Autor: Myriade

Fisch, Jod und Palmen

Der Geruch des Meeres, Algen, Jod, Fisch, Bestandteile von denen ich nichts weiß. Ein nicht zu verwechselnder Geruch, der an den Küsten alles umwabert. Nach einer Weile Gewöhnung würde nur noch auffallen, wenn er plötzlich weg wäre.

Es kann wohl nicht die Erinnerung sein an die Uranfänge des Lebens auf diesem Planeten, an die ersten Zellen im Wasser. Überall aber kann man beobachten, wie die Menschen vom Meer angezogen werden.

Hier koexistiert ein Fischerhafen mit einem Yachthafen. Dazwischen liegt ein altes Fort, das heute als Austellungsort genützt wird. Aufgrund des gegenseitigen Misstrauens der beiden kleinen Häfen ist diese Pufferzone sehr günstig. Auch die Palmen wedeln freundlich in alle Richtungen und unterstützen den Frieden.

Inspirierend ist das Klima auch. Mir ist schon ein halbes Dutzend Texte eingefallen, die aber noch geschrieben werden müssen.

Wer fährt schon im Oktober nach Portugal

hieß es. Das Flugzeug wird auch leer sein und das Hotel ohnehin. Alle haben sich geirrt. Heute bin ich durch Lissabon spaziert und wäre fast gleich wieder umgedreht. Menschenmassen wälzen sich durch die Stadt mit Fremdenführern, die kleine Fahnen oder Taferln mit Nummern schwenken. Ich vergönne ja jeder einzelnen Person aus so einer Horde zu reisen und etwas von der Welt zu sehen, aber die Horde kann ich gar nicht leiden. Dann sah ich das mittelgroße Kreuzfahrtsschiff im Hafen liegen.Alles klar.

Jetzt sitze ich auf dem Balkon und sehe zu wie der Mond, der morgen voll sein wird, sich im Wasser spiegelt. Gestern war er von malerischen Wolken umgeben, heute ist der Himmel ganz klar.

Dienstag 19.Oktober 2021

Dass es hier derzeit keine Fotos zu sehen gibt, liegt nicht daran, dass ich keine mache sondern daran, dass ich sehr ungern und entsprechend selten mit dem Smartphone fotografiere. Die Bilder aus der Kamera kann man zwar ganz sicher auch irgendwie über Smartphone posten, ich habe aber gar keine Lust mich mit diesem Thema zu befassen. Ich bin ohnehin nur ein paar Tage hier.

Morgen wetde ich vielleicht doch nach Lissabon fahren. Zwar hatte ich heute gar keine Lust auf Kultur sondern nur auf Natur, aber das kann ja morgen auch wieder ganz anders sein.

Kleine Begegnungen sind manchmal sehr eindrucksvoll. Die Frau am Eissstandl, die vermutlich jeden Cent gut gebrauchen kann und mich darauf hinwies, dass ich ihr irrtümlich zwei statt einem euro gegeben hatte. Sowas imponiert mir. Wie der F zu sagen pflegt, die Welt funktioniert überhaupt nur deswegen einigermaßen weil die überwiegende Mehrheit der Menschen ehrlich und guten Willens ist.

Leider gibt es auch genügend andere, die weder ehrlich noch guten Willens sind, Mächtige und Ohnmächtige. Dass jemand weder Geld noch Einfluss hat, ist ja nunmal kein Beweis dafür, dass er oder sie ein guter Mensch ist.

Stimmungsbilder

Seltsam dunstig ist es. In der Nacht sieht es aus wie Nebel. Unter Tags erzeugt es eine unwirkliche Stimmung. Die Schiffe verschwimmen am Horizont. Auch die Menschen verschwimmen leicht, aber vielleicht bilde ich mir das nur ein.

Öfter bricht die Sonne durch, dann hat alles wieder klare Konturen. Bei mir allerdings überlagern sich Erinnerungen und neue Eindrücke zu einem faszinierenden Konglomerat mit ebenfalls leicht flackernden Konturen

Jetzt hat sich die Sonne durchgesetzt und meine Wahl ärmelloser T-Shirts erweist sich als richtig.

Montag 18.Oktober 2021 – fortgeschrittenes Stromern

Schön ist es, den ganzen Tag lang nur ziel-und planlos zu schlendern. Nur auf der Suche nach Meer und Wellen, nach Steinen und Gischt und gelegentlich auch nach einer Bäckerei in der es wenigstens eine einzige portugiesische Brotsorte gäbe, die mir schmeckt. Dafür mag ich den Frischkäse mit viel Pfeffer und den Milchreis mit viel Zimt.

Eigentlich wollte ich nur an der Küste bleiben, aber wahrscheinlich werde ich doch morgen nach Lissabon hineinfahren um alte Bekannte zu besuchen. Keine Menschen, Gebäude und Stimmungen. Nach bekannten Menschen ist mir gerade nicht. Aber mit Unbekannten rede ich gerne und viel.

Angekommen 16.10 21

Nach einem gefühlt mindestens 10 Stunden dauernden Flug mit diversen Verzögerungen und Verspätungen begrüßten mich die freundlichen Palmen vor dem lissaboner Flughafen. Die erste sprachliche Bewährungsprobe habe ich auch ganz gut gemeistert. Die Taxlerin hat hinter ihrer Maske leise und undeutlich geredet wie ein Wasserfall. Offenbar habe ich aber genügend sinnvolle Antworten gegeben um sie nicht zum Schweigen zu bringen.

Natürlich bin ich schon am Meer. Die Gischt spritzt die Steinmauern herauf, die Fischer meditieren über ihren Angeln, es sind aber auch gar nicht so wenige Leute unterwegs. Die Temperaturen sind angenehm. Es w ird Wassersport betrieben und auch am Strand gelegen.

Die Portugiesen sind mit 85% Durchimpfung Europameister im Impfen. Hier hat der unselige Schulterschluss zwischen Impfgegnetn aus diversen Gründen und Rechtspopulisten nicht stattgefunden.

Fotographisch reizen mich gerade – abgesehen vom Meer – Steine jeder Art.

Ein seltsamer Titel

Die 62. Station meiner Literaturweltreise: Kanada 2

Naomi Fontaine hat ein Buch leiser, zarter Töne geschrieben. Es spielt in einem First-Nations-Reservat in Québec, im französischsprachigen Kanada. Über das Innu Reservat wird kaum explizit Geschichtliches oder Soziologisches erzählt. Die Dinge wie sie sind werden durch die Streiflichter auf das Leben der Reservatsbewohner*innen dargestellt und mittendrin steht die Ich-Erzählerin, die in Québec studiert hat und nun als Französisch-Lehrerin in ihr Dorf zurückgekehrt ist. Um in dieser Schule unterrichten zu können, trennt sie sich von ihrem Freund, der ihr nicht folgen möchte. Ihre Begeisterung für den Ort und die Schule ist groß.

„Ich stellte mir vor, wie ich die nackten Wände schmücken würde. Mit Fragmenten der Literaturgeschichte, mit Zitaten aus Romanen, Fotos von Schriftstellern, Postern von berühmten Gemälden. Mit Werken, die in fremden Köpfen entstanden waren und dabei helfen, seine eigenen Weg zu finden.(…) Ich würde meinen Schülern von der Welt erzählen. Davon, wie man die Welt sehen kann. Wie man sie lieben kann. Und davon, wie man die unsichtbare, längst überholte Grenze überwinden kann, die um das Reservat verläuft, das wir selbst lieber als „Gemeinschaft“ bezeichnen, um unsere Herzen zu besänftigen“ S13

Von einem Jahr wird erzählt, das Yammie als Lehrerin in ihrem Dorf verbringt. „Rückkehr ist Schicksal“ lautet der bemerkenswerte erste Satz dieses Romans“ . „Eine Rückkehr in das kleine Dorf und die sandige, stachelige Natur, zusammengeträumt anhand von unveränderlichen Kindheitserinnerungen“ der erste Absatz (S9)

Die Schule, in der sie unterrichtet heißt Manekanetish, kleine Marguerite, zum Gedenken an eine Frau, die noch vor dem Bau der Schule im Reservat viele Kinder großgezogen hat, elternlose und schwierige Kinder. „Manekanetish, Petite Marguerite“ ist auch der Titel des französischen Originals dieses Buches. Die deutsche Übersetzung „Die kleine Schule der großen Hoffnung“ finde ich nicht sehr gelungen. Das liegt unter anderem daran, dass ich Bücher in deren Titel „klein“ vorkommt immer mit einigem Misstrauen betrachte. Im Fall dieses Buches ist das Misstrauen aber ganz und gar nicht angebracht.

Das Buch hat viele sehr kurze Kapitel, die alle jeweils ein kleines Geschehnis beleuchten. So klein ist es dann meist doch nicht, wenn man die Auswirkungen auf die betroffenen Personen betrachtet und die Aussagekraft über das Leben der Bewohner*innen des Reservats.

Sehr gut gefällt mir zum Beispiel die Geschichte der Theatergruppe, deren Gründung Yammie zunächst eher widerwillig übernimmt. Sie beschließt, dass die Truppe den „Cid“ von Corneille einstudieren soll, was zunächst großen Widerstand erzeugt später aber zu einem von den Schüler*innen begeistert getragenen Projekt wird.

„Es war eine Herausforderung. Genau das, was ich brauchte. Ein unmögliches Projekt“ S63

Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu, Yammie hat ihre Schüler*innen besser kennengelernt, ist ihnen näher gekommen. Immer wieder erfahren wir auch Details aus ihrer eigenen Kindheit. Die Art wie ihre Verbundenheit mit ihren Wurzeln im Reservat gezeigt wird, hat mich überrascht, ist aber sehr schlüssig.

Die Autorin, Naomi Fontaine wurde 1987 in Uashat geboren, dem Ort an dem auch dieser Roman spielt. Als Kind verließ sie mit ihrer Mutter das Reservat, um in Québec-Stadt zu leben, wo sie Pädagogik studierte. Ihr Debüt »Kuessipan« erschien 2011 und wurde preisgekrönt und verfilmt. Naomi Fontaine hat ihre beiden Romane auf französisch geschrieben.

»Die kleine Schule der großen Hoffnung«, ihr zweiter Roman, hat wohl sehr viele autobiographische Elemente. 2018 stand es auf der Shortlist des renommiertesten kanadischen Literaturpreises, des Governor General’s Award und war auch in Frankreich ein großer Erfolg. Das Buch wird derzeit als Fernsehserie verfilmt. Der Roman wurde auch bei der Frankfurter Buchmesse 2021 im Rahmen des Schwerpunkts „Kanada“ vorgestellt. Herausgekommen im C. Bertelsmann Verlag wurde der Text von Sonja Finck ins Deutsche übersetzt.

Samstag 16.Oktober 2021

Heute geht´s los. Ich bin registriert und eingecheckt und muss nur noch am Flughafen erscheinen, so pünktlich wie möglich. Mir graust vor den 3 1/2 Stunden Maske. Deswegen habe ich auch so lange gebraucht um mich endlich zu entscheiden.Wahrscheinlich wird es aber nicht so schlimm werden, denn es gibt etwas zu Essen und dazu muss man ja wohl den Mund frei machen.

Ziemlich furchtbar wäre, wenn es im Flugzeug eine/n Covid-Infizierten gäbe, denn dann müssten alle die rundherum gesessen sind in Quarantäne. Hotelquarantäne mit Meer in ein paar Metern Entfernung und nicht hin können, stelle ich mir ziemlich gruselig vor. Ebenso wie das unbemerkte Raus- und wieder Reinkommen ins Hotel. Aber das ist ja doch ein recht unwahrscheinliches Szenario. Wahrscheinlich sind ein paar sehr entspannte Tage an der Küste.

Die Erfahrung sagt mir, dass ich – egal wie nervös ich davor war – nachdem ich die Wohnungstür zugemacht habe in den Entspannungsmodus schalte und dass ist ja der Zweck der Übung.

Immer wenn wir vorbeikommen

… hat das Lokal geschlossen. Gerade geschlossen, öffnet in drei Stunden etc Entweder haben sie mehrere Ruhetage oder sie verändern sie ständig. Dabei klingt das doch recht verlockend, auch die Speisekarte liest sich gut, viel Fisch, etliche vegetarische Kreationen… Irgendwann schaffen wir das

Donnerstag 14.Oktober 2021 – Austausch

Für mich hat der Austausch mit Gleichaltrigen, die in ähnlichen Umständen leben eine ganz besondere Qualität. Ebenso wie für Teenager die Peergroup von großer Bedeutung ist, ist sie das auch für Ältere. Manche Themen kann man am besten oder ausschließlich mit Menschen ungefähr gleichen Alters besprechen. Das hat mit Lebenserfahrung zu tun und mit dem „Zeitgeis“, auch mit gemeinsam Erlebtem in Gesellschaft und Politik.

Auch der Austausch zwischen Generationen hat viel zu bieten, ist aber doch wieder ganz anders. Ebenso wie der Austausch zwischen Menschen, die verschiedenen Meinungsblasen angehören, der oft sehr schwierig, aber auch sehr lohnend ist. Der ausschließliche „Aufenthalt“ in einer Meinungsblase tut nicht gut

Austausch jedenfalls braucht es, außer man möchte Eremit*in werden, was sicher auch seine Vorzüge hat aber nach einiger Zeit dazu führt, dass man nur mehr mit großen Schwierigkeiten oder gar nicht mehr in der Lage ist, sich in der Gesellschaft zu bewegen. „Blogbeziehungen“ liegen da irgendwo dazwischen. Ich setze sie in Anführungszeichen, weil es meiner Meinung nach keine echten Beziehungen gibt, wo keinerlei persönliche Begegnung stattfindet.

Jetzt , glaube ich, ist es fertig

Das war der letzte Stand als ich dachte, das Bild wäre fertig.

Dann kam die Malmeisterin zu Besuch ins Atelier und meinte zu diesem Bild, es wäre noch nicht so ganz richtig angekommen. Das war Anfang September und ich habe inzwischen sehr lange auf das Bild gestarrt. Heute habe ich es fertig gemacht. Also zumindest kommt es mir jetzt wirklich fertig vor. Das kann sich aber durchaus noch einmal ändern.

Irgendetwas gibt es an jedem/jeder zu loben

In diesem Sinne möchte ich darauf hinweisen, dass unser neuer Kanzler von Kurzens Gnaden eine sehr angenehme Stimmlage hat und eine wirklich äußerst kultivierte Sprache. Von Burgtheater aufwärts. Von dem, was er sagt, bin ich deutlich weniger begeistert. Es ist aber alles noch in Bewegung und im Umbruch und man kann noch gar nicht sagen, wie sich die Machtstrukturen entwickeln werden. Offenbar sind die Landeshauptleute aus ihrer türkisen Starre erwacht und daraus kann sich noch so einiges ergeben. Ob mir das, was die erzkonservativen ÖVP-Landeshauptleute vielleicht ausbrüten werden besser gefällt, ist aber unwahrscheinlich.

Ich gehe also in einen hedonistischen retreat, fahre ans Meer und lasse mich überraschen. Der Laptop bleibt zuhause.

Das Foto kann man interpretieren: Es wird finster und die Lampen leuchten noch nicht. Aber zum Glück gibt es ja rundherum andere Arten der Beleuchtung.