la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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9. Station der Leseweltreise – Iran

Es handelt sich um die Autobiografie von Shirin Ebadi, geboren 1947,  die als ganz junge Frau Richterin an einem Teheraner Gericht wurde, später vom Khomeini-Regime zur Schreibkraft in selben Gericht degradiert wurde und erst ab 1992 als Anwältin praktizieren durfte. Sie verteidigte – trotz persönlicher Gefährdung – Regimekritiker, misshandelte und diskriminierte Frauen und Kinder. 1994 gründete sie einen Kinderschutzbund. 2003 bekam sie den Friedensnobelpreis.

Shirin Ebadi ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.

Ich habe diese Autobiografie einer ungemein mutigen Frau mit großem Interesse gelesen. Zwei Aspekte haben mich besonders interessiert.

Shirin Ebadi führt ihren Mut darauf zurück, dass sie das große Glück hatte in einer Familie aufzuwachsen, in der die Töchter genauso geschätzt und gefördert wurden wie die Söhne. Dies war absolut keine Selbstverständlichkeit und sie wusste diese frühe Prägung sehr zu schätzen als sie bemerkte wie viele iranische Frauen das Gefühl der Minderwertigkeit, das sie schon als kleine Mädchen vermittelt bekommen hatten nicht abschütteln konnten.

Shirin Ebadi hatte aus Abneigung gegen das korrupte Shah-Regime anfangs die Khomeini-Revolution unterstützt. Sehr bald wurde ihr klar, dass sich die Situation des Landes, vor allem die Situation der Frauen keineswegs verbessert hatte. Mit größtem persönlichen Mut und Einsatz führte sie ihren Kampf für Menschenrechte, trotz Schikanen jeder Art, trotz Gefängnisaufenthalten und Morddrohungen verstummte sie nicht. Besonders bemerkenswert fand ich, dass sie nie den Islam in Frage stellte, sondern die Meinung vertrat, dass alles, was sie forderte innerhalb des schiitischen Islam möglich wäre. Sie legte sich mit hochrangigen Geistlichen an, die ihre Standpunkte offenbar aus religiöser Sicht nicht widerlegen konnten. Trotzdem konnte sie sich gegen das Regime und jeden einzelnen Mullah nicht durchsetzen.

„Im Islam gibt es eine als ijtihad bekannte Tradition der rationalen Auslegung, die seit Jahrhunderten von Juristen und Geistlichen gepflegt wird, um die Bedeutung der Lehren des Korans sowie deren Anwendung auf moderne Vorstellungen und Situationen zu diskutieren. Im sunnitischen Islam, der den ijtihad ablehnt, wird dieser seit Jahrhunderten nicht mehr praktiziert, doch im schiitischen Islam sind der Prozess und der Geist des ijtihad lebendig. Ijtihad ist ein wesentliches Element des islamischen Rechts, weil es sich bei der Scharia  eher um eine Sammlung von Grundsätzen als um kodifizierte Normen handelt. Gelangt man durch den Prozess des ijtihad zu einer Entscheidung oder bestimmten Meinung, so bedeutet dies, dass ein Jurist eine bestimmte Frage (ob zum Beispiel eine Frau im 20.Jahrhundert wegen Ehebruchs gesteinigt werden sollte) durch die Anwendung von Vernunft und durch Deduktion bewertet und die mit dieser Frage zusammenhängenden Interessen nach Prioritäten ordnet“ p.260

Ich persönlich finde es ja schlimm genug, dass eine Steinigung überhaupt zur Debatte steht. Aber für jemanden der/die in einem System lebt, in dem Hinrichtungen jeder Art, das Abschlagen von Händen und die Verherrlichung des „Märtyrertodes“ normale Praxis sind, wäre  wohl die Anwendung des ijtihad ein deutlicher Fortschritt in Richtung Menschenrechte. Shirin Ebadi gibt uns auch ein Beispiel dafür:

„Während der ersten Jahre nach der Revolution entschied Ayatollah Khomeini trotz der strengen Einstellung der führenden Geistlichen, dass die nationalen Medien Musik senden durften. Er kam zu dem Schluss, dass die jungen Leute sonst vom westlichen Radio geködert würden und dies letztendlich schädlicher für die islamische Republik wäre. Durch den Prozess des ijtihad also gelangte er zu der Einsicht, dass eine Praxis aus dem siebten Jahrhundert für die Gegenwart ungeeignet sei“ p.260

Man könnte natürlich auch vermuten, dass Khomeini im Interesse des Machterhalts durchaus zu pragmatischen Entscheidungen kommen konnte. Derselbe Khomeini, der Tausende junge Iraner mit ihren Todeshemden im Gepäck dorthin schickte wo die Iraker Minenfelder gelegt hatten. Die jungen Männer wurden über diese Felder geschickt um mit ihrem Leben die Minen zu entschärfen, sodass die nachfolgende reguläre iranische Armee geringere Verluste hatte. Natürlich kamen sie als Märtyrer direkt ins Paradies.

2009 schließlich tat Shirin Ebadi, was sie nie tun wollte, sie ging ins Exil nach London.

Ein sehr aufschlussreiches Buch, dass allerdings für Menschen wie mich, die mit den Ereignissen in der islamischen Republik Iran nicht im Detail vertraut sind gewisse Längen aufweist, wenn es um die Schilderung von Verbrechen und Prozessen geht. Aber das kann man dem Buch nicht vorwerfen.


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ABC-Etüden – Französisch Koloniales

Ihr Hintern in dem engen Wickelstoff wogte an ihm vorbei in seinem Herrenzimmer auf der Farm. „Ständig geil, diese schwarzen Weiber“ dachte er.

Dann sagte er das gefürchtete „komm“. Das konnte jederzeit, überall stattfinden, im Herrenzimmer, auf den Treppenstufen, in seinem Bad. Der Herr war jung. Was dann folgte war eine Form der Vergewaltigung, die dem Opfer keinerlei Möglichkeit bot sich zu wehren, auch keine Möglichkeit sich  der unendlichen Abfolge  demütigender und schmerzhafter Situationen zu entziehen.

„Café au lait“, Milchkaffee, nannte man die Kinder, die aus diesem Missbrauch der weiblichen Dienstboten in französischen Kolonien hervorgingen. Sie lebten rechtlos im Haus ihrer Erzeuger. Die Sitten in von anderen Ländern kolonisierten Gebieten unterschieden sich nur durch die Sprache.

 


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Die Arabesken des IS

Die Sprache des Terrors

Spannendes Thema, neuer, spannender Ansatz. Philippe-Joseph Salazar wurde in Casablanca geboren und verbrachte dort auch seine Kindheit. Man kann wohl sagen, dass er in der arabischen Welt zuhause ist. Obendrein ist er ein Schüler von Roland Barthes, einem bekannten Linguisten und Semiotiker. Betrachtet  man diese beiden biographischen Daten, so erstaunt der linguistische Ansatz zum Verstehen des IS nicht.

Salazar beschäftigt sich hauptsächlich mit der Rhetorik des IS. Dazu geht er zunächst zurück zur französischen Revolution:

Wer wäre heute noch bereit, derartige Sätze überzeugend auszusprechen oder gar in die Tat umzusetzen: Saint Justs „Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit“ Robespierres „Wer den Himmel anruft, will die Erde an sich reißen“ oder Marats“Die Freiheit muss mit Gewalt errungen werden“ Heute will das niemand mehr. Nur noch das Kalifat. (p14)

Er beschreibt die blumigen Arabesken des politischen Diskurses des IS

Gegen diesen Stil sind wir machtlos: Unsere politische Sprache ist vergleichsweise steril, rhetorisch banal und ohne jede Poesie. (p17)

Äußerst erhellend ist auch der Vergleich zwischen westlicher und islamischer Rechtstradition. Wo die westliche Rechtssprechung auf Rechtsnormen beruht (diese und jene Handlungen sind aufgrund von diesen und jenen Gesetzen verboten), arbeitet die islamische Rechtssprechung mit Analogien, die auf Interpretationen des Korans oder der Prophetengeschichten beruhen.

Weiters beschäftigt sich Salazar mit der Person des Kalifen, mit der Art wie er an die Macht kommen kann und mit dem Blick des Kalifats auf „sein“ Territorium

Das Recht auf Besitz und Eroberung, welches das Kalifat für sich in Anspruch nimmt, ist nicht extraterritorial, vielmehr ist es eine Wiedereroberung also eine Bestätigung, dass ihm jegliches Territorium bereits gehört. (p. 41)

Das territoriale Argument des Terrors lautet also wie folgt: weil Frankreich bereits dem Kalifat gehört, zur Zeit aber von den Ungläubigen besetzt gehalten wird, muss man diese Ungläubigen terrorisieren (p 42)

Auf der grundlegenden Unterscheidung zwischen „langue“ (Sprache) und „parole“(Rede) baut Salazar seine Betrachtungen der Propaganda auf, mit der der IS Jugendliche potentielle Dschihadisten überzieht. Er analysiert eine Reihe von IS-Videos sowie Videos der Gegenpropaganda des Westens.

„Um es anders zu sagen: In der E-Technik Internet verlegt sich das Kalifat auf Qualität, wir hingegen legen Wert auf Quantität. Das Kalifat setzt auf Heroismus, wir setzen auf Prävention. Es setzt auf das Ideal, wir setzen auf den Durchschnitt. Es setzt auf Transzendenz, wir setzen auf die Mittelschicht“ (p. 76)

Äußerst interessant finde ich auch die Gegenüberstellung des Dialogs (ein großer Wert im Westen) und des Appells, einer im Kalifat geschätzten Art der Rhetorik (p 84 ff)

Über die Ausführungen Salazars zum Feminismus im Kalifat konnte ich mich nur wundern, ebenso wie über seine ausführlichen Beschreibungen der Attribute der Männlichkeit der Krieger des Kalifats.

„Das Kalifat macht den Krieg wieder zu einer Sache der Männlichkeit“ (p117)

Ein weiterer Aspekt, den Salazar aufzeigt, ist der Unterschied zwischen der ideologischen Richtung des Islam des Kalifats und jener des Iran, eines Landes mit einer indo-europäischen Kultur, die die schiitische Version des Islam praktiziert

„Schauen wir uns den iranischen Islam an: Hat man jemals gesehen, wie ein Soldat der islamischen iranischen Revolution eine moralische Ansprache hielt und einem Opfer die Kehle durchschnitt, trotz aller Kriege und Schlachten, die seit der Entthronung des Schahs und der Erneuerung der schiitischen Herrschaft stattgefunden haben ? Nein, denn das ist nicht seine Aufgabe.“ (p 124)

„Im Iran, einer indoeuropäischen Kultur regiert der Klerus, schützen die Revolutionsgarden und arbeiten die Menschen, das ist das von Platon in der Republik beschriebene trifunktionale Modell (p.125) In der anthropologischen Sphäre, der die semitische und die arabisch-muslimische Welt, mit Ausnahme des Irans, entstammen, gibt es jedoch keine derartige funktionale Teilung. Ein arabisch-islamischer Soldat kann als Opferpriester handeln und seine Handlung während einer Liturgie des Menschenopfers auch als solche bezeichnen“ (p125)

Auch mit der Psychologie der ins Kalifat einwandernden jungen Menschen beschäftigt sich Salazar:

„Plötzlich – oder endlich- entdeckt man, dass Dschihadisten nicht zwingend dumm, minderbegabt, marginalisiert, gescheitert und ausgegrenzt sind, sondern in nicht wenigen Fällen Diplome vorweisen können, Söhne aus gutem Hause oder folgsame und fleißige Mädchen sind, die ihre Entscheidung häufig wortgewandt auszudrücken und zu beschreiben in der Lage sind (p. 142)

Salazar thematisiert noch die westliche und die dschihadistische Diskursgemeinschaft und erläutert seine Ansicht, wie der Krieg gegen den IS in einen bewaffneten Frieden umgewandelt werden könnte.

Keine einfache Lektüre, aber insgesamt ein hochinteressantes Buch mit ausführlicher, weiterführender Bibliographie zum Thema. Nicht besonders gut ist die Übersetzung. An vielen Stellen fand ich die Terminologie nicht so gut gewählt bzw verstand ich sie nur durch „Rückübersetzung“ ins Französische.

Philippe-Joseph Salazar

„Die Sprache des Terrors“

Pantheon Verlag: 2016

ISBN: 978 – 3-570- 55343 – 5

Vielen Dank an den Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars


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Daggi 30 –

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Laura Restrepo

„Die dunkle Braut“

Europa Verlag 2003

Aufgabe Nr. 52: Es gibt in der Bücherei, in die ich öfter gehe eine Aktion mit verpackten Büchern von denen man sich eines nehmen kann. So ist dieses Buch in meine Hände gefallen.

Eigentlich wollte ich nach den ersten paar Seiten gar nicht weiterlesen. So eine südamerikanische Huren-Heiligen Geschichte dachte ich mir. War es auch. Auf den ersten paar Seiten wurde so eine Art Bordellstadt im kolumbianischen Urwald in der Nähe eines Ölförderungsbetriebes beschrieben und das Zimmer einer der dort arbeitenden Prostituierten. Natürlich gab es dort eine besonders verehrte Christusfigur und alle dort arbeitenden Prostituierten waren nicht nur fleißig bei der Arbeit sondern auch fromm. Dutzende Bücher ähnlicher Thematik haben mir die südamerikanische Literatur ziemlich verleidet.

Ich habe dann doch weitergelesen, weil mir die Beschreibung der Lebensumstände der Arbeiter in der Ölförderung ganz interessant erschienen ist. Alle Lieblingsthemen dieses Literatursegments sind aufgetaucht: die gutherzigen Huren, die verlassenen Kinder, die Damen der Gesellschaft und deren Männer, die einen nicht geringen Anteil an den Kunden der Bordelle ausmachen. Es gab sogar einen an Toulouse-Lautrec erinnernden spanischen Adeligen, der sich in einer dieser  „Freudenhütten“ eingemietet hatte. Religiöse Feste und Heiligenverehrung, die verführerischen Indio-Frauen, das permanente schlechte Gewissen in alle Richtungen, die Autorin hat nichts ausgelassen inklusive eines ins Surreale übergehenden Endes: die handelnden Personen wissen nicht und die Leser erfahren nicht, ob die Hauptperson am Ende mit ihrem Lieblingsgeliebten weggeht oder ob das nur eine kollektive Illusion ist …

Es ist ein bunter Bilderbogen des Lebens in den kolumbianischen Urwäldern und Kleinstädten; gut geschrieben. Wenn ich nicht so eine Abneigung gegen die Huren-Heiligen-Geschichten hätte ….. Immerhin habe ich das Buch aber zu Ende gelesen und könnte mich jetzt damit befassen, die Einflüsse auf die Autorin und ihre Stellung in der kolumbianischen bzw Lateinamerikanischen Literatur zu analysieren aber dazu habe ich schlicht und einfach keine Lust.


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Daggy 28 – MERS

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D.G Compton

„Mers“

Aufgabe 41: Ein Buch, das in der Zukunft spielt

Das ist wieder einmal so ein „Na ja…“ – Buch.

Das MERS-Syndrom verhindert, dass männliche Babys geboren werden. Die Protagonistin forscht über Ursachen und mögliche Heilung des Syndroms, was ihr letztendlich gelingt. Was dem Buch etwas Spannung verleiht, ist die nicht-lineare Zeitstruktur der Erzählung. Es werden Episoden über eine Zeitspanne von etwa dreißig Jahren in luftiger Durchmischung erzählt, wobei praktisch jede Episode mit einem cliff-hanger endet.

Ich finde, dass der plot mehr hergegeben hätte. Es gibt auch ganz interessante Ansätze zum Beispiel „die Kirche von Gott, die Mutter“ oder die Figur des Bruders der Protagonistin. Insgesamt bleiben die Figuren aber flach und der plot wenig entwickelt.

Für „immer wieder mal ein paar Seiten, eigentlich habe ich keine Zeit zum Lesen“ durchaus geeignet


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Alles für die Katz #1

Nachruf auf Sissi G.

Vor fünf Jahren ist sie gestorben, mit knapp 65 Jahren. Je nachdem wie alt man selbst ist, kommt einem das „eh schon sehr alt“ oder „viel zu jung vor“.

Ich mochte sie gerne. Sie war eine Kollegin von mir, die sich sehr aktiv in der Personalvertretung engagierte und vielen Leuten in kleineren und größeren Konfrontationen mit dem Dienstgeber zur Seite stand. Einmal auch ihrem jahrelangen „Lieblingsfeind“, der von allen seinen Kumpeln fallengelassen worden war und schließlich „die liebe Sissi“ entdeckte nachdem er sich auch bei seinen unmittelbaren  Vorgesetzen in die Nesseln gesetzt hatte.

Sie war eine sehr gebildete Frau mit viel Freude an Sprache(n).Oft haben mir miteinander Scrabble gespielt. Ich erinnere mich an meinen größten Triumph, die „Nylonjurte“, die sie mir nicht durchgehen lassen wollte. Was haben wir beim Spielen gelacht ….. Viele Schulbeginns- und Schulschlußfeste hat sie veranstaltet. Jahrelang waren die für mich und viele andere Anfangs- und Endpunkte des Schuljahres. Immer gab es da Fleischlaberl (=Bouletten) von ihrem hochgeschätzten Fleischhauer (=Metzker) um´s Eck und Sissi thronte an einem Ende des Tisches und erklärte jedem Neuankömmling wo was in der Küche zu finden sei.

Sie war ungemein großzügig mit ihrer Zeit und ihren Besitztümern und hatte unendlich viel Verständnis für die abstrusesten Eigenheiten ihrer Mitmenschen, aber wenig Freude und großes Mißtrauen gegenüber allen Neuerungen im beruflichen Umfeld. Das war es auch, was ich nicht so gerne an ihr mochte, ihre Ablehnung und ihr Negativismus allen Neuerungen gegenüber.

Nachdem sie gestorben war, beschlossen wir noch einmal ein Fest zu ihren Ehren abzuhalten und bei dieser Gelegenheit forderte ihr Partner alle Anwesenden auf sich ein Erinnerungsstück auszusuchen und mitzunehmen. Ich habe diese Katze genommen, die nun bei mir in einem Blumentopf wohnt und mich an ihre frühere Besitzerin erinnert.

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