69.Station meiner Literatur- und Kunstweltreise – Südafrika 2

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Meine Begeisterung für den Luchterhand Literatur-Verlag hält an: ein bemerkenswertes Buch nach dem anderen habe ich die Freude zu lesen. Das letzte war „Das Versprechen“ von Damon Galgut. 1963 in Pretoria geboren, begann er schon mit siebzehn Jahren zu schreiben. Für „Das Versprechen“ bekam er 2021 den britischen Booker Prize.

Es handelt sich um einen Roman, der mich sowohl inhaltlich als auch stilistisch begeistert hat. Es ist die Geschichte einer südafrikanischen Farmerfamilie, die von der letzten Zeit der Apartheid an erzählt wird. Der Punkt, zu dem die Erzählung immer wieder zurückkommt, ist das Versprechen des Vaters, der langjährigen Haus“angestellten“ das Häuschen, in dem sie wohnt zu schenken. Ein Versprechen, das er seiner Frau am Totenbett gegeben hat, aber nicht einhält. Die jüngste von den drei Kindern war Zeugin des Versprechens und bringt das Thema immer wieder aufs Tapet, zum Ärger der anderen Familienmitglieder.

Galguts Protagonisten erschienen mir ebenso lebendig geschildert wie psychologisch glaubwürdig. Die drei Geschwister sind in Charakter und Lebensführung sehr verschieden und führen die Leser*innen daher durch verschiedene Gesellschaftsschichten. Die Atmosphäre der Endphase der Apartheid wird sehr lebendig ebenso wie die höchst verschiedenartigen Beziehungen, die weiße und schwarze Südafrikaner verbinden und trennen. Der Tod gliedert den Roman: jedes Kapitel beinhaltet den Tod einer der Hauptfiguren dieser Familiensaga. Zu den Totenfeiern trifft sich die Familie und es kommt zu Zusammenstößen, die Einfluss auf die weitere Entwicklung haben.

Allein wegen der Handlung und der hinein verpackten politischen und historischen Ereignissen hätte mir der Roman schon sehr gefallen. Das wirklich außergewöhnliche daran aber ist die Erzähltechnik. Die Stimme des allwissende Erzählers beschränkt sich nicht aufs Erzählen, er wechselt immer wieder die Position, wechselt vom Erzähler in einen der Protagonisten, spricht sogar die Leser*innen an, gibt Ratschläge, erklärt seine Positionen:

“ Ihr kommt eine Erinnerung, die sie erst jetzt richtig begreift, an einem Nachmittag vor kaum zwei Wochen, in demselben Zimmer, mit Ma und Pa. Sie hatten völlig vergessen, dass ich da saß, in der Ecke. Sie sahen mich nicht, ich war wie eine Schwarze für sie“ S31

„Sie verabscheut ihren ganzen Körper, wie so viele von euch S38

„Seit sie Südafrika verlassen hat, bemüht sie sich, voranzukommen oder doch wenigstens ständig in Bewegung zu bleiben, auch wenn sie nicht immer weiß, wohin die Reise geht, wechselnde Zimmer und Städte und Länder und Menschen, alles wischt wie eine Landschaft in rasender Geschwindigkeit vorbei, etwas in mir kann nicht zur Ruhe kommen S135

Eine rosa Narbe zieht sich im Zickzack über seinen Rücken. Eine sehr persönliche Geschichte, ich kenne ihn nicht gut genug, um ihn danach zu fragen. S.181

Jake folgte ihm in einen großen Raum mit einem Klavier und künstlichen Blumen und einer Nippessammlung, die hier besser unbeschrieben bleibt S248

Und viele andere Stellen. Der Erzähler ist allgegenwärtig, in verschiedenen Personen und als Erzähler im Hintergrund, der aber immer wieder auch hervortritt Das könnte irritieren, aus der Geschichte herausreißen, tut es aber nicht. Im Gegenteil, es reißt hinein in das fiktive Universum als säßen der Erzähler, seine Figuren und seine Leser*innen gemeinsam um ein Feuer und hielten ein großes Palaver *)

Palaver *) bezeichnet ein langwieriges und häufig eher oberflächliches Gespräch über Nichtigkeiten. Im Deutschen ist das Wort im allgemeinen Sprachgebrauch daher eher negativ belegt. In ethnologischen Untersuchungen anderer Länder kommt jedoch ein anderer Sinn zum Vorschein: In der afrikanischen Kultur entspricht das Wort hierbei der Bedeutung von „Versammlung“. In großen Teilen Afrikas gehört das Palaver zu den guten Umgangsformen; umso länger, je wichtiger die Angelegenheit und je höher gestellt die Beteiligten sind. Quelle: Wikipedia

6 Gedanken zu “69.Station meiner Literatur- und Kunstweltreise – Südafrika 2

  1. Eine tolle Lesebesprechung. Das Buch gehörte zu den Leseereignissen meines letzten Jahres. Ich war einfach bezaubernd genau von diesem Wechsel der Erzählposition, von der Dramatik, der Parallelisierung der Lebensschicksale. Ein in jeder Hinsicht gelungener Roman. Ich überlege noch anderes von ihm zu lesen. Er hat mich sehr an Claude Simon erinnert, insbesondere an „Das Gras“. Viele Grüße!

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  2. Vollgepackt mit Denkstoff für mich ist deine Leseerfahrung.
    Vor allem deine Gedanken zum Wechsel der Erzählperspektive öffnen mir eine Welt: bisher war es in meinen Augen stets ein stilistischer Mangel, wenn der/die ErzählerIn aus der Rolle fiel. Das sehe ich ab jetzt differenzierter. Mich überrascht immer wieder, wie konservativ ich in kulturellen Fragen manchmal sein kann 🥴, da ist es eine Freude, wenn jemand die Tür zu weiteren Horizonten öffnet.
    Natürlich machst du mir auch wieder Leselust, aber diesmal muss sich das Buch hinten anstellen, die Kandidatenliste ist lang.

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    1. Ach ja, meine Kandidatenliste ist auch recht ungeduldig🙃 Diese „Einmischung“ des Erzählers hat mich fasziniert, weil ich sie eben nicht als störend empfunden habe sondern als Bereicherung. Die Perspektivwechsel, die mir in dieser Form überhaupt noch nie untergekommen sind, empfand ich als eine Art Schärfung der Aufmerksamkeit beim Lesen. Sehr eigenartige Sache. Es wird schon Erklärungen dazu in der Sekundärliteratur geben, aber darauf habe ich keine Lust und verlasse mich auf eigene Eindrücke🙃

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