la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Zusätzliche Kollateral-Rentabilität

Als ich zu bloggen begann, war mir gar nicht klar, dass mich abgesehen vom Lesen über das Leben anderer Menschen und deren Meinungen auch noch anderer Gewinn erwartete.

Tatsächlich habe ich unerwarteterweise schon eine ganz beachtliche Menge von Lektüre-Anregungen bekommen. Es gab da so ein nettes Projekt von Flumsi und Zeilenende bei dem sich die Teilnehmenden gegenseitig Bücher empfahlen. Da waren ein paar Fundstücke für mich dabei. Yvonne hat die Literaturweltreise angeregt, die ich seit langem betreibe und bei ihr habe ich auch noch das eine und andere interessante Buch gefunden. Meine Reiselektüre für Ostern habe ich bei der Wildgans (Julian Barnes) und bei Flumsi (Louise Erdrich) gefunden.

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Dienstag 26.3.19

Erstaunlich wie schnell das geht: ich bin schon wieder mitten drinnen im Stress. Heute erst habe ich den letzten nötigen Zettel für die Krankenstandsbestätigung abgegeben und gleichzeitig die letzten Prüfungen für die Abschlussklassen kopiert. Die erste Korrekturnachtschicht des Sommersemesters habe ich auch schon hinter mir. Und jetzt geht es Schlag auf Schlag bis Ende April, dann die Matura, ich habe eh nur zwei Klassen, und der Rest des Schuljahres – ab Mai – wird verhältnismäßig gemütlich.

Ob ich beim dritten Anlauf Holland mit Tulpen und Atlantik im Frühling schaffe? Die Tickets und das Hotel sind gebucht, aber das waren sie schon zweimal um diese Jahreszeit und jedesmal haben mir meine Gleitwirbel einen Strich durch die Rechnung gemacht. Bei dieser Gelegenheit hat sich herausgestellt, dass das damals gebuchte Hotel sehr kulant war und mir für die Stornierung im letzten Moment gar nichts verrechnet hat. Natürlich habe ich genau dieses Hotel wieder gebucht.

Die heurige potentielle Osterreise unterscheidet sich von den letzten Reisen dadurch, dass der F mitkäme. Ich bleibe lieber noch in der Bedingungsform, damit die Rückenwirbel nicht aufmerksam werden und den Aufstand proben. Der F fliegt nicht gerne privat, wegen des ökologischen Fußabdrucks und ich weiß es natürlich sehr zu schätzen, dass er es mir zuliebe doch einmal tut. Dafür trenne ich auch ganz sorgfältig den gesamten Abfall inklusive der Papieretiketten der Joghurtbecher  und Konservendosen und habe immer und überall eine Stofftasche zum Transport eventueller Einkäufe mit usw usf.

Es geht in dem Buch, das ich gerade fertig gelesen habe nur sehr am Rande um Wissenschaft, aber ich fand den Abschnitt interessant:

Lesje weiß, dass wissenschaftliche Objektivität Schwindel ist. Sie hat die Geschichten von Raub und Rache gelesen, von Beweisen, die ein Wissenschaftler dem anderen gestohlen hat, von den Großen Dinosaurierjägern, die gegenseitig ihre Arbeiter bestachen und den Ruf des anderen untergruben. Sie weiß, dass die Leidenschaft für die Wissenschaft genauso ist wie jede andere Leidenschaft.

Margaret Atwood „Die Unmöglichkeit der Nähe“ Ullstein Verlag  – p.279

 


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Alles gesammelt und herausgegeben

Die wandernde Erde

Cixin Liu

Die wandernde Erde

Heyne. 2018

 

Mir haben die beiden ersten Bände der Trisolaris-Trilogie von Cixin Liu ausnehmend gut gefallen und ich warte nun schon lange auf den dritten Band, dessen deutsche Übersetzung  nun endlich im April herauskommen soll.

„Die wandernde Erde“ ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, kürzeren und längeren. Wahrscheinlich wurde so ziemlich alles, was Cixin Liu außerhalb seiner Trisolaris-Trilogie geschrieben hat und ins Deutsche übersetzt ist, in solche Kurzgeschichten-Bände verpackt. Für mich ist es der zweite, den ich lese. Die Geschichten hängen eigentlich nicht zusammen, wenn auch einige aus dem gleichen fiktiven Universum stammen.

Manche haben mir besser gefallen als andere, aber Cixin Lius fruchtbare Fantasie schimmert doch überall durch, wenn auch eine Kurzgeschichte nicht so umfassend erfundene und beschriebene Welten bieten kann wie ein Roman. Als kleine Snacks in Erwartung der Hauptmahlzeit, des dritten Trilogie-Bandes haben sie mir durchaus geschmeckt.


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39. Station der Leseweltreise – Marokko

Leila Slimane

„Sex und Lügen“

Btb

Die Reise

„Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt“ lautet der Untertitel des Buchs. Die Autorin erfüllt diese Ansage nicht durchgehend. Es werden wohl einige Gespräche mit marokkanischen Frauen widergegeben, aber hauptsächlich geht es um eine Analyse der marokkanischen Gesellschaft durch die Autorin.

Leila Slimani ist in Marokko geboren, als die mittlere dreier Töchter des Ökonomen Othman Slimani. Sie besuchte die Schule in Rabat. 1999 ging sie nach Paris und studierte Medien und Politik.

Es ist eine durchaus interessante Beschreibung und Analyse der marokkanischen Gesellschaft, die allerdings nur Slimanis persönliche Meinung und Erfahrung wiedergibt. Wobei man auch berücksichtigen muss, dass sie seit annähernd zwanzig Jahren in Frankreich lebt.

Zusammengefasst wird die marokkanische Gesellschaft als eine beschrieben, in der die wichtigste Regel lautet „Macht, was ihr wollt solange niemand davon erfährt“ (p.18) Die Jungfräulichkeit der Frauen vor der Ehe wird verherrlicht und das Familiengesetz schreibt vor, dass vor der Ehe ein Keuschheitszertifikat zu erbringen ist, es werden jedoch zahlreiche Möglichkeiten zur „Wiederherstellung der körperlichen Jungfräulichkeit“ angeboten.

„Als Frau erwachsen zu werden, ist ein mit Demütigungen gepflasterter Weg. Vor der Polizei und dem Gesetz ebenso wie in der Öffentlichkeit ist es von Nachteil eine Frau zu sein. Wie der türkische Autor Zülfü Livaneli in seinem Roman „Glückseligkeit schreibt, ruht im gesamten Mittelmeerraum der Ehrbegriff im Schoß der Frauen. Eine Bürde, an der die Hälfte der Bevölkerung schwer trägt. Derart idealisiert und mystifiziert, ist die Jungfräulichkeit ganz offensichtlich ein Zwangsinstrument um die Frauen ans Haus zu binden und sie unausgesetzt zu überwachen. Statt einer Privatangelegenheit ist sie Gegenstand kollektiver Besorgnis. Darüber hinaus stellt sie eine lukrative Einnahmequelle für all jene dar, die jeden Tag Dutzende Hymen rekonstruieren, oder für die Anbieter falscher Jungfernhäutchen, die beim Geschlechtsverkehr bluten sollen. Die sexuelle Misere ist, wie wir sehen werden, ein Markt wie jeder andere.“ p.28

Bemerkenswert finde ich noch, dass Leila Slamani explizit darauf hinweist, dass die Situation wie sie ist nicht dem Islam zugeschrieben werden kann.

„Denn die muslimische Religion kann vor allem als eine Ethik der Befreiung, der Hinwendung zum anderen, als persönliches Wertesystem verstanden werden, und nicht nur als manichäische Sittenlehre“ p. 17

Insgesamt recht interessant, aber nicht wissenschaftlich fundiert.


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38. Station der Literaturweltreise – Kenia

Wieder unterwegs 

 

Yvonne Adhiambo Owuor

„Der Ort, an dem die Reise endet“ 2014

deutsche Ausgabe: Dumont 2017

Ein wahrhaft sprachgewaltiger Roman. Dennoch habe ich sehr lange gebraucht um in die Geschichte hineinzufinden und wollte unterwegs schon mehrmals aufgeben. Die Autorin hat eine epische, ausufernde Erzählweise. Der Ausgangspunkt: ein junger Mann ist in Nairobi gestorben und wird von Vater und Schwester in das heimatliche Dorf zurückgebracht von wo die Mutter des Verstorbenen sehr bald verschwindet. Ausgehend von dieser Situation werden die Geschichten mehrerer Familien aufgerollt. Beim Auftauchen jeder neuen Figur wird eine Schleife eröffnet, die entweder in die Vergangenheit dieser Person führt oder einen Aspekt ihrer Gegenwart besonders beleuchtet. So tun sich Kreiswege auf, die einander immer wieder berühren aber dann wieder auseinander driften.

Ich habe bis zu den letzten 120 von 500 Seiten gezweifelt, ob es der Autorin gelingen kann, alle diese vielen Fäden auf so vielen Zeitebenen und so vielen Erzählperspektiven irgendwie zusammenzuführen. Aber ja, es ist ihr gelungen. Sie wechselt sprachlich meisterhaft nur durch den Perspektivenwechsel in ihren Bildern von einer Erzählperspektive in die andere und schließlich fügt sich alles zusammen und ergibt ein sehr starkes Gesamtbild, das das Leben der Hauptpersonen in Kenia kurz vor, während und nach der Unabhängigkeit zeichnet.

Für die Leser*innen setzt sich das Gesamtbild erst spät zusammen. Am Ende des Romans bleibt der Eindruck, dass das Leben der Protagonisten in großen Schleifen weiterläuft und das Ende des Romans an einem fast beliebigen Punkt gesetzt wurde.

Es ist eine originelle, sehr dramatische Erzählweise, an die man sich gewöhnen muss und die auch viel Zeit erfordert, weil der Text so gut geschrieben ist, dass es schade wäre, ihn nur zu überfliegen. Gestört hat mich, dass nicht nur einzelne Wörter sondern ganze Sätze in einer kenianischen oder äthiopischen Sprache vorkommen, die nur manchmal,  übersetzt werden. Zwar gibt es ein Glossar, dort wird aber lange nicht alles übersetzt und ich finde es auch mühsam mitten in einer wunderbar geschilderten Szene die Bedeutung von Wörtern oder ganzen Sätzen nachsehen zu müssen.

Ein Buch, das mich erst ungefähr ab der Mitte gefesselt hat, obwohl es wirklich hervorragend geschrieben ist. Von einer Autorin, deren Erstling dieser Text ist, wird man wohl noch einiges zu lesen bekommen, wenn ich auch hoffe, dass ihre literarische Entwicklung eine gewisse Straffung des Erzählens bringen wird.


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Eine deutsche Karriere

Monatelang habe ich an dem Buch gelesen, in winzigen Portionen, weil mir der beschriebene Mensch gar so zuwider war mit seiner ungebremsten Gier, seiner gnadenlosen Biederkeit, seinem skrupellosen, mörderischen Geltungsdrang und schließlich mit der beispiellos erfolgreichen Verlogenheits- und Verstellungstaktik mit der er als einziger bedeutender Nazi bei den Nürnberger Prozessen im wahrsten Sinn des Wortes seinen Kopf aus der Schlinge gezogen hat.

Auf ca 600 Seiten Text und ca 300 Seiten Quellen- und Literaturverzeichnis wird Albert Speer in allen seinen Facetten beschrieben. Magnus Brechtken hat eine minutiös recherchierte Biographie geschrieben, für Nicht-Historiker*innen bzw Leser*innen, die nicht bis ins kleinste Detail an der Person interessiert sind, vielleicht etwas zu minutiös. Ich zumindest habe vieles überblättert und dennoch eine massive Albert-Speer-Dosis abbekommen.

Zu den Qualitäten dieser Biographie zählt auch die zusammenfassende Einleitung:

„Albert Speer ist vermutlich, der am häufigsten zitierte Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts. Ein engagierter Nationalsozialist, Unterstützer Hitlers, Architekturmanager, Kriegslogistiker, Rüstungsorganisator, Mitbetreiber der NS-Rassenpolitik, eine Zentralfigur des Eroberungs- und Vernichtungskrieges: das ist der reale Albert Speer bis 1945.

In der Nachkriegszeit hat sich ein anders Bild von ihm verbreitet. Hier erscheint Speer meist als verführter Bürger, unpolitischer Technokrat, als fleißiger Fachmann, der vor allem seine Arbeit im Sinn hatte und dabei wenig wahrgenommen haben wollte, von den Verbrechen, die sich um ihn herum ereigneten, während er in Wahrheit mit der SS paktierte, Zwangsarbeiter in den Tod trieb und europaweit die Kriegsrüstung organisierte. Allenfalls dunkle Ahnungen habe er gehabt von dem, was doch vor seinen Augen und nicht selten auf seine direkte Initiative hin geschah.

Es war die Legende vom unwissend-arglosen Bürger Albert Speer auf der schuldfreien Seite der Geschichte. Auf der anderen standen die ungehobelten Parteimänner mit ihrem lauten Benehmen und den groben Visagen. Das waren „die Nazis“. Irgendwie war er in deren Nähe geraten.

(…)

Nach dem Einsatz für den Nationalsozialismus und der Täterschaft als Verbrecher strebte Speer die Interpretationsherrschaft über die Geschichte an um alles, was er getan hatte, umerzählen, vernebeln, in ablenkenden Fabeln auflösen zu können. In beiden Rollen war Speer ebenso energisch wie erfolgreich.

Gerade deshalb ist Speers Karriere exemplarisch, eine deutsche Karriere im 20. Jahrhundert, die bis in die höchsten Sphären der Macht führte, an die Schalthebel einer europäischen Kriegsmaschinereie mit Millionen Arbeitern und Soldaten und einem Arsenal von Waffen, wie sie in der Weltgeschichte zuvor nicht eingesetzt worden waren. Speer sorgte für die Verlängerung des Kriegs um Jahre, opferte dabei unzählige Menschen, um den Sieg des Nationalsozialismus zu erreichen und sah sich in der Endphase des Kriegs sogar ernsthaft als möglichen Nachfolger Hitlers.

(…)

Nimmt man die nationalsozialistische Herrschaft als Ganzes in den Blick und befreit man sich von der Täuschung, dass „die Nazis“ etwas „Fremdes“ waren, eine mysteriöse Macht, die das Land im Jänner 1933 irgendwie von außen überwältigte und im Mai 1945 wieder verschwand, wird klar, Albert Speer war einer von zahllosen Deutschen, die Nationalsozialisten sein wollten, die ihr Leben und ihr Streben danach ausrichteten. Sie wollten Hitler und damit auch sich selbst zur Macht verhelfen. Speer ragte heraus und ist doch zugleich exemplarisch für all jene, die sich mit ähnlichen, wenngleich bescheideneren Ambitionen so wie er für den Nationalsozialismus engagierten, ihn trugen und gestalteten.

nach Magnus Brechtken „Albert Speer, eine deutsche Karriere“ Siedler Verlag, München: 2017. p. 9, 10


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Doch nicht Ausschwitz

Zufall, dass ich diesen Menasse-Roman gerade gelesen hatte, als sich herausstellte, dass eine der zentralen Szenen des Buches eine reine Erfindung von Robert Menasse war. Ihr ließ in seinem Roman den ersten Präsidenten der EU-Kommission, Walter Hallstein seine Antrittsrede 1958 im ehemaligen KZ Ausschwitz halten, an einem Ort, der symbolisch dafür stünde, wohin die Nationalstaaten geführt hätten. Hier gibt es eine Zusammenfassung der Polemik. Nun hat Robert Menasse gemeinsam mit anderen eine Bewegung gegründet, die sich die Abschaffung der europäischen Nationalstaaten  zum Ziel gesetzt hat und man kann ihm vorwerfen, dass er zum Vorantreiben oder zumindest zur Erklärung dieses Ziels in seinem Roman Geschichtsfälschung betrieben hat.

Zuerst meinte er, er sei weder Historiker noch Journalist sondern Dichter und man könne ihm somit gar keine Geschichtsfälschung vorwerfen. In weiterer Folge entschuldigte er sich aber für die Verwirrungen. Schade ist es allemal, dass es diese Rede in Ausschwitz nicht tatsächlich gegeben hat, ich habe ihre Argumentation und Inszenierung recht überzeugend gefunden. Nur stammt diese Rede eben von von Walter Hallstein, 1958 sondern von Robert Menasse 2018. Schade.

Man mag nun von Robert Menasse als Person halten, was immer man möchte, eine unumstößliche Tatsache ist aber, dass er großartig schreibt und dass auch seine Exkurse in die nähere und weitere Vergangenheit immer interessant sind. Bis jetzt hätte ich gesagt „interessant und seriös recherchiert“. Tja, die Sache mit der Ausschwitz-Rede weckt Zweifel an der historischen Richtigkeit vieler Passagen in vielen seiner Bücher. Daran hat er nicht gedacht, oder aber sein Umgang mit historischen Wahrheiten war immer schon ein dichterischer, der nur von niemandem überprüft wurde.

Wie dem auch immer sein möge, so ist sein Roman „die Hauptstadt“ ein hervorragend aufgebautes Panorama wenn nicht gar Panoptikum in und um die EU-Behörden, die Menschen, die dort arbeiten und über die erfundene Ausschwitzrede wird europäische Geschichte in die Gegenwart hereingeholt. Die einzelnen Figuren werden detailreich beschrieben: die junge zypriotische EU-Beamtin, die an ihrer Karriere feilt, der letzte Überlebende der Flüchtlinge aus einem KZ-Transport, der in ein Altersheim übersiedelt ist, der emeritierte Wirtschaftsprofessor, der zu einem think tank eingeladen wurde, ein Auftragsmörder, der sich in der Zielperson geirrt hat und last not least ein Schwein, das in den Straßen von Brüssel auftaucht und dessen Wege durch die Hauptstadt ein verbindendes Element der Geschichte sind. Die eigentliche Hauptperson aber ist die EU in vielen ihrer Ausprägungen. Wobei man sich nun leider fragen muss woher Robert Menasse seine genauen Kenntnisse von den EU-internen Abläufen bezieht …….

Lesenswert ist der Roman ohne Frage, schon wegen Menasses Schreibkünsten.