la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


17 Kommentare

ABC-Etüden – zurück zu den Wurzeln

Die ABC-Etüden bei Christiane

Die drei Wörter in einem Text von 300 Wörtern unterzubringen

„Ich bin an der ganzen Sache völlig unschuldig“ rief er pathetisch aus und schlug sich an die Brust. „In dieser staubtrockenen Provinz voll von religiösen Fanatikern …….. “

„… und obendrein mit dir als Präfekten kann Tiberius sich wahrhaftig beglückwünschen, sagte Claudia mit der schneidenden Stimme, die sie immer nur hervorholte wenn sie mit ihrem Mann allein war.

„Ich hätte mir die Ehre einer Ehe mit einer Kaiserstochter auch anders vorgestellt“ murmelte Pontius ziemlich laut.

Zu diesem Zeitpunkt begannen die Bediensteten sich aus der Schusslinie zurückzuziehen. Sie hatten dabei eine gewisse Routine entwickelt: der Koch verschwand in Richtung Markt, der Gärtner, ein visionärer Mensch, träumte von Tulpenzwiebeln und Claudias persönliche Sklavinnen hatten dringend am anderen Ende des Hauses zu tun. Nur der Lieblingsarchitekt des Hausherrn war unersetzbar und konnte es sich  daher erlauben vom Nebenraum aus die Streitereien mit anzuhören. Manchmal fand er sie durchaus kurzweilig, manchmal hörte er nur mit um seinen sonstigen Auftraggebern zu berichten, welche Themen im Hause des Präfekten gerade aktuell waren.

„Einen verurteilten Mörder freizulassen, quasi als Vorbild für die Jugend und dafür einen unbedeutenden, friedlichen Wanderprediger hinzurichten und dadurch zum Helden zu machen. Zwei derartige politische Glanzleistungen gleichzeitig hat noch keiner zuwege gebracht.“ Er hasste diese glasklare Stimme und nachdem ihm keine irgendwie passende Erwiderung zum ersten Vorwurf einfiel, konzentrierte er sich auf den zweiten und versuchte seine übliche Strategie des Leugnens und Vernebelns anzuwenden „Du hast die Zusammenhänge einfach nicht begriffen“ Er bemühte sich, wenn auch erfolglos, eine gehörige Dosis männlicher, geistiger Überlegenheit in seine Stimme zu legen. „Das Problem ist gelöst, der Prediger ist tot und wie lästig seine Anhänger auch noch eine Weile sein mögen, es wird wohl keiner auf die Idee kommen zu behaupten, dass ihr Anführer von den Toten auferstanden ist.“

Doch hier wie in anderen Fragen irrte Pontius Pilatus.

Werbeanzeigen


23 Kommentare

Umfärbung – ABC-Etüden

Die ABC-Etüden bei Christiane

Es soll ein Text entstehen mit einer Länge von  maximal 300 Wörtern, in dem die 3 vorgegebenen Wörter vorkommen.

Die Art des Textes kann frei gewählt werden. 

Schäbige Tische, Holzbänke und Thonet- Sessel, plüschige Vorhänge, der mit „Herr Ober“ zu betitelnde Kellner in einem auch etwas abgewetzten schwarzen Anzug, die Stimmung aber voller Funken des Geistes. Zwar fehlten heute die Maler; weder Klimt noch Kokoschka und schon gar nicht Schiele waren erschienen. Aber Sigmund Freud und Theodor Herzl politisierten in einer Ecke, die von einer prächtigen Pflanze abgeschirmt wurde. Friedrich Torberg unterhielt sich mit einer älteren Dame, die ich auf den ersten Blick für die Tante Jolesch hielt, was ja wohl nicht sein konnte. Beide bissen gelegentlich in die vor ihnen stehenden Torten, wobei die Tante Jolesch, die ja nicht die Tante Jolesch sein konnte, dreinsah als wäre das Tortenstück verdorben. Vielleicht dachte sie an ihr berühmtes Schinkenfleckerl – Rezept. Auch Arthur Schnitzler befand sich in Damengesellschaft, in zahlreicher Damengesellschaft. Sie saßen alle um ihn herum und erweckten den Eindruck irgendetwas Wichtiges von ihm zu wollen, das er aber nicht bereit war zu geben.

Dann wurde mir aber endgültig klar, dass es sich hier nicht um reales Leben handeln konnte, denn Karl Kraus und Helmuth Qualtinger standen in einer verrauchten Ecke und rezitierten abwechselnd Passagen aus „die letzten Tage der Menschheit“.

Szenenwechsel.

Nun war das Café von einer großen Gruppe von Burschenschaftern bevölkert, die Ger– mania, mit Narben im Gesicht, mittelalterlicher Kleidung  und bunten Kappen mit Bändern auf den Köpfen. Sie brauchten keine Liederbücher, sie beherrschten alle ihre Lieder textsicher, auch das über die siebte Million.

Die Stimmung hatte sich völlig verändert, jede Spur von Humor und Lebensfreude, von Klugheit und Talent hatte sich in den Nebel der Geschichte zurückgezogen. Es wurde gesoffen, gegrölt, gekämpft und es wurden die Zeiten der totalen Machtübernahme in Europa heraufbeschworen.

Leider kein Szenenwechsel, sie sind noch immer da, zahlreich und geschäftig.


31 Kommentare

Eine deutsche Karriere

Monatelang habe ich an dem Buch gelesen, in winzigen Portionen, weil mir der beschriebene Mensch gar so zuwider war mit seiner ungebremsten Gier, seiner gnadenlosen Biederkeit, seinem skrupellosen, mörderischen Geltungsdrang und schließlich mit der beispiellos erfolgreichen Verlogenheits- und Verstellungstaktik mit der er als einziger bedeutender Nazi bei den Nürnberger Prozessen im wahrsten Sinn des Wortes seinen Kopf aus der Schlinge gezogen hat.

Auf ca 600 Seiten Text und ca 300 Seiten Quellen- und Literaturverzeichnis wird Albert Speer in allen seinen Facetten beschrieben. Magnus Brechtken hat eine minutiös recherchierte Biographie geschrieben, für Nicht-Historiker*innen bzw Leser*innen, die nicht bis ins kleinste Detail an der Person interessiert sind, vielleicht etwas zu minutiös. Ich zumindest habe vieles überblättert und dennoch eine massive Albert-Speer-Dosis abbekommen.

Zu den Qualitäten dieser Biographie zählt auch die zusammenfassende Einleitung:

„Albert Speer ist vermutlich, der am häufigsten zitierte Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts. Ein engagierter Nationalsozialist, Unterstützer Hitlers, Architekturmanager, Kriegslogistiker, Rüstungsorganisator, Mitbetreiber der NS-Rassenpolitik, eine Zentralfigur des Eroberungs- und Vernichtungskrieges: das ist der reale Albert Speer bis 1945.

In der Nachkriegszeit hat sich ein anders Bild von ihm verbreitet. Hier erscheint Speer meist als verführter Bürger, unpolitischer Technokrat, als fleißiger Fachmann, der vor allem seine Arbeit im Sinn hatte und dabei wenig wahrgenommen haben wollte, von den Verbrechen, die sich um ihn herum ereigneten, während er in Wahrheit mit der SS paktierte, Zwangsarbeiter in den Tod trieb und europaweit die Kriegsrüstung organisierte. Allenfalls dunkle Ahnungen habe er gehabt von dem, was doch vor seinen Augen und nicht selten auf seine direkte Initiative hin geschah.

Es war die Legende vom unwissend-arglosen Bürger Albert Speer auf der schuldfreien Seite der Geschichte. Auf der anderen standen die ungehobelten Parteimänner mit ihrem lauten Benehmen und den groben Visagen. Das waren „die Nazis“. Irgendwie war er in deren Nähe geraten.

(…)

Nach dem Einsatz für den Nationalsozialismus und der Täterschaft als Verbrecher strebte Speer die Interpretationsherrschaft über die Geschichte an um alles, was er getan hatte, umerzählen, vernebeln, in ablenkenden Fabeln auflösen zu können. In beiden Rollen war Speer ebenso energisch wie erfolgreich.

Gerade deshalb ist Speers Karriere exemplarisch, eine deutsche Karriere im 20. Jahrhundert, die bis in die höchsten Sphären der Macht führte, an die Schalthebel einer europäischen Kriegsmaschinereie mit Millionen Arbeitern und Soldaten und einem Arsenal von Waffen, wie sie in der Weltgeschichte zuvor nicht eingesetzt worden waren. Speer sorgte für die Verlängerung des Kriegs um Jahre, opferte dabei unzählige Menschen, um den Sieg des Nationalsozialismus zu erreichen und sah sich in der Endphase des Kriegs sogar ernsthaft als möglichen Nachfolger Hitlers.

(…)

Nimmt man die nationalsozialistische Herrschaft als Ganzes in den Blick und befreit man sich von der Täuschung, dass „die Nazis“ etwas „Fremdes“ waren, eine mysteriöse Macht, die das Land im Jänner 1933 irgendwie von außen überwältigte und im Mai 1945 wieder verschwand, wird klar, Albert Speer war einer von zahllosen Deutschen, die Nationalsozialisten sein wollten, die ihr Leben und ihr Streben danach ausrichteten. Sie wollten Hitler und damit auch sich selbst zur Macht verhelfen. Speer ragte heraus und ist doch zugleich exemplarisch für all jene, die sich mit ähnlichen, wenngleich bescheideneren Ambitionen so wie er für den Nationalsozialismus engagierten, ihn trugen und gestalteten.

nach Magnus Brechtken „Albert Speer, eine deutsche Karriere“ Siedler Verlag, München: 2017. p. 9, 10


16 Kommentare

Novembergedanken

Diese Tage sind so geschichtsträchtig, jeder Stein, jede Wand scheint ihre Erinnerungen abzustrahlen, verstärkt durch die unbewegliche Düsterheit des Wetters. Noch nie habe ich das so intensiv erlebt wie in diesem Jahr. Die menschlichen Abgründe erscheinen bodenlos und meine Gedanken darüber, wie ich selbst mich wohl verhalten hätte, kreisen in einer Endlosschleife, die sich nicht auflösen lässt. Wohl gab es Menschen, die sich menschlich verhalten haben, die ihre Überzeugungen nicht der Angst geopfert haben, selbst in Gefahr zu geraten, quer durch alle Gesellschaftsschichten hindurch gab es sie. Aber es waren so wenige, so wenige im Vergleich zu jenen, die entweder feige oder auch völlig verführt, verblendet und verroht waren.

Ich war nur einmal in Israel, im Februar 2000 und natürlich haben wir Yad Vashem besucht. Warum tut man sich das an? Aus Interesse oder doch aus einem diffusen Sippen-Schuldgefühl heraus? Es war genauso schrecklich, wie ich es mir vorgestellt hatte, wie es sich wohl alle Mitglieder der Reisegruppe vorgestellt hatten. Wir waren, ich weiß nicht mehr genau, zehn, zwölf Leute und ausnahmslos alle waren mit großen Sonnenbrillen erschienen. Als ließen sich die heftigen Emotionen, die an einem solchen Ort unweigerlich entstehen hinter Sonnenbrillen verbergen. Einmal ganz abgesehen davon, dass es gar nicht verständlich ist, warum man sie verbergen möchte. Welche Österreicher, welche Deutschen könnten sich ungerührt an so einem Ort aufhalten, wo immer die Möglichkeit besteht, die eigenen Väter, Großväter, Brüder, Onkel, Cousins als Schlächter auf irgendeinem Foto wiederzufinden, die Orte an denen man lebt, als Orte eines Massakers, eines Pogroms, eines Mordes oder der massiven Erniedrigung von Menschen zu entdecken. Wer da nicht weint …

Zwei Dinge sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Ein kleines Gebäude. Man geht hinein, es ist völlig finster und es werden die Namen ermordeter Kinder vorgelesen in einer endlosen Abfolge; es scheint als wäre die halbe Welt schon im Kindesalter ermordet worden, man taumelt wieder hinaus, ans Licht. Persönlich sehr berührt haben mich auch einige ganz andere Ausstellungsstücke; vergilbte Hefte, in denen die ersten Schreibversuche in hebräischer Schrift von nach Israel  Eingewanderten zu sehen sind. Viele Menschen, die sich von ihrer Herkunft her als Juden fühlen, sind ja gar nicht religiös. Damals wie heute. Ich kenne einige solche „jüdische Atheisten“, die sich alle mit der Frage auseinandersetzen, was denn  jüdische Identität ausmacht. Allerdings ist mir noch niemand begegnet, der/die seine Zugehörigkeit zum Judentum prinzipiell in Frage gestellt hätte. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der europäischen Intelligenz wurde ihrer Heimat, ihrer Menschenrechte, ihrer Sprache und Schrift beraubt und musste ganz von vorne beginnen: sie mussten eine für viele völlig neue Sprache und Schrift lernen.


18 Kommentare

Donnerstag 8.11.18

Hochnebel seit Tagen. Das Kopfsteinpflaster im Stadtzentrum ist großteils noch dasselbe wie vor 100 Jahren, als die Kutschen darüberrumpelten und plötzlich zu Feinden und Unmenschen deklarierte Mitbürger es reinigen sollten mit ungeeigneten Werkzeugen, auf Knien, umgeben von Menschen, die aufs Menschsein vergessen hatten. Wegen der Armut, wegen des Neids, wegen der Verhetzung ……… hoffentlich. So viele Ereignisse, so viele mögliche Gedenktage. Morgen jährt sich das Novemberpogrom, das bis vor wenigen Jahren, bei manchen noch immer „Reichskristallnacht“ hieß. Besonders brutal sei es in dieser Nacht in Wien zugegangen. Das wundert mich nicht, bei der Hinterhältigkeit gehören wir zu den besten weltweit, bei der Zivilcourage eher nicht.

In Österreich wird heuer 100 Jahre Republik gefeiert. Dazwischen schieben sich die Gedenktage für Ereignisse aus der Zeit als die Republik auf Eis lag, vorübergehend abgeschafft, als sie noch ganz jung und unerfahren war und nicht in der Lage sich zu wehren.

Insgesamt grau in grau. Wie wird man ein guter Mensch, wie ein schlechter? Wie kann jemand gleichzeitig KZ-Wärterin und liebevolle Mutter sein? Wie können junge Menschen 2018 den gleichen menschenverachtenden Schwachsinn glauben wie 1938? Wie können andere solche Entwicklungen leugnen? Es stellen sich Fragen, die tief ins Menschsein hineinreichen. Antworten gibt es nicht viele und die wenigen sind meist ideologisch gefärbt, von allen Seiten.

Mein persönliches ano horribilis setzt sich auch fort, aber es ist noch zu jung für eventuelle Gedenktage.