la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Donnerstag 30.1.20.

Was also habe ich jetzt aus dem Schreiben von „Kälte“ und den Kommentaren dazu gelernt ? Na, eine ganze Menge. Ich will das jetzt hier aber nicht auflisten sondern in den nächsten Text einfließen lassen. Nur ein paar allgemeine Dinge.

Sehr interessant fand ich „Erich“. Ich wollte ihn eigentlich – vor allem gegen Ende-  als Verkörperung der Tatsache sehen, dass Armut und Ausgrenzung – im Gegensatz dazu, wie es in vielen Klischees vorkommt – keineswegs ein Garant für Moral und solidarisches Verhalten ist. Das ist gar nicht gelungen, weil „Obdachloser“ sofort das Klischeebild  „armer, guter, zu Unrecht ausgegrenzter  Mensch“ erzeugt. Eine Erinnerung daran, dass man beim Schreiben die höchstwahrscheinlich vorhandenen Bilder der Lesenden berücksichtigen muss oder aber den Charakter, der den allgemeinen Vorstellungen nicht entsprechen soll sehr sorgfältig herausarbeiten muss. Sorgfalt ist leider nicht meine allergrößte Stärke.

Was mich freut, ist, dass ich langsam wirklich Lust dazu bekomme glaubwürdige Figuren zu erfinden. Womöglich ist es wirklich ein Weg zuerst die Figuren zu „schaffen“ und sie dann in Kontakt und Verbindung zueinander zu bringen. Klingt ziemlich faszinierend und nach einem „work in progress“.

Morgen beginnen für mich die Semesterferien.


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„Kälte, die Happy-end-Version“ SP20 #3b

Elisabeth saß auf der Parkbank neben Erich. Es war Erichs Bank. Hier verbrachte er den Tag, hier sortierte er gerne seine Besitztümer in verschiedene Behälter und Tragtaschen, im Sommer schlief er hier auch manchmal. Die Lage fand er ideal: im vorderen Bereich eines Parks, neben einem Eingang zur U-Bahn für die ganz kalten Tage und gegenüber ein Supermarkt mit großen Containern in denen täglich eine Überfülle an Esswaren landete. Die Angestellten ließen die Tore zum Müllplatz manchmal unversperrt, aber darauf war Erich nicht angewiesen. Er hatte es über viele Wege und Windungen aus seinem alten Leben zu einem Schlüssel zu dem üppigen Müllplatz gebracht. Eigentlich war er das, was man in der Leistungsgesellschaft einen tüchtigen Menschen nannte. Er schöpfte die begrenzten Möglichkeiten seiner aktuellen Lage voll aus.

Die junge Frau, die uneingeladen aufgetaucht war, kannte er schon seit ein paar Monaten. Als sie sich das erste Mal auf seine Bank setzte, wollte er grob werden und seine Besitzansprüche ganz deutlich machen, aber sie schlotterte vor Kälte und war nicht in der Lage weiterzugehen. Seltsam sah sie aus für einen Platz auf dieser Parkbank. Seltsam war auch, dass ihr Schüttelfrost langsam aufhörte, dass sie nach einer Weile sogar ihre Jacke auszog, den langen Schal über die Lehne der Bank hängte. Die Handschuhe landeten in ihrer Tasche und sie schaute sich um.

In der näheren Umgebung war Erich nicht der einzige Parkbankbewohner. Etwas weiter hinten hatten Marianne und Oskar zwei Bänke nahe nebeneinander geschoben und ihren Einkaufswagen aus dem Supermarkt dazwischen geparkt. An manchen Tagen wurden die Bänke von einem Parkaufseher oder sonst jemandem wieder auseinandergestellt. Es blieb nicht lange so.

Mit etwas gutem Willen und großzügiger Auslegung des Begriffs konnte man Marianne und Oskar als Paar bezeichnen. Beide waren sie auf ihre Art verschroben und eigenbrötlerisch und kamen selten mit jemandem länger aus. In ihrer Beziehung zueinander machten sie da gelegentlich eine Ausnahme. Wenn sie auch nicht gerade ein harmonisches Paar waren, so fanden sie doch immer wieder zusammen und es gab auch Tage an denen sie gemeinsam Erich besuchten und zu dritt die nächtlichen Erwerbungen aus den Supermarktcontainern genossen. So viel sozialer Umgang reichte ihnen dann aber für eine Weile und oft zogen sie dann auch getrennt durch andere Bezirke.

Elisabeth erinnerte sich gut an diesen ersten Tag auf der Parkbank. Sie brauchte eine Weile bis sie Erichs unfreundliche Blicke bemerkte. Die Kälte hatte sie völlig eingeschlossen, von der Welt isoliert. Ihre Knochen und Gelenke fühlten sich an wie vereist und nahe am  Splittern. Sie hatte so stark gezittert, dass sie sich kaum noch in der Lage gefühlt hatte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, nicht einmal für die wenigen Schritte, die vor ihr lagen. So fiel sie auf die Parkbank und klammerte sich an die Lehne in der Hoffnung das Zittern dadurch etwas einzudämmen. Und wirklich wurde ihr nach einer Weile langsam immer wärmer, eine Energiewelle durchflutete ihren Körper, ihre Temperatur stieg an, Muskeln und Sehnen wurden wieder geschmeidiger. Sie begann sich umzusehen. Und nach einer Weile hatte sie sich so gut aufgewärmt, dass sie weitergehen konnte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit erschien ihr der Marmorboden ihrer Eingangshalle nicht als unendliche, kalte Fläche, die sie wie eine Polarforscherin mit letzter Kraft durchqueren musste. Sie sah wieder die feine rosa-graue Marmorierung im weißen Stein und die schönen Proportionen des Raums, der Schwung des Jugendstil-Geländers der Treppe in den ersten Stock fiel ihr auf und die Schattenmuster an den Wänden der Galerie. Sie war zuhause und es war ihr nicht kalt.

Doch nach ein paar Tagen war alles wie vorher, die Kälte hatte sie wieder eingeholt. Der Schüttelfrost kam immer wieder, unter mehreren Daunendecken und mehreren Schichten von Bekleidung bei 25 Grad im Raum fror sie auch nachts erbärmlich.

Bei den zahlreichen Untersuchungen, die sie in den letzten Wochen absolviert hatte, konnte nichts weiter festgestellt werden als eine starke Untertemperatur, deren Ursache nicht geklärt werden konnte. Die Kälte war schlimm, noch schlimmer war, dass ihre Beziehungen und Kontakte zu anderen Menschen immer weniger wurden, dass die Kälte sie in jeder Hinsicht isolierte.

Auf ihrem Weg von der Privatklinik, auf die sie so große Hoffnungen gesetzt hatte, bis zum Parkplatz wo ihr Auto mit oder ohne Chauffeur auf sie wartete, musste sie den Park mit Erichs Bank durchqueren. Mehrmals schon hatte sie sich zu ihm gesetzt und jedes Mal trat der unerklärliche Erwärmungseffekt ein, der dann ein paar Tage andauerte. War die Erwärmung auf die Klinik zurückzuführen? Das konnte nicht sein, denn dort wurden nur Untersuchungen durchgeführt. Zufälle, deren Ursache nicht ergründet werden konnten? Zyklische Vorgänge im Organismus? Oder vielleicht doch der Park, die Bank, der Obdachlose? War es aber der Ort, oder die konkrete Person, oder jeder Obdachlose?

Elisabeth suchte verzweifelt nach Lösungen. Die Medizin hatte ihr nichts zu bieten, so wendete sie sich der Psychologie zu und konsultierte mehrere Größen auf diesem Gebiet. „Überschießende Psychosomatik“, „extreme Empathie“. Diese Diagnosen halfen ihr nicht weiter. Das Angebot eines Psychoanalytikers in Therapiesitzungen zwei- oder dreimal die Woche ihre Kindheit zu durchforsten, lehnte sie ab. Sie brauchte schnellere Lösungen.

Als junger Erbin eines sehr beträchtlichen Vermögens, die obendrein gerade ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hatte, boten sich ihr ebenso weit gefächerte wie interessante Einstiegsmöglichkeiten ins Berufsleben. Theoretisch zumindest. Als ständig vor Kälte zitternder junger Frau, die darauf angewiesen war in regelmäßigen Abständen, ja, was eigentlich zu tun, um ihre Körpertemperatur zu halten, boten sich ihr nur sehr wenige Möglichkeiten und keine davon gefiel ihr.

Monatelang besuchte Elisabeth Erich regelmäßig. Er war einer der ganz wenigen Menschen, die sie noch regelmäßig sah. Die Kälte und die Verzweiflung lähmten sie lange, aber Elisabeth war eine strukturierte, systematisch vorgehende Frau und als ihre Lebensgeister zurückkehrten, begann sie  in der ganzen Stadt nach Obdachlosen zu suchen und Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Sie hörte viele Lebensgeschichten, musste aber auch feststellen, dass keiner der vielen Menschen, die sie mehr oder weniger kennenlernte die gleiche starke Wirkung auf sie hatte wie Erich. Aber die Wirkung war kumulativ, hatte sie eine kleine Gruppe von Obdachlosen um sich, so wurde ihr ebenso warm wie wenn sie eine Stunde bei Erich war.

Ihre Erleichterung war unendlich. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was hätte sein können, wenn nur Erich zwischen ihr und der Kälte gestanden wäre.

Das Gebäude, das Elisabeth sorgfältig ausgesucht hatte, war völlig renoviert worden. Es verfügte über Schlafplätze, Sanitäranlagen, eine Küche mit Speisesaal, Aufenthaltsräume und ein Lager für Bekleidung. Mehrere Angestellte kümmerten sich um die Organisation dieses neuen Obdachlosenheims und seine Besitzerin und Geschäftsführerin Elisabeth kam, ebenso wie viele Obdachlose, regelmäßig vorbei um sich zu wärmen.


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„Kälte, die dunkle Version“- SP20 #3a

Elisabeth saß auf der Parkbank neben Erich. Es war Erichs Bank. Hier verbrachte er den Tag, hier sortierte er gerne seine Besitztümer in verschiedene Behälter und Tragtaschen, im Sommer schlief er hier auch manchmal. Die Lage fand er ideal: im vorderen Bereich eines Parks, neben einem Eingang zur U-Bahn für die ganz kalten Tage und gegenüber ein Supermarkt mit großen Containern in denen täglich eine Überfülle an Esswaren landete. Die Angestellten ließen die Tore zum Müllplatz manchmal unversperrt, aber darauf war Erich nicht angewiesen. Er hatte es über viele Wege und Windungen aus seinem alten Leben zu einem Schlüssel zu dem üppigen Müllplatz gebracht. Eigentlich war er das, was man in der Leistungsgesellschaft einen tüchtigen Menschen nannte. Er schöpfte die begrenzten Möglichkeiten seiner aktuellen Lage voll aus.

Die junge Frau, die uneingeladen aufgetaucht war, kannte er schon seit ein paar Monaten. Als sie sich das erste Mal auf seine Bank setzte, wollte er grob werden und seine Besitzansprüche ganz deutlich machen, aber sie schlotterte vor Kälte und war nicht in der Lage weiterzugehen. Seltsam sah sie aus für einen Platz auf dieser Parkbank. Seltsam war auch, dass ihr Schüttelfrost langsam aufhörte, dass sie nach einer Weile sogar ihre Jacke auszog, den langen Schal über die Lehne der Bank hängte. Die Handschuhe landeten in ihrer Tasche und sie schaute sich um.

In der näheren Umgebung war Erich nicht der einzige Parkbankbewohner. Etwas weiter hinten hatten Marianne und Oskar zwei Bänke nahe nebeneinander geschoben und ihren Einkaufswagen aus dem Supermarkt dazwischen geparkt. An manchen Tagen wurden die Bänke von einem Parkaufseher oder sonst jemandem wieder auseinandergestellt. Es blieb nicht lange so.

Mit etwas gutem Willen und großzügiger Auslegung des Begriffs konnte man Marianne und Oskar als Paar bezeichnen. Beide waren sie auf ihre Art verschroben und eigenbrötlerisch und kamen selten mit jemandem länger aus. In ihrer Beziehung zueinander machten sie da gelegentlich eine Ausnahme. Wenn sie auch nicht gerade ein harmonisches Paar waren, so fanden sie doch immer wieder zusammen und es gab auch Tage an denen sie gemeinsam Erich besuchten und zu dritt die nächtlichen Erwerbungen aus den Supermarktcontainern genossen. So viel sozialer Umgang reichte ihnen dann aber für eine Weile und oft zogen sie dann auch getrennt durch andere Bezirke.

Elisabeth erinnerte sich gut an diesen ersten Tag auf der Parkbank. Sie brauchte eine Weile bis sie Erichs unfreundliche Blicke bemerkte. Die Kälte hatte sie völlig eingeschlossen, von der Welt isoliert. Ihre Knochen und Gelenke fühlten sich an wie vereist und nahe am  Splittern. Sie hatte so stark gezittert, dass sie sich kaum noch in der Lage gefühlt hatte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, nicht einmal für die wenigen Schritte, die vor ihr lagen. So fiel sie auf die Parkbank und klammerte sich an die Lehne in der Hoffnung das Zittern dadurch etwas einzudämmen. Und wirklich wurde ihr nach einer Weile langsam immer wärmer, eine Energiewelle durchflutete ihren Körper, ihre Temperatur stieg an, Muskeln und Sehnen wurden wieder geschmeidiger. Sie begann sich umzusehen. Und nach einer Weile hatte sie sich so gut aufgewärmt, dass sie weitergehen konnte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit erschien ihr der Marmorboden ihrer Eingangshalle nicht als unendliche, kalte Fläche, die sie wie eine Polarforscherin mit letzter Kraft durchqueren musste. Sie sah wieder die feine rosa-graue Marmorierung im weißen Stein und die schönen Proportionen des Raums, der Schwung des Jugendstil-Geländers der Treppe in den ersten Stock fiel ihr auf und die Schattenmuster an den Wänden der Galerie. Sie war zuhause und es war ihr nicht kalt.

Doch nach ein paar Tagen war alles wie vorher, die Kälte hatte sie wieder eingeholt. Der Schüttelfrost kam immer wieder, unter mehreren Daunendecken und mehreren Schichten von Bekleidung bei 25 Grad im Raum fror sie auch nachts erbärmlich.

Bei den zahlreichen Untersuchungen, die sie in den letzten Wochen absolviert hatte, konnte nichts weiter festgestellt werden als eine starke Untertemperatur, deren Ursache nicht geklärt werden konnte. Die Kälte war schlimm, noch schlimmer war, dass ihre Beziehungen und Kontakte zu anderen Menschen immer weniger wurden, dass die Kälte sie in jeder Hinsicht isolierte.

Auf ihrem Weg von der Privatklinik, auf die sie so große Hoffnungen gesetzt hatte, bis zum Parkplatz wo ihr Auto mit oder ohne Chauffeur auf sie wartete, musste sie den Park mit Erichs Bank durchqueren. Mehrmals schon hatte sie sich zu ihm gesetzt und jedes Mal trat der unerklärliche Erwärmungseffekt ein, der dann ein paar Tage andauerte. War die Erwärmung auf die Klinik zurückzuführen? Das konnte nicht sein, denn dort wurden nur Untersuchungen durchgeführt. Zufälle, deren Ursache nicht ergründet werden konnten? Zyklische Vorgänge im Organismus? Oder vielleicht doch der Park, die Bank, der Obdachlose? War es aber der Ort, oder die konkrete Person, oder jeder Obdachlose?

Elisabeth suchte verzweifelt nach Lösungen. Die Medizin hatte ihr nichts zu bieten, so wendete sie sich der Psychologie zu und konsultierte mehrere Größen auf diesem Gebiet. „Überschießende Psychosomatik“, „extreme Empathie“. Diese Diagnosen halfen ihr nicht weiter. Das Angebot eines Psychoanalytikers in Therapiesitzungen zwei- oder dreimal die Woche ihre Kindheit zu durchforsten, lehnte sie ab. Sie brauchte schnellere Lösungen.

Als junger Erbin eines sehr beträchtlichen Vermögens, die obendrein gerade ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hatte, boten sich ihr ebenso weitgefächerte wie interessante Einstiegsmöglichkeiten ins Berufsleben. Theoretisch zumindest. Als ständig vor Kälte zitternder junger Frau, die darauf angewiesen war in regelmäßigen Abständen, ja, was eigentlich zu tun, um ihre Körpertemperatur zu halten, boten sich ihr nur sehr wenige Möglichkeiten und keine davon gefiel ihr.

Monatelang besuchte Elisabeth Erich regelmäßig. Er war einer der ganz wenigen Menschen, die sie noch regelmäßig sah. Sie begann damit, ihm kleine Geschenke mitzubringen, weil sie Angst bekam, er könnte irgendwann nicht da sein, wenn sie ihn brauchte. Jeder Zweifel, den sie jemals gehabt hatte, dass ihm ihre Aufwärmung zu verdanken war, hatte sich verflüchtigt. Elisabeth war eine strukturierte, systematisch vorgehende Frau und hatte in der ganzen Stadt nach Obdachlosen gesucht und Kontakt mit ihnen aufgenommen. Doch kein einziger von ihnen, wärmte sie durch seine bloße Gegenwart, wie Erich das tat.

Irgendwann saßen sie nicht mehr nur schweigend nebeneinander, sondern erzählten  einander ihre Geschichten. Auch Oscar kam manchmal dazu und wäre Elisabeth aufmerksamer gewesen, so hätten ihr die Blicke, die die beiden manchmal tauschten nicht gefallen.

Erichs Alter war aufgrund seiner verwahrlosten Erscheinung schwer zu bestimmen, irgendwo zwischen vierzig und fünfzig. Er nahm für sich in Anspruch völlig schuldlos von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden und was er über sein Leben erzählte, beschränkte sich darauf, was andere getan und ihm angetan hätten. Oscar dagegen war alkoholkrank und hatte dadurch die Kontrolle über sich und sein Leben langsam verloren und war schließlich nach einer Scheidung und dem Verlust seines Arbeitsplatzes auf der Straße gelandet. Erich trank nicht und wusste auch immer sehr genau, was er tat. Auch Elisabeth erzählte. Und alles, was sie zu erzählen hatte, hätte vielleicht auch bei gefestigteren Charakteren als Erich und Oscar es waren, Begehrlichkeiten geweckt.

Ihr war nicht kalt, als sie frühmorgens das schmierige Hotel verließ, in dem sie mit Erich und Oscar eine alptraumhafte Nacht verbracht hatte. Sie wiederholte sich immer wieder, dass ihr nicht kalt war und dass sie irgendwie eine Lösung finden würde. Irgendwie musste sie Erich loswerden aber die positive Wirkung, die er auf sie hatte gleichzeitig behalten. Sie saß in ihrem kürzlich renovierten blau-weißen Esszimmer mit Blick auf den Garten, in dem zwei Gärtner arbeiteten und starrte mit leerem Blick auf die Rosen. „Und vergiss nicht nächstes Mal das Geld mitzubringen“ hatte ihr Erich noch nachgerufen „200.000“

 


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Schreibprojekt 2020

Gefühlt ewig habe ich mit dem Text „Kälte“ verbracht. Die Idee war einfach und ich hätte nie gedacht, dass sich die Sache so lange dahinziehen würde.

Die Schwierigkeit war das Ende. Ich sah drei verschiedene Möglichkeiten und konnte mich nicht entscheiden, wie die Sache nun ausgehen sollte. Daher habe ich zwei verschiedene Versionen des Endes geschrieben, eine tragisch-ausweglose und eine mit Happy-end. Zuerst kommt die finstere Version, dann die positive.

Gekämpft habe ich mit meiner mangelnden Disziplin. Die Figuren wären alle sehr ausbaufähig, nur haben sie mich letztlich nicht ausreichend fasziniert um ihnen noch ein paar tausend Wörter zu widmen. Eine Weile gefeilt habe ich auch an den Zeitverhältnissen am Anfang des Textes. Sieht  ganz einfach aus, war es aber nicht.

Womit ich mich gerne beschäftigen möchte, ist der Aufbau einer längeren Geschichte. Einfach linear zu erzählen von Anfang bis Ende ist auch eine Möglichkeit, vor allem bei sehr kurzen Texten, ist aber auf die Dauer langweilig, zum Lesen und zum Schreiben. Es braucht zumindest ein paar Schleifen oder verschiedene Zeitebenen, oder verschiedene Erzählperspektiven mit parallel laufenden Handlungen.

Oder, oder, oder ……..


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Betrachtungen zu meinem Schreibprojekt 2020

Sehr kurze Texte, wie die 300-Wörter-Etüden sind einfach zu schreiben, vieles wird nur angedeutet, kann nur angedeutet werden, komplexere Zusammenhänge können gar nicht ausgeführt werden. Aus einer kleinen Idee kann man einen kompakten, kohärenten Text machen. Es ist auch interessant zu sehen, was man mit wenigen Worten transportieren kann. Auf jeden Fall ist es eine Übung für eindeutige Formulierungen und für die sprachliche Vereinfachung von Komplexität

Wird der Text länger, so tauchen Kreuzungen und Scheidewege auf. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, ob die Dinge sich nun so oder so verhalten, die Personen müssen glaubwürdig agieren, es taucht die Idee auf, einen weiteren Handlungsstrang zu entwerfen und mit dem Hauptstrang zu verflechten. Insgesamt muss zumindest ich dabei viel mehr denken als bei einem Minitext, den ich ohne Planung  herunterschreibe.

Es stellt sich die Frage, was mir nun mehr Freude macht. Das ist noch nicht entschieden. Mir kommt vor, dass es sich um ziemlich verschiedene Schreib-Tätigkeiten handelt. Ich bastle an einem Text namens „Kälte“ und weiß noch nicht recht, wie kompliziert ich ihn anlege und wie genau sich das Grundproblem lösen lässt. Vieles kann auch in der Schwebe bleiben bzw der Phantasie der Lesenden überlassen, aber nicht allzuviel, es soll ja nicht ein Rätsel sondern eine Geschichte herauskommen.

Was mich auch sehr interessiert, ist, wie sich die Ideen für eine Geschichte aus dem eigenen Alltag entwickeln.


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Im Museum – SP2 – Real-Surreal

Peinlich war es mir, so wenig von Richard Gerstl gehört zu haben. Immerhin der erste österreichische Expressionist, vor Schiele, vor Kokoschka. So nutzte ich die Gelegenheit, eine Gerstl-Ausstellung im Leopold Museum sehen zu können. Eine Gerstl-Ausstellung, wohlgemerkt, nur Gerstl, keine Gefahr und  ein hoffentlich harmloser Maler mehr, dessen Bilder ich mir gelegentlich ansehen könnte Vorsichtshalber studierte ich das Bild auf dem Ausstellungsplakat nochmal genau . Es kann nicht dieselbe Wirkung haben wie ein Original, aber es hilft mir doch. Ja, wie erwartet, ich kann es lange ansehen, ja, es ist recht interessant, der Pinselstrich, der Ausdruck, und ich stehe ganz solide, wie andere Leute auch und betrachte ein Bild. Dann kann ich weitergehen zum nächsten Bild, ein Video über den Maler sehen, weitere Bilder sachkundiger betrachten, einen Stopp in der Cafeteria machen, einen Katalog kaufen. Ein völlig normaler Museumsbesuch wie früher.

Schön ist das Leopold-Museum im Wiener Museumsquartier, ein Gebäude, das konzipiert wurde um Kunst auszustellen. Ich bin hier um mir Gerstl anzusehen. Es ist schon sehr gewagt, aber die Ausstellung ist nur in einem Stockwerk. Direkt vom Eingang dorthin und wieder zurück, ohne Umwege.

Panik! Wieso hängt hier ein Munch?  Nur schnell vorbei! Gerade noch geschafft. Ich lasse mich im nächsten Saal auf die Bank fallen. Indigniert schaut mich ein junges Paar an, beide mit dem Audio-Guide am Ohr, beide konzentriert lauschend und schauend. Eben Leute, die sich an einem Ausstellungsbesuch erfreuen können. Im nächsten Saal ein Paar Figurendarstellungen von Gerstl, die mir zum Glück überhaupt nichts sagen, ein paar Landschaftsbilder vom Traunsee, die mir recht gut gefallen. Aber der Munch hat mich erschreckt, eines von den Vampirbildern. Besser wird es sein, ich gehe jetzt. Nicht nur einen Munch habe ich gesehen auch Werke von anderen Malern. Warum habe ich nur nicht daran gedacht, dass es im Kunstbetrieb gerade üblich ist, möglichst viele Referenzwerke zu dem eigentlichen Ausstellungsthema dazuzuhängen. Hoffentlich komme ich hier gut hinaus. Mein Gott, Expressionismus!

Ich visiere den nächsten Saal an. Zurückgehen hat jetzt keinen Sinn mehr, ich weiß ja wo der Munch hängt. Also in die andere Richtung. Durch den Torbogen sehe ich, dass im nächsten Saal Portraits hängen. Wahrscheinlich von Gerstl. So gut kenne ich ihn nicht, dass ich das von weitem sehen könnte. Portraits, keine Figuren, keine Akte, vielleicht schaffe ich es. Ich beschließe ganz schnell und zielgerichtet durch den Saal durchzugehen, auf der anderen Seite hinaus, dort ist die Garderobe. Gerettet wäre ich für heute. Ich gehe also geradeaus, schaue nicht rechts noch links, nur den Ausgang im Blick. Nur ein paar Schritte stur geradeaus. Dann kommt mir jemand entgegen, der auch nur einen Punkt irgendwo hinter mir anvisiert hat, wir stoßen zusammen, durch den Schwung drehe ich mich gegen die Wand neben dem Eingang, die ich von draußen nicht sehen konnte und dort hängt Egon Schiele „Selbstbildnis mit hochgezogener nackter Schulter“ 1912.

Ein Schiele und ich stehe direkt davor, und er zieht und zieht und es ist zu spät …

Er hat ein Bein über mich gelegt und schläft auf dem Bauch. Ich versuche unter ihm herauszukommen. „Egon“ rufe ich „Egon“. Der Morgen graut und womöglich ist es ein Morgen im Jahr 1918 und die spanische Grippe greift schon nach uns. Bin ich diesmal Wally Neuziel oder Edith Schiele oder eine ganz andere? Was passiert, wenn ich hier sterbe?  Edith Schiele war schwanger und starb ein paar Tage vor ihrem Mann. Und Wally Neuziel? Ich weiß es nicht. Das hätte ich doch vorsichtshalber herausfinden können bevor ich mich ins Leopold-Museum gewagt habe. Hier hängt die weltweit größte Schiele-Sammlung. Was für ein Wahnsinn, hierher zu kommen. Nach allem. Was für ein Wahnsinn !

Im Hintergrund höre ich das Martinshorn einer Ambulanz. Haben die damals schon genauso geklungen? Jemand packt mich an den Schultern und zieht mich hoch. Aber wohin? Es ist  nicht Egon. Egon sieht seltsam durchscheinend und unwirklich aus, schläft immer noch und hält mich fest, so dass ich mich nicht bewegen kann.

„Wie geht es Ihnen? fragt jemand. Kann das Egon sein? Nein, der hat sich nicht bewegt und würde doch auch nicht „Sie“ sagen, oder? „Können Sie mich hören?“  „Natürlich“ will ich sagen, aber es geht nicht. Das Bild mit der hochgezogenen Schulter sehe ich auch. Warum der Egon es nicht in seinem Atelier hängen hat? Komisch. Vielleicht ist es gerade fertig geworden und er wollte es mir zeigen. Dann wären wir 1912 und es blieben mir sechs Jahre um mich von hier zu befreien. Dann wäre ich doch die Wally, mit der er bis 1915 gelebt hat? Und was ist dann mit mir passiert, während des Kriegs und später während der Grippeepidemie?

Was ist jetzt los, wer sind denn diese Leute? Wieso sind sie alle hier in unserem Schlafzimmer und greifen mich an? „Egon“ rufe ich „Egon, so wach doch auf!“ Ich sehe ihn kaum noch.

Wie komme ich nur aus diesem Museum, dieser Zeit, diesem Leben hinaus?


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Betrachtungen zum Text Nr.2

Wie es aussieht, wird sich mein Schreiben nach ähnlichem Prinzip wie mein Malen abspielen: kein Plan, einfach einmal drauflos. An einem Punkt beginnen und daraus das Ganze entwickeln ohne dass vorher klar ist, wohin die Richtung geht. Und wenn ich einmal einen Plan habe, wie bei der folgenden  Museumsgeschichte, sieht das Ergebnis letztlich völlig anders aus.

Dies sollte eine Fantasy-Geschichte werden, weil ich fand, dass das ein einfacher Einstieg wäre. Es ist anders geworden, ich bin aber zufrieden mit dem Ergebnis. Immer bilde ich mir ein, ich könnte doch die Dinge nicht einfach so laufen lassen, wie sie laufen, sondern müsste einen Plan und ein Konzept und eine theoretische Grundlage haben. Gar nix muss ich! Die Phantasie oder Kreativität oder wie immer man diese Kraft nennen mag, funktioniert von selbst. Man muss sie nähren, mit Sinneseindrücken, Informationen, Überlegungen aber die Ausformung funktioniert irgendwie von selbst.

Und warum sollte ich mich – gegen meine Natur – um eine Vorgangsweise bemühen, die für andere gut und schlüssig sein mag, für mich aber schlecht funktioniert. Was habe ich nicht diesbezüglich für Kriege mit meiner Malmeisterin ausgetragen! Letztlich habe ich bei der Auseinandersetzung viel gelernt, nur nicht das, was sie mir unbedingt vermitteln wollte. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, wie andere an ein Bild herangehen und meistens festgestellt, dass es mir so gar keine Freude macht und ich auch ganz schlecht bin bei der Erstellung eines Konzepts für einen kreativen Vorgang. Der Weisheit letzter Schluss für mich war, dass ich darauf pfeife, was andere Leute – inklusive der Malmeisterin – tun und vorschlagen und nach meinem eigenen Gefühl vorgehe. Ja, und was dabei herauskommt, hat mir nicht nur mehr Freude gemacht sondern ist auch besser als das Fremdbestimmte.

Beim Schreiben ist es insofern anders, als es da niemanden gibt, der/die mir dreinreden wollte. Womöglich wäre ein Schreibseminar oder etwas in die Richtung gar nicht das richtige für mich. Womöglich würde ein sogenannter Schreibanstoß bei mir ähnliche Aggressionen wecken wie die Übungsvorgabe „malen wie …  (irgendein Maler)“ Meine Malmeisterin liebt es, im Stil von irgendjemandem zu malen. Ich kann das gar nicht leiden. Ein bisschen konstruktive Kritik wäre natürlich schön …