Schlagwort: Kunst –

Kunst und Psychiatrie

Kürzlich war ich in der Albertina um mir die Skulpturen von Tony Cragg anzusehen ( hier und hier ) und habe bei dieser Gelegenheit auch noch eine andere Ausstellung durchwandert. Dort gab es Art Brut aus Gugging zu sehen.

Das Haus der Künstler in Gugging ist eine vollbetreute Wohneinrichtung für Kunstschaffende mit Psychiatriehintergrund oder Behinderung. In der Wohneinrichtung wird die Basis für die künstlerische Tätigkeit der Bewohner geschaffen. Im Haus der Künstler und besonders im offenen Atelier werden Kunstschaffende individuell im schöpferischen Prozess unterstützt und gefördert. Das museum gugging und die galerie gugging bieten die Infrastruktur für einen den Kunstschaffenden und deren Werken entsprechenden professionellen Ausstellungsbetrieb.
Das Jahr 1954 markierte den Beginn der Entstehung von Bildwerken in der damaligen psychiatrischen Klinik Heil- und Pflegeanstalt Gugging: Der Psychiater Leo Navratil führte mit seinen Patienten spezielle Zeichentests zu diagnostischen Zwecken durch. Angeregt dazu wurde er durch die Auseinandersetzung mit der Methode „Personality projection in the drawing of a human figure: A method of personality investigation“ der amerikanischen Psychologin Karen Machover aus dem Jahr 1949. Navratil wurde überrascht von der Kreativität und dem künstlerischen Potenzial einzelner seiner Patienten.

Nachdem Navratil im Rahmen seiner Korrespondenz mit Jean Dubuffet, unter anderem der Begründer des Terminus „Art Brut“, zwei Radierungen von Johann Hauser an Dubuffet geschickt hatte, erwuchs Dubuffets Interesse an den Kunstschaffenden in der Anstalt in Gugging. In weiterer Folge kam es zur Zuteilung der Werke aus Gugging und der Kategorisierung zur Art brut durch Dubuffet selbst. Werke aus Gugging wurden ab diesem Zeitpunkt verstärkt innerhalb dieser Zuschreibung rezipiert, die im wissenschaftlichen Diskurs fortlaufend kritisch diskutiert wird.

Die erste Ausstellung von Kunst aus Gugging: „Pareidolien“

Im Jahr 1970 fand die erste Ausstellung von Kunstwerken aus Gugging statt. Schauplatz war die Galerie nächst St. Stephan im Stadtzentrum Wiens. Der Titel der Ausstellung lautete: „Pareidolien. Druckgraphik aus dem Niederösterreichischen Landeskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Klosterneuburg.“ Gezeigt wurden 84 teilweise kolorierte Radierungen. Die Ausstellung war ein öffentlicher Erfolg. Das Interesse der Medien sowie der Besucherandrang waren hoch. 500 Blätter der gezeigten Graphiken wurden verkauft. Unter anderem erfolgte ein Ankauf von Werken aus Gugging durch die Albertina Wien.

Quelle: Zusammenfassung aus Wikipedia

Alois Marksteiner (1928 – 2000 war der Klinikdirektor, der die künstlerischen Entwicklungen ermöglichte. Er hatte seit seinem Studienabschluss 1954 in Gugging gearbeitet.

Jean Dubuffet, unter anderem Begründer des Terminus Art brut kategorisierte selbst die Werke aus Gugging unter Art Brut nachdem er Radierungen von Johann Hauser gesehen hatte. Werke aus Gugging wurden ab diesem Zeitpunkt verstärkt innerhalb dieser Zuschreibung rezipiert, die im wissenschaftlichen Diskurs fortlaufend kritisch diskutiert wird.

Quelle: Wikipedia

Tony Cragg

heißt der Künstler, der gerade – unter anderen – in der Albertina ausgestellt wird. Schon lange wollte ich mir die Ausstellung ansehen, heute war es soweit. Neben Skulpturen aus Holz, Glas, und Metall waren auch Bleistiftzeichnungen des Künstlers zu sehen, den ich einmal zu Wort kommen lasse:

Diese Ausstellung findet in dem für mich schönsten Ausstellungsbereich der Albertina statt: nicht zu groß, nicht zu klein, jeder Raum eine eigene Persönlichkeit, Gewölbebögen. Es muss eine Freude sein, Kunstwerke in solchen Räumen aufzustellen.

Ein höchst charmanter junger Security-Mann machte allen Besuchern die Tür auf und erläuterte jedem einzeln, dass man ganz nach Belieben fotografieren könne, die Skulpturen aber auf keinen Fall berühren dürfe. Nun muss ich Metall- oder Glasobjekte nicht unbedingt begrapschen, aber an Holzskulpturen komme ich nicht vorbei ohne wenigstens einmal mit dem Finger darüber zu streichen.

Sonntag 17.Juli 2022 – Kommt sie bald ?

Es tut mir ausgesprochen leid, weil ich gerade so viele Ideen habe, aber wenig Zeit zum Schreiben, was sich nächste Woche möglicherweise wieder ändern wird. Wir warten schon gebannt auf die angekündigte Hitzewelle, von der momentan noch nichts zu bemerken ist. Auf der gestrigen Geburtstagsfeier im Garten haben sich die allermeisten nach Sonnenuntergang in Tücher und Westen drapiert. Ich nicht, ich bin so froh, wenn mir im Sommer gelegentlich nicht heiß ist, dass ich dieses Gefühl auskosten möchte. Klingt leicht verrückt. Und? Ich bin schließlich in der glücklichen Lage tun und lassen zu können, was ich will.

Ai WeiWeis Tore aus Syrien. Es ist eine endlos diskutierbare Frage, ob es ethisch vertretbar ist, ästhetische Aspekte von Krieg, Gewalt und Grauen zu sehen. Dies natürlich ohnehin nur wenn man daran nicht aktiv beteiligt ist. Tore zu zerschießen um interessante Strukturen aus rostigem Metall zu bewundern ist eher krank als künstlerisch.
Ansonsten führt die Erwähnung von Syrien gedanklich gleich wieder in die Ukraine. Der sich als Zar denkende ist schließlich an beiden Tragödien heftig beteiligt.

Besuch bei Ai Weiwei

Es ist eine gut gemachte Ausstellung, die verschiedene Seiten dieses vielfältigen Künstlers zeigt. Ich beschränke mich auf drei Projekte, denen Ai WeiWei viel Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet hat. Es werden in nächster Zeit noch Bilder von anderen Installationen hier auftauchen. Ich mag aber keinen langen Bericht schreiben, ich bin ja keine Kunstkritikerin.

Projekt Nummer 1 gefiel mir sehr, ganz im Gegensatz zu Nummer 2, das ich nur destruktiv finde. Nummer 3 wiederum zeigt auch die verspielte Seite eines sehr begabten Menschen.

Nummer 1 ist ein Projekt, dem Ai WeiWei viel Zeit gewidmet hat. Er hat in Bauernhöfen und alten Häusern Möbelstücke gesammelt, die er mit Unterstützung von Handwerkern, die mit traditionellen Techniken arbeiteten zu Skulpturen zusammengesetzt hat. Gemeinsam haben diese Installationen, dass sie ihre ursprüngliche Funktion verloren haben … Ich fand diese zur Sinnlosigkeit umfunktionierten Möbelstücke mit ihren wunderschönen Holzflächen und Schnitzarbeiten sehr ansprechend.

Nummer 2 ist in meinen Augen eine rein zerstörerische Aktion, die mich schockiert hat. Vor allem von jemandem wie Ai WeiWei, der als Kind unter der Kulturrevolution gelitten hat, da sein Vater, Ai Quing, ein bekannter Dichter und Maler war, der beim Regime in Ungnade fiel. In meinen Augen findet hier nur Zerstörung statt, in der ich keinerlei künstlerischen Ansatz sehen kann.

Zunächst die Verschandelung einer klassischen Vase und dann das Beklecksen in Gold eines steinzeitlichen Gefäßes.

Der Gipfel dieses Projekts war es, steinzeitliche Keramik zu verbrennen und die Asche in dafür angefertigten Gefäßen in einer Art Urnenwand auszustellen. Ich könnte 2000 Wörter Empörung darüber schreiben, was aber die Jahrtausende alten Kunstwerke nicht zurückbringt, es befreit sie noch nicht einmal von dem Schriftzug dieses Zuckerwasser-Gesöffs.

Das dritte Projekt hat mir wiederum gefallen: ich sage nur LEGO. Einfache Bilder bis zu überaus komplizierten mit Legosteinen erzeugt. Man beachte den Panda in der oberen Ecke. Der Panda ist auch ein Symbol der chinesischen Geheimpolizei.

Unterwegs zu verschiedenen Kunst-Ansätzen

Je eine Ausstellung dieser beiden gab es im selben Museum zu sehen. Viel haben sie nicht gemeinsam, der chinesische Menschenrechtsaktivist aus dem 21. Jahrhundert und der Wiener Jugendstilkünstler vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Engagiert und provokant der eine, dekorativ der andere.

Ich beschloss zunächst einmal Klimt zu besuchen, wo es wohl keine großen Überraschungen geben würde und schon gar keine Irritationen. Einmal winken und genießen.

Bei Ai WeiWei gab es aber beides, Überraschungen und Irritationen. Dazu beim nächsten Mal.

Seit gefühlt ewigen Zeiten

habe ich keine live-Musik mehr gehört und fast vergessen, wie groß der Unterschied ist, echte Menschen statt irgendwelche Trägermedien zu erleben. Es ist wie bei den Bildern. Natürlich kann man sich Bilder auf Fotos ansehen, aber es ist doch überhaupt kein Vergleich mit einer persönlichen Begegnung.

Sie waren beide sehr gut, der Gitarrist gar hervorragend. Eine unerwartete und höchst erfreuliche Zugabe zu einer Ausstellung, die von einem Ärzte-Kunstverein alljährlich abgehalten wird. Einer der Musiker ist Untermieter eines der Mitglieder des Vereins und so kamen wir zu dem Konzert. Von den Bildern und Skulpturen hat mir kaum etwas gefallen. Ich war aber zufrieden, weil ich immer wusste, warum mir etwas nicht gefiel. Und das war nicht immer so.

Auch wenn er mir nicht gefällt, respektiere ich doch jeden eigenen Stil, aber muss Van Gogh oder Dali als Inspiration herhalten, wenn man so gar nicht an sie herankommt ?

Der Zeit ihre Kunst …

Neben dem Portrait des deutschen Diktators und in gebührendem Abstand hing ein kleines ungerahmtes Ölgemälde, das einen Strand mit Uferböschung und Felsen im Abendlicht zeigte. Es war sehr ordentlich gemalt, besaß aber die Beliebigkeit von Bildern, die einem längst vergangenen Kunstgeschmack nacheifern und selbst in der gewinnendsten Ausführung unstimmig bleiben.

Ulrich Tukur „der Ursprung der Welt“ p.206

Bei der Formulierung dieses Gedankens, den ich an sich durchaus nachvollziehen kann, sind mir die Begriffe „Beliebigkeit“ und „unstimmig“ aufgefallen. Dass man ein realistisches Landschaftsbild schon seit längerer Zeit nicht mehr besonders schätzt, verstehe ich, aber dass es dadurch „beliebig“ wird, finde ich erstaunlich. Gemeint ist wahrscheinlich „beliebig“ im Sinn von „austauschbar“. Der persönliche Stil des Künstlers/der Künstlerin wäre also nicht mehr zu erkennen oder unbedeutend.

Ebenso geht es mir mit „unstimmig“. Es ist wohl hier als Synonym für „unpassend“ zu verstehen. In diesem speziellen Fall leuchtet mir das überhaupt nicht ein, denn im beschriebenen Raum hängt auch ein Hitler-Portrait. Über dessen Kunstgeschmack weiß man ja immerhin, dass er selbst auch Landschaften gemalt hat, die unglücklicherweise dem Akademie-Geschmack nicht entsprachen. Unglücklicherweise, weil besagter Diktator wäre er Künstler geworden, seine massenmörderischen Ideen vielleicht nicht in die Tat umgesetzt hätte. Dies nur nebenbei. „Unstimmig“ ist auch ein in höchstem Maß subjektiver Zustand. Betrachter*in A findet es scheußlich, dass zwischen den abstrakten Bildern eine Landschaft mit röhrendem Hirsch hängt, Betrachter*in B sieht darin eine faszinierende Mischung.

Mit ist diese Textstelle aufgefallen, weil es sich um ein Thema handelt, mit dem ich konfrontiert bin. Komme ich in unser Atelier sehe ich da die Portraits von Malfreund D. Technisch werden sie immer besser, ich kann damit aber trotzdem wenig anfangen. Sein Bestreben ist das, was Tukur „einem längst vergangenen Kunstgeschmack nacheifern“ nennt. Es geht ihm um die möglichst ähnliche Darstellung seiner Modelle. Ausdruck, der über die rein äußerliche Ähnlichkeit hinausgeht, ist ihm nicht wichtig.

Butscha und Andau

Über die grauenhaften Bilder und Berichte aus Butscha, einem Vorort von Kiew muss ich nichts sagen, es fehlen einem ohnehin die Worte.
Dies ist eine der Figuren auf dem Weg zu der Brücke von Andau, über die 1956 im letztmöglichen Moment noch viele Flüchtlinge aus Ungarn ins österreichische Burgenland kamen.
Vergleicht man die beiden Ereignisse, so hatten die Menschen bei der Invasion Ungarns durch die Sowjetunion 1956 insgesamt mehr „Glück“ als die Menschen in der Ukraine 2022 bei der Invasion ihres Landes durch die Russische Föderation.

Modiglianis Hälse

Nachdem ich – wie bereits HIER erwähnt- den Begriff „Primitivismus“ furchtbar finde, fällt bei mir Modigliani unter „Avantgarde“. Eine Bezeichnung, die ich im Zusammenhang mit seinem Werk auch sehr oft gelesen habe. Gemeint ist die künstlerische Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts, deren allgemein bekanntester Vertreter wahrscheinlich Picasso ist.

Die Ausstellung in der Albertina in Wien bietet abgesehen von zahlreichen Werken von Modigliani auch Werke anderer Künstler darunter eben auch Picasso. Schließlich hat Picasso so viel gemalt, dass sich einige Bilder vom ihm in praktisch jedem Museum, das europäische Malerei ausstellt finden lassen.

Ich will hier keine Ausstellungskritik schreiben sondern nur die Punkte erwähnen, die mich besonders angesprochen haben.

Modigliani war auch Bildhauer und hat kleine Plastiken mit extrem reduzierten Gesichtszügen geschaffen. Karyatiden hatten es ihm angetan, von denen er auch viele gezeichnet hat und afrikanische Kleinplastiken und Masken

Eine Plastik, die bei ich weiß nicht mehr welchem afrikanischen Volk vor der Hütte aufgestellt wurde, in der die jungen Männer initiiert wurden. Sie wurden unter Drogen gesetzt und dann den Ahnen vorgestellt. Die Plastiken dienten dazu, bei dieser Gelegenheit die Frauen fern zu halten. Ob das durchgehend gelungen ist, weiß ich nicht, aber irgendwie zweifle ich daran.

Und das ist einer von Modiglianis typischen Köpfen, die auch in seinen Bildern unverkennbar sind, mit langen Hälsen und extrem in die Länge gezogenen Gesichtern und Nasen. Die Kunstkritik sagt, dass durch in die Länge gezogene Figuren und Gesichter ein Eindruck von Spititualität erzeugt wird.

Am oben stehenden Bild und auch am unteren Portrait von Max Jacob sieht man eines von Modiglianis Stilmitteln, das mich fasziniert hat: der Katalog spricht von „totem Blick“. Man sieht keine Augäpfel sondern nur leere Augenhöhlen, die farblich ausgefüllt sind, aber in den verschiedenen Gesichtern ganz andere Wirkungen erzielen.

Man sieht hier auch das strahlende Inkarnat, das Modigliani verwendet. Die Hautfarbe ist keineswegs bei allen Portraits gleich, aber sie leuchtet, auch bei den Aktbildern. Bemerkenswert finde ich auch die wenigen Striche, mit denen er seine Gesichter darstellt, eine Spur von Kubismus haben sie meiner Meinung nach.

Ein weiterer Punkt, der mich fasziniert hat, ist die auch farbliche Beziehung zwischen Hintergrund und Figur. Eines der ersten Bilder, die mir in der Ausstellung aufgefallen sind, ist das folgende. Es sah für mich aus als wäre das Gesicht nur durch ein paar wenige Striche entstanden, die es aus dem Hintergrund herausheben. Die Idee, dass die Substanz des Hintergrunds und jene der Figur sich nicht unterscheiden, hat mich fasziniert. Auch die paar schwarzen Striche im Hintergrund, die das Gesicht halten, waren mir vertraut.

Amadeo Modigliani ist sehr jung, mit gerade 35 Jahren gestorben. Wir werden nicht erfahren, wie sich seine Kunst weiter entwickelt hätte ….