Sonntag 14.August – bequeme Schubladen

Ich bin beim Radfahren eine spät Berufene. Nie hätte ich gedacht, dass es mir Freude machen könnte, durch die Gegend insbesondere entlang der Donau zu radeln. Das Spätberufensein hat durchaus seine Vorteile. Ich muss mit niemandem in Konkurrenz treten wegen der Länge der Strecke, der sportlichen Ausführung des Rades, der Geschwindigkeit, dem Outfit.
Ich setze mich selbst in die Schublade freundliche, ältere Dame und kann somit fahren wie, wann, womit und wohin ich will. Mein Outfit unterliegt nur meiner eigenen Beurteilung und ich bin auf jeden Fall zu loben, weil ich mich sportlich betätige. Ich lächle, die Entgegenkommenden lächeln zurück und es fällt wahrscheinlich nicht weiter auf, dass ich keinen Helm trage. Ich fahre eher in der Mitte des Wegs als rechts, niemand keppelt mich an, ich bin eindeutig nicht in Wien und auch nicht jung.

Älter werden, hat definitiv einen Aspekt der Befreiung von gesellschaftlichen Normen und Zwängen. Zwar bin ich eigentlich nicht besonders schrullig, genieße aber das Gefühl, dass mir eine gewisse Schrulligkeit zugebilligt wird und dass andere darauf Rücksicht nehmen.

Schwer vorstellbar

…ist es derzeit, dass man jemals wieder heizen möchte und etwas schwummrig wird einem, denkt man an die verdreifachten Energiepreise, trotzdem haben mir die Kachelöfen in den Prunkräumen der Albertina gefallen. In jedem Raum steht ein Unikat. Sie sind einander ähnlich aber nicht gleich.

Hinter den Tapetentüren liegen die schmalen Gänge, von denen aus die Kachelöfen beheizt wurden. Es sollte alles so unauffällig wie irgend möglich geschehen, die Dienstboten sollten effizient aber möglichst unsichtbar sein. Es waren harte Zeiten für die Menschen auf der anderen Seite, hinter den Tapetentüren

Samstag 13.August

Nach wie vor finde ich es schwierig, meine Besitztümer vom Badeanzug bis zum Fahrrad einfach dort liegen zu lassen, wo sie gerade sind in festem Vertrauen darauf, dass niemand sie mitnehmen wird. Es ist hier in PB aber so üblich. Vor unserem Haus stehen immer nicht abgeschlossene Räder von Kindern und Erwachsenen, auch sonstige Sportgeräte, seit gestern Abend zum Beispiel ein Kanu, vor den Wohnungen stehen Einkaufswagen, tagelang … Es verblüfft mich schon sehr, dass hier offenbar davon ausgegangen wird, dass alle Leute ehrlich sind. Vielleicht sind sie es ja auch.

Wir haben endlich den Badeteich ganz in der Nähe erkundet, alle unsere Sachen inklusive Geldbörsen mit tausend Karten, Ausweisen etc auf einer Bank am Ufer deponiert und sind schwimmen gegangen. Und eigentlich war ich gar nicht besorgt. Gut, es waren nicht viele Leute am Teich, wir hatten die Bank immer in Sichtweite, dennoch …

Es ist hier sehr ruhig und friedlich, aber immer wieder einiges los. Heute gab es sowohl ein open air am Badeteich als auch ein Altstadtfest auf der anderen Seite der Donau mit diversen Attraktionen für Kinder, Flohmarktständen, mehreren Musikbühnen und natürlich eine Fressmeile. Am nettesten fand ich den Stand, bei dem Kinder geschminkt oder besser bemalt wurden, nach Vorlagen, die sie aus einer großen Auswahl wählen konnten. Ich bin ungemein entspannt während in die Brandherde auf der Welt immer weiter Öl gegossen wird.

Hadija Haruna-Oelker „Die Schönheit der Differenz – Miteinander anders denken“

Sehr vorsichtig bin ich an die Lektüre dieses Buchs herangegangen, denn meine Begeisterung für den typischen Stil der Genderforscher*innen hält sich sehr in Grenzen. Die vielen Abkürzungen und Wortschöpfungen, die absurden Pronomen und vieles mehr stehen meinem Engagement für die durchaus berechtigten Forderungen sehr im Weg. „Ja“ zu den Anliegen und deren Umsetzung aber „nein“ zu vielen Wegen dahin.

Meine Vorurteile dazu, dass manche Dinge so verschwurbelt werden, dass niemand sich damit beschäftigen möchte, haben sich gleich einmal bestätigt, denn die Autorin teilt mit, dass sie weiß immer klein und kursiv schreibt,

„… weil es eine Konstruktion ist ebenso wie „Schwarz“. „Schwarz“ schreibe ich groß, um zu verdeutlichen, dass es sich um eine Zuordnung und eine bestimmte Erfahrung handelt, die ich als „Rassifizierung“ verstehe“ S25.

Nun gut, andererseits beginnt das Buch mit:

„In diesem Buch schreibe ich für etwas und nicht gegen etwas an. Ich schreibe für eine diverse Gesellschaft und ihre Schönheit, und ich schreibe für alle, die, die einen Weg dorthin suchen, (…) Dieses Buch ist für Menschen, die nicht nur mit Gleichen reden möchten, sondern erfahren wollen, was ihnen noch unbekannt ist. Es ist für alle, die Fragen haben, auf der Suche nach Antworten sind und die Angst ablegen wollen, etwas falsch zu machen. Die sich Klärung statt Selbstgeißelung wünschen (…) S 9

Diese Einstellung wiederum gefiel mir und so las ich das Buch.

Dass die Autorin als Tochter einer weißen Deutschen und eines Ghanesen Spezialistin für die Diskriminierung von dunkelhäutigen Menschen in Europa im allgemeinen und in Deutschland im besonderen ist, will ich gerne glauben, ob aber sie oder sonst irgendjemand dem Anspruch des „intersektionellen Feminismus“ gerecht wird, auch von den speziellen Gegebenheiten bei allen anderen mehr oder weniger diskriminierten gesellschaftlichen Gruppen zu wissen ? Das ist, denke ich, gar nicht möglich.
Die Autorin bezeichnet sich selbst als Schwarz (immer groß geschrieben) obwohl sie die als korrekt propagierte Bezeichnung BI-POC (Black, Indigenous, People of Color) auf S 26 lang erklärt und befürwortet. Ich nehme dies als einen der vielen Widersprüche und Ungereimtheiten in der Szene.

Ihr Ziel oder ihre Vision beschreibt die Autorin folgendermaßen:

„Es gibt so vieles, was voneinander gesehen und gelernt werden kann. Das soll nicht platt dahergesagt klingen. Nein, es beschreibt eine grundsätzliche Haltung, die vielen noch fehlt. Diese Haltung ist in erster Linie eine offene. Damit meine ich nicht die Neugier und ein Bestaunen von „Anderen“, und ich meine damit auch kein interkulturelles Verständnis von hier meine und da deine Kultur. Nein. Mich treibt ein Gefühl an, das unsere Gesellschaft als zusammengewachsen versteht. S 181

Ich habe mit viel Interesse über Lebenserfahrungen von Hadija Haruna-Oelker gelesen. Wenn sie über eigene Erfahrungen und Gedanken schreibt, sind die Texte leicht zu lesen und vermittelten interessante Eindrücke aus mir unbekannten Welten. Schreibt sie aber über klassische Gender-Themen verfällt sie in mit Tonnen an Szenevokabular überlastete Schachtelsätze. Es wundert mich immer wieder, wie Autoren vermuten können, dass sie durch in diesem Stil geschriebene Episteln irgendjemanden für ihre Themen interessieren können. Ich halte mich da an ein anderes Zitat aus dem Buch, dem ich voll und ganz zustimme

„Doch anstatt in einen vielleicht schmerzhaften, aber dafür ehrlichen Austausch darüber zu kommen, ersticken wir diesen in Debatten über Political Correctness und Identitätspolitik, verklären dabei die Gewalt, die daraus entsteht und übersehen die Folgen “ S199 Ja, genauso sehe ich das auch …

Es ist ja nicht möglich, so ein Buch zusammenzufassen. Ich möchte auch keine Polemik zu einigen Aspekten eröffnen. ich beschreibe daher nur meine Eindrücke. Auf der positiven Seite stehen der humanistische Ansatz des Buchs, die umfangreiche Bibliographie, die Zusammenstellung von Vereinigungen und Gruppen, die sich mit erwähnten Themen beschäftigen und die sehr authentisch erscheinenden Berichte aus dem Leben der Autorin.

Auf der negativen Seite steht die schlechte Strukturierung und die Länge des Buchs. Bei einer Straffung um mehr als die Hälfte und einem nachvollziehbareren Aufbau der Themen, kämen die Inhalte besser bei den Leser*innen an. Bei mir löst es Langeweile aus, wenn ich statt des Kernsatzes „alle Menschen sind gleichwertig, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Religion, Alter, Gesundheit ….“ fünfhundert Seiten lesen soll, in denen genau dies in mäanderndem Stil beschrieben wird.

Ich bin wahrscheinlich etwas ungerecht. Ich habe auch Dinge gelesen, die mir neu waren und die mich interesiert haben, nur hatte ich den Eindruck, dass ich mich wie mit einer Machete durch den Urwald zu ihnen vorkämpfen musste, weil drumherum so viele HIndernisse im Weg standen.

Donnerstag 11. August 2022

Muss man alles, was man begonnen hat auch zu Ende lesen? Nein, nein, eindeutig nein. Ich habe leider die blödsinnige Gewohnheit immer alles fertig zu lesen, egal wie absurd ich es finde, egal wie langweilig es ist, wenn ich einmal begonnen habe, lese ich auch weiter. Bei Zeitschriften habe ich mir immerhin schon abgewöhnt, auch Artikel zu lesen, die mich gar nicht interessieren. Bei Büchern arbeite ich daran, ziemlich heftig, denn 600 Seiten Sachbuch ohne erkennbaren roten Faden übersteigen meinen Leidenswillen.

Ein Foto, das ich in meinen Archiven gefunden habe. Es ist – wen wundert´s – eine Spiegelung. Wenn ich mich recht erinnere auf einem Autofenster.

Tony Cragg

heißt der Künstler, der gerade – unter anderen – in der Albertina ausgestellt wird. Schon lange wollte ich mir die Ausstellung ansehen, heute war es soweit. Neben Skulpturen aus Holz, Glas, und Metall waren auch Bleistiftzeichnungen des Künstlers zu sehen, den ich einmal zu Wort kommen lasse:

Diese Ausstellung findet in dem für mich schönsten Ausstellungsbereich der Albertina statt: nicht zu groß, nicht zu klein, jeder Raum eine eigene Persönlichkeit, Gewölbebögen. Es muss eine Freude sein, Kunstwerke in solchen Räumen aufzustellen.

Ein höchst charmanter junger Security-Mann machte allen Besuchern die Tür auf und erläuterte jedem einzeln, dass man ganz nach Belieben fotografieren könne, die Skulpturen aber auf keinen Fall berühren dürfe. Nun muss ich Metall- oder Glasobjekte nicht unbedingt begrapschen, aber an Holzskulpturen komme ich nicht vorbei ohne wenigstens einmal mit dem Finger darüber zu streichen.

Menschen auf der Brücke

Von unten gesehen. Ein Blickwinkel, den ich sehr gerne fotografiere, obwohl ich mir dabei oft recht voyeuristisch vorkomme. Die Oberleitungen sehen aus dieser Perspektive aus wie Überbleibsel aus den 1890er Jahren, als Wien elektrifiziert wurde. Beim Überqueren der Brücke – und ich überquere sie sehr oft – ist mir das noch nie aufgefallen.

Unten am Donaukanal, der kein Kanal ist sondern ein regulierter alter Arm der Donau sieht es dann so aus. Die Ufer des Donaukanals waren schon vor der Coronazeit bei der Jugend sehr beliebt und haben während der Lockdowns noch an Beliebtheit gewonnen. Es war ja nie verboten spazieren zu gehen und so spazierte die jüngere und ältere Jugend gehend und sitzend am Donaukanal entlang.

Wässrige Technik

Bauwerke, die in irgendeiner Weise mit Wasser zu tu haben, faszinieren mich, immer schon und nie werde ich verstehen, warum der F vom Wasserbau auf Informatik umgestiegen ist.

Drabble – brennbar

SCHIFF, MASKEN und FLAMMEN hat Klapperhorn für das Drabble dieser Woche vorgegeben. Ich habe alle drei Wörter untergebracht. Im ersten Text finde ich die Schiffe der Feuerwehr aber ziemlich aufgesetzt um nicht zu sagen an den Haaren herbeigezogen und habe daher eine zweite Variante geschrieben, die mir besser gefällt. Ich lasse sie beide stehen, weil ich die Veränderung interessant finde.

Auch Drabble Nr.4 passt zu meinem Feuerbild in der Impulswerkstatt

VERSION 1:

Hoffnungen sind leicht entflammbar. Oft genügt ein winziger Funken um sie in Brand zu setzen, die Flammen hoch lodern zu lassen und auch alles um die Hoffnung herum zu verbrennen. Die üblicherweise verfügbare Feuerwehr mit Wagen und Schiffen kann gerade noch den Flächenbrand verhindern. Meistens.

Ist der Brand gelöscht, die Gefahr eingedämmt, kann man dann in der Asche seiner Hoffnung wühlen und manchmal einige feuerresistente Teile finden, die aber bis zur Unkenntlichkeit verändert wurden durch die angeblich verwandlerische Kraft des Feuers. Als Betroffene sieht man nur die Zerstörung, das Ende.

Und im Hintergrund der Chor*) mit seinen hämisch blickenden Holzmasken.

——————————————————————————————————————–*) Der Chor ist ein Element des klassischen griechischen Theaters, der meist im Hintergrund die Geschehnissse kommentiert

VERSION 2:

Hoffnungen sind leicht entflammbar. Oft genügt ein winziger Funken um sie in Brand zu setzen, die Flammen auflodern zu lassen und auch alles um die Hoffnung herum zu verbrennen.

Ich sitze am Ufer des Flusses und beobachte die Schiffe. Das Feuer brennt auch ohne mich weiter. Später werde ich in der Asche wühlen, die Reste des Verbrannten bergen und aus den gleichen entflammbaren Materialien neue Hoffnungen formen. Nur Sisyphos versteht es noch besser, den Kreislauf aus Hoffnung und Verzweiflung aufrecht zu erhalten.

Sobald das Feuer erloschen ist, mache ich mich an die Arbeit.

Der Chor trägt die hämisch grinsenden Masken

Drabble Nr.4.