la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Sauerkraut, Alzheimer und der letzte Mittagsschlaf

Heute musste ich wieder einmal an sie denken als ich im wunderschön blühenden Garten eines Altersheims versuchte mit mehreren dementen alten Damen Konversation zu machen.

Man hat sie gefunden die Helga nach ihrer Zwangspensionierung wegen untragbarem Alkoholismus, auf ihrem Bett liegend, voll angezogen, sogar mit einer Halskette und einer Zeitung auf dem Bauch, die ihr aus den Händen geglitten war. Ihre Mutter war überzeugt, dass sie bei ihrem Mittagsschlaf, den sie jeden Tag hielt, immer angezogen und immer Zeitung lesend, an einer nicht näher definierbaren Krankheit gestorben sei. Die Autopsie ergab eine industrielle Menge an Schlafmitteln ….

Wir waren jahrelang Arbeitskolleginnen in derselben Schule. Immer wieder erzählte sie vom Geschäft ihrer Eltern beim Karmelitermarkt. Ich wohnte damals in der Gegend und fragte nach, welches Geschäft das denn sei, der Fleischhauer, das Geschirrgeschäft, das Reisebüro, die Apotheke? Nein, nein, das kennst du sicher nicht. Irgendwann einmal erzählte sie mir dann doch, dass es kein Geschäft wäre sondern ein Salzgurken- und Sauerkraut-Marktstandl. Helga war ein intelligentes, fleißiges Kind und kam aufs Gymnasium; Matura, Studium, Lehramt. Es war eine Zeit, in der das Studium gratis war, Stipendien großzügig verteilt wurden, die soziale Durchlässigkeit tatsächlich gegeben war. Aber Helgas Selbstbild wurde von den Gurken- und Sauerkrautfässern dominiert. Schon damals griff sie zu Alkohol, hatte ihr Trinkverhalten aber noch gut unter Kontrolle.

Als sie noch ein Kind war, begannen sich bei ihrem Vater die ersten Symptome von Alzheimer zu zeigen. Einmal saß sie neben ihm im Auto und er wusste plötzlich nicht mehr wo er war. Ein paar Jahre später war ihre Mutter die einzige Person, die er noch erkannte. Wenn sie ihn nur einen Augenblick aus den Augen ließ, begann er nach ihr zu schreien. Die Mutter war völlig am Ende, wollte trotzdem noch weitermachen, Helga musste sie dazu überreden den Vater in ein Heim zu bringen. Es gab keine Alternative. Dort besuchte sie ihn jede Woche, am gleichen Wochentag. Schon am Tag davor fürchtete sie sich vor der Begegnung mit ihrem Vater im letzten Stadium der Demenz. Sie trank am Tag davor, am Tag des Besuchs, am Tag danach, es kam der Moment an dem sie jeden Tag mit Alkohol begann und beendete. Inzwischen war der Vater verstorben

Frühmorgens um 7:30 sahen wir sie durch die Schulgänge torkeln mit einem CD-Player in der Hand, der als Gleichgewichtsfaktor nicht taugte und ständig gegen die Wände schlug. Unser damaliger Direktor war sehr feige und hoffte, dass sich das Problem irgendwie von selbst erledigen oder jemand ihm das schwierige Gespräch abnehmen würde, aber schließlich blieb ihm nichts anderes mehr übrig, es ging einfach nicht mehr und er stellte Helga vor die Alternative: Entziehungskur oder Entlassung.

Die erste Entziehungskur, kurze Erholung, Rückfall, die zweite Entziehungskur abgebrochen, Frühpensionierung wegen Krankheit und dann der Mittagsschlaf mit der Halskette, der Zeitung und der tödlichen Dosis Schlafmittel. Der Mutter zuliebe, die religiös war, fiel das Wort Selbstmord nicht.

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Verschwinden …..

Wie das wohl sein muss, wenn sie keinen Sinn mehr ergeben die Linien, Wellen, Kringeln aus denen Schrift besteht, die Punkte an verschiedenen Stellen, die Auf- und Abstriche. Wenn man auf das Schriftbild schaut und keine Bedeutung mehr darin finden kann, wenn man die Fähigkeit verloren hat den Code zu entschlüsseln, der die gesamte innere und äußere Menschenwelt im Großen und in allen ihren Details widergeben kann.

Oder wenn die Linien zwar noch als Buchstaben und Wörter erkenntlich sind, die Worte aber keinen Sinn mehr ergeben, wenn der Begriff mit den Neuronen, die ihn gepeichert hatten untergegangen ist.