la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Ein bisschen Hamburg in Worten

Ich suchte Lesestoff für Hamburg. Dass ich dort schließlich insgesamt keine 30 Seiten gelesen habe, ist auf meine Freude am Wasser und Christianes freundliche und informative Begleitung zurückzuführen. Jedenfalls empfahl mir die Buchhändlerin dieses Buch, das sich als gute Wahl erwies.

Es ist die verwobene Geschichte mehrerer Familien, die auf mehreren Zeitebenen erzählt wird und unter anderem in Hamburg spielt. Immerhin, wenn die Aussicht von einer Villa an der äußeren Alster beschrieben wird, so kann ich mir nun etwas darunter vorstellen.

Die Geschichte ist gut erzählt, sie ist auch spannend. Ich würde mir schwer tun, müsste ich das Buch genremäßig einordnen. historischer Roman? Krimi? zeitgenössische Lebensgeschichte? Von allem etwas.

Mechthild Borrmann

„Trümmerkind“

„Manchmal steht sie in den Unterrichtspausen am Fenster eines Klassenzimmers und denkt darüber nach, wie sich die Dinge wiederholen oder, genauer, wie sie aneinander anknüpfen. So als trägt man ein Bündel von Lebensfäden in der Hand, von denen man den einen oder anderen verliert und dann wieder aufnimmt. aufnehmen muss, weil der Faden nicht zu Ende ist, sondern nur in einem Augenblick der Unachtsamkeit aus der Hand gerutscht ist. Hier steht sie mit der gleichen Sorge, blickt auf die Kinderschar im Hof und wartet auf das Unterrichtsende, um nach der Mutter zu sehen.

Heute wie damals fühlt sie sich schuldig. Damals war es nur eine diffuse Ahnung, aber heute kann sie die Dinge sortieren und Zusammenhänge erkennen. Die Mutter trinkt, seit Anna mit Hartnäckigkeit in der Geschichte gegraben hat. Seit Anna sie genötigt hat, sich an den tragischen Tod der Nichte und des Neffen zu erinnern.“


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Danke, Ulli

Ein interessantes Buch, das Ulli mir da empfohlen hat. Es beginnt wie eine gute, aber nicht besonders bemerkenswerte Dystopie, entwickelt sich aber zu einem Buch mit äußerst interessanten Betrachtungen über Mensch und Gesellschaft.

Eine kleine Kostprobe:

„Weißt du, was eine Hexe ist, Mia?“

Überrascht hebt die Angesprochene den Kopf und muss sich anstrengen um ihre Konzentration auf den neuen Begriff zu richten.

„Eine Hexe, mit Buckel und Besen?“ Die im Backofen oder auf dem Scheiterhaufen endet?“

„Das Wort kommt von Hagazussa. Die Hexe ist ein Heckengeist. Ein Wesen, das auf Zäunen lebt. Der Besen war ursprünglich eine gegabelte Zaunstange“

„Was hat das mit mir zu tun?“

„Zäune und Hecken sind Grenzen, Mia. Die Zaunreiterin befindet sich auf der Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis. Zwischen Diesseits und Jenseits, Leben und Tod, Körper und Geist. Zwischen Ja und Nein, Glaube und Atheismus. Sie weiß nicht, zu welcher Seite sie gehört. Ihr Reich ist das Dazwischen. Erinnert dich das an jemanden?“

(…)

„Wer keine Seite wählt“ sagt die ideale Geliebte „ist ein Außenseiter. Und Außenseiter leben gefährlich. Von Zeit zu Zeit braucht die Macht ein Exempel, um ihre Stärke unter Beweis zu stellen. Besonders wenn im Inneren der Glaube wackelt. Außenseiter eignen sich, weil sie nicht wissen, was sie wollen. Sie sind Fallobst. “ p. 144

 


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42. Station der Literaturweltreise – Algerien

Weiter gehts auf der Lesereise , nach Nordafrika

Assia Djebar

„Nirgendwo im Haus meines Vaters“

S.Fischer Verlag

Der deutsche Titel ist die wortgenaue Übersetzung des französischen Originals und das ist – so finde ich – ein gutes Zeichen. Eine kleine Leseprobe erklärt diesen Titel:

„Ich frage mich: Ist nicht jede Gemeinschaft von Frauen, die zur Gefangenschaft verurteilt sind, zunächst aus sich selbst heraus verdammt, weil jeder Konflikt durch die Rivalität zwischen ähnlichen Gefangenen zusätzlich verschärft wird? … Oder ist das der Punkt an dem jener Traum zu bröckeln beginnt: die Liebe des Vaters, die die einen in den beneidenswerten Status einer „Tochter ihres Vaters“ erhebt, den einer „geliebten Tochter“, so wie in unserer islamischen Kultur  der Prophet, welcher nur Töchter hatte (vier an der Zahl und jede davon außergewöhnlich; die Jüngste, die Einzige, die ihn überlebte, starb vor lauter Kummer darüber, dass man sie enteignet und ihr das gesamte väterliche Erbe genommen hatte. Fast ist mir, als könnte ich sie mit leiser Stimme seufzen hören“Ach, Nirgendwo im Hause meines Vaters“ ) p.224

Assia Djebar, geboren als  Fatima-Zohra Imalayène am  30. Juni 1936 in Cherchell bei Algier starb am 6. Februar 2015 in Paris. Sie schrieb ihre Romane auf französisch, wie viele maghrebinische Autor*innen ihrer Generation. Das Französische als Kultursprache, das Arabische als Herzenssprache, so empfanden es wohl viele Schriftsteller und Intellektuelle, die unter französischer Kolonialherrschaft in einem der Länder des Maghreb aufwuchsen und durch das französische Bildungssystem gingen.

„Nulle part dans la maison de mon père“ 2007  (dt. Nirgendwo im Haus meines Vaters, 2009) ist Assia Djebars Autobiographie, in der sie ihre Kindheit und Jugend beschreibt, in Städten und Dörfern Algeriens vor der Unabhängigkeit des Landes.

Die Atmosphäre dieses Romans ist dicht, er beschreibt einzelne Szenen, zwischen denen oft große zeitliche Abstände liegen. Wir erinnern uns ja aus unserer Kindheit hauptsächlich an emotionale Ereignisse, die Spuren hinterlassen haben und so können biographische Erzählungen aus der Kindheit oft den Eindruck erwecken als hätte das Leben nur aus Höchst- und Tiefpunkten bestanden, was wohl selten der Fall ist.

Interessant fand ich, dass die Autorin zwar die traditionelle Lebensweise der algerischen Frauen kritisiert, dass sie aber nicht den Islam als Begründung für diese Lebensweise sieht. Schwierig war es, ein schlüssiges Bild der beschriebenen Menschen zu sehen. Der Vater der Autorin wird – aus meiner Sicht – als sehr zwiespältig beschrieben. Einerseits ist er sehr traditionell orientiert und verbietet zum Beispiel seiner vier, fünfjährigen Tochter Radfahren zu lernen, weil dabei ihre Beine zu sehen sind, andererseits ermöglicht er ihr als noch junges Mädchen in Frankreich zu studieren.

Vom Hin- und Hertaumeln zwischen zwei Kulturen erfährt man aus der Erzählung von der Schulzeit Assia Djebars. Sie lebte Jahre im Internat einer Schule, die von einigen wenigen anderen algerischen Mädchen und hauptsächlich von Töchtern der Kolonialherren besucht wurde. Ihr Vater war ein „einheimischer Lehrer“ und unterstützte die Ausbildung seiner Tochter. Dieses Algerien der 40er und 50er Jahre des 20. Jahrhunderts rückblickend beschrieben, aber gesehen durch die Augen einer Jugendlichen zeigt ein sehr bezeichnendes Sittenbild einer Gesellschaft, die einerseits in Herrschende und Beherrschte und innerhalb der Beherrschten noch in dominierende Männer und recht unsichtbare Frauen unterteilt ist. Aber es ist ein Blick von innerhalb einer Gesellschaft, der nichts mit jenen Werken zu tun hat, die andere Kulturen mit verständnislosem Blick von außen betrachten.

 


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41. Station der Leseweltreise – Polen

Wieder einmal eine Strecke der Leseweltreise

Nachdem David Ben Gurion als David Grün in Polen, das damals zum russischen Reich gehörte, geboren wurde,  und aufgewachsen ist, „verrechne“ ich ihn hier unter Polen.

Diese von Tom Segev verfasste Biographie David Ben Gurions lässt sich trotz großer Detailgenauigkeit flüssig lesen. Das ist bei einer wissenschaftlich angelegten Biographie keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Es sind etwa 700 Seiten Text und  weitere  etwa 100 Seiten Anmerkungen.

Eine Biographie lässt sich nicht zusammenfassen, es sei denn man erzählte das ganze Leben der beschriebenen Person und das würde doch weit über einen Leseeindruck hinausgehen. Ich beschränke mich also darauf einige Aspekte hervorzustreichen, die mich beeindruckt haben.

Ganz besonders interessant fand ich die Geschichte der Beziehungen zwischen den im heutigen Israel ansässigen Palästinensern und den großteils eingewanderten Juden, vom Anfang der jüdischen Besiedlung unter britischer Regierung bis zur heutigen Situation, die mehr oder weniger klugen und mehr oder weniger gerechten Ansätze zu einem friedlichen Zusammenleben, die politisch hochkomplizierte Zusammenarbeit zwischen britischer Kolonialmacht, eingewanderten Juden und Palästinensern, die ebenfalls sehr schwierigen Prioritätssetzungen der zionistischen Bewegung, der Blick aus anderer Perspektive auf den zweiten Weltkrieg.

Sehr gut gefiel mir auch, dass Ben Gurion nicht auf ein Podest erhoben und mit heroischen Zügen ausgestattet wurde, sondern dass auch seine weniger bewundernswerten Eigenschaften und Handlungen im politischen und privaten Bereich beleuchtet werden. Auch so bleibt noch die Beschreibung eines Menschen, den man aus verschiedenen Gründen bewundern kann, eines Großen des 20. Jahrhunderts.

 


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Durch die Welt lesen in Zeiten des Klimawandels

Meine Literaturweltreise läuft derzeit sehr langsam, ist aber keineswegs beendet. Ich habe in letzter Zeit vieles gelesen, aber von Autoren aus Ländern, die auf meiner Liste alle schon vorgekommen sind, teilweise sogar mehrmals. Demnächst möchte ich daher gerne in afrikanische Länder expandieren, vielleicht auch in arabische und werde demnächst einmal auf die Suche gehen

Tatsächlich sind es bis jetzt nur 31 Länder, die ich lesend besucht habe, was nicht besonders viel ist. Meine „Reiseseite“ ist auch etwas vernachlässigt, weil es so mühsam ist, die Länder auf der Karte, die ich verwende einzutragen. Man muss jedes Mal alle löschen und alles neu eingeben. Ich habe mich aber auch noch nicht nach einer Alternative umgesehen.

Man kann sagen, dass es absurd ist, nach diesen Kriterien seinen Lesestoff auszusuchen. Mag sein, aber ich finde es auch ziemlich bereichernd, nicht nur vom literarischen Standpunkt aus. Das Eintauchen in völlig fremde Welten und Denkweisen bringt so manche Erkenntnis mit sich.

Bedauerlich ist, dass „Weltraum, Zukunft“ nicht zu den bereisten Orten gezählt wird. Da hätte ich drei Bände von Becky Chambers zu bieten, die ich kürzlich gerne gelesen habe. Erfreulicherweise haben sie dem F. auch gefallen. Japanische Bücher habe ich auch schon mehrere auf der Liste und solche aus Israel, will also die zuletzt gelesenen nicht mehr dazuschreiben.

Die erste Hitzewelle des Sommers ist ja schon da und da würden sich Bücher von den Polen anbieten, vielleicht Grönland oder Feuerland. Sibirien eignet sich schon nicht mehr. Ich habe gehört, dass dort schon der Permafrostboden auftaut und dadurch sehr gefährliche Situationen entstehen, weil Häuser einsinken und instabil werden. Wohin man schaut, der Blick fällt auf den Klimawandel …


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Samstag 8.6.19 – Ishiguro unter Pfingstrosen

Wenn ich höre, wie lange die Staus auf den Straßen Richtung Pfingstferien sind, freue ich mich darüber, dass ich zuhause geblieben bin. Man stelle sich vor, 35 Kilometer Stau und die Sonne brennt herunter und dann auf der Rückfahrt nach nur ganz wenigen Tagen nochmals das gleiche in die andere Richtung. Da lobe ich mir die Geruhsamkeit des Blümchenpflanzens. Die verbleibende Arbeit bis zum Schulschluss lobe ich mir weniger, aber ich mache sie lieber geruhsamer als im Stress.

Stattdessen habe ich gestern doch noch erschwingliche letzte Pfingstrosen gefunden. Preisgünstig waren sie nur im Vergleich zu denen um 5€ das Stück, aber immerhin. Auf dem Markt konnte ich dann auch den sonstigen Blümchen nicht widerstehen und habe einige gekauft. Auch Nelken zur Erinnerung an die Sozialdemokraten, die es, wenn sie so weitermachen, bald nicht mehr geben wird, in Deutschland nicht und auch nicht in Österreich.

Kürzlich bekamen wir Prospekte über die Qualitäten des Bezirksmarkts. ein besonderes Flair soll er haben. Leider ist mir das noch nicht aufgefallen, aber immerhin ist er ein bisschen weniger heuntergekommen als früher. Mit anderen Wiener Märkten, die tatsächlich ein gewisses Ambiente haben wie der Brunnenmarkt, der Karmelitermarkt oder der Viktor-Adler-Markt kann man ihn nicht vergleichen. Der Naschmarkt hat nur noch in der Nacht Charakter, wenn man zwischen den leeren Buden und den vollen Lokalen durchschlendert und den etwas morbiden Charme genießt. Untertags muss man bei einmal durchgehen damit rechnen unfreiwillig auf ungefähr 500 Selfies drauf zu sein, die dann auf japanischen, chinesischen und sonstigen asiatischen Instagramseiten zu sehen sein werden. Es gibt auch zu viele Touristen aus allen anderen Gegenden der Welt, aber die sind im Schnitt nicht ganz so fotowild wie die Asiaten. Das Angebot an Waren aus aller Welt und in letzter Zeit auch wieder immer mehr regionalen Produkten ist allerdings am Naschmarkt immer noch eine Freude und hat sich auch auf meinem Bezirksmarkt verbessert.

Endlich habe ich den Ishiguro fertig gelesen: „Der Maler der fließenden Welt“. Alle Ishiguros, die ich bisher gelesen habe, haben mir gefallen, so auch dieser. Er schildert das Leben im Nachkriegsjapan. Ich-Erzähler ist ein Maler, der sich am Kriegstreiben der 30er und 40er Jahre beteiligt hat, dabei berühmt wurde, und nun in der Nachkriegsgesellschaft von seiner Vergangenheit bedrängt wird. Ein hochinteressantes Sittenbild. Ishiguro ist so ein hervorragendes Beispiel dafür, dass gute Literatur auch leicht lesbar sein kann und dass man keine Krimis schreiben muss um das Interesse der Leserschaft an Sittenbildern zu wecken.


Ein Kommentar

Überschlagende physikalische Phantasie

Cixin Liu

„Jenseits der Zeit“

Heyne 2019

Es handelt sich hier um den 3. Band von Cixin Lius Science-Fiction-Trilogie, deren erste Bände „Die drei Sonnen“ und „Der dunkle Wald“ heißen.

Über den ersten Band habe ich hier berichtet:  „Die drei Sonnen“.

Im zweiten Teil bereitet sich die in  neue Reiche und Gruppierungen aufgeteilte Menschheit auf den kriegerischen Zusammenstoß mit den Außerirdischen vor. 400 Jahre vor dem errechneten Datum der Begegnung beginnen die Vorbereitungen.  Diese Haupthandlung wird durch diverse Nebenhandlungen umflossen, die immer wieder völlig unerwartete, überraschende Wendungen bringen. Eine Kontinuität der handelnden Personen wird durch den Kunstgriff des Kälteschlafs erreicht.

Faszinierende Zukunftsbilder gibt es in diesem Roman. Etwa das Peking des 24sten Jahrhunderts, unterirdisch, ökologisch, schwebend… Oder die drei Weltraumflotten, die die Regierungen der einzelnen Länder ersetzt haben.

Im Laufe der Handlung gibt es mehrere verblüffende Wendungen und man muss bis ganz ans Ende warten um zu erfahren, was denn der dunkle Wald ist. Das Ende führt nochmals in eine ganz andere Richtung und so klingt das Buch anders aus, als es begonnen hat.

Cixin Lius blühende Fantasie hat aber auch für den dritten  Band noch einige Überraschungen auf Lager. Leider fehlt es mir an ausreichendem physikalischen Wissen um beurteilen zu können wie weit der Autor zu Beginn der Handlung die Pfade des Möglichen verlässt. Später wird alles so phantastisch, dass er diese Pfade ganz eindeutig verlassen hat.

Die Handlung lässt sich nicht in ein paar Sätzen nacherzählen, was ich ohnehin nicht tun möchte, schließlich gehört die Überraschung zum Lesevergnügen und Cixin Liu hat viele äußerst überraschende Elemente eingebaut. Wiederum geht die Handlung in eine ganz andere Richtung als ich erwartet hätte.

Auch im dritten Band wird die Kontinuität der Handlung durch mehrere Personen gehalten, die mehrmals Jahrhunderte im Kälteschlaf verbracht haben, dann wieder geweckt wurden und so die ganze Geschichte lang präsent sind. Andere wichtige Personen werden als Helden der Geschichte auch immer wieder erwähnt.

Auf manchen Strecken im dritten Band war mir die Geschichte etwas zu physik-lastig, aber das wurde in anderen Passagen wieder ausgeglichen und insgesamt hat mir auch der dritte Band sehr gut gefallen, wenn auch nicht ganz so gut wie der erste.