la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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9. Station der Leseweltreise – Iran

Es handelt sich um die Autobiografie von Shirin Ebadi, geboren 1947,  die als ganz junge Frau Richterin an einem Teheraner Gericht wurde, später vom Khomeini-Regime zur Schreibkraft in selben Gericht degradiert wurde und erst ab 1992 als Anwältin praktizieren durfte. Sie verteidigte – trotz persönlicher Gefährdung – Regimekritiker, misshandelte und diskriminierte Frauen und Kinder. 1994 gründete sie einen Kinderschutzbund. 2003 bekam sie den Friedensnobelpreis.

Shirin Ebadi ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.

Ich habe diese Autobiografie einer ungemein mutigen Frau mit großem Interesse gelesen. Zwei Aspekte haben mich besonders interessiert.

Shirin Ebadi führt ihren Mut darauf zurück, dass sie das große Glück hatte in einer Familie aufzuwachsen, in der die Töchter genauso geschätzt und gefördert wurden wie die Söhne. Dies war absolut keine Selbstverständlichkeit und sie wusste diese frühe Prägung sehr zu schätzen als sie bemerkte wie viele iranische Frauen das Gefühl der Minderwertigkeit, das sie schon als kleine Mädchen vermittelt bekommen hatten nicht abschütteln konnten.

Shirin Ebadi hatte aus Abneigung gegen das korrupte Shah-Regime anfangs die Khomeini-Revolution unterstützt. Sehr bald wurde ihr klar, dass sich die Situation des Landes, vor allem die Situation der Frauen keineswegs verbessert hatte. Mit größtem persönlichen Mut und Einsatz führte sie ihren Kampf für Menschenrechte, trotz Schikanen jeder Art, trotz Gefängnisaufenthalten und Morddrohungen verstummte sie nicht. Besonders bemerkenswert fand ich, dass sie nie den Islam in Frage stellte, sondern die Meinung vertrat, dass alles, was sie forderte innerhalb des schiitischen Islam möglich wäre. Sie legte sich mit hochrangigen Geistlichen an, die ihre Standpunkte offenbar aus religiöser Sicht nicht widerlegen konnten. Trotzdem konnte sie sich gegen das Regime und jeden einzelnen Mullah nicht durchsetzen.

„Im Islam gibt es eine als ijtihad bekannte Tradition der rationalen Auslegung, die seit Jahrhunderten von Juristen und Geistlichen gepflegt wird, um die Bedeutung der Lehren des Korans sowie deren Anwendung auf moderne Vorstellungen und Situationen zu diskutieren. Im sunnitischen Islam, der den ijtihad ablehnt, wird dieser seit Jahrhunderten nicht mehr praktiziert, doch im schiitischen Islam sind der Prozess und der Geist des ijtihad lebendig. Ijtihad ist ein wesentliches Element des islamischen Rechts, weil es sich bei der Scharia  eher um eine Sammlung von Grundsätzen als um kodifizierte Normen handelt. Gelangt man durch den Prozess des ijtihad zu einer Entscheidung oder bestimmten Meinung, so bedeutet dies, dass ein Jurist eine bestimmte Frage (ob zum Beispiel eine Frau im 20.Jahrhundert wegen Ehebruchs gesteinigt werden sollte) durch die Anwendung von Vernunft und durch Deduktion bewertet und die mit dieser Frage zusammenhängenden Interessen nach Prioritäten ordnet“ p.260

Ich persönlich finde es ja schlimm genug, dass eine Steinigung überhaupt zur Debatte steht. Aber für jemanden der/die in einem System lebt, in dem Hinrichtungen jeder Art, das Abschlagen von Händen und die Verherrlichung des „Märtyrertodes“ normale Praxis sind, wäre  wohl die Anwendung des ijtihad ein deutlicher Fortschritt in Richtung Menschenrechte. Shirin Ebadi gibt uns auch ein Beispiel dafür:

„Während der ersten Jahre nach der Revolution entschied Ayatollah Khomeini trotz der strengen Einstellung der führenden Geistlichen, dass die nationalen Medien Musik senden durften. Er kam zu dem Schluss, dass die jungen Leute sonst vom westlichen Radio geködert würden und dies letztendlich schädlicher für die islamische Republik wäre. Durch den Prozess des ijtihad also gelangte er zu der Einsicht, dass eine Praxis aus dem siebten Jahrhundert für die Gegenwart ungeeignet sei“ p.260

Man könnte natürlich auch vermuten, dass Khomeini im Interesse des Machterhalts durchaus zu pragmatischen Entscheidungen kommen konnte. Derselbe Khomeini, der Tausende junge Iraner mit ihren Todeshemden im Gepäck dorthin schickte wo die Iraker Minenfelder gelegt hatten. Die jungen Männer wurden über diese Felder geschickt um mit ihrem Leben die Minen zu entschärfen, sodass die nachfolgende reguläre iranische Armee geringere Verluste hatte. Natürlich kamen sie als Märtyrer direkt ins Paradies.

2009 schließlich tat Shirin Ebadi, was sie nie tun wollte, sie ging ins Exil nach London.

Ein sehr aufschlussreiches Buch, dass allerdings für Menschen wie mich, die mit den Ereignissen in der islamischen Republik Iran nicht im Detail vertraut sind gewisse Längen aufweist, wenn es um die Schilderung von Verbrechen und Prozessen geht. Aber das kann man dem Buch nicht vorwerfen.


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Die Arabesken des IS

Die Sprache des Terrors

Spannendes Thema, neuer, spannender Ansatz. Philippe-Joseph Salazar wurde in Casablanca geboren und verbrachte dort auch seine Kindheit. Man kann wohl sagen, dass er in der arabischen Welt zuhause ist. Obendrein ist er ein Schüler von Roland Barthes, einem bekannten Linguisten und Semiotiker. Betrachtet  man diese beiden biographischen Daten, so erstaunt der linguistische Ansatz zum Verstehen des IS nicht.

Salazar beschäftigt sich hauptsächlich mit der Rhetorik des IS. Dazu geht er zunächst zurück zur französischen Revolution:

Wer wäre heute noch bereit, derartige Sätze überzeugend auszusprechen oder gar in die Tat umzusetzen: Saint Justs „Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit“ Robespierres „Wer den Himmel anruft, will die Erde an sich reißen“ oder Marats“Die Freiheit muss mit Gewalt errungen werden“ Heute will das niemand mehr. Nur noch das Kalifat. (p14)

Er beschreibt die blumigen Arabesken des politischen Diskurses des IS

Gegen diesen Stil sind wir machtlos: Unsere politische Sprache ist vergleichsweise steril, rhetorisch banal und ohne jede Poesie. (p17)

Äußerst erhellend ist auch der Vergleich zwischen westlicher und islamischer Rechtstradition. Wo die westliche Rechtssprechung auf Rechtsnormen beruht (diese und jene Handlungen sind aufgrund von diesen und jenen Gesetzen verboten), arbeitet die islamische Rechtssprechung mit Analogien, die auf Interpretationen des Korans oder der Prophetengeschichten beruhen.

Weiters beschäftigt sich Salazar mit der Person des Kalifen, mit der Art wie er an die Macht kommen kann und mit dem Blick des Kalifats auf „sein“ Territorium

Das Recht auf Besitz und Eroberung, welches das Kalifat für sich in Anspruch nimmt, ist nicht extraterritorial, vielmehr ist es eine Wiedereroberung also eine Bestätigung, dass ihm jegliches Territorium bereits gehört. (p. 41)

Das territoriale Argument des Terrors lautet also wie folgt: weil Frankreich bereits dem Kalifat gehört, zur Zeit aber von den Ungläubigen besetzt gehalten wird, muss man diese Ungläubigen terrorisieren (p 42)

Auf der grundlegenden Unterscheidung zwischen „langue“ (Sprache) und „parole“(Rede) baut Salazar seine Betrachtungen der Propaganda auf, mit der der IS Jugendliche potentielle Dschihadisten überzieht. Er analysiert eine Reihe von IS-Videos sowie Videos der Gegenpropaganda des Westens.

„Um es anders zu sagen: In der E-Technik Internet verlegt sich das Kalifat auf Qualität, wir hingegen legen Wert auf Quantität. Das Kalifat setzt auf Heroismus, wir setzen auf Prävention. Es setzt auf das Ideal, wir setzen auf den Durchschnitt. Es setzt auf Transzendenz, wir setzen auf die Mittelschicht“ (p. 76)

Äußerst interessant finde ich auch die Gegenüberstellung des Dialogs (ein großer Wert im Westen) und des Appells, einer im Kalifat geschätzten Art der Rhetorik (p 84 ff)

Über die Ausführungen Salazars zum Feminismus im Kalifat konnte ich mich nur wundern, ebenso wie über seine ausführlichen Beschreibungen der Attribute der Männlichkeit der Krieger des Kalifats.

„Das Kalifat macht den Krieg wieder zu einer Sache der Männlichkeit“ (p117)

Ein weiterer Aspekt, den Salazar aufzeigt, ist der Unterschied zwischen der ideologischen Richtung des Islam des Kalifats und jener des Iran, eines Landes mit einer indo-europäischen Kultur, die die schiitische Version des Islam praktiziert

„Schauen wir uns den iranischen Islam an: Hat man jemals gesehen, wie ein Soldat der islamischen iranischen Revolution eine moralische Ansprache hielt und einem Opfer die Kehle durchschnitt, trotz aller Kriege und Schlachten, die seit der Entthronung des Schahs und der Erneuerung der schiitischen Herrschaft stattgefunden haben ? Nein, denn das ist nicht seine Aufgabe.“ (p 124)

„Im Iran, einer indoeuropäischen Kultur regiert der Klerus, schützen die Revolutionsgarden und arbeiten die Menschen, das ist das von Platon in der Republik beschriebene trifunktionale Modell (p.125) In der anthropologischen Sphäre, der die semitische und die arabisch-muslimische Welt, mit Ausnahme des Irans, entstammen, gibt es jedoch keine derartige funktionale Teilung. Ein arabisch-islamischer Soldat kann als Opferpriester handeln und seine Handlung während einer Liturgie des Menschenopfers auch als solche bezeichnen“ (p125)

Auch mit der Psychologie der ins Kalifat einwandernden jungen Menschen beschäftigt sich Salazar:

„Plötzlich – oder endlich- entdeckt man, dass Dschihadisten nicht zwingend dumm, minderbegabt, marginalisiert, gescheitert und ausgegrenzt sind, sondern in nicht wenigen Fällen Diplome vorweisen können, Söhne aus gutem Hause oder folgsame und fleißige Mädchen sind, die ihre Entscheidung häufig wortgewandt auszudrücken und zu beschreiben in der Lage sind (p. 142)

Salazar thematisiert noch die westliche und die dschihadistische Diskursgemeinschaft und erläutert seine Ansicht, wie der Krieg gegen den IS in einen bewaffneten Frieden umgewandelt werden könnte.

Keine einfache Lektüre, aber insgesamt ein hochinteressantes Buch mit ausführlicher, weiterführender Bibliographie zum Thema. Nicht besonders gut ist die Übersetzung. An vielen Stellen fand ich die Terminologie nicht so gut gewählt bzw verstand ich sie nur durch „Rückübersetzung“ ins Französische.

Philippe-Joseph Salazar

„Die Sprache des Terrors“

Pantheon Verlag: 2016

ISBN: 978 – 3-570- 55343 – 5

Vielen Dank an den Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars


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Was ? „Frauen am Steuer“ ist das Thema der Woche beim Mitmachblog ?

MitmachBlog

Ich erspare mir Hinweise auf die Unfallstatistik. Wer das verkraften kann, erfährt daraus, dass Frauen mit Abstand sicherer und unfallsfreier fahren als Männer.

Tatsächlich ist aber das einzige, was mich an diesem seltsamen klischeestreichelnden Thema interessiert, die Situation in Saudi-Arabien. Nicht einmal so sehr die Situation als die ungeheuerliche Begründung dafür. Nachdem es zu Zeiten des Propheten Mohammed abgesehen von Schiffen, die in der Wüste auch damals eher selten anzutreffen waren nur Kamele und Esel als Transportmittel gab, kann also unmöglich im Koran stehen, dass Frauen nicht Auto fahren dürfen. Und nachdem sich inzwischen in weite Schichten der europäischen Bevölkerung herumgesprochen hat, dass der Koran wörtlich auszulegen ist, muss man wohl davon ausgehen, dass der Prophet Mohammed am saudischen Autofahrverbot für Frauen unbeteiligt ist. Wer also und warum ?

Warum dieses Verbot tatsächlich besteht, weiß wohl nur das saudische Königshaus. Ich hätte ja da so meine privaten Theorien, die ich…

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Daggi 22 – Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen

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Siba Shakib

„Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen“

Goldmann 2001

Aufgabe 6: Ein Buch, das dich traurig oder nachdenklich gemacht hat

Siba Shakib ist eine deutsch-iranische Autorin, die im Iran aufgewachsen ist. Ob die Geschichte der Shirin-Gol eine echte Biographie ist oder von der Autorin erfunden, ist unmöglich festzustellen, aber so oder ähnlich wird wohl das Leben vieler afghanischer Frauen ausgesehen haben und aussehen.

Shirin-Gol ist die vierte Tochter und das neunte Kind ihrer Mutter. Sie wächst mit 10 Geschwistern auf und ist noch sehr klein, als „die Russen kommen“. Die Familie zieht nach Kabul, wo Shirin -Gol in die Schule geschickt wird.

„In ihren Stadtjahren lernt Shririn-Gol zu begreifen, dass sie noch ein Kind ist und dass zum Kinderleben viele Dinge gehören, die sie bislang nicht gekannt hat. Die wichtigsten sind: spielen, nicht nur mit Mädchen, auch mit Jungen, ungefragt sprechen dürfen, rennen, springen, keinen Schleier tragen, nicht immerzu die kleinen Geschwister an der Hand, auf dem Arm, am Rockzipfel haben, singen, albern sein, schreien. Shririn-Gol genießt es, Kind sein zu dürfen und möchte es am liebsten für immer bleiben.“

Die Russen kommen und gehen, der Krieg bleibt, die einen Mujahedins gegen die anderen. Shirin-Gol hat einen Mann geheiratet, der sie beim Karten spielen mit ihrem Bruder gewonnen hat. Sie hat Glück und gewinnt ihn lieb. Der Krieg breitet sich aus bis Kabul, Shirin-Gol flüchtet.

„Von nun an bewegt sich der kleine Treck von Frauen und Kindern nur noch nachts. In der zwölften Nacht zählt Shirin-Gol die Tage und Nächte nicht mehr. In der vierzehnten Nacht hat sie keine Kraft mehr weiterzugehen.In der fünfzehnten schleppt sie sich und ihre Kinder dennoch weiter, und in allen weiteren Nächten ebenso.

Sie gehen auf der gleichen Straße, den gleichen Pfaden und Wegen wie Hunderte, Tausende, Millionen Afghanen. Seit über zwei Jahrhunderten bis heute. Die gleichen Wege und Straßen auf denen Könige und Krieger ihr Heer geführt haben. Dariush, der König der Perser, Alexander, der König der Griechen. Die Mongolen waren hier, die Briten, die Russen, die Amerikaner, Bin Laden war hier, der KGB und der CIA und jetzt Shirin-Gol und ihre Familie. Es ist die Straße, die von Kabul in Richtung Jalalabad führt und sich von dort in steilen und engen Serpentinen weiter durch die freien Stammesgebiete über den legendäre Khyberpass nach Pakistan schlängelt.“

Das Leben der Shirin-Gol führt von einem Ort zum anderen, von Afghanistan nach Pakistan in den Iran und wieder zurück durch Kriegsgebiete und Flüchtlingslager. Ihr Mann ist opiumsüchtig geworden, es werden viele Kinder geboren. Ihr sozialer Status als Frau wechselt von unterdrückt zu nicht-als Mensch-anerkannt. Es ist eine erschütternde Geschichte, die mit einfachen einprägsamen Worten erzählt wird. Es gelingt der Autorin atmosphärisch sehr dichte Szenen zu beschreiben.

Der Titel des Buchs ist vielleicht einfach das Ergebnis wohldurchdachter Marketingstrategien oder aber er möchte die Geschichte in einen religiösen Zusammenhang stellen. Als Agnostikerin finde ich es ohnehin schon schwer verständlich, wie man die Vorstellung eines gütigen Gotts aufrecht erhalten kann. Warum aber dieser allmächtige, gütige Gott, dann nur noch weint anstatt irgendwie einzugreifen, erschließt sich mir gar nicht. Ich habe also mit dem Titel dieses Buchs so meine Probleme.


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Daggi 8 – Odysseus aus Bagdad

Eric-Emmanuel Schmitt  „Odysseus aus Bagdad“   Fischer Taschenbuch: 2015

französische Originalausgabe „Ulysse from Bagdad“  Edition Albin Michel: 2008

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Ein Autor, den ich sehr gerne lese. Ich schätze seine eindringliche aber unaufgeregte Sprache, seine Plots, die am Puls der Zeit liegen aber gute Chancen haben in den Olymp der ewig-aktuellen Themen aufgenommen zu werden und die Weisheit, die Menschlichkeit und den Humor seiner Bücher.

Mein erstes war „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Korans“.Es wurde auch verfilmt mit Omar Sharif, der einen authentischen monsieur Ibrahim gab.

Hier geht es jetzt aber um „Odysseus aus Bagdad“. Der erste Absatz des Textes:

Ich heiße Saad Saad. Mein Name bedeutet auf Arabisch Hoffnung Hoffnung und auf Englisch Traurig Traurig. Innerhalb von Wochen, manchmal auch von einer Stunde zur nächsten oder auch im Wimpernschlag einer Sekunde, verschiebt sich meine Wahrheit vom Arabischen zum Englischen. Je nachdem, ob ich froh gestimmt bin oder mich elend fühle, werde ich Saad, die Hoffnung oder Saad, der Traurige.

Saad Saad ist ein junger Iraker, der zunächst von seiner Kindheit in Bagdad unter Saddam Hussein erzählt und vom zweiten und dritten Golfkrieg aus der Perspektive eines Jugendlichen. Nach mehreren tragischen Ereignissen entschließt er sich sein Land zu verlassen und nach England zu gehen.Eric-Emmanuel Schmitt erzählt tragisch-grotesk, ernst-heiter, real-surreal .

Saad Saad, schleust sich aus Geldmangel in eine Gruppe Islamisten ein und gelangt mit einem Opiumtransport nach Kairo. Nachdem er dort als politischer Flüchtling nicht anerkannt wird, schließlich gibt es Sadam Hussein nicht mehr, muss er Geld verdienen und landet gemeinsam mit einem afrikanischen Reisegefährten als eine Art Mädchen für alles bei einer schwedischen Musik-Band. Über einige Umwege gelangt er dann auf einem Seelenverkäuferboot statt nach Lampedusa in ein Gefängnis in Malta, von dort aus nach Sizilien, wo er eine Liebesbeziehung mit einer Sizilianerin eingeht, bald aber weiterzieht nach Neapel und schließlich nach Frankreich

Auf seiner Reise, die viele Parallelen zur Odysee aufweist, hat Saad Saad einen geisterhaften, klugen, wohlinformierten, literatur-begeisterten,  humorvollen und sehr hilfreichen Begleiter: seinen toten Vater, der in Bagdad irrtümlicherweise von Amerikanern erschossen wurde. Die Figur des toten Vaters ist ein surreales, komisches Element der Handlung, aber auch eine Quelle der Weisheit und des geerdeten Hausverstands.

Ein sehr kluges und auch spannendes Buch, das viele Einblicke vermittelt.


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Daggi 3 – Frauen für den Dschihad. Das Manifest der IS-Kämpferinnen

IMG_7139Übersetzt und kommentiert von Hamideh Mohagheghi

Herder Verlag

ISBN: 978 – 3 – 451 -34832 – 7

Klappentext von Hamideh Mohagheghi:

Das Manifest der Al-Khanssaa-Brigadeist ein Rekrutierungs- und vor allem Propagandapamphlet. Zu diesem Zweck setzt es auf verschiedene Techniken, um die angebliche koranische Legitimation des „Islamischen Staates“ und die göttliche Natur der Regeln, die gepredigt werden, zu behaupten. Mündige und freie Menschen haben in dieser Ideologie keinen Platz, denn zu denken, zu reflektieren  und eine eigene Orientierung zu finden, all dies gilt als „Unglaube“ und „Sünde“.

 

 

Ein grusliges Buch aus dem ich hier einige Passagen zitiere.

Zum Thema Wissenschaft:

„(…) denn man redete uns ein, dass der Muslim unbedingt den europäischen und anderen Ungläubigen beweisen soll, dass er zu seiner vergangenen Blütezeit eine materialistische Zivilisation aufbaute, deren Helden Atheisten und Ketzer sind, so wie Avicenna, oder Ibnan-Nafis und Ibn-al- Haitam und andere. Die Zivilisation dieser Menschen wurde auf den Trümmern vorangegangener  aufgebaut. Wir erklären an dieser Stelle, dass wir uns von diesen Ketzern stark distanzieren. Jene wie auch die anderen aus Europa stammenden rückschrittlichen Genies sind miteinander verbündet. Der Muslim hat es nicht nötig, etliche seiner Jahre damit zu verbringen, weltliche Wissenschaften zu erlernen, die zu keiner Belohnung führen – es sei denn das Böse der Ungläubigen wird dadurch abgewandt.“

Avicenna oder Abu Ali Ibn Sinna (980-1037) persischer Arzt und Philosoph, dessen bahnbrechendes medizinisches Werk in Europa erst im 16 (!)Jahrhundert an Bedeutung verlor.

Ibn-an-Nafis (1213-1288) ägyptischer Arzt, der für die Medizin bedeutende Entdeckungen machte.

Ibn-al-Haitam (Alhazen) geboren 965 in Basra, bedeutender Mathematiker

„Al – Auzu´i sagte : Die Wissenschaft ist, was uns die Prophetengefährten berichteten, alles , was darüber hinaus ist, stellt keine Wissenschaft dar.“

Zum Thema Mädchenerziehung:

„Von dreizehn bis fünfzehn Jahren: noch mehr Vertiefung in den Scharia-Wissenschaften und der Handarbeitskunst und die besonderen Kenntnisse in der Kindererziehung.“

„Das Alter von neun ist das angemessene rechtliche Alter, in dem das Mädchen zu einer Frau wird und heiraten kann“

Im Kapitel“Die Frau im islamischen Staat, ein Bericht“ erfahren wir:

„Die Pressestelle der Brigade Al-hansa hat ihre eigene Reise durch diese Länder unternommen, um den wahrhaft glücklichen Zustand zu überprüfen, zu dem die Frau gelangte und der sie zu ihrem vormaligen Ansehen zurückkehren ließ und zum Tragen der schwarzen Kleidung, was die Heuchler und ihre Verbündeten ärgert. Und was diesen Zustand an Fortschritt und Wohlergehen zum Gipfel des Ruhmes so auszeichnet, ist die Tatsache, dass der muslimische Staat sich verbreitet und in seinen Tagen zum Gipfel des Erfolgs gelangt, da wir mit jeder Stunde fortschreiten und stärker sehen werden, was ihm Allah an Unterstützung starker ehrlicher Männerarme gab, die ihn mit ihren Leben bauten …….. usw usf“

Einige weitere Perlen aus diesem Text:

„Wir sind uns sehr sicher, dass keine gerechten Gerichte existierten, bevor der Kalifatstaat die Macht übernahm“

„Zu den Feinden des islamischen Staates und zu den Feinden der Enthaltsamkeit und Reinheit der zu uns gehörenden Säkularen und Liberalen:Unsere Töchter sind zu ihren Djellabas zurückgekehrt, unsere Frauen sind in ihrem Heim geblieben. Und sie schickten die Spucke eurer Kultur und Zivilisation ins Meer.Möge euch Allah bekämpfen, denn ihr gehört nicht zu uns und wir nicht zu euch.“

Eine sehr unangenehme  schon fast verstörende Lektüre. Auch die Übersetzerin Hamideh Mohagbegbi, eine aus dem Iran stammende islamische Theologin an der Universität Paderborn hatte offenbar wenig Freude an diesem Werk. Sie schreibt in der Einleitung:

„(…) auch meine Begeisterung mich mit der Ideologie einer radikalen muslimischen Gruppe auseinanderzusetzen, hielt sich in engen Grenzen. Die IS-Ideologie ist von exegetischen Fehlern, Widersprüchlichkeiten, hochmütigen Behauptungen und Aufforderungen zu grausamen kriminellen Handlungen geprägt, die bei mir für Fassungslosigkeit und Wut sorgten.“

Interessant war es dennoch. Einige Schwierigkeiten hatte ich damit den Text einer passenden Aufgabe in Daggis Projekt zuzuordnen, schließlich habe ich mich für Nr. 34 (ein Buch, das 2015 erschienen ist) entschieden.

Mir wird gerade klar, wie klug Daggis verschiedene Aufgaben formuliert sind. Erscheinungsdatum, Seitenanzahl, Covermotiv fand ich auf den ersten Blick etwas seltsam, aber ganz zu Unrecht, denn hier kann man die unkonventionelleren Bücher unterbringen