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Die Unschuld der Opfer

Nachdem mir das Buch, das Irvin und Marilyn Yalom gemeinsam zu schreiben begonnen haben und das von Irvin Yalom nach dem Tod von Marilyn fertiggestellt wurde, sehr gut gefallen hat KLICK, wollte ich gerne etwas von Marilyn Yalom lesen.

Zwar habe ich fast alle Romane und Kurzgeschichten von Irvin Yalom gelesen, wusste aber nichts über seine Frau. Marilyn Yalom (1932-2019) war Kulturhistorikerin mit einem besonderen Faible für Frankreich, die einen Frauensalon führte bei dem sich Literatinnen und Wissenschaftlerinnen diverser Gebiete regelmäßig trafen. Sie hat im Bereich der Kulturgeschichte mit Schwerpunkt Feminismus geforscht und geschrieben.

Dieses Buch besteht aus in der Ich-Form erzählten Geschichten von Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs Kinder waren. Kinder aus verschiedenen Ländern, aus Familien mit unterschiedlichen politischen Ansichten, jüdische Kinder und nicht-jüdische Kinder, Kinder, die in relativer Sicherheit lebten, andere, die mit oder ohne ihre Familien vertrieben oder verschickt wurden, auch Marilyn selbst hat einen Text über ihre Kindheit beigetragen.

Ich habe lange daran gelesen, dazwischen immer wieder anderes, denn es sind emotional sehr fordernde Texte. Obwohl die Geschichten von Erwachsenen geschrieben wurden, kann man doch immer wieder die kindliche Perspektive erkennen.

Besonders beeindruckt hat mich die Geschichte von Winfried Weiss, dem Sohn eines regimetreuen Gendarmen. Weiss hat seine Memoiren unter dem Titel „A Nazi Childhood“ 1983 in Kanada veröffentlicht. Der Blick des Kindes, das keine andere Ideologie kennt, als die seiner Eltern und gleich denkenden Umgebung und diese Meinungen einfach wiedergibt, kindgemäß unreflektiert, ist sehr eindringlich.

Aus allen Geschichten kann man herauslesen, wie sehr ihre auf verschiedene Arten schwierige Kindheit das weitere Leben der Erzähler*innen geprägt hat.

“ Jede dieser Geschichten zeigt uns einen Mikrokosmos des Zweiten Weltkriegs, gesehen durch die Augen eines Kindes und erlebt mit den Gefühlen eines Kindes, und führt uns in die Welt des jeweiligen Kindes. Natürlich kannte ich all diese Zeugen des Krieges nur als Erwachsene und musste mich auf ihre rückblickenden Erinnerungen verlassen. Dennoch, trotz der Fallstricke, die dies birgt (…) vertraue ich der Substanz dieser Berichte. Kinder erleben die alltäglichen Mechanismen des Krieges, und wenn das Erlebte wieder ans Tageslicht kommt, machen uns die Erinnerungen der Kinder zu Zeugen der brutalen Realität des Krieges.

Alles, was ich von Irvin Yalom gelesen habe und auch auch dieses Buch, ist in der deutschen Übersetzung beim btb-Verlag erschienen. Der btb Verlag wurde 1996 in München als Taschenbuch-Verlag gegründet und gehört heute zur Penguin Random House Verlagsgruppe.

Über den Tod und das Leben

Von Irvin Yalom habe ich fast alle Romane und Kurzgeschichten gelesen. Laut seiner eigenen Einschätzung sind es diese literarischen Werke, die ihn aus der Schar amerikanischer Psychoanalytiker hervorheben und den Weg dahin – schreibt er – habe ihm seine Frau Marilyn gewiesen. Marilyn Yalom (1932-2019) war Kulturhistorikerin mit einem besonderen Faible für Frankreich, die einen Frauensalon führte bei dem sich Literatinnen und Wissenschafterinnen diverser Gebiete regelmäßig trafen)

Dieses Buch ist anders, es ist kein Roman sondern eine Art Tagebuch, das von Irvin und Marilyn Yalom gemeinsam begonnen und nach Marilyns Tod von Irvin beendet wurde. Das Projekt für dieses gemeinsame Buch entstand nach Marilyns Krebsdiagnose als absehbar wurde, dass sie bald sterben würde.

Es sind nachdenkliche Betrachtungen über Leben und Tod, auch Biografisches beider Autoren und Erinnerungen an eine 65 Jahre dauernde Ehe, die in diesem Buch zu finden sind.

Besonders beeindruckt hat mich Irvin Yaloms schonungsloser, offener Umgang mit den Beschwernissen seines Alters. Er hat Gleichgewichtsprobleme, die ihn zum Benützen eines Gehstocks zwingen und sein Gedächtnis wird immer schlechter. Der Text erweckt den Eindruck akribischer Beobachtung des eigenen Gemütszustands und absoluter Ehrlichkeit bei dessen Beschreibung. Ob das tatsächlich so ist, weiß nur der Autor selbst.

Nach Marilyns Tod kramt Irvin Yalom in seinen eigenen Romanen und beschließt, sie nochmals zu lesen.

„Die Schopenhauer Kur“ zu lesen, ist eine wirksame Therapie für mich. Seite um Seite werde ich ruhiger und zufriedener mit meinem Leben. In meinen Augen sind die Sätze schön komponiert, meine Wortwahl ist gut, und ich glaube, dass es mir gelungen ist, den Leser zu erreichen (…) Der Kerl, der dieses Buch geschrieben hat, ist um einiges gescheiter als ich es bin, und er weiß sehr viel mehr über Philosophie und Psychotherapie als ich. Und manche meiner Sätze rauben mir den Atem. Habe ich das wirklich geschrieben?

(…)

Mein alterndes Gedächtnis hat zum ersten Mal etwas Gutes: ich erinnere mich an so wenig aus dem Buch, dass mich die Ereignisse überraschen und unterhalten.

S 251 – 253

Ein Kernstück dieses Berichts ist auch die Verzweiflung über Marilyns baldigen Tod auf einer Seite und deren Wunsch nach einem baldigen assistierten Suizid auf der anderen Seite. Auch dieser „Kampf“ wird sehr offen beschrieben.

Ein empfehlenswertes Buch für Zeiten in denen der Tod weit weg und abstrakt erscheint und auch für Zeiten, in denen die Vergänglichkeit hinter jeder Ecke lauert.

Alles, was ich von Yalom gelesen habe, auch dieses Buch, ist in der deutschen Übersetzung beim btb-Verlag erschienen. Der btb Verlag wurde 1996 in München als Taschenbuch-Verlag gegründet und gehört zur Penguin Random House Verlagsgruppe.

Ulli Gaus Memorandum in Buchform

Gestern ist es ganz erstaunlich schnell mit der Post aus Deutschland eingeflogen. Mit herzlichen Grüßen, Ulli, falls du aus der Sommerpause mit Umzug vorbeischaust

Das Titelbild gefällt mir schon sehr, es ist ungewöhnlich, dass in dieser Generation Fotos vom Alltagsleben gemacht wurden, dass man Leute sieht, die nicht bei besonderen Anlässen für die Kamera aufgestellt wurden zur Dokumentation von Taufen, Hochzeiten, Familienfesten.

Die Fotos in diesem Buch sind Zeitdokumente, sowohl die gestellten als auch die Schnappschüsse. Diese Frauen, die wahrscheinlich teilweise noch im neunzehnten Jahrhundert geboren wurden, einen oder gar zwei Weltkriege erlebt und überlebt haben, irgendwie halt, wie es möglich war. Die meisten von ihnen haben wohl mehr als den ihnen durchschnittlich zustehenden Anteil an Leid und Katastrophen zugeteilt bekommen. Ich denke, dass die Motivation für Ullis Projekt aus dem ein Büchlein geworden ist, war zu zeigen, wie viel Frauen aller Generationen zum Leben und Überleben beitragen und beigetragen haben.

Die Texte zwischen den sehr zahlreichen Fotos sind sehr persönlich, sehr privat und doch werden viele dieser Gedanken und Gefühle den Nachgekommenen bekannt oder zumindest verständlich sein.

Mein Lieblingsfoto ist jenes auf dem einander Großmutter und sehr kleine Enkeltochter beide irgendwie belustigt ansehen. Und über jedes Foto auf dem gelächelt oder gelacht wird, freue ich mich.

Die Sonne war ein grünes Ei

Ein Lesetipp von Ule Rolff, für den ich mich sehr herzlich bedanke, denn diesen Text von H.C. Artmann kannte ich noch nicht und es wäre sehr schade gewesen, hätte ich ihn nicht kennen gelernt. Er kommt mir vor wie in Worte gegossener Surrealismus, aber im Stil und Rhythmus von Schöpfungsmythen geschrieben.

Eine kleine Kostprobe:

Zu anbeginn der welt entstanden aus dem nichts die kaffeemühle und der papierdrachen. Aus dem harmonischen knirschen der mühle und dem lebhaften flattern des drachens entstand der geist des himmels. Er fühlte sich erhaben und gelangweilt. Nach einer weile wurden kaffeemühle und papierdrachen über den hochmut des geistes zornig: während er schlief, fielen sie über ihn her, warfen ihn in einen abgrund. Aus dem gefallenen Geist entstand das wasser. Das war der erste zwischenraum. Eine Erde aber gab es noch nicht.

HC. Artmann „Die Erde war ein grünes Ei. Von der Erschaffung der Welt und ihren Dingen“ S34

Erstaunlich, wie schwierig es ist, ohne Großbuchstaben zu schreiben. ein Kampf gegen mühsam erlernte Automatismen

61. Beitrag zu meiner Literatur-Weltreise – Irland

Nein, es geht hier weder um Dinosaurier noch um andere Planeten. Es geht um Menschen, die aus den verschiedensten Gründen nicht in die Schubladen des Durchschnittlichen passen, die sich und die Welt als fremdartig empfinden können.

Danielle McLaughlins Kurzgeschichten „Dinosaurs on Other Planets“ kamen als ihr Debütwerk 2015 heraus, ihr Erstlingsroman „The Art of Falling“ 2021 bei Random House. . Die deutsche Übersetzung stammt von Silvia Morawetz und ist im Luchterhand Verlag, der ebenfalls zur Random House Gruppe gehört, erschienen.

ihr Erstlingsroman „The Art of Falling“ 2021 bei Random House. Die irische Autorin begann erst mit vierzig Jahren zu schreiben, gewann aber bald mehrere angesehene Literaturpreise, darunter etwa den Windham-Campbell Preis. Sie lebt mit Mann und drei Kindern in Irland, wo ihre Kurzgeschichten auch spielen.

Was mir an diesen Kurzgeschichten besonders gefallen hat, ist, dass man als Leser*in mitten in die Geschichten hinein steigt. Weder die Personen noch die Vorgeschichte werden in mehr als ein paar Sätzen vorgestellt. Man ist plötzlich mitten in der Geschichte, lebt eine Weile mit und steigt dann wieder aus. So als würde man jemanden kennen lernen, eine Zeit an seinem Leben teilnehmen und sich dann wieder trennen.

Die Texte der Autorin sprechen mich sehr an: ihre fantasievollen Metaphern, ihre Kunst in wenigen Worten eine Atmosphäre zu schaffen. Ihre Kurzgeschichten sind äußerst originell ohne dass der Eindruck entsteht, sie hätte sich den Kopf zerbrochen um noch eine ungewöhnlichere Person oder Story zu erfinden.

Ein rundes Leseerlebnis und eine äußerst vielversprechende Autorin, die ich auf jeden Fall verfolgen werde.

Die nicht sterben

Wenn ein Buch ein Bestseller ist, heißt das ja noch lange nicht, dass es gut ist. Mir fallen spontan ein paar Beispiele ein. Aber es muss ja andersherum auch nicht jeder Bestseller schlecht sein. Diesen Roman von Dana Grigorcea finde ich jedenfalls großartig

Ein kleiner Lebenslauf der Autorin, die auch etliche Preise sowohl für ihre literarische als auch für ihre journalistische Arbeit gewonnen hat.

Dieses Buch hat mich gefesselt. Zunächst einmal wegen der dichten Atmosphäre, die erzeugt wird. Die Villa der Tante der Erzählerin ist alter Familienbesitz in Transsylvanien bzw der Walachei, der vorübergehend vom Ceaușescu-Regime konfisziert und danach wieder zurückgegeben wurde mit den Überbleibseln der Einrichtung aus der Zeit als die Villa von der kommunistischen Nomenclatura als Jagdhaus verwendet wurde. Die Beschreibung dieser Villa und des Ortes B. erzeugt schon diese dichte Atmosphäre aus Luxus, Dekadenz, Armut, Korruption, einem Schuss Mythos, einer Prise Erotik und einem Gerüst aus Geschichte der Region.

Der historische Vlad III. Drăculea (ca 1431 -1477) , bekannt als „der Pfähler“ oder einfach „Dracula“ wird – wenn man der Autorin glauben darf – in der Region als positive Figur wahrgenommen. Der Vers des rumänischen Nationaldichters Mihai Eminescu (1850 – 1889) :

„Ach, Pfähler! Herrscher! Kämst du doch,
Mit harter Hand zu richten“ (S 106)

würde immer öfter wieder zitiert, weil die Verhältnisse im Land auch in der Gegenwart von Korruption geprägt wären.

„In meiner KIndheit sprach man in Rumänien nur von einem ganz bestimmten Graf Dracula – und das war der das Volk aussaugende Diktator Ceaușescu“ S34

Das Buch ist sehr geschickt geschrieben. Der Mythos von Vlad, dem Pfähler, und die Hinterlassenschaft der kommunistischen Zeit unter Ceauscescu vermischen sich. Die Autorin spielt mit Signalwörtern, mit Erwähnung von Aberglauben und Symbolen und weist damit in Richtung Vampirgeschichte ohne das Wort auch nur zu erwähnen. Bis zum Ende weiß man nicht, ob die Ich-Erzählerin nun zum Vampir geworden ist, oder ob sie sich alles nur einbildet. Es ist auch ein sehr geschicktes Element, dass die Ich-Erzählerin sich direkt an die Leser*innen wendet. Trockene Erzählung und wahnwitzige Schilderungen von vampirischen Elementen gehen ineinander über.

Die Geschichte der jungen Künstlerin, die schon ihr ganzes Leben in der Villa ihrer Tante in B. ihre Ferien verbringt und sich und ihre Familie als Teil der Region begreift, vermischt mit der Geschichte der Zeit des Pfählers, dem Ceaușescu-Regime und der aktuellen Verhältnisse in Rumänien und schließlich die sich daraus entwickelnde Vampir-Geschichte, von der man aber nie erfährt ob sie sich nun tatsächlich zugetragen haben soll oder nur ein Phantasieprodukt der Erzählerin ist.
Mit der Vampirgeschichte baut Dana Grigorcea eine Menge geschichtlicher Information über die Region und über den historischen Dracula ein. Etwa, dass dieser als Kind von seinem Vater, dem damaligen Fürsten der Walachei als Geisel am Hof des osmanischen Sultans gelassen wurde, weil die Walachei zwischen Ungarn und dem osmanischen Reich eingezwängt war und ihre Loyalität nach allen Seiten beweisen wollte.

Der Fürst tritt nur einmal auf. Die Autorin lässt ihn althochdeutsch sprechen, was ich auch sehr gelungen finde. “ Wir sin gelîchen bluotes “ S151 lässt sie ihn zu der Erzählerin sagen.

Ein ziemlich irrwitziges Buch, das man wahrscheinlich nur lieben oder hassen kann und das keinem Genre zuordenbar ist. Mir hat es sehr gut gefallen.

Permakultur auf dem Balkon

Der zweite Griff in die Fülle an Garten- und Pflanzenbüchern, auch ein guter.

Ein Buch aus dem Yuna Verlag, den ich bisher nicht kannte. Ein Blick auf die homepage hat mich darüber informiert dass „Yuna“ auf keltisch „Geschenk“ bedeutet. Der Verlag gehört zu der Randomhouse-Gruppe.
Die Autorin, Ulrike Windsperger hat Gartenbau, Erziehungswissenschaften und Soziologie studiert. Eine Mischung, die ich sehr ansprechend finde. Sie ist als Universitätsdozentin, Imkerin und Kräuterpädagogin tätig und verfasste ihre Diplomarbeit über Permakultur. Dass sie weder homepage noch Konten auf irgendeiner Plattform der social media hat, imponiert mir. Offenbar setzt sie auf die Qualität des Buchs.

Es ist ein sehr hübsch gestaltetes und übersichtlich angelegtes Buch zum Thema „urbanes Gärtnern in Permakultur.“

Ein Balkon ermöglicht AnfängerInnen wie Fortgeschrittenen des Urbanen Gärtnerns mehr Lebensqualität, Ablenkung vom Alltag, Ruhe und Zufriedenheit (…) Man muss nicht Gartenbau studiert haben, um erfolgreich seine Lieblingsblumen, sein Lieblingsgemüse, duftende, wohlschmeckende Kräuter oder gar Beeren, Obst, Kartoffeln oder Pilze auf Balkon oder Terrasse zu kultivieren (p7)

Die Permakultur verfolgt ein ganzheitliches, naturnahes Prinzip. Ihr Ziel ist es, dass ein achtsamer und ressourcenschonender Umgang mit der Natur zum Lebensprinzip erhoben wird. Sie unterstützt eine lustvolle Lebensphilosophie, die zukunftsorientiert ausgerichtet ist (p 8 )

Nach einer Einleitung zu den Grundlagen geht es zur Vorbereitung für den Anbau. Es werden jede Menge praktische Tipps gegeben zu der Erde, den Pflanzgefäßen, Rankhilfen. Alles, was man so braucht zum vertikalen Gärtnern. Das Buch gibt Hilfestellungen für die Planung so einer Miniplantage, es zählt alles auf, was an Hilfsmitteln gebraucht wird und gibt auch zu den Themen „Kompostieren“ und „Gießen“ eine Menge Hinweise.

Weiter gehts mit der Auswahl der Pflanzen, welche Ausrichtungen des Balkons eignen sich für welche Pflanzen. Besonders interessant fand ich, welche Pflanzen im gleichen Gefäß gut miteinander auskommen. Das ist ein Thema zu welchem es gar nicht einfach ist, Schriftliches zu finden.

Das Kapitel „Anbau“ befasst sich unter anderem mit Wassermanagement, Nährstoffversorgung und biologischem Pflanzenschutz. Zum Abschluss steht noch ein Abriss über Gärtnern auf der Fensterbank, also auf winzigsten Flächen.

Ein sehr gehaltvolles, gut strukturiertes Buch von einer kompetenten Autorin. Für gärtnernde und gärtnern-wollende Menschen sehr zu empfehlen.

Ein Blick ins Buch

Wildpflanzen und ihre Möglichkeiten

Ich habe zweimal in den Topf der Pflanzenbücher gegriffen und es waren zwei gute Griffe. Hier Nummer eins.

„Raus in die Botanik“ von Sonja Greimel, im Südwest Verlag veröffentlicht.

Es ist kein Buch für Profibotaniker, obwohl natürlich auch die Experten immer wieder das eine oder andere erfahren können. Aber prinzipiell ist es ein sehr feines Buch für Pflanzeninteressierte.

Es gibt zunächst einen Bestimmungsteil, der durch die Graphik in den Umschlägen und dann im Buch selbst sehr gut unterstützt wird. Stängelformen, Blattstellung -form, -ansatz -zusammenstellung und -ränder, Blütenstände und auch die Gliederung in Pflanzenfamilien werden durch klare kleine Graphiken erläutert. Allein das hätte mir schon gut gefallen.

Es geht weiter mit einem Bestimmungsteil, in dem die angeführten Pflanzen nach der Farbe ihrer Blüten geordnet sind. Aussehen und Standorte der Pflanzen werden auf einer Seite beschrieben, daneben gibt es Hinweise auf die Verwendung der Pflanze in der Volksheilkunde und in der Küche. Darauf folgt ein kurzer Teil über bekannte Heilpflanzen und ihre Verwendung in Heilkunde und Küche.

Das nächste Kapitel nennt sich „Streifzug durch die Botanik“ Es gibt Hinweise auf Bestimmung und Standorte von Wildpflanzen und warnt vor „giftigen Zwillingen“. Es bietet auch eine Check-Liste zum Sammeln und Verarbeiten von Pflanzen sowie einen Sammelkalender von März bis Oktober.

Dann gibt es einen Teil mit Kochrezepten und einen mit Anleitungen zur Erzeugung von Medikamenten und Kosmetika, von Holunderblütensirup bis Blaubeermuffins, von der Erkältungssalbe bis zur Seife.

Vier bekannte Persönlichkeiten aus dem Bereich der Heilkunde und ihre Ansätze werden kurz beschrieben. Hippokrates, Hildegard von Bingen, Paracelsus und Pfarrer Kneipp.

Abschließend steht ein kleines zusammenfassendes Glossar über Inhalts- und Wirkstoffe von Pflanzen.

Ich finde es eindrucksvoll wie viele verschiedene Aspekte von (Wild)pflanzen hier auf nicht einmal 200 Seiten angerissen werden. Es ist ein wunderbarer Einstieg in das Thema.

Der Verein der Linkshänder

Es ist ja nicht der einzige Nesser-Krimi, den ich jemals gelesen habe, aber tatsächlich ist mir noch nie aufgefallen, dass Nesser ein fiktives Land kreiert hat, wo sein Kommissar van Veeteren lebt und in dem auch Teile dieses Romans spielen. Maardam hielt ich für irgendeine Stadt in Schweden, die mir eben anderswo noch nie untergekommen ist. Tatsächlich gibt es Maardam ebenso wenig wie Kymlinge.

Ein klassischer Nesser-Krimi. In bewährter Strukturierung auf verschiedenen Zeitebenen erzählt: die 1960er Jahre, die Jugendzeit fast aller Beteiligten, in der ein Verbrechen begangen wird, 1991 wenn die Beteiligten an diesem Verbrechen zusammenkommen und bei diesem Treffen fast alle ermordet werden, 2012 als ein neuer Aspekt dieses alten Falls wieder auftaucht und die Geschichte neu aufgerollt wird.

Van Veeteren, schon lange in Pension, feiert seinen 75sten Geburtstag und befasst sich mit der Lösung dieses Falls, bei dessen Bearbeitung im Jahr 1991 er sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Der Fall weitet sich aus nach Schweden und Nessers beide Kommissare, van Veeteren und Barbarotti begegnen sich in diesem Roman auf recht unspektakuläre Weise.

Es wird aus der Perspektive vieler Menschen eine komplexe Geschichte erzählt. Diese vielen Perspektivenwechsel und kurzen Texte erzeugen Spannung und machen den Roman leicht lesbar, erlauben aber nur kurze, oberflächliche Blicke auf die verschiedenen Personen. Vielleicht ist die Geschichte auch etwas überladen mit einer Häufung von komplizierten Schicksalen (weggelegtes Kind, abtrünnige Nonne, Beziehung von Zwillingsschwestern, Autismus …), die auf 600 Seiten alle nur angerissen werden können.

Bei der Zusammenführung aller Stränge dieser Handlung fehlt mir das eine oder andere Detail. Es versöhnt mich aber, dass Van Veeteren, der nun einmal ein philosophisch interessierter Protagonist ist, über Leon Rappaport und seine Theorien zum Thema Wahrnehmungen und Wahrheit berichtet ( Seite 217). Ein Hinweis, dem ich nachgehen werde.

Es handelt sich um einen Krimi und für einen solchen hat er mir gefallen, es tat mir aber leid um die Möglichkeiten, die in dieser Geschichte noch stecken würden.

Entspannend

Nach dem sehr anspruchsvollen und nicht gerade aufmunternden Äthiopienbuch habe ich dieses gelesen.

David Safier ist – zumindest in seinen Büchern – ein fast bedingungsloser Menschenfreund. Er hat einen ausgesprochen liebevollen Blick auf alle seine Figuren, auch auf die unsympathischen und ich finde ihn witzig. Staubtrockener Humor, der manchmal knapp am Slapstick vorbeischrammt, aber nicht oft. Anspruchslose, lustige Lektüre. Manchmal vergisst er auch kurzfristig, dass er anspruchslos ist. In diesem Buch vergisst er es nicht, es hat mir trotzdem gefallen.

Das Paar Merkel-Sauer wird als herzerfrischendes ewig verheiratetes Paar dargestellt, der Personenschützer Mike, ein Zwei-Meter-Mann, der immer im richtigen Moment auftaucht um seine Chefin zu retten in seinem Privatleben aber eher schüchtern ist, der Mops namens Putin und alle Verdächtigen, alles Frauen rund um das Opfer, einen skurrilen Adeligen, der gerne in der Rüstung eines Vorfahren herumläuft.

Ich mache keine Inhaltsangabe, es ist ja ein Krimi; was ich übrigens seltsam finde. Bisher ist Safier soviel ich weiß ohne Ermordete gut ausgekommen.

Das wütende Heer

Ich glaube, ich habe ziemlich alle Krimis von Fred Vargas gelesen, manche auf französisch , manche in deutscher Übersetzung. Frédérique Audoin-Rouzeau ist von ihrer Ausbildung her Historikerin und Mittelalterarchäologin mit zusätzlichem Schwerpunkt Archäozoologie.  In diesem Bereich arbeitet sie auch.

Fred Vargas ist nicht eine, die ihre Bücher im Akkord schreibt, eines alle zwei Jahre, höchstens, eher weniger. Sie stammt aus einer künstlerisch-intellektuellen Familie und ist neben Ruth Rendell und Batya Gur eine meiner liebsten Krimiautorinnen. Diese drei Autorinnen haben gemeinsam, dass in ihren Büchern die Krimihandlung im Grunde nur ein Vorwand für Milieuschilderungen oder Psychogramme ist. Es gibt zwei verschiedene Universen bei Vargas, aber in den letzten Büchern geht es hauptsächlich um Kommissar Adamsberg und seine Truppe. Manchmal überlappen sich aber die Universen und es tritt auch die eine oder andere Figur aus der jeweils anderen Welt auf. In den Krimis von Fred Vargas tummeln sich sehr ungewöhnliche, skurrile Personen. Sie läßt die Skurrilität aber nie in Klamauk umkippen.

Kommissar Adamsberg ist ein sehr ungewöhnlicher Mensch und seine Truppe  steht ihm an Skurrilität in nichts nach. Jede einzelne dieser Figuren inklusive der Kommissariatskater wird, man könnte sagen in liebevoller Schonungslosigkeit beschrieben. Viele von ihnen könnten sich aufgrund ihrer diversen psychischen und sonstigen Probleme kaum in ein „normales„ Leben eingliedern, aber Adamsberg führt seine Truppe höchst erfolgreich auf seine Art mit klarem Blick im Nebel und holt aus allen ihre ganz speziellen Qualitäten heraus. Mir kommen Vargas Bücher immer vor, wie ein Plädoyer für die Buntheit und Vielfalt menschlicher Gesellschaften. Eigenschaften, die man auf den ersten Blick eindeutig als Schwächen einstuft, entpuppen sich in manchen Situationen als ganz große Qualitäten

Dieses Buch ist weder ihr bestes, noch das letzte, das erschienen ist. Ich habe es trotzdem gerne gelesen. Vargas bleibt ihrem Muster treu, seltsame mythologische Geschehnisse darzustellen, die dann langsam, mit archäologischer Akribie in ihren wahren Zusammenhang gestellt werden. Manchmal ist der Ort der Handlung Paris, oft andere französische Regionen oder auch andere Länder.

In diesem Buch geht es um eine Art lokale wilde Jagd in der Normandie, die über einen bestimmten Waldweg reitet und nur von manchen Menschen gesehen werden kann. Diese besonderen Menschen werden im Ort gefürchtet, weil sie nicht nur die Mitglieder des „Wütenden Heers“ (L´Armée furieuse) sondern auch die von ihnen ergriffenen sehen können. Die Ergriffenen sind Menschen, die bald sterben werden. Die Schilderung des Lebens in einer kleinen normannischen Gemeinde samt ihrer lokalen Wilden Jagd  hat mir gut gefallen, wenn sie auch nicht an die Spitzenbücher von Vargas (vor und nach diesem) herankommt.

Dieser Text ist in einer deutschen Übersetzung von Waltraud Schwarze 2011 im Aufbau Verlag erschienen und nun bei Blanvalet, einem Mitglied der Penguin-Randomhouse Gruppe noch einmal in der gleichen Übersetzung. Die Übersetzung des Titels finde ich in seiner Doppelbedeutung sehr gelungen. Warum für eine Neuerscheinung gerade dieser Text ausgewählt wurde, wird der Verlag wissen.

Dating – Verwirrungen

Das Cover gefällt mir nicht besonders. Es scheint, als hätten alle Verlage sich darauf geeinigt, ihre Thriller nur noch in weiß-rot-schwarzen Umschlägen zu produzieren. Das sieht in einer Buchhandlung doch recht eintönig aus. Vor allem weil der rote Anteil meist Blut darstellt.

Dieser Thriller hat mir aber ganz gut gefallen. Die Geschichte ist sorgfältig und logisch konstruiert, flüssig und spannend geschrieben ohne besonders brutal zu sein. Die Lebensumstände sind durchaus realistisch geschildert, schließlich gehören Dating-Plattformen verschiedenster Art zum täglichen Leben vieler Menschen.

Dating-Plattformen stehen auch im Mittelpunkt der Handlung und Mr. Right Now, der dort seine Opfer findet. Joy Fieldings Personen agieren  glaubhaft und sind plastisch und lebendig beschrieben. Es sind vier Frauen, die freundschaftliche bzw verwandtschaftliche Beziehungen zueinander haben und entweder einen Mann suchen oder einen loswerden wollen. Mr. Right Now allerdings ist abgesehen von seinem originellen Namen eine etwas klischeehafte Figur, was aber nicht weiter stört.

Ich hatte schon längere Zeit nichts mehr von Joy Fielding gelesen, weil ich fand, dass ihre Plots immer nach dem gleichen Muster gestrickt und somit nicht besonders spannend waren. Diesen hier fand ich etwas anders. Das Ende ist zwar vorhersehbar aber nicht die Wege, die dorthin führen.

Alles in allem ein gut geschriebener Thriller, für anspruchslose Lektüre bestens geeignet.

 

Ein kleines, feines Buch

Sehr klein und sehr fein!

Vorgestellt wird die Body2Brain-Methode: über den Körper kommen Informationen und somit neue Ideen ins Gehirn, die letztlich alte Verhaltensmuster verändern und ungewollte Emotionen unter Kontrolle bringen

Zweck dieser ganz einfachen Übungen (zB Augen auf und zumachen, auf einem Bein stehen) ist es, das vegetative oder autonome Nervensystem zu beeinflussen.

Ein nettes Buch zu dem es auch eine kostenlose App gibt, die wenig überraschend auch „body2brain“ heißt.

Die Illustrationen mit den Schafen Oscar und Emily runden dieses feine kleine Buch ab.

Falsche Zielgruppe

 

Helliconia: Frühling

So wurde dieser erste Teil einer Trilogie angekündigt:

Helliconia ist ein Planet in einem Doppelsternsystem, auf dem ein Jahr zweieinhalb Tausend irdische Jahre dauert. Nach mehr als tausend Jahren erbarmungslosem Winter beginnen die Gletscher auf Helliconia zurückzuweichen. Das erste Grün zeigt sich, die Tierwelt erwacht. Nun kehren auch die Menschen, Nachfahren der Forscher, die diese Welt einst entdeckten, an die Oberfläche ihres Planeten zurück – doch zuerst müssen sie die Fesseln der Barbarei abschütteln und sich von der Unterdrückung der einheimischen Phagoren befreien …

Wenn sich die  Handlung eines 485 Seiten langen Romans umfassend in 3 Sätzen zusammenfassen lässt ist das aus meiner Sicht kein gutes Zeichen. Wenn man gerne seitenlang liest wer wen wie geprügelt und/oder abgestochen hat, ist das wahrscheinlich anders.

An und für sich lese ich diese Art von Fluchtgeschichten ganz gerne, wenn sie flüssig geschrieben sind und so, dass es eine Welt gibt, in die man sich hineindenken kann und ausgearbeitete Figuren. Bei diesem Text hatte ich den Eindruck, dass es sich um ein Drehbuch oder Regieanweisungen für einen Action-Film handelt. Der Autor verwendet eine sehr einfache, abgehackte Sprache. Es kommen sehr viele Personen vor, aber nur ganz wenige werden wenigstens ein kleines bisschen entwickelt. Es geht von einer Kampf- und Schlachtenszene zur nächsten, wobei es sehr schwierig ist, die zahlreichen Personen mit sehr langen Namen überhaupt auseinanderzuhalten und kaum hat man sich eine Person irgendwie gemerkt, ist sie schon wieder weg und kommt nicht mehr vor.

Ich gehöre eindeutig nicht zum Zielpublikum dieser Trilogie, deren Lektüre ich nach einem Drittel des ersten Bands auf extremes Querlesen umgestellt habe und deren zweiten und dritten Band ich nicht lesen möchte.

Unblutiger Krimi

Hakan Nesser

„Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“

2020

Wer einen absolut unblutrünstigen, intelligenten  Krimi lesen möchte, ist bei diesem Buch richtig, eigentlich bei Hakan Nesser immer. Es geht nur sehr am Rande, wenn überhaupt, um Morde. Es geht vielmehr um zwischenmenschliche Beziehungen einerseits zwischen Kommissar Barbarotti und seiner Lebensgefährtin Kommissarin Backmann und andererseits zwischen den Personen der Tragödie, die sich immer weiter von einer Tragödie wegbewegt. Mehr sei hier nicht verraten.

Obendrein spielt das ganze teilweise in einer offenbar sehr malerischen einsamen Gegend Schwedens, in Gotland. Die Landschaft dort gehört gewissermaßen auch zu den Personen der Handlung.

Hat mir als leichte aber nicht seichte Zwischenlektüre gut gefallen