la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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29. Station der Literaturweltreise – Kirgisien

Tschingis Aitmatov

„Kindheit in Kirgisien“

Unionsverlag Zürich 1999

ISBN: 3-293-20153-9

Kindheit und Jugend des Autors sind das Thema dieses Buchs, das außerdem ein bisschen Lyrik beinhaltet und einen etwas kuriosen dritten Teil, der sich mit seiner Tätigkeit als Landwirtschafts- und Viehzuchtexperte befasst. Man findet da etwa eine kurze Abhandlung darüber, ob man Kühe dreimal oder viermal täglich melken soll. Die Genossin Siptchenko, Melkerin in der Sowchose Frunse hat dazu einen Artikel in einer einschlägigen Zeitschrift geschrieben, in dem sie Aitmatov zu diesem Thema widerspricht.

Auch die Kindheitserinnerungen führen in völlig fremde Lebenswelten. In Aitmatows frühe Kindheit fällt die Zeit, in der die Kirgisen ihr Nomadenleben aufgaben bzw aufgeben mussten. Sie ließen sich in Kolchosen und Sowchosen nieder.

„Wenn die Bewegung zum Aufbruch einsetzt, geraten alle in eine gehobene, ja erregte Stimmung.

Die Jurten werden zusammengetragen. Die Gerätschaften werden auf Kamele, Pferde und Ochsen gepackt. Und danach bricht die ganze Gemeinschaft der Nomaden mit ihren zahlreichen Viehherden aus Steppen und Vorbergen in die Richtung der hohen schneeweißen Bergriesen auf. Sie ziehen über die Pässe hin zum Dschailoo, den sommerlichen Weidegründen im Hochgebirge.

Das Nomadenlager ist ein wohlgeordnetes System, man musste alles vorkehren  damit die Umsiedlung normal ablief und das Leben in den Bergen im Handumdrehen weitergehen konnte. Dort musste alles griffbereit sein, auf der Stelle ausgepackt, ausgebreitet und eingerichtet werden können.

Die Viehzüchter und ihre Angehörigen kommen ja an einen völlig menschenleeren Ort. Die Menschen hätten sich an diesem Platz seit langem niedergelassen und angesiedelt, wäre dort ein Leben das ganze Jahr über möglich gewesen“ p. 25

Erinnerungen an die letzten Tage des Nomadenlebens, an den Vater, der zunächst unter den Sovjets eine gute Stellung zu haben scheint, schließlich aber bei Unruhen 1937 erschossen wird. Erinnerungen an das schwierige Leben nach dem Tod des Vaters; Erinnerungen an die Mutter und die Tante Gülscha-apa.

Die kirgisischen Männer wurden massiv für den Krieg eingezogen und viele Jugendliche mussten Tätigkeiten übernehmen für die sie viel zu jung und überhaupt nicht qualifiziert waren. Aitmatov etwa wurde als Vierzehnjähriger Parteisekretär und Eintreiber der Kriegssteuer, einer seiner Freunde wurde mit sechzehn Jahren als Rektor einer Schule eingesetzt. Aitmatovs berufliches Leben gestaltete sich sehr abwechslungsreich: Nach einer Zeit als Viehzüchter besuchte er das Gorki-Literatur-Institut in Moskau und begann zu schreiben. In weiterer Folge wurde er Botschafter, zunächst Botschafter der UdSSR in Luxemburg, dann vertrat er ab Ende 1991 die aus der UdSSR entstandene Russische Föderation und schließlich 1994 wurde er zum Botschafter Kirgisiens bei der EU in Brüssel.

Die Texte sind kurz, flüssig geschrieben und führen in eine untergegangene Welt und Kultur. Aitmatov legte Wert darauf, dass seine Geschichten im Stil nicht an Niedergeschriebenes sondern an Erzähltes erinnern sollten.

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Wir sagen uns Dunkles

Helmut Böttiger

„Wir sagen uns Dunkles. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan“

DVA 2017

ISBN:978-3-421-04631-4

Ich wollte dieses Buch lesen, weil ich dachte, es wäre eine Gedichtesammlung und ich sowohl die Gedichte von Paul Celan als auch die von Ingeborg Bachmann sehr schätze. Tatsächlich handelt es sich um eine Doppelbiographie mit dem Fokus auf die Beziehung zwischen den beiden. Eine durchaus interessante, detailreiche Biographie aus der ich eine Menge erfuhr, nicht nur über die beiden Lyriker sondern auch über etliche andere Personen, die in ihren Leben wichtig waren sowie über finstere Seiten des Literaturbetriebs. Die erste Begegnung zwischen Celan und Bachmann fand in Wien statt, was mir das Lesen der biographischen Daten erleichterte, weil ich viele der erwähnten Personen zumindest dem Namen nach kenne.

Die Liebesbeziehung zwischen Celan und Bachmann war nicht nur unkonventionell sondern auch äußerst schwierig bis sie völlig unmöglich wurde. Ein ständiges Hin und Her zwischen Anziehung und Ablehnung, kurze gemeinsame Zeiten, dann wieder langes Schweigen und Entfremdung. Bachmann lebte zum Zeitpunkt der ersten intimen Begegnung mit Celan mit Hans Weigel zusammen. Celan heiratete kurz nach einem zweiten gescheiterten Versuch mit Bachmann zusammenzuleben Gisèle de Lestrange. Zwischen den kurzen Episoden des Zusammenlebens gab es manchmal eine sehr intensive Korrespondenz, manchmal lange Phasen des Schweigens. Zum Beispiel schrieb Celan zu einem Zeitpunkt an dem Bachmann den Eindruck hatte, dass es zu einer Annäherung gekommen war:

„Lass uns nicht mehr von Dingen sprechen, die unwiederbringlich sind, Inge – sie bewirken nur, dass die Wunde wieder aufbricht, sie beschwören bei mir Zorn und Unmut herauf, sie scheuchen das Vergangene auf – und dieses Vergangene schien mir so oft ein Vergehen. Du weißt es, ich habe es dich fühlen ja wissen lassen – sie tauchen die Dinge in ein Dunkel, über dem man lange hocken muss, um sie wieder hervorzuholen, die Freundschaft weigert sich hartnäckig, rettend auf den Plan zu treten, – du siehst, es geschieht das Gegenteil von dem, was Du wünschst, Du schaffst, mit ein paar Worten, die die Zeit in nicht gerade kleinen Abständen vor dich hinstreut, Undeutlichkeiten, mit denen ich nun wieder ebenso schonungslos ins Gericht gehen muss wie seinerzeit mit Dir selber“ p.88

Sehr interessant fand ich die Analyse von Werken beider Autoren, die die gegenseitige Beeinflussung und das sich aufeinander Beziehen zeigen. Eigentlich unabhängig voneinander aber steuerten ihrer beider Leben auf die Katastrophe zu.

„Man kann es nicht ohne Erschütterung lesen, wenn Klaus Demus, der jüngere, langjährige und bewundernde Freund, nach einem Besuch in Paris im März 1962 und einer Abweisung im April einen bewegenden Brief an Celan schrieb:

„Mein lieber, mein geliebter Paul! Wenn Du mich lieb gehabt hast in so vielen Jahren, wie ichs ja weiß, wenn du meine Liebe gespürt hast: dann gib diesem Brief dem schwersten meines Lebens, soviel Gehör als Du kannst. Ich habe Dir das Äußerste, das Allerletzte zu sagen. Ich schwöre es Dir, dass es allein aus mir kommt, dass niemand mich beeinflusst hat , dass ich allein von mir zu Dir spreche. Alles hängt davon ab, dass Du mir das glaubst. Was ich zu sagen habe, kannst du mir wohl nicht glauben – es geschähe denn ein Wunder: weil diese winzigste Chance besteht, die letzte und äußerste, die meiner Freundschaft zu dir aufgegeben ist, habe ich es zu sagen. Paul, ich habe den entsetzlichen ganz gewissen Verdacht, dass Du an Paranoia erkrankt bist.“ p.239

Celan fühlte sich immer mehr auch von den wohlwollendsten Freunden angefeindet und verfolgt. Nach tragischen Vorfällen und mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken, wählte er im April 1970 den Freitod. Bachmann starb 1973 mit 47 Jahren. Sie litt in  den letzten Jahre ihres Lebens an einer gravierenden Angstneurose und an Panikattacken und hatte eine ausgeprägte Medikamentensucht.

 

 


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28. Station der Lesereise – Großbritannien 2

Anne Perry

„Des anderen Feind“

Goldmann: 2018

ISBN: 978-3-48703-5

Anne Perry hat zwei Serien von historischen Krimis geschrieben, die beide im London des viktorianischen Zeitalters spielen. Die Serie zu der dieser Roman gehört, hat zwei Hauptfiguren: Esther Latterly, die gemeinsam mit Florence Nightingale im Krimkrieg Krankenschwester war und William Monk, der im Laufe der Geschichten Polizist, dann Privatdetektiv und schließlich Kommandant der Londoner Wasserpolizei wird. Es gibt Romane. in denen eine der beiden Figuren, die Hauptperson ist und solche, in denen beide für die Handlung ziemlich gleich wichtig sind. Im Laufe der Zeit kommen sie einander näher und heiraten schließlich. Im vorliegenden Buch sind sie schon ein paar Jahre verheiratet und das Straßenkind, das sie vor einigen Jahren zu sich genommen haben, ist so gut wie erwachsen und spielt in der Handlung auch eine Rolle.

Dieser Roman spielt in einer ungarischen Zuwanderer-Community in London. Allzu viel dürfte sich die Autorin nicht mit Ungarn beschäftigt haben, denn die Ungarn werden hauptsächlich dadurch beschrieben, dass sich ihr Essen durch hervorragende Würzung von der englischen Kost unterscheidet. Ich verkneife mir jede weitere Bemerkung dazu. Auch das viktorianische Ambiente kann die Autorin besser, was nicht heißt, dass es schlecht wäre. Es handelt sich hier nur nicht um ihren besten Roman.

Ich fand, dass die Geschichte eine Weile braucht um in die Gänge zu kommen, einen spannenden Mittelteil hat und dann ein für die Leserschaft unmöglich zu erratendes Ende. Nach dem gemächlichen Tempo der Handlung, ist das Ende etwas abrupt und überraschend. Insgesamt aber ein flüssig zu lesender Krimi mit vielen sehr gut herausgearbeiteten Personen und auch ein paar eher schemenhaften in einem viktorianischen Londoner Ambiente. Genau das richtige für leichte, unterhaltsame Schnell-Lektüre.

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27.Station der Literaturweltreise – USA 3

Bevor ich wieder zurück nach Zentralasien reise, habe ich noch zwei Abstecher gemacht. Den ersten davon in die USA durch das Buch der Stadt Wien 2017:

Stewart O`Nan

„Letzte Nacht“ 2007

Das cover fand ich extrem unattraktiv, den Autor kannte ich auch nicht, aber bis jetzt fand ich alle Wienbücher gut oder sehr gut und so habe ich auch dieses gelesen.

Es hat einen originellen Plot: es geht um den letzten Tag einer unrentabel gewordenen Filiale einer Restaurantkette. Der Filialleiter und einige andere Angestellte werden in eine andere Filiale übernommen, die anderen gekündigt. Auch eine gescheiterte Liebesbeziehung zwischen dem Filialleiter und einer Angestellten hat Platz.

Die Geschichte ist nicht gerade heiter, hat aber eine dichte Atmosphäre und bietet Einblick in beruflichen Alltag. Wir befinden uns im Winter, es schneit heftig, die Straßen werden langsam unpassierbar und es stellt sich die Frage, ob es sich überhaupt lohnt das Restaurant für den Abend aufzusperren. Die geschilderten Charaktere sind sehr plastisch und einprägsam geschildert. Die Vorgänge unspektakulär und doch intensiv.

Was mir – als Niederschlagsfan – besonders gut gefallen hat, ist die Schilderung der Schneelage. Ob der Schnee nun senkrecht oder horizontal fällt, in welcher Konsistenz, wie weit man noch sieht, die Wind- die Lichtverhältnisse auf dem Parkplatz vor dem Lokal.

Bevor ich nach Kirgisien reise, mache ich noch einen Sprung zurück in der Zeit, zur 28.Station.

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26.Station der Literaturweltreise – Kasachstan

Kasachstan ist einer der Schauplätze dieser wahren Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen und mehrere Kontinente zieht.

Ulla Lachauer

„Ritas Leute.Eine deutsch-russische Familiengeschichte“

Rowohlt Verlag: 2002

Erstauflage: Amman Verlag:1996

Bevor ich blogs aus Deutschland zu lesen begann, war mir das Thema Russland-Deutsche völlig fremd. Langsam begann es mich zu interessieren.

Rita Pauls, die junge Frau auf dem cover stammt aus Karaganda mitten in der kasachischen Steppe. Ihre Großeltern wurden unter schwer vorstellbaren Bedingungen aus dem Ort Lysanderhöh, der zu der wolgadeutschen mennonitischen Kolonie gehörte 1930 nach Kasachstan deportiert, mitten in die Steppe, wo einige der Gruppe in Erdlöchern den ersten Winter überlebten

In dem Buch wird die Familiengeschichte aufgerollt: von Deutschland an die Wolga, nach Kasachstan und zurück nach Deutschland. Einen Zweig der Familie gibt es auch in Kanada. Die Haupterzählerin ist Ritas Großmutter Maria Pauls, die in Lysanderhöh noch zu Zeiten des letzten russischen Zars geboren wurde, ein paar Monate vor der Oktoberrevolution und 1989 zum zweiten Mal in ihrem Leben in ein ihr völlig unbekanntes Land, nach Deutschland auswandert.

Diese Art Buch lässt sich nicht wirklich zusammenfassen. Es besteht aus einzelnen, manchmal etwas langatmigen, aber durchwegs interessanten Geschichten aus einer für mich völlig fremden Welt. Deportation in Viehwägen, Leben und Sterben unter Stalin zwischen Arbeitslager und menonnitischer Kirche. Zeitgeschichte aus sehr persönlich gefärbter Sicht.

Empfehlenswert, wenn man bei der Lektüre auch nicht allzuviel über Kasachstan erfährt, das ja das eigentliche Thema dieser Station der Literaturweltreise ist ….

Zu meiner Weltreise


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Arm, ärmer, am ärmsten, noch ärmer

Paul Collier

„Die unterste Milliarde“

Pantheon Verlag 2017

Originalausgabe 2007

Ein zweifellos sehr interessantes Buch, dessen Grundthese ist, dass in den Entwicklungsländern die Armut auf dem Rückzug ist. Eine Ausnahme bilden einige wenige Länder, in denen etwa eine Milliarde Menschen lebt, die den Anschluss an die weltweite Verbesserung der Lebensbedingungen versäumt haben. Der Autor führt eine Reihe von Gründen für diese Situation auf: politische, soziale und ethnische Konflikte, der Mangel an Ressourcen, das schlechte Verhältnis zu Nachbarstaaten in Verbindung mit einem nicht vorhandenen Zugang zum Meer und schlechte Regierungsführung in einem kleinen Land.

Diese Aspekte werden umfassend und kenntnisreich behandelt, schließlich ist Paul Collier ein renommierter Ökonom, aber es gibt leider ein Problem: das Buch wurde im Original schon 2007 herausgegeben und so stellte sich mir beim Lesen immer wieder die Frage, ob manche Dinge noch aktuell sind. Insgesamt wird sich wohl an der Tendenz leider nicht viel geändert haben, aber es sind doch neue Entwicklungen dazugekommen, die nicht berücksichtigt wurden.

Dennoch eine Lektüre, die mir eine Menge Aha-Erlebnisse brachte.


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Status Literaturweltreise

Ich lee gerade über Kasaschtan, habe noch Kirgisien, Armenien und Algerien in der Warteschleife. Ein kirgisisches Buch erwartet mich schon, Armenien und Algerien wird nicht schwer zu finden sein. Aber gestern schaute jemand von den Cayman Islands vorbei und heute gab es einen Besuch aus Belarus. Das sind Herausforderungen !