la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


59 Kommentare

Read on my dear – die Königin des fake

Sehr, sehr gut geschriebene Geschichten, die ich meist gerne gelesen habe, über eine erfundene Familie, erfundene Lebensumstände. So weit wäre das ja kein Problem, wenn sie nicht immer wieder die Authentizität ihrer Geschichten unterstrichen hätte. Eine erfundene jüdische Identität, 22 großteils erfundene Familienmitglieder, die sie sogar – trotz eindeutiger Gegenbeweise in den Archiven ihrer tatsächlichen Heimatgemeinde – in Yad Vashem als Holocaust-Opfer gemeldet hat. Ihr Großvater kein jüdisches Holocaust-Opfer sondern ein evangelischer Pfarrer, ihre Großmutter, von deren KZ-Trauma so oft die Rede war, ihre Schwester mit den fünf Kindern, der an Magersucht verstorbene Lebenspartner und so weiter und so weiter, ein ganzes dramatisches fiktives Universum. Die mit 19 Jahren gegründete Slumklinik in Indien, das Aufwachsen in vielen verschiedenen arabischen und afrikanischen Ländern, Studium in vier verschiedenen Ländern, ein buntes nur eben erfundenes Leben. Erfundenes Leiden über das sie sich von ihren zahlreichen Leserinnen trösten ließ. Geschichten über ein überdimensionales soziales Engagement, das hymnisch bewundert wurde.

Sie lebte nicht nur virtuell in dieser Phantasiewelt. Tatsächlich trat sie in ihrem wirklichen Leben in Irland als Jüdin auf, als Angehörige einer Familie, die ganz besonders unter den Nazis gelitten hätte. Diese frei erfundene jüdische Identität benutzte sie dazu, von den Höhen moralischer Autorität auf andere herabzusehen. Damit leistet sie den tatsächlich in Deutschland und Irland lebenden jüdischen Gemeinschaften keinen guten Dienst. Auch die angeblich mit 19 Jahren von ihr gegründete Slumklinik taucht in Texten aus der realen Welt auf

Der Blog ist gelöscht, wer sich für das Thema interessiert, kann bei „Spiegel“ und „Zeit“ nachlesen oder bei #ReadOnMyFake.


16 Kommentare

Novembergedanken

Diese Tage sind so geschichtsträchtig, jeder Stein, jede Wand scheint ihre Erinnerungen abzustrahlen, verstärkt durch die unbewegliche Düsterheit des Wetters. Noch nie habe ich das so intensiv erlebt wie in diesem Jahr. Die menschlichen Abgründe erscheinen bodenlos und meine Gedanken darüber, wie ich selbst mich wohl verhalten hätte, kreisen in einer Endlosschleife, die sich nicht auflösen lässt. Wohl gab es Menschen, die sich menschlich verhalten haben, die ihre Überzeugungen nicht der Angst geopfert haben, selbst in Gefahr zu geraten, quer durch alle Gesellschaftsschichten hindurch gab es sie. Aber es waren so wenige, so wenige im Vergleich zu jenen, die entweder feige oder auch völlig verführt, verblendet und verroht waren.

Ich war nur einmal in Israel, im Februar 2000 und natürlich haben wir Yad Vashem besucht. Warum tut man sich das an? Aus Interesse oder doch aus einem diffusen Sippen-Schuldgefühl heraus? Es war genauso schrecklich, wie ich es mir vorgestellt hatte, wie es sich wohl alle Mitglieder der Reisegruppe vorgestellt hatten. Wir waren, ich weiß nicht mehr genau, zehn, zwölf Leute und ausnahmslos alle waren mit großen Sonnenbrillen erschienen. Als ließen sich die heftigen Emotionen, die an einem solchen Ort unweigerlich entstehen hinter Sonnenbrillen verbergen. Einmal ganz abgesehen davon, dass es gar nicht verständlich ist, warum man sie verbergen möchte. Welche Österreicher, welche Deutschen könnten sich ungerührt an so einem Ort aufhalten, wo immer die Möglichkeit besteht, die eigenen Väter, Großväter, Brüder, Onkel, Cousins als Schlächter auf irgendeinem Foto wiederzufinden, die Orte an denen man lebt, als Orte eines Massakers, eines Pogroms, eines Mordes oder der massiven Erniedrigung von Menschen zu entdecken. Wer da nicht weint …

Zwei Dinge sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Ein kleines Gebäude. Man geht hinein, es ist völlig finster und es werden die Namen ermordeter Kinder vorgelesen in einer endlosen Abfolge; es scheint als wäre die halbe Welt schon im Kindesalter ermordet worden, man taumelt wieder hinaus, ans Licht. Persönlich sehr berührt haben mich auch einige ganz andere Ausstellungsstücke; vergilbte Hefte, in denen die ersten Schreibversuche in hebräischer Schrift von nach Israel  Eingewanderten zu sehen sind. Viele Menschen, die sich von ihrer Herkunft her als Juden fühlen, sind ja gar nicht religiös. Damals wie heute. Ich kenne einige solche „jüdische Atheisten“, die sich alle mit der Frage auseinandersetzen, was denn  jüdische Identität ausmacht. Allerdings ist mir noch niemand begegnet, der/die seine Zugehörigkeit zum Judentum prinzipiell in Frage gestellt hätte. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der europäischen Intelligenz wurde ihrer Heimat, ihrer Menschenrechte, ihrer Sprache und Schrift beraubt und musste ganz von vorne beginnen: sie mussten eine für viele völlig neue Sprache und Schrift lernen.