la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

Heimat – ABC Etüden

23 Kommentare

Die ABC-Etüden mit sommerlichem Gesicht. Auch bei Christiane

Von 12 Wörtern konnte man sich sieben aussuchen und damit einen beliebig langen Text schreiben zum Thema #stayathome. Mein Text heißt „Heimat“ und die folgenden Wörter in alphabetischer Reihenfolge habe ich eingebaut:

Herzschmerz  –  Kantine –  Kommentar – Stoppelfeld – Vulkan – Windjammer – Zwischentöne

 

In Österreich war der Begriff „Heimat“ lange Zeit absurderweise von den Rechten so stark in Beschlag genommen, dass er in neutraler Weise kaum noch verwendet werden konnte. Es war ein sehr kluger Ansatz von Van der Bellens*) Wahlkampagne, dass er immer wieder davon sprach, dass er sich seinen Heimatbegriff nicht von den Rechten besetzen lassen würde.

*) Alexander Van der Bellen – derzeitiger österreichischer Bundespräsident

 

 HEIMAT

 Früher als ich noch wirklich viel und weit reiste, gab es eine mit anderen Reisenden immer wieder aufgeworfene Frage „was hat dir in Irgendwo gefehlt?“ bzw „Worauf hast du dich beim Nachhausekommen gefreut?“ Das war im Grunde eine andere Art zu fragen „Was macht für dich „zuhause“ aus?“.

Die Antwort auf die Frage, worauf man sich beim Nachhausekommen gefreut hätte, war erstaunlich oft „das Schwarzbrot und das Wiener Leitungswasser“. Man kann meinen, dass das eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise ist. Vielleicht ist es das aber gar nicht. Wasser und Brot sind Grundnahrungsmittel, solide Pfeiler des Lebens. Ob man Tempel bestaunt oder Vulkane, amerikanische, asiatische oder afrikanische Stoppelfelder durchquert, Wasser und Brot spielen auch auf Reisen immer eine Rolle.

Das Heimatgefühl ist vielschichtiger als Vorlieben für Brot und Wasser, natürlich. Menschen gehören dazu, Orte und eine bestimmte Sprache. Meist sind diese Faktoren miteinander verwoben, manchmal muss aber auch einer die Funktionen aller übernehmen. Für Emigranten etwa ist die Sprache der Heimat ein wichtiges Verbindungsglied zu ihren Wurzeln und ihrer Identität, auch wenn die heimatlichen Orte und Menschen nicht mehr da sind.

Meine Heimat ist Wien, die Stadt, die Menschen, die Sprache, so sehr sie mir auch öfters auf die Nerven gehen.

Aufgewachsen bin ich in einem Bezirk gleich neben der Innenstadt. Als Teenager sah ich als größten Vorzug unserer Wohnung, dass ich in einer knappen Viertelstunde zu Fuß im Stadtzentrum war. Dass es außerdem eine schöne und große Altbauwohnung war, wie es in Wien viele gibt, mit Holzpaneelen und Stukkatur war mir vorübergehend nicht so wichtig.

Die Leopoldstadt, der zweite Wiener Gemeindebezirk ist ein historisch belastetes Pflaster. Hier lebte der Großteil der wiener und österreichischen Juden bevor sie deportiert und ermordet wurden. Ersparen wir uns die Zahlen und die Gedanken an die beschämenden Szenen. In vielen Häusern wurden die für Deportationen bestimmten Menschen festgehalten und lebten dort eine Zeit lang zusammengepfercht. Als das Haus, in dem wir gewohnt hatten längst abgerissen war, ein daneben liegendes Krankenhaus wollte sich erweitern, stieß mein Bruder  auf die Information, dass „unser“ Haus damals so eine Vorabteilung der KZ-Höllen war. Er fand sogar einen Überlebenden, der damals noch als Kind dort interniert war.

Als wir dort lebten, war der Bezirk nicht besonders interessant. Ganz im Gegensatz zu heute. Erstaunlicherweise ist die Leopoldstadt ein lebendiges, brodelndes Viertel geworden mit sehr vielen Lokalen und Ateliers, viele davon haben den Corona-Lock-Down überlebt. Auch das jüdische Leben ist zurückgekehrt. Es gibt jede Menge koschere Geschäfte und Lokale, man sieht orthodoxe Juden mit und ohne Familie zu den wiedererstandenen Synagogen spazieren. Ich frage mich immer, wieso man diese Leute als ich im Bezirk wohnte nicht gesehen hat. Sie werden kaum neu zugewandert  sondern auch in meiner Kindheit schon dagewesen sein, aber sehr unauffällig.

Es gibt Gassen im Bezirk mit Gedenksteinen und kleinen Mahnmälern. Es ist eine recht seltsame Atmosphäre, manchmal jung und lustig, manchmal düster und schwer an den Erinnerungen tragend. Den Erinnerungen, die sich im Kopfsteinpflaster festgebissen haben und an dunklen, nebligen Tagen herauskommen um sich die Beine zu vertreten und die heitere Atmosphäre wegzudrängen. Man muss sie gewähren lassen, schließlich ist ihr Heimatrecht hier älter als jenes der jungen Szene, die sich erst vor kurzem etabliert hat.

Ich spaziere gerne durch mein „homeland“, diesen Bezirk der lauten Zwischentöne und der leisen Zivilcourage. Es hat sich vieles sehr verändert und doch auch wieder nicht. Heimat ist Heimat. Ich erkenne die Veränderungen und sehe doch vor dem inneren Auge, wie es früher ausgesehen hat. Es ist ja auch kein Zufall, dass mein Lieblingsatelier, wo ich immer wieder male ganz nah an unserem nicht mehr existenten Wohnhaus liegt.

Gerade habe ich mich vage an ein Gedicht von Anton Wildgans erinnert und es auch tatsächlich gefunden. Meine damalige Deutschlehrerin könnte einen pädagogischen Erfolg verbuchen.

Ich bin ein Kind der Stadt

Ich bin ein Kind der Stadt – Die Leute meinen

und spotten leichthin über unsereinen,

Daß solch ein Stadtkind keine Heimat hat.

In meine Spiele rauschten freilich keine

Wälder. Da schütterten die Pflastersteine,

Und bist mir doch ein Lied, du liebe Stadt.

 

Und immer noch, so oft ich dich für lange

Verlassen habe, ward mir seltsam bange,

Als könnte es ein besondrer Abschied sein.

Und jedesmal, heimkehrend von der Reise,

Im Zug mich nähernd, überläuft’s mich leise,

Seh’ ich im Dämmer deine Lichterreihn.

 

Und oft im Frühling, wenn ich einsam gehe,

Lockt es mich heimlich raunend in die Nähe

Der Vorstadt, wo noch meine Schule steht.

Da kann es sein, daß eine Straßenkrümmung,

Die noch wie damals ist, geweihte Stimmung

In mir erglühen macht wie ein Gebet.

 

Da ist ihr Laden, wo ich Heft und Feder,

Den ersten Zirkel und das erste Leder

Und all die neuen Bücher eingekauft,

Die Kirche da, wo ich zum ersten Male

Zur Beichte ging, zum heiligen Abendmahle,

Und dort der Park, in dem ich viel gerauft.

 

Dann lenk’ ich aus den trauten Dunkelheiten

Der alten Vorstadt wieder in die breiten

Gassen, wo all die lauten Lichter glühn.

Und bin in dem Gedröhne und Geschrille

Nur eine kleine, ausgesparte Stille,

In welcher alle deine Gärten blühn.

 

Und bin der flutend-namenlosen Menge,

Die deine Straßen anfüllt mit Gedränge,

Ein Pünktchen nur, um welches du nicht weißt.

Und hab’ in deinem heimatlichen Kreise

Gleich einem fremden Gaste auf der Reise

Kein Stückchen Erde, das mein eigen heißt.

Anton Wildgans

Im Café Beethoven mitten in der Stadt, soll Wildgans gerne geschrieben haben. Cafés mit dem Namen Beethoven gibt es eine Menge. Viele Spinnennetze und Verbindungen halten so eine Stadt zusammen. In Österreich wird ja immer noch gelegentlich daran gearbeitet, den Eindruck zu erwecken, dass Beethoven Österreicher, aber dafür Hitler Deutscher gewesen wäre.

Wir machen jetzt einen großen Schwenk zum moderneren Wien, zur Donauinsel, dem beliebtesten Naherholungsgebiet der Wiener. Als Überschwemmungsgebiet für die Donau gebaut, ist die Donauinsel heute ein Freizeitparadies, das die Möglichkeit für Radtouren und Wanderungen weit über das Wiener Stadtgebiet hinaus bietet. Auch für Wasserratten ist gesorgt, für die menschlichen und höchstwahrscheinlich auch für die vierbeinigen.

Man sieht hier zwar keine Yachten, keinen Raddampfer und keinen Windjammer, aber jede Menge kleiner Boote, Wasserschifahrer, Surfer. Die Insel ist groß. Man kann in abgelegenen Teilen unter Bäumen und Büschen Herz-Schmerz-Gedichte lesen oder auch schreiben oder man kann sich in den Trubel der Lokale direkt am Wasser werfen. „Konnte“ meine ich, vor Corona. 

Das Donauinselfest als Massenveranstaltung ist heuer auch abgesagt worden. Damit die Musiker irgendetwas zu tun haben, fährt ein Bus mit immer wieder anderen Musikern durch Wien, man weiß aber vorher nicht, wo er stehenbleiben wird. Der positive Effekt dieses Projekts: es finden sich nicht viele Zuhörer zusammen, weil man ja vorher nicht weiß, wo musiziert wird. Der negative Effekt dieses Projekts:  es finden sich nicht viele Zuhörer zusammen, weil man ja vorher nicht weiß, wo musiziert wird. Auf weitere Kommentare dazu verzichte ich lieber.

Die Wiener Innenstadt ist, was die Architektur betrifft, tatsächlich so etwas wie ein Freilichtmuseum. Aber es gibt auch Menschen, die dort wohnen, ganz normale Menschen, die nicht nur in Feinschmeckerlokalen sondern auch in Kantinen essen, die ihre Kleidung sicher nicht auf dem Kohlmarkt, dem teuersten Pflaster von Wien kaufen, deren Kinder in ganz normale öffentliche Schulen gehen und nicht ins Schottengymnasium und die im Urlaub an die Adria fahren und nicht in die Toskana. Und viele dieser Menschen arbeiten in der Gastronomie, im Tourismus und in der Kulturszene und sind nun arbeitslos.

Wien ohne Touristen ist ein anderes Wien. Wien ohne Konzerte, Theater, Oper, Festspiele, Ausstellungen, offene Ateliers und viele andere Veranstaltungen ist ein anderes Wien. Wien mit geschlossenen Nachtlokalen, Clubs, Diskos ist ebenfalls ein anderes Wien. Wenn auch der Blick auf das bewohnte Freilichtmuseum ein freierer, ungestörterer ist und es für uns Einheimische ein Genuss ist, nicht permanent über Reisegruppen zu stolpern.

Es ist lästig sich ständig durch die Mengen in der Innenstadt und anderswo durchdrängen zu müssen, aber schließlich muss man nur in eine Nebengasse abbiegen und schon ist niemand mehr zu sehen. Da ist das Kopfsteinpflaster in den für heute viel zu schmalen Gassen, die alten Häuser mit den Innenhöfen und diese ganz spezielle Stimmung. Ich habe einmal in einem Interview mit einem französischen Psychiater gelesen, dass für ihn die Wiener die fröhlichsten Depressiven wären, die er kenne. Da ist schon was dran.

Langsam beginnen mir die Touristen schon fast zu fehlen. Denn es macht auch stolz in einer Stadt zuhause zu sein, die so schön ist, dass so viele Menschen sie sehen wollen. Auch das gehört zum Heimatgefühl.

Wien, 21.Juli 2020

23 Kommentare zu “Heimat – ABC Etüden

  1. Dan ke für deinen persönlichen historisch vertiefenden Blick auf Wien.

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  2. Ein sehr liebevolle und interessanter Blick auf deine Stadt. Ich wollte schon vorher unbedingt mal nach Wien, jetzt noch mehr. 😊

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  3. Man merkt in jeder Zeile, dass Du Deine Stadt liebst!

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  4. Was dein Text eindrucksvoll beweist, ist, dass man sich immer von Ortsansässigen (und möglichst Einheimischen) eine neue Stadt zeigen lassen sollte, vor allem all das, was über pures Reiseführerwissen (Daten, Zahlen, Fakten) hinausgeht. Ich danke dir für dein Plädoyer für deine Stadt. Schön, ein bisschen Wien durch deine Augen zu sehen. Danke dir sehr.
    Irgendwann komme ich bestimmt auch mal hin. 😉
    Liebe Grüße
    Christiane, schwer beeindruckt, sowohl von der Örtlichkeit als auch vom Text 😀

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  5. berührend und wunderschön!
    irgendwann komm ich mal nach Wien!

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  6. Eine innige, liebevolle und sehr aufschlußreiche Etüde über das, was uns Heimat ist und bei Dir ist es Wien, die wundervolle Stadt, als die ich sie aus einer einzigen Woche im Gedächtnis habe.

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  7. Pingback: Alphabet | Etüdensommerpausenintermezzo III-2020 | Irgendwas ist immer

  8. Ja Herrgottfixnochamal – da lese ich gleich 3 DIREKTE Zusagen, deine Heimatstadt besuchen zu wollen und wie hoch die Dunkelziffer bei 28 Sternderln sein kann, will ich gar nicht erst spekulieren … Das ist ja ein ganzer Waggon der Tramway, der den Pendlern dann abgeht ! Und du willst deine Stadt lieben !? ICH hasse sämtliche Touris aller Herren Länder, die nichtmal gscheit deutsch können (Zum Glück bleiben uns momentan die Kinesen erspart) ! Kann man als Wiener denn anders ? Der Herr Van der hat das schon richtig gemacht, aber der ist Österreicher – doch Wien ist anders, sagt schon seine Eigenwerbung 😉 …

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    • Nachdem uns die Touristen ja zu einem hohen Anteil ernähren, kannst du sie ja schlimmstenfalls als wandelnde Wurstsemmeln betrachten oder als offene Geldkasssetten auf zwei Beinen. 🙂 Kürzlich hat man ja auch gehört, dass die Hallstädter sich nach den asiatischen Touristen sehen, weil ihnen die Österreicher, die jetzt dort herumwurrln noch mehr auf die Nerven gehe. Die wissen auch nicht, was sie wollen …

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      • Hahaha … ein klassisches Tourismus-Schilling-Eigentor, sozusagen … 😉
        Ich gebe allerdings gerne zu, daß ich zu meiner Xenophobie stehe, wenn es um Kinesen geht – die führen sich auf, wenn sie in Massen auftreten, als hätten sie Pinky&Brain die Weltherrschaft bereits entrissen…
        Aber gut: für einen Salzburger mag ein grantiger Wiener das größere sprechende Übel darstellen, das verstehe ich … 😉

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        • Die Kinesen sind insofern zu tadeln als sie – wenn in Gruppen – immer nur in chinesischen Lokalen essen und dadurch nicht nur die österreichische Küche gering schätzen sondern auch nicht allzu viel zur Ökonomie beitragen.
          Ich weiß ja nicht wie das mit dir ist, aber ich gehe den Leuten eher durch übertriebenen Frohsinn auf die Nerven als durch granteln 🙂

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  9. Die Erinnerungen, die sich im Kopfsteinpflaster festgebissen haben.
    Wunderbarer Satz finde ich und mir fallen auch gleich einige Orte ein, an denen man genau das spürt.
    In Wien war ich noch nicht. Wir hatten den Plan imMai mit dem Nachtzug hinzufahren, aber ein gewisses stacheliges Virus …
    Irrgendwann bestimmt.

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    • Es wird dir gefallen, in vielen Pflastersteinen hat sich sehr viel festgebissen. Es gibt aber natürlich auch das moderne Wien und das trendige und noch etliche andere, die nicht so schlecht vereinbar sind ….
      Die neuen Nachtzüge quer durch Europa finde ich sehr verlockend

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      • Ist jetzt vielleicht etwas peinlich, aber wir sind tatsächlich auf Wien gekommen, weil es der letzte Ort ist , an den man von HH mit dem Nachtzug kommen kann (den nach Paris gibt es nicht mehr, schnief…) und die Fundevögel sich soooooooo sehr eine solche Fahrt wünschen und wenn man bedenkt, dass man für die Nacht keine Unterkunft braucht sind die Preise wirklich angemessen.
        Aber solange es Abstand und nix angrabbeln heißt, fahre ich mit dem Kleinen Fundevogel nirgends hin.

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