Über die Mechanismen der Verdrängung

Ganz einfach konnte ich diesen Mechanismus an mir selbst beobachten. Ich fahre zu einem Ort und einer Situation, die für mich emotional sehr schwierig ist. Vernünftig und sinnvoll wäre es, mich unterwegs einzustimmen, mir zu überlegen, wie ich worauf reagieren werde.

Aber nein, ich denke darüber nach, wie der Dachausbau, an dem ich gerade vorbeigefahren bin, wohl innen aussieht, ich frage mich, wie viel Grad es wohl hat, ich überlege mir, an welchem Tag dieser Woche ich ins Atelier gehen werde und ob mir dieses Café dort drüben schon jemals aufgefallen ist. Ich sinniere über die Bedeutung der Fibonacci-Zahlen in der Biologie und ob die weißrussische Sportlerin gut daran tut, ausgerechnet in Polen um politisches Asyl anzusuchen.

Dann klopfe ich mir selbst auf die Finger und versuche ganz gezielt und fokusiert an die Situation zu denken, die mich erwartet, die einzelnen Punkte der Frage durchzugehen und zu bedenken. Mit dem Ergebnis, dass ich darüber nachdenke, wie die Mechanismen der Verdrängung funktionieren, was um nichts anders ist als über irgendetwas x-beliebiges nachzudenken

Ich falle also ganz unvorbereitet in die Situation hinein. Vielleicht ist das auch besser so. Verdrängung ist schließlich ein Schutzmechanismus des Geistes.

Noch zwei Schildkröten, das Urbild der Entspannung:

Sonntag 1.August 2021

Gestern war es mörderisch schwül, nicht einmal besonders heiß, also knapp an die 30 Grad, aber schwül wie bei Monsum. Heute dagegen, ein wunderbar kühler, frischer Tag mit viel Regen. Die Innenräume bekamen frische Luft und konnten ordentlich abgekühlt werden und es muss nicht gegossen werden. Bisher hatten wir in Wien viel Glück: Hitze Starkregen und Gewitter, aber keinen Hagel und keinen Orkan. So wie die Lage ist, muss man sich darüber ja schon freuen.

Bevor ich die Wien-Werbung vorübergehend einstelle hier noch ein Bild von dem Regenbogen-Fussgängerübergang von oben. Fußgängerübergänge heißen bei uns Zebrastreifen, was aber bei diesem farbigen Exemplar nicht so gut passt.

Sie heißen alle Brun(n)hilde,

und es gibt in Wien viele von ihnen. Man kann aus ihnen trinken und sie versprühen feuchten Nebel, was bei Hitze eine wahre Wohltat ist. Wenn ich unterwegs an so einer Brunnhilde vorbeikomme, lasse ich mich immer eine Weile berieseln.

Ulli Gaus Memorandum in Buchform

Gestern ist es ganz erstaunlich schnell mit der Post aus Deutschland eingeflogen. Mit herzlichen Grüßen, Ulli, falls du aus der Sommerpause mit Umzug vorbeischaust

Das Titelbild gefällt mir schon sehr, es ist ungewöhnlich, dass in dieser Generation Fotos vom Alltagsleben gemacht wurden, dass man Leute sieht, die nicht bei besonderen Anlässen für die Kamera aufgestellt wurden zur Dokumentation von Taufen, Hochzeiten, Familienfesten.

Die Fotos in diesem Buch sind Zeitdokumente, sowohl die gestellten als auch die Schnappschüsse. Diese Frauen, die wahrscheinlich teilweise noch im neunzehnten Jahrhundert geboren wurden, einen oder gar zwei Weltkriege erlebt und überlebt haben, irgendwie halt, wie es möglich war. Die meisten von ihnen haben wohl mehr als den ihnen durchschnittlich zustehenden Anteil an Leid und Katastrophen zugeteilt bekommen. Ich denke, dass die Motivation für Ullis Projekt aus dem ein Büchlein geworden ist, war zu zeigen, wie viel Frauen aller Generationen zum Leben und Überleben beitragen und beigetragen haben.

Die Texte zwischen den sehr zahlreichen Fotos sind sehr persönlich, sehr privat und doch werden viele dieser Gedanken und Gefühle den Nachgekommenen bekannt oder zumindest verständlich sein.

Mein Lieblingsfoto ist jenes auf dem einander Großmutter und sehr kleine Enkeltochter beide irgendwie belustigt ansehen. Und über jedes Foto auf dem gelächelt oder gelacht wird, freue ich mich.

Über den Dächern von Wien

Kolleginnentreffen, Frühstück im elften Stock, der Blick über die Stadt, alte und neue Geschichten, Hitzeträgheit. Es ist eine angenehme Überraschung wie viele Dachgärten mit üppigem Grün und origineller Gestaltung es in diesem dicht verbauten Gebiet gibt.

Das Gebäude in dessen elftem Stock wir sitzen, ist ein völlig renovierter, alter Flakturm. Früher stand hier: „in Stücke gerissen in der Stille der Nacht“. Ein Satz, den ich immer sehr eindrucksvoll fand, und schwer zu ertragen. Jetzt ist hier ein Panoramarestaurant.

Von einer, die auszog, einen Laptop zu jagen

Heiß war´s und laut und staubig. Der auf dem Foto zu bewundernde Gemeindebau hitzeflirrend in der gegenüberliegenden Glasfront gespiegelt. Dicht verbautes Stadtgebiet und ich mittendrin auf der Suche nach einem ganz bestimmten Geschäft, das umgezogen ist, aus meiner nahen Wohnumgebung ganz woanders hin. Ich habe das Geschäft sehr geschätzt, weil dort richtige Bastler am Werk waren. Fast jedes Teil ihrer Laptops hatten sie auf Lager und konnten es auch einbauen. Man musste nichts einschicken und keine Gebrauchsanweisungen studieren. Ein kompetenter Handgriff und das Graffl funktionierte wieder. Wobei es gar kein Graffl war sondern sehr gute Qualität. Die ohnehin seltenen, kleinen Probleme, die ich hatte, lagen eigentlich an mir und nicht an dem Laptop, der wahrscheinlich immer sehr erleichtert war, wenn er von einer sachkundigen Person wieder eingerichtet wurde. Es war keine Garage, aber vom Ambiente her hätte es eine sein können.

Dann sind sie umgezogen, ich hatte jahrelang keinerlei Probleme mit meinem Laptop und nun kann ich sie nicht mehr finden. Vielleicht gibt es sie auch gar nicht mehr. Würde mich aber wundern. Die Kombination von Qualitätsgeräten und bestem Service und Beratung ist doch ein sehr gutes Geschäftsmodell. Jedenfalls bin ich in einer ziemlich unangenehmen Gegend bei großer Hitze herum geirrt, immer wieder auf falsche Fährten geschickt worden und nach Kreisen immer wieder vor dem Gebäude mit der in der Homepage angegebenen Adresse gelandet, an der das Geschäft aber niemand kannte.

Dann wurde es mir zu blöd und ich ging in ein anderes Geschäft meines Vertrauens und siehe da, sie boten genau das an, was ich gesucht hatte. Nachdem ich dort Stammkundin bin, spielen sie mir alles rauf, was ich brauche und stehen auch für eventuell nötige Erklärungen zur Verfügung. Zwar werden sie die Kompetenz der Bastler nicht erreichen, aber immerhin.

Nie wird mich jemand von Online-Käufen überzeugen können, wenn ich alternativ in einem Geschäft zum Kauf auch Beratung und Betreuung von Menschen bekomme.

Mittwoch 28.Juli 2021 – Die Sonne der Freundlichkeit

Ein sehr gutes Gefühl ist es, wenn ich den Impuls mich zynisch bis abwertend zu äußern im Flug abfange und so lange mit ihm jongliere bis er aufgibt und verpufft. Der nächste Schritt wäre dann, das was ich sagen möchte freundlich oder zumindest neutral zu formulieren. Nun ja, daran arbeite ich wahrscheinlich noch die nächsten zwanzig Jahre. Ich kenne tatsächlich Leute, die das wirklich gut beherrschen: freundlich aber klar. Ich kenne aber auch solche, die überhaupt keine Impulskontrolle zu haben scheinen und eine Toleranzschwelle, die irgendwo unter dem Bodenniveau liegt. Solche schätze ich auch, weil sie mir vor Augen führen, wie absurd bis lächerlich man sich verhalten kann und wie wenig Wertschätzung und Sympathie man sich damit erwirbt.

Dienstag 27. Juli 2021

Heute ist wieder so ein Warten-aufs-Unwetter-Tag. Es zieht sich alles zu, wird fast dunkel, immer schwüler. Dann blauer Himmel und alles wieder von vorne. Es nervt – zumindest mich – ganz gewaltig. Der F nimmt an einer online-Fortbildung statt, die bei Hitze auch ordentlich anstrengend ist. So ein zähflüssiger Tag, an dem es schwierig ist, die Freuden des Hier und Jetzt zu sehen oder gar zu genießen.

Seit ich das erste Mal einen solchen gesehen habe, benütze ich Terminkalender, die im Juli beginnen, angepasst an den Jahresrhythmus des österreichischen Bildungsbetriebs. Ich habe es immer auch so empfunden: das Jahr endet im Juni, Juli und August sind losgelöste Zwischenzeiten, in denen andere Gesetzmäßigkeiten herrschen und das Jahr beginnt dann wieder im September. Vorgestellt hätte ich mir, dass diese subjektive Zeiteinteilung auch so bleiben wird. Zu meiner eigenen Verblüffung habe ich mir aber überlegt in diesem Jänner auf die allgemeine Zeiteinteilung umzusteigen. Nachdem ich mir aber schon im Frühling einen wunderschönen, lindgrünen Terminkalender gekauft hatte, findet dieser Umstieg in diesem Kalenderjahr noch nicht statt. Aber allein die Vorstellung …

Vielleicht doch …

Diese mitleidigen Blick machen es mir nicht leichter. Wenn ich mit meinem Stock, in viel zu warmer Kleidung mit Kopftuch und schwarzem Mantel über den Strand gehe. Wenn der Stock einsinkt, sinkt auch mein Körper zur Seite und das Aufrichten ist mühsam. Auf einem sehr schmalen Streifen ist der Sand gerade fest genug um dem Druck des Stocks stand zu halten und auch dem Wind, der weiter oben am Strand den Sand verweht. Bis weiter hinunter zum Vergessen schenkenden Wasser würde ich es nie schaffen, denn nicht nur die mitleidigen Blicke verfolgen mich. Auch die automatisch überwachenden Blicke meiner Familie finden mich immer.

Als ich jung war, herrschte in meinem Land ein völlig anderes soziales Klima als heute. Wir waren ohne verhüllende Bekleidung und ohne männliche Begleitung unterwegs. Wir konnten unser Leben beinahe selbst bestimmen, zumindest verstand ich es damals nicht besser. So weit, dass man als junge Frau schwimmen lernen durfte, ging es aber auch damals nicht. Als Mädchen stand ich unter der Aufsicht meines Vaters und meiner Brüder, heute bewachen mich meine Söhne. Mein Leben ist hier in oberflächlichen Bereichen etwas besser als zuhause, nicht im Wesentlichen, in dem, was für mich wesentlich ist.

Es ist wohltuend, ein paar unbeaufsichtigte Schritte machen zu können, mein Gesicht und meine Hände als einzige Teile meines Körpers mit Luft und Sonne in Kontakt zu bringen. Wie ein kleines Fenster der Verbindung mit der sinnlichen Welt fühlt es sich an.

Ich habe die Sprache gelernt, die hier gesprochen wird, lange bevor wir her kamen, so gut gelernt, dass ich diejenigen mit denen ich spreche immer überrasche. Eine gebildete, alte Frau aus meiner Gegend der Welt ist ihnen noch nicht untergekommen. Darauf sind sie nicht eingestellt und ihre gut gemeinten Routinen der Bevormundung erschrecken sie selbst ein wenig, wenn sie mit mir zu tun haben.

Doch eine echte Alternativen zu dem Leben, wie ich es führen muss, habe ich nicht. Soll ich alte Frau mich ganz allein in die Welt der mitleidigen Blicke wagen? Ist es unter Fremden mit ganz anderen Lebenserfahrungen weniger einsam als unter den eigenen Söhnen. Schlimm für uns alle ist, dass die Verunsicherung im fremden Land die Männer dazu bringt, sich an das einzige zu klammern, was sie als Kinder gelernt und erlebt haben.

Ich gehe noch ein paar Schritte weiter. Dort steht eine Bank und darauf sitzt eine Frau, etwa in meinem Alter und liest ein Buch. Ich bin traurig darüber, dass mir durch den Kopf schießt „das ist also erlaubt“. Ich könnte mich auch dorthin setzen, meinen Mantel nicht ausziehen, aber aufknöpfen und ein Gespräch versuchen …

Wiener Nächte

Blitz, Donner, Gewitter, Starkregen, der wie Hagel klingt, die Nächte sind in Wien derzeit sehr laut und abwechslungsreich. Leider schafft meine Kamera keine Blitze, weil sie zu unberechenbar sind

Sonntag 25.Juli 2021

Unsere Wochenend-Frühstücks-Gespräche sind derzeit sehr sportlastig. Heute hat mir der F die Strategien innerhalb eines Radteams geschildert. Der Anlass war, dass eine österreichische Radlerin, erstaunlicherweise eine völlig unbekannte Amateurin Olympia-Gold gewonnen hat. Die Frau ist dreißig und von Beruf Mathematikerin an einer Uni. Sowas imponiert mir auch, die perfekte Balance zwischen Geist und Körper.

In der Nacht besuchte uns ein Gewitter samt Regen. Außenjalousien nicht ganz zu, Fenster offen. Dadurch hört man den Regen und riecht die nasse Erde …