und der Staatsanwaltschaft bestätigten.

Er schlängelte sich durch die Waschküchen-Kulisse, nahm die herumliegende Kernseife als phantasievolles Requisit zur Kenntnis und betrat das Wohnzimmer. Dinge, die viele seiner Kollegen als lohnenswerte Beute betrachtet hätten, ließ er links liegen. Es irritierte ihn nie, wenn er keine Kollektionen von Diamantschmuck mitnehmen konnte. Mit solchen Anfänger-Aktionen gab er sich nicht ab. Eine gar nicht unbeträchtliche Erbschaft erlaubte es ihm, sich auf die Suche nach wahren Werten zu machen und – er konnte es förmlich riechen – die gab es hier irgendwo.

Das Wühlen in fremden Besitztümern war tief unter seinem Niveau. Er suchte mit Augen und kleinen grauen Zellen. Hier wohnte jemand, der wahrscheinlich des öfteren in Zetermordio ausbrach, aber eigentlich ein freundlicher, weichmütiger Mensch war. Es gehörte zu Hademars größten Triumphen, Beweise für seine Theorien zu finden. Er schaltete seinen Blick auf Farbendetektor und da bemerkte er einen Fleck Zyklamfarben, der aus einem Regal hervorleuchtete. „ 5000 Kilometer Urlaub und 390 Euro“ hießen die Bücher, die dort lagen.

„Na bitte“ sagte Hademar laut. Nahm sich den ganzen Stoß und hinterließ einige fingerabdruckfreie Geldscheine. Für Schätze bezahlte er.

Der blaue Nil -ABC-Etüde

 

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Ulli vom Café Weltenall

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Nachdem mir derzeit absolut keine Geschichten einfallen wollen, greife ich auf das bewährte Einfach-drauflos-Schreiben zurück. Und siehe da, das geht auch in genau 300 Wörtern

„Die Quelle des Blauen Nil“ hatte für mich immer einen ganz besonderen Reiz, dessen Ursprung ich nicht nachverfolgen kann. Habe ich als Kind irgendwo gehört oder gelesen, dass diese Quelle für die europäischen Erforscher des afrikanischen Kontinents eine große Herausforderung darstellte, dass sie lange nicht gefunden wurde ? Jedenfalls entwickelte sich die „Quelle des Blauen Nil“ zu einem Ausdruck, den ich immer noch richtig gerne höre und schreibe, der abenteuerliche, mystische Bilder aufsteigen lässt.   

Der blaue Nil ist nicht blau, er führt eine Menge Sedimente mit und ist daher dunkel, was in der Übersetzung aus dem Arabischen in europäische Sprachen zu „blau“ wurde. Es würde sich unbedingt lohnen, in Bibliotheken und auch im Netz nach Übersetzungsfehlern zu stöbern, die im Laufe der Geschichte wichtige Auswirkungen hatten. Beim Blauen Nil ist das nicht der Fall, aber wenn ich zum Beispiel an den Apfelbaum im Garten Eden denke. Ein überaus interessantes Thema.

Ganz griesgrämig werde ich, wenn ich denke, mit welchen Banalitäten des Alltags ich mich beschäftige, statt mich in die lichten Höhen der Forschung zu begeben. Ich weiß, dass auch mein Bild der Forschung in alten Dokumenten ein stark romantisiertes ist. Tatsächlich ist das ein Kampf gegen Staub, Verwesung und unleserliche Handschriften in den Tagebüchern längst selbst zu Staub gewordener Menschen.

Andere Menschen träumen von Prinzen auf weißen Rössern. Nur zu. Bei mir sind es die alten Dokumente und die Quelle des blauen Nil. Wobei das Zusammentreffen von Quellen und Dokumenten für letztere sehr schlecht ausgehen könnte. Die Tinte löst sich auf und fließt in den Nil, der dadurch tatsächlich blau wird.

Solche Bilder sind wohl eine Art Selbstbefriedigung des Hirns in Zeiten des Shut-Downs bzw eine Entschuldigung für meine Antriebslosigkeit. Wer oder was hindert mich daran, zu einem Thema, das mich interessiert zu forschen? Nur ich selbst.

300 Wörter

Mein inneres Kind – ABC Etüden

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Kain Schreiber (bei dem ich mich frage, ob er Kain mit Vornamen heißt?)

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Gutenberg-Anmerkungen: Den Text habe ich von Word rüberkopiert. die Formatierung blieb erhalten. Der größere Abstand zwischen vorletztem und letztem Absatz ist beabsichtigt. Lästig fand ich, dass ich die selbstkomponierte Textfarbe über jeden Absatz einzeln legen musste.

ICH WILL, ICH WILL, ICH WILL. Keine Spur von lieblichem Augenaufschlag, süßen Patschhändchen und reizendem Gebrabbel. Mein inneres Kind ist sehr energisch, energiegeladen, neugierig und abenteuerlustig. Und sehr hartnäckig im Verfolgen ihrer Ziele. Sie ist natürlich kein „es“ sondern eine „sie“, ganz eindeutig.

Sie kann auch sehr charmant sein, richtig lieb und anschmiegsam solange, ja solange alles nach ihrem Kopf geht. Sie ist wie alle Kleinkinder ein Monster an Egoismus. Die Möglichkeit mit anderen zu teilen oder deren Bedürfnisse zu respektieren gehört noch nicht zu ihrem Verhaltensrepertoire. Soziales Verhalten lernt ein Mensch erst später in seinem Leben, oder gar nicht.

Manchmal muss ich sie aus gefährlichen Situationen retten. Lebenserfahrungen hat sie ja noch keine und sie stürmt immer voran, wenn etwas ihre Neugier geweckt hat. Dass auf dem Weg dahin vielleicht eine tiefe Grube mit Krokodilen liegt, ein dicker LKW um die Ecke biegen könnte oder der Nachbar Schmidt mit gierigen Augen lauert, ist ihr nicht klar. In solchen Fällen muss ich dann eingreifen.

Verspielt ist sie auch und sehr kreativ, ein Vergnügen ihr zuzusehen, meistens darf ich auch mitmachen bei den schwankenden Konstruktionen und wilden Bildern. Die versteinerten Gedankengänge wellen sich dann plötzlich und tuten und piepen. Wenn man keine Konsequenzen und Risiken in Betracht zieht, ist das Leben zwar sehr gefährlich aber auch sehr bunt und vielfältig. Wir lachen oft und viel miteinander. Alles in allem sind wir ein höchst erfolgreiches Team.

 

Bei Tageslicht entdeckt sie die Welt, wenn das Nachtlicht zum Fenster hereinscheint, schläft sie. Beides tut sie mit vollem Einsatz. Auf ihre Energie, ihre Neugierde, ihre Kreativität und Verspieltheit greife ich gerne zurück. Manchmal gestattet sie mir das, manchmal auch nicht. Manchmal ärgere ich mich so heftig über sie, dass ich sie gerne zur Adoption freigeben würde, aber was würde mir da nicht alles fehlen !  

300 Wörter

Das rechte Schreiben – ABC-Etüden

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Judith von „mutiger leben“

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Echt, Mit „tz“ schreibt man „putzen“?? Wer hat sich denn das ausgedacht !!

Das ist momentan völlig wurscht. Können musst du es. „Trotz“ schreibt man übrigens auch mit „tz“ und „Schutz“ und „Schmutz“ und „Schmutzfink“. Nimm die Finger aus dem Marmeladeglas ! „Fink“ allerdings nicht mit „ck“

Geh, Mama, jetzt reicht´s aber für heute

Noch nicht ganz. Wie schreibst du zum Beispiel „fabelhaft“? Eben, mit „f“ nicht mit „v“ ! Was schreibt man denn sonst noch mit „f“ am Anfang ?

Fliege

Super!

Falter

Genau!

Fiel

„fiel“ von fallen schon, aber viel wie wenig mit „v“.

Grauslich ist das. Wozu braucht man das überhaupt ?

Fürs Leben, beziehungsweise für die nächste Schularbeit.

Wenn ich 1 … na sagen wir lieber 3 bekomme, darf ich dann mit Stefan und Flopsi auf den Abenteuerspielplatz ?

Wer ist denn Flopsi? Und wie schreibt man den?

Na, F-L-O-B-S-I natürlich

Aha, nicht so wie Mops oder mopsen?

Was heißt denn „mopsen“ ?

„stehlen“. Aber gut, das musst du nicht wissen. Dass man stehlen mit „h“ schreibt dagegen schon

Weiß ich, so wie „Pläne“ und „Mehlspeise“. Darf ich mir eine Esterhazy-Schnitte kaufen?

Wenn du weißt, wie man sie schreibt

Nicht mit „s“ weil sie ja nix mit „Hasen“ zu tun hat. Und mit „y“ nicht mit „i“ weil denen ja das halbe Land gehört, sagt der Papa.

Oho, der Papa arbeitet mit politischen Ansätzen. Wie schreibt man übrigens „Ansatz“?

Lang, also mit „tz“ weil ein Ansatz länger dauert als ein Hieb, den schreibt man mit „i“

Auch vom Papa?

Klar

Na dann. Also gut, mein Sohn. Wir werden weiterhin alle gemeinsam an deiner Rechtschreibung arbeiten. Aber für heute reicht´s !

300 Wörter

ABC-Etüden – Hobby-Gräben

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Werner Kastens

Die unten stehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Selbstverständlich ist keine wirkliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen gegeben

abc.etüden 2020 41+42 | 365tageasatzaday

Hat es dir nicht gereicht, Werner, dass man dich mit deinen Opa Fritz-Stiefeln für ein Ufo gehalten hat und wir monatelang die NASA am Hals hatten ? War es nicht genug, den ganzen Garten zu versauen bei deinen Vermessungen und dich mit allen Nachbarn zu verfeinden? Musstest du dann auch noch auf dem Kinderspielplatz alle Schaukeln, Rutschen und sämtliche Klettergerüste abmontieren und vermessen und den Kindern Angst machen. Musste das wirklich alles sein, Werner ?! 

Frau K. war überaus aufgebracht.

Und du? Undankbar bist du für dein schönes Leben ! Musstest du wirklich meine Büffel im Zoo aussetzen? Was hat dich denn daran so gestört, dass ich den Geräteschuppen in einen Wildwestsaloon umgebaut und fürs Wochenende ein paar nette Mädels im angebrachten Kostüm dafür engagiert hatte ? Und warum soll denn ein Marterpfahl weniger dekorativ sein, als eine Rosenpergola ? An jedem meiner Hobbys hast du irgendetwas auszusetzen !

Zum Glück war es Werner gelungen eines seiner Hobbies, das Lottospielen geheimzuhalten. Und als er den Jackpot mit einem 3-stelligen Millionenbetrag gewann, fasste er einen Entschluss: endlich wollte er sich den Traum jedes geborenen Landvermessers erfüllen. Er mietete einen Lagerraum und verstaute dort die glänzende Land-Vermessungs-Ausrüstung, die sich selbstverständlich auf dem letzten Stand der Technik befand. Vor dem Lagerhaus parkte er den neu erworbenen Expeditionswagen und wartete nun nur noch einen geeigneten Termin zum Aufbruch ab.

An einem schönen Tag trafen sich zwei Zettel im Briefkasten der Ks. Auf Zettel Nr1 stand „Mit meiner Erbschaft, von der du  nichts weißt, habe ich mich an einer Ölquelle in Norwegen beteiligt. In einer Gegend wo garantiert schon alles perfekt vermessen ist. Du kannst ja inzwischen die ganze Stadt mit Marterpfählen verschönern“ Auf Zettel Nr 2 stand: Adieu, ewige Nörgelei. Ich werde die Wüste Gobi und die Sahara neu vermessen. Und die Wunderstiefel von Opa Fritz nehme ich auch mit“

299 Wörter

Die Moorleiche – ABC-Etüden

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Lea von Kommunikatz

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

abc.etüden 2020 39+40 | 365tageasatzaday

Eine Mumie kann ein trauriger Anblick sein, eine Moorleiche nicht weniger, aber für eine Archäologin ist das ganz anders. Am archäologischen Institut der Universität Dublin betrachtete Brigid ihre Moorleiche mit zärtlichem Interesse. Die Freude daran, dass ihr Projekt genehmigt und somit finanziert wurde, die Begeisterung über den Glücksfund dieser Moorleiche und ihrer Grabbeigaben, alle diese positiven Gefühle flossen in ihren Blick ein. Caitlyn, Süße, sagte sie zu der Moorleiche wir beide werden es weit bringen.

Ein Team von Chemikern hatte die konservierten Reste des Inhalts der Keramikschale aus dem Moorgrab analysiert. Aus Pilzen stammten die Hauptbestandteile der Masse. Aus Pilzen und einer Menge Kräuter und Gräser. Im Grunde wäre ein Koch sehr hilfreich, dachte Brigid öfter, denn die Chemiker konnten die einzelnen Substanzen bestimmen aber nicht feststellen welche Pilze für dieses uralte Gericht verwendet worden waren. „Ein Rezept aus gälischer Urzeit“, „Was aßen die Druiden“, „Junge Archäologin wird zum Star“ In ihrem Kopf jubelten die Schlagzeilen.

Ungeduldig wartete Brigid im Innenhof der Universität. Endlich sah sie Ian kommen, dem sie schon von weitem ansah, wie unbehaglich er sich fühlte. Er hielt ihr einen Zettel zur Unterschrift hin. „Auf eigene Verantwortung …. etc“. Überschwänglich dankte sie ihm und griff vorsichtig nach der grünen Plastikdose. „Und es ist wirklich genau das, was in der Schale war?“ „Nach menschlichem Ermessen und dem Stand der Forschung. Bist du wirklich sicher ….. “ Sie hörte ihm gar nicht mehr zu. Wie eine kostbare Trophäe trug sie die Dose in ihr Labor.

Ganz kurz kamen ihr Zweifel, aber sie drängte sie weg und leerte das Gefäß in einem Zug. Dann legte sie sich auf die Liege, die gleich neben der Moorleiche stand.

Sie hatte wohl einige Stunden geschlafen. Die ultramarinblaue Sonne stieg in einem grünen Himmel immer höher. Brigid machte ein paar Schritte, streckte den Arm aus und ging durch die Wand des Labors.

305 Wörter

ABC-Etüden – Gewissermaßen ein Sachtext

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Ludwig Zeidler

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Es kommt nicht oft vor, dass mir zu der etüdischen Wörtertrilogie gar nichts einfällt. Diesmal ist es aber soweit. Engel als Überbringer guter oder schlechter Nachrichten, ein Engel, der die erstgeborenen Söhne der biblischen Ägypter abschlachtet, Engel, die das Paradies bewachen, daraus lässt sich doch unbedingt etwas machen. Aber „engelhaft“ !

Ich drehe das Wort mit spitzen Fingern in alle Richtungen, stecke es ins Wasser, lasse es vom Wind trocknen, zerpflücke es in einzelne Buchstaben. Bringt auch nichts, Anagramme sind ja nicht erlaubt. Obendrein wäre „gehalften“ oder „heftlange“ auch nicht das wahre.

Letzter Versuch: ich stecke „engelhaft“ in verschiedene Farbtöpfe. Grün und Blau haften nicht, Rot verwandelt sich in Blutstropfen und Gelb rieselt in Form falscher Vergoldung ab. Dann eben nicht !

Nicht eine einzige noch so mickrige Idee kommt angekrochen. Sie haben sich sicher alle versteckt. In griechischen Amphoren vergraben. Die weniger Kunstsinnigen lungern in alten Turnschuhen herum. Na gut, bleibt nur alle wo ihr seid! Genießt die kühle unterirdische Atmosphäre in den noch nicht ausgegrabenen Amphoren oder die Duftnote der alten Turnschuhe. Ich brauche euch gar nicht, es gibt ja noch andere Wörter.

„engelhaft“ pfffffffff …….

ABC-Etüden – Gedanken-Vögel

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Ludwig Zeidler

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Eigentlich wollte ich diesen Text in der Ich-Form schreiben, das hätte ihn theoretisch eindringlicher gemacht, praktisch aber ohne innere Logik. Nicht erst beim letzten Satz hätte man sich gefragt, wessen Gedanken da von wem präsentiert werden.

Die Ich-Erzähler versus auktoriale Position beschäftigt mich nach wie vor

Die Vögel waren alle verschieden, in Farben und Größen auch ihre Stimmen unterschieden sie. Sie hatten verschiedene Augen und Schnäbel und verschieden lange … Dingsbums, Finger, Faden, finden, nein Federn, ganz verschiedene Federn.

Bis vor kurzem konnte sie die Vögel noch manchmal fassen, die Erinnerung, den Gedanken, die Idee, die die Fliegenden mit sich trugen. Sie konnte kurz den Eindruck haben, über Erinnerungen und Gedanken zu verfügen, sich anderen Menschen verständlich machen zu können. Doch nun wurde das Geflatter immer hektischer und wirrer. Immer schneller flogen die Gedanken nun weg. Mancher Vogel war schwer zu fassen und schwer zu verstehen gewesen, blieb nicht lange bei ihr und nahm seinen Gedanken mit sich. Nun aber waren manche einfach verschwunden, verschollen, vergraben. Die Auswahl und Anzahl der Vögel in ihrem Kopf, die sie noch wenigstens für kurze Zeit fassen konnte, wurde immer kleiner.   

Bis vor kurzem waren manche Momente so klar, dass ihr bewusst wurde, wie wenige Vögel es noch gab, die sie manchmal fing aber oft auch dann nicht mehr verstehen konnte. Das waren ihre besten Momente, auch die verzweifeltsten.

Die Welt um sie herum war erst unverständlich geworden, dann ganz verschwunden. Nur manchmal drangen Farben und Bewegungen zu ihr durch. Geräusche konnte sie noch manchmal richtig verstehen, wenn die Vögel nicht zu wild waren und Berührungen konnte sie fühlen.

„Schau wie engelhaft sie lächelt“ sagte der Pfleger

Die Brüste des Modells – ABC-Etüde zum Thema „Kunst“

Sommerpausenintermezzo der ABC-Etüden, auch bei Christiane, der Etüden-Meisterin 

Diesmal geht es darum, eine alphabetische Liste von Begriffen zu einem selbst gewählten Thema zu erstellen und dann unter Verwendung aller 26 Begriffe einen Text zu schreiben.

Mein Thema ist „Kunst“ und ich habe zunächst den Text geschrieben und dann noch fehlende Wörter eingebaut. Sehr gut wäre ich auch ohne das Wörter-Alphabet ausgekommen. „Jadegrün oder nilgrün“ ist schon ein bisschen an den Haaren herbeigezogen, mir ist aber kein besseres Wort mit „j“ eingefallen.

Diesmal ist es keine Geschichte sondern einfach ein Text. Schließlich ist Sommer und der eignet sich wunderbar zum vor sich hin Sinnieren und Schreiben.

Die alten, buntgefleckten  Staffeleien lehnen an der Wand, ebenso die als Unterlagen verwendeten Malbretter, nach der Größe sortiert, die Holzstifte für die Staffeleien in einem geflochtenen Korb. In den Regalen stehen angeschlagene Teller, die als Malpaletten benützt werden. X-mal gewaschene Fetzen mit Regenbogen-Farbflecken liegen ordentlich zusammengelegt auf einem Regalbrett, die diversen Gläser für das Malwasser sind auch nach der Größe sortiert. Diese ehemaligen Heimstätten von Essiggurken, Oliven, Kompotten, und Salaten wurden sorgfältig ausgewaschen. Es herrscht hier eine Mischung von Bohème und Spießigkeit, keine Bobo-Atmosphäre eher Prekariat und Geldmangel.

Die Klospülung, ein Modell, das knapp hinter dem Plumps-Klo rangiert, funktioniert zwar, aber nur wenn man mit der genau richtigen Zugstärke an der metallenen Kette zieht. Sonst passiert gar nichts. Zum Reparieren fehlt seit Jahren das Geld. Hier werken Kreative, man sieht es: die Jalousie vor dem Fenster, die dem Klo Blickschutz bietet, besteht aus farbenprächtigen Dias, die kunstvoll zusammengehängt wurden, ein sehr originelles Einzelstück. Der Kühlschrank ist ausgesteckt, die Türe offen. Hier haben wir früher die selbstangerührte Ei-Tempera gelagert und gekühlt. Ob der Kühlschrank kaputt ist oder ob ihn nur gerade niemand braucht, habe ich nicht gefragt, muss ich auch nicht wissen.

Der Wasserhahn, der gleiche wie vor über zehn Jahren, rinnt immer noch nach nachdem er zugedreht wurde. Mir fällt auf, dass sich meine Hände an den richtigen Moment erinnern, an dem der Wasserhahn zugedreht werden muss um nicht zu viel und nicht zu wenig Wasser rinnen zu lassen. Ebenso wie meine Füße sich erinnern, wohin sie nicht treten sollten, auf kaputte Fliesen, auf morsche Holzteile, auf die Hühnerleiter, die in den Hinterhof führt und die schon seit Jahren jeden Moment zusammenbrechen kann. Dieses Atelier ist mir einfach vertraut, mit dem ganzen Körper.

Wir sind wenige und haben uns coronabedingt über den großen Atelierraum verteilt. Alle haben ihre Malnester gebaut: mit Tischen, Sesseln, Staffeleien, Papier, Leinwänden, Pinsel, Farben, Stiften, Kreiden, Kohle, Radiergummi, Messer, Fixierspray. Oft ist es eine wohlausgestattete Materialschlacht, die hier stattfindet. Die derzeit höchstwahrscheinlich prekären, finanziellen Verhältnisse im Atelier betreffen nicht die zahlenden Gäste. Nach mehreren Tagen kreativer Aktivitäten, wird der Boden so aussehen, als hätte ein Yeti mit besonders großen Füßen einen Hüpftanz geübt. Am Vormittag des ersten Tages ist es aber noch nicht soweit. Wir bereiten uns vor und erörtern schwierige Fragen wie Jadegrün oder Nilgrün zu Hellgrau oder Lila, Leinwände grundieren oder doch nicht. Die Größe und nötige Qualität des Papiers …

 Das erste Modell ist da, eine junge Frau in Begleitung einer anderen. Sie trägt blaue Shorts mit den unvermeidlichen weißen Streifen an der Seite, ein T-Shirt mit der Aufschrift „Filipinas“, Plastikschuhe und hat eine prachtvolle, gekrauste Mähne mit hineingefärbten blonden Strähnchen und ein richtig schönes, ebenmäßiges Gesicht. Vielleicht eine Somalierin, oder sie stammt aus Madagaskar. Sie zieht sich aus und nimmt zunächst eine einfach zu zeichnende Position ein: keine nennenswerten Verkürzungen, keine allzu verschlungenen Arme und Beine. Ihre Haut, ist jung, glatt, das Bindegewebe ist fest, man sieht die Muskelspannung unter der Haut. Ich überlege mir, wie man ein Inkarnat für dunkle Haut mischt. Zu Rot, Weiß, Blau, eine Spur Gelb, ein bisschen Braun, Hellbraun oder Dunkelbraun ? Am besten drauflos mischen …

Und dann sehe ich die Brüste des Modells und erschrecke. Die junge Frau sieht aus wie Mitte Zwanzig, vielleicht ist sie etwas älter, ich schätze dunkelhäutige Menschen immer etwas jünger als sie sind, aber diese ausgelaugten Brüste passen einfach nicht ins Gesamtbild. Hier gibt es kein straffes Bindegewebe, keine glatte Haut, ihre Brüste sehen aus als wären sie mindestens dreißig Jahre älter als der restliche Körper, als hätten sie dutzende Kinder gesäugt und nie irgendeine Stütze getragen, als wäre das Fettgewebe ausgesaugt worden. Aber warum sollte eine junge Frau mit einem sehr schönen Körper irgendetwas an ihren Brüsten verändern lassen. Wenn das doch geschehen sein sollte, wäre es ein tragisches Ergebnis. Ähnlich den völlig verunstalteten Gesichtern mit den auf froschähnliche Dimensionen aufgespritzten Lippen. Ihre Brustwarzen sind gepierct mit jeweils zwei Ringen, die aber unmöglich so schwer sein können, dass sie die Brüste derart hinunterziehen könnten.

Mir kommt vor, dass ich sie anstarre und ich komme mir voyeuristisch vor. Ein gewisser Voyeurismus lässt sich nicht vermeiden, wenn man ein Aktmodell abbildet, aber einen Teil ihres Körpers so intensiv anzustarren kommt mir doch ungehörig vor. Es wird ihr ja selbst auch klar sein, wie sie aussieht. Ich drehe eine Runde quer durchs Atelier um zu sehen, ob die anderen die Brüste so abbilden wie sie sind. Teils teils …

Wir machen eine Pause. Ich habe noch nicht so viele Aktmodelle erlebt, aber alle, die ich bisher gesehen habe, Frauen und Männer hatten die Gewohnheit sich in den Pausen zumindest ein Tuch umzuwickeln. Diese junge Frau bewegt sich ebenso nackt wie unbefangen, sieht sich die Bilder an, kommentiert sie, plaudert. Ich frage sie, ob sie Kunststudentin ist. Ja, sie macht Metallskulpturen und wäre sehr schlecht beim Zeichnen. Ihre Begleiterin dagegen, die sich zu uns gesetzt und mitgezeichnet hat, ist eine erfahrene Zeichnerin und zeigt uns ihre Skizze.

Dann nimmt das Modell eine neue Position ein, umschlingt ihre aufgestellten Beine mit den Armen. Dabei werden die Brüste gegen die Beine gedrückt und sehen dadurch noch schlaffer aus als zuvor, leere Säckchen. Das Stichwort „ausgeleiert“ erzeugt in mir ein Bild von einem dieser Nachtclubs mit Poledance und diesem als Tanz deklarierten schnellen Kreisen der mit Quasten dekorierten Brüste. Manche Tänzerinnen schaffen es sogar die Brüste in verschiedene Richtungen kreisen zu lassen. Wenn man diese Art der Zurschaustellung eine Weile betreibt, wird das Bindegewebe auch kleiner, fester Brüste garantiert ausgeleiert.

Eine mögliche Theorie wie viele andere. Alle Möglichkeiten, die mir einfallen, wie eine junge Frau zu alten Brüsten gekommen sein kann, hinterlassen einen unangenehmen Nachgeschmack von Ausbeutung und Würdelosigkeit. Obwohl diese Frau einen entspannten, selbstbewussten Eindruck macht. Der Weg zu Gelassenheit kann durch kleinere oder größere Höllenbereiche geführt haben.  

Und hier die Liste:

A – Atelier, Akt

B – Brüste, Bohème

C – coronabedingt

D – dunkelbraun

E – Ei-Tempera

F – Farbflecken, Fixierspray

G – grundieren, Geldmangel

H -Hellbraun

I – Inkarnat

J – Jadegrün

K – Kreiden

L – Leinwände

M – Modell, Malbrett

N – Nilgrün

O – ordentlich

P- Paleten, Pinsel

Q – quer

R – rot, Radiergummi

S – Staffelei, Stifte

T – Temperafarben

U – Unterlage

V – voyeuristisch

W – Wasserhahn, werken

X – x-mal

Y – Yeti

Z – Zurschaustellung

Heimat – ABC Etüden

Die ABC-Etüden mit sommerlichem Gesicht. Auch bei Christiane

Von 12 Wörtern konnte man sich sieben aussuchen und damit einen beliebig langen Text schreiben zum Thema #stayathome. Mein Text heißt „Heimat“ und die folgenden Wörter in alphabetischer Reihenfolge habe ich eingebaut:

Herzschmerz  –  Kantine –  Kommentar – Stoppelfeld – Vulkan – Windjammer – Zwischentöne

 

In Österreich war der Begriff „Heimat“ lange Zeit absurderweise von den Rechten so stark in Beschlag genommen, dass er in neutraler Weise kaum noch verwendet werden konnte. Es war ein sehr kluger Ansatz von Van der Bellens*) Wahlkampagne, dass er immer wieder davon sprach, dass er sich seinen Heimatbegriff nicht von den Rechten besetzen lassen würde.

*) Alexander Van der Bellen – derzeitiger österreichischer Bundespräsident

 

 HEIMAT

 Früher als ich noch wirklich viel und weit reiste, gab es eine mit anderen Reisenden immer wieder aufgeworfene Frage „was hat dir in Irgendwo gefehlt?“ bzw „Worauf hast du dich beim Nachhausekommen gefreut?“ Das war im Grunde eine andere Art zu fragen „Was macht für dich „zuhause“ aus?“.

Die Antwort auf die Frage, worauf man sich beim Nachhausekommen gefreut hätte, war erstaunlich oft „das Schwarzbrot und das Wiener Leitungswasser“. Man kann meinen, dass das eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise ist. Vielleicht ist es das aber gar nicht. Wasser und Brot sind Grundnahrungsmittel, solide Pfeiler des Lebens. Ob man Tempel bestaunt oder Vulkane, amerikanische, asiatische oder afrikanische Stoppelfelder durchquert, Wasser und Brot spielen auch auf Reisen immer eine Rolle.

Das Heimatgefühl ist vielschichtiger als Vorlieben für Brot und Wasser, natürlich. Menschen gehören dazu, Orte und eine bestimmte Sprache. Meist sind diese Faktoren miteinander verwoben, manchmal muss aber auch einer die Funktionen aller übernehmen. Für Emigranten etwa ist die Sprache der Heimat ein wichtiges Verbindungsglied zu ihren Wurzeln und ihrer Identität, auch wenn die heimatlichen Orte und Menschen nicht mehr da sind.

Meine Heimat ist Wien, die Stadt, die Menschen, die Sprache, so sehr sie mir auch öfters auf die Nerven gehen.

Aufgewachsen bin ich in einem Bezirk gleich neben der Innenstadt. Als Teenager sah ich als größten Vorzug unserer Wohnung, dass ich in einer knappen Viertelstunde zu Fuß im Stadtzentrum war. Dass es außerdem eine schöne und große Altbauwohnung war, wie es in Wien viele gibt, mit Holzpaneelen und Stukkatur war mir vorübergehend nicht so wichtig.

Die Leopoldstadt, der zweite Wiener Gemeindebezirk ist ein historisch belastetes Pflaster. Hier lebte der Großteil der wiener und österreichischen Juden bevor sie deportiert und ermordet wurden. Ersparen wir uns die Zahlen und die Gedanken an die beschämenden Szenen. In vielen Häusern wurden die für Deportationen bestimmten Menschen festgehalten und lebten dort eine Zeit lang zusammengepfercht. Als das Haus, in dem wir gewohnt hatten längst abgerissen war, ein daneben liegendes Krankenhaus wollte sich erweitern, stieß mein Bruder  auf die Information, dass „unser“ Haus damals so eine Vorabteilung der KZ-Höllen war. Er fand sogar einen Überlebenden, der damals noch als Kind dort interniert war.

Als wir dort lebten, war der Bezirk nicht besonders interessant. Ganz im Gegensatz zu heute. Erstaunlicherweise ist die Leopoldstadt ein lebendiges, brodelndes Viertel geworden mit sehr vielen Lokalen und Ateliers, viele davon haben den Corona-Lock-Down überlebt. Auch das jüdische Leben ist zurückgekehrt. Es gibt jede Menge koschere Geschäfte und Lokale, man sieht orthodoxe Juden mit und ohne Familie zu den wiedererstandenen Synagogen spazieren. Ich frage mich immer, wieso man diese Leute als ich im Bezirk wohnte nicht gesehen hat. Sie werden kaum neu zugewandert  sondern auch in meiner Kindheit schon dagewesen sein, aber sehr unauffällig.

Es gibt Gassen im Bezirk mit Gedenksteinen und kleinen Mahnmälern. Es ist eine recht seltsame Atmosphäre, manchmal jung und lustig, manchmal düster und schwer an den Erinnerungen tragend. Den Erinnerungen, die sich im Kopfsteinpflaster festgebissen haben und an dunklen, nebligen Tagen herauskommen um sich die Beine zu vertreten und die heitere Atmosphäre wegzudrängen. Man muss sie gewähren lassen, schließlich ist ihr Heimatrecht hier älter als jenes der jungen Szene, die sich erst vor kurzem etabliert hat.

Ich spaziere gerne durch mein „homeland“, diesen Bezirk der lauten Zwischentöne und der leisen Zivilcourage. Es hat sich vieles sehr verändert und doch auch wieder nicht. Heimat ist Heimat. Ich erkenne die Veränderungen und sehe doch vor dem inneren Auge, wie es früher ausgesehen hat. Es ist ja auch kein Zufall, dass mein Lieblingsatelier, wo ich immer wieder male ganz nah an unserem nicht mehr existenten Wohnhaus liegt.

Gerade habe ich mich vage an ein Gedicht von Anton Wildgans erinnert und es auch tatsächlich gefunden. Meine damalige Deutschlehrerin könnte einen pädagogischen Erfolg verbuchen.

Ich bin ein Kind der Stadt

Ich bin ein Kind der Stadt – Die Leute meinen

und spotten leichthin über unsereinen,

Daß solch ein Stadtkind keine Heimat hat.

In meine Spiele rauschten freilich keine

Wälder. Da schütterten die Pflastersteine,

Und bist mir doch ein Lied, du liebe Stadt.

 

Und immer noch, so oft ich dich für lange

Verlassen habe, ward mir seltsam bange,

Als könnte es ein besondrer Abschied sein.

Und jedesmal, heimkehrend von der Reise,

Im Zug mich nähernd, überläuft’s mich leise,

Seh’ ich im Dämmer deine Lichterreihn.

 

Und oft im Frühling, wenn ich einsam gehe,

Lockt es mich heimlich raunend in die Nähe

Der Vorstadt, wo noch meine Schule steht.

Da kann es sein, daß eine Straßenkrümmung,

Die noch wie damals ist, geweihte Stimmung

In mir erglühen macht wie ein Gebet.

 

Da ist ihr Laden, wo ich Heft und Feder,

Den ersten Zirkel und das erste Leder

Und all die neuen Bücher eingekauft,

Die Kirche da, wo ich zum ersten Male

Zur Beichte ging, zum heiligen Abendmahle,

Und dort der Park, in dem ich viel gerauft.

 

Dann lenk’ ich aus den trauten Dunkelheiten

Der alten Vorstadt wieder in die breiten

Gassen, wo all die lauten Lichter glühn.

Und bin in dem Gedröhne und Geschrille

Nur eine kleine, ausgesparte Stille,

In welcher alle deine Gärten blühn.

 

Und bin der flutend-namenlosen Menge,

Die deine Straßen anfüllt mit Gedränge,

Ein Pünktchen nur, um welches du nicht weißt.

Und hab’ in deinem heimatlichen Kreise

Gleich einem fremden Gaste auf der Reise

Kein Stückchen Erde, das mein eigen heißt.

Anton Wildgans

Im Café Beethoven mitten in der Stadt, soll Wildgans gerne geschrieben haben. Cafés mit dem Namen Beethoven gibt es eine Menge. Viele Spinnennetze und Verbindungen halten so eine Stadt zusammen. In Österreich wird ja immer noch gelegentlich daran gearbeitet, den Eindruck zu erwecken, dass Beethoven Österreicher, aber dafür Hitler Deutscher gewesen wäre.

Wir machen jetzt einen großen Schwenk zum moderneren Wien, zur Donauinsel, dem beliebtesten Naherholungsgebiet der Wiener. Als Überschwemmungsgebiet für die Donau gebaut, ist die Donauinsel heute ein Freizeitparadies, das die Möglichkeit für Radtouren und Wanderungen weit über das Wiener Stadtgebiet hinaus bietet. Auch für Wasserratten ist gesorgt, für die menschlichen und höchstwahrscheinlich auch für die vierbeinigen.

Man sieht hier zwar keine Yachten, keinen Raddampfer und keinen Windjammer, aber jede Menge kleiner Boote, Wasserschifahrer, Surfer. Die Insel ist groß. Man kann in abgelegenen Teilen unter Bäumen und Büschen Herz-Schmerz-Gedichte lesen oder auch schreiben oder man kann sich in den Trubel der Lokale direkt am Wasser werfen. „Konnte“ meine ich, vor Corona. 

Das Donauinselfest als Massenveranstaltung ist heuer auch abgesagt worden. Damit die Musiker irgendetwas zu tun haben, fährt ein Bus mit immer wieder anderen Musikern durch Wien, man weiß aber vorher nicht, wo er stehenbleiben wird. Der positive Effekt dieses Projekts: es finden sich nicht viele Zuhörer zusammen, weil man ja vorher nicht weiß, wo musiziert wird. Der negative Effekt dieses Projekts:  es finden sich nicht viele Zuhörer zusammen, weil man ja vorher nicht weiß, wo musiziert wird. Auf weitere Kommentare dazu verzichte ich lieber.

Die Wiener Innenstadt ist, was die Architektur betrifft, tatsächlich so etwas wie ein Freilichtmuseum. Aber es gibt auch Menschen, die dort wohnen, ganz normale Menschen, die nicht nur in Feinschmeckerlokalen sondern auch in Kantinen essen, die ihre Kleidung sicher nicht auf dem Kohlmarkt, dem teuersten Pflaster von Wien kaufen, deren Kinder in ganz normale öffentliche Schulen gehen und nicht ins Schottengymnasium und die im Urlaub an die Adria fahren und nicht in die Toskana. Und viele dieser Menschen arbeiten in der Gastronomie, im Tourismus und in der Kulturszene und sind nun arbeitslos.

Wien ohne Touristen ist ein anderes Wien. Wien ohne Konzerte, Theater, Oper, Festspiele, Ausstellungen, offene Ateliers und viele andere Veranstaltungen ist ein anderes Wien. Wien mit geschlossenen Nachtlokalen, Clubs, Diskos ist ebenfalls ein anderes Wien. Wenn auch der Blick auf das bewohnte Freilichtmuseum ein freierer, ungestörterer ist und es für uns Einheimische ein Genuss ist, nicht permanent über Reisegruppen zu stolpern.

Es ist lästig sich ständig durch die Mengen in der Innenstadt und anderswo durchdrängen zu müssen, aber schließlich muss man nur in eine Nebengasse abbiegen und schon ist niemand mehr zu sehen. Da ist das Kopfsteinpflaster in den für heute viel zu schmalen Gassen, die alten Häuser mit den Innenhöfen und diese ganz spezielle Stimmung. Ich habe einmal in einem Interview mit einem französischen Psychiater gelesen, dass für ihn die Wiener die fröhlichsten Depressiven wären, die er kenne. Da ist schon was dran.

Langsam beginnen mir die Touristen schon fast zu fehlen. Denn es macht auch stolz in einer Stadt zuhause zu sein, die so schön ist, dass so viele Menschen sie sehen wollen. Auch das gehört zum Heimatgefühl.

Wien, 21.Juli 2020