la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Die Arabesken des IS

Die Sprache des Terrors

Spannendes Thema, neuer, spannender Ansatz. Philippe-Joseph Salazar wurde in Casablanca geboren und verbrachte dort auch seine Kindheit. Man kann wohl sagen, dass er in der arabischen Welt zuhause ist. Obendrein ist er ein Schüler von Roland Barthes, einem bekannten Linguisten und Semiotiker. Betrachtet  man diese beiden biographischen Daten, so erstaunt der linguistische Ansatz zum Verstehen des IS nicht.

Salazar beschäftigt sich hauptsächlich mit der Rhetorik des IS. Dazu geht er zunächst zurück zur französischen Revolution:

Wer wäre heute noch bereit, derartige Sätze überzeugend auszusprechen oder gar in die Tat umzusetzen: Saint Justs „Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit“ Robespierres „Wer den Himmel anruft, will die Erde an sich reißen“ oder Marats“Die Freiheit muss mit Gewalt errungen werden“ Heute will das niemand mehr. Nur noch das Kalifat. (p14)

Er beschreibt die blumigen Arabesken des politischen Diskurses des IS

Gegen diesen Stil sind wir machtlos: Unsere politische Sprache ist vergleichsweise steril, rhetorisch banal und ohne jede Poesie. (p17)

Äußerst erhellend ist auch der Vergleich zwischen westlicher und islamischer Rechtstradition. Wo die westliche Rechtssprechung auf Rechtsnormen beruht (diese und jene Handlungen sind aufgrund von diesen und jenen Gesetzen verboten), arbeitet die islamische Rechtssprechung mit Analogien, die auf Interpretationen des Korans oder der Prophetengeschichten beruhen.

Weiters beschäftigt sich Salazar mit der Person des Kalifen, mit der Art wie er an die Macht kommen kann und mit dem Blick des Kalifats auf „sein“ Territorium

Das Recht auf Besitz und Eroberung, welches das Kalifat für sich in Anspruch nimmt, ist nicht extraterritorial, vielmehr ist es eine Wiedereroberung also eine Bestätigung, dass ihm jegliches Territorium bereits gehört. (p. 41)

Das territoriale Argument des Terrors lautet also wie folgt: weil Frankreich bereits dem Kalifat gehört, zur Zeit aber von den Ungläubigen besetzt gehalten wird, muss man diese Ungläubigen terrorisieren (p 42)

Auf der grundlegenden Unterscheidung zwischen „langue“ (Sprache) und „parole“(Rede) baut Salazar seine Betrachtungen der Propaganda auf, mit der der IS Jugendliche potentielle Dschihadisten überzieht. Er analysiert eine Reihe von IS-Videos sowie Videos der Gegenpropaganda des Westens.

„Um es anders zu sagen: In der E-Technik Internet verlegt sich das Kalifat auf Qualität, wir hingegen legen Wert auf Quantität. Das Kalifat setzt auf Heroismus, wir setzen auf Prävention. Es setzt auf das Ideal, wir setzen auf den Durchschnitt. Es setzt auf Transzendenz, wir setzen auf die Mittelschicht“ (p. 76)

Äußerst interessant finde ich auch die Gegenüberstellung des Dialogs (ein großer Wert im Westen) und des Appells, einer im Kalifat geschätzten Art der Rhetorik (p 84 ff)

Über die Ausführungen Salazars zum Feminismus im Kalifat konnte ich mich nur wundern, ebenso wie über seine ausführlichen Beschreibungen der Attribute der Männlichkeit der Krieger des Kalifats.

„Das Kalifat macht den Krieg wieder zu einer Sache der Männlichkeit“ (p117)

Ein weiterer Aspekt, den Salazar aufzeigt, ist der Unterschied zwischen der ideologischen Richtung des Islam des Kalifats und jener des Iran, eines Landes mit einer indo-europäischen Kultur, die die schiitische Version des Islam praktiziert

„Schauen wir uns den iranischen Islam an: Hat man jemals gesehen, wie ein Soldat der islamischen iranischen Revolution eine moralische Ansprache hielt und einem Opfer die Kehle durchschnitt, trotz aller Kriege und Schlachten, die seit der Entthronung des Schahs und der Erneuerung der schiitischen Herrschaft stattgefunden haben ? Nein, denn das ist nicht seine Aufgabe.“ (p 124)

„Im Iran, einer indoeuropäischen Kultur regiert der Klerus, schützen die Revolutionsgarden und arbeiten die Menschen, das ist das von Platon in der Republik beschriebene trifunktionale Modell (p.125) In der anthropologischen Sphäre, der die semitische und die arabisch-muslimische Welt, mit Ausnahme des Irans, entstammen, gibt es jedoch keine derartige funktionale Teilung. Ein arabisch-islamischer Soldat kann als Opferpriester handeln und seine Handlung während einer Liturgie des Menschenopfers auch als solche bezeichnen“ (p125)

Auch mit der Psychologie der ins Kalifat einwandernden jungen Menschen beschäftigt sich Salazar:

„Plötzlich – oder endlich- entdeckt man, dass Dschihadisten nicht zwingend dumm, minderbegabt, marginalisiert, gescheitert und ausgegrenzt sind, sondern in nicht wenigen Fällen Diplome vorweisen können, Söhne aus gutem Hause oder folgsame und fleißige Mädchen sind, die ihre Entscheidung häufig wortgewandt auszudrücken und zu beschreiben in der Lage sind (p. 142)

Salazar thematisiert noch die westliche und die dschihadistische Diskursgemeinschaft und erläutert seine Ansicht, wie der Krieg gegen den IS in einen bewaffneten Frieden umgewandelt werden könnte.

Keine einfache Lektüre, aber insgesamt ein hochinteressantes Buch mit ausführlicher, weiterführender Bibliographie zum Thema. Nicht besonders gut ist die Übersetzung. An vielen Stellen fand ich die Terminologie nicht so gut gewählt bzw verstand ich sie nur durch „Rückübersetzung“ ins Französische.

Philippe-Joseph Salazar

„Die Sprache des Terrors“

Pantheon Verlag: 2016

ISBN: 978 – 3-570- 55343 – 5

Vielen Dank an den Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars


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Kulturcrash und Religionsverwirrungen in losen Sätzen

In der Schule haben wir immer wieder interkulturelle Probleme. Der neueste Fall hat es besonders in sich. Eine Schülerin aus einer tschetschenischen Familie schreibt gemeinsam mit einem österreichischen Schüler eine Projektarbeit. Die Familie des Mädchens hat nichts dagegen, soweit wäre die Sache ganz problemlos, wäre da nicht eine österreichische Mitschülerin, die sich in den jungen Mann verliebt hatte, dabei aber auf kein Interesse seinerseits stieß. Um sich zu rächen hat sie nun die tschetschenische community gegen diesen Schüler aufgehetzt und  ihm selbst auch Drohbriefe geschrieben. Ob die Tschetschenen ihrem Ruf der heftigen Gewaltbereitschaft entsprochen haben oder nicht, wird von der Polizei untersucht. Der von diesem massiven Mobbing betroffene Schüler hat jedenfalls Angst allein auf die Straße zu gehen und läßt sich von seinem Bruder in die Schule begleiten….

Dafür wieviel Sprengstoff im Zusammentreffen so vieler Kulturen, Sprachen und Religionen liegt, funktioniert der Alltag in unserer Schule ohnehin ziemlich gut. Nur manchmal eskaliert das eine oder andere.

Zwei junge Frauen stehen mit ihren Wachturmaustellungsregalen auf Rädern im Eingangsbereich der U-Bahn. Auf dem einen Wagerl steht „Gratis-Bibelkurse“, das andere ist ganz in arabischen Lettern gehalten, die wohl  für die Zielgruppe verständlich sind. Beide Transportregale sind mit den typischen Zeichnungen der Schriften der Zeugen Jehovas bebildert.  Höchstwahrscheinlich gibt es viel mehr Zeuginnen als Zeugen Jehovas, aber die oberen Ränge dieses Finanzkonzerns sind sicher mit Männern besetzt.


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Daggi 22 – Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen

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Siba Shakib

„Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen“

Goldmann 2001

Aufgabe 6: Ein Buch, das dich traurig oder nachdenklich gemacht hat

Siba Shakib ist eine deutsch-iranische Autorin, die im Iran aufgewachsen ist. Ob die Geschichte der Shirin-Gol eine echte Biographie ist oder von der Autorin erfunden, ist unmöglich festzustellen, aber so oder ähnlich wird wohl das Leben vieler afghanischer Frauen ausgesehen haben und aussehen.

Shirin-Gol ist die vierte Tochter und das neunte Kind ihrer Mutter. Sie wächst mit 10 Geschwistern auf und ist noch sehr klein, als „die Russen kommen“. Die Familie zieht nach Kabul, wo Shirin -Gol in die Schule geschickt wird.

„In ihren Stadtjahren lernt Shririn-Gol zu begreifen, dass sie noch ein Kind ist und dass zum Kinderleben viele Dinge gehören, die sie bislang nicht gekannt hat. Die wichtigsten sind: spielen, nicht nur mit Mädchen, auch mit Jungen, ungefragt sprechen dürfen, rennen, springen, keinen Schleier tragen, nicht immerzu die kleinen Geschwister an der Hand, auf dem Arm, am Rockzipfel haben, singen, albern sein, schreien. Shririn-Gol genießt es, Kind sein zu dürfen und möchte es am liebsten für immer bleiben.“

Die Russen kommen und gehen, der Krieg bleibt, die einen Mujahedins gegen die anderen. Shirin-Gol hat einen Mann geheiratet, der sie beim Karten spielen mit ihrem Bruder gewonnen hat. Sie hat Glück und gewinnt ihn lieb. Der Krieg breitet sich aus bis Kabul, Shirin-Gol flüchtet.

„Von nun an bewegt sich der kleine Treck von Frauen und Kindern nur noch nachts. In der zwölften Nacht zählt Shirin-Gol die Tage und Nächte nicht mehr. In der vierzehnten Nacht hat sie keine Kraft mehr weiterzugehen.In der fünfzehnten schleppt sie sich und ihre Kinder dennoch weiter, und in allen weiteren Nächten ebenso.

Sie gehen auf der gleichen Straße, den gleichen Pfaden und Wegen wie Hunderte, Tausende, Millionen Afghanen. Seit über zwei Jahrhunderten bis heute. Die gleichen Wege und Straßen auf denen Könige und Krieger ihr Heer geführt haben. Dariush, der König der Perser, Alexander, der König der Griechen. Die Mongolen waren hier, die Briten, die Russen, die Amerikaner, Bin Laden war hier, der KGB und der CIA und jetzt Shirin-Gol und ihre Familie. Es ist die Straße, die von Kabul in Richtung Jalalabad führt und sich von dort in steilen und engen Serpentinen weiter durch die freien Stammesgebiete über den legendäre Khyberpass nach Pakistan schlängelt.“

Das Leben der Shirin-Gol führt von einem Ort zum anderen, von Afghanistan nach Pakistan in den Iran und wieder zurück durch Kriegsgebiete und Flüchtlingslager. Ihr Mann ist opiumsüchtig geworden, es werden viele Kinder geboren. Ihr sozialer Status als Frau wechselt von unterdrückt zu nicht-als Mensch-anerkannt. Es ist eine erschütternde Geschichte, die mit einfachen einprägsamen Worten erzählt wird. Es gelingt der Autorin atmosphärisch sehr dichte Szenen zu beschreiben.

Der Titel des Buchs ist vielleicht einfach das Ergebnis wohldurchdachter Marketingstrategien oder aber er möchte die Geschichte in einen religiösen Zusammenhang stellen. Als Agnostikerin finde ich es ohnehin schon schwer verständlich, wie man die Vorstellung eines gütigen Gotts aufrecht erhalten kann. Warum aber dieser allmächtige, gütige Gott, dann nur noch weint anstatt irgendwie einzugreifen, erschließt sich mir gar nicht. Ich habe also mit dem Titel dieses Buchs so meine Probleme.


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Daggi 16 – Jakob der Knecht

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Isaac Bashevis Ainger

„Jakob der Knecht“

Rowohlt 1965

Aufgabe 51: ein Buch, das du einer Wanderbuchkiste entnommen hast. (Nun es war keine Wanderbuchkiste, es war der Büchertauschort in meinem Wohnhaus)

 

Nach dem fürchterlichen Aztekenbuch, das mich in einige Eigenabgründe blicken ließ, habe ich ein wirklich gutes Buch gelesen, das mir zufällig über den Weg gelaufen ist.

Es spielt im Polen des 17 Jahrhunderts, teilweise in einem polnischen Dorf, teilweise in verschiedenen jüdischen Shtetln. Der Autor, selbst 1904 in Polen geboren, wurde 1978 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Ich muss gestehen, dass ich noch nie etwas von ihm gehört hatte.

Isaac Bashevis Ainger schreibt eine dichte, poetische Sprache, die das Beschriebene fast zum Angreifen real macht.Ich habe das Buch verschlungen !

Der Protagonist ist Jakob, ein junger Mann aus einer Rabbiner-Familie, der durch die Folgen eines Pogroms, bei dem seine Frau und seine Kinder getötet werden, zum Knecht eines polnischen Bauern wird. Der Status eines Knechts, war wohl zur damaligen Zeit der eines Leibeigenen. Es entsteht eine Liebesbeziehung zu der Tochter dieses Bauern, die abrupt beendet wird, weil Jakob von seinen Glaubensbrüdern freigekauft und wieder in seine Stadt zurückgebracht wird. Dort möchte ihn die Gemeinde mit einer aus ihrer Sicht passenden Frau wiederverheiraten, aber Jakob lehnt sich dagegen auf, holt das polnische Mädchen aus ihrem Dorf und zieht mit ihr in eine andere Stadt, in der ihn niemand kennt. Aus Wanda wird Sarah, die stumme Sarah, weil sie kein akzentfreies jiddisch sprechen kann und sofort als Nicht-Jüdin enttarnt würde. Obwohl sie sich zur jüdischen Religion bekennt und darüber mehr weiß als die meisten anderen, würden aber weder sie noch ihre Kinder als vollwertige Gemeindemitglieder anerkannt werden.

Man gewinnt durch diesen Text Einblicke in eine Welt, die von außen stark bedroht wird: es kam immer wieder zu Pogromen, bei denen ganze Dörfer ermordet wurden. Es ist auch eine Welt, die in sich sehr restriktiv ist, in die man nur durch Abstammung von einer jüdischen Mutter Aufnahme finden konnte. Es gibt auch Einblick in Sitten, Gebräuche und gesellschaftliche Strukturen der damaligen Zeit in Polen.

Wanda-Sarah stirbt bei der Geburt ihres ersten Kindes. Hier verläßt die Geschichte dann ein wenig den Boden der Realität und geht von detaillierter zu skizzenhafter Schilderung über. Jakob wandert mit dem Säugling nach Palästina aus. Die Geschichte überspringt dann 20 Jahre von Jakobs Leben, bis zu dem Zeitpunkt als dieser wieder zurück nach Polen kommt, weil er die Gebeine seiner Frau nach Palästina überführen möchte. Der letzte Teil des Buchs beschreibt kurz wie Alte und Kranke in dieser Gesellschaft leben und endet mit Jakobs plötzlichem Tod.

Ein äußerst empfehlenswertes Buch.


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Curves – Weekly Photo Challenge

Curves in Gothic stone

Jeronimo Monastery in Lisbon (Portugal)

„The mosteiro is the stuff of pure fantasy; a fusion of Diogo de Boitaca’s creative vision and the spice and pepper dosh of Manuel I, who commissioned it to trumpet Vasco da Gama’s discovery of a sea route to India in 1498.

Wrought for the glory of God, Jerónimos was once populated by monks of the Order of St Jerome, whose spiritual job for four centuries was to comfort sailors and pray for the king’s soul. When the order was dissolved in 1833, the monastery was used as a school and orphanage until about 1940.“

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Daggi 9 – das Evangelium nach Pilatus

Eric-Emmanuel Schmitt „Das Evangelium nach Pilatus“

Fischer Taschenbuch 2007

Originalausgabe : „L´Evangile selon Pilate“ Editions Albin Michel: Paris 2000, 2005IMG_7563

Aufgabe 10: ein Buch mit einem Tier oder einer Pflanze auf dem Cover

Mein dritter Schmitt ist ausgelesen. Es wird nicht der letzte bleiben, da gibt es noch mindestens einen Titel, der mich interessiert.

Auch dieser Text war ebenso flüssig wie interessant zu lesen. Der erste Teil spricht aus der Perspektive von Jesus als Ich-Erzähler, der zweite aus jener von Pilatus. Beide Erzähler haben – aus meiner Sicht – überraschende Züge und beide machen innerhalb des geschilderten Zeitraums erstaunliche Entwicklungen durch. Abschließend  gibt es noch einen kurzen dritten Teil, in dem die Gechichte des Romans und seiner Veröffentlichung erzählt wird.

Ich finde den Text ganz hervorragend geschrieben. Er hält die Balance zwischen der Erzählung der Handlung und spirituellen, mystischen und philosophischen Schleifen, die Schmitt die beiden Ich-Erzähler machen läßt.

Das verblüffende an Eric-Emmanuel Schmitt ist das von ihm so genannte „Gotteserlebnis“, das er in einer in der Wüste verbrachten Nacht  hatte und das ihn zum Gläubigen machte. Dieses Erlebnis finde ich beunruhigend, seltsam, unglaubwürdig, aber ich halte es nicht für einen Publicity-Gag. Schließlich hat das offenbar ganz besonders spirituelle Ambiente der Wüste schon vieles hervorgebracht