Vier Romane von vier österreichischen Autorinnen habe ich in letzter Zeit gelesen. Drei davon haben sehr interessante, ungewöhnliche weibliche Protagonistinnen, Frauen, die sich aus schwierigen Lebenssituationen herausholen. Alle vier habe ich gerne gelesen und kann sie heftig empfehlen
Eine Lesung. Ich kenne den Autor nicht, bin nur auf gut Glück vorbeigekommen. Die Veranstaltung findet in einer großen, mehrstöckigen Buchhandlung statt, Ein Teil eines Stockwerks ist mit einer kleinen Bühne und Sesseln ausgestattet. Als ich komme, ist alles gerammelt voll, inklusive Stehplätze rundherum. Ich denke mir, dass ich eine Weile bleibe, wenn mir das Gelesene gefällt, ansonsten hat der Stehplatz im hintersten Eck den Vorteil, dass man ohne großes Aufsehen zu erregen, jederzeit verschwinden kann.
Die Veranstaltung ist als Gespräch zwischen einer – wahrscheinlich – Journalistin und dem Autor aufgebaut. Die – wahrscheinlich – Journalistin stellt zunächst sich selbst vor. Sie hieße Anna und würde einen sehr bekannten Podcast betreiben. Sie fragt doch tatsächlich ins Publikum wer denn ihren Podcast kennen würde. Nachdem nur ein paar Leute aufzeigen, murmelt sie in ihr Micro, dass das doch viel zu wenig wäre. Naja, Größenwahn ist in der virtuellen Welt ja sehr verbreitet. Dann stellt sie den Autor vor. Er hätte einen sehr witzigen Instagram-Auftritt und fragt, ob ihn jemand nicht kennt, das finde ich schon etwas seltsam. Ein Anwesender im Bereich der Sitzenden zeigt auf. Ein mutiger Mensch. „Aber was Instagram ist, muss ich nicht erklären ?“ sagt der Autor mit etwas giftigem Unterton. Offenbar kann er nicht damit umgehen, dass unter den 80 bis 90 Teilnehmern einer ist, der ihn und seinen Instagram-Account nicht kennt. Es werden sicher mehr als einer sein. Ich zum Beispiel. Aber ich habe ja keinen Sitzplatz und da fühle ich mich zu Auskünften nicht verpflichtet.
Die Situation wird zunehmend bizarrer je klischeehafter und seichter die Ausführungen des Autors werden. Hinter ihm stehen zwei Männer, die wie bodyguards oder Anführer von eher brutal orientierten Jugendgangs gelesen werden können. Vielleicht lassen sich auch beide Tätigkeiten miteinander vereinbaren. Die beiden finster blickenden Männer verteilen Fragebogen. Auf der Bühne wird eine Tafel hochgehalten auf der steht „ausgefüllte Fragebogen fotografieren und an C.R@mail schicken“.
Ein kleiner Auszug aus dem Fragebogen: 1. Wie lange verbringst du täglich auf C.Rs Insta-Seite? bei weniger als drei Stunden weiter zu Frage 5 5. Wie viel Zeit verbringst du täglich insgesamt auf sozialen Medien ? bei jeder Antwort außer „normalerweise den ganzen Tag“ weiter zu Frage 15 15. Ist dir klar, wie unsozial du dich verhältst ? wenn ja, weiter zu „zurückindiegeschlossenenReihen.org“ wenn nein werden wir uns näher mit dir beschäftigen. Stell dich auf die linke Seite zu den Security-Leuten in dunkelgrau, die dich entsprechend empfangen werden.
Dutzende Leute stehen um einen blühenden Magnolienbaum im Schönbrunner Schlosspark und machen Selfies. Nach einer kurzen Pause zwischen Weihnachten und Ostern hat uns der Übertourismus wieder. Aus Protest fotografiere ich einen unauffälligen Strauch, der sich als Mehrgenerationenunterkunft entpuppt
Einen Taschenschmeichler könnte man dieses Buch nennen, klein aber oho! Es stammt aus dem vielseitigen Anaconda Verlag, der solche Taschenschmeichler auch noch zu anderen Themen herausgegeben hat, von Wildkräutern über Insekten zu Wolken
Das kleine Buch bietet eine Einleitung mit grundlegenden Fakten über Mineralien und deren Eigenschaften und Bedeutung..
„Die mineralogische Vielfalt hat mit der Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten und parallel zu dieser Entwicklung zugenommen: im Laufe der Erdgeschichte sind immer wieder neue Mineralien entstanden. Manche MIneralogen gehen davon aus, dass zur Zeit der Entstehung unseres Sonnensystems nur zwölf Minerale existierten. Heute gibt es etwa 5300 erfasste Minerale auf der Erde, von denen etwa 2900 direkt oder indirekt auf biologische Aktivitäten zurückgehen“ S13
Der Autor des Steinführers, Patrick de Wever, ist ein französischer Geologe, der am Naturhistorischen Nationalmuseum in Paris lehrt.
Die Entwicklung der Erde durch 4 Milliarden Jahren wird durch die geologische Zeitskala dargestellt, in die dann die in dem Büchlein vorkommenden Mineralien eingeordnet werden. Für Geologen wäre die Beschreibung wohl etwas zu einfach, aber das ist ja auch nicht das Zielpublikum. Für Laien ist es informativ wann welches Gestein entstanden ist.
In den kurzen Texten zu den verschiedenen Mineralien sind aber erstaunlich viele Informationen enthalten und auch einige ungewöhnliche Funde wie versteinerte Regentropfen werden gezeigt.
Das Buch ist nicht wie ein Bestimmungsbuch aufgebaut sondern ordnet die Mineralien nach ihrem Alter und verfügt über ein alphabetisches Register. Das einzige, was man dem Büchlein vorwerfen könnte, ist, dass es als Bestimmungsbuch unbekannter Gesteine eher nicht funktionieren kann.
Es ist nicht einfach, seinen Abscheu zu verbergen und im Lauf der Jahre wird es zusehends noch schwieriger. Abscheu vor den Menschen, die vorbeirennen, Abscheu auch vor jenen, die stehenbleiben und mit Münzen klimpern, Scheine sind es nie. Die Mundwinkel lassen sich nicht mehr hinaufziehen, die Augen strahlen schon lange nicht mehr. Was gäbe es denn schon, die Welt ist kaputt, die Menschen krank, die Musik nur noch Mittel zum Zweck, zum Überleben, und das schlecht. Keine Lust, keine Freude, nur Abscheu, der alles verklebt, alles verdreckt. Er kriecht über das Pflaster aus allen Richtungen heran und irgendwann wird die Welt versinken in seinem aggressiven Schlamm, gefärbt irgendwo zwischen dunkelgrau und mittelbraun, ein fahler, toter Ton ist auch dabei und das Schmatzen des Schlamms. „Kalinka, kalinka, kalinka moja“ Die sorgfältig polierten Schuhe dienen als Indikator für die Höhe des Drecks. Wenn sie nicht mehr glänzen, ist es Zeit zu gehen. Die Pferdemaske versteckte sich in einem Hinterhof, wahrscheinlich vor ihrem früheren Besitzer oder vor den Pferden, die sie nicht für voll nahmen, Jetzt hat sie eine neue Rolle gefunden. Ein Glücksfall. Es ist heiß unter der Maske, die Luft zirkuliert schlecht, doch die Anonymität ist der neuen Besitzerin das alles wert. Was immer ihre alte Verwendung gewesen sein mag, jetzt dient sie zum Maskieren des Abscheus, zum Verbergen der Verachtung und zum Verschleiern der Identität. Und die Passanten lachen darüber, und die Münzen klimpern etwas heftiger, es reicht schneller für den Burger und die Suppe und das Bett für eine Woche beim Vinzi. Kalinka …
Puzzleblumes „Kalinka“ hat mich nicht losgelassen. Vielleicht könnte der Ohrwurm jetzt hierbleiben…
Diesmal keine Buchbesprechung sondern nur eine heftige Empfehlung.
Ich hatte das Buch seit Wochen entlehnt und einen Tag vor Ablauf der allerletzten Verlängerungsfrist in der Bücherei habe ich noch hineingeschaut und siehe da, schon die ersten Seiten haben mich richtig mitgerissen. Ein tolles Buch! Diese Kombination von literarischer stellenweise geradezu experimenteller Sprache und Spannung in der Handlung ist mir schon länger nicht untergekommen.
Ich bin also zwecks Charme-Offensive in die Bücherei gestürmt und habe zu „Ich weiß, dass Sie es eigentlich nicht mehr verlängern können, aber …“ angesetzt. Im Vertrauen darauf, dass es in Österreich neben einem „eigentlich“ meistens auch ein „aber uneigentlich“ gibt, was positive und negative Seiten hat. Aber die Offensive war gar nicht nötig, der junge Bibliothekar hat nur gelächelt und das Buch nochmals verlängert. Ich kann es also in aller Ruhe zuende lesen.
Obendrein hat Alexander Carmele, eine wunderbare Quelle der literarischen Vorschläge, gestern eine neue Rezension veröffentlicht, die mich sehr angesprochen hat. Es geht um Rhea Krčmářovás Buch „Monstrosa“, das ich mir heute auch noch besorgen werde. An Lesefreuden mangelt es mir derzeit also eigentlich und uneigentlich nicht.
Ein Drabble ist ein Mini-Text bestehend aus genau 100 Wörtern. Bei Reiners Projekt werden zusätzlich drei Wörter zum Einbauen vorgegeben. Diesmal: beißen – Affe- unerwartet (24)
Die Meiers saßen beim Frühstück. – Die Nachbarin hat schon wieder einen neuen Liebhaber. – Nicht unerwartet, der wird noch schneller wieder weg sein als sein Vorgänger. Allein heute hat sie schon dreimal „Roberto, du blöder Affe gebrüllt“ – Das Ende ist vorhersehbar
Hedwig biss genüsslich in ihr Marmeladenbrot. Dramatische Szenen würde es da wieder zu beobachten geben und als fulminanter Schlusspunkt kam immer der Hinausschmiss der Koffer des Liebhabers. Beim letzten Mal musste sie die Koffer rollen, nicht sehr elegant.
Plötzlich fuhr ein langer, haariger Arm durchs Fenster und schnappte Hedwigs Marmeladenbrot. „Roberto“ brüllte es aus der Nachbarwohnung.
Bei Christiane Die Wörter sind diesmal von der Puzzleblume 3 vorgegebene Wörter (siehe unten) in einem Text von 300 Wörtern unterbringen
Mit dem Begriff „heimatlos“ kann ich nicht recht viel anfangen. Einsam, unglücklich, verzweifelt, ja, aber heimatlos? Meine Heimat trage ich doch in mir, wo immer ich auch bin. Lebenserfahrungen, Erinnerungen, Verbindungen mit Menschen und Orten, die mir wichtig sind, die ich liebe, meine Muttersprache machen meine Heimat aus, die als Gefühl und Befindlichkeit überall auftreten kann, wenn die grundlegenden Bedingungen erfüllt sind.
Vertraute Sprache, regional ausgelegt, ist für mich ein wichtigerer Aspekt des Heimatgefühls als der Ort. Auch wenn ich in anderen Sprachen durchaus zuhause bin, so ist die Muttersprache doch etwas besonderes. Ich kann etwa von „Abendbrot“ sprechen, wenn es denn sein muss, aber „Nachtmahl“ hat für mich eine andere Qualität. Regionale Unterschiede kommen mir manchmal sogar gravierender vor als eine andere Sprache.
Was zeichnet denn nun den Ort aus, den wir Heimat nennen, den Ort an dem wir aufgewachsen sind? Bestimmte Menschen, eine bestimmte Landschaft, Sprache und Kultur? Der Ort hat sich in Jahrzehnten verändert, auch die Menschen, manche gibt es nicht mehr, andere sind sehr alt geworden. Vieles hat sich verändert, wenn nicht gar alles. Relativ unveränderlich bleibt nur die Landschaft, aber auch diese Unveränderlichkeit ist sehr relativ. Wenn sich auch ein Berg oder ein See nicht sichtbar verändern, so doch alles um sie herum. Heimat ist eben keine Konstante. Man sieht das gut an Menschen, die voller Sehnsucht an ihre „alte Heimat“ denken. Tatsächlich gibt es den Ort so wie sie ihn in Erinnerung haben nicht mehr. Es bleibt ihre Erinnerung daran, die mit den heutigen Verhältnissen sehr wenig zu tun haben kann.
Um mich heimatlos zu fühlen, müsste ich mich selbst verloren haben, nicht mehr in mir selbst ankern, kein Teil von verschiedenen Gemeinschaften mehr sein, emotional frei im Weltraum schweben. Ob dies vielleicht aber sogar erstrebenswert wäre, die echte Freiheit, ist ein anderes Thema.
300 Wörter
Das war eine sehr schwierige Übung. Ich habe den Text in genau 300 Wörter gesperrt, bin aber nicht sehr zufrieden damit und hätte gerne noch ein paar gedankliche Schleifen gezogen, eigentlich nicht nur ein paar sondern eine ganze Menge, denn das Thema gibt viel her. Vor allem der Aspekt der Freiheit versus eingefahrener Denk- und Handlungsmuster, der Faktor Zeit in emotionalen Verbindungen … Ich könnte vom hundertsten ins Tausendste kommen. Vielleicht ein anderes Mal.