la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Der Beichtstuhl

Ein schönes Exemplar von einem Beichtstuhl.

Ich erinnere mich, wie das war, als ich als Kind das letzte Mal zur Beichte ging. Neun oder zehn muss ich da gewesen sein. Vom schulischen Religionslehrer, der selbst auch Pfarrer war, wurde eine Schulmesse organisiert, was an meiner Schule sonst nicht Brauch war.

Aus irgendwelchen Gründen wurde nicht der Beichtstuhl benützt, sondern der Pfarrer saß in einer Art Büro und ließ die Kinder aufmaschieren. Als ich an der Reihe war, sagte ich wahrscheinlich irgendwelche „Sünden“ auf, die ich für angemessen hielt oder die mir irgendjemand empfohlen hatte zu sagen. Daran erinnere ich mich nicht. Ich weiß nur noch, als wäre es gestern gewesen, dass der Pfarrer zu mir sagte „warum kommst du, wenn du eh nicht dran glaubst?“ Das hielt ich für eine absurde Frage, denn die Möglichkeit an dem Ereignis nicht teilzunehmen, war ja nie angeboten worden. Ich weiß noch, dass ich konsequenterweise aufstehen und gehen wollte, aber der Pfarrer, der es – aus heutiger Sicht betrachtet – wahrscheinlich nicht mit seinem Amtsverständnis vereinbaren konnte, ein „sündiges“ Kind einfach gehen zu lassen, hielt mich zurück, machte dann doch sein Kreuz und murmelte „ego te absolvo“.

Ich weiß nur noch, dass ich nicht verstand, wieso er mich zuerst fast rausgeschmissen hatte, was ich durchaus angemessen gefunden hätte und mich dann doch genauso behandelte wie alle anderen. Der arme Mann war wohl auch reichlich frustriert über seine eigene Handlungsweise.

Das war, soweit ich mich erinnere, meine letzte Begegnung mit der Beichte, denn ich wurde mit fortschreitendem Alter nicht gläubiger


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Donnerstag 23.April.20

Planungssicherheit – gutes Wort, guter Zustand, von dem wir derzeit leider sehr weit entfernt sind, privat wie beruflich wie allgemein gesellschaftlich. Rein gar nichts kann man planen ohne in Kauf zu nehmen im letzten Moment wieder alles umwerfen und zurücknehmen zu müssen. Um den Frust des „doch nicht“ zu vermeiden, mache ich gar keine Pläne, zumindest keine privaten.

Heute hat der Ramadan begonnen. Wenn mir irgendetwas am Islam gefällt, dann der Brauch während des ganzen Ramadans, jeden Abend „die Armen“, wer immer das jetzt genau ist, zum abendlichen Essen einzuladen. In diesem Jahr – so habe ich gehört – werden als Zugeständnis an die Abstandsregel Essenspakete verteilt. Geographischer Sprung: in Indien verköstigen die Sikh täglich Tausende Leute, nicht nur zu Corona-Zeiten. Finanziert wird dies ausschließlich durch Spenden von der Gemeinschaft. Ein paar Touristen, die den Goldenen Tempel besichtigen werden wohl auch spenden. Ein bewundernswerter Aufwand.

Da bestelle ich Erdbeerpflanzen bei einer kleinen Gärtnerei um den lokalen Handel zu unterstützen und was passiert? Die Besitzerin bekommt auf dem heimischen Markt keine Pflanzen mehr, weil die heuer gehen wie die warmen Semmeln und alle Obst und Gemüse auf ihren Balkonen und in ihren Gärten ziehen möchten. Um meine Bestellung zu bedienen importiert sie daher die Erdbeerpflanzen aus Deutschland. Verrückte Welt

 


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Freitag 28.Februar 2020 – Krematorium

Das ist das Krematorium am Wiener Zentralfriedhof, „Feuerhalle“ genannt, „Krematorium“ ist wohl ein zu stark belastetes Wort. Das Foto ist zwei Jahre alt, von dem Tag an dem mein Vater hier verabschiedet wurde.

Heute wurde hier meine kürzlich verstorbene Kollegin verabschiedet, allerdings mit einer religiösen Zeremonie, womit ich nicht gerechnet hatte, viele andere auch nicht. Aber man geht zu so einer Veranstaltung um sich zu verabschieden und Präsenz zu zeigen und nicht um seine Weltanschauung zu bekunden. Niemand hatte jemals davon gehört, dass die Verstorbene irgendwie religiös gewesen wäre und viele waren sehr befremdet einen Priester auftauchen zu sehen. Das wird wohl ein Wunsch der Familie gewesen sein. Ich fand es sehr schade, dass niemand aus der Familie, dem Freundeskreis oder der Kollegenschaft ein paar Worte gesprochen hat. Ob das innerhalb einer religiösen Zeremonie nicht möglich oder nicht üblich ist, weiß ich nicht.  Es war dann wohl für den Priester auch etwas schwierig, weil weit über die Hälfte der Anwesenden sich nicht bekreuzigten und die Gebete nicht mitsprachen. Es herrschte also eine etwas seltsame Atmosphäre, als wären zwei Welten ohne Vorbereitung aufeinander getroffen. Der Saal war voll, es waren auch viele Schüler*innen da. Viel wurde geweint und viel umarmt. Innerhalb eines halben Jahres ist es die zweite Kollegin, die eine Krebserkrankung nicht überlebt hat.

Auf dem Heimweg wurden Anekdoten erzählt. So finde ich es richtig, Trauer, Verabschiedung, der Horror vor der eigenen Sterblichkeit mit der man angesichts des Todes unausweichlich konfrontiert wird und dann wieder zurück ins Leben.


Ein Kommentar

48. Station der literarischen Weltreise – Vatikan

Nachdem mir „der zweite Schlaf“ von Robert Harris sehr gut gefallen hat, habe ich mich gleich an einen zweiten Harris herangemacht. Vorausschickend: auch dieser hat mir sehr gut gefallen.

Die Handlung beginnt mit dem unerwarteten Tod des Papstes. Der Protagonist des Romans, einer der vier höchsten Kardinäle der Katholischen Kirche hat die Aufgabe das Konklave, das den nächsten Papst ernennen soll zu organisieren. Gleich zu Beginn fragt man sich, wie viel von den tatsächlichen kirchlichen Würdenträgern in die Figuren des Romans eingeflossen sind. Robert Harris äußert sich dazu in einer Vorbemerkung:

„Obwohl ich um der Authentizität willen im ganzen Roman echte Titel benutzt habe (Erzbischof von Mailand, Dekan des Kardinalskollegiums etc) habe ich sie in dem Sinne benutzt wie man vielleicht über einen fiktiven amerikanischen Präsidenten schreiben würde. Ähnlichkeiten der von mir für diese Ämter erfundenen Figuren mit ihren gegenwärtigen Amtsträgern sind nicht beabsichtigt (…) Trotz gewisser vordergründiger Übereinstimmungen soll der verstorbene Heilige Vater in „Konklave“ kein Portrait des gegenwärtigen Papstes sein. „

Die „vordergründigen Übereinstimmungen“ sind enorm, die Situation in der katholischen Kirche weltweit, die Situation ihrer Würdenträger, Priester, Ordensfrauen etc ist auch sehr realistisch beschrieben. Weiters fand ich das Prozedere bei einer Papstwahl ebenso interessant wie das Einbeziehen in die Handlung der Kunstwerke in der Sixtinischen Kapelle.

Insgesamt ist es ein spannender Roman, in einem Milieu, das wohl nur den wenigsten Lesern vertraut ist. Unter den versammelten Kardinälen kristallisieren sich die Favoriten für das Amt des Papstes heraus. Sehr beachtlich finde ich, dass es Robert Harris gelingt, eine Atmosphäre zwischen Religiosität und persönlichem Ehrgeiz der Kardinäle zu erschaffen. Das Wirken des Heiligen Geistes wird auf der gleichen Erzählebene behandelt wie die Intrigen der Bischöfe gegeneinander. Es gibt auch mehrere Handlungsstränge, die im Bereich des Thrillers angesiedelt sind, die aber nicht weitergeführt werden, weil das Ende so überraschend und unerwartet ist, dass, wie das im Leben auch wäre, alle anderen Aspekte der Geschichte unter den Tisch fallen. Ein Ende, das zu denken gibt

Spannung mit kulturhistorisch interessantem Hintergrund.

 


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Sonntag 27.10.19 –

Eine erstaunliche und aus meiner Sicht sehr positive Begegnung hatte ich heute. Eine meiner Kolleginnen ist vor Jahren zum Islam übergetreten und trug seitdem immer bodenlange Röcke und ein Kopftuch. Nicht eines von der Sorte wie sie türkische Mädchen und Frauen tragen sondern eine gemäßigte Variante, im Nacken gebunden. Nun war ich heute beim Kieser-Training, jemand rief mich beim Namen, ich erkannte sie zuerst gar nicht, denn sie trug kein Kopftuch und keinen langen Rock sondern Sportbekleidung wie alle anderen Anwesenden. Wir plauderten eine Weile. Fast bin ich ja zersprungen vor Neugierde, habe es aber geschafft, sie nicht zu fragen, ob sie das Kopftuch generell an den Nagel gehängt hätte. Sie ging dann vor mir und ich sah ihre Straßenkleidung: eine völlig „normale“ Hose und eine ziemlich schicke Jacke.

Die Begegnung hat mich sehr gefreut. Einerseits weil ich die Kollegin gerne mag und wir vor ihrer „Islamisierung“ einen sehr guten Kontakt hatten, der dann irgendwie abgerissen ist und sich vielleicht wieder herstellen lässt. Und andererseits, weil sie offenbar entweder ihre Überzeugungen neu durchdacht und verändert hat oder aber flexibel damit umgehen kann. Ich bin sehr gespannt, wie sich die Sache weiter entwickelt.

Ärmelloses, Westen und Regenjacke, Sandalen und wasserfeste Schuhe. Um diese Jahreszeit kann das Wetter an der Atlantikküste alles werden, vom Spätsommer bis zur Regenzeit.


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Der Preis der Hingabe – ABC-Etüden

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Die Wörter stammen diesmal von Ludwig Zeidler

Die drei vorgegebenen Wörter in einen Text von maximal 300 Wörtern verpackt.

Hingeben wollte sich Gertrude, an jemanden, der über allen anderen stand, den sie verehren wollte, ohne wenn und aber, an den sie die unerträgliche Verantwortung für ihr Leben abgeben konnte. Die Welt sollte er ihr erklären und den richtigen Weg zur Erleuchtung zeigen. Dafür war sie bereit alles zu geben, was sie hatte, was sie war und was sie konnte. Sie putzte, sie spendete, sie überzeugte andere. Sie nahm an langwierigen, komplizierten Ritualen teil. Kein ambivalentes Gefühl leisen Zweifels durchzog jemals ihre bedingungslos demütige Haltung vor dem großen Rinpoche.

Sie putzte gerade noch den Vorraum zu den Privaträumen des Rinpoches im Tempel, erneuerte die Blumengestecke, verbeugte sich vor dem Bild des Meisters. Alles lautlos um ihn nicht zu stören. Die Tür zu des Meisters Räumen war nur angelehnt und sie hörte, wie er mit einem seiner Assistenten sprach. Sie hörte, was sich ihr wie glühend einprägte. „Nein, das kannst du vergessen“ sagte der Meister „so dumm ist nicht einmal die kleine, dünne Frau mit dem irren Blick, wie heißt die noch gleich?“ „Gertrude ?“ „Ja genau, Gertrude“

Die Tür ging auf, der Meister sah ihr tränenüberströmtes Gesicht, zögerte kurz, setzte sein breitestes Lächeln auf und erklärte ihr, dass er besonders fortgeschrittene Schüler wie sie auf diese Art der Erleuchtung einen Schritt näher bringe. Der Schock konnte sie aus ihren gewohnten Verhaltensmustern herauskatapultieren und sie die unendliche Weite des Raumes erkennen lassen.

Ein paar Tage später fand man ein zerschnittenes, schwarzes Tuch, das das größte Foto des Meisters im Tempel bedeckte und einen Brief von Gertrude. Zunächst befürchtete man das Schlimmste, einen Wahnsinnsausbruch, eine Verzweiflungstat. Doch in dem Brief fanden sich nicht die erwarteten langatmigen Abschiedsworte ans Leben sondern nur ein Satz „So dumm ist die Gertrude dann doch nicht “ und ein Zettel, der die Stornierung ihres beträchtlichen Bankdauerauftrags an den Tempel dokumentierte.

 


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Karfreitag im Original-Haarlem

Viel Interessantes haben wir in Holland gesehen, erlebt und fotografiert. Einiges wird hier vorkommen, anderes nicht.

Weder der F noch ich sind religiös, aber wir waren beide doch sehr überrascht über die Situation, die wir am Karfreitag in Haarlem antrafen. Wir wollten uns den zentralen Platz ansehen mit einigen sehr sehenswerten Gebäuden und der größten Kirche. Wir dachten in einem protestantischen Land würde am Karfreitag eine irgendwie getragene wenn nicht gar religiöse Stimmung herrschen. Aber weit gefehlt, direkt vor und neben der Kirche gab es einen sehr lauten, sehr gut besuchten Jahrmarkt mit allem Drum und Dran. Ausgerechnet die Hell-Raiders ließen die Leute durch die Luft fliegen

Einen Verteidiger hatte die Kirche, der steinerne Mann war offenbar gegen die Plastikfrau sehr erfolgreich 🙂

 


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#INKTOBER2018 #13 – guarded

Guarded heißt ja nicht nur beschützt oder bewacht im positiven Sinn sondern auch überwacht. Überwacht von anderen, die sich womöglich auch noch als wohlwollend verstehen. Ein bissl vielschichtiger als „Pfui, die Bösen“ ist es aber schon gemeint.


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Dienstagsmarathon

Mein Stundenplan ist sehr fein, aber die Dienstage sind unendlich. Ich bin um 8:00 aufgestanden und um 22h15 nachhause gekommen. Dazwischen habe ich unterrichtet und einen Berg Administratives erledigt, eine Menge neuer Schüler*innen und Studierender kennengelernt und natürlich auch eine Pause gehabt in der ich zur Abwechslung vom asiatischen Essen gebackenen Parasol gegessen habe. Sehr ungewöhnlich, dass es diese Pilze in Lokalen oder auch auf dem Markt gibt. Meist muss man sie selbst im Wald pflücken, falls man denn Gelegenheit dazu hat.

Heiß und stickig ist es in unserem derzeitigen Schulgebäude. Im dritten und vierten Stock Saunatemperaturen. Alle Fenster und Türen sind offen. Der Unterricht in einem Raum wird oft vom Unterricht in einem anderen gestört, aber die Hitze und die stehende Luft wären noch unangenehmer. Mittwoch soll es wieder 30 Gad haben.

Trotz der klimatischen Bedingungen plätschert der Unterricht angenehm dahin, vormittags wie abends. Die interkulturellen Highlights gibt es in den Pausen zu erfahren. Zum Beispiel die Debatte darüber ob Tätowierungen haram sind oder nicht. Es gab unter den Studierenden zwei Meinungen dazu: die einen sagen, dass sie erlaubt seien, weil sie ja unter der Haut liegen und daher den Körper nicht verletzen, die anderen meinen, man müsse sie auf jeden Fall bei der Gebetswaschung entfernen, was nicht möglich ist, daher sind sie verboten. Ich habe dazu keine Meinung. Lustig fand ich die Information, dass es schnell abwaschbaren Nagellack geben soll, der sich bei der Gebetswaschung schnell entfernen lässt.

Ich genieße solche Überlistungen der eigenen Religionsvorschriften. Sie zeigen so eine grundvernünftige Einstellung zum irdischen Leben. Vor allem bei nicht ganz so orthodoxen Juden gibt es ja da die skurrilsten, sophistisch erdachten Strategien, wie man Vorschriften, die das Leben schwierig machen umgehen kann. Dass sich solche Dinge auch bei den Muslimen entwickeln, finde ich äußerst positiv. Vorschriften zu hinterfragen und sich Möglichkeiten auszudenken, wie man sie umgehen kann ohne sie wirklich zu brechen, lässt sich mit der Unflexibilität und Humorlosigkeit des Fanatismus nicht vereinbaren. Nun ist der abwaschbare Nagellack noch kein großes Zeichen, aber immerhin.

 


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Vom Minirock zur schwarzen Säule

Das Gespräch, das ich heute abend mit einer Studierenden geführt habe, war so interessant, dass man uns beinahe im Schulgebäude eingesperrt hätte. Gerade noch im letzten Moment bevor der Schulwart die Alarmanlage eingeschaltet hat, sind wir hinausgekommen.

Sie hat mir von ihrer Großmutter erzählt, die als junge Frau in Afghanistan ein relativ freies Leben führte und Lehrerin war. Nach dem frühen Tod ihres Mannes zog sie allein zwei Söhne groß, einer davon der Vater der jungen Frau, doch dann kamen die Taliban und reduzierten sie auf eine schwarze Säule. Sie erzählte, wie die Großmutter die ganze Familie zur Auswanderung gedrängt hatte. Ich habe nicht gefragt, ob die Großmutter selbst auch mitgekommen ist. Die Frage werde ich nachholen

Sehr spannend fand ich auch das Verhältnis der jungen Frau zum Islam. Sie teilt ihr Leben in verschiedene Bereiche ein. In der Bäckerei, in der sie arbeitet, könnte sie ein Kopftuch tragen, tut es aber nicht, weil sie meint, dass ihre Religion nicht als Provokation herhalten soll. In der Abendschule trägt sie ein loses Kopftuch, die Art wie man sie an Frauen im Iran sieht; weder das Haar noch der Hals sind eigentlich bedeckt. Auf meine Frage, wie man ein Leben zwischen Arbeit und Schule mit fünf Gebeten am Tag verbinden könne, sagte sie, dass das darauf ankäme, wie man „Gebet“ definiere. Nach einer modernen Auslegung des Islam, wäre alles, was man gerne für andere tue, auch als Gebet zu betrachten. Wenn das viele Menschen so sähen, würde das der Gesellschaft sehr gut tun.

Jedenfalls eine interessante, neue Studierende, die gerne redet und gerne Auskunft gibt über ihre Meinungen.