Schlagwort: Geschichte –

Ein weiteres Frauenbild – Impulswerkstatt

Ein weiteres Frauenbild aus sehr alten Zeiten. Sie ist nicht die einzige dieser Art Statuetten aus dem Neolithikum, die man gefunden hat. Ob sie eine bestimmte Göttin, ein Ideal, ein weibliches Prinzip oder etwas ganz anderes darstellt, können die Archäologen nur vermuten. Jedenfalls stellt sie eindeutig eine Frau dar, deren Abbildung vor 29.500 Jahren irgendeine Funktion hatte.

Das Gravettien ist die wichtigste archäologische Kultur des mittleren Jungpaläolithikums in Europa. Jäger und Sammler des Gravettiens haben ihre Spuren vom heutigen Spanien bis zur heutigen Ukraine hinterlassen. Das Gravettien dauerte etwa von 32.000 bis 24.000 v. Chr.

Das Ur-Smiley ?

Die Himmelsscheibe von Nebra ist eine kreisförmige Bronzeplatte mit Applikationen aus Gold, die als die älteste bisher bekannte konkrete Himmelsdarstellung gilt. Ihr Alter wird auf 3700 bis 4100 Jahre geschätzt. Das Artefakt der Aunjetitzer Kultur aus der frühen Bronzezeit Mitteleuropas zeigt astronomische Phänomene und religiöse Symbole.

Längere Zeit nach der Entstehung eingearbeitete Gold-Tauschierungen und die vermutlich bewusste Vergrabung vor etwa 3600 Jahren lassen den Schluss auf einen längeren, möglicherweise religiösen Gebrauch zu. Seit Juni 2013 gehört die Himmelsscheibe von Nebra zum UNESCO-Weltdokumentenerbe in Deutschland.

Gefunden wurde sie am 4. Juli 1999 von Raubgräbern auf dem Mittelberg in der damaligen Gemeinde Ziegelroda nahe der Stadt Nebra in Sachsen-Anhalt. Seit 2002 gehört sie zum Bestand des Landesmuseums für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt in Halle.
WIKIPEDIA – 4.2.23

Urzeitlich jung

Im Haus des Meeres war ich heute, einer der drei Wiener Tiergärten, der aus einem Flak-Turm aus dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Das Gebäude wurde völlig renoviert, die alte Bausubstanz in Glas eingehüllt. Jede Menge Aquarien und Terrarien samt Bewohnern in verschiedenen Klimazonen. Viele der Tiere gehen, hüpfen, fliegen frei herum und man wird vor „Glückstreffern“ gewarnt, die eventuell von oben kommen könnten.

Die alten Luftschutzkeller wurden erhalten und können besichtigt werden. Wäre ich mit dem F dort gewesen, hätten wir sie uns wahrscheinlich angesehen. Meine heutige Begleitung wollte aber nicht hinunter. Ich fand es auch recht erstaunlich, dass viele der zahlreichen ukrainischen Familien, die da heute unterwegs waren in die Luftschutzkeller hinunter gingen. Vielleicht war ihnen nicht klar, was es zu sehen gab.

Ich finde die Renovierung sehr gelungen, aber mir fehlt der Schriftzug auf dem Flakturm, der mich jedesmal wenn ich ihn gesehen habe aufs Neue berührt und beeindruckt hat.

Er gehörte zu den bekanntesten künstlerischen Schriftzugen Wiens: „Smashed to Pieces (in the still of the night)“ des Künstlers Lawrence Weiner. Seit 1991 war diese Wortskulptur – ein Mahnmal gegen den Faschismus – auf dem Flakturm in Mariahilf zu sehen, in dem das Haus des Meeres untergebracht ist.

Nun ist, wie der „Standard“ berichtet, eine Nachahmung dieses bekannten Schriftzugs, der Ende April am Dach des Haus des Meeres übermalt worden war, wieder aufgetaucht  – und zwar auf einem anderen Flakturm: Jenem im Arenbergpark. Wer für diese Guerilla-Aktion verantwortlich ist, ist ebenso ungeklärt wie die Frage, wie der oder die Aktionisten den – an sich gesperrten- Flakturm überhaupt betreten konnten.

Das ist eine Guerilla-Aktion, die mir sehr gefällt und ich hoffe, dass man die „Schuldigen“ nicht findet. Inzwischen hat sich eine andere Lösung gefunden, aber es ist einfach nicht dasselbe.

Schwarz – Gelb

Ich staune immer wieder darüber, dass es noch Monarchisten gibt. Hier ein Kranz in der Kapuzinergruft, der Begräbnisstätte der Habsburger. Er liegt nicht bei einem bestimmten Sarg sondern ist offenbar der gesamten Linie gewidmet. Die heutigen Monarchisten stellen den Vielvölker-Aspekt der habsburgischen Monarchie in den Mittelpunkt ihres Internet-Auftritts. Besprochen wird ein Vortrag von einem Dr. Habsburg-Lothringen, der als Erzherzog von Österreich bezeichnet wird. Das ist illegal. In Zeiten, in denen massive Aktivitäten von Reichsbürgern ans Licht der Öffentlichkeit gekommen sind, wird man bei solchen Details hellhörig.

Mittwoch 9. November 2022

Zur Erinnerung

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Paul Celan

Todesfuge

Bitte nicht „Reichskristallnacht“

Im großen und ganzen bin ich keine Verfechterin sogenannter politischer Korrektheit in der Sprache, aber natürlich gibt es da auch Ausnahmen. Morgen ist der 9.November, Jahrestag eines Ereignisses, das immer noch von manchen als „Reichskristallnacht“ bezeichnet wird, im reinsten Nazi-Sprech. Wahrscheinlich ist den meisten gar nicht bewusst,was diese Bezeichnung bedeutet und wo sie herkommt. Es gibt auch Menschen, die bis heute den unsäglichen Ausdruck „bis zur Vergasung“ verwenden. Da frage ich mich schon, ob es glaubhaft ist, dass jemand sich bei dem Ausdruck nichts denkt. Dass man nicht weiß, dass „jedem das Seine“ die Aufschrift am Tor des KZ Buchenwald war, finde ich dagegen verständlich, es handelt sich ja auch um einen viel allgemeiner verwendbaren Ausdruck.

Dabei wurden zwischen dem 7. und 13. November im ganzen Reichsgebiet mehrere hundert Juden ermordet, mindestens 300 nahmen sich das Leben. Um die 1400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume jüdischer Menschen sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden gestürmt und zerstört. Ab dem 10. November folgten Deportationen jüdischer Menschen in Konzentrationslager. Mindestens 30.000 Menschen wurden dabei interniert, Hunderte starben an den Folgen der mörderischen Haftbedingungen oder wurden hingerichtet.
Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden ab 1933 hin zu ihrer systematischen Vertreibung und Unterdrückung. Inwieweit sie eine Vorstufe zu dem drei Jahre später beginnenden Holocaust, der Vernichtung allen jüdischen Lebens, darstellen, ist in der Geschichtswissenschaft umstritten.
Die lange im deutschsprachigen Raum verbreitete zynische und euphemistische Bezeichnung (Reichs-) Kristallnacht (benannt nach den Scherben zerstörter Fensterscheiben) wurde auch in andere Sprachen übernommen.

zitiert nach Wikipedia. 7.11.2022 um 22:30

Energie aus der Höhe

Zuerst fuhren wir in den elften Stock eines Parkhauses und stellten dort das Auto ab. Dann ein Stück zufuß, Bus Nummer 1, Ein offener Lift um eine Steilwand hinaufzukommen, dann noch ein Bus und man ist beim oberen Stausee des Kraftwerks Kaprun. Es handelt sich um ein Wasserkraftwerk mit zwei gewaltigen Staumauern, eine davon auf über 2000 Metern

Die obere Staumauer
Blick auf die untere Staumauer und den dazugehörigen Stausee

Es ist eine gewaltige Anlage, die nicht nur aus zwei Stauseen besteht sondern auch aus zahlreichen unterirdischen Verbindungen, die durch die Berge gebaut wurden. Schon jetzt erzeugt es eine Menge Strom soll aber noch weiter ausgebaut werden.

Wir mussten da unbedingt hinauf, denn ich bin ja mit einem studierten Wasserbauingenieur unterwegs. Aber, ich muss schon sagen, ich bin sehr beeindruckt! Die Landschaft ist gewaltig, die Seen, die Berge, die Gletscher und diese Leistung der Ingenieurskunst. Ich kann ja sonst auf Berge durchaus verzichten, aber diesem Eindruck konnte ich mich nicht verschließen.

Wie es aber nun so ist in österreichischen Landen und sicher auch in deutschen, wo man hinkommt stolpert man über neuere Geschichte von der beschämenden Art.

Der Bau wurde mitten im 2. Weltkrieg, im Jahr 1940 begonnen. Nachdem die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter nach Ende des Krieges nicht mehr zur Verfügung standen, sprang der Marshallplan ein. Kann man das nun geschickt finden oder moralisch verwerflich ? Ich weiß es nicht. Tatsache ist, dass das beeindruckende Werk fertig gebaut wurde und heute einen wichtigen Beitrag zur Energiegewinnung leistet.

Auf dem Gelände bei der oberen Staumauer steht auch noch ein seltsames Bauwerk „Heidnische Kirche“ genannt. Das Bauwerk ist eindrucksvoll, auf der Tafel fällt allerdings auf, dass die Toten erst ab 1947 gezählt werden, obwohl die Bauarbeiten 1940 begonnen wurden.

Heidnische Kirche

Ich halte nichts von Sippenhaft und es ist auch nicht so, dass es mir lieber wäre, wenn es dieses Kraftwerk nicht gäbe, ganz im Gegenteil, so wie die Zeiten sind. Trotzdem …

Ein Schritt neben dem Weg

Auf der Flucht vor den Touristenmassen am Graben und am Kohlmarkt gingen wir über den Hof zum Judenplatz. Dort steht das Mahnmal für die geschätzt 65.000 vom Nazi-Regime ermordeten österreichischen Juden. Hier war es nicht ganz leer, aber kein Vergleich…

Das Mahnmal ist ein Werk der britischen Künstlerin Rachel Whiteread und wurde im Jahr 2000 enthüllt. Es ist insofern bemerkenswert als sich unter dem Mahnmal die Ruinen einer 1420 niedergebrannten mittelalterlichen Synagoge befinden, die besichtigt werden können.

Rein optisch gefällt mir das Werk nicht besonders, aber die Symbolik finde ich doch eindrucksvoll: die Außenflächen des Baus sind nach außen gewendete Bibliothekswände. Die darin stehenden Bücher stellen zahlreiche Exemplare ein und desselben Buchs dar, die für die Opfer und ihre Lebensgeschichte stehen. Die Flügeltüren sind nicht nur geschlossen, sie haben auch keine Türklinken. Vorne auf dem Sockel gedenkt eine Inschrift der österreichischen Opfer der Shoah, auf den anderen drei Seiten sind die Namen der KZs eingraviert, in denen diese Menschen ermordet wurden.

Auf der anderen Seite des Platzes steht eine Lessing-Statue, die zum Mahnmal hinsieht. Das Lokal dahinter, das auf Fotos unweigerlich zu sehen ist heißt „Bierparadies“. Auch Kulinarik ist vertreten. In einer Nebengasse mit Blick auf den Platz haben wir sehr gute tapas gegessen. Leben, Tod, Literatur, Tragödie und Genuss vereint …

Awarische Goldschmiedekunst

Die Ausstellung über die nomadischen Reitervölker war zwar bestenfalls so so la la , aber ein paar schöne Stücke gab es doch zu sehen. Darunter Schmuckstücke von den Awaren, einem Volk das völlig verschwunden ist bzw sesshaft geworden und in der einheimischen Bevölkerung aufgegangen ist.

Nochmals Melk

Eine gute Erklärung für den Prunk, der in Melk und vielen anderen Klöstern betrieben wurde, ist die Monarchie. Die Monarchen und Monarchinnen wurden schließlich als von Gott eingesetzt betrachtet und so war auch außerhalb des sakralen Bereichs Prunk zu ihrer Ehre angesagt. Ein Satz von Maria Theresia wird in Melk gleich am Eingang der Austellungsräume prominent gezeigt, man kann nicht daran vorbeigehen.

Ein wunderbarer Treppenwitz der Geschichte ist, dass ihr ältester Sohn und Nachfolger, Josef II alle kontemplativen Klöster schließen ließ und auch allen anderen strenge Vorgaben machte. Im Gegensatz zu seiner konservativen Mutter war er ein aufgeklärter Herrscher, der viele Reformen wie die Abschaffung der Leibeigenschaft und das Toleranzpatent für Protestanten und Juden einführte.

Stefanskrone, die zweite

Nun denn liebe Interessierte, hier ist sie nochmals die Stephanskrone mit etwas mehr Information.

Die Krone besteht aus zwei Teilen, von denen einer, die beiden sich überkreuzenden Bügel, nicht gesichert datiert werden kann. Die Spezialisten gehen davon aus, dass die beiden Teile der Krone um 1185 zusammengefügt wurden.Diese Krone hat somit nichts mit dem in Ungarn sehr verehrten König Stephan I (969-1038) zu tun. Dennoch wird sie im ungarischen Parlament als wichtigste Reichsinsignie aufbewahrt und geschätzt.

Das Original der Krone, das Papst Silvester II im Jahr 1000 dem zuvor zum Christentum übergetretenen König Stephan I von Ungarn zu dessen Krönung schenkte, ist um das Jahr 1047 irgendwo in Österreich verschollen. So ist es bei uns immer schon zugegangen.

Dafür warum das Kreuz auf der Krone seitwärts schief ist, habe ich drei mögliche Erklärungen gefunden. Die einfachste und am wenigsten phantasieanregende ist, dass es sich um eine Beschädigung handelt, zu dem Zeitpunkt als die Krone in Zeiten politischer Wirren über weite Strecken transportiert wurde.
Die zweite Theorie besagt, dass das Kreuz von den Habsburgern verbogen wurde, weil sie die „magischen Kräfte“ der Ungarn, die auf dieses Kreuz bzw diese Krone zurückgeführt wurden, brechen wollten. Das kommt mir ziemlich glaubwürdig vor, egal ob sie an diese magischen Kräfte selbst glaubten oder nur davon ausgingen, dass die Ungarn es taten.
Die dritte Theorie schließlich besagt, dass die Schieflage des Kreuzes eine Verneigung vor Gott darstellt. Das kommt mir auch nicht besonders wahrscheinlich vor, aber theologische Theorien sind ja nicht immer ohne weiteres nachvollziehbar.

Ich danke euch fürs Nachfragen, dadurch habe ich mich ein bisschen über ungarische Geschichte informiert.

Kinder des Krieges

Es geht nicht um die Ukraine. Es geht um den Zweiten Weltkrieg und Kinderschicksale aus dieser Zeit. Ich habe eine dreiteilige Artikelreihe zum Thema gelesen, von der Historikerin Maria Krell, die die Geschichte von Kriegskindern unter anderem anhand von Tagebucheintragungen und Aufsätzen von Kindern untersucht hat. Ich fasse die drei Artikel kurz zusammen. Der Inhalt ist schwer zu ertragen.

Es sind über 1200 Wörter geworden. Man verzeihe mir Rechtschreib- und Beistrichfehler sowie das schwache Layout. Ich habe kaum mehr darauf geachtet, weil mich der Inhalt ziemlich mitgenommen hat.


Der erste Teil der Artikelreihe trägt den Titel „Interniert, ausgehungert, ermordet“ und befasst sich mit Leben, Überleben und Tod von Kindern in Gettos und Konzentrationslagern, auch in belagerten Städten. Ich lasse die Autorin sprechen bzw die von ihr zitierten Tagebucheintragungen oder Aufsätze von Kindern.

Der damals 13-jährige Zanwel Krigman, der im Warschauer Ghetto lebte, schrieb 1942 in einem Aufsatz zum Thema „Wie es unserer Familie erging“ :

„Einmal wollte mir ein Gendarm den Proviant wegnehmen und fragte mich, was ich vorziehe: 30 Schläge oder das Geschmuggelte hergeben. Ich antwortete, die 30 Schläge – er ließ mich frei.“ Zanwel sorgte für seine Mutter, bis sie „im März 1942 vor Hunger“ starb. „Und dieser Hunger in Warschau, und der Übergang auf „die andere Seite“, immer diese Schüsse, die Junaken, die Deutschen, Angst gab es genug „ (1. Teil S 47)

Aus dem Getto Theresienstadt ist eine Zeichnung von einem Mädchen namens Ilona Wissowa erhalten. Sie malte auf, was wohl ihr sehnlichster Wunsch war. Im Bild hat sie sich zwischen allerlei Lebensmitteln platziert. Gabeln stecken in gebratenem Fisch, in Schwein und Huhn, es gibt Kuchen und Kakao. Hinter der 11-jährigen steht ein Schild mit der Beschriftung „Märchenland. Eintritt 1 Krone“ (1.Teil S47)

Verstörend ist auch der Bericht darüber, was die Kinder in den KZs spielten. Beim Spiel „Bestrafungsaktion“ etwa wollten die am Spiel teilnehmenden Kinder immer am liebsten der NS-Offizier sein.

„Schätzungen zufolge wurden etwa 232.000 Kinder und Jugendliche nach Auschwitz-Birkenau deportiert, etwas mehr als 23.500 wurden im Lager registriert. Als sowjetische Soldaten das Lager befreiten, fanden sie noch 700 Kinder und Jugendhäftlinge vor, 500 davon jünger als 15 Jahre“ (1. Teil S 48)

„Die Belagerung von Leningrad, dem heutigen St. Petersburg (…) gehört zu den furchtbarsten Kriegsverbrechen der Wehrmacht. Von 1941 bis 1944 , 872 Tage lang belagerte das deutsche Heer die Stadt. Dabei kamen mehr als eine Million Menschen ums Leben. Wenige der 400.000 Kinder wurden rechtzeitig aus der Stadt evakuiert, ebenfalls nur wenigen gelang die Flucht aus der Belagerung. Die Notlage war derart immens, dass in den mehr als zwei Jahren eine Lebensmittelration 125 Gramm Brot am Tag pro Person betrug. (…)

Am 27.Januar 1944 endete die Blockade von Leningrad. Die elfjährige Tatjana Sawitschewa überlebte die Befreiung der Stadt nur wenige Monate, bevor sie an den Folgen des Hungers starb. Ihr kurzes Tagebuch gilt heute als Mahnmal für die Belagerung (…) Darin schrieb das Mädchen:

Schenja starb am 28 Dezember um 12 Uhr Vormittags, 1941. Oma starb am 25. Jänner, 3 Uhr Nachmittags, 1942. Ljoscha starb am 17. März um 5 Uhr morgens, 1942. Onkel Wasja starb am 13. April um 2 Uhr nach Mitternacht, 1942. Mutter am 13. Mai um 7:30 morgens, 1942. Die Sawitschews sind tot. Alle sind tot. Nur Tanja ist übrig geblieben“ (Erster Teil S 49)

Der zweite Artikel ist mit „Auf der Flucht“ überschrieben und legt wieder den Schwerpunkt auf das Schicksal von Kindern.

„Flucht bestimmte auch das Leben zahlreicher Menschen in der späten Kriegsphase. Seit Herbst 1944 versuchten sie, aus Ostpreußen, Schlesien, Pommern und der Neumark Brandenburg vor der heranrückenden russischen Armee in Richtung Westen zu entkommen. Darunter jede Menge Kinder, die sich im Winter bis ins Baltikum durchschlugen. „Wolfskinder“ nannte man sie, weil sie einige Zeit ohne menschliche Fürsorge blieben und sich von der Gesellschaft entfremdeten. Derartige Eindrücke traumatisierten eine ganze Generation, die während des Zweiten Weltkrieges Kinder und Jugendliche waren.“ (2. Teil S 77)

Das Trauma ließ die Kinder emotional erstarren. So schilderten Beobachter, dass Kinder, die nach Kriegsende zur Erholung an die Nordsee und in andere Gegenden verschickt wurden, an sich tot stellende Tiere erinnerten. Ihre Erfahrungen würden die Kleinen sachlich, emotionslos und knapp schildern. Ihre Gesichter blieben dabei unbewegt. Die Kalendernotizen einer 17-jährigen Berlinerin bestätigen die Nachkriegsberichte. Am 30. April 1945 notierte das Mädchen “ Die Russen sind da. Nachts Vergewaltigungen. Ich nicht, Mutti, ja“ ( 2. Teil S.78)

Waisenkinder mussten am Kriegsende oft komplett auf sich allein gestellt zurechtkommen. Sie flohen nach der Eroberung Ostpreußens durch die Rote Armee auf eigene Faust in Richtung Litauen (…) von den Höfen verjagt, schliefen die Kinder mal in Schuppen und Ställen, mal im Unterholz. In den Wäldern ernährten sie sich von Baumrinden, Gras und Fröschen. Als sie schließlich 1946 barfuß Litauen erreichten, hatten sie bereits viele ihrer Altersgenossen sterben sehen.
Schätzungsweise irrten etwa 25.000 Kinder alleine durch die Sümpfe und Wälder Litauens und Ostpreußens.
Die „Vokietukai“ , die „kleinen Deutschen“hatten in den Wirren des Krieges nicht nur ihr Zuhause und ihre Familie, sondern ebenso ihre Identität verloren. (…) Die Wolfskinder durften kein Deutsch sprechen, Erinnerungsstücke wie Fotos oder Briefe wurden verbrannt, selbst die Namen der Kinder wurden geändert. (…) Alles auszulöschen, was zum früheren Leben der Kinder gehörte, geschah zu ihrem Schutz und zu dem ihrer Helfer. Litauen war 1945 Teil der Sowjetunion, die Aufnahme von Feinden, also auch deutschen Kindern, stand unter hoher Strafe. (2. Teil S 81)

Forscher schätzen die Zahl der Waisenkinder zu Kriegsende in Europa auf etwa 13 Millionen. Europa war nach dem Zweiten Weltkrieg eine Nomadenlandschaft (2. Teil S81)

Der dritte Teil der Artikelreihe behandelt unter dem Titel „Hitlers Kindersoldaten“ ein besonders finsteres Thema: die Indoktrinierung der Jugend und wie sie schließlich als Kanonenfutter missbraucht wurde.

„In den prägendsten Lebensjahren verinnerlichte eine ganze Generation nationalsozialistische Parolen und Werte wie Pflichterfüllung oder Gefolgstreue. Sie wuchs im Glauben an Adolf Hitler und die eigene „rassische Überlegenheit“ auf. Und zu einem übersteigerten Pflichtgefühl erzogen, trieb es etliche in den letzten Kriegsmonaten dazu, sich und andere zu opfern. (3. Teil S53)

Die 15-jährige Lieselotte schreibt am 8. November 1943 in ihr Tagebuch „Ist es nicht heilige Verpflichtung weiterzukämpfen, und sollte Deutschland ausgerottet werden, dann wären wir alle gleich tapfer gewesen (…) Und wenn wir alle untergehen sollten, es kommt kein 1918 mehr. Adolf Hitler, ich glaube an dich und den deutschen Sieg.“ (3. Teil S53)

„Mit zunehmender Kriegsdauer und Radikalisierung zeigte sich die volle Widersprüchlichkeit und skrupellose Brutalität des Regimes. Als die Niederlage längst absehbar war, opferte die NS-Führung ausgerechnet jene Menschen, die sie jahrelang als „Zukunft des Volkes“ beschwor. Im 1944 gebildeten Volkssturm wurden alle waffenfähigen Männer zwischen 16 und 60 Jahren für den „Endsieg“ eingezogen.

Hauptmann Otto Hafner erinnert sich später „Es waren Buben, blasse Kindergesichter, die Feldblusen viel zu groß. Ihre dünnen Finger verschwanden unter den langen Ärmeln, die schmalen Gesichter unter den viel zu großen Helmen (…) Ich war sehr betroffen. Sollte ich mit diesen Kindern die Russen angreifen. (3. Teil S.57)

„Von den 15 bis 17-jährigen deutschen Jungen der Jahrgänge 1927 bis 1929 sind fast 60.000 gestorben – sie wurden größtenteils 1944 und 1945 eingezogen. Unter allen Jahrgängen von 1920 bis 1929 waren es mehr als 1,5 Millionen (3. Teil S 57)

Auch Lieselottes Bruder wurde zum Volkssturm eingezogen. Sein wahrscheinlicher Tod bringt die lange begeisterte Nationalsozialistin zu der Einsicht “ So viele, viele Soldaten haben sich gedrückt und sind gekniffen, dazu war Bertel aber viel zu begeistert. Für wen denn? Für Hitler? Für Deutschland? Arme verhetzte Jugend? (3. Teil S 57)

Quelle: Spektrum Geschichte. Maria Krell
6/2021 „interniert, ausgehungert, ermordet“
1/2022 „Auf der Flucht“
2/2022 „Hitlers Kindersoldaten“



Paleodiät beruht auf falschen Vermutungen

Die sogenannte Paleodiät beruht auf der Vorstellung, dass es gesund sein soll, die gleichen Nahrungsmittel zu essen wie die Menschen in der Steinzeit. Lange Zeit herrschte in der Wissenschaft die Meinung vor, dass Menschen in der Steinzeit, vor der Sesshaftwerdung und dem Beginn der Landwirtschaft, keine stärkehältigen Lebensmittel und vor allem kein Getreide aßen und verarbeiteten und sich hauptsächlich von Fleisch ernährten.

Nun haben neuere Forschungen ergeben, dass Menschen schon lange vor Beginn des Ackerbaus neben Getreide, Brei und Bier auch andere stärkehältige Pflanzen konsumierten und sich damit für moderne Begriffe durchaus ausgewogen ernährten. Gemahlenes zu Brei verarbeitetes Getreide für Brei, fein gemahlenes Getreide zum Brotbacken und gegärtes Getreide zum Bierbrauen waren sogar mengenmäßig sehr wichtige Nahrungsmittel

In der etwa 12.000 Jahre alten Fundstelle Göbekli Tepe wurden hunderte Utensilien für die Getreidezubereitung und das Bierbrauen entdeckt. In Shubayqa, einer ausgegrabenen Siedlung in Jordanien, die auf etwa 14.500 Jahre datiert wurde, fand man ebenfalls Spuren von Brot. Noch weiter zurück, an einer 120.000 Jahre alten Herdstelle in Südafrika wurden stärkehaltige Pflanzen gekocht. Belegbar ist dies von vor 120.000 Jahren bis vor 65.000.

Auch bei den Neandertalern aß man nicht nur Fleisch sondern auch Pflanzen. Bei Individuen dieser Menschenart, die vor rund 40.000 bis 46.000 Jahren im heutigen Iran und im heutigen Belgien lebten, fand man im Zahnbelag Mikrofossilien von Pflanzen.

Faszinierend finde ich den Methodenmix mit dem die Archäologen arbeiten. Vom Nachbau gefundener Kochinstrumenten bis zur Betrachtung verkohlter Speisereste im Rasterelektronenmikroskop ist alles dabei.

Diese Erkenntnisse widersprechen dem weit verbreiteten Klischee, unsere Vorfahren hätten ihre Zeit am Lagerfeuer verbracht und dabei nur Mammutsteaks verspeist – Stichwort Paläodiät.. Deren Anhänger fordern, auf Getreide oder Kartoffeln zu verzichten, weil sich unsere Jäger-und-Sammlervorfahren nicht davon ernährt hätten, wir seien demnach evolutionär nicht darauf eingestellt. Doch inzwischen ist klar, dass seit der Altsteinzeit verschiedene Menschenformen, sobald sie das Feuer kontrollieren konnten, auch kohlenhydrathaltige Nahrung zubereiteten und verspeisten. „Die altmodische Vorstellung, Jäger und Sammler hätten keine Stärke gegessen, ist Unsinn“ sagt Archäobotaniker Dorian Fuller. S23

Bleibt nur die – allerdings sehr unerhebliche Frage- zu klären, warum die Anhänger der Paläodiät „Paleodiät“ schreiben.

QUELLE: Andrew Curry „Am Anfang waren Brot, Brei und Bier“ in Spektrum der Wissenschaft – Geschichte. 06/21 S12