la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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„Kälte, die Happy-end-Version“ SP20 #3b

Elisabeth saß auf der Parkbank neben Erich. Es war Erichs Bank. Hier verbrachte er den Tag, hier sortierte er gerne seine Besitztümer in verschiedene Behälter und Tragtaschen, im Sommer schlief er hier auch manchmal. Die Lage fand er ideal: im vorderen Bereich eines Parks, neben einem Eingang zur U-Bahn für die ganz kalten Tage und gegenüber ein Supermarkt mit großen Containern in denen täglich eine Überfülle an Esswaren landete. Die Angestellten ließen die Tore zum Müllplatz manchmal unversperrt, aber darauf war Erich nicht angewiesen. Er hatte es über viele Wege und Windungen aus seinem alten Leben zu einem Schlüssel zu dem üppigen Müllplatz gebracht. Eigentlich war er das, was man in der Leistungsgesellschaft einen tüchtigen Menschen nannte. Er schöpfte die begrenzten Möglichkeiten seiner aktuellen Lage voll aus.

Die junge Frau, die uneingeladen aufgetaucht war, kannte er schon seit ein paar Monaten. Als sie sich das erste Mal auf seine Bank setzte, wollte er grob werden und seine Besitzansprüche ganz deutlich machen, aber sie schlotterte vor Kälte und war nicht in der Lage weiterzugehen. Seltsam sah sie aus für einen Platz auf dieser Parkbank. Seltsam war auch, dass ihr Schüttelfrost langsam aufhörte, dass sie nach einer Weile sogar ihre Jacke auszog, den langen Schal über die Lehne der Bank hängte. Die Handschuhe landeten in ihrer Tasche und sie schaute sich um.

In der näheren Umgebung war Erich nicht der einzige Parkbankbewohner. Etwas weiter hinten hatten Marianne und Oskar zwei Bänke nahe nebeneinander geschoben und ihren Einkaufswagen aus dem Supermarkt dazwischen geparkt. An manchen Tagen wurden die Bänke von einem Parkaufseher oder sonst jemandem wieder auseinandergestellt. Es blieb nicht lange so.

Mit etwas gutem Willen und großzügiger Auslegung des Begriffs konnte man Marianne und Oskar als Paar bezeichnen. Beide waren sie auf ihre Art verschroben und eigenbrötlerisch und kamen selten mit jemandem länger aus. In ihrer Beziehung zueinander machten sie da gelegentlich eine Ausnahme. Wenn sie auch nicht gerade ein harmonisches Paar waren, so fanden sie doch immer wieder zusammen und es gab auch Tage an denen sie gemeinsam Erich besuchten und zu dritt die nächtlichen Erwerbungen aus den Supermarktcontainern genossen. So viel sozialer Umgang reichte ihnen dann aber für eine Weile und oft zogen sie dann auch getrennt durch andere Bezirke.

Elisabeth erinnerte sich gut an diesen ersten Tag auf der Parkbank. Sie brauchte eine Weile bis sie Erichs unfreundliche Blicke bemerkte. Die Kälte hatte sie völlig eingeschlossen, von der Welt isoliert. Ihre Knochen und Gelenke fühlten sich an wie vereist und nahe am  Splittern. Sie hatte so stark gezittert, dass sie sich kaum noch in der Lage gefühlt hatte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, nicht einmal für die wenigen Schritte, die vor ihr lagen. So fiel sie auf die Parkbank und klammerte sich an die Lehne in der Hoffnung das Zittern dadurch etwas einzudämmen. Und wirklich wurde ihr nach einer Weile langsam immer wärmer, eine Energiewelle durchflutete ihren Körper, ihre Temperatur stieg an, Muskeln und Sehnen wurden wieder geschmeidiger. Sie begann sich umzusehen. Und nach einer Weile hatte sie sich so gut aufgewärmt, dass sie weitergehen konnte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit erschien ihr der Marmorboden ihrer Eingangshalle nicht als unendliche, kalte Fläche, die sie wie eine Polarforscherin mit letzter Kraft durchqueren musste. Sie sah wieder die feine rosa-graue Marmorierung im weißen Stein und die schönen Proportionen des Raums, der Schwung des Jugendstil-Geländers der Treppe in den ersten Stock fiel ihr auf und die Schattenmuster an den Wänden der Galerie. Sie war zuhause und es war ihr nicht kalt.

Doch nach ein paar Tagen war alles wie vorher, die Kälte hatte sie wieder eingeholt. Der Schüttelfrost kam immer wieder, unter mehreren Daunendecken und mehreren Schichten von Bekleidung bei 25 Grad im Raum fror sie auch nachts erbärmlich.

Bei den zahlreichen Untersuchungen, die sie in den letzten Wochen absolviert hatte, konnte nichts weiter festgestellt werden als eine starke Untertemperatur, deren Ursache nicht geklärt werden konnte. Die Kälte war schlimm, noch schlimmer war, dass ihre Beziehungen und Kontakte zu anderen Menschen immer weniger wurden, dass die Kälte sie in jeder Hinsicht isolierte.

Auf ihrem Weg von der Privatklinik, auf die sie so große Hoffnungen gesetzt hatte, bis zum Parkplatz wo ihr Auto mit oder ohne Chauffeur auf sie wartete, musste sie den Park mit Erichs Bank durchqueren. Mehrmals schon hatte sie sich zu ihm gesetzt und jedes Mal trat der unerklärliche Erwärmungseffekt ein, der dann ein paar Tage andauerte. War die Erwärmung auf die Klinik zurückzuführen? Das konnte nicht sein, denn dort wurden nur Untersuchungen durchgeführt. Zufälle, deren Ursache nicht ergründet werden konnten? Zyklische Vorgänge im Organismus? Oder vielleicht doch der Park, die Bank, der Obdachlose? War es aber der Ort, oder die konkrete Person, oder jeder Obdachlose?

Elisabeth suchte verzweifelt nach Lösungen. Die Medizin hatte ihr nichts zu bieten, so wendete sie sich der Psychologie zu und konsultierte mehrere Größen auf diesem Gebiet. „Überschießende Psychosomatik“, „extreme Empathie“. Diese Diagnosen halfen ihr nicht weiter. Das Angebot eines Psychoanalytikers in Therapiesitzungen zwei- oder dreimal die Woche ihre Kindheit zu durchforsten, lehnte sie ab. Sie brauchte schnellere Lösungen.

Als junger Erbin eines sehr beträchtlichen Vermögens, die obendrein gerade ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hatte, boten sich ihr ebenso weit gefächerte wie interessante Einstiegsmöglichkeiten ins Berufsleben. Theoretisch zumindest. Als ständig vor Kälte zitternder junger Frau, die darauf angewiesen war in regelmäßigen Abständen, ja, was eigentlich zu tun, um ihre Körpertemperatur zu halten, boten sich ihr nur sehr wenige Möglichkeiten und keine davon gefiel ihr.

Monatelang besuchte Elisabeth Erich regelmäßig. Er war einer der ganz wenigen Menschen, die sie noch regelmäßig sah. Die Kälte und die Verzweiflung lähmten sie lange, aber Elisabeth war eine strukturierte, systematisch vorgehende Frau und als ihre Lebensgeister zurückkehrten, begann sie  in der ganzen Stadt nach Obdachlosen zu suchen und Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Sie hörte viele Lebensgeschichten, musste aber auch feststellen, dass keiner der vielen Menschen, die sie mehr oder weniger kennenlernte die gleiche starke Wirkung auf sie hatte wie Erich. Aber die Wirkung war kumulativ, hatte sie eine kleine Gruppe von Obdachlosen um sich, so wurde ihr ebenso warm wie wenn sie eine Stunde bei Erich war.

Ihre Erleichterung war unendlich. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was hätte sein können, wenn nur Erich zwischen ihr und der Kälte gestanden wäre.

Das Gebäude, das Elisabeth sorgfältig ausgesucht hatte, war völlig renoviert worden. Es verfügte über Schlafplätze, Sanitäranlagen, eine Küche mit Speisesaal, Aufenthaltsräume und ein Lager für Bekleidung. Mehrere Angestellte kümmerten sich um die Organisation dieses neuen Obdachlosenheims und seine Besitzerin und Geschäftsführerin Elisabeth kam, ebenso wie viele Obdachlose, regelmäßig vorbei um sich zu wärmen.


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„Kälte, die dunkle Version“- SP20 #3a

Elisabeth saß auf der Parkbank neben Erich. Es war Erichs Bank. Hier verbrachte er den Tag, hier sortierte er gerne seine Besitztümer in verschiedene Behälter und Tragtaschen, im Sommer schlief er hier auch manchmal. Die Lage fand er ideal: im vorderen Bereich eines Parks, neben einem Eingang zur U-Bahn für die ganz kalten Tage und gegenüber ein Supermarkt mit großen Containern in denen täglich eine Überfülle an Esswaren landete. Die Angestellten ließen die Tore zum Müllplatz manchmal unversperrt, aber darauf war Erich nicht angewiesen. Er hatte es über viele Wege und Windungen aus seinem alten Leben zu einem Schlüssel zu dem üppigen Müllplatz gebracht. Eigentlich war er das, was man in der Leistungsgesellschaft einen tüchtigen Menschen nannte. Er schöpfte die begrenzten Möglichkeiten seiner aktuellen Lage voll aus.

Die junge Frau, die uneingeladen aufgetaucht war, kannte er schon seit ein paar Monaten. Als sie sich das erste Mal auf seine Bank setzte, wollte er grob werden und seine Besitzansprüche ganz deutlich machen, aber sie schlotterte vor Kälte und war nicht in der Lage weiterzugehen. Seltsam sah sie aus für einen Platz auf dieser Parkbank. Seltsam war auch, dass ihr Schüttelfrost langsam aufhörte, dass sie nach einer Weile sogar ihre Jacke auszog, den langen Schal über die Lehne der Bank hängte. Die Handschuhe landeten in ihrer Tasche und sie schaute sich um.

In der näheren Umgebung war Erich nicht der einzige Parkbankbewohner. Etwas weiter hinten hatten Marianne und Oskar zwei Bänke nahe nebeneinander geschoben und ihren Einkaufswagen aus dem Supermarkt dazwischen geparkt. An manchen Tagen wurden die Bänke von einem Parkaufseher oder sonst jemandem wieder auseinandergestellt. Es blieb nicht lange so.

Mit etwas gutem Willen und großzügiger Auslegung des Begriffs konnte man Marianne und Oskar als Paar bezeichnen. Beide waren sie auf ihre Art verschroben und eigenbrötlerisch und kamen selten mit jemandem länger aus. In ihrer Beziehung zueinander machten sie da gelegentlich eine Ausnahme. Wenn sie auch nicht gerade ein harmonisches Paar waren, so fanden sie doch immer wieder zusammen und es gab auch Tage an denen sie gemeinsam Erich besuchten und zu dritt die nächtlichen Erwerbungen aus den Supermarktcontainern genossen. So viel sozialer Umgang reichte ihnen dann aber für eine Weile und oft zogen sie dann auch getrennt durch andere Bezirke.

Elisabeth erinnerte sich gut an diesen ersten Tag auf der Parkbank. Sie brauchte eine Weile bis sie Erichs unfreundliche Blicke bemerkte. Die Kälte hatte sie völlig eingeschlossen, von der Welt isoliert. Ihre Knochen und Gelenke fühlten sich an wie vereist und nahe am  Splittern. Sie hatte so stark gezittert, dass sie sich kaum noch in der Lage gefühlt hatte, einen Fuß vor den anderen zu setzen, nicht einmal für die wenigen Schritte, die vor ihr lagen. So fiel sie auf die Parkbank und klammerte sich an die Lehne in der Hoffnung das Zittern dadurch etwas einzudämmen. Und wirklich wurde ihr nach einer Weile langsam immer wärmer, eine Energiewelle durchflutete ihren Körper, ihre Temperatur stieg an, Muskeln und Sehnen wurden wieder geschmeidiger. Sie begann sich umzusehen. Und nach einer Weile hatte sie sich so gut aufgewärmt, dass sie weitergehen konnte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit erschien ihr der Marmorboden ihrer Eingangshalle nicht als unendliche, kalte Fläche, die sie wie eine Polarforscherin mit letzter Kraft durchqueren musste. Sie sah wieder die feine rosa-graue Marmorierung im weißen Stein und die schönen Proportionen des Raums, der Schwung des Jugendstil-Geländers der Treppe in den ersten Stock fiel ihr auf und die Schattenmuster an den Wänden der Galerie. Sie war zuhause und es war ihr nicht kalt.

Doch nach ein paar Tagen war alles wie vorher, die Kälte hatte sie wieder eingeholt. Der Schüttelfrost kam immer wieder, unter mehreren Daunendecken und mehreren Schichten von Bekleidung bei 25 Grad im Raum fror sie auch nachts erbärmlich.

Bei den zahlreichen Untersuchungen, die sie in den letzten Wochen absolviert hatte, konnte nichts weiter festgestellt werden als eine starke Untertemperatur, deren Ursache nicht geklärt werden konnte. Die Kälte war schlimm, noch schlimmer war, dass ihre Beziehungen und Kontakte zu anderen Menschen immer weniger wurden, dass die Kälte sie in jeder Hinsicht isolierte.

Auf ihrem Weg von der Privatklinik, auf die sie so große Hoffnungen gesetzt hatte, bis zum Parkplatz wo ihr Auto mit oder ohne Chauffeur auf sie wartete, musste sie den Park mit Erichs Bank durchqueren. Mehrmals schon hatte sie sich zu ihm gesetzt und jedes Mal trat der unerklärliche Erwärmungseffekt ein, der dann ein paar Tage andauerte. War die Erwärmung auf die Klinik zurückzuführen? Das konnte nicht sein, denn dort wurden nur Untersuchungen durchgeführt. Zufälle, deren Ursache nicht ergründet werden konnten? Zyklische Vorgänge im Organismus? Oder vielleicht doch der Park, die Bank, der Obdachlose? War es aber der Ort, oder die konkrete Person, oder jeder Obdachlose?

Elisabeth suchte verzweifelt nach Lösungen. Die Medizin hatte ihr nichts zu bieten, so wendete sie sich der Psychologie zu und konsultierte mehrere Größen auf diesem Gebiet. „Überschießende Psychosomatik“, „extreme Empathie“. Diese Diagnosen halfen ihr nicht weiter. Das Angebot eines Psychoanalytikers in Therapiesitzungen zwei- oder dreimal die Woche ihre Kindheit zu durchforsten, lehnte sie ab. Sie brauchte schnellere Lösungen.

Als junger Erbin eines sehr beträchtlichen Vermögens, die obendrein gerade ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hatte, boten sich ihr ebenso weitgefächerte wie interessante Einstiegsmöglichkeiten ins Berufsleben. Theoretisch zumindest. Als ständig vor Kälte zitternder junger Frau, die darauf angewiesen war in regelmäßigen Abständen, ja, was eigentlich zu tun, um ihre Körpertemperatur zu halten, boten sich ihr nur sehr wenige Möglichkeiten und keine davon gefiel ihr.

Monatelang besuchte Elisabeth Erich regelmäßig. Er war einer der ganz wenigen Menschen, die sie noch regelmäßig sah. Sie begann damit, ihm kleine Geschenke mitzubringen, weil sie Angst bekam, er könnte irgendwann nicht da sein, wenn sie ihn brauchte. Jeder Zweifel, den sie jemals gehabt hatte, dass ihm ihre Aufwärmung zu verdanken war, hatte sich verflüchtigt. Elisabeth war eine strukturierte, systematisch vorgehende Frau und hatte in der ganzen Stadt nach Obdachlosen gesucht und Kontakt mit ihnen aufgenommen. Doch kein einziger von ihnen, wärmte sie durch seine bloße Gegenwart, wie Erich das tat.

Irgendwann saßen sie nicht mehr nur schweigend nebeneinander, sondern erzählten  einander ihre Geschichten. Auch Oscar kam manchmal dazu und wäre Elisabeth aufmerksamer gewesen, so hätten ihr die Blicke, die die beiden manchmal tauschten nicht gefallen.

Erichs Alter war aufgrund seiner verwahrlosten Erscheinung schwer zu bestimmen, irgendwo zwischen vierzig und fünfzig. Er nahm für sich in Anspruch völlig schuldlos von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden und was er über sein Leben erzählte, beschränkte sich darauf, was andere getan und ihm angetan hätten. Oscar dagegen war alkoholkrank und hatte dadurch die Kontrolle über sich und sein Leben langsam verloren und war schließlich nach einer Scheidung und dem Verlust seines Arbeitsplatzes auf der Straße gelandet. Erich trank nicht und wusste auch immer sehr genau, was er tat. Auch Elisabeth erzählte. Und alles, was sie zu erzählen hatte, hätte vielleicht auch bei gefestigteren Charakteren als Erich und Oscar es waren, Begehrlichkeiten geweckt.

Ihr war nicht kalt, als sie frühmorgens das schmierige Hotel verließ, in dem sie mit Erich und Oscar eine alptraumhafte Nacht verbracht hatte. Sie wiederholte sich immer wieder, dass ihr nicht kalt war und dass sie irgendwie eine Lösung finden würde. Irgendwie musste sie Erich loswerden aber die positive Wirkung, die er auf sie hatte gleichzeitig behalten. Sie saß in ihrem kürzlich renovierten blau-weißen Esszimmer mit Blick auf den Garten, in dem zwei Gärtner arbeiteten und starrte mit leerem Blick auf die Rosen. „Und vergiss nicht nächstes Mal das Geld mitzubringen“ hatte ihr Erich noch nachgerufen „200.000“

 


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Betrachtungen zum Text Nr.2

Wie es aussieht, wird sich mein Schreiben nach ähnlichem Prinzip wie mein Malen abspielen: kein Plan, einfach einmal drauflos. An einem Punkt beginnen und daraus das Ganze entwickeln ohne dass vorher klar ist, wohin die Richtung geht. Und wenn ich einmal einen Plan habe, wie bei der folgenden  Museumsgeschichte, sieht das Ergebnis letztlich völlig anders aus.

Dies sollte eine Fantasy-Geschichte werden, weil ich fand, dass das ein einfacher Einstieg wäre. Es ist anders geworden, ich bin aber zufrieden mit dem Ergebnis. Immer bilde ich mir ein, ich könnte doch die Dinge nicht einfach so laufen lassen, wie sie laufen, sondern müsste einen Plan und ein Konzept und eine theoretische Grundlage haben. Gar nix muss ich! Die Phantasie oder Kreativität oder wie immer man diese Kraft nennen mag, funktioniert von selbst. Man muss sie nähren, mit Sinneseindrücken, Informationen, Überlegungen aber die Ausformung funktioniert irgendwie von selbst.

Und warum sollte ich mich – gegen meine Natur – um eine Vorgangsweise bemühen, die für andere gut und schlüssig sein mag, für mich aber schlecht funktioniert. Was habe ich nicht diesbezüglich für Kriege mit meiner Malmeisterin ausgetragen! Letztlich habe ich bei der Auseinandersetzung viel gelernt, nur nicht das, was sie mir unbedingt vermitteln wollte. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, wie andere an ein Bild herangehen und meistens festgestellt, dass es mir so gar keine Freude macht und ich auch ganz schlecht bin bei der Erstellung eines Konzepts für einen kreativen Vorgang. Der Weisheit letzter Schluss für mich war, dass ich darauf pfeife, was andere Leute – inklusive der Malmeisterin – tun und vorschlagen und nach meinem eigenen Gefühl vorgehe. Ja, und was dabei herauskommt, hat mir nicht nur mehr Freude gemacht sondern ist auch besser als das Fremdbestimmte.

Beim Schreiben ist es insofern anders, als es da niemanden gibt, der/die mir dreinreden wollte. Womöglich wäre ein Schreibseminar oder etwas in die Richtung gar nicht das richtige für mich. Womöglich würde ein sogenannter Schreibanstoß bei mir ähnliche Aggressionen wecken wie die Übungsvorgabe „malen wie …  (irgendein Maler)“ Meine Malmeisterin liebt es, im Stil von irgendjemandem zu malen. Ich kann das gar nicht leiden. Ein bisschen konstruktive Kritik wäre natürlich schön …


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Mutation – SP1

MUTATION

Nicht jeder wohnt wie ich. Der Duft der Geschichte in jahrhundertealten Gängen bleibt wenigen vorbehalten, dieser ganz eigene Geruch des alten Holzes, die verschiedenen Stilrichtungen in denen meine Vorfahren die Gänge angelegt haben. Vor allem der Hauptgang des Urgroßvaters ist bemerkenswert.

Der Urgroßvater war eine Schlüsselfigur in unserer Familiengeschichte denn er hat allen seinen Nachkommen eine seltsame und ungewöhnliche Eigenschaft vererbt: er hasste Eicheln. Sie waren ihm so zuwider, dass ihr Geruch ihn dazu brachte sich tief in seine selbstangelegten Gänge zurückzuziehen. Diese Eigenschaft war so ungewöhnlich, dass sie zu einer regelrechten Abspaltung unserer Familie von der weiteren Verwandtschaft führte, die die besondere Wertschätzung der Eicheln seit Jahrhunderten hochhielt.

Es gibt einen alten Mythos, der besagt, dass die Verehrung der Eichen und Eicheln es unserem Geschlecht irgendwann erlauben wird, unsere Burgen in Frieden zu  verlassen, weil unser schlechter Ruf dann getilgt sein wird. Unser schlechter Ruf beruht aber auf Angst, der abergläubischen Angst  der Feinde.

Natürlich hat ein vornehmes altes Geschlecht wie das unsrige Feinde. Es gab sie immer schon, doch zu Zeiten meiner Großmutter begannen die Kampfhandlungen besonders intensiv zu werden. Zwar gelang es dem Feind nie in unsere Behausung einzudringen, aber die Belagerungstaktik wurde immer raffinierter, immer aggressiver. Aufgrund unserer Zwistigkeiten wegen der Eicheln kam keinerlei Unterstützung von der weiteren Verwandtschaft, die obendrein zu ihrem Unglück einen Ausfall aus ihren Burgen gemacht hatte. Viele starben, auch bei uns.  Meine Großmutter aber war stark. Obwohl sie unter  den feindlichen Angriffen sehr litt, überlebte sie und erholte sich immer wieder. In einer Zeit, in der unsere Familie fast ausgestorben war, gelang es ihr, einen Teil ihrer Nachkommenschaft aufzuziehen und so blieb unsere Burg, unbemerkt vom Feind, immer bewohnt.

Doch diese traurigen Zeiten sind überwunden. Meine Mutter war eine der neuen Generation, der der Feind kaum mehr etwas anhaben konnte. Trotz ständiger Angriffe, ist sie gesund und vital ebenso wie meine Geschwister und ich. Bisher war das Leben sehr ruhig, sehr beschaulich, doch heute hatte ich ein beunruhigendes Erlebnis.

 

 

Markus und Sabrina spazierten durch den Schlosspark. Seit Monaten arbeiteten sie an der Renovierung des alten Schlosses. Es gab kaum etwas an dem Gebäude, das nicht dringend restauriert oder erneuert werden musste. In den letzten hundert Jahren hatte es der Familie sowohl an Geld als auch an Motivation gefehlt. Markus hatte beides und war bereit, einiges zu tun um dem Familiensitz wieder zu Glanz zu verhelfen.

„Du reibst schon die ganze Zeit an deinem Finger herum“ sagte Sabrina

Markus betrachtete seinen Finger und sah, dass er noch weiter angeschwollen war und eine ungesunde Farbe angenommen hatte.

„Ich weiß auch nicht“ sagte er „irgendwas muss mich gebissen haben. Komisch, ich habe mir nur das  Tor zu den Stallungen angesehen. Das mit den Schnitzereien und den vielen Holzwurmlöchern.“

„Holzwürmer beißen nicht. Und nach den Tonnen von Eicheln, die wir gestreut haben um die Viecher herauszulocken und dem literweisen Gift, das wir in die Gänge gesprüht haben, kann da keiner überlebt haben. Außer vielleicht ein besonderer Held der Holzwürmer. Dass der dann was gegen dich hat, kann man ja verstehen.“

Sie gingen lachend weiter.

 

 

Ich kann gar nicht beschreiben, was mich im Außenbereich der Burg so anzieht und mich dazu drängt die geschützten alten Gänge zu verlassen. Ich bin viel größer als alle anderen, einige meiner Geschwister haben sich schon verpuppt und ich werde das wohl auch bald tun. Da ist dieser Traum, diese Vorstellung von der Umwandlung in der Larve und dann dem Hervorbrechen, dem Flug aus der Burg hinaus und dem Zusammentreffen mit dem Feind.

Ich habe ihn heute kennengelernt, er hat einen Teil seines Körpers über die Öffnung  eines Ganges gelegt und ich habe zugebissen als wäre es ein Stück junges Holz gewesen. Und dann verstand ich wohin es mich zog, ich verstand die Träume und den Drang nach außen. Dieses winzige Stück Feind, das ich abgebissen hatte, dieses winzige Stück Fleisch schmeckte so, dass ich nie wieder hätte aufhören können davon zu essen, wenn der Feind sich nicht wegbewegt hätte. Dieser Geschmack, der mich so stark machen würde und so klug, niemals wieder würde ich aufhören können, diesem Geschmack zu folgen und meinen Nachkommen würde es wohl ebenso gehen.

 

 

Sabrina ging unruhig auf dem Korridor der Intensivstation des  Krankenhauses auf und ab. Markus war in sehr schlechtem Zustand eingeliefert worden. Ein unbekanntes Gift überflutete seinen Körper, begann die Nerven zu lähmen. Seine Hand war angeschwollen und er fühlte sie nicht mehr. Die Ärzte waren ratlos.

 

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