Schlagwort: Menschen –

Montag 27. Juni 2022- Margaret Attwoods USA

Mir kommt vor, dass die Gesellschaft der USA sich immer mehr in Richtung der Horrorvision von Margaret Atwoods „The Handmaid´s Tale“ (die Geschichte der Magd). bewegt. Völliges Verbot von Abtreibungen, was dazu führt, dass jene Frauen, die es sich leisten können in Kanada abtreiben, die anderen in finsteren Hinterzimmern. Die erzkonservativen Höchstrichter, die durch Trumps Ernennungen in der Mehrheit sind, sollen sogar über ein Verbot der Empfängnisverhütung nachdenken. Das ist kaum exekutierbar, dennoch erstaunt es doch sehr, dass es möglich ist, derartig rückschrittliche Gesetze zu erlassen und gleichzeitig von der Freiheit der Einzelnen zu reden. Die Freiheit soll man dann wohl hauptsächlich daran merken, dass noch mehr Waffen gekauft werden können.

Es beginnt immer mit der Beschneidung der Rechte der Frauen und dann ist die jeweilige Gesellschaft schon auf dem Weg in Realität gewordene Dystopien.

Themenwechsel, weil ich mich ja nicht zu politischen Themen äußern will und das schon wieder nicht schaffe.
Wie gerne hätte ich annähernd die Energie eines kleinen Kinds, das gehen lernt. Ein Schritt – plumps, umgefallen – wieder aufstehen, vier Schritte, plumps , – wieder aufstehen usw usf solange bis das Gehen funktioniert. Und diese absolute Konzentration und Zielgerichtetheit … Ich dagegen hänge wie eine müde Fliege herum.

Manchmal ist die Donau doch blau

Samstag 11. Juni 2022 – Verhaltensmuster

Zu den angenehmen Seiten des Radfahrens zählt , dass man das Rad praktisch überall stehen lassen und ein Stück zufuß gehen kann. Allerdings habe ich prinzipiell Probleme damit, meine Besitztümer irgendwo in der Landschaft herumstehen zu lassen. NIcht weil ich besonders ängstlich wäre, aber es ist in der Großstadt eine ziemlich undenkbare Verhaltensweise, ein Rad einfach irgendwo stehen zu lassen, auch mit Bewegungssperre finde ich das riskant. Ich bin immer wieder überrascht, wenn das Rad noch am selben Platz steht, wenn ich zurückkomme. Der F lacht, aber der ist einerseits auf dem Land aufgewachsen und hat völlig andere antrainierte Verhaltensweisen (nicht nur was das Abstellen von Fahrrädern betrifft) und andererseits auch kein nagelneues Rad. Es würde ja an seiner Ehre kratzen, wenn er ein E-Rad hätte. Na, warten wir es einmal ab, er wird auch nicht jünger.

Auf dem Hügel im Hintergrund steht die Basilika von Maria Taferl, der zweitwichtigste Wallfahrtsort Österreichs. Die Basilika ist mir nun örtlich näher gerückt, also werde ich sie wohl irgendwann besichtigen, aber eigentlich kann ich mit Wallfahrtsorten gar nichts anfangen. Allein schon die Devotionalienstände und die Votivtafeln ! So ganz frei bin ich aber wohl doch nicht sonst würden mich solche Orte nicht so irritieren und manchmal sogar richtig aggressiv machen.

Kinder des Krieges

Es geht nicht um die Ukraine. Es geht um den Zweiten Weltkrieg und Kinderschicksale aus dieser Zeit. Ich habe eine dreiteilige Artikelreihe zum Thema gelesen, von der Historikerin Maria Krell, die die Geschichte von Kriegskindern unter anderem anhand von Tagebucheintragungen und Aufsätzen von Kindern untersucht hat. Ich fasse die drei Artikel kurz zusammen. Der Inhalt ist schwer zu ertragen.

Es sind über 1200 Wörter geworden. Man verzeihe mir Rechtschreib- und Beistrichfehler sowie das schwache Layout. Ich habe kaum mehr darauf geachtet, weil mich der Inhalt ziemlich mitgenommen hat.


Der erste Teil der Artikelreihe trägt den Titel „Interniert, ausgehungert, ermordet“ und befasst sich mit Leben, Überleben und Tod von Kindern in Gettos und Konzentrationslagern, auch in belagerten Städten. Ich lasse die Autorin sprechen bzw die von ihr zitierten Tagebucheintragungen oder Aufsätze von Kindern.

Der damals 13-jährige Zanwel Krigman, der im Warschauer Ghetto lebte, schrieb 1942 in einem Aufsatz zum Thema „Wie es unserer Familie erging“ :

„Einmal wollte mir ein Gendarm den Proviant wegnehmen und fragte mich, was ich vorziehe: 30 Schläge oder das Geschmuggelte hergeben. Ich antwortete, die 30 Schläge – er ließ mich frei.“ Zanwel sorgte für seine Mutter, bis sie „im März 1942 vor Hunger“ starb. „Und dieser Hunger in Warschau, und der Übergang auf „die andere Seite“, immer diese Schüsse, die Junaken, die Deutschen, Angst gab es genug „ (1. Teil S 47)

Aus dem Getto Theresienstadt ist eine Zeichnung von einem Mädchen namens Ilona Wissowa erhalten. Sie malte auf, was wohl ihr sehnlichster Wunsch war. Im Bild hat sie sich zwischen allerlei Lebensmitteln platziert. Gabeln stecken in gebratenem Fisch, in Schwein und Huhn, es gibt Kuchen und Kakao. Hinter der 11-jährigen steht ein Schild mit der Beschriftung „Märchenland. Eintritt 1 Krone“ (1.Teil S47)

Verstörend ist auch der Bericht darüber, was die Kinder in den KZs spielten. Beim Spiel „Bestrafungsaktion“ etwa wollten die am Spiel teilnehmenden Kinder immer am liebsten der NS-Offizier sein.

„Schätzungen zufolge wurden etwa 232.000 Kinder und Jugendliche nach Auschwitz-Birkenau deportiert, etwas mehr als 23.500 wurden im Lager registriert. Als sowjetische Soldaten das Lager befreiten, fanden sie noch 700 Kinder und Jugendhäftlinge vor, 500 davon jünger als 15 Jahre“ (1. Teil S 48)

„Die Belagerung von Leningrad, dem heutigen St. Petersburg (…) gehört zu den furchtbarsten Kriegsverbrechen der Wehrmacht. Von 1941 bis 1944 , 872 Tage lang belagerte das deutsche Heer die Stadt. Dabei kamen mehr als eine Million Menschen ums Leben. Wenige der 400.000 Kinder wurden rechtzeitig aus der Stadt evakuiert, ebenfalls nur wenigen gelang die Flucht aus der Belagerung. Die Notlage war derart immens, dass in den mehr als zwei Jahren eine Lebensmittelration 125 Gramm Brot am Tag pro Person betrug. (…)

Am 27.Januar 1944 endete die Blockade von Leningrad. Die elfjährige Tatjana Sawitschewa überlebte die Befreiung der Stadt nur wenige Monate, bevor sie an den Folgen des Hungers starb. Ihr kurzes Tagebuch gilt heute als Mahnmal für die Belagerung (…) Darin schrieb das Mädchen:

Schenja starb am 28 Dezember um 12 Uhr Vormittags, 1941. Oma starb am 25. Jänner, 3 Uhr Nachmittags, 1942. Ljoscha starb am 17. März um 5 Uhr morgens, 1942. Onkel Wasja starb am 13. April um 2 Uhr nach Mitternacht, 1942. Mutter am 13. Mai um 7:30 morgens, 1942. Die Sawitschews sind tot. Alle sind tot. Nur Tanja ist übrig geblieben“ (Erster Teil S 49)

Der zweite Artikel ist mit „Auf der Flucht“ überschrieben und legt wieder den Schwerpunkt auf das Schicksal von Kindern.

„Flucht bestimmte auch das Leben zahlreicher Menschen in der späten Kriegsphase. Seit Herbst 1944 versuchten sie, aus Ostpreußen, Schlesien, Pommern und der Neumark Brandenburg vor der heranrückenden russischen Armee in Richtung Westen zu entkommen. Darunter jede Menge Kinder, die sich im Winter bis ins Baltikum durchschlugen. „Wolfskinder“ nannte man sie, weil sie einige Zeit ohne menschliche Fürsorge blieben und sich von der Gesellschaft entfremdeten. Derartige Eindrücke traumatisierten eine ganze Generation, die während des Zweiten Weltkrieges Kinder und Jugendliche waren.“ (2. Teil S 77)

Das Trauma ließ die Kinder emotional erstarren. So schilderten Beobachter, dass Kinder, die nach Kriegsende zur Erholung an die Nordsee und in andere Gegenden verschickt wurden, an sich tot stellende Tiere erinnerten. Ihre Erfahrungen würden die Kleinen sachlich, emotionslos und knapp schildern. Ihre Gesichter blieben dabei unbewegt. Die Kalendernotizen einer 17-jährigen Berlinerin bestätigen die Nachkriegsberichte. Am 30. April 1945 notierte das Mädchen “ Die Russen sind da. Nachts Vergewaltigungen. Ich nicht, Mutti, ja“ ( 2. Teil S.78)

Waisenkinder mussten am Kriegsende oft komplett auf sich allein gestellt zurechtkommen. Sie flohen nach der Eroberung Ostpreußens durch die Rote Armee auf eigene Faust in Richtung Litauen (…) von den Höfen verjagt, schliefen die Kinder mal in Schuppen und Ställen, mal im Unterholz. In den Wäldern ernährten sie sich von Baumrinden, Gras und Fröschen. Als sie schließlich 1946 barfuß Litauen erreichten, hatten sie bereits viele ihrer Altersgenossen sterben sehen.
Schätzungsweise irrten etwa 25.000 Kinder alleine durch die Sümpfe und Wälder Litauens und Ostpreußens.
Die „Vokietukai“ , die „kleinen Deutschen“hatten in den Wirren des Krieges nicht nur ihr Zuhause und ihre Familie, sondern ebenso ihre Identität verloren. (…) Die Wolfskinder durften kein Deutsch sprechen, Erinnerungsstücke wie Fotos oder Briefe wurden verbrannt, selbst die Namen der Kinder wurden geändert. (…) Alles auszulöschen, was zum früheren Leben der Kinder gehörte, geschah zu ihrem Schutz und zu dem ihrer Helfer. Litauen war 1945 Teil der Sowjetunion, die Aufnahme von Feinden, also auch deutschen Kindern, stand unter hoher Strafe. (2. Teil S 81)

Forscher schätzen die Zahl der Waisenkinder zu Kriegsende in Europa auf etwa 13 Millionen. Europa war nach dem Zweiten Weltkrieg eine Nomadenlandschaft (2. Teil S81)

Der dritte Teil der Artikelreihe behandelt unter dem Titel „Hitlers Kindersoldaten“ ein besonders finsteres Thema: die Indoktrinierung der Jugend und wie sie schließlich als Kanonenfutter missbraucht wurde.

„In den prägendsten Lebensjahren verinnerlichte eine ganze Generation nationalsozialistische Parolen und Werte wie Pflichterfüllung oder Gefolgstreue. Sie wuchs im Glauben an Adolf Hitler und die eigene „rassische Überlegenheit“ auf. Und zu einem übersteigerten Pflichtgefühl erzogen, trieb es etliche in den letzten Kriegsmonaten dazu, sich und andere zu opfern. (3. Teil S53)

Die 15-jährige Lieselotte schreibt am 8. November 1943 in ihr Tagebuch „Ist es nicht heilige Verpflichtung weiterzukämpfen, und sollte Deutschland ausgerottet werden, dann wären wir alle gleich tapfer gewesen (…) Und wenn wir alle untergehen sollten, es kommt kein 1918 mehr. Adolf Hitler, ich glaube an dich und den deutschen Sieg.“ (3. Teil S53)

„Mit zunehmender Kriegsdauer und Radikalisierung zeigte sich die volle Widersprüchlichkeit und skrupellose Brutalität des Regimes. Als die Niederlage längst absehbar war, opferte die NS-Führung ausgerechnet jene Menschen, die sie jahrelang als „Zukunft des Volkes“ beschwor. Im 1944 gebildeten Volkssturm wurden alle waffenfähigen Männer zwischen 16 und 60 Jahren für den „Endsieg“ eingezogen.

Hauptmann Otto Hafner erinnert sich später „Es waren Buben, blasse Kindergesichter, die Feldblusen viel zu groß. Ihre dünnen Finger verschwanden unter den langen Ärmeln, die schmalen Gesichter unter den viel zu großen Helmen (…) Ich war sehr betroffen. Sollte ich mit diesen Kindern die Russen angreifen. (3. Teil S.57)

„Von den 15 bis 17-jährigen deutschen Jungen der Jahrgänge 1927 bis 1929 sind fast 60.000 gestorben – sie wurden größtenteils 1944 und 1945 eingezogen. Unter allen Jahrgängen von 1920 bis 1929 waren es mehr als 1,5 Millionen (3. Teil S 57)

Auch Lieselottes Bruder wurde zum Volkssturm eingezogen. Sein wahrscheinlicher Tod bringt die lange begeisterte Nationalsozialistin zu der Einsicht “ So viele, viele Soldaten haben sich gedrückt und sind gekniffen, dazu war Bertel aber viel zu begeistert. Für wen denn? Für Hitler? Für Deutschland? Arme verhetzte Jugend? (3. Teil S 57)

Quelle: Spektrum Geschichte. Maria Krell
6/2021 „interniert, ausgehungert, ermordet“
1/2022 „Auf der Flucht“
2/2022 „Hitlers Kindersoldaten“



Seit gefühlt ewigen Zeiten

habe ich keine live-Musik mehr gehört und fast vergessen, wie groß der Unterschied ist, echte Menschen statt irgendwelche Trägermedien zu erleben. Es ist wie bei den Bildern. Natürlich kann man sich Bilder auf Fotos ansehen, aber es ist doch überhaupt kein Vergleich mit einer persönlichen Begegnung.

Sie waren beide sehr gut, der Gitarrist gar hervorragend. Eine unerwartete und höchst erfreuliche Zugabe zu einer Ausstellung, die von einem Ärzte-Kunstverein alljährlich abgehalten wird. Einer der Musiker ist Untermieter eines der Mitglieder des Vereins und so kamen wir zu dem Konzert. Von den Bildern und Skulpturen hat mir kaum etwas gefallen. Ich war aber zufrieden, weil ich immer wusste, warum mir etwas nicht gefiel. Und das war nicht immer so.

Auch wenn er mir nicht gefällt, respektiere ich doch jeden eigenen Stil, aber muss Van Gogh oder Dali als Inspiration herhalten, wenn man so gar nicht an sie herankommt ?

Innerstädtischer Kanal

Wenn ich vom Ungarischkurs nachhause schlendere, nehme ich eine der drei möglichen Brücken über den Donaukanal. Da herrscht zumeist Blaue-Stunden-Stimmung. Bei warmem Wetter trifft sich die Jugend am Donaukanal.

Auf der Brücke sieht es so aus

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Ich kenne eine Menge seltsamer oder auch ärgerlicher Plakate, aber dieses ist irgendwie ein Tiefpunkt. Auch nach einigem Nachdenken verstehe ich nicht, was „endlich kann sich keiner freuen“ heißen soll. Vielleicht kann mich jemand aufklären.

Sonntag 15.Mai 2022 – Schwarz und türkis

Remineszenzen an die Sowjetunion mit Wahlergebnissen über 90% für die jeweiligen Parteivorsitzenden in Abwesenheit alternativer Kandidaten kann man derzeit auch in Österreich beobachten. Am Parteitag der ÖVP am vergangenen Samstag wurde der neue Parteichef und derzeitige Bundeskanzler, Karl Nehammer, mit 100% Zustimmung (in Worten: hundert) gewählt. Ob das wohl heißt, dass er dabei keine Stimme hatte oder dass er sich selbst auch gewählt hat ? „Gewählt“ kann man sowas ja eigentlich nicht nennen, es gab keinen Gegenkandidaten und etliche sollen dem Parteitag fern geblieben sein.

„Und das ist erst der Anfang“ verkündete er nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses, auf das er stolz zu sein schien. Aha, nächstes Mal 200% ? In der derzeitigen Lage der ÖVP, in einem bekannt gewordenen Sumpf aus Korruption und Machtmissbrauch, der in zahlreichen Untersuchungen der Korruptionsstaatsanwaltschaft und ebenso zahlreichen Gerichtsverfahren behandelt wird, klingt die Ankündigung „und das ist erst der Anfang“ eher wie eine wilde Drohung. Die Beliebtheit, in der sich die ÖVP zu Zeiten von Kurz sonnen konnte, ist dahin, die Umfragewerte sinken und sinken. Auch in diesem Zusammenhang ist „das ist erst der Anfang“ unglücklich gewählt. Eventuell wurde der Satz aber auch bei der Berichterstattung über den Parteitag etwas aus dem Zusammenhang gerissen, trotzdem.

Dennoch ist Nehammer für mich, im Vergleich zu seinen Vorgängern als ÖVP-Parteivorsitzende und Kanzler wie Kurz oder Schüssel eher sympathisch, was nicht heißt, dass ich ihn und/oder seine Partei jemals wählen würde.

Gestern sah ich dann noch eine Diskussion zum Thema „ÖVP, was nun?“. Die Generalsekretärin der ÖVP, Sachslehner, war da zu bewundern, eine Frau, die hervorragend ins Team Kurz gepasst hätte. So eine Ansammlung von leeren Phrasen, Vermeidung der Erwähnung jeglicher Fakten und aggressivem Grundtenor! Einen großen Punkt für die ÖVP machte in meinen Augen der ehemalige EU-Agrarkommissar Fischler, dem diese Dame offenbar auch heftig auf die Nerven ging und der ihr nach Vorausschicken von „niemals würde ich ihnen vor der Kamera Ratschläge erteilen“ empfahl, über die Grundlagen nachzudenken auf die sie ihre Kommunikationsstrategie aufbauen wollte. Im Klartext heißt das höchstwahrscheinlich „Reden sie nicht so einen Schmarrn daher!“

Ein politiklastiger Tag war das.

Samstag 7.Mai 2022 -Entspannung

Der F. als wohlwollender Begleiter einer notorischen Knipserin zuckt nicht einmal mehr mit der Wimper wenn ich statt des Künstlermarktes, über den wir gerade schlendern, das alte Holztor fotografiere. Dabei hat mir der Markt gut gefallen, mit zwei Malerinnen bin ich ins Gespräch gekommen und habe mir Visitenkarten mitgenommen. Die Stimmung war angenehm, es tröpfelte so vor sich hin, manchmal kam auch die Sonne heraus.

Ein Wochenende auf dem Land mit kleinen Attraktionen und großer Freude. Es ist ja eigentlich keine Bereicherung, wenn man zwischen fünfzig Veranstaltungen wählen kann, sich für eine entschließt und dann ständig den Eindruck hat, die falsche gewählt zu haben. Gibt es nur eine Veranstaltung entfällt die Problematik der Wahl .

Was ist eine Senioren-Rikscha?

Gerade habe ich einen langen Artikel über Lastenräder gelesen und staune, wie man diese sperrigen Transporter als Ausgangspunkt für soziologische Betrachtungen verwenden kann.

„Aber ist das Lastenrad nun ein politisches Symbol, ein echtes Klimaschutzgerät oder gar nur modisches Lifestylegerät? Auf jeden Fall ist es ein Zankapfel“

Profil Nr.18. 53.Jg. 1. Mai 2022 S54

Die Fotos in dem Artikel haben mich angezogen. Ich dachte immer, dass es nur in Holland eine derartige Vielfalt an verschiedenen Fahrrädern im weitesten Sinn gibt. Auf den Fotos zu dem Artikel sieht man „Cargobikes“ mit Transportkästen -containern in allen Arten und Größen. Zum Beispiel auch ein Modell, das „Senioren-Rikscha“ genannt wird, also ein Rad an dem vorne eine Art Rollstuhl befestigt ist. Und eine Vielzahl von Mobilitätshilfen. https://www.radelnohnealter.com/ Natürlich ist das eine Geldfrage, preisgünstig sind die Dinger nicht. Als Mindestpensionistin wird man eher nicht das Vergnügen genießen können auf so einem Ding durch blühende Landschaften geradelt zu werden.

„Tatsächlich fährt im Lastenrad immer auch ein Klischee mit, das skandinavische Vorbild wirkt mächtig- Bullerbü ist nie weit, wenn Christiania (Markenname) vorn draufsteht. Auf Lastenrädern wird wohl auch einiges schlechtes Gewissen weggestrampelt und das Grenzgebiet zwischen ökologisch motiviertem Linksbürgertum und statusorientierter Bourgeoisie vermessen. Ja, das Lastenrad ist, vor allem in einer elektrisch unterstützten Form, ein Elitengefährt.

Profil Nr.18. 53.Jg. 1. Mai 2022 S55

„Elitengefährt“, naja, das finde ich doch etwas übertrieben. Aber unter der Vermessung der Distanz zwischen „ökologisch motiviertem Linksbürgertum“ und „statusorientierter Bourgeosie“ kann ich mir einiges vorstellen.

Samstag 30.April 2022 –

Der F und ich führen gerne am Wochenende beim Frühstück tiefsinnige Gespräche. Heute ging es um den Aspekt der Freiwilligkeit von tugendhaften Handlungen. Um die Klippe, was den überhaupt tugendhaft ist, sind wir zunächst großflächig herumgeschifft.

Besonders in islamischen Ländern aber auch im Bereich anderer Religionen gibt es das grundsätzliche Konzept, dass Menschen vor Versuchungen des „Bösen“ unter welchem Namen auch immer beschützt werden sollen. Manchmal mit allen Mitteln bis zum Verlust des Lebens.
Die Gegenthese, die vor allem im nicht-religiösen Bereich vertreten wird, ist, dass Tugend Selbstverantwortung braucht, ohne die sie eigentlich nur folgsame Erfüllung von Geboten und Verboten ist ohne dass eigene Überzeugung eine Rolle spielt. Nach dem Motto „ich habe nur meine Pflicht erfüllt“. Inwiefern kann man als tugendhaft betrachten, was nur getan oder vermieden wird, weil man einen strafenden, sanktionierenden Gott fürchtet? In Klammern gesetzt ist es allerdings für die Wirkung tugendhafter Handlung völlig irrelevant aufgrund welcher Motivation sie gesetzt werden.

Gibt es keinen Gott oder eine wie immer geartete höhere Instanz ist Tugend selbst definiert. Da beißt sich die Katze in den Schwanz: selbstdefinierte und -verantwortete Tugend wird von keinem Gott oder sonst jemandem belohnt, die Abwesenheit von Tugend aber auch nicht sanktioniert.



Feuer durch die Zeiten – Impulswerkstatt

Ein sehr kurzer Text ist das geworden, nicht zuletzt aus Zeitgründen. Aber die Richtung interessiert mich sehr und ich werde sie weiter verfolgen.

Einige altsteinzeitliche Knochenstücke (mit eingravierten Kerben) werten Archäologen als Hilfsmittel zum Zählen. Sollte sich die These erhärten, hätten bereits die Neandertaler die Fähigkeit des Zählens beherrscht.

Um den Ursprung der Zahlen zu erkunden, gehen Forscher unterschiedlich an das Thema heran. Linguisten suchen nach den Sprachwurzeln von Zahlwörtern, Archäologen spüren  Rechenhilfsmitteln nach.

Laut einer These ging die Entwicklung von Zahlen mit der Menge an Besitz einher. Mehr Eigentum erforderte demnach höhere Zahlenbereiche

Spektrum der Wissenschaft 3.22. "Der Ursprung des Zählens" S 86 

Der flache Hyänenknochen liegt schon lange neben dem Feuerholz, vielleicht vorbereitet, vielleicht zufällig liegen geblieben. Heute hat die Frau am Feuer nach einem Steinmeisel gegriffen und begonnen den Knochen mit großer Konzentration im Licht des flackernden Feuers zu bearbeiten. Unter den dicken Fellen bewegen sich starke Muskeln. Sie schlägt präzise, ohne Pausen zu machen, scheint eine gute Vorstellung davon zu haben, wie das Werkstück aussehen und wozu es dienen soll.

Lange nach ihrer Zeit bereiten sich Archäologen darauf vor, in die Höhle einzusteigen. Sie sind mit einer kompletten Höhlenforscherausrüstung ausgestattet, die Helmlampen eingeschaltet, Steigeisen, Karabiner und Seile bereit, sie wissen nicht, was sie erwartet, vielleicht ein Spaziergang, vielleicht eine Klettertour. Auch Tauchausrüstung steht bereit, sie sind entschlossen das Höhlensystem zu erkunden, denn es ist ihre Chance eine über lange Zeit von Neandertalern besiedelte Höhle zu untersuchen.

Nach der zweiten Kurve auf dem Weg ins Höhleninnere ist es schon sehr dunkel und es wird gefährlich ohne Licht weiterzugehen. Es ist eng genug um sich an der Wand abzustützen, aber Sand und Geröll können weite Strecken rutschen, wenn man sie lostritt und können auch sehr trittfeste Personen mit guten Schuhen umreißen und mit sich tragen.

Die Frau, die am Feuer saß, kannte den Weg blind, wenn sie auch manchmal eine Fackel mit sich trug. Sie und ihre Leute lebten seit mehreren Generationen in dem Höhlensystem. Mit ihren Fellen, ihren Vorräten und allem, was sie selbst ausgedacht und gebaut hatten. Das Feuer verbindet sie durch die Jahrtausende mit den aus dem Süden zugewanderten Menschen, die die Höhlen auf der Suche nach Hinweisen auf ihre Vorfahren durchforschen.

Identität und Spiegelung

Es gibt ja manchmal Textstellen in literarischen Werken, die genau gewissermaßen ins eigene Schwarze treffen. So geht es mir mit dieser Stelle. Die Stelle ist aus einem Buch, zu dem ich völlig zufällig gekommen bin. Jemand hat es mir in die Hand gedrückt und gemeint, ich sollte doch einmal schauen, ob es mir gefällt.

Eine Weile stand er fröstelnd am Quai und betrachtete ein paar Möwen, die auf dem Deck eines der Segelboote aufgereiht nebeneinander saßen und schliefen. Unter dem Rumpf des Bootes bewegten sich die Schatten kleiner Fische. Dann erblickte er im schwarzen Wasser vor sich in perspektivischer Verzerrung sein Spiegelbild, wie es schlingerte, schaukelte und schwankte, sich hin und her bewegte, auseinanderriss, zitternd wieder zusammenfloss und erneut in kleinen Wellen zerlief. Er musste lächeln, denn der Mann im Wasser, diese oszillierende Erscheinung dort unter ihm, die nie eine klare Form finden würde, war er.

Ulrich Tukur "Der Ursprung der Welt" Roman  S.Fischer: 2019  S63

Das Nichtvorhandensein einer starren, unwandelbaren Identität ist ein Thema, das ich nicht nur spannend sondern oft auch sehr entspannend finde. Wir können mehr und anders sein, als die klar umrissene Person, die wir in der eigenen Vorstellung meistens sind. Es ist mehr an uns dran, als immer nur die gleichen Verhaltensweisen und Muster.