Autor: Myriade

Ein weiteres Frauenbild – Impulswerkstatt

Ein weiteres Frauenbild aus sehr alten Zeiten. Sie ist nicht die einzige dieser Art Statuetten aus dem Neolithikum, die man gefunden hat. Ob sie eine bestimmte Göttin, ein Ideal, ein weibliches Prinzip oder etwas ganz anderes darstellt, können die Archäologen nur vermuten. Jedenfalls stellt sie eindeutig eine Frau dar, deren Abbildung vor 29.500 Jahren irgendeine Funktion hatte.

Das Gravettien ist die wichtigste archäologische Kultur des mittleren Jungpaläolithikums in Europa. Jäger und Sammler des Gravettiens haben ihre Spuren vom heutigen Spanien bis zur heutigen Ukraine hinterlassen. Das Gravettien dauerte etwa von 32.000 bis 24.000 v. Chr.

Das Ur-Smiley ?

Die Himmelsscheibe von Nebra ist eine kreisförmige Bronzeplatte mit Applikationen aus Gold, die als die älteste bisher bekannte konkrete Himmelsdarstellung gilt. Ihr Alter wird auf 3700 bis 4100 Jahre geschätzt. Das Artefakt der Aunjetitzer Kultur aus der frühen Bronzezeit Mitteleuropas zeigt astronomische Phänomene und religiöse Symbole.

Längere Zeit nach der Entstehung eingearbeitete Gold-Tauschierungen und die vermutlich bewusste Vergrabung vor etwa 3600 Jahren lassen den Schluss auf einen längeren, möglicherweise religiösen Gebrauch zu. Seit Juni 2013 gehört die Himmelsscheibe von Nebra zum UNESCO-Weltdokumentenerbe in Deutschland.

Gefunden wurde sie am 4. Juli 1999 von Raubgräbern auf dem Mittelberg in der damaligen Gemeinde Ziegelroda nahe der Stadt Nebra in Sachsen-Anhalt. Seit 2002 gehört sie zum Bestand des Landesmuseums für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt in Halle.
WIKIPEDIA – 4.2.23

Samstag 4.Februar 2023 – Sturm, Ungarisch und Mist

Seit Dienstag stürmt es gewaltig, mit kurzen Unterbrechungen. Heute Nacht war besonders unangenehm, es hörte sich an, als würde das Dach gegenüber herunterkommen. Es waren zum Glück aber nur ein paar Dachziegel. Nach dem letzten Ungarischkurs des Wintersemesters getraute ich mich nicht über die Brücke, denn sie war aus Sturmgründen so gut wie ausgestorben und ich konnte auch eine Frau sehen, die vom Sturm regelrecht gegen das Brückengeländer gedrückt wurde und Mühe hatte auf der anderen Seite anzukommen. Ich verzichtete also auf den nächtlichen Spaziergang in Regen und Wind, der mir gefallen hätte, wenn der Wind kein Sturm gewesen wäre, und ging zur Station der Straßenbahn, die über die Brücke fährt.

Meine bisherige Ungarischlehrerin ist für ein halbes Jahr in Brasilien, wo sie ihre Masterarbeit schreibt. Vertreten oder abgelöst wird sie von einer Frau, die zufällig in der gleichen Straße wohnt wie ich. Interessante Zufälle gibt es! Diese Frau jedenfalls traf ich an der Straßenbahnhaltestelle und wir fuhren gemeinsam nachhause. Lustig fand ich, dass sie meinte, dass sie, wenn Ungarisch nicht ihre Muttersprache wäre, niemals auf die Idee käme, diese extrem schwierige Sprache lernen zu wollen. Was das extrem schwierige betrifft, stimme ich ihr voll zu, bin aber nach wie vor von dieser Sprache total fasziniert und motiviert. An dem Punkt, von dem an das Lernen vielleicht etwas einfacher wird, bin ich aber leider noch nicht angekommen.

Bei heftigen Windböen und auch noch strömendem Regen fuhren wir zum Mistplatz. Mit den Überresten des Christbaums, etlichen kaputten Geräten, darunter meine kürzlich verstorbene Schreibtischlampe, einem Schwung unnötiger Kabel und gefühlten Kilos an alten Druckerpatronen. Ich war ganz beschwingt den Krempl nicht mehr herumstehen zu haben. Der F offenbar auch, denn er blieb an einer gelinde gesagt nicht sehr günstigen Stelle stehen um in ein Blumengeschäft hinein zu huschen und den Besitzern mitzuteilen, dass ihre auf dem Gehsteig ausgestellten Pflanzen auf der anderen Straßenseite gegen eine Wand gedrückt, gelandet wären. So edel dass er beim Aufsammeln geholfen hätte, war er dann doch nicht, er war aber ohnehin schon klitschnass.

Frauenleben

Zurecht gestutzt und unterdrückt, klein gemacht und auf hart arbeitende Gebärmaschinen reduziert. In der Geschichte der Frauen geht es nicht um addieren oder multiplizieren, um fördern oder ins rechte Licht setzen, es geht um substrahieren, um Überlegungen, welche Rechte ihnen noch entzogen, welche Arbeiten noch aufgebürdet werden könnten. Religionen und sonstige Ideologien standen immer bereit um der ungerechten Sache einen würdigen Rahmen zu verleihen. Im Namen eines Gottes, zur Verwirklichung neuer Gesellschaftsformen, es ist nicht schwer Gründe zu erfinden, warum Frauen demütig, fleißig, still und unauffällig sein sollen und keinesfalls in irgendeiner Form in irgendeinem Machtgefüge vertreten sein dürfen.

In manchen Kulturen wird Frauen sogar die Sicht auf die Welt verweigert. Sie leben hinter schwarzer, alles verhüllender Bekleidung und hinter Gitterstäben aus Stoff. Der öffentliche Raum ist ausschließlich den Männern vorbehalten. Wie lange noch? Wie viele Frauengenerationen müssen noch ihr Leben geben für Gesellschaftsmodelle, in denen sie Haustieren gleichgestellt sind, obwohl sie mit ihren Körpern die Welt tragen?

Versteinern um körperlich zu überleben, schweigen um nicht aufzufallen durch einen eigenen Gedanken, sich jedem Mann unterordnen und sei er noch so dumpf und unwissend.

In vielen Kulturkreisen haben wir es schon weit gebracht, in anderen kämpfen Frauen und auch Männer mit Einsatz ihres Lebens um eine andere Welt. Im Iran, in Pakistan, in Indien, in Afghanistan und, und, und …

Möge es den Schwestern gelingen, sich ein menschenwürdiges Leben zu erkämpfen, mögen jene nachhaltig vertrieben werden, die sich anmaßen über die Lebensbedingungen der Frauen zu entscheiden

Montag 30. Jänner – 2023 Installateursglück

Meine Erfahrungen mit Installateuren sind eindeutig und fundiert. Man sucht zunächst eine möglichst lange Liste von in der Nähe befindlichen Firmen und beginnt dann mit den Anrufen. Man übergießt die Personen am anderen Ende der Leitung mit jedem nur verfügbaren Gramm an Charme und hofft auf einen einigermaßen fixen Termin in einigermaßen naher Zukunft. Möchte man sein ganzes Bad renovieren lassen, sieht die Sache natürlich anders aus, aber wenn es nur darum geht, verstopfte Rohre zu reinigen, ist das Anlocken eines Installateurs eine schwierige Sache.

Soweit meine Ausgangsposition. Ich rufe die erste Firma auf der Liste an, am Telefon ein freundlicher Mensch, der sich als Chef der Firma entpuppt, mir mitteilt, dass er gerade unterwegs ist und mich zurückrufen wird. Ungewiss ist dieser Anruf denke ich mir, aber ich warte eine halbe Stunde bevor ich die nächste Firma anrufe. Nach der versprochenen viertel Stunde, kein Anruf, nach einer halben Stunde auch noch nichts. Beharrlichkeit, denke ich mir, ohne Beharrlichkeit kein Installateur und rufe nochmals bei derselben Firma an. Der Chefinstallateur entschuldigt sich wortreich, es hätte etwas länger gedauert aber jetzt läge sein Terminplan vor ihm. Er denkt eine Weile laut, mit vielen „Hms“ und „vielleicht da“ und „wenn ich“ ….

Ich gehe davon aus, dass er mit Tagen und Wochen jongliert und mittlerweile auf seinem Kalender mindestens Ende Februar angekommen ist. Doch nein, zwischen 13.30 und 14:30 können wir kommen, sagt er. Heute ??? frage ich und kann es gar nicht fassen. Entweder hat es erdbebenartige Veränderungen bei den Installateuren gegeben oder meine Vorurteile sind falsch.

Jedenfalls kam Punkt 14:00 ein bestens ausgerüsteter Installateur, noch dazu einer mit ungarischem Akzent, was mich daran erinnert hat, dass ich meine Aufgaben für den Kurs noch nicht gemacht habe. Ich habe aber nicht versucht, mein Ungarisch an ihm zu üben, denn man soll arbeitende Leute nicht ablenken. Er hat den vibrierenden Rohrentstopfer benützt, der Geräusche erzeugt hat, bei denen mir ganz anders geworden ist. Die Rohre haben geklungen als würden sie gleich aus der Wand springen. Offenbar war die Operation aber erfolgreich, das Wasser fließt wieder ab, wenn auch etwas blubbernd. Dies wäre ein Anzeichen dafür, dass die Überlüftung am Dach nicht funktioniert, sagt der Installateur. Aha, ich schreibe mir „Überlüftung“ auf.

Nach Entgegennahme eines netten Sümmchens, das allerdings dem angekündigten Preis entspricht, verlässt mich der Installateur nach erfolgreichem Werk. Ich rufe die Hausverwaltung an und informiere sie über Blubbern und Überlüftung. Sie versprechen mir, dass ein weiterer Installateur vorbeikommt und fragen mich, warum ich denn wegen der Verstopfung nicht bei ihnen angerufen hätte. Tja, äh … ich habe selbst einen Installateur gefunden, der am gleichen Tag gekommen ist, am gleichen Tag! Der Herr in der Hausverwaltung sieht das ein. Na gut, dann schicken Sie mir halt die Rechnung, oder lassen Sie ihren Installateur die Rechnung gleich auf uns ausstellen. Ich bin überwältigt, dass ich obendrein die Kosten refundiert bekomme. Eine sehr gelungene Operation.

Ausfahrten und Ausflüge

Beim Aufräumen meiner Entwürfe habe ich diese Geschichte aus einem früheren Durchgang der Impulswerkstatt gefunden, der nur das Ende fehlte, Warum auch immer. Ich habe sie fertig geschrieben und mag sie nicht einfach kübeln, weil mir die Vorstellung der Rieseninsekten aus dem Karbon gut gefällt. Ich stelle sie also zur aktuellen Impulswerkstatt dazu …

Libellen mit 70 Zentimetern Spannweite, meterlange Tausendfüssler und Spinnen mit armlangen Beinen: Was nach einem billigen Horrorfilm klingt, kreuchte und fleuchte vor 300 Millionen Jahren tatsächlich durch Wälder von 50 Meter hohem Bärlapp. Forscher bezeichnen diese Auswüchse im Erdzeitalter Karbon schlicht als Gigantismus. Dessen Ursachen sind noch immer ein Rätsel. Ein zentraler Faktor scheint jedoch die hohe Sauerstoffkonzentration der Atmosphäre gewesen zu sein, wie sich seit einigen Jahren in vielen Untersuchungen immer deutlicher abzeichnet.

Es klang immer wieder anders, wenn das Fahrzeug aufschlug. Wie ein „Plopp“ oder doch eher so wie ein startender Wasserskifahrer. Ob die Ankunft auf dem Wasser eine Landung aus der Luft, ein ins Wasser hineinfahren oder sonst irgendeine Form der Materialisierung war, konnten die beiden Menschen im Wasserfahrzeug nicht feststellen.
Dieses Mal war die Ankunft nahezu lautlos. Walter fragte sich, ob das wohl mit der zeitlichen Entfernung zusammenhängen konnte. Als sie vor Wochen auf der Beresina aufschlugen, im Jahr 1812 ganz in der Nähe von Napoleons Truppen, die geschlagen aus dem Russlandfeldzug nach Frankreich zogen, war die Ankunft sehr laut gewesen. Sie hatten befürchtet entdeckt zu werden, doch sie waren für die Soldaten unsichtbar. Sie hatten auch den Eindruck, leicht über dem Wasser zu schweben und wenn sie versuchten ins Wasser zu greifen, griffen sie ins Leere. Es war als wären sie körperlich nicht wirklich anwesend. Ebenso war es bei den beiden Zeitreisen davor gewesen. Sie blieben unbeteiligte Zuschauer.

Amelie war restlos fasziniert gewesen davon, bei historischen Ereignissen anwesend sein zu können und selbst nicht gesehen zu werden. Sie war aber zunächst sehr skeptisch und wollte nach der ersten überraschenden Reise ins Mittelalter das Wasserfahrzeug nicht behalten. Walter überredete sie zu einem zweiten Versuch. Das intensive Erlebnis an der Beresina mit Napoleons über den Fluss flüchtendem Heer, bei dem sie aber ein starkes Gefühl der körperlichen Sicherheit hatten durch irgendeinen Schleier, der sie von der Zeit trennte, hatte sie überzeugt. Walter hatte ohnehin nie daran gezweifelt, dass die Reisen in die Vergangenheit die größte Chance seines Lebens waren.

Diesmal war alles anders. Kaum konnten sie die Landschaft sehen, spritzte das Wasser über sie und sie fühlten die Hitze. Sie waren auf einem nicht sehr breiten Fluss gelandet, der fast schwarz war von organischen Schwebstoffen. Sie konnten die Umgebung fühlen und waren auch körperlich eindeutig anwesend. Durch sein Fernglas konnte Walter am Ufer Schachtelhalme, Bärlappbäume und Farne erkennen. Das war doch die typische Vegetation …

„Nein“ kreischte Amelie. Die Libelle kam näher. Die Bewegung ihrer Flügel, die eine Spannweite von gut 70 Zentimetern hatten, klang wie ein tieffliegender Hubschrauber. Die riesigen Facettenaugen hingen über ihnen und taxierten sie. Im völlig falschen Moment erinnerte sie sich daran, dass Libellen Fleischfresser waren. Ein Insekt dieser Größe wäre wohl kaum an winzigen Larven oder Würmern interessiert.

„Karbon“ murmelte Walter und schwankte zwischen Panik und Begeisterung. „Vor 300 Millionen Jahre, enorme Sauerstoffkonzentration in der Atmosphäre, Rieseninsekten“

„Diesmal hast du es übertrieben! Das überleben wir nicht“ flüsterte Amelie. Zum Glück hatte die Riesenlibelle im Fluss ein noch interessanteres Objekt entdeckt und war abgedreht. Vorläufig, wie Amelie dachte. „Wir müssen hier weg, sofort“ rief sie. Trotz der 35% Sauerstoff in der Luft konnte sie kaum atmen.

„Du weißt doch, dass sich der Zielort in der Zeit nicht steuern lässt und auch nicht die Länge des Aufenthalts“ sagte Walter mit Panik in der Stimme. Als Biologe wusste er, welche Tier- und Pflanzenwelt zu erwarten war .Amelie merkte ihm aber an, wie fasziniert er trotz allem war. „Wie konnten wir nur so naiv sein, zu glauben, dass das länger gut gehen kann. Hätten wir uns nicht mit drei Reisen und dem Highlight Napoleon zufriedengeben geben können.“ Walter stimmte ihr halbherzig zu. Er wollte nicht jetzt darüber nachdenken, ob die Möglichkeiten, die sich ihnen boten die Gefahr aufwogen oder nicht. Amelie war sich ganz sicher, dass die Gefahren überwogen. „Wenn, nein falls, wir jemals wieder zurückfinden, wird dieses Horror-Fahrzeug verschrottet !“

Sehr weit weg war der Tag, an dem sie die Anzeige mit dem Wasserfahrzeug zu einem sensationell niedrigen Preis gesehen hatten und sofort antworteten. Bald verstanden sie, warum der Verkäufer so zögerlich war. Er wollte das Fahrzeug verkaufen und dann wieder doch nicht. Hätten sie doch nachgeforscht, hätten sie doch zumindest versucht, seinen Blick zu deuten als er ihnen die Garage öffnete. Die Garage mit den seltsamen Artefakten, die überall herumstanden. Auf die Frage warum er das Fahrzeug verkaufen wollte, antwortete er, dass er sein Glück ausgereizt habe. Damals verstanden sie nicht, was er damit meinen könnte und ob sich die Bemerkung überhaupt auf dieses Fahrzeug bezog

GEMEINDEBLATT – KLEINFLUSSBACH AN DER DONAU
Mysteriöse Entdeckung

Gestern Früh bemerkte die Wasserrettung bei einer Routineübung in den Donauauen ein vermutlich an Land gespültes Wasserfahrzeug. Wo das Fahrzeug herkam und wie es an Land gespült wurde, konnte nicht ermittelt werden. Anhand des Kennzeichens wurde festgestellt, dass die Besitzer Amelie X und Walter Y vor etwa zehn Jahren spurlos verschwunden waren. Wegen grausiger Funde in dem Fahrzeug wurde ein Kriminal-Pathologe eingeschaltet. Der in dem Wasserfahrzeug gefundene Skelettschädel war von der Wirbelsäule sauber abgetrennt worden. Wie mit einem extrem scharfen Messer oder einem zufallenden Tor. Weiters fand man die halb-verfaulten Überreste einer Sportjacke und einen Schuh in dem der Fuß noch steckte, ebenfalls ganz glatt abgetrennt. Fuß und Schädel stammten von zwei verschiedenen Individuen. In einer gut erhaltenen Plastikhülle steckte eine Kamera, von deren Bilder man sich Informationen erwartete. Leider konnte aber die Fotokarte nicht wieder hergestellt werden. Zum großen Bedauern aller Beteiligten.

77. Station meiner Literatur- und Kunstweltreise – Rwanda und Burundi

Hier geht´s zu meiner Literatur- und Kunstweltreise

Schon vor einer Weile habe ich dieses Buch fertig gelesen. Ich hatte es zwischen die chassidischen Juden in Brooklyn und die neuesten Forschungsergebnisse über Neandertaler eingeschoben, weil ich sehr neugierig war.

Die Ich-Erzählerin ist eine Tutsi aus Rwanda, die schon als Jugendliche oder junge Erwachsene als Asylantin im Nachbarland Burundi lebt und dort eine Schule für Sozialarbeiterinnen besucht. Ihr Vater meint, wohl zurecht, dass eine Tutsi in Burundi nur über Schulbesuch, Bildung und den Erwerb eines Diploms überhaupt überleben kann und so finden wir zu Beginn der Erzählung die Protagonistin als eine von vielen Flüchtlingen aus Rwanda in Burundi.

Eine Kurzbiographie von Scholastique Mukasonga aus der für solche Zwecke unerreichten Wikipedia:


Mukasonga wurde 1956 in der damaligen Provinz Gikongoro in eine Tutsifamilie geboren. Sie musste schon in ihrer Kindheit die Gewalt und Demütigungen des ethnischen Konflikts in Ruanda erfahren. 1960 wurde ihre Familie mit anderen Tutsi nach Nyamata deportiert. Bevor sie 1973 nach Burundi ins Exil vertrieben wurde, ging sie ins Lycée Notre-Dame de Citeaux in Kigali, wo sie im Rahmen der Quote von 10 % für Tutsi aufgenommen wurde, und in eine Schule für Sozialarbeit in Kigali. Ihre Erlebnisse im Lycée spiegeln sich im Buch Die Heilige Jungfrau vom Nil. In Burundi schloss Mukasonga ihre Ausbildung zur Sozialarbeiterin ab und arbeitete dann für die UNICEF und die Weltbank. Sie heiratete einen Franzosen, ging mit ihm nach Dschibuti und 1992 nach Frankreich.[1] Ihre Zeit in Burundi, Dschibuti und den Beginn ihres Lebens in Frankreich schildert sie in dem autobiographischen Roman Un si beau diplôme! Sie lebt heute mit ihrer Familie in der Normandie. Ein Großteil ihrer Familie fiel dem Völkermord in Ruanda 1994 zum Opfer.

Vieles an diesem Roman, der eigentlich kein Roman ist sondern eine Art stark verlängerte Kurzgeschichte, hat mir zunächst nicht gefallen. Alle Figuren sind unglaublich flach, sie werden nur kurz aus den Schatten herausgeholt um ein paar Sätze über sie zu sagen, dann verschwinden sie wieder. Die einzige Ausnahme ist vielleicht der Vater. Die Mutter und die Geschwister ebenso wie der Ehemann und die Kinder, andere Verwandte, Freundinnen, sonstige Menschen, die in ihrem Leben vorkommen, bleiben unscharf umrissene Schatten. Dennoch habe ich den Text gern gelesen.

Es gibt nur einen Erzählstrang. die Geschichte der Ich-Erzählerin und ihres Diploms, das eine Art Leitmotiv ist, das im Laufe der Geschehnisse durch ein weiteres Diplom verstärkt wird. Die Handlung beginnt in ihrer Zeit als Schülerin in Burundi, überspringt dann sehr viel, setzt bei ihrem Leben in Frankreich und Dschibuti wieder ein und kommt schließlich zum emotionalen Höhepunkt der Erzählung: ihr(e) Besuch(e) in ihrem Heimatort in Rwanda nach dem Genozid, nachdem praktisch ihre ganze Familie und ihre Freunde ermordet wurden.

Der in ein Genozid mündende Konflikt zwischen Tutsis und Hutus war das Thema, das ich in diesem Buch erwartet habe und das natürlich auch vorhanden ist. Es wird aber auf eine sehr leise Art erzählt, in manchen kleinen Szenen und Nebensätzen bis es am Ende des Buchs gewaltig aufsteigt.

Das Buch beginnt mit dem Thema Diplom

„J´ai passé la moitié de ma vie à courir aprés un diplôme. Ce n´était pourtant pas une thèse de doctorat (…) mas un modeste diplôme d´assistante sociale“ p. 11″
Ich habe die Hälfte meines Lebens damit verbracht einem Diplom nachzujagen, nicht einem Doktorat sondern einem bescheidenen Abschluss zur Sozialarbeiterin.

Die Autorin erzählt, dass sie als Kind in der Schule täglich ein vom Lehrer verfasstes Lied singen musste, in welchem ein gewisser Fidèle Rwambuka geehrt wurde, ein lokaler Held, der als erster Einwohner seiner Ortschaft ein Diplom erworben hatte. Der Text des Liedes (in freier Übersetzung wie alle Textstellen) :

Fidèle Rwambuka!
Seien wir stolz auf ihn!
Feiern wir seinen Heldenmut!
Das schöne Diplom (idipolomi), er hat es in Gisaka erworben
und mit nachhause gebracht
Er ist der Sohn von Mihigo
er ist hier geboren, er ist von hier, aus Musenyi
Hurra, hurra, hurra
Sei unser Held für immer.

Aufgrund dieses Diploms – niemand weiß, um welche Art Diplom es sich da handelt- wird Fidèle Rwambuka Bürgermeister.
Die Autorin erzählt, wie stolz sie als Kind dieses Loblied gesungen hat, aber …

„Comment aurais-je imaginé qu´en1992 il serait le premier à organiser le massacre des Tutsis de Nyamata, prélude au génocide de 1994“ p.12 (Wie hätte ich ahnen können, dass er (Fidèle Rwambuka) 1992 der erste sein würde, der das Massaker der Tutsis in Nyamata organisierte, das Vorspiel zum Völkermord von 1994!

Nur in Nebensätzen erfahren wir doch einiges über das Genozid und die vorangegangene Situation in Rwuanda und Burundi. Zum Beispiel, dass auf den Personalausweisen TUTSI stand, wodurch für die Besitzer dieser Ausweise im besten Fall nur viele Türen verschlossen blieben.

Der Stil der Autorin ist, im Großen und Ganzen eher kühl und unemotional. Die Ausnahme ist ein sehr starkes Kapitel in dem beschrieben wird, wie die Erzählerin Jahre nach dem Massaker in ihren Ort, Nyamata zurückkommt. Sie sucht die Parzelle auf der das Haus ihrer Eltern stand und den Standplatz ihres Vaters auf einem Markt.

Kanzenze, cétait le nom que les autorités avaient attribué à Nyamata. Un témoin disait au journaliste "À Kanzenze les vivants sont le dixième des morts". Cela signifiait, traduisait le journaliste, que neuf personnes sur dix avaient été tuées. À la fin du mois de juin, une lettre m´apprendrait qu`à Gitagata c´était dix sur dix. p.169
(Kanzenze war der Name, den die Behörden Nyamata gegeben hatten. Ein Zeuge sagte zu einem Journalisten „In Kanzenze sind die Lebenden ein Zentel der Toten“ Was bedeutete, so übersetzte der Journalist, dass neun von zehn Menschen getötet worden waren. Ende Juni sollte ich einen Brief erhalten, der mir mitteilte, dass es in Gitagata zehn von zehn waren.“

Man erfährt, dass die Erzählerin mit einem in Rwanda lebenden und arbeitenden Franzosen verheiratet ist und mit ihm mindestens zwei Kinder hat. Auch das wäre ein interessantes Thema gewesen, wird aber zumindest in diesem Buch nicht verfolgt. Eine einzige Szene beschäftigt sich mit den Kindern. Die Autorin schreibt, dass ihre Kinder schließlich auch Tutsis seien und somit Anspruch hätten auf die besonders gute Milch der Rinderherden des Volks der Tutsis. Aus diesem Grund fährt sie mit ihrem Mann immer wieder illegal nachts über die Grenze nach Burundi zu einem der wenigen noch vorhandenen Tutsi-Rinderhirten und kauft bei ihm frische Milch. Der Freundeskreis des Paars findet diese Ausflüge geradezu selbstmörderisch gefährlich, findet aber kein Gehör.

Es gibt auch noch andere Abschnitte, die mich beeindruckt haben. Etwa die eher witzige Erzählung über die Ferienzeit, die die Autorin gemeinsam mit einer Freundin bei deren Bruder verbracht hat, der so eine Art Mädchen für alles bei einer europäischen Dame ist. Oder auch die Erzählung davon, wie in Frankreich ihr hochgeschätztes Diplom nicht anerkannt wird und sie nach zahlreichen Besuchen bei Behörden und Beratungsstellen erkennt, dass ihr nichts anderes übrig bleibt als die Sozialarbeiter-Ausbildung nochmals zu machen.

Dieses Buch ist für mich die Fortsetzung einer Reihe von Texten von afrikanischen Autor*innen, die ich – immer mit Dazwischenschalten anderer Lektüre- konsumieren werde.

Geschmeidiger Schnee – Impulswerkstatt

Dass sich der Schnee um Bäume windet, ist banal, dass er auch Spielplätze der besonderen Art beschützt und verschönert, finde ich bemerkenswerter

Die verspielten Kringel und Tupfen gibt es nicht lange zu sehen, sie schmelzen sehr schnell weg und es braucht dafür nassen, pappigen Schnee. Die Sorte, die schwer auf den Ästen und Stromleitungen liegt und das öffentliche Leben vorübergehend zum Erliegen bringt

Auch um die eisernen Ringe einer Grabplatte legt sich der Schnee. Wenn er üppig fällt, dringt er in alle Bereiche des Lebens ein, bleibt unterschiedlich lang und wechselt dann wieder den Aggregatzustand.