la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

„Kälte, die dunkle Version“- SP20 #3a

26 Kommentare

Elisabeth saß auf der Parkbank neben Erich. Es war Erichs Bank. Hier verbrachte er den Tag, hier sortierte er gerne seine Besitztümer in verschiedene Behälter und Tragtaschen, im Sommer schlief er hier auch manchmal. Die Lage fand er ideal: im vorderen Bereich eines Parks, neben einem Eingang zur U-Bahn für die ganz kalten Tage und gegenüber ein Supermarkt mit großen Containern in denen täglich eine Überfülle an Esswaren landete. Die Angestellten ließen die Tore zum Müllplatz manchmal unversperrt, aber darauf war Erich nicht angewiesen. Er hatte es über viele Wege und Windungen aus seinem alten Leben zu einem Schlüssel zu dem üppigen Müllplatz gebracht. Eigentlich war er das, was man in der Leistungsgesellschaft einen tüchtigen Menschen nannte. Er schöpfte die begrenzten Möglichkeiten seiner aktuellen Lage voll aus.

Die junge Frau, die uneingeladen aufgetaucht war, kannte er schon seit ein paar Monaten. Als sie sich das erste Mal auf seine Bank setzte, wollte er grob werden und seine Besitzansprüche ganz deutlich machen, aber sie schlotterte vor Kälte und war nicht in der Lage weiterzugehen. Seltsam sah sie aus für einen Platz auf dieser Parkbank. Seltsam war auch, dass ihr Schüttelfrost langsam aufhörte, dass sie nach einer Weile sogar ihre Jacke auszog, den langen Schal über die Lehne der Bank hängte. Die Handschuhe landeten in ihrer Tasche und sie schaute sich um.

In der näheren Umgebung war Erich nicht der einzige Parkbankbewohner. Etwas weiter hinten hatten Marianne und Oskar zwei Bänke nahe nebeneinander geschoben und ihren Einkaufswagen aus dem Supermarkt dazwischen geparkt. An manchen Tagen wurden die Bänke von einem Parkaufseher oder sonst jemandem wieder auseinandergestellt. Es blieb nicht lange so.

Mit etwas gutem Willen und großzügiger Auslegung des Begriffs konnte man Marianne und Oskar als Paar bezeichnen. Beide waren sie auf ihre Art verschroben und eigenbrötlerisch und kamen selten mit jemandem länger aus. In ihrer Beziehung zueinander machten sie da gelegentlich eine Ausnahme. Wenn sie auch nicht gerade ein harmonisches Paar waren, so fanden sie doch immer wieder zusammen und es gab auch Tage an denen sie gemeinsam Erich besuchten und zu dritt die nächtlichen Erwerbungen aus den Supermarktcontainern genossen. So viel sozialer Umgang reichte ihnen dann aber für eine Weile und oft zogen sie dann auch getrennt durch andere Bezirke.

Elisabeth erinnerte sich gut an diesen ersten Tag auf der Parkbank. Sie brauchte eine Weile bis sie Erichs unfreundliche Blicke bemerkte. Die Kälte hatte sie völlig eingeschlossen, von der Welt isoliert. Ihre Knochen und Gelenke fühlten sich an wie vereist und nahe am  Splittern. Sie hatte so stark gezittert, dass sie sich kaum noch in der Lage gefühlt hatte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, nicht einmal für die wenigen Schritte, die vor ihr lagen. So fiel sie auf die Parkbank und klammerte sich an die Lehne in der Hoffnung das Zittern dadurch etwas einzudämmen. Und wirklich wurde ihr nach einer Weile langsam immer wärmer, eine Energiewelle durchflutete ihren Körper, ihre Temperatur stieg an, Muskeln und Sehnen wurden wieder geschmeidiger. Sie begann sich umzusehen. Und nach einer Weile hatte sie sich so gut aufgewärmt, dass sie weitergehen konnte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit erschien ihr der Marmorboden ihrer Eingangshalle nicht als unendliche, kalte Fläche, die sie wie eine Polarforscherin mit letzter Kraft durchqueren musste. Sie sah wieder die feine rosa-graue Marmorierung im weißen Stein und die schönen Proportionen des Raums, der Schwung des Jugendstil-Geländers der Treppe in den ersten Stock fiel ihr auf und die Schattenmuster an den Wänden der Galerie. Sie war zuhause und es war ihr nicht kalt.

Doch nach ein paar Tagen war alles wie vorher, die Kälte hatte sie wieder eingeholt. Der Schüttelfrost kam immer wieder, unter mehreren Daunendecken und mehreren Schichten von Bekleidung bei 25 Grad im Raum fror sie auch nachts erbärmlich.

Bei den zahlreichen Untersuchungen, die sie in den letzten Wochen absolviert hatte, konnte nichts weiter festgestellt werden als eine starke Untertemperatur, deren Ursache nicht geklärt werden konnte. Die Kälte war schlimm, noch schlimmer war, dass ihre Beziehungen und Kontakte zu anderen Menschen immer weniger wurden, dass die Kälte sie in jeder Hinsicht isolierte.

Auf ihrem Weg von der Privatklinik, auf die sie so große Hoffnungen gesetzt hatte, bis zum Parkplatz wo ihr Auto mit oder ohne Chauffeur auf sie wartete, musste sie den Park mit Erichs Bank durchqueren. Mehrmals schon hatte sie sich zu ihm gesetzt und jedes Mal trat der unerklärliche Erwärmungseffekt ein, der dann ein paar Tage andauerte. War die Erwärmung auf die Klinik zurückzuführen? Das konnte nicht sein, denn dort wurden nur Untersuchungen durchgeführt. Zufälle, deren Ursache nicht ergründet werden konnten? Zyklische Vorgänge im Organismus? Oder vielleicht doch der Park, die Bank, der Obdachlose? War es aber der Ort, oder die konkrete Person, oder jeder Obdachlose?

Elisabeth suchte verzweifelt nach Lösungen. Die Medizin hatte ihr nichts zu bieten, so wendete sie sich der Psychologie zu und konsultierte mehrere Größen auf diesem Gebiet. „Überschießende Psychosomatik“, „extreme Empathie“. Diese Diagnosen halfen ihr nicht weiter. Das Angebot eines Psychoanalytikers in Therapiesitzungen zwei- oder dreimal die Woche ihre Kindheit zu durchforsten, lehnte sie ab. Sie brauchte schnellere Lösungen.

Als junger Erbin eines sehr beträchtlichen Vermögens, die obendrein gerade ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hatte, boten sich ihr ebenso weitgefächerte wie interessante Einstiegsmöglichkeiten ins Berufsleben. Theoretisch zumindest. Als ständig vor Kälte zitternder junger Frau, die darauf angewiesen war in regelmäßigen Abständen, ja, was eigentlich zu tun, um ihre Körpertemperatur zu halten, boten sich ihr nur sehr wenige Möglichkeiten und keine davon gefiel ihr.

Monatelang besuchte Elisabeth Erich regelmäßig. Er war einer der ganz wenigen Menschen, die sie noch regelmäßig sah. Sie begann damit, ihm kleine Geschenke mitzubringen, weil sie Angst bekam, er könnte irgendwann nicht da sein, wenn sie ihn brauchte. Jeder Zweifel, den sie jemals gehabt hatte, dass ihm ihre Aufwärmung zu verdanken war, hatte sich verflüchtigt. Elisabeth war eine strukturierte, systematisch vorgehende Frau und hatte in der ganzen Stadt nach Obdachlosen gesucht und Kontakt mit ihnen aufgenommen. Doch kein einziger von ihnen, wärmte sie durch seine bloße Gegenwart, wie Erich das tat.

Irgendwann saßen sie nicht mehr nur schweigend nebeneinander, sondern erzählten  einander ihre Geschichten. Auch Oscar kam manchmal dazu und wäre Elisabeth aufmerksamer gewesen, so hätten ihr die Blicke, die die beiden manchmal tauschten nicht gefallen.

Erichs Alter war aufgrund seiner verwahrlosten Erscheinung schwer zu bestimmen, irgendwo zwischen vierzig und fünfzig. Er nahm für sich in Anspruch völlig schuldlos von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden und was er über sein Leben erzählte, beschränkte sich darauf, was andere getan und ihm angetan hätten. Oscar dagegen war alkoholkrank und hatte dadurch die Kontrolle über sich und sein Leben langsam verloren und war schließlich nach einer Scheidung und dem Verlust seines Arbeitsplatzes auf der Straße gelandet. Erich trank nicht und wusste auch immer sehr genau, was er tat. Auch Elisabeth erzählte. Und alles, was sie zu erzählen hatte, hätte vielleicht auch bei gefestigteren Charakteren als Erich und Oscar es waren, Begehrlichkeiten geweckt.

Ihr war nicht kalt, als sie frühmorgens das schmierige Hotel verließ, in dem sie mit Erich und Oscar eine alptraumhafte Nacht verbracht hatte. Sie wiederholte sich immer wieder, dass ihr nicht kalt war und dass sie irgendwie eine Lösung finden würde. Irgendwie musste sie Erich loswerden aber die positive Wirkung, die er auf sie hatte gleichzeitig behalten. Sie saß in ihrem kürzlich renovierten blau-weißen Esszimmer mit Blick auf den Garten, in dem zwei Gärtner arbeiteten und starrte mit leerem Blick auf die Rosen. „Und vergiss nicht nächstes Mal das Geld mitzubringen“ hatte ihr Erich noch nachgerufen „200.000“

 

26 Kommentare zu “„Kälte, die dunkle Version“- SP20 #3a

  1. Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr. 200.000 ist ja schon ganz schön happig.

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  2. Oh mein Gott! Das hatte ich jetzt gar nicht erwartet… Gibt es auch eine helle Version?

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  3. Ah, vergiss meine Frage, habe gerade deine vorherigen Beitrag gelesen 😉

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  4. Eine ansprechende Geschichte Myriade.
    Aber der Übergang zum letzten Absatz ist mir zu abrupt.

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  5. ich würde gern mal mit der „hellen“ Version vergleichen, kann sie aber nicht finden.

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  6. Ja, sehr interessant, das Ganze. Schade, dass dir die Lust vergangen ist, denn auch ich finde die Kurve, die das Ding am Ende nimmt, zu abrupt. Dass ihr Reichtum Begehrlichkeiten weckt, klar. Aber der Ausgang an sich ist, verglichen mit dem sorgfältigen Aufbau des Restes der Geschichte, nicht wirklich der Höhepunkt, und das ist schade.
    Bin gespannt auf morgen.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🍷👍

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    • Ja, leider merkt man deutlich, dass ich fertig werden wollte. Mir war es nicht so bewusst, aber wo du es sagst, ja, tatsächlich sollte das Ende ja der Höhepunkt sein. …Das Positive daran ist, dass ich jedesmal dazulerne. Ich glaube kaum, dass ich mich mit diesem Text noch einmal beschäftige. Nächste Woche bin ich unterwegs und dann ist er schon wieder weit weg ….

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  7. Erich kann – nach dem, was alles zu Anfang kommt, kein übler Kerl sein. Ein richtig übler Kerl strahlt Eiseskälte aus, keine Wärme. Das geht gar nicht, liebe Myriade

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