la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


15 Kommentare

Falsche Zielgruppe

 

Helliconia: Frühling

So wurde dieser erste Teil einer Trilogie angekündigt:

Helliconia ist ein Planet in einem Doppelsternsystem, auf dem ein Jahr zweieinhalb Tausend irdische Jahre dauert. Nach mehr als tausend Jahren erbarmungslosem Winter beginnen die Gletscher auf Helliconia zurückzuweichen. Das erste Grün zeigt sich, die Tierwelt erwacht. Nun kehren auch die Menschen, Nachfahren der Forscher, die diese Welt einst entdeckten, an die Oberfläche ihres Planeten zurück – doch zuerst müssen sie die Fesseln der Barbarei abschütteln und sich von der Unterdrückung der einheimischen Phagoren befreien …

Wenn sich die  Handlung eines 485 Seiten langen Romans umfassend in 3 Sätzen zusammenfassen lässt ist das aus meiner Sicht kein gutes Zeichen. Wenn man gerne seitenlang liest wer wen wie geprügelt und/oder abgestochen hat, ist das wahrscheinlich anders.

An und für sich lese ich diese Art von Fluchtgeschichten ganz gerne, wenn sie flüssig geschrieben sind und so, dass es eine Welt gibt, in die man sich hineindenken kann und ausgearbeitete Figuren. Bei diesem Text hatte ich den Eindruck, dass es sich um ein Drehbuch oder Regieanweisungen für einen Action-Film handelt. Der Autor verwendet eine sehr einfache, abgehackte Sprache. Es kommen sehr viele Personen vor, aber nur ganz wenige werden wenigstens ein kleines bisschen entwickelt. Es geht von einer Kampf- und Schlachtenszene zur nächsten, wobei es sehr schwierig ist, die zahlreichen Personen mit sehr langen Namen überhaupt auseinanderzuhalten und kaum hat man sich eine Person irgendwie gemerkt, ist sie schon wieder weg und kommt nicht mehr vor.

Ich gehöre eindeutig nicht zum Zielpublikum dieser Trilogie, deren Lektüre ich nach einem Drittel des ersten Bands auf extremes Querlesen umgestellt habe und deren zweiten und dritten Band ich nicht lesen möchte.


12 Kommentare

Unblutiger Krimi

Hakan Nesser

„Barbarotti und der schwermütige Busfahrer“

2020

Wer einen absolut unblutrünstigen, intelligenten  Krimi lesen möchte, ist bei diesem Buch richtig, eigentlich bei Hakan Nesser immer. Es geht nur sehr am Rande, wenn überhaupt, um Morde. Es geht vielmehr um zwischenmenschliche Beziehungen einerseits zwischen Kommissar Barbarotti und seiner Lebensgefährtin Kommissarin Backmann und andererseits zwischen den Personen der Tragödie, die sich immer weiter von einer Tragödie wegbewegt. Mehr sei hier nicht verraten.

Obendrein spielt das ganze teilweise in einer offenbar sehr malerischen einsamen Gegend Schwedens, in Gotland. Die Landschaft dort gehört gewissermaßen auch zu den Personen der Handlung.

Hat mir als leichte aber nicht seichte Zwischenlektüre gut gefallen


5 Kommentare

55. Station der Literatur- und Kunstweltreise – México

Karte aus Wikipedia

Hier findet sich meine im Jänner 2017 begonnene Literatur- und Kunstweltreise

Wir sind in den letzten zwei Wochen ein bissl herumgefahren und haben uns abgesehen von zwei Steinzeitdörfern mit dazugehörigen Museen und einer reichlich kuriosen Habsburger-Gedenkstätte auch eine kleine Maya-Ausstellung angesehen. Pikant war, dass die Mayaaustellung gleich neben dem Nitsch-Museum zu finden war. Blut zu Blut gewissermaßen.

Es war eine kleine Ausstellung. Klein von der Anzahl der real gezeigten Objekte, aber es gab sehr viel an diversem filmischen Material zu sehen.Zu dem Zeitpunkt als ich zum ersten Mal von den Mayas hörte, was Jahrzehnte her ist, war die Schrift bzw die Schriften noch nicht entziffert, was der Kultur einen recht mysteriösen Anstrich gab. Inzwischen kann man die Schriften weitestgehend lesen und hat dabei entdeckt, dass bei den Mayas ebenso wie bei anderen Völkern wie den Assyrern oder den Ägyptern die Schrift zuerst sehr praktischen Zwecken diente.

Man steht ehrfürchtig vor Steinstelen, Keilschriftzylindern, Papyri und überlegt, was für kosmische Weisheiten da wohl zu lesen sind. Tatsächlich stehen da Informationen wie „X verkaufte Y soundsoviel Land um den und den Preis“ „es wurde soundsoviel Weizen am soundsovielten auf das Schiff X geladen und nach Y verschifft“ „König A, der Sohn von König B, regierte von … bis. Glorreich besiegte er die …. “

Spirituelles findet man eher in gezeichneter Form, was das Verständnis nicht einfacher macht. Vor allem die realistischen Darstellungen der extrem blutigen Opfer ist gewöhnungsbedürftig.

Faszinierend die Mathematik der Maya, die die Null kannten und damit sehr exakte astronomische Berechnungen durchführten. Wenn man dagegen an die Römer denkt mit ihren langen Strich-Buchstaben Zahlen! Einigen Ärger und ein paar skurrile Episoden hat verursacht, dass das Ende eines Kalenderzyklus der Maya auf das Jahr 2012 fiel und die Esoteriker mit dem Ende der Welt rechneten. Das waren wahrscheinlich die gleichen, die heute Donald T als den Retter der Welt feiern. Das aber nur am Rande.

Weitgehend unbekannt ist auch der Grund für den teilweisen Niedergang der Kultur im 9. Jahrhundert, der zum Verlassen großer Stadtstaaten und damit zum Rückgang der Gesamtbevölkerung führte. Dazu gibt es zwei Erklärungsansätze: einen ökologischen: Dürren, Überbevölkerung, Auslaugen der Böden und einen politischen: Kriege, Invasionen etc. Derzeit wird der ökologische Erklärungsansatz favorisiert.

Interessant fand ich auch, dass sich in letzter Zeit die Vorstellung von einer Mayastadt verändert hat: die imposanten Steinbauten, die man schon lange kennt, waren nur das Zentrum der Stadtstaaten. Die zahlreichen restlichen Bauten gruppierten sich um das Zentrum und waren aus Holz.

Die Ausstellung beschäftigte sich auch mit dem Alltagsleben der Maya; dem Alltagsleben der historischen Völker und jenem der heutigen Nachkommen. Daher gab es auch Stoffe zu sehen.

Nachdem die heutige Maya-Bevölkerung zu einem Teil auf dem Staatsgebiet von México lebt, ist dies meine mexikanische Reisestation. Demnächst mache ich mich auf den Weg in die Südsee.


11 Kommentare

Mary Trump und ihr Onkel

Leider ein sehr enttäuschendes Buch. Am besten gelungen, finde ich den Titel. Wenige Fakten und sehr viele davon  stammen vom Hörensagen, aus Erzählungen anderer Familienmitglieder. Ein paar Anekdoten, in denen auch Donald Trump vorkommt. Viel Interpretation auf Basis von  psychologischen Ferndiagnosen der Autorin. Sogar die biographischen Daten von Donald Trump sind spärlich gesät, es fehlen sogar Eckdaten wie Heiraten und die Geburt von Kindern. Donald Trump ist noch nicht einmal die Hauptperson in diesem Buch, das man nicht als Biographie bezeichnen kann. Er tritt als Nebenfigur auf, als gleichgültiger Onkel und völlig unfähiger Geschäftsmann, der sich in permanentem Ruin befinden würde ohne die ständige finanzielle Unterstützung seines Vaters, Fred Trump.

Ich fand es ganz interessant und ziemlich gruselig über das Leben einer völlig dysfunktionalen, reichen amerikanischen Familie zu lesen. Die Autorin beschreibt eigentlich das Leben ihres Vaters, dem ältesten Bruder von Donald Trump, der laut ihrer Interpretation durch die Kälte und mangelnde Wertschätzung seines Vaters in den Alkoholismus getrieben wurde, an dem er letztlich wahrscheinlich starb.  Ebenso hätte dieser Vater seinen Sohn Donald zu dem gemacht, was er heute ist. Das mag alles so sein oder auch nicht. Mary Trump ist Psychologin, aber ihre Diagnose von der psychischen Instabilität und dem Charakter ihres Onkels geht kaum über das hinaus, was ohnehin alle sehen können.

Auch die Geschichte von Mary Trumps Vater, die den größten Teil des Textes ausmacht, ist spekulativ und bruchstückhaft und eigentlich auch nicht besonders überzeugend was ihren Wahrheitsgehalt bzw die Interpretation seiner Handlungen betrifft.

Erstaunlich finde ich, dass Donald Trump, sein Image von diesem Buch so bedroht sah, dass er es verbieten lassen wollte. Ich finde nicht, dass viel drinsteht, was ein politisch interessierter Mensch nicht ohnehin wüsste, und was der US-Präsident nicht täglich demonstrieren würde. Wer also entweder biographische Daten oder irgendwelche enthüllte Geheimnisse erwartet, sollte sich anderweitig informieren.

 


3 Kommentare

Schlecht begonnene Beziehung

Kerstin Hensel

Regenbeins Farben

Schief begonnen hat meine Beziehung zu diesem Buch. Ich hatte darüber gelesen, dass skurrile Gestalten auftreten und es mir deswegen bestellt. Auf dem Cover las ich dann „herrlich komische Verwicklungen nehmen ihren Lauf“. Ich rechnete also mit einem witzigen Buch und ließ es eine Weile herumliegen, weil ich gerade nicht in der Stimmung für Witziges war

Die angekündigten „köstlich witzigen Situationen“ konnte ich beim Lesen allerdings nicht finden. Ganz im Gegenteil sind für mich die Figuren der Handlung großteils eher tragische Gestalten. Vielleicht habe ich auch eine völlig andere Vorstellung von Humor als die Person, die den Klappentext geschrieben hat.

Wie auch immer, das Buch hat mir gut gefallen. Die Handlung beginnt und endet auf einem Friedhof, der in der Einflugschneise eines Flughafens liegt. Die dort grabpflegenden Witwen kennen einander aus einem anderen Lebensbereich, aus der Kunstszene. Eine Malerin, die Witwe eines Kunstmäzens und eine Kunstprofessorin und bekannte Kritikerin treffen sich auf dem Friedhof und anderswo. Die Malerin, die viele Jahre nicht an die Öffentlichkeit trat, weil sie von ihrer eigenen Kunst nicht überzeugt war, wird nun von einem bekannten Galeristen, der auf demselben Friedhof Grabpflege betreibt zu einer Ausstellung überredet.

Die Autorin hat einen sehr poetischen Schreibstil, der immer wieder einmal ins Surreale kippt und den ich sehr angenehm und fließend zu lesen fand. Die Figuren hatten für mich sehr harte Konturen, sie erinnerten mich an Skulpturen der 1920er und 30er-Jahre, kantig, etwas mechanisch in der Bewegung, psychologisch wenig charakterisiert daher nicht wirklich lebendig werdend. Die Autorin ist sehr weit weg von ihren Figuren, erzählt deren Geschichten aber auf eine Art, die mich angesprochen hat.

Die Ausstellung der Malerin Regenbein endet als Fiasko. Nicht wegen der Qualität der Bilder sondern eigentlich weil die Versammelten von der deutschen Geschichte insbesondere der Nazi-Zeit eingeholt und vernichtet werden.

Es wird im Klappentext auch darauf hingewiesen, dass es sich um „Verflechtungen deutsch-deutscher Biographien“ handelt. Nachdem die Geschichten teilweise bis vor die Gründung der DDR zurückreichen, fand ich das nicht besonders verblüffend. Das Thema ist für mir als Österreicherin aber auch nicht emotional besetzt, daher kann ich diesen Aspekt des Werks wahrscheinlich auch nicht nachvollziehen.

Alles in allem fand ich mich in diesem Buch etwas fremd, schätze aber die lyrisch angelegte Sprache, die surrealen Momente und die Handlung selbst.


Hinterlasse einen Kommentar

54. Station der Literaturweltreise – Republik Moldau

Meine literarische Weltreise

Die Republik Moldau ist eines jener Länder aus denen unsere mitteleuropäischen Altenpflegerinnen, Kindermädchen, Putzfrauen, Gärtner etc kommen. Viele von ihnen haben Kinder, aber die Eltern kommen allein, die Kinder bleiben eventuell in der Obhut von Verwandten oder auch allein zurück. Sozialwaisen nennt man sie. Es sind keine Einzelfälle sondern ein weit verbreitetes Phänomen in den östlichen Ländern Europas innerhalb und außerhalb der EU-Grenzen.

Liliana Corobca, die selbst in Moldawien aufgewachsen ist, lebt heute in Rumänien, wo sie Literaturwissenschaft studiert hat. „Der erste Horizont meines Lebens“ ist nicht autobiographisch und heißt im rumänischen Original „Kinderland“. Ein Titel des Verlags, der in der Übersetzung vielleicht nicht ganz nachvollziehbar war

Der Roman handelt von drei Geschwistern, einem 12-jährigen Mädchen, einem 6-jährigen und einem 3-jährigen Buben, die in einem moldawischen Dorf allein leben. Die Mutter arbeitet in Italien, der Vater in Russland, selten kommen sie zu Besuch, einmal in der Woche ruft die Mutter an. Es gibt eine Großmutter im Hintergrund, die aber sehr krank ist und von der man annimmt, dass sie bald sterben wird. Es gibt einen Patenonkel und eine Patentante, die im ärgsten Notfall bereit sind, den Kindern zu helfen, denn im Dorf herrscht das Recht des Stärkeren und es sind praktisch alle stärker als drei auf sich selbst gestellte Kinder.

Die Hauptfigur des Romans ist das 12-jährige Mädchen, das ziemlich idealisiert wird. Sie führt den gesamten Haushalt inklusive der Haltung eines Schweins und etlicher Hühner. Sie betreut die beiden kleinen Brüder, sie geht auch zur Schule und sie stellt Überlegungen an, die man einem Kind ihres Alters nicht wirklich zutraut. Sie sinniert über das Leben im allgemeinen und ihres im Speziellen, über ihr Dorf und die Welt. Obwohl sie aufgrund ihrer Lebenssituation schnell erwachsen werden muss, sind doch ihre Betrachtungen nicht die einer 12-jährigen. Auch wieder ein Problem der Erzählperspektive.

Wenn auch manche Figuren dieses Romans nicht ganz authentisch wirken, so ist doch das Thema ein heißes Eisen der europäischen Sozialpolitik und so ist schon weger seiner Thematik ein sehr interessantes Buch, das in Welten führt, von denen wir als Mitteleuropäer meist nur eine sehr vage Vorstellung haben, wenn überhaupt.


5 Kommentare

53. Station der Literaturweltreise – Südkorea

                                              Meine Literaturweltreise

Ein ungewöhnliches Buch. Ein sehr ungewöhnliches Buch. Es ist die Geschichte einer Frau, die beschließt kein Fleisch mehr zu essen, was ungeahnte Konsequenzen hat. Gerne wird der erste Satz dieses Romans zitiert. „Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar“. Ein genialer erster Satz, der den Auftakt für einen bemerkenswerten Roman bildet.

Warum die Hauptfigur kein Fleisch mehr isst, bleibt für ihren Ehemann unverständlich, aber wir Leserinnen erfahren es durch Einschübe in den Text, in denen die Protagonistin in der Ich-Form erzählt. Was ich übrigens für ein sehr brauchbares Stilmittel zur Ergänzung des auktorialen Erzählens halte. Abgesehen davon, dass sie keine tierischen Produkte mehr isst, trägt sie auch keinen BH mehr, was auch als kaum verzeihlicher Verstoß gegen die gesellschaftlichen Konventionen betrachtet wird.

Wegen der totalen Veränderung in ihrer Ernährung nimmt die Protagonistin extrem ab wodurch ihr neuer Lebensstil auch für andere sichtbar wird und das Unglück nimmt seinen Lauf. Weitere wichtige Personen dieser Geschichte sind neben dem Ehemann die Schwester und der Schwager der Hauptfigur. Aus der Sicht dieser drei, aber in auktorialer Form wird die Geschichte erzählt und der Roman dadurch in drei Teile geteilt. Im ersten ist die Perspektive die des Ehemanns mit Einschüben in Ich-Form, in denen die Protagonistin erzählt. Der zweite Teil berichtet über den Schwager, der Künstler ist und seine ganz eigene Sicht auf die Protagonistin hat, über deren Innenleben wir nun nichts mehr erfahren. Der dritte Teil schließlich ist aus der Sicht der Schwester geschrieben. Bei der Lektüre dieses Teils war ich mir nicht sicher, ob es sich um die Beschreibung psychischer Krankheit oder um einen Einbruch des Surrealen in den Text handelt.

Die Personen stehen wohl für recht typische Vertreter der südkoreanischen Gesellschaft. Der Ehemann, ein unendlich konventioneller, langweiliger Mann; wobei konventionell die absolute Hingabe an den Beruf einschließt. Er arbeitet  von frühmorgens bis spätabends und das Nachhausekommen um Mitternacht an vielen Tagen hintereinander wird nicht als ungewöhnlich empfunden. Wirklich schockiert hat mich die Szene in der der Ehemann bei seiner Firma anruft und sagt, dass er zwei Stunden später kommt, weil er seine Frau ins Krankenhaus bringen muss und dann bemerkt, dass es ungemein großzügig sei, dass diese zwei Stunden nicht als Grund für eine Kündigung genommen werden, was durchaus möglich und nicht ungewöhnlich wäre. Der Schwager, ein Videokünstler, der sich wegen eines körperlichen Merkmals in obsessiver Weise von seiner Schwägerin sexuell angezogen fühlt. Schließlich die Schwester, die durch das Betreiben eines Schönheitssalons die Familie ernährt und ohne nennenswerten Beitrag ihres Manns den Haushalt und die Betreuung des gemeinsamen Kindes übernimmt. In weiterer Folge übernimmt sie auch die Betreuung der Protagonistin bevor und nachdem diese in ein psychiatrisches Krankenhaus eingeliefert wurde.

Nicht nur eine gut geschriebene, interessante Geschichte sondern auch ein Einblick in die südkoreanische Gesellschaft.


Hinterlasse einen Kommentar

Nava Ebrahimi – Das Paradies meines Nachbarn

52. Station der Literaturweltreise – Vereinigte Arabische Emirate – Dubai

Nachdem ein wichtiger Teil dieses Romans in Dubai spielt, „verrechne“ ich diese Lesestation unter „Vereinigte Arabische Emirate.

Der Titel dieses Buchs kommt daher, dass einer der drei Protagonisten dem im Iran schon als Kind eingehämmert wurde, dass ein Märtyrer direkt ins Paradies kommt, darüber sinniert, dass das Paradies doch nicht für alle Menschen gleich aussehen könne, dass es vielmehr je nach Interessensgebieten seiner Bewohner unterschiedlich sein müsste. Er überlegt auch, ob es denn so wäre, dass jeder einzelne allein in seinem Paradies ist.

Die Geschichte hat drei Protagonisten, die mit dem Iran in Verbindung stehen. Der eine, Sina, der zwar immer in Deutschland gelebt hat, aber einen mittlerweile in Amerika lebenden iranischen Vater hat. Der Zweite, Ali Najjar, der mit Hilfe seiner Mutter als Kind aus dem Iran geflohen ist. Und der dritte, Ali-Reza der von dieser Mutter mit der Identität ihres Sohnes versehen in den Krieg geschickt wurde.

Der aus dem Iran geflohene Protagonist, Ali Najjar, der nun als bekannter Objekt-Designer in Deutschland lebt, ist auf seltsamen Wegen zu dem Ruf gekommen ein Kindersoldat gewesen zu sein, der mit großem Glück dem Tod entkommen ist. Der Iran hat ja Jugendliche zur Entminung großer Flächen eingesetzt. Die Kinder wurden einfach über die Minenfelder getrieben, wobei viele Minen explodierten und die „Kindersoldaten“ tötete oder verletzte. Die Nachkommenden erwachsenen Soldaten wurden dadurch geschützt, dass viele der Minen bereits explodiert waren und dass sie über die Leichen gingen. 

Tatsächlich wurde Ali Najjar aber durch ein Kind ersetzt, das seine Mutter auf der Straße aufgelesen und mit der Identität ihres Sohnes versehen hatte um dessen Flucht zu verschleiern. Dieser Ali-Reza ist aufgrund einer Verletzung, die er sich als Kindersoldat zugezogen hat querschnittgelähmt und lebt im Iran. Er erfährt, dass die Frau, die er als seine Mutter betrachtet verstorben ist und einen Brief für ihren in Deutschland lebenden Sohn Ali Najjar hinterlassen hat, den er beschließt ihm persönlich zu überreichen.

So kommt es zum Showdown in Dubai, an dem alle drei Protagonisten beteiligt sind.

Ich fand zwar die drei Protagonisten ein bisschen flach, aber der Plot ist interessant und die Geschichte flüssig geschrieben


6 Kommentare

Juli Zeh – Neujahr

51. Station der Literaturweltreise – Spanien

Erstaunlich, dass ich in dreieinhalb Jahren Literaturweltreise noch nie in Spanien war. Auch diesmal sind es die Kanaren und nicht das Festland. Das muss ich demnächst ändern

Ein empfehlenswertes Buch. Leicht zu lesen, aber nicht seicht. Im weiten Feld zwischen schwieriger Literatur und Banalität angesiedelt. Spannend aber nicht reißerisch. Die handelnden Personen sind glaubwürdig geschildert, die mondähnliche Landschaft von Lanzarote ebenfalls.

Der Protagonist ist ein Mann, der mit 38 Jahren in ein fast vergessenes Trauma hinein fällt. Es ist sehr gut beschrieben, wie dieses alte Trauma in sein Leben und seine Handlungen hineinwirkt, ohne dass er weiß, woher die für ihn nicht einzuordnenden Gefühle kommen. Nicht so restlos glaubwürdig ist vielleicht, dass er einen Urlaub mit Frau und Tochter eigentlich gegen den Willen seiner Frau organisiert, gerade an dem Ort, an dem die vergessenen Ereignisse stattgefunden haben.

Der Titel des Buchs beschreibt nur die Zeit des Jahres, zu der der Urlaub auf Lanzarote stattfindet: Weihnachten und Neujahr. Vielleicht steht „Neujahr“ auch für „Neubeginn“, was jedenfalls passen würde.

Sehr gut geschildert hat Juli Zeh die Beziehung des Protagonisten zu seiner jüngeren Schwester, die er selbst auch erst verstehen kann, als ihm die alte Geschichte wieder einfällt und die er dann in eine ganz andere Richtung umlenkt.

Es ist ein schmales Buch, 190 Seiten, schnell gelesen, aber nicht unbedingt schnell wieder vergessen. Es sind ein par eindringliche Szenen dabei, einige sehr starke Bilder und man spürt sowohl die mögliche Verwirrung als auch die Kraft des menschlichen Geistes alte Wunden zu überwinden und das Leben neu zu gestalten.


9 Kommentare

Barracoon – Geschichten vom letzten amerikanischen Sklavenschiff

50. Station der literarischen Weltreise – Benin

Eines der Vorwörter zu diesem Buch stammt von Alice Malsenior Walker, der Autorin des Romans „Die Farbe Lila“, der 1983 mit dem American Book Award und dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und 1985 von Steven Spielberg verfilmt wurde.

„Wenn man Barracoon liest, versteht man sofort, welches Problem viele Schwarze, vor allem schwarze Intellektuelle und politische Führer, vor Jahren damit hatten. Es benennt schonungslos die Gräueltaten, die afrikanische Völker aneinander verübten, lange bevor angekettete Afrikaner traumatisiert, krank, desorientiert, ausgehungert als „schwarze Fracht“ auf Schiffen im „höllischen Westen“ eintrafen. Wer mag sich das maßlos grausame Verhalten der „Brüder und Schwestern“ eingestehen, die unsere Vorfahren als Erste gefangen nahmen?  Wer wollte in aller fürchterlichen Detailgenauigkeit wissen, wie afrikanische Häuptlinge zielgerichtet Afrikaner von benachbarten Stämmen fingen, wie sie Eroberungskriege provozierten, um Menschen – Männer, Frauen und Kinder – , die nach Afrika gehörten, für den Sklavenhandel zu erbeuten? und dies auf so abscheuliche Art und Weise, dass es einem noch 200 Jahre danach bei der Lektüre vor Grauen und Jammer schaudert. Dies ist, machen wir uns nichts vor, mehr als quälend zu lesen“

Vorwort von Alice Walker p.10

Es handelt sich hier um einen relativ kurzen Text, der die autobiographisch erzählte Geschichte von Cudjo Lewis sein soll und wohl auch ist, die von Zora Neale Hurston  1927 und 1928 aufgezeichnet wurde, was ihr auch Kritik an der wissenschaftlichen Verlässlichkeit ihrer Arbeit eingebracht hat. Die Lebensgeschichte wird von mehreren Vorwörtern und Einleitungen eingerahmt. Es gibt auch einen Anhang mit afrikanischen Geschichten und der Beschreibung von Spielen.

Es hat mich angerührt, wie hier von einer Afroamerikanerin jedes kleinste Krümel von Geschichte ihrer Vorfahren eingesammelt und betrachtet wird. Auch dem afrikanischen Sklavenhandel, der älter ist als der afro-europäische oder afro-amerikanische sieht sie ohne Beschönigungen  ins Auge. Das große menschliche Bedürfnis nach Wissen über die eigenen Wurzeln wird hier sehr deutlich.

Cudjo Lewis, der eigentlich Kossula hieß, war ein Afrikaner, der 1859 auf dem letzten Sklavenschiff, der Clotilda, nach Amerika gebracht wurde zu einem Zeitpunkt zu dem der Sezessionskrieg bereits im Gang war und die offizielle Abschaffung der Sklaverei auch in amerika nur noch eine Frage der Zeit.

Sein Leben war hart. Angefangen mit seiner Gefangennahme durch das Heer des Königs von Dahomey, der einen blühenden Sklavenhandel betrieb  und alle Angehörigen eines Volkes, die für den Verkauf als Sklaven an die amerikanischen und europäischen Sklavenhändler nicht in Frage kamen, köpfen ließ. Einige Jahre lebte er als Sklave. Nach der Befreiung wurde sein Leben nicht wirklich leichter, ein Schlag folgte dem nächsten. Seine Kinder starben eines nach dem anderen. Trotz allem war er einer der Begründer einer Gemeinschaft von Afrikanern auf die die schon länger in Amerika befindlichen Sklaven herunter sahen und sie als Wilde betrachteten. An diesen wahnwitzigen Mechanismen menschlichen Verhaltens hat sich ja nichts verändert.

Dieser Leseeindruck hat gar nichts mit meinem Meinungsaustausch mit Natalie bei den „Brüsten des Modells“ zu tun. Es ist reiner Zufall , dass ich gerade ein Buch zu diesem Thema gelesen habe.


Ein Kommentar

Nummer 30 der Buchchallenge – blau

Nr. 30

EIN BILDBAND, DER ZUM SCHMÖKERN EINLÄDT

Bildbände sind meist groß und schwer und in größeren Mengen nicht so einfach unterzubringen, aber diesen behalte ich auf jeden Fall. Ich habe ihn auch schon lange und er war wirklich unverschämt teuer. Trotzdem, es sind großartige Aufnahmen.

„Vertigem azul“, Schwindelgefühl in blau. Aufnahmen von Portugal aus einer Zeit als es noch keine Photodrohnen gab. Diese Bilder sind alle aus einem Hubschrauber aufgenommen. Nachdem ich das Buch in der Nacht fotografiert habe, sind die Farben nicht so schön wie auf dem Original, aber immerhin, es vermittelt einen Eindruck.

Vielen Dank  an Ulrike von Blaupause7, von der die Aufgaben für diese Challenge stammen und die auch eine Teilnehmerliste führt


11 Kommentare

Nummer 29 der Buchchallenge

Nr. 29

EIN GEDICHT, DAS DU MAGST

Ich bin zwar keine besonders eifrige Leserin von Lyrik und es gibt sehr viele Epochen der Lyrik mit denen ich so gar nichts anfangen kann, aber es gibt natürlich auch Gedichte und Autoren, die ich sehr schätze. Paul Celan zum Beispiel. Als Mensch dürfte er ja recht schwierig gewesen sein, wenn man Ingeborg Bachmann glauben darf, aber viele seiner Texte mag ich sehr, auch die ganz kryptischen.

 

FADENSONNEN

über der grauschwarzen Ödnis.

Ein baumhoher Gedanke

greift sich den Lichtton: es sind

noch Lieder zu singen jenseits

der Menschen.

Paul Celan, 1967

 

Vielen Dank  an Ulrike von Blaupause7, von der die Aufgaben für diese Challenge stammen und die auch eine Teilnehmerliste führt


13 Kommentare

Nummer 28 der Bücherchallenge

Nr. 28

EIN HELD /EINE HELDIN, DIE DEIN HERZ BERÜHRT HAT

Unter den literarische Figuren bzw den in der Literatur beschriebenen Figuren und auch den selbst schreibenden Menschen, die mein Herz berührt haben, sticht eine immer wieder hervor. Dieses junge Mädchen im Teenageralter, das mit ihrem Tagebuch ein Mahnmal gesetzt hat. Dieses kluge und begabte Kind, das keine Chance hatte, lange genug zu leben um erwachsen zu werden und ihre Anlagen zu entwickeln. Opfer einer Diktatur, deren führende Köpfe und verhetzte Massen sich aufgrund einer wirren Herrenrassen-Ideologie anmaßten, über Leben und Tod anderer zu entscheiden.

Anne Frank hat ein Tagebuch geschrieben, das durch reinen Zufall erhalten blieb. Als die SS das Versteck der Familie Frank und vier weiterer Menschen stürmte und alle auf den Weg ins KZ brachte, interessierten sie sich nicht für Bücher und Papier. Es ist das Tagebuch eines notgedrungen sehr reifen jungen Mädchens, das sich aber auch mit den typischen Themen von Mädchen ihres Alters beschäftigt. Und es ist ein sehr gut geschriebenes persönliches Zeitdokument. Wer es nicht gelesen hat, hat etwas versäumt.

Anne schrieb ihr Tagebuch an eine fiktive Person namens Kitty:

„Stell dir vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman vom „Hinterhaus“ veröffentlichen würde. Bei dem Titel allerdings würden sich die Menschen denken, es handelt sich um einen Detektiv-Roman. Aber nun im Ernst, wird es nicht Jahre nach dem Krieg, vielleicht nach zehn Jahren, unglaublich erscheinen, wenn wir erzählen , wie wir Juden hier gelebt, gesprochen, gegessen haben?“

Es wäre schön, wenn es heute unglaublich erscheinen würde. Wie könnte es aber gelingen, die aktuell noch oder wieder existierenden menschenverachtenden Regime zu ignorieren?

Das zweite kleine Buch, folgt den Spuren Anne Franks und der anderen Menschen, die im gleichen Versteck lebten. Es beschreibt aus der Sicht der Augenzeugen, die Verhaftung der Gruppe Menschen, die Jahre im „Hinterhaus“, in Amsterdam versteckt lebten. Dieses Hinterhaus gehörte zu der Firma von Anne Franks Vater. Der Autor hat auch in den verschiedenen KZs, durch die Anne Frank getrieben wurde, recherchiert. Er hat Menschen befragt, die Anne in den Lagern gekannt haben und er hat Menschen befragt, die rund um die Lager lebten und von denen viele behaupteten nichts von den KZs gewusst zu haben. Wenn man aber die Schilderungen jener Menschen hört, die erzählen, dass sie natürlich wussten, was in den Lagern vorging, allein der Geruch der Krematorien und der aufgeschichteten Leichenberge war allgegenwärtig, dann ist es wohl nicht möglich, nichts gewusst zu haben. Obwohl der menschliche Geist stark ist im Verdrängen.  Das Buch wurde 1958 zum ersten Mal veröffentlicht. Man kann in 13 Jahren viel verdrängen …

Ich habe für diesen Beitrag Stunden gebraucht, weil ich der Versuchung des Lesens sowohl des Tagebuchs als auch des Recherche-Buchs nicht widerstehen konnte. Falls jemand nach einer Möglichkeit sucht bei 36 Grad im Schatten zu frösteln, so kann ich diese Lektüre empfehlen.

Vielen Dank  an Ulrike von Blaupause7, von der die Aufgaben für diese Challenge stammen und die auch eine Teilnehmerliste führt


12 Kommentare

Nummer 26 der Buchchallenge

Nr. 26

EIN REISEFÜHRER, DER DEN WUNSCH AUF EINE REISE GEWECKT HAT

Eigentlich kaufe ich Reiseführer immer erst dann, wenn ich mich für eine Reise schon entschieden habe, aber es gibt eine Art von Reiseführern, die mich prinzipiell immer wieder zu Reisen motivieren.

Dazu muss man wissen, dass Ich ein herausragend mieses räumliches Orientierungsvermögen habe, wirklich herausragend. Dass ich mich vor der eigenen Haustüre verirre, wäre nun etwas übertrieben, aber gar nicht allzu viel. Mit Karten stehe ich ohnehin auf dem Kriegsfuss, Google maps in der 3D-Form kann ich auch nicht leiden, weil da viel zu viel drauf ist.

Aber diese wunderbaren Reiseführer, bei denen man von oben auf die Orte schaut und einen gewissen Überblick gewinnt, die liebe ich heiß. Es gibt sie, soviel ich weiß, von mehreren Verlagen und von vielen verschiedenen Ländern, Gegenden, Städten. Dieser hier ist von der Bretagne und die Stadt, die man sieht, ist St.Malo. Man sollte meinen, dass man sich in dem Teil der Stadt, der von Mauern umgeben ist, kaum verirren kann. Möglicherweise schaffen das aber doch außer mir noch ein paar andere Leute, sonst wäre diese Art Reiseführer nicht so beliebt.

Leider dienen Reiseführer derzeit nur zur Dekoration von Bücherregalen.

Vielen Dank  an Ulrike von Blaupause7, von der die Aufgaben für diese Challenge stammen und die auch eine Teilnehmerliste führt


12 Kommentare

Nummer 25 der Buchchallenge – alles fließt

Nr. 25

EIN BUCH, AUF DAS DU DURCH DEN KLAPPENTEXT NEUGIERIG WURDEST

Endlich habe ich wieder einmal ein Buch zu bieten, und ein sehr gutes. Der Klappentext ist zwar etwas dramatisch formuliert, aber ich fand das Thema so interessant, dass ich gleich zugeschlagen habe. Die Geschichte ist nicht in Ich-Form, aber doch aus der Perspektive der alzheimerkranken Frau erzählt. Die Situationen reichen von heiter bis tragisch. Sehr eindrucksvoll wie gut sich die junge Autorin in die alte Frau versetzen konnte.

Vielen Dank  an Ulrike von Blaupause7, von der die Aufgaben für diese Challenge stammen und die auch eine Teilnehmerliste führt