la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Einblicke

Manchmal bekommt man einen kleinen Einblick in das Wesen eines Menschen, es öffnet sich irgendein Durchblick und man kann dann weit sehen, oder tief. Gestern hatte ich so einen Einblick, der mich beeindruckt hat. Ein Studierender hatte ein T-Shirt an, auf dem in allen möglichen Variationen „never, never, never, never“ stand, mehrere hundert mal. Ich sagte ihm, dass ich das ganz irritierend fände, never, never, never, never, aber was? Never, never give up, sagte er und ich weiß nicht was, der Tonfall, die Stimme, der Blick, die Körperhaltung, wahrscheinlich alles zusammen ließen mich einen eisernen Kern der Willensstärke sehen. Der junge Mann stammt aus Afghanistan, ist ein motivierter und erfolgreicher Lernender, ein freundlicher, umgänglicher Mensch und weiß ganz genau, was er will und wie er da hinkommen möchte. Das hebt ihn aus der großen Mehrzahl der AbendschülerInnen heraus. Die meisten wissen nicht, was sie wollen oder haben ganz unrealistische Vorstellungen wie „berühmt werden“ oder „viel Geld verdienen“.

Andere Arten von Einblicken sind weniger erfreulich. Wenn sich jemand in arroganter Weise über alle anderen erheben möchte, ist das schon prinzipiell nicht besonders sympathisch, richtig peinlich wird es aber, wenn man zum Charakterisieren der Plebs Ausdrücke verwendet, die man selbst nicht richtig schreiben kann und etwa aus „Krethi und Plethi“ „Greti und Pleti“ macht. Wie kommen denn nun die Gretis dieser Welt dazu frage ich mich. Ich neige selbst zu einer gewissen Arroganz und deswegen ärgert mich dieser Zug an anderen ganz besonders. Soviel zu den Bekenntnissen.

 

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Vom Minirock zur schwarzen Säule

Das Gespräch, das ich heute abend mit einer Studierenden geführt habe, war so interessant, dass man uns beinahe im Schulgebäude eingesperrt hätte. Gerade noch im letzten Moment bevor der Schulwart die Alarmanlage eingeschaltet hat, sind wir hinausgekommen.

Sie hat mir von ihrer Großmutter erzählt, die als junge Frau in Afghanistan ein relativ freies Leben führte und Lehrerin war. Nach dem frühen Tod ihres Mannes zog sie allein zwei Söhne groß, einer davon der Vater der jungen Frau, doch dann kamen die Taliban und reduzierten sie auf eine schwarze Säule. Sie erzählte, wie die Großmutter die ganze Familie zur Auswanderung gedrängt hatte. Ich habe nicht gefragt, ob die Großmutter selbst auch mitgekommen ist. Die Frage werde ich nachholen

Sehr spannend fand ich auch das Verhältnis der jungen Frau zum Islam. Sie teilt ihr Leben in verschiedene Bereiche ein. In der Bäckerei, in der sie arbeitet, könnte sie ein Kopftuch tragen, tut es aber nicht, weil sie meint, dass ihre Religion nicht als Provokation herhalten soll. In der Abendschule trägt sie ein loses Kopftuch, die Art wie man sie an Frauen im Iran sieht; weder das Haar noch der Hals sind eigentlich bedeckt. Auf meine Frage, wie man ein Leben zwischen Arbeit und Schule mit fünf Gebeten am Tag verbinden könne, sagte sie, dass das darauf ankäme, wie man „Gebet“ definiere. Nach einer modernen Auslegung des Islam, wäre alles, was man gerne für andere tue, auch als Gebet zu betrachten. Wenn das viele Menschen so sähen, würde das der Gesellschaft sehr gut tun.

Jedenfalls eine interessante, neue Studierende, die gerne redet und gerne Auskunft gibt über ihre Meinungen.


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Eigentlich mag ich sie manchmal fast alle ….

Sprachkenntnisse sagen oft vieles über das Leben der Menschen aus. Ein junger Mann zum Beispiel, der als Nationalität  Afghane angibt und als Muttersprache Farsi gehört wohl der Minderheit der Hazara an und ist im Exil im Iran aufgewachsen. Über das Leben von jemandem, der arabisch als Muttersprache angibt und als Heimatland „Palestina“ kann man auch viel spekulieren. Viele solche harte aber von außen betrachtet sehr interessante Lebensläufe haben unsere Abendschüler.

Ja, die interkulturellen Konflikte sind oft sehr schwierig zu managen und bringen uns an unsere Grenzen und darüber hinaus, dennoch empfinde ich meistens die Bereicherung stärker als die Probleme. Nicht immer, natürlich. Wenn eine Klasse nicht auf Sportwoche fahren kann, weil es dazu der Teilnahme von 70% der Schülerinnen und Schüler bedarf und in einer Klasse mehr als 25% muslimische Mädchen sind, die auf keinen Fall auswärts übernachten dürfen und Sport betreiben ohnehin nur in ganz geringem Ausmass, dann sehe ich in der Situation auch keine positiven Aspekte. Wenn dann andererseits der Vater eines solchen Mädchens in die Schule kommt und es ganz klar wird, dass er seine Tochter liebt und nur das aus seiner Sicht Beste für sie will, was soll man da sagen ….

Wenn zwei junge Erwachsene, ein Afghane und ein Tschetschene sich gegenseitig halbtot geschlagen haben, weil irgendjemandes Schwester irgendwas gesagt, getan oder nicht getan hat. Wenn die Brüder von Schülerinnen vor der Schule lauern um ihre Schwestern nachhause zu eskortieren oder auch auszuspionieren, dann bin ich wieder einmal am Rande meiner Toleranz angelangt. Aber dieselben Menschen, die ich immer wieder als untragbar und hoffnungslos empfinde, können sich dann manchmal wieder so verhalten, dass man sie richtig lieb haben könnte. Es ist ein ewiges Hin und Her, ein ständiges Erproben der eigenen Überzeugungen, ein immer wieder Überdenken und Revidieren und Neudenken.

Sich dem anderen Denken und Fühlen auszusetzen, lohnt letztlich und sei es nur wegen der eigenen Flexibilität des Denkens. Darüber, ob es gut oder schlecht ist, Kompromisse zu finden und zu leben, muss man nicht diskutieren. Ob gut oder schlecht, es ist unerlässlich, außer man möchte in Wolkenkuckucksheimen leben, sich vor jedem Schatten fürchten und stupide Parolen plärren, die nichts und niemanden voranbringen. Standpunkte, die sich nicht nüchtern und in ganzen Sätzen vertreten lassen, sind am Ende nicht allzuviel wert.


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Albert Speer – die Erste

Klingt vielschichtig, menschlich, geschichtlich, psychologisch interessant. Auch für mich persönlich, wie weit ich wohl mit meinem ererbten Kriegstrauma bei dieser Lektüre komme.

„Albert Speer ist vermutlich, der am häufigsten zitierte Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts. Ein engagierter Nationalsozialist, Unterstützer Hitlers, Architekturmanager, Kriegslogistiker, Rüstungsorganisator, Mitbetreiber der NS-Rassenpolitik, eine Zentralfigur des Eroberungs- und Vernichtungskrieges: das ist der reale Albert Speer bis 1945.

In der Nachkriegszeit hat sich ein anders Bild von ihm verbreitet. Hier erscheint Speer meist als verführter Bürger, unpolitischer Technokrat, als fleißiger Fachmann, der vor allem seine Arbeit im Sinn hatte und dabei wenig wahrgenommen haben wollte, von den Verbrechen, die sich um ihn herum ereigneten, während er in Wahrheit mit der SS paktierte, Zwangsarbeiter in den Tod trieb und europaweit die Kriegsrüstung organisierte. Allenfalls dunkle Ahnungen habe er gehabt von dem, was doch vor seinen Augen und nicht selten auf seine direkte Initiative hin geschah.

Es war die Legende vom unwissend-arglosen Bürger Albert Speer auf der schuldfreien Seite der Geschichte. Auf der anderen standen die ungehobelten Parteimänner mit ihrem lauten Benehmen und den groben Visagen. Das waren „die Nazis“. Irgendwie war er in deren Nähe geraten.

(…)

Nach dem Einsatz für den Nationalsozialismus und der Täterschaft als Verbrecher strebte Speer die Interpretationsherrschaft über die Geschichte an um alles, was er getan hatte, umerzählen, vernebeln, in ablenkenden Fabeln auflösen zu können. In beiden Rollen war Speer ebenso energisch wie erfolgreich.

Gerade deshalb ist Speers Karriere exemplarisch, eine deutsche Karriere im 20. Jahrhundert, die bis in die höchsten Sphären der Macht führte, an die Schalthebel einer europäischen Kriegsmaschinereie mit Millionen Arbeitern und Soldaten und einem Arsenal von Waffen, wie sie in der Weltgeschichte zuvor nicht eingesetzt worden waren. Speer sorgte für die Verlängerung des Kriegs um Jahre, opferte dabei unzählige Menschen, um den Sieg des Nationalsozialismus zu erreichen und sah sich in der Endphase des Kriegs sogar ernsthaft als möglichen Nachfolger Hitlers.

(…)

Nimmt man die nationalsozialistische Herrschaft als Ganzes in den Blick und befreit man sich von der Täuschung, dass „die Nazis“ etwas „Fremdes“ waren, eine mysteriöse Macht, die das Land im Jänner 1933 irgendwie von außen überwältigte und im Mai 1945 wieder verschwand, wird klar, Albert Speer war einer von zahllosen Deutschen, die Nationalsozialisten sein wollten, die ihr Leben und ihr Streben danach ausrichteten. Sie wollten Hitler und damit auch sich selbst zur Macht verhelfen. Speer ragte heraus und ist doch zugleich exemplarisch für all jene, die sich mit ähnlichen, wenngleich bescheideneren Ambitionen so wie er für den Nationalsozialismus engagierten, ihn trugen und gestalteten.

nach Magnus Brechtken „Albert Speer, eine deutsche Karriere“ Siedler Verlag, München: 2017. p. 9, 10


Ein Kommentar

36.Station der Literaturweltreise – Russland

Lena Gorelik

„Die Listensammlerin“

Rowohlt 2013

Schon seit längerer Zeit habe ich keinen Roman gelesen, der mir so gut gefallen hat wie dieser. Hochinteressante Personen daher auch eine ebenso fesselnde wie nachdenklich machende Handlung.

Sofia heißt die Ich-Erzählerin, die mit ihrem Partner lebt und ihrer zweijährigen Tochter, die mit nur einem halben Herz geboren wurde und demnächst operiert werden soll. Außerdem gibt es eine Mutter und einen Stiefvater, eine alzheimerkranke Großmutter und einen bis vor kurzem unbekannten Onkel. Die Familie stammt aus Sankt Petersburg, der Onkel und der biologische Vater Sofias sind in einem sowjetischen Straflager verschwunden.

Sowohl Sofia als auch ihr mysteriöser Onkel haben die Gewohnheit ihr Leben in Listen zu sammeln. DA gibt es so ungewöhnliche Listen wie „typische Sätze von X“, „Alles was ich über Grischa weiß“, „Männer mit schönen Händen“ und hunderte mehr. Es klingt wie eine wesentlich verfeinerte und differenziertere Form eines Bullet-Journals.

Jedenfalls hat mich das Buch so fasziniert, dass ich in die Bücherei geeilt bin und weitere drei Romane und einen soziologischen Essay von Lena Gorelik mitgenommen habe. Freu mich schon drauf!

Hier kann man meine Literaturreise verfolgen