la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Immer wieder Adamsberg

Lange habe ich gewartet auf eine neue Vargas. Fred Vargas ist nicht eine, die ihre Bücher im Akkord schreibt, eines pro Jahr oder noch mehr. Ich habe es auch nur zufällig in der Buchhandlung gesehen und konnte unmöglich darauf warten, dass es im Taschenbuch erscheint. Und gut war´s, denn es hat mir ausnehmend gut gefallen.

Frédérique Vargas ist neben Ruth Rendell und Batya Gur meine liebste Krimiautorin. Die drei Autorinnen haben gemeinsam, dass  in ihren Büchern die Krimihandlung im Grunde nur ein Vorwand für Milieuschilderungen oder Psychogramme ist.

Bei Fred Vargas gibt es den ungemein skurrilen Kommissar Adamsberg und seine ihm an Skurrilität in nichts nachstehende Truppe. Jede einzelne dieser Figuren wird, man könnte sagen in liebevoller Schonungslosigkeit beschrieben. Viele von ihnen könnten sich aufgrund ihrer diversen psychischen und sonstigen Probleme kaum in ein „normales „Leben eingliedern, aber Adamsberg führt seine Truppe auf seine Art mit klarem Blick im Nebel und holt aus allen ihre Qualitäten heraus. Mir kommen Vargas Bücher immer vor, wie ein Plädoyer für die Buntheit und Vielfalt menschlicher Gesellschaften.

Natürlich ist dieser Krimi auch spannend, es geht um eine bestimmte Spinnenart und ihr Gift, es geht auch um Kindheitserinnerungen und eine Einsiedlerin. In verschiedenste Richtungen mäandert die Geschichte wieder einmal, hat mehrere sehr überraschende Wendungen und eine ungewöhnliche Auflösung. Natürlich, was wäre an Fred Vargas nicht ungewöhnlich. Es tritt auch eine Figur auf, die eigentlich in eine andere Reihe gehört: ein Archäologe. Vargas selbst ist ja ausgebildete Archäologin und lässt ihre beiden Krimiuniversen, jenes um Adamsberg und das andere einander immer wieder gerne überlappen.

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Wenn die Fische mit dem Schwanz wedeln ….

… und die Katzen sich die Flossen lecken, dann ist die sprachliche Welt aus den Fugen geraten, aber soweit ganz vergnüglich. Dann quieken die Holzzäune und die Schweinchen knarren in den Angeln.

In Loch Ness entstand spontan eine neue, plastikfressende Alge. Seither treffen sich Biologen und Limonadenhersteller in Schottland und besprechen eine eventuelle gemeinsame Zukunft. Auch der zukunfts- und friedensschändende Donald rumort und zwitschert dort auf seinem Golfplatz. Nur Nessy wird heimatlos.

Die Heringe in den Gläsern tanzen Samba und die eine oder andere Sambaschule  übt den preußischen Stechschritt für den nächsten Karnevalsumzug.

All dies bringt die welttragende Schildkröte so stark ins Wanken, dass sie sich an Atlas um Unterstützung wenden muss, was ihr gar nicht recht ist, weil es ihre Überzeugung der Überlegenheit der altchinesischen Weltsicht über die Altgriechische beschädigt. Aber bevor die Erde ins Nichts fällt ….


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Litauen literarisch – Zitate 3

Das Buch wird zunehmend skurriler und auch politischer. Es gibt eine Art  geheime Weltherrschaft, genannt „die Zentrale“ deren zahlreiche Agenten die Menschen beeinflussen und manipulieren. Einer dieser Agenten erzählt von seinem Arbeitstag:

„Der Tag war wie immer anstrengend, voller zu erledigender Arbeiten. Er rief die zuständige Person an und bat darum, dass der Parapsychologen-Messe im Sportpalast der größtmögliche Rabatt gewährt würde. (…) Sollten die Parapsychos ihre Nichtigkeiten vortragen, stapelweise Bücher über Karmadiagnostik kaufen, mit magischen Kristallen die Zukunft vorhersagen, mit Wünschelruten wedeln und Auren fotografieren. Sollte der frei Wille sich selbst auf den Geist gehen, sich an der Nase herumführen, sich Sand in die Augen streuen und sich in bedrucktes Scheißepapier wickeln. Je mehr für dumm Verkaufte es im Staate gab, desto besser! Jedem Verbraucher sein eigener Weissager! Jedem Politiker sein eigenes Orakel !

Auf der Messe sollten zu diesem Zweck die von der Zentrale hergestellten Orakulatoren verbreitet werden, spezielle Apparate, die den ahnungslosen Anwender glauben ließen, er stünde in direktem Kontakt mit Gott und könne sogar mit ihm plaudern. Die wunderbaren Apparätchen waren in Armbanduhren eingebaut, natürlich nicht in irgendwelche, sondern in solche mit besonderen Zeichnungen auf dem Ziffernblatt: Yin und Yang-Diagrammen, sechszackigen Sternen sowie Buddha und Christus. (…)

Die Zentrale betonte immer wieder, wie wichtig die Flut von Magiern und Mystikern für Litauen sei.(…) Keiner seiner Mitbürger setzte am Morgen auch nur einen Fuß vor die Tür, ohne nachgelesen zu haben, was ihm das Horoskop für heute verkündete, das selbst im allerletzten Käseblatt abgedruckt war (…) Raus mit den klaren Köpfen aus dem Rad der Geschichte, dann dreht sich das Rad leichter. Das Leben hatte an der Oberfläche dahinzugleiten. Weg mit der Tiefe ! p. 116

Zu meinen Lieblingsbüchern in diesem Genre der politischen Utopie gehören die beiden Klassiker „Schöne Neue Welt“ und „1984“ . Sie werden in diesem Buch als wegweisend für die Ideologie der neuen Weltherrscher beschrieben:

„Zur möglichen baldigen Einführung standen auch die von Aldous Huxlex beschriebenen Soma-Tabletten an, die einem jederzeit gute Laune garantierten, Zweifelm, stress, Müdigkeit und Enttäuschung beseitigten und – was am Wichtigsten war – unnötige, ketzerische Gedanken verschwinden ließen, die GEMEINSCHAFTLICHKEIT, EINHEITLICHKEIT, BESTÄNDIGKEIT schaden konnten.In gewissem Sinne wurde die Mission von soma in vielen führenden Staaten schon von Prozac erfüllt.“ p194

 


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Litauen literarisch – Zitate 1

Ich habe beschlossen, meine Lektüren durch herausschreiben von Zitaten ein bissl zu begleiten.

JURGA IVANAUSKAITÉ

„Julija dachte immer noch in Worten und Begriffen, deshalb bemühte sie sich alles noch Unerfahrene und Unbenannte, zumindest für sich selbst, möglichst klar zu definieren. (…) Beim Schreiben hatte sie übrigens gespürt, dass die Worte – besonders die einst sinnreichsten – Gott, Liebe, Hoffnung, Glaube -, sich abnutzten wie zu lange in Umlauf befindliche Münzen, zerknitterten wie alte Banknoten. Alles hat einen Anfang und ein Ende folglich haben auch Begriffe ein Haltbarkeitsdatum.“ p82

„In ihrer Pubertät beschäftigten Julija die erfundenen und hoffnungslos unerreichbaren Geliebten um einiges mehr als die gleich nebenan herumlungernden Subjekte männlichen Geschlechts, die gleichaltrigen Jungen voller Pickel und Komplexe.Wenn einer Julija ins Kino, zum Tanzen, zu einem Date einladen, sie necken oder zum ersten Kuss oder dem Verlust der Unschuld verführen wollte, dann ersann sie Ausreden – sie versicherte, dass ihr Herz schon vergeben sei und sie ihren Geliebten auf keinen Fall verraten könne.

Das wurde zur unverbesserlichen, lebenslangen Gewohnheit. Jedem wirklichen Mann mit leidenschaftlichen Absichten  stellte Julija sofort ein nicht existierendes, aus ihrem Leben verschwundenes oder unerreichbares Individuum gegenüber. Dem neuen Partner erklärte sie mit masochistischer Sturheit immer wieder, dass sie einen anderen nicht vergessen könne – den es wirklich gab oder der erdacht war“ p.89

Julija ist übrigens eine kürzlich verstorbene Wahrsagerin aus Vilnius, die beste Beziehungen zu der neureichen litauischen Elite pflegte.