Schlagwort: Literatur –

Reisen in 199 Länder dieser Erde

Meine Literaturweltreise begann auf Anregung von Yvonne   im Jänner 2017, geht also nun im Jänner 2021 ins fünfte Jahr und es ist noch kein Ende abzusehen.

Auf der Liste, die ich verwende, stehen 199 Länder, von denen ich ungefähr fünfzig „bereist“ habe. „Ungefähr“ deswegen, weil sich meine Seite dazu (zu finden unter Menü)  gerade als work in progress darbietet. So ein Lockdown ist der ideale Zeitpunkt für strukturierende Arbeiten auf dem Blog.

Was ich leider immer noch nicht gefunden habe, ist eine vernünftige Weltkarte auf der man Länder einfärben oder sonstwie markieren kann. Ich hatte zunächst eine solche Karte, die aber nur extrem mühsam funktioniert, weil man jedesmal, wenn man ein neues Land markieren möchte, von Null anfangen und alle Länder wieder neu eingeben muss. Ich bin auf der Suche nach einem anderen Modell. Bitte um Info, falls jemand so eine Karte ausprobiert hat.

In vier Jahren habe ich also ungefähr ein Viertel aller Länder dieser Erde besucht. Das ist nicht überwältigend viel, aber ich lese auch noch anderes und manche Länder habe ich auch mehrmals bereist, weil mir mehrere interessante Autor*innen untergekommen sind. Mehr als maximal vier Beiträge pro Land wird es aber nicht geben   Es kommt immer wieder vor, dass Länder umbenannt werden, dass neue Staaten entstehen. Ich halte mich an meine 199 Länder. Sollte ich lesend irgendwo unterwegs sein, wo solche geo-politischen Umwälzungen stattfinden, werde ich mir überlegen, wie ich damit umgehe.

Der ursprüngliche Plan war, Werke von Autoren aus dem jeweiligen Land oder Literatur jeder Art über das jeweilige Land zu lesen. Im Lauf der Zeit gab es bei Yvonne manchmal zusätzlich kulinarische Beiträge zu manchen Ländern. Ich habe meine Literaturstationen um „Kunststationen“ bereichert, also Berichte über Ausstellungen bzw Austellungskataloge.

Für manche Länder ist es nicht so einfach ein literarisches Werk zu finden. Etwa für kleine Inseln, die aber unabhängige Staaten sind zB Tonga oder Tuvalu. Aber mit Geduld und Interesse werde ich schon fündig werden.

Nachdem derzeit das Reisen nicht so einfach ist, schätze ich es ganz besonders „wenigstens“ literarisch unterwegs zu sein. „Wenigstens“ passt eigentlich gar nicht, denn aus Kunst und Literatur erfährt man viel und es gibt ja durchaus auch gar nicht so wenige Länder, in denen ich mich – aus verschiedenen Gründen – physisch gar nicht aufhalten möchte.

Derzeit bin ich in der Karoo, in Südafrika unterwegs.

56. Station der Literaturweltreise – Neuseeland

Ein absolut faszinierendes Buch, von Anfang bis Ende.

Im Vorwort schreibt die Autorin, wie schwierig es war, einen Verleger zu finden für diesen Roman, an dem sie 12 Jahre geschrieben hatte und den sie so vollendet fand, dass sie nicht bereit war, irgendetwas daran zu ändern. Viele Verleger fanden ihn aber „zu umfangreich, zu sperrig, zu anders, verglichen mit der normalen Form des Romans. Ein Glück, dass sie nicht aufgegeben hat ! 1985 gewann sie den Booker-Preis. Heute gibt es eine deutsche Übersetzung des Romans in einem Fischer-Taschenbuch

Drei Protagonisten erleben wir. Eine Malerin, die sich mit ihrer Familie entzweit und auch den Zugang zu ihren künstlerischen Schöpfungsprozessen verloren hat, ein Mann, der zwischen zwei Kulturen lebt und ein Kind, der einzige Überlebende einer Schiffskatastrophe dessen Herkunft unbekannt ist. Diese drei Menschen, die sich zufällig getroffen haben, nähern sich einander, vergrößern die Abstände wieder, tanzen Spiralen und Kreise umeinander. Alle drei sind in der einen oder anderen Weise von ihren Wurzeln abgeschnitten, alle drei suchen nach Zusammengehörigkeit und finden sie nur in kurzen Augenblicken

Die äußeren Elemente der Handlung lassen sich in drei Sätzen zusammenfassen, die schwierigen manchmal verzweifelten Beziehungen zwischen den Protagonisten nicht.

Was mich so besonders fasziniert hat, ist Keri Hulmes Sprache, die Bilder, die sich gegenseitig zu inspirieren scheinen. Große und tiefe Bilder, die ineinander übergehen, dazwischen banalste Dialoge und sehr viele innere Monologe. Es ist nicht immer auf den ersten Blick klar, wer da gerade spricht.

Das Buch beginnt mit einem Prolog unter dem Titel „Das Ende am Anfang“. Tatsächlich werden in diesem Prolog die drei Protagonisten eingeführt. Das weiß man als Leser*in aber erst später. Ein kleines Zitat aus dem Prolog:

„Sie waren für sich selbst, nichts weiter als Menschen.
              Auch in Paaren, gleich wie gepaart, wären sie für sich selbst nichts weiter gewesen als Menschen. Aber alle zusammen sind sie Herz, Muskeln und Geist von etwas Gefährlichem und Neuen geworden, von etwas Seltsamen und Wachsenden und Großen.
             Zusammen, alle zusammen sind sie die Werkzeuge der Veränderung.“ p.17

Die Autorin und die Protagonistin Kerewin haben Maori-Vorfahren und der zweite erwachsene Protagonist, Joe stammt aus einer Maorifamilie. Dadurch erfährt man einiges über das Volk der Maori und deren Stellung im modernen Neuseeland. Die beiden erwachsenen Protagonisten kommen auch gegen Ende des Romans unabhängig voneinander mit Maori-Mystik in Berührung, was sich für beide sehr positiv auswirkt. Sehr interessant fand ich auch, dass in den Dialogen durchgehend Teile in der Maorie-Sprache*) stehen. Es gibt dazu zwar ein Glossar, aber es ist in der Reihenfolge des Auftauchens der Wendungen sortiert und ich fand es reichlich unpraktisch. Das ist aber auch schon das einzige, was ich an diesem Buch zu bekritteln habe.

Ein großes Leseerlebnis !

 

*) aus Wikipedia:  Die Sprache wurde 2006 in Neuseeland noch von rund 157.500 Menschen gesprochen, 131.600 davon maorischer Abstammung. Bei einem Bevölkerungsanteil von rund 565.300 Māori waren 2006 also nur noch 23,3 % der Māori in der Lage, die Sprache im täglichen Leben anzuwenden.

 

Sonntag 18. Oktober 2020

Langsam richte ich mich ein, im neuen Leben und beginne mich zu fragen, wie und wann ich denn eigentlich einen eher anstrengenden Vollzeitjob in meinem Leben untergebracht habe. Die vergangene Woche etwa war in vielerlei Hinsicht turbulent und wenn ich zusätzlich zu dem, was ich gemacht habe an vier oder fünf Tagen Vormittags und Nachmittags hätte unterrichten müssen und das mit den vielen Corona-Maßnahmen im Nacken hätte ich – glaube ich – nicht alles geschafft. Gut, ich hätte schon im Vorfeld alles anders organisiert und einiges, was ich erledigt habe wahrscheinlich vor mir hergeschoben. Trotzdem finde ich es recht erstaunlich, wie schnell so eine totale Veränderung des Lebens vor sich gehen kann.

Ich habe immer noch nicht wirklich losgelassen. Nach wie vor lese ich die internen Schulmails – wenn auch nicht mehr jeden Tag – und informiere mich auf diese Art darüber, was so vor sich geht. Am kommenden Freitag bin ich mit zwei Kolleginnen verabredet, die mir das neue Schulgebäude zeigen werden.

Toni Morrison: „Beloved“ Die deutsche Übersetzung des Titels ist „Menschenkind“. Der Roman gewann den Pulitzer-Preis 1988 und ist fantastisch gut geschrieben. Es fällt mir nur schwer in die beschriebene Welt hinein zu finden, in der das Übernatürliche in Form von Geistern und wiedergeborenen Toten als selbstverständlicher Teil des Lebens genommen wird. Beeindruckend finde ich auch wie die Protagonisten mit Schicksalsschlägen umgehen, an denen es in ihrem Leben wirklich nicht mangelt.

Bei dieser Gelegenheit habe ich erfahren, dass es „slave narratives“ und „neo-slave narratives“ als Literaturgattung gibt.

Im Hinblick auf die gesellschaftlichen Umstände im 19 Jhd. der USA mussten slave narratives anders wiedergegeben werden, als es heutzutage möglich ist. Damals konnte man die Sklavenhändler, Sklavenhalter, etc. nicht als schlechte Menschen darstellen, da die slave narratives für ein weißes Publikum geschrieben wurden. Folglich kritisieren slave narratives eher das System hinter dem Sklavenhandel; die Dehumanisierung war eine Folge des Systems.

Während ein slave narrative also eher beschreibend und sachlich dargestellt ist, unterscheidet es sich von einer neo-slave narrative insofern, als dass dort die traumatischen Erlebnisse und ihre Folgen sowie das Verhalten der Sklavenhalter in ihrer gesamten Bandbreite und Brutalität dargestellt werden konnte.

Slave narratives sind auf Grund der autobiographischen Schreibweise in der Ich-Perspektive geschrieben und somit auf die Sichtweise dieser Person beschränkt, während neo slave narratives die Freiheit haben, auch in der 3. Person geschrieben werden zu können und somit nicht auf eine Sichtweise beschränkt sein müssen, somit auch deutlich objektiver sind. WIKIPEDIA

Lebensstufen

 

Julian Barnes

„Lebensstufen“

btb Verlag – deutsch: 2014

Ein tiefsinniges, lesenswertes, bedenkenswertes Buch über Ballonfahrten, Fotografieren, Lieben, Sterben und Trauern. Über Höhen und Tiefen, den technischen Fortschritt und menschliche Beziehungen.

Allein schon der erste Satz: „Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden, und die Welt hat sich verändert.“

Zunächst könnte man denken, es handle sich um eine Geschichte der Ballonfahrt, oder der Fotografie.  Höhe, Tiefe und Abbildungen werden jedoch als Metaphern verwendet um das eigentliche Thema des Buchs, die Trauer in einen größeren Rahmen zu setzten.

„Man empfindet den schmerzlichen Verlust des gemeinsamen Vokabulars, der Metaphern, Neckereien, Abkürzungen, Insider-Witze, Albernheiten, vorgeblichen Rügen, amourösen Fußnoten – all der versteckten Anspielungen, die voller Erinnerungen sind, aber wertlos, wenn man sie Außenstehenden erzählt. “ p.108

Ich möchte auch noch den Klappentext zitieren:

„Julian Barnes neues Buch handelt von Ballonfahrten, Fotografie, Liebe und Trauer. Davon, dass man zwei Menschen miteinander verbindet und sie wieder auseinanderreißt. Und von seiner Trauer über den Tod seiner Frau – schonungslos offen, präzise und zutiefst berührend.“

„Ein Taj Mahal aus Papier“ THE OBSERVER

Montag 1. Juli 19 – Höhepunkt der eigentlich schon dritten Hitzewelle

Den Siegertext des Bachmannpreises habe ich gerade gelesen, „der Schrank“ heißt er, was mich nach Fertigstellung unseres Schrankes sehr amüsiert hat. Der Text gefällt mir sehr, lustig ist er allerdings ganz und gar nicht. Es geht um das Leben im Präkariat einer jungen Frau, so jung ist sie eigentlich auch nicht mehr, sechsunddreißig. Also ein Alter, bei dem man befürchten muss, dass sich ihre Lebensumstände nicht mehr entscheidend verändern könnten. Ein gesellschaftlich sehr wichtiges Thema sei das Präkariat, sagte die Autorin. Sie war bei der Preisverleihung sehr gerührt, ob es ein autobiografischer Text ist, weiß ich nicht. Er ist jedenfalls sehr realistisch und zeigt viele Aspekte einer solchen Lebenssituation auf.

Ich freu mich darauf, die anderen Texte zu lesen. Der Ingeborg-Bachmann-Preis ist immer sehr interessant, was die Texte betrifft, mit vielen Aussagen und Eitelkeiten der Juroren kann ich meistens weniger anfangen.

Mein erster richtiger Urlaubstag ist heute, gleichzeitig der bisher heißeste Tag des Jahres, es sollen bis zu 38 Grad werden. Der Wetterbericht, den ich gerade gehört habe, tröstet die Hitzegeschädigten damit, dass demnächst keine weiteren Hitzerekorde seit Beginn der Messungen im Jahre 1767 zu erwarten sind, weil die Latte im Juli etwas höher liegt als im Juni. Wenn das kein Trost ist !

Die Urlaubsplanung sieht vor, zunächst einmal zwei völlig planungsfreie Wochen zu verbringen ……

Durch die Welt lesen in Zeiten des Klimawandels

Meine Literaturweltreise läuft derzeit sehr langsam, ist aber keineswegs beendet. Ich habe in letzter Zeit vieles gelesen, aber von Autoren aus Ländern, die auf meiner Liste alle schon vorgekommen sind, teilweise sogar mehrmals. Demnächst möchte ich daher gerne in afrikanische Länder expandieren, vielleicht auch in arabische und werde demnächst einmal auf die Suche gehen

Tatsächlich sind es bis jetzt nur 31 Länder, die ich lesend besucht habe, was nicht besonders viel ist. Meine „Reiseseite“ ist auch etwas vernachlässigt, weil es so mühsam ist, die Länder auf der Karte, die ich verwende einzutragen. Man muss jedes Mal alle löschen und alles neu eingeben. Ich habe mich aber auch noch nicht nach einer Alternative umgesehen.

Man kann sagen, dass es absurd ist, nach diesen Kriterien seinen Lesestoff auszusuchen. Mag sein, aber ich finde es auch ziemlich bereichernd, nicht nur vom literarischen Standpunkt aus. Das Eintauchen in völlig fremde Welten und Denkweisen bringt so manche Erkenntnis mit sich.

Bedauerlich ist, dass „Weltraum, Zukunft“ nicht zu den bereisten Orten gezählt wird. Da hätte ich drei Bände von Becky Chambers zu bieten, die ich kürzlich gerne gelesen habe. Erfreulicherweise haben sie dem F. auch gefallen. Japanische Bücher habe ich auch schon mehrere auf der Liste und solche aus Israel, will also die zuletzt gelesenen nicht mehr dazuschreiben.

Die erste Hitzewelle des Sommers ist ja schon da und da würden sich Bücher von den Polen anbieten, vielleicht Grönland oder Feuerland. Sibirien eignet sich schon nicht mehr. Ich habe gehört, dass dort schon der Permafrostboden auftaut und dadurch sehr gefährliche Situationen entstehen, weil Häuser einsinken und instabil werden. Wohin man schaut, der Blick fällt auf den Klimawandel …

Eine neue Lieblingsautorin

Mein zweites Buch von Lena Gorelik. Es hat mir ebenso gut gefallen wie das erste.

„Sanft in der Sprache, hart in der Sache“ müsste man für Lena Gorelik abwandeln auf „Leicht in der Sprache, tiefsinnig im Inhalt.“ Auch die Beziehung der Autorin zu ihrem literarischen Ich ist genau richtig; der Abstand ist groß genug für Selbstironie, aber niemals so groß um sich von den beschriebenen Menschen zu distanzieren.

Es geht in diesem Buch in manchmal verblüffenden Schleifen und Schlingen um jüdische Identität zwischen Russland, Deutschland und Israel im 21. Jahrhundert.

Da gibt es nur eine Empfehlung: Lesen mit Vergnügen und nachdenklichen Pausen.

Erlkönigwetter

Wieder zuhause. Die Rückfahrt hat uns durch neblige Wälder, vorbei an ansteigenden Bächen geführt. Eine unwirkliche Szenerie im Juli. Es war Erlkönig-Wetter:

(…) Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. (…)

Die Nebelstreifen lagen zwischen den dunklen Nadelbäumen, sahen manchmal wie Rauchsäulen aus, vielleicht von einem aus alten Zeiten übrig gebliebenen Köhler; sie zogen durch die Täler und verdeckten die Berge teilweise.Und schließlich inspirierten sie mich dazu die verschiedenen Deutungen des „Erlkönigs“ nachzulesen. Gruselige Sache, novembergeeignet

Auf der Strecke bis Wien wechselten sich Regen, Nebel und sogar Sonnenschein ab.

Die Stimmung am Vortag war ganz anders, viel erdiger, starker Regen, aber kein Nebel, der Geruch von feuchter Erde und feuchtem Wald. Das Getreide stand noch aufrecht, nicht vom Regen niedergedrückt und das Licht änderte sich immer wieder von drohend duster über melancholisch zu feucht-heiter.

Das Heitere möchte ich gerne herübernehmen in den Juli und August, da wird es wenig Anlass zu Heiterkeit gehen. Das Pflegen der Heiterkeit ohne Anlass ist eine hohe Kunst, in der ich mich gerne übe und mit gar nicht so schlechten Ergebnissen.

Zu den ABC-Etüden fällt mir rein gar nichts an. Vielleicht liegt das daran, dass ich sonnenbaden nicht leiden kann und mir das Thema „Bio-Diesel“ ganz fremd ist. Der Plot, der sich anbietet: „theoretisch Umwelt schützen, aber selbst ganz anders agieren“ ist schon ausgeschöpft und sonst hat sich noch nichts angeboten. Wenn es nicht fließt, dann macht es mir auch keine Freude. Vielleicht morgen, oder auch nicht.

 

KLÅGENFURT UND INGEBORG

Seit kurzem habe ich einen blog abonniert, der mir berichten wird, wie es beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt so zugeht. Zwar bin ich keine begeisterte Anhängerin der Form von Literaturkritik, die dort betrieben wird. Genau betrachtet gefällt mir der größte Teil der veröffentlichten  Literaturkritik nicht besonders. Es wird so viel geschwurbelt, dass die Texte oft völlig verschwinden hinter den Plastikschachtelsätzen. Es wird so viel hineininterpretiert, dass man meinen möchte, die Kritiker begleiteten die Schreibenden schon seit deren frühester Kindheit und kennen sie in jedem Aspekt ihrer Persönlichkeit. Vor lauter Expertise ist das besprochene Werk nicht mehr zu sehen. Nicht bei allen Kritiker*innen trifft das zu, beileibe nicht, nur bei vielen. 

Andererseits müssen bei einer Preisvergabe bzw bei einem Wettbewerb irgendwelcher Art Bewertungskriterien genannt werden. Bedauerlich ist, dass der Showcharakter der Veranstaltung überwiegen kann und publikumswirksame Eigendarstellungen der Kritiker*innen über dem respektvollen Umgang mit den Autor*innen stehen können. Ich sage bewusst „können“, denn es ist ja keineswegs immer so und vielleicht wird es heuer überhaupt ganz anders  

Und natürlich redet es sich leicht, wenn man von außen zusieht. Schließlich kann ich mir den Luxus erlauben, bei Texten wie bei Bildern nur danach zu urteilen, wie sie auf mich wirken, ob und in welcher Weise sie mich berühren, bewegen, interessieren, irgendwo hinführen und wenn nichts davon der Fall ist – nun, dann vergesse ich sie wieder und muss keine möglichst sachlichen aber im Grunde vernichtende Kritiken verfassen.

Ich werde mich bequem zurücklehnen und warten, ob mich etwas anspringt und wenn nicht, ist es auch gut

29. Station der Literaturweltreise – Kirgisien

Tschingis Aitmatov

„Kindheit in Kirgisien“

Unionsverlag Zürich 1999

ISBN: 3-293-20153-9

Kindheit und Jugend des Autors sind das Thema dieses Buchs, das außerdem ein bisschen Lyrik beinhaltet und einen etwas kuriosen dritten Teil, der sich mit seiner Tätigkeit als Landwirtschafts- und Viehzuchtexperte befasst. Man findet da etwa eine kurze Abhandlung darüber, ob man Kühe dreimal oder viermal täglich melken soll. Die Genossin Siptchenko, Melkerin in der Sowchose Frunse hat dazu einen Artikel in einer einschlägigen Zeitschrift geschrieben, in dem sie Aitmatov zu diesem Thema widerspricht.

Auch die Kindheitserinnerungen führen in völlig fremde Lebenswelten. In Aitmatows frühe Kindheit fällt die Zeit, in der die Kirgisen ihr Nomadenleben aufgaben bzw aufgeben mussten. Sie ließen sich in Kolchosen und Sowchosen nieder.

„Wenn die Bewegung zum Aufbruch einsetzt, geraten alle in eine gehobene, ja erregte Stimmung.

Die Jurten werden zusammengetragen. Die Gerätschaften werden auf Kamele, Pferde und Ochsen gepackt. Und danach bricht die ganze Gemeinschaft der Nomaden mit ihren zahlreichen Viehherden aus Steppen und Vorbergen in die Richtung der hohen schneeweißen Bergriesen auf. Sie ziehen über die Pässe hin zum Dschailoo, den sommerlichen Weidegründen im Hochgebirge.

Das Nomadenlager ist ein wohlgeordnetes System, man musste alles vorkehren  damit die Umsiedlung normal ablief und das Leben in den Bergen im Handumdrehen weitergehen konnte. Dort musste alles griffbereit sein, auf der Stelle ausgepackt, ausgebreitet und eingerichtet werden können.

Die Viehzüchter und ihre Angehörigen kommen ja an einen völlig menschenleeren Ort. Die Menschen hätten sich an diesem Platz seit langem niedergelassen und angesiedelt, wäre dort ein Leben das ganze Jahr über möglich gewesen“ p. 25

Erinnerungen an die letzten Tage des Nomadenlebens, an den Vater, der zunächst unter den Sovjets eine gute Stellung zu haben scheint, schließlich aber bei Unruhen 1937 erschossen wird. Erinnerungen an das schwierige Leben nach dem Tod des Vaters; Erinnerungen an die Mutter und die Tante Gülscha-apa.

Die kirgisischen Männer wurden massiv für den Krieg eingezogen und viele Jugendliche mussten Tätigkeiten übernehmen für die sie viel zu jung und überhaupt nicht qualifiziert waren. Aitmatov etwa wurde als Vierzehnjähriger Parteisekretär und Eintreiber der Kriegssteuer, einer seiner Freunde wurde mit sechzehn Jahren als Rektor einer Schule eingesetzt. Aitmatovs berufliches Leben gestaltete sich sehr abwechslungsreich: Nach einer Zeit als Viehzüchter besuchte er das Gorki-Literatur-Institut in Moskau und begann zu schreiben. In weiterer Folge wurde er Botschafter, zunächst Botschafter der UdSSR in Luxemburg, dann vertrat er ab Ende 1991 die aus der UdSSR entstandene Russische Föderation und schließlich 1994 wurde er zum Botschafter Kirgisiens bei der EU in Brüssel.

Die Texte sind kurz, flüssig geschrieben und führen in eine untergegangene Welt und Kultur. Aitmatov legte Wert darauf, dass seine Geschichten im Stil nicht an Niedergeschriebenes sondern an Erzähltes erinnern sollten.

Wir sagen uns Dunkles

Helmut Böttiger

„Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan“

DVA 2017

ISBN:978-3-421-04631-4

Ich wollte dieses Buch lesen, weil ich dachte, es wäre eine Gedichtesammlung und ich sowohl die Gedichte von Paul Celan als auch die von Ingeborg Bachmann sehr schätze. Tatsächlich handelt es sich um eine Doppelbiographie mit dem Fokus auf die Beziehung zwischen den beiden. Eine durchaus interessante, detailreiche Biographie aus der ich eine Menge erfuhr, nicht nur über die beiden Lyriker sondern auch über etliche andere Personen, die in ihren Leben wichtig waren sowie über finstere Seiten des Literaturbetriebs. Die erste Begegnung zwischen Celan und Bachmann fand in Wien statt, was mir das Lesen der biographischen Daten erleichterte, weil ich viele der erwähnten Personen zumindest dem Namen nach kenne.

Die Liebesbeziehung zwischen Celan und Bachmann war nicht nur unkonventionell sondern auch äußerst schwierig bis sie völlig unmöglich wurde. Ein ständiges Hin und Her zwischen Anziehung und Ablehnung, kurze gemeinsame Zeiten, dann wieder langes Schweigen und Entfremdung. Bachmann lebte zum Zeitpunkt der ersten intimen Begegnung mit Celan mit Hans Weigel zusammen. Celan heiratete kurz nach einem zweiten gescheiterten Versuch mit Bachmann zusammenzuleben Gisèle de Lestrange. Zwischen den kurzen Episoden des Zusammenlebens gab es manchmal eine sehr intensive Korrespondenz, manchmal lange Phasen des Schweigens. Zum Beispiel schrieb Celan zu einem Zeitpunkt an dem Bachmann den Eindruck hatte, dass es zu einer Annäherung gekommen war:

„Lass uns nicht mehr von Dingen sprechen, die unwiederbringlich sind, Inge – sie bewirken nur, dass die Wunde wieder aufbricht, sie beschwören bei mir Zorn und Unmut herauf, sie scheuchen das Vergangene auf – und dieses Vergangene schien mir so oft ein Vergehen. Du weißt es, ich habe es dich fühlen ja wissen lassen – sie tauchen die Dinge in ein Dunkel, über dem man lange hocken muss, um sie wieder hervorzuholen, die Freundschaft weigert sich hartnäckig, rettend auf den Plan zu treten, – du siehst, es geschieht das Gegenteil von dem, was Du wünschst, Du schaffst, mit ein paar Worten, die die Zeit in nicht gerade kleinen Abständen vor dich hinstreut, Undeutlichkeiten, mit denen ich nun wieder ebenso schonungslos ins Gericht gehen muss wie seinerzeit mit Dir selber“ p.88

Sehr interessant fand ich die Analyse von Werken beider Autoren, die die gegenseitige Beeinflussung und das sich aufeinander Beziehen zeigen. Eigentlich unabhängig voneinander aber steuerten ihrer beider Leben auf die Katastrophe zu.

„Man kann es nicht ohne Erschütterung lesen, wenn Klaus Demus, der jüngere, langjährige und bewundernde Freund, nach einem Besuch in Paris im März 1962 und einer Abweisung im April einen bewegenden Brief an Celan schrieb:

„Mein lieber, mein geliebter Paul! Wenn Du mich lieb gehabt hast in so vielen Jahren, wie ichs ja weiß, wenn du meine Liebe gespürt hast: dann gib diesem Brief dem schwersten meines Lebens, soviel Gehör als Du kannst. Ich habe Dir das Äußerste, das Allerletzte zu sagen. Ich schwöre es Dir, dass es allein aus mir kommt, dass niemand mich beeinflusst hat , dass ich allein von mir zu Dir spreche. Alles hängt davon ab, dass Du mir das glaubst. Was ich zu sagen habe, kannst du mir wohl nicht glauben – es geschähe denn ein Wunder: weil diese winzigste Chance besteht, die letzte und äußerste, die meiner Freundschaft zu dir aufgegeben ist, habe ich es zu sagen. Paul, ich habe den entsetzlichen ganz gewissen Verdacht, dass Du an Paranoia erkrankt bist.“ p.239

Celan fühlte sich immer mehr auch von den wohlwollendsten Freunden angefeindet und verfolgt. Nach tragischen Vorfällen und mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, wählte er im April 1970 den Freitod. Bachmann starb 1973 mit 47 Jahren. Sie litt in  den letzten Jahre ihres Lebens an einer gravierenden Angstneurose und an Panikattacken und hatte eine ausgeprägte Medikamentensucht.

 

 

26.Station der Literaturweltreise – Kasachstan

Kasachstan ist einer der Schauplätze dieser wahren Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen und mehrere Kontinente zieht.

Ulla Lachauer

„Ritas Leute.Eine deutsch-russische Familiengeschichte“

Rowohlt Verlag: 2002

Erstauflage: Amman Verlag:1996

Bevor ich blogs aus Deutschland zu lesen begann, war mir das Thema Russland-Deutsche völlig fremd. Langsam begann es mich zu interessieren.

Rita Pauls, die junge Frau auf dem cover stammt aus Karaganda mitten in der kasachischen Steppe. Ihre Großeltern wurden unter schwer vorstellbaren Bedingungen aus dem Ort Lysanderhöh, der zu der wolgadeutschen mennonitischen Kolonie gehörte 1930 nach Kasachstan deportiert, mitten in die Steppe, wo einige der Gruppe in Erdlöchern den ersten Winter überlebten

In dem Buch wird die Familiengeschichte aufgerollt: von Deutschland an die Wolga, nach Kasachstan und zurück nach Deutschland. Einen Zweig der Familie gibt es auch in Kanada. Die Haupterzählerin ist Ritas Großmutter Maria Pauls, die in Lysanderhöh noch zu Zeiten des letzten russischen Zars geboren wurde, ein paar Monate vor der Oktoberrevolution und 1989 zum zweiten Mal in ihrem Leben in ein ihr völlig unbekanntes Land, nach Deutschland auswandert.

Diese Art Buch lässt sich nicht wirklich zusammenfassen. Es besteht aus einzelnen, manchmal etwas langatmigen, aber durchwegs interessanten Geschichten aus einer für mich völlig fremden Welt. Deportation in Viehwägen, Leben und Sterben unter Stalin zwischen Arbeitslager und menonnitischer Kirche. Zeitgeschichte aus sehr persönlich gefärbter Sicht.

Empfehlenswert, wenn man bei der Lektüre auch nicht allzuviel über Kasachstan erfährt, das ja das eigentliche Thema dieser Station der Literaturweltreise ist ….

Zu meiner Weltreise

25.Station der Literaturweltreise – Japan 2

Kazuo Ishiguro

„Als wir Waisen waren“

Heyne: 2016

ISBN 978 – 3- 453-421554

Meine literarische Weltreise

Ich habe noch keinen Ishiguro gelesen, den ich nicht großartig gefunden hätte; so auch diesen. Daher habe ich meine Zentralasienreise für einen Abstecher nach Japan bzw China unterbrochen.

Es ist eine ziemlich wilde Geschichte, die hier erzählt wird. Ein junger Engländer ist in den 1930er Jahren in London als Detektiv sehr erfolgreich. Über diese Tätigkeit erfährt man aber nichts und sie ist auch für die Geschichte nur insofern relevant als man als Leser annehmen kann, dass  der Erzähler im Bereich der Recherchen kompetent ist. Dieser junge Mann ist im International Settlement in Shanghai aufgewachsen gemeinsam mit Kindern aus aller Welt. Als er ungefähr zehn ist, verschwindet zuerst sein Vater, kurz danach auch seine Mutter und er wird nach England zu seiner Tante geschickt ohne dass das Verschwinden der Eltern aufgeklärt worden wäre.

Die Nachforschungen nach dem Verbleib seiner Eltern betreibt er jahrelang und systematisch. Ein Zeitstrang des Romans erzählt seine Kindheit in Shanghai, der andere die Gegenwart, in der er schließlich selbst nach Shanghai fährt um seine Recherchen abzuschließen.

Ich fand es manchmal schwierig zu sehen, ob der Erzähler sich kurz in ein Fantasiereich verirrt hat oder sich in der Realität befindet. Auch die Auflösung des Rätsels stellte mich vor die Frage, ob solche Vorfälle damals in Shanghai möglich gewesen wären. Es ist eine äußerst spannende Handlung, die in einigen Sequenzen ihre Figuren durch die Hölle gehen lässt, in anderen Erinnerungen aus einer behüteten Kindheit erzählt.

Auch mehrere Nebenfiguren sind sehr plastisch und interessant. Der beste Kindheitsfreund, der darunter leidet, dass seine Eltern ihn nicht japanisch genug finden und dem der Erzähler unter schrecklichen Bedingungen wieder begegnet. Die englische Lady, die auf der Suche nach einem ganz besonderen Mann ist und sich in eine grässliche Ehe verirrt. Die Adoptivtochter des Erzählers, eine sehr interessante Persönlichkeit

Opium spielt in dem Roman eine Rolle. Nach zwei Opiumkriegen, in denen die Briten China den Import der Droge aufzwangen, wird  zum Zeitpunkt der Erzählung Opium von Briten und Chinesen gemeinsam vertrieben. Die Opfer sind zahlreich, die Gewinne gigantisch. Auch der zweite japanisch-chinesische Krieg spielt in dem Roman eine Rolle. Zu dem Zeitpunkt der Handlung sind die Japaner bei der Eroberung Shanghais gerade sehr weit gekommen.

Klingt nach einem Action-Roman. Das ist es aber keineswegs, es ist ein Text mit der Qualitätsmarke „Ishiguro“.

Irving – 1

„Am allerschwersten fällt es uns doch, hinzunehmen, dass das Verstreichen der Zeit die Menschen, die uns einmal am meisten bedeuteten, einhüllt in Gedankenstriche“

John Irving

„Gottes Werk und Teufels Beitrag“ p. 636

Diogenes 1990

Originalausgabe 1985