la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Vom Minirock zur schwarzen Säule

Das Gespräch, das ich heute abend mit einer Studierenden geführt habe, war so interessant, dass man uns beinahe im Schulgebäude eingesperrt hätte. Gerade noch im letzten Moment bevor der Schulwart die Alarmanlage eingeschaltet hat, sind wir hinausgekommen.

Sie hat mir von ihrer Großmutter erzählt, die als junge Frau in Afghanistan ein relativ freies Leben führte und Lehrerin war. Nach dem frühen Tod ihres Mannes zog sie allein zwei Söhne groß, einer davon der Vater der jungen Frau, doch dann kamen die Taliban und reduzierten sie auf eine schwarze Säule. Sie erzählte, wie die Großmutter die ganze Familie zur Auswanderung gedrängt hatte. Ich habe nicht gefragt, ob die Großmutter selbst auch mitgekommen ist. Die Frage werde ich nachholen

Sehr spannend fand ich auch das Verhältnis der jungen Frau zum Islam. Sie teilt ihr Leben in verschiedene Bereiche ein. In der Bäckerei, in der sie arbeitet, könnte sie ein Kopftuch tragen, tut es aber nicht, weil sie meint, dass ihre Religion nicht als Provokation herhalten soll. In der Abendschule trägt sie ein loses Kopftuch, die Art wie man sie an Frauen im Iran sieht; weder das Haar noch der Hals sind eigentlich bedeckt. Auf meine Frage, wie man ein Leben zwischen Arbeit und Schule mit fünf Gebeten am Tag verbinden könne, sagte sie, dass das darauf ankäme, wie man „Gebet“ definiere. Nach einer modernen Auslegung des Islam, wäre alles, was man gerne für andere tue, auch als Gebet zu betrachten. Wenn das viele Menschen so sähen, würde das der Gesellschaft sehr gut tun.

Jedenfalls eine interessante, neue Studierende, die gerne redet und gerne Auskunft gibt über ihre Meinungen.

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Eigentlich mag ich sie manchmal fast alle ….

Sprachkenntnisse sagen oft vieles über das Leben der Menschen aus. Ein junger Mann zum Beispiel, der als Nationalität  Afghane angibt und als Muttersprache Farsi gehört wohl der Minderheit der Hazara an und ist im Exil im Iran aufgewachsen. Über das Leben von jemandem, der arabisch als Muttersprache angibt und als Heimatland „Palestina“ kann man auch viel spekulieren. Viele solche harte aber von außen betrachtet sehr interessante Lebensläufe haben unsere Abendschüler.

Ja, die interkulturellen Konflikte sind oft sehr schwierig zu managen und bringen uns an unsere Grenzen und darüber hinaus, dennoch empfinde ich meistens die Bereicherung stärker als die Probleme. Nicht immer, natürlich. Wenn eine Klasse nicht auf Sportwoche fahren kann, weil es dazu der Teilnahme von 70% der Schülerinnen und Schüler bedarf und in einer Klasse mehr als 25% muslimische Mädchen sind, die auf keinen Fall auswärts übernachten dürfen und Sport betreiben ohnehin nur in ganz geringem Ausmass, dann sehe ich in der Situation auch keine positiven Aspekte. Wenn dann andererseits der Vater eines solchen Mädchens in die Schule kommt und es ganz klar wird, dass er seine Tochter liebt und nur das aus seiner Sicht Beste für sie will, was soll man da sagen ….

Wenn zwei junge Erwachsene, ein Afghane und ein Tschetschene sich gegenseitig halbtot geschlagen haben, weil irgendjemandes Schwester irgendwas gesagt, getan oder nicht getan hat. Wenn die Brüder von Schülerinnen vor der Schule lauern um ihre Schwestern nachhause zu eskortieren oder auch auszuspionieren, dann bin ich wieder einmal am Rande meiner Toleranz angelangt. Aber dieselben Menschen, die ich immer wieder als untragbar und hoffnungslos empfinde, können sich dann manchmal wieder so verhalten, dass man sie richtig lieb haben könnte. Es ist ein ewiges Hin und Her, ein ständiges Erproben der eigenen Überzeugungen, ein immer wieder Überdenken und Revidieren und Neudenken.

Sich dem anderen Denken und Fühlen auszusetzen, lohnt letztlich und sei es nur wegen der eigenen Flexibilität des Denkens. Darüber, ob es gut oder schlecht ist, Kompromisse zu finden und zu leben, muss man nicht diskutieren. Ob gut oder schlecht, es ist unerlässlich, außer man möchte in Wolkenkuckucksheimen leben, sich vor jedem Schatten fürchten und stupide Parolen plärren, die nichts und niemanden voranbringen. Standpunkte, die sich nicht nüchtern und in ganzen Sätzen vertreten lassen, sind am Ende nicht allzuviel wert.


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34. Station der Leseweltreise – Malediven

Sehr lange habe ich für dieses Buch gebraucht, immer wieder kam anderes dazwischen.

Es handelt sich um ein Reisebuch, in dem es um die halbe Welt geht und so suche ich mir ein Land daraus aus zu dem es wahrscheinlich schwierig ist, Lesestoff zu finden: die Malediven.

Erich Follath

„Jenseits aller Grenzen“

Auf den Spuren des großen Abenteurers Ibn Battuta durch die Welt des Islam 

Penguin: 2017

Ibn Battuta war ein Abenteurer, ein Reisender aus dem 14. Jahrhundert, der wesentlich weiter gereist ist und mehr gesehen hat als der in Europa viel bekanntere Marco Polo.

Ibn Battuta stammt aus einer in Tanger ansässigen Berberfamilie. Er studiert islamisches Recht und bricht 1325 mit 21 Jahren zu einer Pilgerfahrt nach Mekka und Medina auf. Erst 25 Jahre später kehrt er in seine Heimatstadt zurück. Drei Jahre nach seiner Rückkehr bricht er noch einmal zu einer großen Reise bis nach Timbuktu auf.

Während seines bewegten Lebens beschäftigt er sich mit allen möglichen Professionen: Richter, Diplomat, Gelehrter, Makler und Kaufmann. Was sein Privatleben betrifft, so würde ich ihn nicht unbedingt als Sympathieträger bezeichnen. Er heiratete über ein halbes Dutzend Frauen und hatte zahllose Konkubinen und Sklavinnen, zeugte über 15 Kinder und verließ alle diese Frauen und Kinder wieder ohne Skrupel und Sentimentalitäten. Er liebte Macht und Geld, war aber auch ein Mensch mit großer Liebe zur Spiritualität.

Nach der Rückkehr von seiner Rreise nach Timbuktu regt der einflußreichste Mann Marrokos, der Sultan von Fez, Abu Inan Faris an, Ibn Battuta möge doch einen Bericht über seine ausgedehnten Reisen schreiben. Dazu stellt er ihm eine Art Ghostwriter zur Seite, einen jungen andalusischen Schriftsteller.

„Dieser Ibn Juzayy erweist sich als ein Segen und ein klein wenig auch als ein Fluch für das gemeinsame Werk. Als Dichter hochbegabt. gelingt es ihm, die sprudelnden Erinnerungen seines Gegenübers in eine ansprechende, ja literarische Form zu gießen. Aber Ibn Juzayys primäres Interesse gilt nicht einem genauen zeitlichen Ablauf der Ereignisse, und Ibn Battuta, der offensichtlich kein Tagebuch geführt hat, gerät gelegentlich bei seinen Erzählungen so aus dem Takt- und aus der Zeit-, dass jeder neuzeitliche Wissenschaftler oder Nachreisende vor einigen Passagen kopfschüttelnd konstatiert und kapituliert: Ganz so kann es nicht gewesen sein.

(…)

Trotz dieser kleinen Abstriche: dem Autorenpaar gelingt inhaltlich wie sprachlich, ein großer Wurf. Im Frühjahr 1355 vollenden sie das Werk“ p. 21

In diesem Buch beschreibt Erich Follath, Politikwissenschaftler und bekannter Sachbuchautor, der als diplomatischer Korrespondent für den SPIEGEL vor allem im Nahen Osten, Indien und Ostasien tätig war, eine Reise auf den Spuren Ibn Battutas. Follath erzählt von Ibn Battutas Reisen und Leben im 14. Jahrhundert und von seinen eigenen Eindrücken und Erfahrungen in den bereisten Ländern.

Zwischen Mittelalter und 21. Jahrhundert reisen die Leser*innen an folgende Orte:

Tanger, Ibn Battutas Geburtsstadt

Kairo 

Damaskus

Mekka, wohin er mehrere Male reiste, wohin ihm Erich Follath nicht folgen konnte; und sollte er es doch getan haben, kann er nicht in einem Buch darüber erzählen

Shiraz

Dubai, worüber hauptsächlich Follath berichtet, da zu Zeiten Ibn Battutas dort nicht viel mehr als Sand zu finden war

Istanbul

Samarkand

Delhi

Male, die Hauptstadt der Malediven

Jakarta

Hangzhou

Granada

An manchen Stationen fand ich die Berichte Ibn Battutas interessanter, an anderen die Berichte aus der Jetztzeit und immer die Verbindungen über 700 Jahre hinweg.

Ein außerordentlich interessantes Buch, das man allerdings nicht schnell einmal an einem Nachmittag liest.


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Mohammed und die Hochhäuser

Sogar Aussprüche des Propheten Mohammed lassen sich als Kritik an Saudi-Arabien auslegen. Ein großartiges Zitat!

„Mohammed war wohl schon weiter fortgeschritten in seinem Denken als die heutigen Hüter der heiligsten Stätten des Islam. So ist es in einem seiner Hadithe überliefert. Der Erzengel Gabriel fragte den Propheten: Wie lässt sich denn erkennen, wann das Ende der Welt naht, wann der Jüngste Tag anbricht ? Und der antwortete nach der Überlieferung „Dann wenn verwirrte Kamelhirten miteinander wetteifern, die höchsten Gebäude zu erbauen“ Erich Follath „Jenseits aller Grenzen“ p.168

Was mich an dem Zitat überrascht hat, ist, dass ein Erzengel Rat bei Mohammed sucht. Aber ich verstehe ja auch nichts von religiösen Hierarchien im Islam.


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Damaskus – 14.Jahrhundert

Ich bin immer noch unterwegs mit dem Buch über die islamische Welt des 14. Jahrhunderts. Derzeit befinden wir uns in Damaskus:

„Er beschreibt das südliche „Tor des Fortschritts“ von dem aus eine Passage zu den Läden der Händler führt. Auf der linken Seite des Durchgangs verkaufen manche Geschäftsleute Secondhand-Kleidung, berichtet Ibn Battuta – und entlarvt so die Legende, dieses Geschäftsmodell sei eine geniale Erfindung der Neuzeit. Auf der rechten Seite preisen die Kupferschmiede ihre Waren an, es folgen die Basare für Juweliere und Buchhändler. Und dann kommen die Notare, vor deren Fenster immer ein halbes Dutzend Zeugen bereitsteht, wenn ein Paar seine Eheschließung besiegeln will. Bei dem Richtung Osten gelegenen „Tor der Stunden“ fallen dem Reisenden besonders die überdachten Gänge mit zwölf Türen auf; elf sind gelb angestrichen, eine ist an der Innenseite grün bemalt. Mit ihr wird die jeweilige Stunde angezeigt, ein Fulltime Job für die „Uhrmacher“, die sich in den jeweiligen Räumen aufhalten und, wann immer sie vom Gefühl her an der Reihe sind, die Farbe wechseln. Das Grüne nach außen kehren.“

Jenseits aller Grenzen – p. 111″

Leider ist mir nicht restlos klar, wie die Sache mit der Zeitmessung funktioniert. Sollte sich da jemand auskennen, bitte ich um Erklärung.


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Als die islamische Welt an der Spitze des Fortschritts stand

Ich habe ja mein 6-Bett-Zimmer-Krankenhaus-Erlebnis noch nicht restlos verdaut und was lese ich da über das mittelalterliche Kairo im  vierzehnten Jahrhundert.

„Nach Recherchen des britischen Wissenschaftlers *) existierten schon Anfang des vierzehnten Jahrhunderts im Maristan-Krankenhaus (Kairo) sorgfältig sterilisierte Operationsräume mit den modernsten chirurgischen Geräten, für die Patienten abgetrennte Einzel- und Doppelzimmer und angeschlossene Bäder. Man konnte sich zur Linderung der Schmerzen und Entspannung einen Koran-Vorleser bestellen oder auch eine weltliche Musiktruppe oder die hospitalseigene Bibliothek aufsuchen. Reiche wie Arme wurden tatsächlich gleich behandelt – Errungenschaften einer Zivilisation, von denen man außerhalb der arabischen Welt nur träumen konnte. “

*) Stanley Lane-Pool, Autor einer umfassenden Stadtgeschichte über Kairo

Erich Follath „Jenseits aller Grenzen“ Verlag Penguin 2016 p. 78

Übrigend ein sehr interessantes Buch, von dem es hier noch mehr zu hören geben wird.


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31.Station der Buchweltreise – Saudi Arabien

Rana Ahmad

„Frauen dürfen hier nicht träumen“

btb;  ISBN: 978-3-442-75748-0

Zugegeben es hätte zum Thema Saudi Arabien auch eine andere Art von Lektüre gegeben, aber fürs Krankenhaus war das Buch goldrichtig. Die Erzählerin berichtet zunächst von ihrer Kindheit und Jugend als Syrerin in Saudi-Arabien und von den Sommerferien in Syrien bei der Familie.

Es ist eine für eine europäische Frau beängstigende Welt aber dennoch etwas schwer vorstellbar, dass abgesehen von der ohnehin frauenfeindlichen Gesellschaftsordnung auch noch in der Familie der Autorin eine so große Anzahl an Männern zu finden sind, die sie entweder einschränken oder sexuell belästigen. Angefangen vom Großvater, der ihr mit 10 Jahren ihr Fahrrad wegnimmt und es einem Cousin schenkt, weil Mädchen nicht Rad fahren sollen bis zum Schwiegervater eines ihrer Geschwister, der sie belästigt.

Über internet beginnt sie eine Vorstellung davon zu bekommen, dass es auch ein anderes Leben für Frauen gibt und dass keineswegs alle Menschen an einen Gott glauben. Unter Bedingungen, die aus meiner Sicht wiederum absolut menschenverachtend sind, arbeitet sie an einer Rezeption und dann in einem Krankenhaus. Nachdem ein Verwandter sieht, wie sie mit einem Arbeitskollegen spricht, wird sie von ihren Eltern zuhause eingesperrt und darf das Haus nicht mehr verlassen.

Wiederum über internet lernt sie einen jungen Ex-Muslimen kennen, der ihr finanziell bei der Flucht hilft. Im Grunde kann sie das Land ziemlich leicht verlassen, weil sie einen syrischen Pass hat und Syrerinnen sich ganz im Gegensatz zu saudi-arabischen Frauen ohne männliche Begleitung im öffentlichen Raum aufhalten dürfen. Sie fliegt in die Türkei und von dort aus beginnt ihr Weg nach Deutschland über Griechenland und das Mittelmeer.

Es ist ein Buch aus dem man das eine oder andere interessante Detail über das Leben in Saudi-Arabien und über die Pilgerfahrt nach Mekka erfährt. Es ist einfach geschrieben, ich habe es an einem Krankenhaustag fertig gelesen. Ein bissl irritiert hat mich, dass die Berichte der Autorin über ihre Anfänge in Deutschland klingen wie aus dem Handbuch der perfekten Integration, aber vielleicht hat sie ihren Neubeginn tatsächlich so erlebt.