Schlagwort: Literaturreise

Neuer Aufbruch in der Literaturweltreise 37. Station

In  den letzten Wochen hatte ich wirklich viel Zeit zum Lesen. Nachdem der F und ich beide sehr gerne und sehr viel lesen, haben wir auch immer genügend „Material“ herumliegen und so bin ich wieder zu einer etwas intensiveren Phase der Literaturweltreise aufgebrochen. Das letzte Quartal des Jahres bei Yvonne ist ja noch nicht vorbei.

Xiaolu Guo

„Es war einmal im Fernen Osten“

Es ist die Autobiographie einer chinesischen Autorin und Filmemacherin, die heute in Berlin lebt und in den 1970er Jahren in Südchina aufgewachsen ist.

„Ich kam als Waise zur Welt. Nicht, weil meine Eltern gestorben waren, nein, sie waren beide quicklebendig. Doch meine Eltern haben mich weggegeben. (…) Gleich nach meiner Geburt wurde ich zu einem Bauernpaar gebracht, das in einem entlegenen Bergdorf unserer Provinz am Ostchinesischen Meer lebte“ p.19

Aber auch diesen „Adoptiveltern“ wird das Baby zur Belastung und so bringen sie sie zu ihren Großeltern in ein Fischerdorf auf der Halbinsel Shitang. Dort wächst Xiaolu auf bis ihre Eltern sie zu sich in eine größere Stadt holen.

Besonders eindringlich fand ich die Schilderung der Großmutter und deren sklavenähnlichen Lebens im Haus ihres Mannes :

„Meine Großmutter war eine gute, manchmal ein wenig ängstliche Frau. Obwohl sie fast nie einen Pfennig in der Tasche hatte, schaffte sie es immer, ein paar kleine Geschenke für die Kinder, die draußen auf der Straße spielten, zusammenzukratzen: Bonbons, Reisreste oder eine Handvoll bunter Muscheln. Sie war gutmütig, still und der bescheidenste Mensch, der mir jemals begegnet ist. Ich bildete mir ein, dass ihr Buckel eine Folge dieser Demut war. Er machte sie langsam, sie konnte noch nicht einmal in einem normalen Tempo gehen. Natürlich spielten dabei auch ihre winzigen, gebundenen Füße eine Rolle, über die sie sich aber nie beklagte“ p. 29

Als 7jährige lernt sie ihre Eltern kennen und lebt von da an mit Eltern und Bruder in Wenling, wo sie 1980 eingeschult wird. Ihre Erinnerungen an ihre Kindheit sind nicht allzu gut, für westliche Leser*innen aber höchst interessant. Ihre Mutter war eine begeisterte Rotgardistin, ihr Vater dagegen ein „Klassenfeind“. Dieses – zumindest für meine Begriffe – ungewöhnliche Paar hat einen Sohn und eine Tochter, die sehr verschieden behandelt werden und einander auch nicht mögen. Die Familie wohnt in einem kommunistischen Wohnhof, dessen Beschreibung allein es schon wert gewesen wäre das Buch zu lesen.

Aus diesen Verhältnissen heraus gelingt es Xiaolu einen Studienplatz an der Filmhochschule in Peking zu ergattern. Während sie noch in China lebt, beginnt sie zu schreiben. Fasziniert hat mich auch ihre Beschreibung der chinesischen Zensur ihrer Romane, was warum geschrieben werden soll oder nicht geschrieben werden darf.

Der Roman beginnt damit, dass Xiaolu 2013 mit 40 Jahren in einem Londoner Krankenhaus eine Tochter zur Welt bringt und dann beschließt sich ihrer Vergangenheit zu stellen und ihre Mutter in China zu besuchen.

34. Station der Leseweltreise – Malediven

Sehr lange habe ich für dieses Buch gebraucht, immer wieder kam anderes dazwischen.

Es handelt sich um ein Reisebuch, in dem es um die halbe Welt geht und so suche ich mir ein Land daraus aus zu dem es wahrscheinlich schwierig ist, Lesestoff zu finden: die Malediven.

Erich Follath

„Jenseits aller Grenzen“

Auf den Spuren des großen Abenteurers Ibn Battuta durch die Welt des Islam 

Penguin: 2017

Ibn Battuta war ein Abenteurer, ein Reisender aus dem 14. Jahrhundert, der wesentlich weiter gereist ist und mehr gesehen hat als der in Europa viel bekanntere Marco Polo.

Ibn Battuta stammt aus einer in Tanger ansässigen Berberfamilie. Er studiert islamisches Recht und bricht 1325 mit 21 Jahren zu einer Pilgerfahrt nach Mekka und Medina auf. Erst 25 Jahre später kehrt er in seine Heimatstadt zurück. Drei Jahre nach seiner Rückkehr bricht er noch einmal zu einer großen Reise bis nach Timbuktu auf.

Während seines bewegten Lebens beschäftigt er sich mit allen möglichen Professionen: Richter, Diplomat, Gelehrter, Makler und Kaufmann. Was sein Privatleben betrifft, so würde ich ihn nicht unbedingt als Sympathieträger bezeichnen. Er heiratete über ein halbes Dutzend Frauen und hatte zahllose Konkubinen und Sklavinnen, zeugte über 15 Kinder und verließ alle diese Frauen und Kinder wieder ohne Skrupel und Sentimentalitäten. Er liebte Macht und Geld, war aber auch ein Mensch mit großer Liebe zur Spiritualität.

Nach der Rückkehr von seiner Rreise nach Timbuktu regt der einflußreichste Mann Marrokos, der Sultan von Fez, Abu Inan Faris an, Ibn Battuta möge doch einen Bericht über seine ausgedehnten Reisen schreiben. Dazu stellt er ihm eine Art Ghostwriter zur Seite, einen jungen andalusischen Schriftsteller.

„Dieser Ibn Juzayy erweist sich als ein Segen und ein klein wenig auch als ein Fluch für das gemeinsame Werk. Als Dichter hochbegabt. gelingt es ihm, die sprudelnden Erinnerungen seines Gegenübers in eine ansprechende, ja literarische Form zu gießen. Aber Ibn Juzayys primäres Interesse gilt nicht einem genauen zeitlichen Ablauf der Ereignisse, und Ibn Battuta, der offensichtlich kein Tagebuch geführt hat, gerät gelegentlich bei seinen Erzählungen so aus dem Takt- und aus der Zeit-, dass jeder neuzeitliche Wissenschaftler oder Nachreisende vor einigen Passagen kopfschüttelnd konstatiert und kapituliert: Ganz so kann es nicht gewesen sein.

(…)

Trotz dieser kleinen Abstriche: dem Autorenpaar gelingt inhaltlich wie sprachlich, ein großer Wurf. Im Frühjahr 1355 vollenden sie das Werk“ p. 21

In diesem Buch beschreibt Erich Follath, Politikwissenschaftler und bekannter Sachbuchautor, der als diplomatischer Korrespondent für den SPIEGEL vor allem im Nahen Osten, Indien und Ostasien tätig war, eine Reise auf den Spuren Ibn Battutas. Follath erzählt von Ibn Battutas Reisen und Leben im 14. Jahrhundert und von seinen eigenen Eindrücken und Erfahrungen in den bereisten Ländern.

Zwischen Mittelalter und 21. Jahrhundert reisen die Leser*innen an folgende Orte:

Tanger, Ibn Battutas Geburtsstadt

Kairo 

Damaskus

Mekka, wohin er mehrere Male reiste, wohin ihm Erich Follath nicht folgen konnte; und sollte er es doch getan haben, kann er nicht in einem Buch darüber erzählen

Shiraz

Dubai, worüber hauptsächlich Follath berichtet, da zu Zeiten Ibn Battutas dort nicht viel mehr als Sand zu finden war

Istanbul

Samarkand

Delhi

Male, die Hauptstadt der Malediven

Jakarta

Hangzhou

Granada

An manchen Stationen fand ich die Berichte Ibn Battutas interessanter, an anderen die Berichte aus der Jetztzeit und immer die Verbindungen über 700 Jahre hinweg.

Ein außerordentlich interessantes Buch, das man allerdings nicht schnell einmal an einem Nachmittag liest.

33. Station der Literaturweltreise – Schweiz

In diesem Fall bin ich nicht weit weg, aber hoch hinauf gereist:

Hier findet meine Literaturweltreise statt

Angelika Overath

„Alle Farben des Schnees“

btb-Verlag 2o13

Es handelt sich hier um ein Tagebuch der Autorin, die mit Mann und Kind 2007 von Tübingen in das Engadin zog, in den kleinen Bergort Sent. Von 1. September bis 1. September dokumentiert die Autorin ihr neues Leben im Dorf. Einerseits ist es ein persönliches Tagebuch, das die vielfältigen Interessen aus verschiedensten Lebensbereichen von Angelika Overath spiegelt, andererseits befasst es sich auch recht umfassend mit der Sozialgeschichte des Ortes und der Region.

Die Bilder aus dem Dorfleben – vor allem jene aus den Wintermonaten – werden sehr dicht und atmosphärisch geschildert. Der Alltag und das kulturelle Leben, an dem sich die Autorin intensiv beteiligt, erscheinen einem Stadtmenschen wie mir geradezu exotisch, wie aus einer anderen Welt.

Sehr interessiert haben mich auch die Berichte über das Rätoromanische. Der siebenjährige jüngste Sohn der Familie ist mitgezogen und besucht eine Schule mit Unterrichtssprache Rätoromanisch, wo er sich entgegen der Befürchtungen seiner Mutter sprachlich und sozial sehr schnell integriert. Sie selbst beginnt auch Rätoromanisch zu lernen, was die Basis ihrer eigenen Integration ins Dorfleben legt. Viele Menschen werden in dem Tagebuch beschrieben, immer aus einer positiven Perspektive.

Ein kleines, feines Buch, dessen in den Wintermonaten geschriebenen Teil ich bei der herrschenden Hitze als sehr angenehm kühlend empfunden habe.

29. Station der Literaturweltreise – Kirgisien

Tschingis Aitmatov

„Kindheit in Kirgisien“

Unionsverlag Zürich 1999

ISBN: 3-293-20153-9

Kindheit und Jugend des Autors sind das Thema dieses Buchs, das außerdem ein bisschen Lyrik beinhaltet und einen etwas kuriosen dritten Teil, der sich mit seiner Tätigkeit als Landwirtschafts- und Viehzuchtexperte befasst. Man findet da etwa eine kurze Abhandlung darüber, ob man Kühe dreimal oder viermal täglich melken soll. Die Genossin Siptchenko, Melkerin in der Sowchose Frunse hat dazu einen Artikel in einer einschlägigen Zeitschrift geschrieben, in dem sie Aitmatov zu diesem Thema widerspricht.

Auch die Kindheitserinnerungen führen in völlig fremde Lebenswelten. In Aitmatows frühe Kindheit fällt die Zeit, in der die Kirgisen ihr Nomadenleben aufgaben bzw aufgeben mussten. Sie ließen sich in Kolchosen und Sowchosen nieder.

„Wenn die Bewegung zum Aufbruch einsetzt, geraten alle in eine gehobene, ja erregte Stimmung.

Die Jurten werden zusammengetragen. Die Gerätschaften werden auf Kamele, Pferde und Ochsen gepackt. Und danach bricht die ganze Gemeinschaft der Nomaden mit ihren zahlreichen Viehherden aus Steppen und Vorbergen in die Richtung der hohen schneeweißen Bergriesen auf. Sie ziehen über die Pässe hin zum Dschailoo, den sommerlichen Weidegründen im Hochgebirge.

Das Nomadenlager ist ein wohlgeordnetes System, man musste alles vorkehren  damit die Umsiedlung normal ablief und das Leben in den Bergen im Handumdrehen weitergehen konnte. Dort musste alles griffbereit sein, auf der Stelle ausgepackt, ausgebreitet und eingerichtet werden können.

Die Viehzüchter und ihre Angehörigen kommen ja an einen völlig menschenleeren Ort. Die Menschen hätten sich an diesem Platz seit langem niedergelassen und angesiedelt, wäre dort ein Leben das ganze Jahr über möglich gewesen“ p. 25

Erinnerungen an die letzten Tage des Nomadenlebens, an den Vater, der zunächst unter den Sovjets eine gute Stellung zu haben scheint, schließlich aber bei Unruhen 1937 erschossen wird. Erinnerungen an das schwierige Leben nach dem Tod des Vaters; Erinnerungen an die Mutter und die Tante Gülscha-apa.

Die kirgisischen Männer wurden massiv für den Krieg eingezogen und viele Jugendliche mussten Tätigkeiten übernehmen für die sie viel zu jung und überhaupt nicht qualifiziert waren. Aitmatov etwa wurde als Vierzehnjähriger Parteisekretär und Eintreiber der Kriegssteuer, einer seiner Freunde wurde mit sechzehn Jahren als Rektor einer Schule eingesetzt. Aitmatovs berufliches Leben gestaltete sich sehr abwechslungsreich: Nach einer Zeit als Viehzüchter besuchte er das Gorki-Literatur-Institut in Moskau und begann zu schreiben. In weiterer Folge wurde er Botschafter, zunächst Botschafter der UdSSR in Luxemburg, dann vertrat er ab Ende 1991 die aus der UdSSR entstandene Russische Föderation und schließlich 1994 wurde er zum Botschafter Kirgisiens bei der EU in Brüssel.

Die Texte sind kurz, flüssig geschrieben und führen in eine untergegangene Welt und Kultur. Aitmatov legte Wert darauf, dass seine Geschichten im Stil nicht an Niedergeschriebenes sondern an Erzähltes erinnern sollten.

Oho ……

Oho, Besuch aus Trinidad und Tobago. Blogbesuch, kein echter.

Wo genau liegt das überhaupt? Hier!

Bildergebnis für Trinidad und Tobago

Nun, es wird nicht einfach sein, ein Buch aus/über Trinidad und Tobago aufzutreiben für die Literaturweltreise. Ich setze es einmal auf die Liste. Da stehen auch schon die Cayman Islands, auch eine größere Herausforderung.

Bildergebnis für Cayman islands

Vielleicht lese ich etwas über Briefkastenfirmen oder die Geheimnisse der Palmenzucht.

In der Karibik ist es mir viel zu heiß, aber bei unserem derzeitigen Nicht-Frühling finde ich es ganz beschwingend an Palmen, Sandstrände, Kolonialarchitektur und gut gelaunte, tanzende, bunt gekleidete Menschen zu denken. Es lebe das Klischee!

27.Station der Literaturweltreise – USA 3

Bevor ich wieder zurück nach Zentralasien reise, habe ich noch zwei Abstecher gemacht. Den ersten davon in die USA durch das Buch der Stadt Wien 2017:

Stewart O`Nan

„Letzte Nacht“ 2007

Das cover fand ich extrem unattraktiv, den Autor kannte ich auch nicht, aber bis jetzt fand ich alle Wienbücher gut oder sehr gut und so habe ich auch dieses gelesen.

Es hat einen originellen Plot: es geht um den letzten Tag einer unrentabel gewordenen Filiale einer Restaurantkette. Der Filialleiter und einige andere Angestellte werden in eine andere Filiale übernommen, die anderen gekündigt. Auch eine gescheiterte Liebesbeziehung zwischen dem Filialleiter und einer Angestellten hat Platz.

Die Geschichte ist nicht gerade heiter, hat aber eine dichte Atmosphäre und bietet Einblick in beruflichen Alltag. Wir befinden uns im Winter, es schneit heftig, die Straßen werden langsam unpassierbar und es stellt sich die Frage, ob es sich überhaupt lohnt das Restaurant für den Abend aufzusperren. Die geschilderten Charaktere sind sehr plastisch und einprägsam geschildert. Die Vorgänge unspektakulär und doch intensiv.

Was mir – als Niederschlagsfan – besonders gut gefallen hat, ist die Schilderung der Schneelage. Ob der Schnee nun senkrecht oder horizontal fällt, in welcher Konsistenz, wie weit man noch sieht, die Wind- die Lichtverhältnisse auf dem Parkplatz vor dem Lokal.

Bevor ich nach Kirgisien reise, mache ich noch einen Sprung zurück in der Zeit, zur 28.Station.

Hier geht´s zu meiner Lesereise

26.Station der Literaturweltreise – Kasachstan

Kasachstan ist einer der Schauplätze dieser wahren Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen und mehrere Kontinente zieht.

Ulla Lachauer

„Ritas Leute.Eine deutsch-russische Familiengeschichte“

Rowohlt Verlag: 2002

Erstauflage: Amman Verlag:1996

Bevor ich blogs aus Deutschland zu lesen begann, war mir das Thema Russland-Deutsche völlig fremd. Langsam begann es mich zu interessieren.

Rita Pauls, die junge Frau auf dem cover stammt aus Karaganda mitten in der kasachischen Steppe. Ihre Großeltern wurden unter schwer vorstellbaren Bedingungen aus dem Ort Lysanderhöh, der zu der wolgadeutschen mennonitischen Kolonie gehörte 1930 nach Kasachstan deportiert, mitten in die Steppe, wo einige der Gruppe in Erdlöchern den ersten Winter überlebten

In dem Buch wird die Familiengeschichte aufgerollt: von Deutschland an die Wolga, nach Kasachstan und zurück nach Deutschland. Einen Zweig der Familie gibt es auch in Kanada. Die Haupterzählerin ist Ritas Großmutter Maria Pauls, die in Lysanderhöh noch zu Zeiten des letzten russischen Zars geboren wurde, ein paar Monate vor der Oktoberrevolution und 1989 zum zweiten Mal in ihrem Leben in ein ihr völlig unbekanntes Land, nach Deutschland auswandert.

Diese Art Buch lässt sich nicht wirklich zusammenfassen. Es besteht aus einzelnen, manchmal etwas langatmigen, aber durchwegs interessanten Geschichten aus einer für mich völlig fremden Welt. Deportation in Viehwägen, Leben und Sterben unter Stalin zwischen Arbeitslager und menonnitischer Kirche. Zeitgeschichte aus sehr persönlich gefärbter Sicht.

Empfehlenswert, wenn man bei der Lektüre auch nicht allzuviel über Kasachstan erfährt, das ja das eigentliche Thema dieser Station der Literaturweltreise ist ….

Zu meiner Weltreise

Pfui Stalin, die Freiheit der Wissenschaft und Ochsenherztomaten – „Pfui“ am Mitmachblog

Ochsenherztomaten, wie riesige Herzen geformt, 500g und schwerer, fest und kernarm, von hellem Ziegelrot, das unter sehr dünner Haut etwas ins Bläuliche zu changieren scheint, wurden in dem Buch, das ich gerade lese von einer russlanddeutschen Familie aus der kasachischen Steppe nach Deutschland mitgebracht.

Im kasachischen Karaganda (Qaraghandy) mitten in unfruchtbarer Steppe waren die führenden sowjetischen Agrar-Biologen inhaftiert und beschäftigten sich trotz Stalin mit großem Erfolg mit ihrem Fachgebiet.

„Die wissenschaftlichen Zuchtanstrengungen sind in den Sammlungen und Unmengen von Archiven gut dokumentiert. Noch hat niemand diesen Schatz ausgewertet.Im KARLag, vorzugsweise in Dolinka, dem Ort seiner zentralen Verwaltung, wurde die Führungsriege der Moskauer Landwirtschaftsakademie gefangen gehalten.Und die Experten aus den Versuchs-Sowchosen um Dolinka wurden in das junge Karaganda überstellt. Karaganda verdankt (…) seine energische Begrünung der Stalin´schen Wende der Biologie.

Von einer weltweit renommierten Erfahrungswissenschaft, die auf der Mendel´schen Genetik fußte und deren Protagonist Nikolai Wawilow war, zur Ideologie Trofim Lyssenkos. Dessen These von der „Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften“ wurde gegen Ende der Dreißiger zur Staatsdoktrin, Stalins Wertschätzung galt besonders dem Anwendungsgebiet „Homo Sovieticus“. Einmal kommunistisch erzogen, so Lyssenko, vererbt der Mensch das Gelernte automatisch weiter. Wer dem widersprach hatte sein Leben verwirkt (Wawilow verhungerte 1943 im Gefängnis von Saratow) oder wurde mit Lagerhaft bestraft.Diese Ausgestoßenen haben in der kasachischen Steppe eine wahre Großtat vollbracht. Karagandas reicher botanischer Garten lässt ahnen, wie sehr man sich am Ort seiner Verbannung verwurzeln kann.“

Ulla Lachauer „Ritas Leute.Eine deutsch-russische Familiengeschichte“ p. 479. Rowohlt: 2002

Status Literaturweltreise

Ich lee gerade über Kasaschtan, habe noch Kirgisien, Armenien und Algerien in der Warteschleife. Ein kirgisisches Buch erwartet mich schon, Armenien und Algerien wird nicht schwer zu finden sein. Aber gestern schaute jemand von den Cayman Islands vorbei und heute gab es einen Besuch aus Belarus. Das sind Herausforderungen !

25.Station der Literaturweltreise – Japan 2

Kazuo Ishiguro

„Als wir Waisen waren“

Heyne: 2016

ISBN 978 – 3- 453-421554

Meine literarische Weltreise

Ich habe noch keinen Ishiguro gelesen, den ich nicht großartig gefunden hätte; so auch diesen. Daher habe ich meine Zentralasienreise für einen Abstecher nach Japan bzw China unterbrochen.

Es ist eine ziemlich wilde Geschichte, die hier erzählt wird. Ein junger Engländer ist in den 1930er Jahren in London als Detektiv sehr erfolgreich. Über diese Tätigkeit erfährt man aber nichts und sie ist auch für die Geschichte nur insofern relevant als man als Leser annehmen kann, dass  der Erzähler im Bereich der Recherchen kompetent ist. Dieser junge Mann ist im International Settlement in Shanghai aufgewachsen gemeinsam mit Kindern aus aller Welt. Als er ungefähr zehn ist, verschwindet zuerst sein Vater, kurz danach auch seine Mutter und er wird nach England zu seiner Tante geschickt ohne dass das Verschwinden der Eltern aufgeklärt worden wäre.

Die Nachforschungen nach dem Verbleib seiner Eltern betreibt er jahrelang und systematisch. Ein Zeitstrang des Romans erzählt seine Kindheit in Shanghai, der andere die Gegenwart, in der er schließlich selbst nach Shanghai fährt um seine Recherchen abzuschließen.

Ich fand es manchmal schwierig zu sehen, ob der Erzähler sich kurz in ein Fantasiereich verirrt hat oder sich in der Realität befindet. Auch die Auflösung des Rätsels stellte mich vor die Frage, ob solche Vorfälle damals in Shanghai möglich gewesen wären. Es ist eine äußerst spannende Handlung, die in einigen Sequenzen ihre Figuren durch die Hölle gehen lässt, in anderen Erinnerungen aus einer behüteten Kindheit erzählt.

Auch mehrere Nebenfiguren sind sehr plastisch und interessant. Der beste Kindheitsfreund, der darunter leidet, dass seine Eltern ihn nicht japanisch genug finden und dem der Erzähler unter schrecklichen Bedingungen wieder begegnet. Die englische Lady, die auf der Suche nach einem ganz besonderen Mann ist und sich in eine grässliche Ehe verirrt. Die Adoptivtochter des Erzählers, eine sehr interessante Persönlichkeit

Opium spielt in dem Roman eine Rolle. Nach zwei Opiumkriegen, in denen die Briten China den Import der Droge aufzwangen, wird  zum Zeitpunkt der Erzählung Opium von Briten und Chinesen gemeinsam vertrieben. Die Opfer sind zahlreich, die Gewinne gigantisch. Auch der zweite japanisch-chinesische Krieg spielt in dem Roman eine Rolle. Zu dem Zeitpunkt der Handlung sind die Japaner bei der Eroberung Shanghais gerade sehr weit gekommen.

Klingt nach einem Action-Roman. Das ist es aber keineswegs, es ist ein Text mit der Qualitätsmarke „Ishiguro“.

19. Station der Leseweltreise – USA

Liebhabern des Schauerromans oder der Horrorliteratur ist Howard Philipps Lovecraft (1890-1937) sicherlich ein Begriff. Was dabei herauskommt, wenn ein etwas paranoider, rassistischer Sonderling mit einer Vorliebe für die unheimliche Phantastik und Talent zum Schreiben zur Feder greift … Ich lese Lovecraft richtig gerne und finde, dass er E.A Poe, der ihn stark inspirierte in nicht allzuviel nachsteht. Immerhin hat er in den wenigen Jahren seiner literarischen Karriere den doch ziemlich umfangreichen kosmischen Cthulhu-Mythos erdacht.

Viele seiner Kurzgeschichten habe ich gelesen. Ach, „Schatten über Innsmouth“ oder „die Farbe aus dem All“, „die Ratten im Gemäuer“ und viele andere. Ein etwas ungustiöses, aber prickelnd schauerliches Lesevergnügen. Mir fallen spontan die Stufen ein, die unter dem uralten Familienschloss durch den Felsen hinunterführen tief in die Erde hinein, zu unsäglichen Gräueln (um mit Lovecraft zu sprechen). Nach ausgiebigen Andeutungen über diese Gräuel ist der Höhepunkt der Geschichte, dass diese in den Fels gehauenen  Stufen …….. von unten nach oben gemeißelt wurden.

Eine sprachliche Anmerkung: ich denke noch darüber nach ob Gräuel grauenhafter sind als Greuel ….

Abgesehen von vielen Kurzgeschichten in verschiedenen Längen hat Lovecraft auch ein  Werk über das Horrorgenre geschrieben „Supernatural horror in literature“ und einen einzigen Roman „Der Fall Charles Dexter Ward“, den ich kürzlich gelesen habe.

Die Geschichte unterscheidet sich nicht wesentlich von vielen anderen: ein bis zu einem gewissen Zeitpunkt relativ normaler junger Mann, der sich sehr intensiv für die Geschichte Massachusetts und vor allem seiner Heimatstadt Providence interessiert, gerät in den Bann eines mysteriösen Vorfahren, der mit alchemistischen und sonstigen finsteren Praktiken Tote erweckte und dem es irgendwie gelungen ist das Übernehmen eines Nachfahren vorzubereiten und schließlich durchzuführen. Wer das Genre nicht mag, wird im besten Fall verwundert den Kopf schütteln …

S.T.Joshi, der – wie ich erfahre – weltweit führende Lovecraftexperte hat den Text, den ich gelesen habe ausführlichst kommentiert. Sein Fokus lag dabei auf der realistischen Beschreibung von Providence und einiger prominenter Zeitgenossen von Lovecraft. Dieser Aspekt hat mich allerdings nur am Rande interessiert.

Ah, und noch ein Hiweis für Lovecraftfans: kürzlich habe ich in einer Wühlkiste doch tatsächlich dieses gefunden:

Es gibt ja Leute, die sowas sogar kaufen *hüstel* Nach Überfliegen der Einleitung scheint das ein ernstgemeintes Werk zu sein, in dem etliche gelinde gesagt eigenartige Rituale, Symbole und Anrufungen beschrieben werden. Der Autor soll ein Priester sein. Na ja, also zu meiner Ehrenrettung betone ich, dass es ein extrem billiges  Sonderangebot war ….

18.Station der literarischen Weltreise – Israel 2


Nachdem mir das erste Buch, das ich von Lizzie Doron gelesen habe (klick) sehr gut gefallen hat und mir dieses Buch auch sehr empfohlen wurde, habe ich zugegriffen.

In „Das Schweigen meiner Mutter“ geht es weitgehend um die Generation der Kinder der Shoa-Überlebenden, um das Trauma der zweiten Generation, mit dem sowohl die Kinder der Opfer als auch jene der Täter leben.

„Deine Mutter hat immer zu mir gesagt:Golda wann hörst du endlich auf Brachale Geschichten von der Shoah zu erzählen? Was kann sie damit anfangen, mit Krematorium, Transport, Aktionen? Gib deiner Bracha Freude. Die Shoah ist nicht ihr Leid, sie ist unser Leid“ Golda seufzte tief. „Leider habe ich nicht auf sie gehört“. p.205

Das Schweigen der Mutter bezieht sich aber nicht nur auf ihre persönliche Geschichte sondern auch auf das scheinbare Verschwinden ihres Mannes, des Vaters der Erzählerin.

Doron beschreibt, wie sie als Kind, ständig auf der Suche nach ihrem Vater, ihre gesamte Umgebung immer wieder nach ihm fragt und dabei den Eindruck hat, dass manche ihrer Nachbarn und Freunde etwas über ihn wissen, ihr aber nichts sagen.

Zwei Zeitstränge laufen nebeneinander: die Kindheit der Erzählerin mit der Suche nach dem Vater und dem Schweigen der Mutter und die Gegenwart in der auch vom Leben vieler gleichaltriger Freundinnen berichtet wird.

Lizzie Doron schreibt eine sehr klare, schnörkelfreie Sprache, die direkt den Kern des Geschehens trifft. Die Personen in ihrer Geschichte sind bunt und schienen mir sehr authentisch.

„Alles, von dem ich wollte, dass du es weißt, habe ich dir gesagt“ Ein Satz, den die Protagonistin von ihrer Mutter mehrmals hört.

12. Station der literarischen Weltreise -Litauen

Jurga Ivanauskaité

„Placebo“

Zu dem Buch habe ich ja schon ausführlich geschrieben hier, hier und hier.  

Wie man sieht, ist auch das Cover sehr skurril. „Placebo“ nennt sich übrigens die weltumspannende Verschwörung, die in der Geschichte eine große Rolle spielt. Der Text ist sehr gut geschrieben, hat aber etliche Längen, es wechselt auch häufig die Erzählperspektive zwischen mehreren Figuren.

Die Einblicke in die litauische Gesellschaft waren sehr interessant, wenn ich auch keine Möglichkeit (und Lust) habe zu überprüfen,. inwiefern sie der Realität entsprechen. Als Katzenfreundin habe ich mich über das Ende der Geschichte gefreut: die Katzen retten die Welt!

Und nun begebe ich mich an das andere Ende der Welt mittels eines Romans, der in einer wesentlich kühleren und schnörkselfreien Sprache geschrieben ist.

 

6. Station der Literaturweltreise

Die Reiseroute

Es hat mir keine Ruhe gelassen ! Ich habe schon ein Buch dieser Autorin gelesen, das mir nicht besonders gefallen hat. Ich habe aber eine Menge Positives über sie gehört und so bin ich noch einmal nach Nigeria gereist um ein weiteres Buch von Chimamanda Ngozi Adichie zu lesen.img_1083

Es hat mir viel besser gefallen, als Buch Nr. 1 (siehe Reiseroute) , allein schon deswegen, weil es in Nigeria und nicht in den USA spielt.Der Titel des Buchs „Die Hälfte der Sonne“ erklärt sich daraus, dass in der Fahne von Biafra eine halbe Sonne zu sehen war

Es ist zu Beginn schwierig festzustellen, wer der/die Protagonisten sind, weil die Erzählperspektive zwischen mehreren Personen hin und her wechselt. Im Zentrum des Geschehens stehen zwei junge Frauen, Zwillingsschwestern, die der ebenso reichen wie korrupten nigerianischen Oberschicht angehören, ihre Familien und Partner, in sehr prominenter Rolle auch der Houseboy des Partners einer der Schwestern.

Das Buch erzählt die Geschichte des Völkermords an den Igbos, die Entstehung und den Untergang des Staates Biafra, den Krieg zwischen Nigeria und Biafra, das Töten, den Hunger, den Zorn, auf 626 Seiten, die ich ziemlich schnell gelesen habe. Ja, es hat mir gefallen, aber …… Immer gibt es ein „aber“. Die Geschehnisse sind nicht linear erzählt, sondern die Erzählung springt zwischen den „frühen Sechzigerjahren“ und den „späten Sechzigerjahren“ hin und her. Es wird Spannung aufgebaut indem von Situationen in den späten Sechzigern berichtet wird, deren Ursprung Jahre zurück liegt und die erst erklärt werden, wenn die Erzählung wieder in der Zeit zurückgeht. Ich habe das als ungeschickt angewandten Erzähltrick empfunden. Auch linear erzählt wäre die Geschichte mitreißend genug gewesen.

Die Autorin ist selbst eine Igbo, hat den Biafra-Krieg nicht selbst erlebt, widmet aber dieses Buch ihren Großeltern:

Meine Großväter, Nwoye David Adichie und Aro-Nweke Felix Odigwe, die ich niemals kennenlernte, haben den Krieg nicht überlebt.

Meine Großmütter, Nwabuodu Regina Odigwa und Nwamgbafor Agnes Adichie, beides bemerkenswerte Frauen, kamen mit dem Leben davon.

Dieses Buch ist der Erinnerung an sie gewidmet;

ka fa nodu na ndokwa.