la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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45. Station der Literaturweltreise – Moçambique

Eine etwas seltsame Beziehung habe ich zu diesem Buch entwickelt. Ja, es ist gut geschrieben. Ja, es ist interessant, was die Beschreibung der Kolonialgeschichte Portugal-Moçambique betrifft, auch den Blick auf Sitten und Gebräuche einiger in der Gegend lebender Völker habe ich spannend gefunden. Mia Couto (Antonio Emilio Couto) ist obendrein ein mehrfach preisgekrönter Schriftsteller (und Biologe) aus einer in Mocambique lebenden portugiesischen Familie. Trotzdem hat mich dieses Buch so gar nicht überzeugt.

Die Handlung baut auf dem Perspektivenwechsel zwischen zwei Ich-Erzählern auf. Der eine, ein portugiesischer Kolonialoffizier, schreibt – seltsamerweise – sehr private Briefe an seinen militärischen Vorgesetzten. Die andere Perspektive ist die von Imani, einer jungen Frau, die in einer Missionsschule portugiesisch gelernt hat, und daher als Dolmetscherin verwendet wird. Ich finde beide Figuren nicht sehr glaubwürdig und auch wenig charakterisiert. Für magischen Realismus sind sie aber wiederum doch zu real.

Äußere Handlung gibt es in dem Buch kaum. Zwar herrscht Krieg zwischen verschiedenen Gruppen und Völkern, es gibt eine sehr eindrucksvolle Schilderung eines Schlachtfelds nach der Schlacht, aber mir fehlt der rote Faden. Auch das Ende bleibt völlig offen: Imani hat den portugiesischen Offizier angeschossen, der das ganze Dorf über die Absichten der Kolonialmacht belogen hat und nun fahren Imani, ihr Vater, eine plötzlich aufgetauchte Italienerin und der schwer Verletzte in einem Boot den Fluss hinunter.

„Es ist merkwürdig, wie Abschiede die Zeit verkürzen. Meine fünfzehn Jahre gehen an mir im Aufblitzen eines Augenblicks vorüber. Meine Mutter hat jetzt den Körper eines Kindes. Sie wird immer kleiner bis sie die Größe einer Frucht hat. Sie sagt zu mir: bevor du geboren wurdest, bevor du das Licht der Welt erblickt hast, hattest du schon Flüsse und Meere gesehen. Und etwas in mir reißt auf, als wüsste ich, dass ich niemals nach Nkokolani zurückkehren werde.“ p. 287

 


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Bücher können doch mehr – ABC-Etüden

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Die Wörter stammen diesmal von „make a choice Alice“

Die drei vorgegebenen Wörter in einen Text von maximal 300 Wörtern verpackt.

Ich kann´s nicht sagen, war´s ein Traum, oder doch nicht. Es war der Tag, an dem ich erfuhr, dass das Uni-Institut mich entlassen würde. Sie konnten nicht anders, die Subventionen für Projekte waren sehr variable Größen und diesmal traf es eben mich. Ich hatte den restlichen Nachmittag und Abend in der Bibliothek verbracht und war wohl eingeschlafen, oder doch nicht ?

Zwischen den Regalen war ein freier Raum beleuchtet, eine Art Laufsteg, den die Bücher einsehen konnten. Begeisterter Applaus brandete auf und der Moderator des Abends Wittgensteins „Tractatus logico-philosophicus“ betrat die Bühne. Ein schon ein bisschen zerfleddertes Exemplar, das in der Philosophie-Abteilung der Uni-Bibliothek zuhause war. Ledergebunden mit unzähligen Eselsohren und speckigen Seiten, aber viel jugendlichem Elan.

„Wolfram“ rief das Tractatus „du bist heute dran“.

Gemessenen Schrittes, soweit dies einem Buch möglich ist, begab sich Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ auf den Laufsteg. „Wie einige von euch hoffentlich noch wissen, bin ich ein höfisches Epos, ein Ritterroman sagte es mit etwas zittriger Stimme. Es war natürlich kein Original sondern ein Druck aus dem 18.Jahrhundert, aber auf dieser Tatsache musste man ja nicht herumreiten. Viele andere Bücher in dem Kreis waren auch keine Erstausgaben.

Die Stimmung unter den Büchern war euphorisch. Aus Wolframs Buchdeckeln entstiegen Gralsritter, lebensgroß, bunt gekleidet, mit ihren Pferden, mit ihren Fahnen und Schilden. Einer von ihnen war wohl Parzival. Die Damen waren noch bunter gekleidet, die Schleier wehten im Wind. Nur eine sehr schlicht gekleidete Frau war zu sehen. Herzeloyde, Parzivals Mutter ? Mittelalterliche Musik. Im Hintergrund konnte man ein Schloss erkennen aus dem gerade eine Prozession von Rittern einen leuchtenden Kelch trug. Ich hätte die Szene betreten können.

„Das sollen uns die e-books einmal nachmachen“ flüsterte mir jemand ins Ohr. Dann ging das Deckenlicht an und …..bis heute weiß ich nicht, ob ich geträumt habe.


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Besessen oder gespalten ? 43. Station der Literaturweltreise – Nigeria 3

43. Station der Literaturweltreise – Nigeria 3

 

Akwaeke Emezi

„Süsswasser“

2018

Als „poetisch“ und „verstörend“ wird dieses Buch beschrieben und da kann ich mich nur vollinhaltlich anschließen: sehr poetisch und sehr verstörend. Es ist der überaus vielversprechende Erstlingsroman von Akwaeke Emezi, 1987 in Nigeria geboren, heute in den USA lebend. Ich winde mich um das Fürwort, weil sie eine non-binäre Transgenderperson ist. Auf den Fotos, die ich gesehen habe, sieht sie aber immer weiblich gestylt aus.

In diesem Roman gibt es den Körper einer Protagonistin, Ada genannt. Die „Ich“ bzw „Wir“- Erzähler sind jedoch fast ausschließlich, die MitbewohnerInnen des „Marmorsaals“, wie ihr Kopf oder auch das Zentrum ihrer Identität genannt wird. Es sind verschiedene recht unterschiedliche Wesenheiten

„Wir kamen von irgendwoher – alles kommt von irendwoher. Wenn dieser Übergang von Geist zu Fleisch beendet ist, sollten die Tore eigentlich wieder geschlossen werden. Das wäre barmherzig, alles andere grausam.Vielleicht hatten die Götter es vergessen; manchmal sind sie so zerstreut.Nicht aus Böswilligkeit – zumindest nicht für gewöhnlich. Aber am Ende sind sie Götter und kümmern sich nicht um das, was mit Fleisch passiert, vor allem weil es so langsam und langweilig ist, fremdartig und grob. Sie schenken ihm nicht viel Aufmerksamkeit, außer wenn es gesammelt, organisiert und beseelt wird.

Als sie (unser Körper) sich in die Welt hinaus gekämpft hatte, glitschig und lauter als ein Dorf aus Stürmen, blieben die Tore offen. Wir hätten inzwischen in ihr verankert sein müssen, schlafend in ihren Membranen, mit ihrem Bewusstsein verbunden. Das wäre der sicherste Weg gewesen. Aber weil die Tore offen standen und nicht verschlossen waren gegen die Erinnerung, waren wir verwirrt. Wir waren beides gleichzeitig, alt und neugeboren. Wir waren sie und doch nicht. Wir waren nicht bei Bewusstsein, aber wir waren am Leben – genau genommen bestand das Hauptproblem darin, dass wir ein deutlich unterscheidbares Wir waren, statt ganz und ausschließlich sie zu sein.“ p.12

Die Autorin/derAutor stammt aus zwei Kulturen: Igbo (ein nigerianisches Volk) und Tamilen. Beide Völker haben eine dicht bevölkerte Geisterwelt in ihrer Tradition. Ich konnte nicht herausfinden, ob es sich bei den verschiedenen sie „reitenden“ Wesen um Gottheiten, Geister, Dämonen oder aufgrund einer Vergewaltigung in ihrer Kindheit abgespaltene Persönlichkeitsanteile handelt. Während des lesens scheint manchmal das eine wahrscheinlicher manchmal das andere. Wie auch immer, ist es ein faszinierendes, mitreißendes Buch, das ich ganz unabhängig von der Handlung auch nur wegen der Sprache mit ihren hervorragenden  Metaphern gelesen hätte.

Ich habe auch eine längere Rezension im Spiegel gefunden, falls sich jemand näher interessiert  https://www.spiegel.de/kultur/literatur/suesswasser-von-akwaeke-emezi-viele-ichs-zum-ueberleben-a-1225682.html

 


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Lebensstufen

 

Julian Barnes

„Lebensstufen“

btb Verlag – deutsch: 2014

Ein tiefsinniges, lesenswertes, bedenkenswertes Buch über Ballonfahrten, Fotografieren, Lieben, Sterben und Trauern. Über Höhen und Tiefen, den technischen Fortschritt und menschliche Beziehungen.

Allein schon der erste Satz: „Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden, und die Welt hat sich verändert.“

Zunächst könnte man denken, es handle sich um eine Geschichte der Ballonfahrt, oder der Fotografie.  Höhe, Tiefe und Abbildungen werden jedoch als Metaphern verwendet um das eigentliche Thema des Buchs, die Trauer in einen größeren Rahmen zu setzten.

„Man empfindet den schmerzlichen Verlust des gemeinsamen Vokabulars, der Metaphern, Neckereien, Abkürzungen, Insider-Witze, Albernheiten, vorgeblichen Rügen, amourösen Fußnoten – all der versteckten Anspielungen, die voller Erinnerungen sind, aber wertlos, wenn man sie Außenstehenden erzählt. “ p.108

Ich möchte auch noch den Klappentext zitieren:

„Julian Barnes neues Buch handelt von Ballonfahrten, Fotografie, Liebe und Trauer. Davon, dass man zwei Menschen miteinander verbindet und sie wieder auseinanderreißt. Und von seiner Trauer über den Tod seiner Frau – schonungslos offen, präzise und zutiefst berührend.“

„Ein Taj Mahal aus Papier“ THE OBSERVER


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Ein bisschen Hamburg in Worten

Ich suchte Lesestoff für Hamburg. Dass ich dort schließlich insgesamt keine 30 Seiten gelesen habe, ist auf meine Freude am Wasser und Christianes freundliche und informative Begleitung zurückzuführen. Jedenfalls empfahl mir die Buchhändlerin dieses Buch, das sich als gute Wahl erwies.

Es ist die verwobene Geschichte mehrerer Familien, die auf mehreren Zeitebenen erzählt wird und unter anderem in Hamburg spielt. Immerhin, wenn die Aussicht von einer Villa an der äußeren Alster beschrieben wird, so kann ich mir nun etwas darunter vorstellen.

Die Geschichte ist gut erzählt, sie ist auch spannend. Ich würde mir schwer tun, müsste ich das Buch genremäßig einordnen. historischer Roman? Krimi? zeitgenössische Lebensgeschichte? Von allem etwas.

Mechthild Borrmann

„Trümmerkind“

„Manchmal steht sie in den Unterrichtspausen am Fenster eines Klassenzimmers und denkt darüber nach, wie sich die Dinge wiederholen oder, genauer, wie sie aneinander anknüpfen. So als trägt man ein Bündel von Lebensfäden in der Hand, von denen man den einen oder anderen verliert und dann wieder aufnimmt. aufnehmen muss, weil der Faden nicht zu Ende ist, sondern nur in einem Augenblick der Unachtsamkeit aus der Hand gerutscht ist. Hier steht sie mit der gleichen Sorge, blickt auf die Kinderschar im Hof und wartet auf das Unterrichtsende, um nach der Mutter zu sehen.

Heute wie damals fühlt sie sich schuldig. Damals war es nur eine diffuse Ahnung, aber heute kann sie die Dinge sortieren und Zusammenhänge erkennen. Die Mutter trinkt, seit Anna mit Hartnäckigkeit in der Geschichte gegraben hat. Seit Anna sie genötigt hat, sich an den tragischen Tod der Nichte und des Neffen zu erinnern.“


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Danke, Ulli

Ein interessantes Buch, das Ulli mir da empfohlen hat. Es beginnt wie eine gute, aber nicht besonders bemerkenswerte Dystopie, entwickelt sich aber zu einem Buch mit äußerst interessanten Betrachtungen über Mensch und Gesellschaft.

Eine kleine Kostprobe:

„Weißt du, was eine Hexe ist, Mia?“

Überrascht hebt die Angesprochene den Kopf und muss sich anstrengen um ihre Konzentration auf den neuen Begriff zu richten.

„Eine Hexe, mit Buckel und Besen?“ Die im Backofen oder auf dem Scheiterhaufen endet?“

„Das Wort kommt von Hagazussa. Die Hexe ist ein Heckengeist. Ein Wesen, das auf Zäunen lebt. Der Besen war ursprünglich eine gegabelte Zaunstange“

„Was hat das mit mir zu tun?“

„Zäune und Hecken sind Grenzen, Mia. Die Zaunreiterin befindet sich auf der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis. Zwischen Diesseits und Jenseits, Leben und Tod, Körper und Geist. Zwischen Ja und Nein, Glaube und Atheismus. Sie weiß nicht, zu welcher Seite sie gehört. Ihr Reich ist das Dazwischen. Erinnert dich das an jemanden?“

(…)

„Wer keine Seite wählt“ sagt die ideale Geliebte „ist ein Außenseiter. Und Außenseiter leben gefährlich. Von Zeit zu Zeit braucht die Macht ein Exempel, um ihre Stärke unter Beweis zu stellen. Besonders wenn im Inneren der Glaube wackelt. Außenseiter eignen sich, weil sie nicht wissen, was sie wollen. Sie sind Fallobst. “ p. 144

 


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42. Station der Literaturweltreise – Algerien

Weiter gehts auf der Lesereise , nach Nordafrika

Assia Djebar

„Nirgendwo im Haus meines Vaters“

S.Fischer Verlag

Der deutsche Titel ist die wortgenaue Übersetzung des französischen Originals und das ist – so finde ich – ein gutes Zeichen. Eine kleine Leseprobe erklärt diesen Titel:

„Ich frage mich: Ist nicht jede Gemeinschaft von Frauen, die zur Gefangenschaft verurteilt sind, zunächst aus sich selbst heraus verdammt, weil jeder Konflikt durch die Rivalität zwischen ähnlichen Gefangenen zusätzlich verschärft wird? … Oder ist das der Punkt an dem jener Traum zu bröckeln beginnt: die Liebe des Vaters, die die einen in den beneidenswerten Status einer „Tochter ihres Vaters“ erhebt, den einer „geliebten Tochter“, so wie in unserer islamischen Kultur  der Prophet, welcher nur Töchter hatte (vier an der Zahl und jede davon außergewöhnlich; die Jüngste, die Einzige, die ihn überlebte, starb vor lauter Kummer darüber, dass man sie enteignet und ihr das gesamte väterliche Erbe genommen hatte. Fast ist mir, als könnte ich sie mit leiser Stimme seufzen hören“Ach, Nirgendwo im Hause meines Vaters“ ) p.224

Assia Djebar, geboren als  Fatima-Zohra Imalayène am  30. Juni 1936 in Cherchell bei Algier starb am 6. Februar 2015 in Paris. Sie schrieb ihre Romane auf französisch, wie viele maghrebinische Autor*innen ihrer Generation. Das Französische als Kultursprache, das Arabische als Herzenssprache, so empfanden es wohl viele Schriftsteller und Intellektuelle, die unter französischer Kolonialherrschaft in einem der Länder des Maghreb aufwuchsen und durch das französische Bildungssystem gingen.

„Nulle part dans la maison de mon père“ 2007  (dt. Nirgendwo im Haus meines Vaters, 2009) ist Assia Djebars Autobiographie, in der sie ihre Kindheit und Jugend beschreibt, in Städten und Dörfern Algeriens vor der Unabhängigkeit des Landes.

Die Atmosphäre dieses Romans ist dicht, er beschreibt einzelne Szenen, zwischen denen oft große zeitliche Abstände liegen. Wir erinnern uns ja aus unserer Kindheit hauptsächlich an emotionale Ereignisse, die Spuren hinterlassen haben und so können biographische Erzählungen aus der Kindheit oft den Eindruck erwecken als hätte das Leben nur aus Höchst- und Tiefpunkten bestanden, was wohl selten der Fall ist.

Interessant fand ich, dass die Autorin zwar die traditionelle Lebensweise der algerischen Frauen kritisiert, dass sie aber nicht den Islam als Begründung für diese Lebensweise sieht. Schwierig war es, ein schlüssiges Bild der beschriebenen Menschen zu sehen. Der Vater der Autorin wird – aus meiner Sicht – als sehr zwiespältig beschrieben. Einerseits ist er sehr traditionell orientiert und verbietet zum Beispiel seiner vier, fünfjährigen Tochter Radfahren zu lernen, weil dabei ihre Beine zu sehen sind, andererseits ermöglicht er ihr als noch junges Mädchen in Frankreich zu studieren.

Vom Hin- und Hertaumeln zwischen zwei Kulturen erfährt man aus der Erzählung von der Schulzeit Assia Djebars. Sie lebte Jahre im Internat einer Schule, die von einigen wenigen anderen algerischen Mädchen und hauptsächlich von Töchtern der Kolonialherren besucht wurde. Ihr Vater war ein „einheimischer Lehrer“ und unterstützte die Ausbildung seiner Tochter. Dieses Algerien der 40er und 50er Jahre des 20. Jahrhunderts rückblickend beschrieben, aber gesehen durch die Augen einer Jugendlichen zeigt ein sehr bezeichnendes Sittenbild einer Gesellschaft, die einerseits in Herrschende und Beherrschte und innerhalb der Beherrschten noch in dominierende Männer und recht unsichtbare Frauen unterteilt ist. Aber es ist ein Blick von innerhalb einer Gesellschaft, der nichts mit jenen Werken zu tun hat, die andere Kulturen mit verständnislosem Blick von außen betrachten.