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Burundi – 72.Station meiner Literatur- und Kunstweltreise

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Ich wollte ein Buch über Burundi lesen. In diesem Buch geht es am Rande auch um Burundi, aber eigentlich auch wieder nicht, denn das Land wird nur als Ausgangspunkt für Betrachtungen über Diverses benützt.

Es könnte ein interessantes Buch sein, hätte es einen roten Faden und wäre es so geschrieben, dass man diesen roten Faden als Leser*in auch entdecken kann. Der Aufbau des Textes ist kaum durchschaubar, die Handlung zerhackt und die Sprache mühsam zu lesen. Ich fand es schwierig, mich zu motivieren immer wieder noch ein Stück weiter zu lesen.

Einige Stellen fand ich durchaus eindrucksvoll, etwa die Bilder von afrikanischen Flüchtlingscamps. Insgesamt war aber der Aufbau des Texts verwirrend und die Erzählung streckenweise langweilig. Ich habe nur bis etwa zur Hälfte und dann die letzten Seiten gelesen. Es könnte also sein, dass mir einiges entgangen ist. Ich habe die Gewohnheit ein Buch, das ich begonnen habe auch dann fertig zu lesen, wenn es mir nicht besonders gefällt. Bei diesem Buch hatte ich dazu einfach keine Motivation.

Die Protagonistin ist eine UNO-Angestellte, die abwechselnd in zeitlich schwer sortierbaren kurzen Abschnitten von ihrem Leben berichtet und über philosophische Fragen sinniert ohne zu klaren Aussagen zu kommen. Das zweite große Thema ist die UNO. Es hat mich sehr gestört, dass die Leserschaft nirgends darüber informiert wird, ob die Autorin die Kenntnisse und Erfahrungen über die sie verfügen muss um aus einer Insiderposition über die UNO zu schreiben überhaupt hat.

In die ohnehin schon beträchtliche Verwirrung ist auch noch eine Liebesgeschichte eingebaut, die ich recht verzichtbar finde, weil sie weder die Handlung voranbringt, noch inhaltlich etwas beiträgt. Die beteiligten drei Personen sind auch – zumindest in dem Teil des Buchs, den ich gelesen habe – kaum herausgearbeitet.

Über Burundi wollte ich lesen, aber leider weiß ich nach teilweiser Lektüre dieses Buchs nicht viel mehr als vorher.

Eis und Schnee und Hunger

Ich war den Sommer und den Herbstanfang unter anderem im Polareis unterwegs. Nachdem ich immer mehrere Bücher gleichzeitig lese und die beiden Polarbücher richtig dicke Wälzer sind, hat es eine Weile gedauert bis ich die Arktis wieder verlassen hatte.

Als erstes habe ich die „Erebus“ von Michael Palin gelesen. Der erste Teil war für mich etwas zähflüssig, weil in dem Buch die Geschichte des Schiffs und nicht so sehr die seiner Besatzung(en) erzählt wird und mich Schiffsbau eigentlich gar nicht interessiert. Die ersten Fahrten der Erebus gingen auch nicht in die Arktis. Aber nachdem das Schiff für das Polareis gerüstet und beladen war, brach die Franklin Expedition auf und ab diesem Zeitpunkt fand ich es sehr interessant. Nur vier Mitglieder dieser Expedition überlebten und das auch nur weil sie frühzeitig von Bord gegangen waren.

Nach drei Jahren im Eis versuchte die Gruppe zu Fuß südlich zu wandern und bewohnte Gebiete zu erreichen, was ihnen nicht gelang, sie starben alle. Das Wrack der Erebus wurde gefunden, auch viele Leichen der Besatzungsmitglieder. Vor kurzer Zeit begann man mit deren Identifizierung mittels DNA-Analyse. Verblüffend ist, dass die Expeditionsmitglieder nicht etwa an Bleivergiftung starben, wie man lange angenommen hatte. Abgesehen von Hunger und Kälte war ein enormer Zinkmangel gegeben, der das Immunsystem sehr schwächt und damit Krankheiten wie Tuberkulose und Skorbut Tür und Tor öffnet.

Durchaus interessant fand ich auch die Passagen, in denen über die Zeit berichtet wird, in der Franklin Gouverneur von Tasmanien war. Ein interessantes Buch, aber keines, das mich umgeworfen hat.

Ganz anders das zweite Buch „Die Polarfahrt“ von Hampton Sides. Hier ist der Erzählstil viel näher an den Protagonisten und es geht nur um eine Expedition. Dieses Buch hat mich von Anfang bis Ende gefesselt. Nicht zuletzt deswegen, weil die Personen sehr gut herausgearbeitet sind und weil sich der Autor aus vielen Quellen Details erarbeitet hat, auch Tagebücher und Briefe wurden berücksichtigt.

“ So grausam das Eis war, so schön konnte es sein. Das Meerwasser, das von unten an die Schollen klatschte, erzeugte ein monotones Rauschen, es erinnerte an den Klang eines Insektenschwarms und hatte etwas Beruhigendes. Hier und dort begegneten die Männer kunstvollen, aus Eis geformten Gebilden, die in einem Blauton schimmerten, der nicht von dieser Welt zu sein schien. An manchen Stellen hatte eine Algenart auf dem Packeis eine dünne Schicht hinterlassen, die ihn rot färbte, weshalb er auch Blutschnee genannt wurde. DeLong beschrieb fasziniert den Moment „wenn das Sonnenlicht durch den Nebel bricht und dabei wie ein Betrunkener zu zwinkern scheint.Die schwere, feuchte Luft war „gesättigt von einem Seufzen und Kreischen, das aus allen Richtungen gleichzeitig kommt“ und dort , wo zwei Eisstücke zusammenstießen „erheben sich Zentimeter um Zentimeter kleine Rüssel aus Schnee“ S 334

Auch diese Expedition verbringt zwei Jahre eingeschlossen im Packeis, bis das Schiff doch von der Gewalt des Eises zerdrückt wird. Die Besatzung versucht mit drei kleinen Booten die sibirische Küste zu erreichen. In einem Sturm werden die drei Boote getrennt. Eines geht unter, die beiden anderen erreichen an verschiedenen Stellen Land. Obwohl ich den Ausgang der Geschichte kannte, fand ich den Text sehr spannend geschrieben, vor allem wegen der vielen Details. Man ist ganz nahe am Geschehen.

Diese Expedition hatte großes Pech, denn sowohl räumlich als auch zeitlich trennte sie mehrmals sehr wenig von einer Rettung. Es überlebten zwei Männer aus dem einen Boot, die, weil sie die kräftigsten waren vom Kapitän vorausgeschickt wurden und die Gruppe aus dem anderen Boot, die etwas mehr Glück hatte.

Hinter dieser Geschichte steckt der furchtbare Irrtum des im 19.Jahrhundert renommierten Geographen und Kartographen August Petermann, der der festen Überzeugung war, dass rund um den Nordpol freies Wasser zu finden sei und aufgrund einer warmen Strömung ein milderes Klima. Nichts davon bewahrheitete sich.

Das Schicksal der DeLong-Expedition auf der „Jeanette“ , eine sehr gründlich recherchierte, tragische, wahre Geschichten. Mit dem nächsten Eisbuch warte ich jetzt bis zum nächsten Sommer. Derzeit sind die Temperaturen schwankend und ungewiss und ich muss mich nicht unbedingt ins sogenannte ewige Eis denken.

71. Beitrag meiner Literatur- und Kunstweltreise Grönland 2 (Dänemark)

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Erica Ferencik

„Ein Lied vom Ende der Welt“

Goldmann Verlag : 2022

Ein spannendes Buch, das ich gerne gelesen habe, trotz etlicher logischer Fehler in der Handlung und für mich nur schwer nachvollziehbarer Entwicklung mancher Charaktere. Bei einem Thriller ist das nicht so schlimm, könnte man sagen. Aber ist es denn ein Thriller? Science Fiction? Fantasy? Einfach ein Roman mit Elementen aus verschiedenen Genres? Wahrscheinlich letzteres.

Sehr gut gefallen haben mir die Schilderungen von arktischen Landschaften, von Schnee, Eis und Stürmen. Deswegen wollte ich das Buch überhaupt lesen. Das Leben in der arktischen Forschungsstation, die Tauchgänge und Ausfahrten in diversen Schnee-Fahrzeugen. Die Forschungen, die dort von den insgesamt fünf erwachsenen Wissenschaftern betrieben werden, klingen interessant, sind aber bei näherer Betrachtung doch etwas seltsam. Ebenso seltsam fand ich, dass das achtjährige Inuitmädchen, das von den Forschern im Eis gefunden und aufgetaut wurde, einfach als weitere Bewohnerin der Station betrachtet wird. Man sollte auch meinen, dass die drei neu angekommenen Forscher sich mit allergrößter Neugierde über den Prozess des Auftauens informieren wollten, zumal alle Beteiligten ja überzeugt sind, dass das Auftauen eines eingefrorenen Lebewesens gar nicht möglich ist. Tun sie aber nicht.

Eine der neu hinzugekommenen Wissenschafter, die Protagonistin des Romans, ist die Schwester eines dort verstorbenen Ökologen. Ob es nun ein Mord oder ein Selbstmord war, ist eine ungeklärte Frage. Der Stationsleiter ist eine schwer durchschaubare Persönlichkeit ebenso wie seine Assistentin, die für alle praktischen Fragen des Lebens zuständig ist, vom Kochen bis zum Reparieren sämtlicher Gerätschaften und Fahrzeuge. Die Protagonistin wird zunächst als eine Frau mit einer schweren Angststörung beschrieben, die es nur mit Hilfe zahlreicher Medikamente schafft, überhaupt aus dem Haus zu gehen. Wäre es eine reale Person, würde ich sehr bewundern, dass sie trotz ihrer schweren psychischen Beeinträchtigung beschließt zu einer arktischen Forschungsstation zu reisen. Für eine Romanfigur kommt mir eine solche Entwicklung aber ein bisschen unwahrscheinlich vor.

Das Thema der Sprachentschlüsselung war für mich interessant. Die Protagonistin ist Linguistin und soll die Sprache des Mädchens aus dem Eis entschlüsseln. Ich habe keine Ahnung von Inuit-Sprachen und weiß auch nicht, ob die Autorin derartige Kenntnisse hat oder ob es sich um reine Erfindung handelt. Jedenfalls fand ich es faszinierend, dass das Mädchen jeden ihrer Sätze mit einem von sieben Wörtern einleitet, die wie sich herausstellte die Emotion der Sprecherin ausdrückten. Sie könnte also zum Beispiel sagen „Traurig. Ich will hinaus“.

Meine Erfahrung mit diesem Buch ist eine seltsame. Obwohl ich ständig auf Szenen stieß, die mir reichlich unwahrscheinlich vorkamen, hat mich das nicht weiter gestört. Die Ungereimtheiten liegen im Detail, aber insgesamt ist der Plot interessant und facettenreich. Erica Ferenciks Geschichte ist spannend und mitreißend erzählt. So habe ich den Roman sehr gerne und sehr schnell gelesen.

Krakenfreundschaft

Craig Foster & Ross Frylink
„Seachange“
Mosaik Verlag: 2022

Beim Salzburger Mosaik Verlag, der zur Randomhouse-Gruppe gehört, gibt es Vielfältiges zu entdecken und nicht zuletzt diesen umwerfenden Bildband.

Vorausgeschickt: die Fotos sind eine wahre Augenweide, man wird richtig hineingezogen in diese fantastische Wasserwelt. Ebenso vorausgeschickt: es gibt auch einen Film zu diesem Projekt. Unter „Mein Lehrer der Krake“ findet man ihn leicht, es gibt ihn aber auch bei Netflix. Er ist sehr sehenswert.

Die beiden Autoren zeigen fantastische Makros von sehr vielen Bewohnern – tierischen und pflanzlichen – der Tangwälder an der südafrikanischen Westküste vom Kap der Guten Hoffnung bis zum Kap Agulhas. Wegen meines großen Interesses für Oktopusse begeistern mich besonders die Portraits der Kraken. Diese faszinierenden bunten Strukturen, der Blick in ihre Augen aus größter Nähe! Ich liebe diese Darstellungen, bei denen man die Strukturen der Haut und sonstiger Organe genau sieht. Viele dieser Fotos haben Qualitäten von abstrakten Gemälden.

Aus meiner Sicht rund um die Fotos gibt es auch Text. Man kann es natürlich auch so sehen, dass der Text von den Fotos illustriert wird. Es ging Craig Foster und Ross Frylink jedem für sich um das
Eintauchen in eine äußere faszinierende Welt ebenso wie um das Tauchen in die eigene Psyche und Vergangenheit. Beide sind gerade ein paar Meter von der Küste und den Tangwäldern aufgewachsen und haben sehr früh zu tauchen begonnen.

Auch die Texte sind ein Eintauchen in eine fremde, faszinierende Welt mit Bewohnern, die die unglaublichsten Eigenschaften und Fähigkeiten haben.

„Ich war überwältigt als ich zum ersten Mal in das Auge eines Gestreiften Katzenhais blickte und sich darin ein ganz anderes Universum spiegelte. Der Hai sammelt Aragonit (eine Kristallform von Calciumcarbonat) aus dem Meerwasser und baut daraus auf der Rückseite seines Auges einen glänzenden Spiegel auf. dies befähigt ihn, in dem dunklen Wald das schwache Mondlicht zu verstärken und sich nachts zu orientieren. Er sieht bei schwachem Licht zehnmal besser als ich“ S 44

Bei den Tauchgängen, den Reisen ins Abenteuer, lebt Craig Foster seine eigene Theorie über die Verbindung des Menschen zur Natur.

„Wir sind überaus anpassungsfähig, aber unser frühes evolutionäres Erbe taucht immer wieder in unserem Seelenleben auf. Wir sehnen uns nach unseren Wurzeln in der Wildnis. Wenn wir sie nicht nähren, fühlen wir uns entfremdet, nicht mit uns selbst in Einklang. Wir fühlen uns gespalten, als verlorene Wesen, die sich in einem immer enger werdendem Kreis des Wahnsinns drehen. Jeder Schritt zurück zu unserer Quelle, zu unserem Ursprung, bringt uns jener positiven Kraft näher, die man Liebe nennen könnte. Die Wildnis lebt als ein Archetypus in den Tiefen unserer Seele fort. Diese Prägung lässt sich nicht auslöschen.“ S 90

Auch für das in der Kalahari lebende Volk der San und ihre Felsmalereien interessieren sich die beiden Autoren und integrieren deren Kunst und Kultur in ihre Betrachtungen über das Verhältnis von Mensch und Natur. Es gibt daher in dem Buch auch einige Fotos von solchen Felsmalereien.

Die nicht ganz einfachen Lebensgeschichten der beiden Autoren werden ebenfalls in die Begegnungen mit den Meereslebewesen verwoben. Am meisten beeindruckt hat mich die Begegnung zwischen Mensch und Krake. Foster schildert seine Freundschaft mit einem Krakenweibchen und es kommt kein Zweifel auf, dass es sich um eine Beziehung handelt, die man als Freundschaft zwischen zwei Species bezeichnen kann. Besonders eindrucksvoll kann man im Film sehen, wie die beiden einander berühren, ja geradezu miteinander kuscheln.

Der wissenschaftliche Zugang zum Meer wird in einem Vorwort von dem Meeresbiologen Jannes Landschoff vertreten, der auch mit Foster und Frylinck im Rahmen des Sea Change Projekts taucht und in einer Einleitung von Jane Goodall, die meint,

(…) dass Menschen tiefe und starke Beziehungen zu vielen verschiedenen Lebensformen aufbauen können S11

Dass Sea Change Projekt entwickelt sich offenbar prächtig:

In dieser Gruppe der „Waldfans“ sind alle Altersgruppen vertreten – von 15 bis 75 – über Generationen hinweg sind Freundschaften entstanden, miteinander verflochten durch die Kraft des Meeres. Dieses gemeinsame Interesse daran, Geschichten zu erzählen und sich über Flora und Fauna auszutauschen, steht im Zentrum der ursprünglichen Naturerfahrung des Menschen, und es verbindet den Menschen mit der Wildnis und die Wildnis mit dem Menschen“ S 329

Ein Thriller aus Nigeria – 70. Station meiner Literaturweltreise

Femi Kayode
Lightseekers
btb Verlag: 2022

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Dieser Thriller des nigerianischen Psychologen Femi Kayode beruht auf einer wahren Begebenheit, Lynchmorden an Studenten. Kayode beherrscht das Handwerk: die Handlung ist spannend, bis zum letzten Moment, linear erzählt, aber es gibt auch einen zunächst nicht identifizierbaren Ich-Erzähler in einem Parallelstrang. Die handelnden Personen sind glaubwürdig charakterisiert. Dem Protagonisten, einem Psychologen, der sich auf die Analyse von Kriminalfällen spezialisiert hat, ist ein Assistent zur Seite gestellt, der zunächst etwas zwielichtig wirkt.

Das Buch ist beim btb-Verlag erschienen und als erster Roman einer Reihe gekennzeichnet. Mit großer Wahrscheinlichkeit werde ich auch den zweiten lesen.

Der Protagonist samt Familie ist zu Beginn der Handlung erst vor kurzem aus den USA nach Nigeria zurückgekehrt:

„Zum millionsten Mal verfluche ich es, meiner Frau zurück nach Nigeria gefolgt zu sein.Ich habe damals gute Miene zum bösen Spiel gemacht, als sie mir ihre Gründe für unsere Rückkehr auseinanderlegte, aber in Wirklichkeit hat sie mich unter Druck gesetzt, und deswegen hege ich immer noch einen tiefen Groll gegen sie.
„Schatz, die Jungs werden dieses Jahr fünfzehn. Ich will, dass wir hier weggehen, bevor sie glauben, dass sie ihre Hautfarbe sind.
Sie hatte natürlich recht. (…) überall konnte man Berichte über Gewalt gegen People of Color lesen. Als wir zu einem Elternabend eingeladen wurden, bei dem ein ganzer Katalog von Verhaltensregeln für schwarze Jungen ausgegeben wurde, für den Fall, dass sie von der Polizei angehalten werden, war Folake außer sich vor Wut und zugleich tief verstört. Die Ereignisse in Seattle brachten das Fass schließlich zum Überlaufen. Sie war entschlossen, die Staaten zu verlassen, ob mit mir oder ohne mich.“ S 191

Es ist kein Buch in einer schillernden, literarischen Sprache mit starken Bildern. Das muss ein Thriller aber auch nicht sein. Seine Stärke für mit Nigeria nicht vertraute Leser*innen besteht in der Schilderung gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse in diesem Land. Es ist geschickt, dass der Protagonist selbst als jemand beschrieben wird, der lange nicht in Nigeria gelebt und daher eine gewisse Außensicht hat:

„Die Neigung der Menschen hier in Nigeria, auf fast alles sofort mit Gewalt zu reagieren, ist etwas, woran ich mich nicht gewöhnen kann. Es liegt so viel Aggression und Wut in der Luft“S 240

Nigeria ist wie viele afrikanische Länder reich an Rohstoffen, in diesem Fall Öl, aber die daraus erzielten Gewinne, kommen beim Volk nicht wirklich an.

Ein höchst interessantes gesellschaftliches Phänomen, von dem ich noch nicht gehört habe und das in diesem Buch eine große Rolle spielt, sind an den Unis gegründete geheime Bruderschaften, die „Kult“ genannt werden. Die allererste dieser Bruderschaften wurde von sieben Studenten des University College Ibadan gegründet, einer von ihnen der Nobelpreisträger Wole Soyinka. Zu Beginn waren es einfach Studentenverbindungen, die den status quo im Land und an der Uni infrage stellten, doch in den nächsten Generationen entwickelten sie sich zu mafiösen Vereinigungen, die am Klima der Gewalt maßgeblich beteiligt sind.

Innerhalb dieses Szenarios entwickelt sich die spannende Recherche, in die eine Menge weiterer bunter Akteure verwickelt sind, die sich als untereinander auf verschiedene Arten vernetzt erweisen.

Hat mir gut gefallen. Allerdings bleibt der Nachgeschmack, dass die aktuellen Verhältnisse in Nigeria nicht viel anders oder gar genauso sind, wie in diesem Thriller beschrieben, was kein Anlass zur Freude ist.

Hadija Haruna-Oelker „Die Schönheit der Differenz – Miteinander anders denken“

Sehr vorsichtig bin ich an die Lektüre dieses Buchs herangegangen, denn meine Begeisterung für den typischen Stil der Genderforscher*innen hält sich sehr in Grenzen. Die vielen Abkürzungen und Wortschöpfungen, die absurden Pronomen und vieles mehr stehen meinem Engagement für die durchaus berechtigten Forderungen sehr im Weg. „Ja“ zu den Anliegen und deren Umsetzung aber „nein“ zu vielen Wegen dahin.

Meine Vorurteile dazu, dass manche Dinge so verschwurbelt werden, dass niemand sich damit beschäftigen möchte, haben sich gleich einmal bestätigt, denn die Autorin teilt mit, dass sie weiß immer klein und kursiv schreibt,

„… weil es eine Konstruktion ist ebenso wie „Schwarz“. „Schwarz“ schreibe ich groß, um zu verdeutlichen, dass es sich um eine Zuordnung und eine bestimmte Erfahrung handelt, die ich als „Rassifizierung“ verstehe“ S25.

Nun gut, andererseits beginnt das Buch mit:

„In diesem Buch schreibe ich für etwas und nicht gegen etwas an. Ich schreibe für eine diverse Gesellschaft und ihre Schönheit, und ich schreibe für alle, die, die einen Weg dorthin suchen, (…) Dieses Buch ist für Menschen, die nicht nur mit Gleichen reden möchten, sondern erfahren wollen, was ihnen noch unbekannt ist. Es ist für alle, die Fragen haben, auf der Suche nach Antworten sind und die Angst ablegen wollen, etwas falsch zu machen. Die sich Klärung statt Selbstgeißelung wünschen (…) S 9

Diese Einstellung wiederum gefiel mir und so las ich das Buch.

Dass die Autorin als Tochter einer weißen Deutschen und eines Ghanesen Spezialistin für die Diskriminierung von dunkelhäutigen Menschen in Europa im allgemeinen und in Deutschland im besonderen ist, will ich gerne glauben, ob aber sie oder sonst irgendjemand dem Anspruch des „intersektionellen Feminismus“ gerecht wird, auch von den speziellen Gegebenheiten bei allen anderen mehr oder weniger diskriminierten gesellschaftlichen Gruppen zu wissen ? Das ist, denke ich, gar nicht möglich.
Die Autorin bezeichnet sich selbst als Schwarz (immer groß geschrieben) obwohl sie die als korrekt propagierte Bezeichnung BI-POC (Black, Indigenous, People of Color) auf S 26 lang erklärt und befürwortet. Ich nehme dies als einen der vielen Widersprüche und Ungereimtheiten in der Szene.

Ihr Ziel oder ihre Vision beschreibt die Autorin folgendermaßen:

„Es gibt so vieles, was voneinander gesehen und gelernt werden kann. Das soll nicht platt dahergesagt klingen. Nein, es beschreibt eine grundsätzliche Haltung, die vielen noch fehlt. Diese Haltung ist in erster Linie eine offene. Damit meine ich nicht die Neugier und ein Bestaunen von „Anderen“, und ich meine damit auch kein interkulturelles Verständnis von hier meine und da deine Kultur. Nein. Mich treibt ein Gefühl an, das unsere Gesellschaft als zusammengewachsen versteht. S 181

Ich habe mit viel Interesse über Lebenserfahrungen von Hadija Haruna-Oelker gelesen. Wenn sie über eigene Erfahrungen und Gedanken schreibt, sind die Texte leicht zu lesen und vermittelten interessante Eindrücke aus mir unbekannten Welten. Schreibt sie aber über klassische Gender-Themen verfällt sie in mit Tonnen an Szenevokabular überlastete Schachtelsätze. Es wundert mich immer wieder, wie Autoren vermuten können, dass sie durch in diesem Stil geschriebene Episteln irgendjemanden für ihre Themen interessieren können. Ich halte mich da an ein anderes Zitat aus dem Buch, dem ich voll und ganz zustimme

„Doch anstatt in einen vielleicht schmerzhaften, aber dafür ehrlichen Austausch darüber zu kommen, ersticken wir diesen in Debatten über Political Correctness und Identitätspolitik, verklären dabei die Gewalt, die daraus entsteht und übersehen die Folgen “ S199 Ja, genauso sehe ich das auch …

Es ist ja nicht möglich, so ein Buch zusammenzufassen. Ich möchte auch keine Polemik zu einigen Aspekten eröffnen. ich beschreibe daher nur meine Eindrücke. Auf der positiven Seite stehen der humanistische Ansatz des Buchs, die umfangreiche Bibliographie, die Zusammenstellung von Vereinigungen und Gruppen, die sich mit erwähnten Themen beschäftigen und die sehr authentisch erscheinenden Berichte aus dem Leben der Autorin.

Auf der negativen Seite steht die schlechte Strukturierung und die Länge des Buchs. Bei einer Straffung um mehr als die Hälfte und einem nachvollziehbareren Aufbau der Themen, kämen die Inhalte besser bei den Leser*innen an. Bei mir löst es Langeweile aus, wenn ich statt des Kernsatzes „alle Menschen sind gleichwertig, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Religion, Alter, Gesundheit ….“ fünfhundert Seiten lesen soll, in denen genau dies in mäanderndem Stil beschrieben wird.

Ich bin wahrscheinlich etwas ungerecht. Ich habe auch Dinge gelesen, die mir neu waren und die mich interesiert haben, nur hatte ich den Eindruck, dass ich mich wie mit einer Machete durch den Urwald zu ihnen vorkämpfen musste, weil drumherum so viele HIndernisse im Weg standen.

Donnerstag 11. August 2022

Muss man alles, was man begonnen hat auch zu Ende lesen? Nein, nein, eindeutig nein. Ich habe leider die blödsinnige Gewohnheit immer alles fertig zu lesen, egal wie absurd ich es finde, egal wie langweilig es ist, wenn ich einmal begonnen habe, lese ich auch weiter. Bei Zeitschriften habe ich mir immerhin schon abgewöhnt, auch Artikel zu lesen, die mich gar nicht interessieren. Bei Büchern arbeite ich daran, ziemlich heftig, denn 600 Seiten Sachbuch ohne erkennbaren roten Faden übersteigen meinen Leidenswillen.

Ein Foto, das ich in meinen Archiven gefunden habe. Es ist – wen wundert´s – eine Spiegelung. Wenn ich mich recht erinnere auf einem Autofenster.

Dienstag 27. Juli 2022

In der Bücherei gibt es Sackerl zum Büchertransport im Angebot, die von verschiedenen Institutionen gesponsert werden. Zum Beispiel von der „Bestattung Wien“. Das Sackerl ist schwarz und es steht darauf „ich lese bis ich verwese“ . Naja …

Ich habe mir in dieser Bibliothek zwei Bücher zum Thema Polarreisen bestellt, die hoffentlich noch rechtzeitig vor dem Aufflammen der nächsten Hitzewelle ankommen werden. Ich stelle es mir ordentlich abkühlend vor über Eis und Schnee und Schlittenhunde und Polarnächte zu lesen. Einmal ganz abgesehen davon, dass ich gerne Beschreibungen von Polarexpeditionen lese.

Derzeit lese ich gerade ein Buch, bei dem ich mir zunächst nicht sicher war, ob ich es tatsächlich lesen wollte. Aber es scheint doch anders zu sein, als ich befürchtet hatte. Ich lasse mich drauf ein und versuche, die nervigen Abkürzungen der Gender-Soziologen-Sprache mit Fassung zu tragen und zum Kern der Aussagen vorzudringen.

„Ich bin eine Schwarze, nicht behinderte, normschlanke, cis-hetero Frau mit der Erfahrung chronisch krank zu sein. Ich bin Mutter, Ehefrau, Tochter, Schwester, Journalistin und Feministin. Ich wurde in Westdeutschland sozialisiert. Meine Perspektive ist die eines Arbeiter*innen und Angestelltenkindes der sogenannten unteren Mittelschicht, das studiert und einen sozialen Aufstieg erlebt hat. Ich bin Teil einer weltweiten Geschichte der Unterdrückung. Eingebettet in ein soziales Umfeld, bin ich von Menschen umgeben, die mir zeigen, was es heißt, migriert, Schwarz, behindert, arm, muslimisch (gelesen zu werden) jüdisch, sinti, queer, dick_fett, neurodivers, und/oder chronisch krank zu sein“ Hadija Haruna-Oelker

Mit dem „gelesen zu werden“, das sich nur auf „muslimisch“ zu beziehen scheint, kann ich nichts anfangen, aber ansonsten klingt das so als könnte es mich interessieren..

Der Klon

Wenn es um Science Fiction geht mit Elementen aus der Genetik kann ich ja nicht widerstehen und schon gar nicht wenn das Buch von Jens Lubbadeh ist, dessen „Neanderthal“ ich schon sehr gerne gelesen habe.

Es geht in diesem Buch um das Klonen von Menschen durch einen etwas ominösen Wissenschaftler. Die Figur wird durchaus differenziert geschildert und nicht als Böser vom Dienst. Wie irgendwann zu erwarten, taucht bei ihm jemand auf, der einen Klon von Adolf Hitler haben möchte auf der Grundlage von DNA, die nur auf eine neuartige, schwierige Art extrahiert werden kann. Dabei tritt die Assistentin des Genetikers auf den Plan, die ebenfalls eine begabte, ehrgeizige Wissenschaftlerin ist, die in der weiteren Handlung eine wichtige Rolle spielen wird. Eigentlich ganz realistisch: alles, was die Wissenschaft kann, sei es nun ethisch vertretbar oder auch nicht, wird sie irgendwann tun.

So schlicht und eindimensional geht es bei Lubbadeh aber nicht zu. Fast bis zum Ende ist es nicht sicher, wer von den mehreren geklonten jungen Männern nun eine Kopie von Hitler ist. Es geht um die Frage von genetischer Determination, von möglicher Freiheit, auch um die Bedeutung und Wirkung von Erziehung. Interessant fand ich auch den Exkurs in die Epigenetik, die Vererbung erworbener Eigenschaften und Gefühle. Es handelt sich um Spekulation, da es – hoffentlich – keine geklonten Menschen gibt, deren Erleben zur Beweisführung für die vertretenen Theorien herangezogen werden könnte.

Die Geschichte ist in eine Schilderung einer eher dystopischen nahen Zukunft in Deutschland eingebettet. Die Klimakatastrophe schreitet voran, die Unzufriedenheit der Leute mit Energiesparmaßnahmen auch. Es gibt eine rechtsradikale Partei mit dem schönen Namen „der deutsche Weg“, die alle anderen Parteien vor sich hertreibt und deren Anführer, wie sich herausstellt, die Auftraggeber für den Hitler-Klon sind.

Es gelingt Jens Lubbadeh diese doch eher deprimierende Handlung zu einem positiv in die Zukunft sehenden Ende zu führen, was ich sehr gut gelungen finde.

Es ist ein spannender Thriller, aber eben nicht nur.

69.Station meiner Literatur- und Kunstweltreise – Südafrika 2

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Meine Begeisterung für den Luchterhand Literatur-Verlag hält an: ein bemerkenswertes Buch nach dem anderen habe ich die Freude zu lesen. Das letzte war „Das Versprechen“ von Damon Galgut. 1963 in Pretoria geboren, begann er schon mit siebzehn Jahren zu schreiben. Für „Das Versprechen“ bekam er 2021 den britischen Booker Prize.

Es handelt sich um einen Roman, der mich sowohl inhaltlich als auch stilistisch begeistert hat. Es ist die Geschichte einer südafrikanischen Farmerfamilie, die von der letzten Zeit der Apartheid an erzählt wird. Der Punkt, zu dem die Erzählung immer wieder zurückkommt, ist das Versprechen des Vaters, der langjährigen Haus“angestellten“ das Häuschen, in dem sie wohnt zu schenken. Ein Versprechen, das er seiner Frau am Totenbett gegeben hat, aber nicht einhält. Die jüngste von den drei Kindern war Zeugin des Versprechens und bringt das Thema immer wieder aufs Tapet, zum Ärger der anderen Familienmitglieder.

Galguts Protagonisten erschienen mir ebenso lebendig geschildert wie psychologisch glaubwürdig. Die drei Geschwister sind in Charakter und Lebensführung sehr verschieden und führen die Leser*innen daher durch verschiedene Gesellschaftsschichten. Die Atmosphäre der Endphase der Apartheid wird sehr lebendig ebenso wie die höchst verschiedenartigen Beziehungen, die weiße und schwarze Südafrikaner verbinden und trennen. Der Tod gliedert den Roman: jedes Kapitel beinhaltet den Tod einer der Hauptfiguren dieser Familiensaga. Zu den Totenfeiern trifft sich die Familie und es kommt zu Zusammenstößen, die Einfluss auf die weitere Entwicklung haben.

Allein wegen der Handlung und der hinein verpackten politischen und historischen Ereignissen hätte mir der Roman schon sehr gefallen. Das wirklich außergewöhnliche daran aber ist die Erzähltechnik. Die Stimme des allwissende Erzählers beschränkt sich nicht aufs Erzählen, er wechselt immer wieder die Position, wechselt vom Erzähler in einen der Protagonisten, spricht sogar die Leser*innen an, gibt Ratschläge, erklärt seine Positionen:

“ Ihr kommt eine Erinnerung, die sie erst jetzt richtig begreift, an einem Nachmittag vor kaum zwei Wochen, in demselben Zimmer, mit Ma und Pa. Sie hatten völlig vergessen, dass ich da saß, in der Ecke. Sie sahen mich nicht, ich war wie eine Schwarze für sie“ S31

„Sie verabscheut ihren ganzen Körper, wie so viele von euch S38

„Seit sie Südafrika verlassen hat, bemüht sie sich, voranzukommen oder doch wenigstens ständig in Bewegung zu bleiben, auch wenn sie nicht immer weiß, wohin die Reise geht, wechselnde Zimmer und Städte und Länder und Menschen, alles wischt wie eine Landschaft in rasender Geschwindigkeit vorbei, etwas in mir kann nicht zur Ruhe kommen S135

Eine rosa Narbe zieht sich im Zickzack über seinen Rücken. Eine sehr persönliche Geschichte, ich kenne ihn nicht gut genug, um ihn danach zu fragen. S.181

Jake folgte ihm in einen großen Raum mit einem Klavier und künstlichen Blumen und einer Nippessammlung, die hier besser unbeschrieben bleibt S248

Und viele andere Stellen. Der Erzähler ist allgegenwärtig, in verschiedenen Personen und als Erzähler im Hintergrund, der aber immer wieder auch hervortritt Das könnte irritieren, aus der Geschichte herausreißen, tut es aber nicht. Im Gegenteil, es reißt hinein in das fiktive Universum als säßen der Erzähler, seine Figuren und seine Leser*innen gemeinsam um ein Feuer und hielten ein großes Palaver *)

Palaver *) bezeichnet ein langwieriges und häufig eher oberflächliches Gespräch über Nichtigkeiten. Im Deutschen ist das Wort im allgemeinen Sprachgebrauch daher eher negativ belegt. In ethnologischen Untersuchungen anderer Länder kommt jedoch ein anderer Sinn zum Vorschein: In der afrikanischen Kultur entspricht das Wort hierbei der Bedeutung von „Versammlung“. In großen Teilen Afrikas gehört das Palaver zu den guten Umgangsformen; umso länger, je wichtiger die Angelegenheit und je höher gestellt die Beteiligten sind. Quelle: Wikipedia

68. Station meiner Literaturweltreise – Norwegen

ABKÜHLUNG

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Ich interessiere mich sehr für den „großen Norden“ wie die Franzosen sagen, habe vieles darüber gelesen und gesehen. An „Amundsens letzte Reise“ von Monica Kristensen konnte ich daher nicht vorbeigehen. Einmal ganz abgesehen davon, dass bei den derzeitigen Temperaturen das Lesen über Schnee und Eis gerade richtig kommt.

Die Autorin dieses Buchs aus dem btb-Verlag, Monica Kristensen, ist eine norwegische Glaziologin, Meteorologin und Schriftstellerin. Sie war die erste Frau, die eine Antarktisexpedition geleitet hat. Als Polarforscherin wurde sie 1989 mit der Founder’s Medal der Royal Geographical Society ausgezeichnet. Offenbar eine sehr vielseitige Frau, denn sie hat auch eine Krimireihe geschrieben, die in Svalbard spielt, einem Archipel zwischen dem Atlantischen und dem Arktischen Ozean.

Das Buch bewegt sich rund um das Jahr 1928. Die Vorgeschichte dazu:

„Die Zeiten der heroischen Expeditionen mit Fellkleidung, Hundegespannen und langen Jahren der Entbehrungen, Erfrierungen und Leiden waren vorüber. Roald Amundsen ergriff die Möglichkeiten, die sich ihm boten. 1925 führte er zusammen mit einer Mannschaft von fünf Teilnehmern, darunter auch Leif Dietrichson, einen Flug mit zwei Dornier Wal-Flugzeugen von Ny-Alesund auf Spitzbergen in den Norden durch. Das Ziel war der Nordpol: Sie landeten jedoch auf 88 Grad nördlicher Breite. Ein neuer Rekord, aber eben nicht der Pol selbst. 1926 erreichte Amundsen endlich sein persönliches Ziel. Auch dieses Mal war er der Erste. Das italienische Luftschiff „Norge“, gelenkt von dem Konstrukteur selbst, Umberto Nobile, erreichte am 12.Mai 1926 um 02.20 Uhr den Nordpol“ S.15

Nach dieser erfolgreichen Expedition trennten sich Amundsen und Nobile aber nicht im Frieden. Aus meiner Sicht war es ein Problem des Zusammenstosses von zwei überzeugten Alphamännern. Das schreibt allerdings nicht die Autorin, die eine große Bewunderin von Amundsen ist.

Am 23.Mai 1928 startete Nobile mit dem Luftschiff „Italia“ eine eigene Expedition zum Nordpol bei der auch die Inselgruppe östlich von Franz-Josef-Land kartografiert werden sollte. Damals hieß sie „Nikolaus-II-Land“, heute nennt man sie „Sewernaja Semlja“. Die „Italia“ kam am Nordpol an, umkreiste ihn zwei Stunden lang und setzte dort ein riesiges Kreuz und eine italienische Fahne ab. Beim Weiterflug wurden die Wetterbedingungen aber immer schwieriger, die letzte Funknachricht kam am Freitag, dem 25. Mai und schließlich stürzte das Luftschiff ab. Dabei sprangen einige der Expeditionsteilnehmer über dem Eis ab, einige wurden bei dem Absturz getötet und einige wurden mit dem Ballon des Flugzeugs mitgerissen.

Es wird nun die Suche nach den eventuellen Überlebenden dieses Absturzes insbesondere General Umberto Nobile selbst geschildert. Die Autorin hat bis in kleine Details recherchiert. Die zahlreichen Schiffe und Flugzeuge aus verschiedenen Ländern, Italien, Norwegen, Frankreich, Schweden, Finnland, Russland werden sowohl in ihren technischen Details als auch was die Besatzung betrifft, genau beschrieben. Für meine Begriffe etwas zu genau, denn die technische Beschreibung verschiedener Flugzeugtypen und die Aufzählung der Karriereschritte der Teilnehmer an diversen Expeditionen hat mich nicht so interessiert. Das kann man aber natürlich dem Buch nicht vorwerfen.

Sehr spannend dagegen fand ich, wie die vielen beteiligten Nationen mehr oder weniger diplomatisch miteinander umgingen und wie wichtig die Nationalität der Polarforscher genommen wurde. Es war alles nicht ganz einfach, weil die Besatzung nicht unbedingt aus demselben Land kam in dem die Flugzeuge und Schiffe gebaut worden waren und auch die Rechte der Verwaltung mancher Gebiete nicht restlos geklärt war.

Amundsen wollte sich aus Motivationen, die wir wohl nicht mehr erfahren werden unbedingt an der Suche nach Nobile beteiligen und nachdem ihn weder die norwegische noch die italienische Regierung mit der Organisation einer Expedition betraute, rüstete er auf eigene Faust eine private Rettungsexpedition aus und weihte auch niemanden in seine genauen Pläne ein. Dies wurde ihm zum Verhängnis, denn auch sein Luftschiff stürzte ab und er selbst und die Teilnehmer seiner Expedition konnten im Gegensatz zu Nobiles Expedition nicht mehr gefunden werden.

„Amundsens letzte Reise“ ist auch nicht als reines Sachbuch konzipiert. Die Autorin hat auch Passagen mit Beschreibungen des Überlebens der Nobile-Expedition, wobei sie darauf verweist, dass auch diese Schilderungen alle auf Fakten beruhen. Ziemlich schaurig ist die Beschreibung des Auffindens von zwei von drei Männern, die sich von Nobiles Zeltlager entfernt hatten und versuchten zu Fuß Land zu erreichen (Nobiles Zeltlager befand sich auf einer driftenden und immer weiter schmelzenden Eisscholle) Einer der ursprünglich drei Männer war unterwegs verstorben, von den beiden übrig gebliebenen war einer fast verhungert und fast nackt, während der andere gut genährt und mit beinahe allen vorhandenen Kleidungsstücken aufgefunden wurde.

Mich hat die Schilderung eines russischen Eisbrechers besonders beeindruckt, die gewaltigen Mengen an Kohle, die so ein Schiff verbrauchte und die enorme Umweltverschmutzung, die dadurch entstand aber auch die Kraft dieser Schiffe, die beim Einsatz der vollen Kraft der Maschinen das Eis buchstäblich brechen konnten. Letztlich – nach vielen Flügen und Schifffahrten war es so ein Eisbrecher, der die Überlebenden von Nobiles Zeltlager an Bord nahm, ebenso wie die beiden verbliebenen italienischen Offiziere, die sich zu Fuß aufgemacht hatten. Jene Männer der Nobile-Expedition, die mit dem Ballon weggerissen worden waren, konnten nicht gefunden werden, ebenso wenig wie Amundsen und die französische Besatzung seines ebenfalls französischen Luftschiffs.

Ein letztes Detail oder Indiz in dieser gewaltigen Suchaktion hebt die Autorin für das Ende des Buchs auf. Es lässt aufhorchen, Theorien wurden erstellt, aber trotz etlicher Indizien konnten keine Gewissheiten gefunden werden.

Nach Überblättern von für mich nicht so interessanten technischen Details und biografischen Anmerkungen zu sehr vielen Teilnehmern verschiedener (Such)Expeditionen fand ich das Buch spannend, informativ und sehr geeignet während einer Hitzewelle gelesen zu werden

Immer kleiner, immer kreativer

Ein Buch für Menschen, die wie ich gerne in Wohnzeitschriften und Büchern über Inneneinrichtung blättern und solche, die in kleinen Wohnungen oder Häusern leben. Es stammt aus dem Prestel Verlag, dessen Bildbände über Kunst im weitesten Sinn ich sehr schätze.

Es werden viele verschiedene Wohnungen vorgestellt, die nur gemeinsam haben, dass sie klein sind. Eine große Vielfalt von kleinen Häusern, die rund um die Welt zu finden sind, wird von innen und außen beschrieben, natürlich mit vielen Fotos bebildert. Dazwischen werden verschiedene Wohnthemen mit dem Fokus auf kleine Räume behandelt. Man findet auch Ratschläge zu diversen Bereichen wie Stauraum, Bad, flexible Möbel, Beleuchtung um nur einige zu nennen. Auch sehr viele Ideen, wie man verschiedene Gegenstände wie Körbe, Kisten, Regale jeder Art zu brauchbaren Möbeln mit viel Stauraum umfunktionieren kann, obwohl sie selbst wenig Platz wegnehmen.

Die Beispiele von kleinen Häusern und Wohnungen stammen aus den verschiedensten Ländern und Orten, darin wohnen Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Vorgestellt wird zum Beispiel das 32m2 große Häuschen einer vierköpfigen Familie in Australien, das mobile 17-m2 Häuschen eines jungen Paars aus Südafrika, ein 44m2 großes Dachgeschoß einer Architektin in Amsterdam und viele andere.

Die höchst kreativen Lösungen, wie man Bäder und Küchen auf kleinstem Raum großzügig und funktional gestalten kann, haben mir besonders gefallen, auch die Einrichtungsideen sind einerseits originell und andererseits sehr praktisch. Was mir gefehlt hat, sind Ansichten von oben (davon gibt es nur eine) oder Pläne für einen Überblick über den gesamten Wohnraum.

Auch viele links zu Architektenbüros, Möbelerzeuger und Plattformen auf denen Leute, die in tiny houses leben, Fotos und sonstiges posten, findet man in dem Buch. Das kann man so oder so sehen. Ich finde es nicht störend und vielleicht findet der eine oder die andere Leserin wertvolle Hinweise. Sollte ich in so ein Häuschen umziehen wollen, könnte ich in diesem Buch jedenfalls eine Menge Information und Inspiration finden.



67. Station meiner Literatur- und Kunstweltreise – Tanzania und Sansibar

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Abdulrazak Gurnah ist der Literaturnobelpreisträger 2021, aber sein Roman „das verlorene Paradies“ im englischen Original „paradise“ wurde 1994 veröffentlicht. In deutscher Übersetzung kam es 1998 beim S.Fischer Verlag heraus und wurde 2021 in der Übersetzung von Inge Leipold beim Penguin Verlag neu aufgelegt, wahrscheinlich anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises.

Der Proganonist der Geschichte ist der zwölfjährige Yussuf, der zunächst bei seinen Eltern aufwächst und dann von einem reichen arabischen Kaufmann als Schuldsklave für die Schulden seines Vaters mitgenommen wird. Yussuf wird im Geschäft seines Onkels eingesetzt, wo er gemeinsam mit einem anderen jungen Mann, der auf ähnliche Art in den Besitz des Kaufmanns gelang ist, unbezahlt arbeitet. Am Ende des Romans ist Yussuf erwachsen und seine Sicht der Welt hat sich entsprechend verändert.

Der Roman spielt in einer bewegten Zeit, zu Beginn des 20ten Jahrhunderts, vor dem ersten Weltkrieg. Die zukünftige Kolonialmacht Deutschland beginnt das Leben im heutigen Tanzania mehr und mehr zu beeinflussen und zu Beginn des ersten Weltkriegs werden unter den Einheimischen Soldaten für die deutsche Armee ausgehoben.

Yussuf landet, nachdem er von seinen Eltern weggebracht wurde, in einer bunten, multiethnischen, multi-religiösen Gesellschaft, die für die Leser*innen überraschend und eher unbekannt ist. Der Autor zeichnet das präkoloniale Leben in Sansibar illusionslos. Die arabischen Sklavenhändler sind allgegenwärtig, Gewalt und öffentliche Folter sind an der Tagesordnung. Der Kolonialismus wird nicht als Einbruch in ein Paradies dargestellt sondern als zusätzliche Erschwernis des Lebens. Diese objektive Sicht auf Land und Leute, auf Geschichte, Kultur und Religion ist sehr interessant zu lesen und die Sprache des Autors ist leicht, fließend und mitreissend.

Gurnah zeichnet keine psychologischen Profile seiner Figuren, er beurteilt die Geschehnisse auch nicht, er beschreibt sie. Weder Schönheit, noch Brutalität werden ausgespart, die Bilder sind sehr stark, vor allem die Handelskarawanenreise fand ich sehr eindringlich. Es wird hier nicht nur diese Form des Handels mit all ihren Gefahren und Gewinnen beschrieben, es wird auch sehr klar, dass es nicht mehr lange möglich sein wird auf diese Weise Geschäfte zu machen, dass die Strukturen dieser ostafrikanischen Welt dabei sind, sich radikal zu ändern.

Zwei große Themen sehe ich in diesem Roman: die innere Freiheit unter widrigen Umständen und das Thema der Entwurzelung, einerseits jener des Protagonisten und andererseits jener des gesamten Kulturkreises. Andere mögen andere Leitmotive finden. Der Roman ist für vieles offen.

Sehr überraschend fand ich das Ende der Geschichte. Andererseits ist die psychologische Struktur des Protagonisten wenig vertieft und so kann man auch nicht sagen, ob das Ende nun schlüssig ist oder nicht. Für mich ist es ein plötzlicher Einbruch des Irrationalen, der verblüfft, aber bei näherer Betrachtung auch ein Vorgeschmack auf die Zukunft ist, die Yussuf erwartet.

Literarische Weltreise – Station 66 – Schottland

Ich habe Schottland zum eigenen Staat erhoben, was er vielleicht irgendwann auch wird. Tatsächlich spielt dieser Roman nicht auf dem schottischen Festland sondern auf den Shetland-Inseln

Hier ist meine Literaturweltreise zu finden

Wieder ein Glücksgriff aus dem Luchterhand Verlag, schon der dritte.

„Das Tal in der Mitte der Welt“ ist ein fließendes Buch. Es fließt im Rhythmus des Lebens in einem kleinen Tal auf den Shetland-Inseln. Der Roman beginnt an einem Tag, an dem eigentlich nichts besonderes passiert und endet mitten an einem Tag, an dem sich einiges verändern könnte. Ob dies aber geschieht, bleibt offen. Die Lebensgefährtin eines der Bewohner des Tals ist aufs Festland gezogen, am letzten Tag der Handlung kommt sie zurück, ob es allerdings bei einem Besuch bleibt, erfahren wir nicht.

Der ganze Roman ist so erzählt als würde man eine Kamera und einen Scheinwerfer auf einzelne Szenen richten und wieder ausschalten. Die Geschichte läuft immer weiter, kann aber von Lesern/Zusehern nicht immer beobachtet werden und bricht schließlich einfach ab.

Es gibt nur fünf Häuser und sechs bis acht Bewohner in diesem Tal in der Mitte der Welt. Für einige ist das Leben hart und monoton, andere haben sich bewusst zurückgezogen aus ihren vorherigen Lebensumständen.

Alice, zum Beispiel, eine sehr erfolgreiche Kriminalschriftstellerin hat sich nach dem dem Tod ihres Mannes ins Tal zurückgezogen und schreibt an einer völlig anderen Art von Buch. David wiederum hat sein ganzes Leben im Tal verbracht ohne jemals anderswohin gehen zu wollen. Der alkoholkranke Terry ist vor sich selbst und seiner Verantwortung auf der Flucht …

Im Tal geschieht einiges in der beschriebenen Zeitspanne von ungefähr einem Jahr, ein Tod, ein Brand, Umwälzungen im inneren und äußeren Leben der Bewohner. Doch der Autor behält seinen behäbigen, unaufgeregten Rhythmus bei. Malachy Tallack setzt in seinem Debütroman nicht auf Spannung dafür geht die Schilderung einiger seiner Personen in die Tiefe.

„Zu der Zeit dachte er, er wisse, wer er sei, wisse was für ein Leben er führen wolle. Freiheit war die Abwesenheit von Drama, von Angst. Er hatte in seiner Kindheit genug davon gehabt, wollte es nicht mehr . Also machte er sich unempfindlich für die zerstückelte Welt. Er machte sich fest und ganz. Oder zumindest glaubte er das.
Emma stellte diesen Gedanken in Frage. Sie war der erste Mensch, bei dem er je den Wunsch – das Bedürfnis – gehabt hatte, ein paar der Schutzschichten um sich herum abzuschälen“ S 122


Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und für mich hätte es noch ein paar hundert Seiten auf dem Lebensweg der Talbewohner weiter fließen und plätschern können.

Kaddish.com

Als „witzig“ und „übermütig“ wird dieses Buch am Cover beschrieben. Das kann ich gar nicht nachvollziehen, denn der Roman ist zwar humorvoll, man kann immer wieder schmunzeln, aber er ist weder „witzig“ noch „übermütig“.

Es geht in diesem Text um religiöse Identität und um Prägungen und Gewohnheiten, um einen Mann aus einer orthodoxen jüdischen Familie in Tennessee, Larry, der meint, die strengen Regeln und Gebräuche des Judentums, wie sie in seiner Familie gelebt werden hinter sich gelassen zu haben, an vieles nicht mehr zu glauben. Aber dann stirbt sein Vater und als einziger Sohn wäre es seine Aufgabe, elf Monate lang mehrmals täglich das Kaddish, das Totengebet zu sprechen. Wenn er auch nur ein Gebet ausließe, wäre das für seinen Vater im Jenseits ein Problem, so weiß die orthodoxe Familie und die gesamte Gemeinde.

„Glaubt wirklich jemand, dass Gott mit einer Punktekarte dahockt und jedes von Larrys Gebeten mit einem Häkchen versieht.“ p.32

Larry, der zu diesem Zeitpunkt, kurz nach dem Tod des Vaters, der Religion völlig distanziert gegenübersteht, findet eine Lösung für sein Dilemma. Als Leser*in wundert man sich, mit welcher Naivität er an die Lösung des Problems herangeht.

Tja, und dann kommt der zweite Teil des Buchs und wir finden keinen Larry mehr sondern einen Shuli, der sich in einem absolut orthodoxen Milieu bewegt. Ich habe es nicht kommen sehen und fand es sehr erstaunlich.

Was ich an dem Buch äußerst gelungen finde, ist, dass sich der Autor jeglicher Beurteilungen enthält. Er wertet nicht, er beschreibt einfach, was ist. Das behält er auch bei, als sich die Handlung im dritten und vierten Teil nach Jerusalem verlagert; und nicht irgendwohin sondern in eine Schul, eine orthodoxe Thora-Schule.

Ich finde, dass der Autor es wunderbar schafft, die Leser*innen einfach mitzunehmen in diese Welt, die den meisten doch skurril erscheinen wird. Aber es gelingt Nathan Englander, die Welt der orthodoxen Juden in Jerusalem einfach zu beschreiben ohne zu berücksichtigen, wie seltsam es doch eigentlich ist wenn zB die Zustimmung Gottes zu einer bestimmten Kopfbedeckung davon abhängt, ob diese Kopfbedeckung auch genau die richtigen Maße hat oder dass in einer orthodoxen Küche abgesehen von zwei Kühlschränken wegen der Trennung von Fleisch und Milch auch zwei getrennte Abwaschbecken vorhanden sein müssen und auch das gesamte Geschirr in eine Fleisch- und eine Milchausstattung geteilt ist.

Ein sehr gelungenes Buch, das in Welten entführt, die jemand, der/die nicht zum orthodoxen Judentum gehört, kaum kennenlernen wird und dies auch in einer Weise tut, die nicht Seltsamkeiten vorführt.

Und dann das Ende! Nein, ich verrate es nicht. Es ist sehr überraschend und wenn ich darüber nachdenke eigentlich sehr lebensbejahend. Ein Plädoyer dafür, dass vieles nebeneinander Platz finden kann und viele auf ganz verschiedene Art glücklich sein können innerhalb ihrer eigenen Welt.