la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Die Verzweiflung der Tradition – abc-etüde

2017_37.17_zwei_lz | 365tageasatzaday

„Knutschkugerl“ sagten die älteren Schüler im Schlafsaal des Stifsgymnasiums zu ihm, „Knutschkugerl“ weil sie es natürlich alle wussten. Alle wussten, dass er in diesem Schuljahr regelmäßig zu Pater Pius gehen musste und wahrscheinlich wussten sie auch, was er dort tat. Trotzdem konnte er mit niemandem darüber reden, auch im Beichtstuhl erwartete ihn Pater Pius. Einmal hatte er versucht in vorsichtigen Andeutungen mit seiner Mutter zu reden. Sie weinte, „Bub“ sagte sie „das sind doch heilige Männer, und das Gymnasium, denk an das Gymnasium und die Matura, ich kann´s dir nicht zahlen“.

Heute schaute er von seinem Balkon auf das Stift hinüber, zu den  Schlafsälen der Kinder. Die Konzerte in Japan waren wie immer erfolgreich gewesen. Die Sängerknaben füllten dort jeden Konzertsaal. Der Valentin hatte sich als Solist ganz passabel gemacht, eine erstaunliche Verwandlung, wenn auch von der Stimme her eigentlich der Florian oder der Max besser wären. Aber den Valentin hatte er für heute Abend bestellt, wie so oft in diesem Jahr.

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ABC- Etüde – Immer im Fokus, immer beleuchtet

Sie polierte ihn wohl jeden Morgen und hielt dann den ganzen Tag lang den Kopf so, dass alle ihn leuchten sehen konnten. Er sollte nicht zu übersehen sein, ihr Heiligenschein. Hier ein Almosen für den Bettler in der belebten  Einkaufsstraße, dort ein Zuckerl für das großäugigste Flüchtlingskind, könnte ja ein Fotograf in der Nähe sein, die Frequenz des lieblichen Lächelns stets im Auge behaltend. Ein Stirnrunzeln für Plastikverpackungen, ein Hinweis ins Mikrofon gesprochen, dass Liebe alles möglich macht. Charity Veranstaltungen mit der Abend-Version des Heiligenscheins, an die geringere Lichtintensität angepasst. Ach, diese Euphorie der öffentlichen Gutheit ! So warmherzig, wie sie  doch auch der Armen gedachte, der Benachteiligten, der Unwissenden. Konzerte in Waisenhäusern, Kleidersammlungen, Punschstände, Versteigerungen. Immer in Bewegung, immer scheinend.

Was bin ich erleichtert, wenn ich sie nicht sehen muss !


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Tristesse – ABC-Etüden

lz abc.etueden schreibeinladung 3 cafeweltenall 29.17 | 365tageasatzaday

Ich wollte einen ganz düsteren Text ausprobieren mit diesen potentiell fröhlichen Wörtern. Wahrscheinlich gibt es aber gar keine fröhlichen oder traurigen Wörter, man kann aus jedem „Rohstoff“ alles machen

Tristesse

Sie ging über das vor Feuchtigkeit glänzende Kopfsteinpflaster über den Hinterhof, vorbei an der Buddelkiste. Dort wurde Abfall jeder Art gelagert: von Exkrementen und Küchenabfällen bis zu kaputten Möbeln, alten Schuhen und einer Menge nicht mehr definierbarem Müll.

Die Buddelkiste war das einzige Thema, das die ansonsten von jeder Illusion und Leidenschaft befreiten Hausbewohner vorübergehend aus ihrer Lethargie wecken konnte. Endlos wurde darüber schwadroniert wer welche Objekte dort abgelegt haben könnte und was dagegen zu unternehmen wäre. Zwar hatte  noch nie jemand irgendetwas unternommen, aber es blieb doch die Möglichkeit, dass eines Tages über den Umweg der Buddelkiste etwas Aufregendes und Lebendiges entstehen könnte. Alle ahnten es, aber niemand hatte noch den entscheidenden Schritt gewagt.

Es begann wieder zu regnen und sie beeilte sich zu ihrer Wohnungstür auf der anderen Seite des Hofs zu kommen. Wie jeden Tag machte sie sich im Kopf einen genauen Plan, wie sie den Rest des Tages verbringen würde. Nur keine Leerläufe. Ihr Tanzbein war längst gebrochen.


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Die Kiste- ABC-Etüden

lz abc.etueden schreibeinladung 3 cafeweltenall 29.17 | 365tageasatzaday

Die Kiste

– Die neue Nachbarin, die aus Hamburg, hat die Kinder in ihre Buddelkiste eingeladen.

– Wohin?

– Buddelkiste, ja ich weiß auch nicht was das ist, aber sicher nicht gefährlich

– Hmmm, vielleicht Pudelkiste, ein Hundezwinger oder Paddelkiste, ein Schlauchboot

– Ach, red doch keinen Schmarrn. Übrigens ist die neue Sandkiste geliefert worden, aber ohne Sand. Der Angestellte hat endlos herumschwadroniert und dann die Lieferung bis spätestens Mittwoch versprochen, wahrscheinlich kommt sie am Freitag.

-Immer dasselbe, so ein Chaotenverein. Aber weißt du was, wir drehen die Sandkiste um und machen draus eine Bühne, dann können die Kinder das Tanzbein schwingen und wir erfahren, was eine Buddelkiste ist.

-Supi, genial !


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Österreichische Zustände – ABC – Etüden

Eine kleine Etüde

Es muss eine klare Zäsur gebe

n, keine wischi-waschi Pläne, die irgendwann in einer nicht näher definierten Zukunft umgesetzt werden sollen. Klare Ziele, klare Wege, jederzeit kontrollierbarer Ist-Zustand. So muss das neue Leben aussehen. Transparente Handlungen, abhängig nur vom eigenen Willen, nicht von esoterischem Geschwafel und dem Stand der Mondsichel. Der Wille zählt, aber die Handlung muss ausgeführt werden nicht nur geplant. (5)

Soweit die Theorie, aber will ich das ? Vielleicht eine kleine Zäsur, nicht ganz so kontrollierbare Zustände, der Vollmond als Ausrede für dies und das. (7) Ein Kompromiss, jawohl ein Kompromiss muss her, keine Zäsur, wie bin ich nur auf die blöde Idee gekommen. Der Kongress tanzt !


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ABC-Etüden – Naturalismus

Die vorgegebenen Worte beschreiben fast von selbst meine Bad-Situation. Da kann ich nicht einfach pausieren. Geschichte wird es keine, aber eine realistische Darstellung. Hier geht es zu Christiane

textstaub abc.etueden schreibeinladung 3 16.17 | 365tageasatzaday

Raus mit dem Duschvorhang! Es reicht! Glaswände müssen her. Raus mit der Grabesbeleuchtung, ich habe genug von der permanenten Leichenschmaus-Stimmung ! Egal ob Herbst-Melancholie, Frühlingsgefühle oder einfach nur verschwitzt, die Bad-Umgebung soll mir Freude machen. Am 2. Mai gehts los. Oder sollte ich doch beim Duschvorhang bleiben ? Leichenschmaus und Grabesstimmung gehören schließlich zum Leben. Nein, es wird renoviert, innen und außen !


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ABC-Etüden – Geluntergang

Geluntergang

Seit 10 Jahren trage ich Gel-Nägel; Blümchen, Glöckchen, Abstraktes, Pünktchen, Streifen, Sonne und Mond. Ständiges Herumfriemeln an den Fingernägeln gehört da dazu. Jetzt ist Schluss damit ! Der gestrige Alptraum war schrecklich: die Nägel samt Glöckchen, Pünktchen und Sonne und Mond lösen sich auf in eine puddingartige Substanz. Horniges Gelb, brüchiges Blau, zerfasertes Rosa. Weltuntergang folgt !