la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


14 Kommentare

Nummer 8 der Buchchallenge – Sklaven und Baumwolle

Buch Nr. 8

EIN BUCH, DAS IN EINER VERGANGENEN EPOCHE SPIELT

Wir befinden uns im amerikanischen Bürgerkrieg, in den 1860er Jahren, während des Krieges und danach. Ich hatte eine uralte zerfledderte Version dieses Buch. Zerfleddert, weil ich es öfters gelesen hatte einerseits, und weil es für ein Taschenbuch einfach zu dick war um lange zu überleben. Daher habe ich meine Urversion durch diese hier ersetzt:

Ein Buch, das sehr bekannt wurde, dessen Verfilmung lange Jahre die Liste der meistgesehenen Filme anführte. Ein gut geschriebenes Buch, ein gut recherchiertes Buch. Aber, sowohl in dem Buch als noch mehr in dem Film werden die als Sklaven auf den Feldern und in den Häusern der amerikanischen Südstaaten arbeitenden Afroamerikaner als kindliche, schlichte Gemüter dargestellt, die ihren „Herren“ treu ergeben und mit ihrem Leben sehr zufrieden sind.

Als Europäer konnte man das Buch eventuell lesen, ohne diesen Aspekt der Geschichte zu berücksichtigen. Ich habe es zumindest so gelesen, nicht weil mir nicht klar war, dass das Verhältnis zwischen den Südstaatlern und ihren Sklaven wohl kaum so idyllisch gewesen sein kann, wie hier dargestellt, aber dieser Hintergrund erschien mir für die große, dramatische Geschichte von Scarlett O´Hara und Rhett Butler als unbedeutend. Ob man das als Amerikaner auch so sehen konnte, kann ich nicht beurteilen.

Jedenfalls ist sicher mittlerweile allen klar, dass die Sklaverei in den Südstaaten der USA im neunzehnten Jahrhundert nicht so gelaufen ist, wie in „Im Winde verweht“ dargestellt. Darf man das Buch trotzdem mögen? Doch, darf man, aber die Berücksichtigung der speziellen Sichtweise der Autorin auf den historischen Kontext finde ich schon wichtig.

Auf Christianes Anregung habe ich „Undergroundrailroad“ von Colson Whitehead gelesen.

Ein Buch, das ebenfalls die Zeit der Sklaverei in den USA beschreibt allerdings von einem völlig anderen Gesichtspunkt aus nämlich  anhand der Lebensgeschichte einer von einer Plantage fliehenden Sklavin. Eine Mischung aus brutalstem Realismus und einem genialen surrealen Element, eben der Undergroundrailroad. Dies war die Bezeichnung für ein landesweites Netz von Fluchthelfern für Sklaven, die vom Süden in den Norden flüchten wollten. Die Flüchtenden wurden von den Helfern auf verschiedensten Wegen durchs Land geschleust. Dabei bedienten sie sich als Code der Terminologie der noch ziemlich neuen Technologie der Eisenbahn. Man sprach von Stationen, Zügen und Passagieren.

Colson Whitehead hat daraus ein unterirdisches Eisenbahnsystem gemacht, das in den Felsen gehauen worden sein soll. Er lässt dieses starke Bild sehr vage. Weder erfährt man, wer dieses fantastische System gebaut haben soll noch wie oder wo genau. Aber ich finde das Bild eines unterirdischen Eisenbahnnetzes genial. Die Übergänge zwischen der realistischen Sprache der Erzählung und den surrealen Bildern holpern übrigens nicht im mindesten. Ich hatte anfangs einige Zweifel ob es diese Züge vielleicht nicht doch irgendwie irgendwo gegeben haben könnte. Hat es aber natürlich nicht.

Wann genau die Geschichte spielt, erfährt man nicht; in den 1830er, oder 1840er Jahren, irgendwann vor dem Sezessionskrieg. Die Protagonistin ist die Enkelin einer noch in Afrika aufgewachsenen Frau.

Diese beiden Bücher als Beispiel dafür wie verschieden vergangene Epochen literarisch verarbeitet werden können, je nach Blickwinkel der Autoren

 

Vielen Dank an Ulrike von Blaupause7, von der die Aufgaben für diese Challenge stammen und die auch eine Teilnehmerliste führt


9 Kommentare

Freitag 24. April 20 – Gespenstisch

Zu den Dingen für die ich in den bisher 6 Wochen relativer Isolation Zeit gefunden habe, gehört das Kramen in alten und sehr alten Fotos. Dieses gehört zu den ganz alten: 4 Monate bin ich da alt, ein anderes Jahrtausend.

Es ist ganz erstaunlich um wieviel besser sich die S/W Fotos im Vergleich zu den Farbfotos konservieren. Sehr alte Farbfotos haben – bei mir zumindest – immer einen heftigen Rotstich, die schwarz-weißen sind oft zu dunkel oder zu hell, manche aber ganz passabel. Und die alten Fotos, die von Fotografen zu Beginn des letzten Jahrhunderts gemacht wurden, sind noch sehr gut erhalten. Die gesamte männliche Verwandtschaft in diversen Uniformen …


12 Kommentare

Durch die Jahrhunderte …

Ich mag sie gerne, die Tafeln und Inschriften an Häusern aus denen man Geschichte ablesen kann. Diese Markierung eines unfassbaren Hochwassers im Jahr 1501. Ich erinnere mich an das Hochwasser 2002, bei dem man nicht den Eindruck hatte, dass es noch irgendwie zu überbieten wäre. Ein Irrtum wie man sieht.

Diese Tafel beschwört Bilder von Jubel-Ybbserinnen, die mit irgendwelchen Tüchern winken und wacheln während die Kaiserbraut vorbeigeschifft wird, direkt in ihr Unglück hinein. Warum nur die Frauen und nicht auch die Männer der „allzeit getreuen Stadt Ybbs“ zum Winken angetreten waren, ist – zumindest auf dieser Tafel –  nicht überliefert.


6 Kommentare

Donnerstag 29.8.19 – Hitler im Bunker, Lebensmittel im Müll

„Der Untergang“, ein Film über Hitlers letzte Tage im Bunker in Berlin, im Hintergrund ein heftiges Gewitter über Wien, gewaltige Blitze und Donner. Bruno Ganz beklemmend gut als Adolf Hitler, krank und/oder unter Drogen, mit gelegentlichen jovialen Anklängen. Kein Monster hat nicht auch menschliche Züge. Ich schaffe es ja kaum mir einen Kriegsfilm anzusehen. Ererbtes Trauma. Das Interview mit der Sekretärin, die irgendwie den Auszug aus dem Bunker überlebt hat. Sie sagt, dass sie ihrem jüngeren Ich kaum verzeihen kann. Die Szene in der Frau Goebbels im Einvernehmen mit ihrem Mann die gemeinsamen sechs Kinder tötet, weil sie zu gut für eine post-nationalsozialistische Welt sind. Das Leben ist beim Erfinden perverser Verbrechen der Literatur weit voraus ….

Die Hälfte aller Lebensmittel in Österreich werden weggeworfen, das sind im Schnitt ca 170 Kg pro Kopf und Jahr. Würde man die Babys wegrechnen wären es noch mehr. Einerseits der Überfluss der einen und der Mangel der anderen und andererseits auch der Energieverbrauch für die Erzeugung dieser Lebensmittel, die auf dem Müll landen.

Weitere fröhliche, erbauliche Details erspare ich mir. Schließlich führe ich einen Großteils-Tralala-Blog.


10 Kommentare

Etüdensommerpausenintermezzo #2

 

Christiane hat immer gute Ideen, so auch diese mit dem Hervorkramen einer oder mehrerer Lieblings-ABC-Etüden. Ich habe in meinen Etüdentexten gewühlt und festgestellt, dass ich mich an viele selbst kaum erinnern kann und so werde ich hier mehrere Lieblingsetüden wieder ans Licht bringen.

Hier ist Nr.2.

Yersinia P

Rote Seide, blauer und gelber Samt, Drehungen und Verbeugungen. Die Männer in grün-weißem Leinen, violettem Leder, Balzsprünge, Choreografie der Lust. Fledermaus-Ärmel, Schleppen, Schleier, Schärpen, Schleifen. Kreiselnde, wirbelnde Bewegungen. Plötzlich verriet das Orange die warmen Farben und verband sich mit dem Blau, sofort fanden sich auch rot und grün in ekstatischem Funkeln und Gelb umschlang die Schwestern Lila-Rot und Lila-Blau. Vereinigung von Farben und Säften,Trommel- und Schalmeienklänge durch die schwülen, goldenen Säle

Blinkende Weinkelche auf Damast, schwitzende Körper, lustvolles Stöhnen, geschliffenes Glas, geschmiedetes Gold. Der Duft von Jasmin, der Schrei der Ekstase.

Einmal noch.

1349. Die Pest stand vor Wien.


12 Kommentare

Sonntag, 14. Juli 19 – Allons enfants de la patriiiiiiie

14. Juli, französischer Nationalfeiertag. Ich mag die Marseillaise sehr, wenn sie auch einen wirklich grauslich nationalistischen Text hat, aber das unterscheidet sie ja nicht wirklich von anderen nationalen Hymnen. Ein einziges Mal habe ich den 14. Juli in Frankreich erlebt, in einer Stadt an der Rhone, ich weiß nicht mehr ob in Avignon oder in Arles. Es gab eine Parade und ich war geradezu empört über mich selbst, weil mir die weiß Uniformierten so gut gefielen, das energetische Klima, sogar die Militärmusik, die ja nun wirklich nicht meines ist, aber manchmal reißt einen das Ambiente mit. Das Feuerwerk, das von Schiffen aus geschossen wurde, war fantastisch, nicht einfach irgendwelche Lichter sondern Figuren, die sich  in mehreren Schichten entfalteten, das meiste in bleu-blanc-rouge, natürlich, aber ich erinnere mich auch an weiß-goldene Wasserfälle. Man konnte sich vorkommen wie in Versailles, zu Zeiten von Louis XIV.

In Sachen Geschichte waren wir heute unterwegs und haben uns die Heumühle angesehen, eine Wassermühle, die schon 1326 in einem Grundbuch verzeichnet war und somit der älteste noch vorhandene Profanbau Wiens ist. Man muss sich vorstellen, etwa 170 Jahre vor Kolumbus stand sie schon. Im 16 Jahrhundert ist sie teilweise abgebrannt, wurde wieder aufgebaut und bis 1856 war sie als Mühle in Betrieb dann wurde der Mühlbach aus hygienischen Gründen zugeschüttet. 2008 wurde sie um 850.000 € renoviert. Die Mühle war in ziemlich desolatem Zustand, daher wurden Stahlträger eingezogen, aber im Inneren sieht man noch das über 5oo Jahre alte Holz.

Mir gefallen ja die Bilder von dem halbverfallenen Gemäuer vor der Renovierung viel besser. Was jetzt da steht, sieht wenig eindrucksvoll und ziemlich seelenlos aus. Das Gebäude steht in einem Innenhof umgeben von Wohnhäusern und obendrein noch einer Tiefgarage. Eigentlich eine sehr respektlose Behandlung eines so alten Gebäudes.

Ein japanisches Lokal haben wir danach ausprobiert. Es war nicht umwerfend, aber ganz in Ordnung, hatte allerdings Anklänge an fast-food so gab es zum Beispiel etwas, das „japanische Mayo“ genannt wurde. Schon an der Struktur konnte man sehen, dass die „japanische Mayo“ eindeutig aus einer Tube gedrückt worden war. Vielleicht war es ja eine japanische Tube, aber das bezweifle ich eigentlich sehr. Es ist ein Jammer, dass überall dieser Einheitsbrei von Paniertem mit Mayonnaise und Ketchup und ein paar fantasielose grüne Blätter angeboten wird.


22 Kommentare

43. Station der Leseweltreise – Polen

Wieder einmal eine Strecke der Leseweltreise

Nachdem David Ben Gurion als David Grün in Polen, das damals zum russischen Reich gehörte, geboren wurde,  und aufgewachsen ist, „verrechne“ ich ihn hier unter Polen.

Diese von Tom Segev verfasste Biographie David Ben Gurions lässt sich trotz großer Detailgenauigkeit flüssig lesen. Das ist bei einer wissenschaftlich angelegten Biographie keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Es sind etwa 700 Seiten Text und  weitere  etwa 100 Seiten Anmerkungen.

Eine Biographie lässt sich nicht zusammenfassen, es sei denn man erzählte das ganze Leben der beschriebenen Person und das würde doch weit über einen Leseeindruck hinausgehen. Ich beschränke mich also darauf einige Aspekte hervorzustreichen, die mich beeindruckt haben.

Ganz besonders interessant fand ich die Geschichte der Beziehungen zwischen den im heutigen Israel ansässigen Palästinensern und den großteils eingewanderten Juden, vom Anfang der jüdischen Besiedlung unter britischer Regierung bis zur heutigen Situation, die mehr oder weniger klugen und mehr oder weniger gerechten Ansätze zu einem friedlichen Zusammenleben, die politisch hochkomplizierte Zusammenarbeit zwischen britischer Kolonialmacht, eingewanderten Juden und Palästinensern, die ebenfalls sehr schwierigen Prioritätssetzungen der zionistischen Bewegung, der Blick aus anderer Perspektive auf den zweiten Weltkrieg.

Sehr gut gefiel mir auch, dass Ben Gurion nicht auf ein Podest erhoben und mit heroischen Zügen ausgestattet wurde, sondern dass auch seine weniger bewundernswerten Eigenschaften und Handlungen im politischen und privaten Bereich beleuchtet werden. Auch so bleibt noch die Beschreibung eines Menschen, den man aus verschiedenen Gründen bewundern kann, eines Großen des 20. Jahrhunderts.

 


7 Kommentare

Schwungvolles Siegel

Statt einmal auf SENDEN zu klicken, musste man Wachs erhitzen, das Siegel hineindrücken, das Siegel an dem Schreiben in absoluter Schönschrift befestigen, einen Boten beauftragen, der dann Tage, Wochen, Monate unterwegs war und dann kam die Information – eventuell – an . Die Erfindung der Postkutschen war da schon ein wesentlicher Schritt voran.


18 Kommentare

X – wie die xte Rüstung

Das X im Fotoalphabet war schwierig bzw ist mir eigentlich nichts eingefallen und ich greife zu Trick 17. Nachdem ich diese Woche auch nicht viel Zeit haben werde, bleibt es wohl auch dabei.

Hier sieht man also die x-te Rüstung, die ich fotografiert habe. Der F interessiert sich für mittelalterliche Geschichte, was mich schon in viele diesbezügliche Ausstellungen geführt hat und zu vielen Fotos von Rüstungen und diversen ritterlichen Gebrauchsgegenständen.


9 Kommentare

Zwei schlechte Fotos mit leisem Selfieansatz von wunderschönen Büchern

Wir waren in der heurigen niederösterreichischen Landesausstellung, in der auch die Geschichte von Wiener Neustadt dokumentiert wurde. Das sind die zwei schlechtesten Fotos, die ich dort gemacht habe. Muss man auch mal herzeigen. Die Spiegelungen der Vitrinen und der Fenster im Hintergrund waren sehr schwierig, aber warum dem historischen Buch das oberste Stück fehlt dafür aber meine wandelnden Tupfen zu sehen sind, ist wirklich nicht ganz einsichtig. Im unteren Foto ist auch die halbe Welt mit drauf inklusive des Schattens der Fotografin. Ich könnte vielleicht die „umgebungsintegrierende Fotografie“ ausrufen ……


17 Kommentare

ABC-Etüden – zurück zu den Wurzeln

Die ABC-Etüden bei Christiane

Die drei Wörter in einem Text von 300 Wörtern unterzubringen

„Ich bin an der ganzen Sache völlig unschuldig“ rief er pathetisch aus und schlug sich an die Brust. „In dieser staubtrockenen Provinz voll von religiösen Fanatikern …….. “

„… und obendrein mit dir als Präfekten kann Tiberius sich wahrhaftig beglückwünschen, sagte Claudia mit der schneidenden Stimme, die sie immer nur hervorholte wenn sie mit ihrem Mann allein war.

„Ich hätte mir die Ehre einer Ehe mit einer Kaiserstochter auch anders vorgestellt“ murmelte Pontius ziemlich laut.

Zu diesem Zeitpunkt begannen die Bediensteten sich aus der Schusslinie zurückzuziehen. Sie hatten dabei eine gewisse Routine entwickelt: der Koch verschwand in Richtung Markt, der Gärtner, ein visionärer Mensch, träumte von Tulpenzwiebeln und Claudias persönliche Sklavinnen hatten dringend am anderen Ende des Hauses zu tun. Nur der Lieblingsarchitekt des Hausherrn war unersetzbar und konnte es sich  daher erlauben vom Nebenraum aus die Streitereien mit anzuhören. Manchmal fand er sie durchaus kurzweilig, manchmal hörte er nur mit um seinen sonstigen Auftraggebern zu berichten, welche Themen im Hause des Präfekten gerade aktuell waren.

„Einen verurteilten Mörder freizulassen, quasi als Vorbild für die Jugend und dafür einen unbedeutenden, friedlichen Wanderprediger hinzurichten und dadurch zum Helden zu machen. Zwei derartige politische Glanzleistungen gleichzeitig hat noch keiner zuwege gebracht.“ Er hasste diese glasklare Stimme und nachdem ihm keine irgendwie passende Erwiderung zum ersten Vorwurf einfiel, konzentrierte er sich auf den zweiten und versuchte seine übliche Strategie des Leugnens und Vernebelns anzuwenden „Du hast die Zusammenhänge einfach nicht begriffen“ Er bemühte sich, wenn auch erfolglos, eine gehörige Dosis männlicher, geistiger Überlegenheit in seine Stimme zu legen. „Das Problem ist gelöst, der Prediger ist tot und wie lästig seine Anhänger auch noch eine Weile sein mögen, es wird wohl keiner auf die Idee kommen zu behaupten, dass ihr Anführer von den Toten auferstanden ist.“

Doch hier wie in anderen Fragen irrte Pontius Pilatus.


23 Kommentare

Umfärbung – ABC-Etüden

Die ABC-Etüden bei Christiane

Es soll ein Text entstehen mit einer Länge von  maximal 300 Wörtern, in dem die 3 vorgegebenen Wörter vorkommen.

Die Art des Textes kann frei gewählt werden. 

Schäbige Tische, Holzbänke und Thonet- Sessel, plüschige Vorhänge, der mit „Herr Ober“ zu betitelnde Kellner in einem auch etwas abgewetzten schwarzen Anzug, die Stimmung aber voller Funken des Geistes. Zwar fehlten heute die Maler; weder Klimt noch Kokoschka und schon gar nicht Schiele waren erschienen. Aber Sigmund Freud und Theodor Herzl politisierten in einer Ecke, die von einer prächtigen Pflanze abgeschirmt wurde. Friedrich Torberg unterhielt sich mit einer älteren Dame, die ich auf den ersten Blick für die Tante Jolesch hielt, was ja wohl nicht sein konnte. Beide bissen gelegentlich in die vor ihnen stehenden Torten, wobei die Tante Jolesch, die ja nicht die Tante Jolesch sein konnte, dreinsah als wäre das Tortenstück verdorben. Vielleicht dachte sie an ihr berühmtes Schinkenfleckerl – Rezept. Auch Arthur Schnitzler befand sich in Damengesellschaft, in zahlreicher Damengesellschaft. Sie saßen alle um ihn herum und erweckten den Eindruck irgendetwas Wichtiges von ihm zu wollen, das er aber nicht bereit war zu geben.

Dann wurde mir aber endgültig klar, dass es sich hier nicht um reales Leben handeln konnte, denn Karl Kraus und Helmuth Qualtinger standen in einer verrauchten Ecke und rezitierten abwechselnd Passagen aus „die letzten Tage der Menschheit“.

Szenenwechsel.

Nun war das Café von einer großen Gruppe von Burschenschaftern bevölkert, die Ger– mania, mit Narben im Gesicht, mittelalterlicher Kleidung  und bunten Kappen mit Bändern auf den Köpfen. Sie brauchten keine Liederbücher, sie beherrschten alle ihre Lieder textsicher, auch das über die siebte Million.

Die Stimmung hatte sich völlig verändert, jede Spur von Humor und Lebensfreude, von Klugheit und Talent hatte sich in den Nebel der Geschichte zurückgezogen. Es wurde gesoffen, gegrölt, gekämpft und es wurden die Zeiten der totalen Machtübernahme in Europa heraufbeschworen.

Leider kein Szenenwechsel, sie sind noch immer da, zahlreich und geschäftig.


31 Kommentare

Eine deutsche Karriere

Monatelang habe ich an dem Buch gelesen, in winzigen Portionen, weil mir der beschriebene Mensch gar so zuwider war mit seiner ungebremsten Gier, seiner gnadenlosen Biederkeit, seinem skrupellosen, mörderischen Geltungsdrang und schließlich mit der beispiellos erfolgreichen Verlogenheits- und Verstellungstaktik mit der er als einziger bedeutender Nazi bei den Nürnberger Prozessen im wahrsten Sinn des Wortes seinen Kopf aus der Schlinge gezogen hat.

Auf ca 600 Seiten Text und ca 300 Seiten Quellen- und Literaturverzeichnis wird Albert Speer in allen seinen Facetten beschrieben. Magnus Brechtken hat eine minutiös recherchierte Biographie geschrieben, für Nicht-Historiker*innen bzw Leser*innen, die nicht bis ins kleinste Detail an der Person interessiert sind, vielleicht etwas zu minutiös. Ich zumindest habe vieles überblättert und dennoch eine massive Albert-Speer-Dosis abbekommen.

Zu den Qualitäten dieser Biographie zählt auch die zusammenfassende Einleitung:

„Albert Speer ist vermutlich, der am häufigsten zitierte Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts. Ein engagierter Nationalsozialist, Unterstützer Hitlers, Architekturmanager, Kriegslogistiker, Rüstungsorganisator, Mitbetreiber der NS-Rassenpolitik, eine Zentralfigur des Eroberungs- und Vernichtungskrieges: das ist der reale Albert Speer bis 1945.

In der Nachkriegszeit hat sich ein anders Bild von ihm verbreitet. Hier erscheint Speer meist als verführter Bürger, unpolitischer Technokrat, als fleißiger Fachmann, der vor allem seine Arbeit im Sinn hatte und dabei wenig wahrgenommen haben wollte, von den Verbrechen, die sich um ihn herum ereigneten, während er in Wahrheit mit der SS paktierte, Zwangsarbeiter in den Tod trieb und europaweit die Kriegsrüstung organisierte. Allenfalls dunkle Ahnungen habe er gehabt von dem, was doch vor seinen Augen und nicht selten auf seine direkte Initiative hin geschah.

Es war die Legende vom unwissend-arglosen Bürger Albert Speer auf der schuldfreien Seite der Geschichte. Auf der anderen standen die ungehobelten Parteimänner mit ihrem lauten Benehmen und den groben Visagen. Das waren „die Nazis“. Irgendwie war er in deren Nähe geraten.

(…)

Nach dem Einsatz für den Nationalsozialismus und der Täterschaft als Verbrecher strebte Speer die Interpretationsherrschaft über die Geschichte an um alles, was er getan hatte, umerzählen, vernebeln, in ablenkenden Fabeln auflösen zu können. In beiden Rollen war Speer ebenso energisch wie erfolgreich.

Gerade deshalb ist Speers Karriere exemplarisch, eine deutsche Karriere im 20. Jahrhundert, die bis in die höchsten Sphären der Macht führte, an die Schalthebel einer europäischen Kriegsmaschinereie mit Millionen Arbeitern und Soldaten und einem Arsenal von Waffen, wie sie in der Weltgeschichte zuvor nicht eingesetzt worden waren. Speer sorgte für die Verlängerung des Kriegs um Jahre, opferte dabei unzählige Menschen, um den Sieg des Nationalsozialismus zu erreichen und sah sich in der Endphase des Kriegs sogar ernsthaft als möglichen Nachfolger Hitlers.

(…)

Nimmt man die nationalsozialistische Herrschaft als Ganzes in den Blick und befreit man sich von der Täuschung, dass „die Nazis“ etwas „Fremdes“ waren, eine mysteriöse Macht, die das Land im Jänner 1933 irgendwie von außen überwältigte und im Mai 1945 wieder verschwand, wird klar, Albert Speer war einer von zahllosen Deutschen, die Nationalsozialisten sein wollten, die ihr Leben und ihr Streben danach ausrichteten. Sie wollten Hitler und damit auch sich selbst zur Macht verhelfen. Speer ragte heraus und ist doch zugleich exemplarisch für all jene, die sich mit ähnlichen, wenngleich bescheideneren Ambitionen so wie er für den Nationalsozialismus engagierten, ihn trugen und gestalteten.

nach Magnus Brechtken „Albert Speer, eine deutsche Karriere“ Siedler Verlag, München: 2017. p. 9, 10