la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Sonntag 9.6. – Kooperation mit Spinnen

Vor mein Küchenfenster hat eine riesige, eine wirklich riesige, schwarze Spinne ein Netz gespannt. Entsprechend der Größe der Spinne ist auch das Netz gewaltig. Nachdem gleich daneben eine Tür ist, mache ich das Fenster praktisch nie auf, kippe es höchstens. Die Spinne durfte also jagen und sie tat das sehr erfolgreich: nach einem Nachmittag hingen jede Menge winzige Insekten im Netz, die aber bald wieder verschwunden waren, nicht weil sie sich hätten befreien können sondern weil sie die Vorräte der Spinne erweitert hatten.  Ich fand, dass ich so ein natürliches Fliegengitter durchaus eine Weile hängen lassen könnte. Nachdem ich ja auch gelegentlich kleine Leckerbissen für die Fleischfressende jage, habe ich doch ein gewisses Verständnis für Spinnen entwickelt. Der Wind war nicht so freundlich gesinnt und hat das Netz ordentlich zerzaust. Jetzt wird man sehen, ob die Spinne noch da ist und Ausbesserungen vornimmt oder ob sie sich ein windstilleres Plätzchen sucht.

Ende Juni ist für mich immer die Zeit der Abschlußfeste. Leider haben diese Feste die Tendenz alle gleichzeitig stattzufinden und anstatt eines genießen zu können, muss ich mehrere gleichzeitig jonglieren und genieße dadurch keines. Schade, aber nicht zu ändern. Mit dem Abendunterricht kollidiert schon einmal die Maturafeier meiner Lieblingsklasse in dieser Woche, da werde ich mir sicher etwas einfallen lassen.

Die Stadt beginnt sich aufzuheizen, diesmal nicht politisch sondern temperaturmäßig. Politisch herrscht derzeit Sommerfrieden, die Übergangsregierung wurde so zusammengestellt, dass offenbar alle zufrieden sind. Man kann den Bundespräsidenten gar nicht  genug loben dafür , wie gut er die Krise in ruhige Fahrwasser geleitet hat. Auch werden trotz gegenteiliger Behauptungen von Kurz viele der Absurditäten, die die FPÖ ins Regierungsprogramm gebracht hatte, entweder nicht durchgeführt oder rückgängig gemacht. Auf diese Art kommt endlich das Rauchverbot in allen Lokalen, das im Rest der Welt schon zur Normalität geworden ist. Und die wirklich widerwärtigen Tafeln mit „Ausreisezentrum“ vor dem Erstaufnahmelager Traiskirchen sind verschwunden. Zwar wurden sie von Aktivisten abmontiert aber unter Duldung der Polizei.


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Freitag 31.5.19

Heute trat der höchst ungewöhnliche Zustand ein, dass der F. nicht arbeitete, ich aber schon. Unangenehmerweise war einer unserer vielen  Maturatage auf diesen Zwickeltag gefallen und so musste ich Prüfungen abhalten und das ziemlich früh. Nach einigen organisatorischen Hürden lief alles gut und ich traf den F. immerhin zum Mittagessen bevor ich mich zu einem Fotonachmittag aufmachte.

Politik ist das allgegenwärtige Thema in den letzten Tagen, überall. Nicht aber in meinem ehemals hochgeschätzten Meditationszentrum, wo das Miksangtreffen stattfand. Wobei, das Zentrum schätze ich immer noch sehr, viele Aktivitäten, die dort stattfinden ebenfalls, die buddhistische Philosophie ohnehin und viele der dort verkehrenden Menschen ganz besonders. Wen ich gar nicht schätze, nie geschätzt habe, ist der Linienhalter dieser Tradition. Ich schätze weder ihn als Person noch die von ihm aufgebaute Organisationsstruktur. Ich versuche schon lange, mit unterschiedlichem Erfolg, zu nehmen, was mir nützlich ist und anderes zu ignorieren. Manchmal empört mich aber manches so sehr, dass ich mich fernhalten muss. Bei anderen Gelegenheiten ziehen mich der Ort, die Lehren und die Menschen stark an, bis mich der Ärger über vieles wieder anfällt. Es könnte eine schwierige Situation zwischen Anziehung und Ablehnung sein. Ist es aber nicht wirklich. Ich kann mich ganz darauf verlassen, dass ich meine Grenzen kenne, bei der Anziehung wie bei der Ablehnung und so verbringe ich zwischen den beiden Polen oft sehr inspirierende Momente.


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Das Schweigen zur Kunst

Ich diskutiere gerne. Über Politik, über gesellschaftliche Themen, über Spiritualität, über die Unsterblichkeit der Maikäfer. Es wird mir nicht langweilig ein Thema von allen Seiten zu betrachten, mit verschiedenen Leuten zu besprechen, mehrmals und immer wieder. Ich kann hart sein im Geben und im Nehmen, mehr oder weniger subtiler Zynismus ist mir ebenso  willkommen wie Geschwurbeltes.

Aber es gibt ein Thema bei dem ich still werde, bei dem ich Diskussionen vermeide und abwürge wenn es nicht anders geht, und das ist Kunst. Im Bereich der Kunst gibt es für mich viel zu schauen, zu hören, zu genießen oder zu hassen, aber wenig zu reden. Ich möchte in Farben hineinfallen, Strukturen mittanzen, beim Betrachten mancher Bilder lachen und bei anderen weinen. Ich möchte orange Liebe, grüne Leichtigkeit, graue Verzweiflung erleben und dann alles wieder wegwischen können und eine weiße Wand betrachten.

Ich habe sehr viel übrig für wohlgesetzte Worte und messerscharf logische Argumentationen, kilometerlange Schachtelsätze sind mir ganz und gar nicht zuwider und ich verwende selbst mit Vergnügen veraltete Wörter und Ausdrücke. Aber über Kunst mag ich weder referieren noch debattieren. Ich möchte meine Begeisterung für ein Bild nicht hinterfragen und nicht erklären. Es ist mir auch eher gleichgültig, was der Künstler/die Künstlerin ausdrücken wollte, mir kommt es hauptsächlich darauf an, welche Emotion oder welche Aussage bei mir ankommt. Wenn mir ein hochgerühmtes, bekanntes Werk eines prominenten Künstlers nichts sagt,  habe ich auch nicht das Bedürfnis mich zu erklären oder gar zu rechtfertigen. Und wenn mich drei Striche auf einer Leinwand zu Tränen rühren, so ist die Stärke meines Mitteilungsbedürfnisses umgekehrt proportional zu meiner Emotion.

Andererseits nehme ich immer wieder an kunstgeschichtlichen Führungen teil, ich lese auch in den zahlreichen Ausstellungskatalogen, die in meinen Bücherregalen stehen. Das fällt für mich aber in den Bereich des Wissens und der Bildung und nicht in jenen der Wahrnehmung. Da ich zwar in beiden Bereichen zuhause bin, es mir aber nur sehr schwer gelingt, mich in beiden gleichzeitig aufzuhalten, schweige ich über Kunst meistens.

 


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Dienstag 20.5.19 – Stiegen, Treppen und Villen

Politisch turbulente Zeiten, sehr turbulente, aber auch überaus interessante Zeiten und es besteht durchaus Hoffnung, dass sich nach dem reinigenden Sturm so manches anders zusammenfindet und neu bildet. Jedenfalls,  was für ein Glück, dass in der Hofburg Alexander van der Bellen residiert und nicht der andere Kandidat zum Amt des Bundespräsidenten, der nun FPÖ-Obmann geworden ist. „Wir kriegen das schon hin“ hat van der Bellen in einer unerwarteten Rede gemeint. Die Formulierung würde mir gut gefallen, wenn sie mich nicht an „wir schaffen das“ erinnern würde.

Wunderschöne Häuser aus dem 19. Jahrhundert gibt es in Wien. Barrierefrei sind sie nicht. Viele solche Häuser, mit geschnitzten Toren, bunten Glasfenstern in den Gängen, schmiedeeisernen Geländern sind von der Straße her nur über Treppen zugänglich. In vielen wurden nachträglich Lifte eingebaut, man muss aber um bis zu den Liften zu kommen Treppen steigen. Gehbehinderte und/oder Rollstuhlfahrer können in solchen Häusern nicht wohnen. Auch Kinderwagen, Einkaufswagen, Koffer sind mühsam zu transportieren. In den Zeiten als diese Häuser gebaut wurden, setzte man offenbar auf unerschöpfliche menschliche Arbeitskraft. Schleppen musste das Gesinde.

In der Hofburg und in den diversen Ministeriumsgebäuden gibt es Lifte im Hintergrund. In sämtlichen Reportagen aber sieht man Politiker und Beamte immer die Prachttreppen zu fuß hinauf und hinuntergehen, elastisch und sportlich natürlich, eigentlich schweben sie mehr als sie gehen, wie Filmstars der alten Schule. Treppen gehören im Öffentlichkeitsgeschäft  zu den ganz wichtigen Requisiten und Hintergründen. Es kommt aber auch immer wieder vor, dass manche der aktiv-elastischen eher als Treppenwitz der Geschichte enden auch wenn die Villen ihres Untergangs ebenerdig waren.


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Dienstag 14.5.19 – Selbstoptimierung

Gestern habe ich eine Reportage zum Thema „Selbstoptimierung“ gesehen. Allein schon das Wort! Ich habe ganz und gar nichts gegen gesundes Leben und Sport, aber „Selbstoptimierung“ … Ich stoße mich nicht an der Sache sondern an der Bezeichnung und auch an der Intensität, die da beschrieben wurde. Wenn man jede freie Minute mit Selbstoptimierung verbringt, so frage ich mich, wann denn das Leben stattfinden soll, für das man sich optimieren möchte. Oder geht es womöglich gar nicht darum, ein gutes Leben zu führen ?

Es wurden Firmen vorgestellt, deren Mitarbeiter offenbar alle zwischen Mitte zwanzig und allerhöchstens Mitte dreißig waren, die 10 bis 12 Stunden täglich arbeiteten, in ihrer Freizeit fleißig Networking betrieben und eben Selbstoptimierung. Man sah Gruppen solcher Menschen, die auf ihre Handys starrten und sich darüber austauschten, wie viele von den optimalen tausend Punkten für optimierte Lebensführung sie vorzuweisen hätten. Es gab einige, die sich sehr schämten, weil sie ihre Gruppe punktemäßig herunterzogen: nur 250 oder 300 Punkte hatten sie, weil sie zu viel rauchten, zu viel tranken und zu wenig schliefen.

Selbstoptimierung wird von manchen Menschen mit totaler Beherrschbarkeit des Lebens verwechselt. Es wurde ein muskeloptimierter Mann gezeigt, der erklärte, was er alles für seinen Körper tat und welche Pülverchen und Zusatzstoffe er regelmäßig konsumierte, damit ihm auch ganz bestimmt nichts fehle. Dazu kam seine Aussage, dass er durch diese Lebensweise ganz sicher sei, bis ins hohe Alter völlig fit zu sein und niemals „irgendeine Krankheit wie zB Alzheimer“ zu bekommen. Mögen ihm seine Illusionen erhalten bleiben, dass ein Mensch durch die Einnahme von Zusatzstoffen und ständigem sportlichen Training in die Lage versetzt wird, seinen eigenen Körper und alles, was ihm jemals zustoßen könnte, unter Kontrolle zu haben. Süß naiv könnte man das fast nennen.