la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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31.Station der Buchweltreise – Saudi Arabien

Rana Ahmad

„Frauen dürfen hier nicht träumen“

btb;  ISBN: 978-3-442-75748-0

Zugegeben es hätte zum Thema Saudi Arabien auch eine andere Art von Lektüre gegeben, aber fürs Krankenhaus war das Buch goldrichtig. Die Erzählerin berichtet zunächst von ihrer Kindheit und Jugend als Syrerin in Saudi-Arabien und von den Sommerferien in Syrien bei der Familie.

Es ist eine für eine europäische Frau beängstigende Welt aber dennoch etwas schwer vorstellbar, dass abgesehen von der ohnehin frauenfeindlichen Gesellschaftsordnung auch noch in der Familie der Autorin eine so große Anzahl an Männern zu finden sind, die sie entweder einschränken oder sexuell belästigen. Angefangen vom Großvater, der ihr mit 10 Jahren ihr Fahrrad wegnimmt und es einem Cousin schenkt, weil Mädchen nicht Rad fahren sollen bis zum Schwiegervater eines ihrer Geschwister, der sie belästigt.

Über internet beginnt sie eine Vorstellung davon zu bekommen, dass es auch ein anderes Leben für Frauen gibt und dass keineswegs alle Menschen an einen Gott glauben. Unter Bedingungen, die aus meiner Sicht wiederum absolut menschenverachtend sind, arbeitet sie an einer Rezeption und dann in einem Krankenhaus. Nachdem ein Verwandter sieht, wie sie mit einem Arbeitskollegen spricht, wird sie von ihren Eltern zuhause eingesperrt und darf das Haus nicht mehr verlassen.

Wiederum über internet lernt sie einen jungen Ex-Muslimen kennen, der ihr finanziell bei der Flucht hilft. Im Grunde kann sie das Land ziemlich leicht verlassen, weil sie einen syrischen Pass hat und Syrerinnen sich ganz im Gegensatz zu saudi-arabischen Frauen ohne männliche Begleitung im öffentlichen Raum aufhalten dürfen. Sie fliegt in die Türkei und von dort aus beginnt ihr Weg nach Deutschland über Griechenland und das Mittelmeer.

Es ist ein Buch aus dem man das eine oder andere interessante Detail über das Leben in Saudi-Arabien und über die Pilgerfahrt nach Mekka erfährt. Es ist einfach geschrieben, ich habe es an einem Krankenhaustag fertig gelesen. Ein bissl irritiert hat mich, dass die Berichte der Autorin über ihre Anfänge in Deutschland klingen wie aus dem Handbuch der perfekten Integration, aber vielleicht hat sie ihren Neubeginn tatsächlich so erlebt.

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15. Station der Literaturweltreise – Afghanistan

Es liest sich gut auf Yvonnes Spuren ! Ich habe nicht das von ihr rezensierte Buch gelesen sondern das andere, das sie viel besser fand:

Khaled Hosseini ist ein großer Geschichtenerzähler; es ist mir richtig schwer gefallen, Lesepausen zu machen. Die Geschichte ist erschütternd, aber sie hat zumindest für einige der Figuren so was Ähnliches wie ein happy-end; wenn auch der Begriff „happy end“ gar nicht passend ist. Würde das Buch nicht in Afganistan spielen, würde ich sagen, dass soviel Unglück in einem Leben in einem Roman etwas dick aufgetragen ist, aber diese Geschichte kommt mir absolut möglich vor

Erzählt wird das Leben von zwei afghanischen Frauen aus völlig anderen Milieus kommend, mit völlig anderer Geschichte und anderen Charakteren, die denselben Mann heiraten. Keine von beiden tut dies wirklich freiwillig. Der Zwang der Eltern, der Zwang der Gesellschaft, der Zwang der Lebensumstände. Man erfährt vieles vom Leben in Afganistan, von der großen Geschichte und von vielen kleinen.

Wie in allen diesen und ähnlichen Geschichten frage ich mich, wie es geschieht, dass Menschen derartig verrohen können. Auch wenn die gesellschaftlichen Normen es erlauben oder gar fördern, wundert es mich trotzdem. Schließlich wachsen die meisten Männer auch in Afganistan mit Müttern, Großmüttern, Schwestern und Cousinen auf. In diesem Roman ist das Verhältnis zwischen positiven und negativen Männergestalten allerdings ziemlich ausgeglichen.

Die Buchvorstellung bleibt kurz, weil ich noch dringend anderes lesen möchte …..


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Fastenbrechen

Ich habe zwar nicht gefastet, war aber trotzdem sehr hungrig. Und siehe da, es gab heute in der Schule ein vom islamischen Religionslehrer organisiertes Fastenbrechen-Fest. Eigentlich gehe ich da ja nie hin…. Das Buffet war riesig, Vegetarisches, Fleischiges, Nachspeisen, mediterrane Hausmannskost gewissermaßen, alles hausgemacht aber in industriellen Mengen. Ich habe mich bei meiner Kollegin bedankt, die mich mehr oder weniger verführt hat. Sie meinte allein schon für die türkische Variante von gefüllten Weinblättern, die ihr eine Schülerin versprochen hatte, würde es sich lohnen das Fest zu besuchen.

Also das Essen war hervorragend, der Gebetsruf, den der Religionslehrer gesungen hat, hat sehr stimmungsvoll geklungen, die Tatsache, dass alle anwesenden Männer, bis auf den Lehrer, in einer Ecke des Raums saßen, hat meine Vorstellung von islamischen Feiern bestätigt.

Insgesamt ein gelungener Abend.


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Freude an Fesseln

Ein interessantes Gespräch mit drei Kopftuchmädchen. Ihre Eltern hätten ihnen freigestellt, ob sie Kopftuch tragen wollten oder nicht, sie hätten sich beim Wechseln in die neue Schule selbst dafür entschieden.

Dann sagte eine von ihnen, sie hätte drei Schwestern, aber keinen Bruder. Gerne hätte sie einen großen Bruder, der ihr die Grenzen aufzeigen würde (O-Ton). Warum das ? Weil ihr Vater viel zu weich wäre und immer alles erlauben würde.


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9. Station der Leseweltreise – Iran

Es handelt sich um die Autobiografie von Shirin Ebadi, geboren 1947,  die als ganz junge Frau Richterin an einem Teheraner Gericht wurde, später vom Khomeini-Regime zur Schreibkraft in selben Gericht degradiert wurde und erst ab 1992 als Anwältin praktizieren durfte. Sie verteidigte – trotz persönlicher Gefährdung – Regimekritiker, misshandelte und diskriminierte Frauen und Kinder. 1994 gründete sie einen Kinderschutzbund. 2003 bekam sie den Friedensnobelpreis.

Shirin Ebadi ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.

Ich habe diese Autobiografie einer ungemein mutigen Frau mit großem Interesse gelesen. Zwei Aspekte haben mich besonders interessiert.

Shirin Ebadi führt ihren Mut darauf zurück, dass sie das große Glück hatte in einer Familie aufzuwachsen, in der die Töchter genauso geschätzt und gefördert wurden wie die Söhne. Dies war absolut keine Selbstverständlichkeit und sie wusste diese frühe Prägung sehr zu schätzen als sie bemerkte wie viele iranische Frauen das Gefühl der Minderwertigkeit, das sie schon als kleine Mädchen vermittelt bekommen hatten nicht abschütteln konnten.

Shirin Ebadi hatte aus Abneigung gegen das korrupte Shah-Regime anfangs die Khomeini-Revolution unterstützt. Sehr bald wurde ihr klar, dass sich die Situation des Landes, vor allem die Situation der Frauen keineswegs verbessert hatte. Mit größtem persönlichen Mut und Einsatz führte sie ihren Kampf für Menschenrechte, trotz Schikanen jeder Art, trotz Gefängnisaufenthalten und Morddrohungen verstummte sie nicht. Besonders bemerkenswert fand ich, dass sie nie den Islam in Frage stellte, sondern die Meinung vertrat, dass alles, was sie forderte innerhalb des schiitischen Islam möglich wäre. Sie legte sich mit hochrangigen Geistlichen an, die ihre Standpunkte offenbar aus religiöser Sicht nicht widerlegen konnten. Trotzdem konnte sie sich gegen das Regime und jeden einzelnen Mullah nicht durchsetzen.

„Im Islam gibt es eine als ijtihad bekannte Tradition der rationalen Auslegung, die seit Jahrhunderten von Juristen und Geistlichen gepflegt wird, um die Bedeutung der Lehren des Korans sowie deren Anwendung auf moderne Vorstellungen und Situationen zu diskutieren. Im sunnitischen Islam, der den ijtihad ablehnt, wird dieser seit Jahrhunderten nicht mehr praktiziert, doch im schiitischen Islam sind der Prozess und der Geist des ijtihad lebendig. Ijtihad ist ein wesentliches Element des islamischen Rechts, weil es sich bei der Scharia  eher um eine Sammlung von Grundsätzen als um kodifizierte Normen handelt. Gelangt man durch den Prozess des ijtihad zu einer Entscheidung oder bestimmten Meinung, so bedeutet dies, dass ein Jurist eine bestimmte Frage (ob zum Beispiel eine Frau im 20.Jahrhundert wegen Ehebruchs gesteinigt werden sollte) durch die Anwendung von Vernunft und durch Deduktion bewertet und die mit dieser Frage zusammenhängenden Interessen nach Prioritäten ordnet“ p.260

Ich persönlich finde es ja schlimm genug, dass eine Steinigung überhaupt zur Debatte steht. Aber für jemanden der/die in einem System lebt, in dem Hinrichtungen jeder Art, das Abschlagen von Händen und die Verherrlichung des „Märtyrertodes“ normale Praxis sind, wäre  wohl die Anwendung des ijtihad ein deutlicher Fortschritt in Richtung Menschenrechte. Shirin Ebadi gibt uns auch ein Beispiel dafür:

„Während der ersten Jahre nach der Revolution entschied Ayatollah Khomeini trotz der strengen Einstellung der führenden Geistlichen, dass die nationalen Medien Musik senden durften. Er kam zu dem Schluss, dass die jungen Leute sonst vom westlichen Radio geködert würden und dies letztendlich schädlicher für die islamische Republik wäre. Durch den Prozess des ijtihad also gelangte er zu der Einsicht, dass eine Praxis aus dem siebten Jahrhundert für die Gegenwart ungeeignet sei“ p.260

Man könnte natürlich auch vermuten, dass Khomeini im Interesse des Machterhalts durchaus zu pragmatischen Entscheidungen kommen konnte. Derselbe Khomeini, der Tausende junge Iraner mit ihren Todeshemden im Gepäck dorthin schickte wo die Iraker Minenfelder gelegt hatten. Die jungen Männer wurden über diese Felder geschickt um mit ihrem Leben die Minen zu entschärfen, sodass die nachfolgende reguläre iranische Armee geringere Verluste hatte. Natürlich kamen sie als Märtyrer direkt ins Paradies.

2009 schließlich tat Shirin Ebadi, was sie nie tun wollte, sie ging ins Exil nach London.

Ein sehr aufschlussreiches Buch, dass allerdings für Menschen wie mich, die mit den Ereignissen in der islamischen Republik Iran nicht im Detail vertraut sind gewisse Längen aufweist, wenn es um die Schilderung von Verbrechen und Prozessen geht. Aber das kann man dem Buch nicht vorwerfen.


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Die Arabesken des IS

Die Sprache des Terrors

Spannendes Thema, neuer, spannender Ansatz. Philippe-Joseph Salazar wurde in Casablanca geboren und verbrachte dort auch seine Kindheit. Man kann wohl sagen, dass er in der arabischen Welt zuhause ist. Obendrein ist er ein Schüler von Roland Barthes, einem bekannten Linguisten und Semiotiker. Betrachtet  man diese beiden biographischen Daten, so erstaunt der linguistische Ansatz zum Verstehen des IS nicht.

Salazar beschäftigt sich hauptsächlich mit der Rhetorik des IS. Dazu geht er zunächst zurück zur französischen Revolution:

Wer wäre heute noch bereit, derartige Sätze überzeugend auszusprechen oder gar in die Tat umzusetzen: Saint Justs „Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit“ Robespierres „Wer den Himmel anruft, will die Erde an sich reißen“ oder Marats“Die Freiheit muss mit Gewalt errungen werden“ Heute will das niemand mehr. Nur noch das Kalifat. (p14)

Er beschreibt die blumigen Arabesken des politischen Diskurses des IS

Gegen diesen Stil sind wir machtlos: Unsere politische Sprache ist vergleichsweise steril, rhetorisch banal und ohne jede Poesie. (p17)

Äußerst erhellend ist auch der Vergleich zwischen westlicher und islamischer Rechtstradition. Wo die westliche Rechtssprechung auf Rechtsnormen beruht (diese und jene Handlungen sind aufgrund von diesen und jenen Gesetzen verboten), arbeitet die islamische Rechtssprechung mit Analogien, die auf Interpretationen des Korans oder der Prophetengeschichten beruhen.

Weiters beschäftigt sich Salazar mit der Person des Kalifen, mit der Art wie er an die Macht kommen kann und mit dem Blick des Kalifats auf „sein“ Territorium

Das Recht auf Besitz und Eroberung, welches das Kalifat für sich in Anspruch nimmt, ist nicht extraterritorial, vielmehr ist es eine Wiedereroberung also eine Bestätigung, dass ihm jegliches Territorium bereits gehört. (p. 41)

Das territoriale Argument des Terrors lautet also wie folgt: weil Frankreich bereits dem Kalifat gehört, zur Zeit aber von den Ungläubigen besetzt gehalten wird, muss man diese Ungläubigen terrorisieren (p 42)

Auf der grundlegenden Unterscheidung zwischen „langue“ (Sprache) und „parole“(Rede) baut Salazar seine Betrachtungen der Propaganda auf, mit der der IS Jugendliche potentielle Dschihadisten überzieht. Er analysiert eine Reihe von IS-Videos sowie Videos der Gegenpropaganda des Westens.

„Um es anders zu sagen: In der E-Technik Internet verlegt sich das Kalifat auf Qualität, wir hingegen legen Wert auf Quantität. Das Kalifat setzt auf Heroismus, wir setzen auf Prävention. Es setzt auf das Ideal, wir setzen auf den Durchschnitt. Es setzt auf Transzendenz, wir setzen auf die Mittelschicht“ (p. 76)

Äußerst interessant finde ich auch die Gegenüberstellung des Dialogs (ein großer Wert im Westen) und des Appells, einer im Kalifat geschätzten Art der Rhetorik (p 84 ff)

Über die Ausführungen Salazars zum Feminismus im Kalifat konnte ich mich nur wundern, ebenso wie über seine ausführlichen Beschreibungen der Attribute der Männlichkeit der Krieger des Kalifats.

„Das Kalifat macht den Krieg wieder zu einer Sache der Männlichkeit“ (p117)

Ein weiterer Aspekt, den Salazar aufzeigt, ist der Unterschied zwischen der ideologischen Richtung des Islam des Kalifats und jener des Iran, eines Landes mit einer indo-europäischen Kultur, die die schiitische Version des Islam praktiziert

„Schauen wir uns den iranischen Islam an: Hat man jemals gesehen, wie ein Soldat der islamischen iranischen Revolution eine moralische Ansprache hielt und einem Opfer die Kehle durchschnitt, trotz aller Kriege und Schlachten, die seit der Entthronung des Schahs und der Erneuerung der schiitischen Herrschaft stattgefunden haben ? Nein, denn das ist nicht seine Aufgabe.“ (p 124)

„Im Iran, einer indoeuropäischen Kultur regiert der Klerus, schützen die Revolutionsgarden und arbeiten die Menschen, das ist das von Platon in der Republik beschriebene trifunktionale Modell (p.125) In der anthropologischen Sphäre, der die semitische und die arabisch-muslimische Welt, mit Ausnahme des Irans, entstammen, gibt es jedoch keine derartige funktionale Teilung. Ein arabisch-islamischer Soldat kann als Opferpriester handeln und seine Handlung während einer Liturgie des Menschenopfers auch als solche bezeichnen“ (p125)

Auch mit der Psychologie der ins Kalifat einwandernden jungen Menschen beschäftigt sich Salazar:

„Plötzlich – oder endlich- entdeckt man, dass Dschihadisten nicht zwingend dumm, minderbegabt, marginalisiert, gescheitert und ausgegrenzt sind, sondern in nicht wenigen Fällen Diplome vorweisen können, Söhne aus gutem Hause oder folgsame und fleißige Mädchen sind, die ihre Entscheidung häufig wortgewandt auszudrücken und zu beschreiben in der Lage sind (p. 142)

Salazar thematisiert noch die westliche und die dschihadistische Diskursgemeinschaft und erläutert seine Ansicht, wie der Krieg gegen den IS in einen bewaffneten Frieden umgewandelt werden könnte.

Keine einfache Lektüre, aber insgesamt ein hochinteressantes Buch mit ausführlicher, weiterführender Bibliographie zum Thema. Nicht besonders gut ist die Übersetzung. An vielen Stellen fand ich die Terminologie nicht so gut gewählt bzw verstand ich sie nur durch „Rückübersetzung“ ins Französische.

Philippe-Joseph Salazar

„Die Sprache des Terrors“

Pantheon Verlag: 2016

ISBN: 978 – 3-570- 55343 – 5

Vielen Dank an den Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars