la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


15 Kommentare

11. Station der literarischen Weltreise – Who the fuck is Kafka ?

Endlich habe ich es geschafft wieder eine Literaturreise-Etappe abzuschließen. Es war eine ganz besonders interessante Gratwanderung durch Jerusalem und Tel Aviv.

Ein außerordentlich empfehlenswertes Buch. Es geht nicht um große politische Linien, nicht darum wer Recht oder Unrecht hat. Die wahrhaftig tragischen Konflikte sind ja bekanntlich jene, bei denen beide oder alle Seiten von ihrem Standpunkt aus Recht haben. Es geht um die ganz persönlichen, alltäglichen Befindlichkeiten zweier Menschen, eines Palästinensers und einer Israelin, beide Friedensaktivisten. Es ist keine Liebesgeschichte, es ist die Geschichte einer Begegnung, die nur außerhalb von Israel einigermaßen entspannt sein kann. Der Alltag der beiden ist schwierig und immer sind an den Schwierigkeiten die jeweils anderen beteiligt.

Wahre Lebenskunst besteht auch darin in schwierigsten Lebenssituationen Heiteres sehen zu können. Das beherrscht Lizzie Doron. Obwohl hier ein praktisch auswegloser, hoffnungslos verfahrener Konflikt beschrieben wird, gibt es doch immer wieder Gelegenheit zu schmunzeln.

Ungewöhnlich an dem Buch ist, dass es weder um Erklärungen noch um Rechtfertigungen geht, es wird einfach beschrieben wie eine Israelin im heutigen Tel Aviv und ein Palästinenser mit israelischem Pass im heutigen Jerusalem lebt. Die Frau des Palästinensers lebt auch in Jerusalem aber ohne israelischen Pass und könnte daher falls sie ihre Familie in Gaza besuchte nicht mehr zurück nach Jerusalem zu Mann und Kindern.

Trotz durchaus auch kritischer Anmerkungen zu beiden Seiten gelingt es der Autorin sehr gut Verständnis zu wecken. Auch Verständnis für die israelische Seite, die davon international ja nicht allzuviel abbekommt. Sie schildert ihr Leben als Tochter einer schwer traumatisierten KZ-Überlebenden, die ihrer Tochter – in bester Absicht – beigebracht und vorgelebt hat, nichts und niemandem zu trauen und nicht zuviel zu reden in einem winzigen Land, das von allen Seiten von mehr oder weniger feindlichen Ländern umgeben ist, in ihrem Alltag in dem sehr häufige Gedenktage an ermordete Angehörige vorkommen und die allgegenwärtige Angst vor Anschlägen. Dabei betont aber die Autorin mehrmals, dass es ihr schon klar sei, dass es den Palästinensern noch schlechter gehe.

Ein Buch, das keine Friedenswölkchen am Horizont ausmachen kann, das aber sehr viele Einblicke ermöglicht.

 


5 Kommentare

10. Station der Literaturweltreise – Türkei

test

Endlich habe ich wieder einmal Zeit zum Literaturreisen. Die Türkei ist derzeit ein recht ungemütliches (Reise)land, aber darum geht es in dem Buch ja auch.

Ob Asli Erdogan irgendwie mit dem türkischen Präsidenten verwandt ist, habe ich nicht recherchiert. Es ist im Grunde auch nicht wichtig. Die Autorin ist jedenfalls eine sehr vielseitige Frau. Nach ihrem Physikstudium hat sie eine Zeit in der Schweiz bei CERN gearbeitet, und hat sich dann dem Journalismus zugewandt.

Die Essays in diesem Buch handeln von Ereignissen in der jüngsten Geschichte der Türkei; Ob sie deswegen als „politische Essays“ bezeichnet werden können ? Es sind keine journalistischen Berichte über Geschehnisse und Vorfälle im politischen Leben. Asli Erdogan erzählt von ihrem persönlichen Erleben in einer literarischen Sprache.

„Lang schon ist der Tag angebrochen, aber er scheint am blutroten Horizont hängen zu bleiben wie an einem Haken (Auf der Bosporusbrücke beginnen die Lynchmorde) Er ist eher die Verlängerung der Nacht als ein wirklich neuer Tag. Das Licht kommt von einer ferneren, kälteren Sonne. es wärmt nicht, es tröstet nicht, es verspricht den geretteten oder verlorenen Lebendigen nichts.“ p. 39

Es ist wahrscheinlich den Übersetzern zu verdanken, dass es erklärende Fußnoten gibt für diejenigen, die mit der türkischen Innenpolitik nicht wirklich vertraut sind. Für mich zum Beispiel waren die Fußnoten sehr hilfreich, weil ich keine Ahnung hatte, welche Dimension der Brutalität die Verfolgung der Kurden tatsächlich angenommen hat. Und auch nicht welch ein wichtiges Thema der deutsche Parlamentsbeschluss über den türkischen Genozid an den Armeniern  in der Türkei war und ist.

„Ich zitiere aus Reden unserer „Staatsoberhäupter“. „Geschichtslüge“, „null und nichtig“, „unmoralisches Gesetz“, „rassistische Armenierlobby“, „Handlanger deutscher Unrechtstaatlichkeit“, „das türkische Volk hat sich noch nie etwas zuschulden kommen lassen“, „das türkische Volk ist seit jeher ein Vorbild an Barmherzigkeit“, „Verleumdung unserer Ahnen“, „entartete Verräter“ ………(…) Wissen wir tatsächlich nicht, dass im Fundament des Gebäudes, von dessen Balkon herab wir große Reden schwingen, lauter Tote eingemauert sind ?

(…) Wir haben einem Volk den Garaus gemacht, das hier Tausende von Jahren gelebt hatte. Haben so Schreckliches getan, dass die Überlebenden es nur als „Große Katastrophe“ benennen konnten. Vielleicht kann man die Vergangenheit nicht mit jetzigen Maßstäben bewerten, doch wir Heutigen begehen unser eigentliches Verbrechen dadurch, dass wir weghören und schweigen. Nicht nur zu den Ereignissen von 1915 oder 1938, sondern auch zu dem, was heute geschieht, in dieser Stunde … p47ff. „

Der Essay, der dem Band seinen Namen gegeben hat „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ wird durch Zitate aus einem Gedicht von Giorgos Seferis strukturiert. Sowohl Seferis Gedicht als auch Erdogans Text sind sehr hart. Asli Erdogan formuliert hier auch eines ihrer wichtigsten Ziele : „Ich will nicht Mittäterin sein“. Dies war (laut Fußnote) auch die wichtigste Aussage eines Manifests von 1128 Wissenschafterinnen und Wissenschaftern aus Universitäten in der ganzen Türkei, im im Jänner 2016. Sie protestierten gegen den Vernichtungskrieg der Sicherheitskräfte in den kurdischen Städten. Viele von ihnen verloren seither ihre Stellen und mussten ins Ausland fliehen. p66,67

Vielleicht ist dieser Essay das Herzstück der Sammlung. Was nicht heißt, das nicht auch die anderen äußerst lesenswert sind. Einerseits wegen ihrer literarischen Qualität und andererseits wegen der Insiderinformationen über Geschehnisse in der Türkei.

Ich danke dem Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars

 


4 Kommentare

9. Station der Leseweltreise – Iran

Es handelt sich um die Autobiografie von Shirin Ebadi, geboren 1947,  die als ganz junge Frau Richterin an einem Teheraner Gericht wurde, später vom Khomeini-Regime zur Schreibkraft in selben Gericht degradiert wurde und erst ab 1992 als Anwältin praktizieren durfte. Sie verteidigte – trotz persönlicher Gefährdung – Regimekritiker, misshandelte und diskriminierte Frauen und Kinder. 1994 gründete sie einen Kinderschutzbund. 2003 bekam sie den Friedensnobelpreis.

Shirin Ebadi ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.

Ich habe diese Autobiografie einer ungemein mutigen Frau mit großem Interesse gelesen. Zwei Aspekte haben mich besonders interessiert.

Shirin Ebadi führt ihren Mut darauf zurück, dass sie das große Glück hatte in einer Familie aufzuwachsen, in der die Töchter genauso geschätzt und gefördert wurden wie die Söhne. Dies war absolut keine Selbstverständlichkeit und sie wusste diese frühe Prägung sehr zu schätzen als sie bemerkte wie viele iranische Frauen das Gefühl der Minderwertigkeit, das sie schon als kleine Mädchen vermittelt bekommen hatten nicht abschütteln konnten.

Shirin Ebadi hatte aus Abneigung gegen das korrupte Shah-Regime anfangs die Khomeini-Revolution unterstützt. Sehr bald wurde ihr klar, dass sich die Situation des Landes, vor allem die Situation der Frauen keineswegs verbessert hatte. Mit größtem persönlichen Mut und Einsatz führte sie ihren Kampf für Menschenrechte, trotz Schikanen jeder Art, trotz Gefängnisaufenthalten und Morddrohungen verstummte sie nicht. Besonders bemerkenswert fand ich, dass sie nie den Islam in Frage stellte, sondern die Meinung vertrat, dass alles, was sie forderte innerhalb des schiitischen Islam möglich wäre. Sie legte sich mit hochrangigen Geistlichen an, die ihre Standpunkte offenbar aus religiöser Sicht nicht widerlegen konnten. Trotzdem konnte sie sich gegen das Regime und jeden einzelnen Mullah nicht durchsetzen.

„Im Islam gibt es eine als ijtihad bekannte Tradition der rationalen Auslegung, die seit Jahrhunderten von Juristen und Geistlichen gepflegt wird, um die Bedeutung der Lehren des Korans sowie deren Anwendung auf moderne Vorstellungen und Situationen zu diskutieren. Im sunnitischen Islam, der den ijtihad ablehnt, wird dieser seit Jahrhunderten nicht mehr praktiziert, doch im schiitischen Islam sind der Prozess und der Geist des ijtihad lebendig. Ijtihad ist ein wesentliches Element des islamischen Rechts, weil es sich bei der Scharia  eher um eine Sammlung von Grundsätzen als um kodifizierte Normen handelt. Gelangt man durch den Prozess des ijtihad zu einer Entscheidung oder bestimmten Meinung, so bedeutet dies, dass ein Jurist eine bestimmte Frage (ob zum Beispiel eine Frau im 20.Jahrhundert wegen Ehebruchs gesteinigt werden sollte) durch die Anwendung von Vernunft und durch Deduktion bewertet und die mit dieser Frage zusammenhängenden Interessen nach Prioritäten ordnet“ p.260

Ich persönlich finde es ja schlimm genug, dass eine Steinigung überhaupt zur Debatte steht. Aber für jemanden der/die in einem System lebt, in dem Hinrichtungen jeder Art, das Abschlagen von Händen und die Verherrlichung des „Märtyrertodes“ normale Praxis sind, wäre  wohl die Anwendung des ijtihad ein deutlicher Fortschritt in Richtung Menschenrechte. Shirin Ebadi gibt uns auch ein Beispiel dafür:

„Während der ersten Jahre nach der Revolution entschied Ayatollah Khomeini trotz der strengen Einstellung der führenden Geistlichen, dass die nationalen Medien Musik senden durften. Er kam zu dem Schluss, dass die jungen Leute sonst vom westlichen Radio geködert würden und dies letztendlich schädlicher für die islamische Republik wäre. Durch den Prozess des ijtihad also gelangte er zu der Einsicht, dass eine Praxis aus dem siebten Jahrhundert für die Gegenwart ungeeignet sei“ p.260

Man könnte natürlich auch vermuten, dass Khomeini im Interesse des Machterhalts durchaus zu pragmatischen Entscheidungen kommen konnte. Derselbe Khomeini, der Tausende junge Iraner mit ihren Todeshemden im Gepäck dorthin schickte wo die Iraker Minenfelder gelegt hatten. Die jungen Männer wurden über diese Felder geschickt um mit ihrem Leben die Minen zu entschärfen, sodass die nachfolgende reguläre iranische Armee geringere Verluste hatte. Natürlich kamen sie als Märtyrer direkt ins Paradies.

2009 schließlich tat Shirin Ebadi, was sie nie tun wollte, sie ging ins Exil nach London.

Ein sehr aufschlussreiches Buch, dass allerdings für Menschen wie mich, die mit den Ereignissen in der islamischen Republik Iran nicht im Detail vertraut sind gewisse Längen aufweist, wenn es um die Schilderung von Verbrechen und Prozessen geht. Aber das kann man dem Buch nicht vorwerfen.


5 Kommentare

8. Station der Literaturweltreise – Curaçao

Taxi Curaçao 

Das Buch spielt in einer in unseren Breiten wenig bekannten Gegend: auf den niederländischen Antillen. Die Insel Curaçao gehört zu den Inseln unter dem Wind. Allein schon die Bezeichnung! „Inseln unter dem Wind“, da höre ich die Segel im Wind  und rieche das Meer … Zufällig habe ich auch auf einem blog einen Bericht mit sehr vielen Bildern von  Curaçao gesehen: Bericht über Curacao

Um romantische Bilder und Vorstellungen von Europäerinnen geht es in diesem Buch aber ganz und gar nicht.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1961 in den Slums der Insel. Der junge Max wird von seinem Vater in die Schule gebracht. Der Vater, Roy Tromp (ja, es ist ein „o“ kein „u“) ist ein verantwortungsloser Schmalspurcasanova, der aber selbst eine so schwierige Kindheit und ein so hartes Alter erlebt, dass er einem fast sympathisch wird.

Roy Tromp ist im Besitz eines Dodge Matador (siehe Umschlag) und arbeitet als Taxifahrer. Dieses Auto spielt eine zentrale Rolle in der Familie, ist gleichzeitig das einzige Kapital und die einzige Einkunftsquelle, aber auch Grund und Vorwand für Unglück und enttäuschte Träume.

Max kommt also in die Schule. Dort lernt ihn der Ich-Erzähler kennen, ein aus Curaçao stammender Pater, der an einer Schule unterrichtet und auch sozial sehr engagiert ist. Er verfolgt das Leben von Max, seiner Mutter und auch seines Vaters. Max heiratet und bekommt einen Sohn, auch diese kleine Familie betreut der Pater und erfährt so von ihrem Leben.

Die Geschichte erzählt von Armut und enttäuschten Hoffnungen, aber auch von Liebe, Loyalität und Mitgefühl. Sie erzählt von vielen Jahren des Auf und Abs im Leben von Max und seiner Familie. Sie erzählt vom Leben in einer holländischen Kolonie, von Überlebenskunst und buntem Leben auf den Antillen  und schließlich vom wirtschaftlichen Niedergang der Insel. Im Laufe der Geschichte verdichtet sich der Eindruck dass die Geschehnisse sich in Richtung Katastrophe bewegen.

Sonny, der Sohn von Max und Lucia, ein vielversprechendes Kind gerät als Jugendlicher in viele Schwierigkeiten. Und Max fliegt in die Niederlande. Dies erfahren wir im ersten Satz des Buches. Warum er das tut und was daraus wird, erfahren wir aber erst am Ende.

„Klar, eingängig, rau, manchmal fast kantig, Stefan Brijs zeigt, wie viel und zugleich wie wenig das Leben wert ist.“ HP/DE Tijd

Mit vielem Dank an den Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars


5 Kommentare

7. Station der Literaturweltreise

Obwohl ich weder Zeit zum Lesen noch Zeit zum Schreiben habe, tue ich doch beides. Sogar ein Malwochenende ist mir gelungen. Man darf sich ja von äußeren Gegebenheiten nicht die Lebenslust verderben lassen und seien diese Gegebenheiten noch so traurig und herausfordernd.

Beim Lesen hat es mich nach Schweden verschlagen. Zwar bin ich ein großer Fan von Skandinavien und war mehrmals in Norwegen und auch in Finnland, aber in Schweden, nein in Schweden war ich noch nie. Mit Ausnahme mehrerer Zwischenlandungen am Flughafen von Stockholm. Es wäre wirklich an der Zeit !

Das Buch also, ein Nesser, aber kein Krimi. Allerdings kommt ein Mord vor, der aber von niemandem aufgedeckt wird. Zu welchem Genre dieses Buch zu rechnen ist, könnte ich nicht mit Überzeugung sagen. Es gibt eine recht langsame Handlung in der Gegenwart des Erzählers, eine Handlungsebene in der Vergangenheit und zeitlose Betrachtungen. Die Verflechtung  dieser Elemente ergibt ein interessantes Buch, aber kein schnell zu lesendes.

Sehr gut gefallen hat mir die Zeichnung der Personen, der beinharte Realismus des Ich-Erzählers, die detaillierten Schilderungen der Befindlichkeiten (Ingmar Bergmann lässt grüßen)

„Man kann nicht erwarten, dass ein Mensch allen Anforderungen gerecht wird, nur weil jemand auf die Idee kommt, sie zu stellen.

Aber das reine Leben ? „

Sollte ich diesen Text in Farben beschreiben, so würde ich sagen, dass vor einem weißen Hintergrund graue Figuren agieren, die hin und wieder in gewaltigen Explosionen rot aufleuchten.

Es geht um das Verstehen der Vergangenheit, von Ereignissen und emotionalen Verwirrungen. Ich hatte den Eindruck, dass der Text auf einen bestimmten Punkt hinsteuert, tatsächlich ist er dort nicht angekommen. Auch von einem Text kann man wohl nicht erwarten, dass er dorthin steuert, wo die Leser hinwollen.

Ein sehr nachdenkliches, empfehlenswertes Buch, in einer sehr präzisen, sezierenden Sprache geschrieben.


12 Kommentare

6. Station der Literaturweltreise

Die Reiseroute

Es hat mir keine Ruhe gelassen ! Ich habe schon ein Buch dieser Autorin gelesen, das mir nicht besonders gefallen hat. Ich habe aber eine Menge Positives über sie gehört und so bin ich noch einmal nach Nigeria gereist um ein weiteres Buch von Chimamanda Ngozi Adichie zu lesen.img_1083

Es hat mir viel besser gefallen, als Buch Nr. 1 (siehe Reiseroute) , allein schon deswegen, weil es in Nigeria und nicht in den USA spielt.Der Titel des Buchs „Die Hälfte der Sonne“ erklärt sich daraus, dass in der Fahne von Biafra eine halbe Sonne zu sehen war

Es ist zu Beginn schwierig festzustellen, wer der/die Protagonisten sind, weil die Erzählperspektive zwischen mehreren Personen hin und her wechselt. Im Zentrum des Geschehens stehen zwei junge Frauen, Zwillingsschwestern, die der ebenso reichen wie korrupten nigerianischen Oberschicht angehören, ihre Familien und Partner, in sehr prominenter Rolle auch der Houseboy des Partners einer der Schwestern.

Das Buch erzählt die Geschichte des Völkermords an den Igbos, die Entstehung und den Untergang des Staates Biafra, den Krieg zwischen Nigeria und Biafra, das Töten, den Hunger, den Zorn, auf 626 Seiten, die ich ziemlich schnell gelesen habe. Ja, es hat mir gefallen, aber …… Immer gibt es ein „aber“. Die Geschehnisse sind nicht linear erzählt, sondern die Erzählung springt zwischen den „frühen Sechzigerjahren“ und den „späten Sechzigerjahren“ hin und her. Es wird Spannung aufgebaut indem von Situationen in den späten Sechzigern berichtet wird, deren Ursprung Jahre zurück liegt und die erst erklärt werden, wenn die Erzählung wieder in der Zeit zurückgeht. Ich habe das als ungeschickt angewandten Erzähltrick empfunden. Auch linear erzählt wäre die Geschichte mitreißend genug gewesen.

Die Autorin ist selbst eine Igbo, hat den Biafra-Krieg nicht selbst erlebt, widmet aber dieses Buch ihren Großeltern:

Meine Großväter, Nwoye David Adichie und Aro-Nweke Felix Odigwe, die ich niemals kennenlernte, haben den Krieg nicht überlebt.

Meine Großmütter, Nwabuodu Regina Odigwa und Nwamgbafor Agnes Adichie, beides bemerkenswerte Frauen, kamen mit dem Leben davon.

Dieses Buch ist der Erinnerung an sie gewidmet;

ka fa nodu na ndokwa.

 


17 Kommentare

5. Station der Literaturweltreise

Ahoi Yvonne. Ich bin also auf einem Schiff von Colombo in Sri Lanka durch den indischen Ozean, den Suez Kanal und das Mittelmeer nach England gefahren. Das Ticket wurde von der Stadt Wien bezahlt, die jedes Jahr ein Gratisbuch verteilt. Bis jetzt waren das immer interessante Texte von interessanten Autoren. So auch dieser

img_0879

Michael Ondaatje

„Katzentisch“

englische Originalausgabe 2001

Das bekannteste Buch des Autors ist „Der englische Patient“. Ein Buch, das auch sehr eindrucksvoll verfilmt wurde.

In dieser Ausgabe der Stadt Wien steht am Ende des Textes auch ein längeres Interview mit dem Autor, in welchem unter anderen der Frage nachgegangen wird, inwieweit es sich um ein autobiografisches Werk handelt. Michael Ondaatje ist tatsächlich als 11-jähriges Kind mit einem Schiff von Colombo nach London gefahren.

Als mich meine Kinder später nach der Reise fragten, waren sie schockiert, weil ich so wenig wusste und weil ich als Elfjähriger  völlig auf mich allein gestellt reisen musste. Und ich war dann auch schockiert, dass ich so wenig Erinnerung an diese 21 Tage hatte. Welche Geschichten habe ich da verpasst ? Also habe ich viel erfunden, aber emotional muss da irgend etwas in das Buch geflossen sein. Da ist die Angst verloren zu sein – so wie sich eben jedes Kind in dieser Situation fühlen würde.

Wir reisen also auf einem Schiff mit einer Menge interessanter, ungewöhnlicher und auch exzentrischer Passagiere, von denen sich einige täglich am „Katzentisch“ des Schiffspeisesaals treffen. Eine Cousine des Autors reist auch auf demselben Schiff, ebenfalls mit dem Ziel in England eine Schule zu besuchen. Sie ist aber in der 1.Klasse unterwegs, ebenso wie die Dame, die ihn ein bisschen im Auge behalten soll.

Die Geschichte ist aus der Perspektive des Elfjährigen erzählt, der gemeinsam mit zwei Freunden das Schiff unsicher macht. Sie treffen sich in einem Rettungsboot, verputzen die dort gelagerten Vorräte und hören und sehen aus der Deckung heraus so manches, was Kindern ihres Alters nicht bekommt.

Die vielfältigen Figuren bekommen im Laufe der Reise immer schärfere Konturen und mehr Tiefe. Im letzten Teil des Textes ist der Ich-Erzähler ein mittelalterlicher Erwachsener, dem es durch Begegnungen mit den damaligen Mitreisenden gelingt, so manche Dinge, die er als Kind nicht verstanden hatte zu entwirren. Er kreuzt auch wieder die Wege seiner beiden Freunde

Jemand hat mich einmal gefragt, welche Figur ich bin, und ich habe geantwortet:alle

Sehr gefallen hat mir die Szene in der das Schiff in der Nacht durch den Suezkanal fährt.

Bündel wurden auf das Vordeck geschleudert. Ein Tau war an der Reling befestigt worden damit ein Matrose sich zum vorbeigleitenden Land abseilen konnte, um dort die Zollunterlagen abzuzeichnen (…) Ich hätte nicht zu sagen gewusst, ob all das, was sich abspielte, ordentlich und legal oder blindwütig kriminelles Treiben war, denn nur wenige Offiziere überwachten das Tun, an Deck war kein Licht, und alles geschah heimlich. Es gab nur die beleuchteten Fenster auf der Brücke mit den reglosen drei Silhouetten, als leiteten Marionetten das Schiff und befolgten die Anweisungen des Hafenlotsen.

Wenn auch die Schiffsreise aus der Perspektive des Elfjährigen erzählt wird, so werden den Lesern doch auch immer wieder darüber hinausgehende Perspektiven angeboten

Es gibt immer eine Geschichte, die einen erwartet. Noch kaum ausgeformt. Erst allmählich macht man sich mit ihr vertraut und gibt ihr Nahrung. Man entdeckt den Panzer, der den eigenen Charakter bergen und härten wird. Auf diese Weise findet man seinen Lebensweg

Viel könnte ich erzählen über die Figuren, die das Schiff bevölkern, aber so lang soll es nicht werden. Eine Stelle habe ich witzig gefunden, in der das Kind aus Sri Lanka im kühlen englischen Klima ankommt und erzählt, dass er Socken anziehen musste, die seine „Schuhe verstopften“

Insgesamt ein sehr vielschichtiges Buch mit interessanten Charakteren. Vom Leben einiger Personen, Jahrzehnte nach der Schiffsreise, erfahren wir noch eine Menge Details, die die Geschichten zwar nicht abrunden, aber immerhin ein paar Jahre weiterführen.