la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Ich oder Er/Sie ? Projekt X

In letzter Zeit habe ich von verschiedenen Gesichtspunkten aus darüber nachgedacht, welche Vor- und Nachteile das Schreiben aus einer auktorialen oder neutralen Erzählperspektive oder aber aus der Ich-Perspektive bietet. Ich schreibe sehr gerne in Ich-Form, aber diese Sicht auf die Welt aus einer „Froschperspektive“ eignet sich nicht immer. Wenn Zusammenhänge und die Standpunkte anderer Personen als der Ich-Erzählerin vorkommen sollen, wird es schwierig. Wie man ja aus dem Leben weiß: die reine Ich-Perspektive, der Tunnelblick beschränkt das Sehfeld und die Erfahrung. Andererseits kann es auch sehr interessant sein, eine Geschichte aus der Ich-Perspektive zu erzählen und den Umstand, dass die Kenntnis von Fakten und der Haltung und Meinung anderer sehr begrenzt ist zu benützen.

Um zu ergründen, wie dieses Thema in der Praxis gelöst wird, habe ich intensiv mit dem Blick auf die Erzählperspektive gelesen und habe gefunden, dass verschiedene Autoren verschiedene Lösungen finden um einerseits aus einer neutralen Position heraus zu erzählen, aber die einzelnen Personen der Handlung auch streckenweise aus einer Ich-Perspektive zu Wort kommen zu lassen. Da gibt es Dialoge und Monologe aus der Sicht der handelnden Personen, Briefe, Tagebucheintragungen. Diese Strukturen kommen mir sehr verlockend vor. Sie machen den Aufbau des Textes zwar komplizierter, aber allein der Textaufbau bringt eine gewisse Spannung in die Handlung.

Tatsächlich bin ich eine sehr spontane Schreiberin und denke während des Schreibens kleiner, kurzer Texte über solche Dinge nicht nach. Es wird mir aber immer klarer, dass ein langer, komplexer Text doch Überlegungen in diese Richtung erforderlich macht.


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Projekt X – Beflügelndes

Wie hier auch schon öfter erwähnt, hat mir dieses Buch außergewöhnlich gut gefallen, sowohl was das Thema als auch was die Sprache betrifft.

Im letzten Teil hat es dann noch ein besonders Schmankerl zu bieten: der Protagonist, der sich sein Leben lang mit  Übersetzungen von und in verschiedene Sprachen beschäftigt hat, beschließt nun, auch selbst zu schreiben. Dadurch entsteht die faszinierende Situation, dass in einem Roman ein Stück weit beschrieben wird, welche Gedanken zum Schreiben auftauchen können und wie ein literarischer Text entsteht. Es ist die Figur des Protagonisten, der über eine von ihm zu schaffende literarische Figur nachdenkt und nachfühlt und darüber, wie man daran herangehen kann, einen erzählenden Text zu schreiben.

„Das Nachdenken über das Schreiben, auch wenn es noch rhapsodisch und ungeordnet war, hatte eine neue Wachheit in ihm entstehen lassen. War schreiben wie aufwachen? “ p. 514

„Und vielleicht ist der Versuch einer eigenen Stimme einfach auch zu groß für mich. Eine Frage der Begabung. Oder ist es noch etwas anderes: die Furcht mir in meinen eigenen Worten zu begegnen.“ p.516

„Wieviel muss man festgelegt haben, bevor man mit dem Schreiben beginnen kann ? Nun habe ich alle diese vielen Bücher übersetzt, all diese Erzählungen, und weiß über das Schreiben so wenig“ p 518

„(…) spüre ich eine erste, glückliche Ungeduld, bald mit dem Schreiben zu beginnen“ p. 519

„Als das Flugzeug in Heathrow landete, wurde Leyland bewusst, wie weit er mit seiner Figur plötzlich schon war. Dabei stand noch kein einziger Satz. Würde es immer so sein, dass die Phantasie weit vorauseilte und dann durch die langsame Arbeit an einzelnen Sätzen eingeholt werden musste?“p 527 

Noch vieles mehr an interessanten Betrachtungen kann man zwischen diesen kurzen Zitaten lesen. Weitere Denkanstöße und Impulse gibt es bei Jutta Reichelt zu lesen. Sie hat einerseits Impulse zur Kreativitätsförderung gegeben und auch auf Betrachtungen zum Thema Literatur hingewiesen. Es wird in ihren Beiträgen auf eine Menge verschiedener Autoren verwiesen, die sich mit Hintergründen und Theorie des Schreibens befasst haben.

Vieles beschäftigt mich derzeit in diesem Zusammenhang. Ich bin gespannt, ob es auch so laufen kann und wird, wie ich es beim Schreiben größerer Arbeiten immer gehalten habe: zuerst sammeln, Informationen und Ideen, das alles dann irgendwo im Hinterkopf verstauen und dann kommt der Moment, an dem es so weit ist und sich alles (fast) von selbst zu einem Ganzen fügt und reif ist, geschrieben zu werden.

Ein letztes Zitat von Pascal Mercier:

„Die Phantasie – das spüre ich so deutlich in diesen Tagen – ist der eigentliche Ort der Freiheit“ p. 556

 

 

 


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Projekt X – Josef 1

An dem Tag, an dem ich zum ersten Mal in Josefs Wohnung war, lernte ich auch seine Mitbewohnerinnen kennen. Er wohnte in einer Altbauwohnung, die er von einer Tante übernommen hatte, wie ich später erfuhr. Großzügig bemessene Räume, vier Meter hoch, mit Stuckatur an den Decken, mit weiß gestrichenen Holzpaneelen an Fenstern und Türen, ein typischer Wiener Altbau, edel und schwer zu beheizen. Ich war etwas zu früh dran und daher die erste Besucherin.

 „Nicht erschrecken“ war fast das erste, was Josef zu mir sagte, als ich die Wohnung betrat. Ich erschrak trotzdem: durch alle Räume der großen Wohnung zog sich ein seltsames, verzweigtes Röhrensystem aus verschiedenen Materialien, hauptsächlich aber aus einer speziellen Art von Glas. Die Röhren waren an Decken und Wänden festgeschraubt und sehr geschickt so geführt, dass man nicht darüber stolpern konnte, sich im Normalfall nicht den Kopf anstieß und die Wohnfunktionen alle gewahrt waren. Die Räume hatten Flügeltüren, einer der Flügel konnte problemlos bewegt werden, der andere blieb in geschlossener Position und hatte eine ausgesägte Öffnung, durch die eine Röhre führte.

Es konnte für den Bewohner dieser Wohnung keine neue Situation sein, dass Erstbesucher im Vorzimmer standen und neugierige und beunruhigte Blicke auf das Röhrensystem warfen. Ich kannte Josef damals erst sehr flüchtig, wir hatten uns über einen gemeinsamen Freund, Martin, bei einem Gartenfest kennengelernt und ich hatte damals keine Anzeichen von besonderer Exzentrizität an ihm entdeckt. Nun stand ich in dieser röhrendurchzogenen Wohnung und war unschlüssig, ob ich nicht besser sofort wieder den Rückzug antreten sollte.

„Du schaust drein wie alle, die meinen Bau das erste Mal sehen. Hat dich der Martin nicht vorgewarnt?“ fragte Josef. Ich konnte gar nicht sagen, ob er eher besorgt oder eher belustigt wirkte. Monate später lachten wir über meine Einschätzung, dass die Bekanntschaft mit Martin keine solide Referenz für geistige Gesundheit darstellte, denn Martin hatte eine Menge sehr seltsamer Bekannter. Ob Josef auch zu dieser Gruppe gehörte, war für mich aber damals nicht feststellbar.

Ich ergriff also nicht die Flucht sondern erkundigte mich vorsichtig, ob diese Röhren denn leer wären oder mit irgendetwas gefüllt, oder vielleicht ein Kunstprojekt? „Da drin wohnen meine Forschungsobjekte“ sagte Josef. „Du weißt, ich bin Biologe“. Das wusste ich, hatte aber keine Ahnung, womit genau er sich beschäftigte. Er erklärte mir, dass die Röhren an vielen Stellen von außen durchsichtig wären, so dass man hineinsehen und beobachten konnte. Es war wohl nicht ganz zufällig, dass gleich neben der Kleiderablage im Vorzimmer  eine Röhre ein Stück weit auf Sichthöhe verlief und dort auch aus dem semitransparenten Glas bestand. Josef schob die verdeckende Folie beiseite und wir konnten in den Bau hineinsehen.

Zu Josefs vielen guten Eigenschaften gehört, dass er es anderen Menschen nicht übel nimmt, wenn sie seine Leidenschaften nicht teilen. Er verzieh mir also mein spontanes und angeekeltes „was für scheußliche Viecher! “

 „Naja, sie sind wirklich nicht besonders schön“ meinte er und schob die Folie wieder über das Glas „aber extrem faszinierend. Die einzigen Säugetiere, die in einem insektenähnlichen, unterirdischen Staat leben mit einer Königin und sexuell inaktiven Arbeiterinnen. Das wäre schon bemerkenswert genug, aber diese Viecher sind auch extrem langlebig und ihre Zellen altern nicht, erkranken nicht an Krebs, sie sind schmerzresistent und kommen unfassbar lange ohne Sauerstoff aus.“

Tatsächlich hatte ich von diesen Tieren schon gehört und wusste auch ungefähr wie sie aussahen, aber Fotos kamen an die Realität nicht heran. In Bewegung fand ich sie noch schlimmer.

Wohl auf der Suche nach angenehmeren Perspektiven fiel mir auf, dass Josef kräftige Hände mit langen Fingern hatte. Zupackend und sanft, für handwerkliche und erotische Zwecke gleichermaßen geeignet. Ich konnte gar nicht mehr wegschauen. Vielleicht wollte ich auch nur den Anblick der Nacktmulle verdrängen. 


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Projekt X – Abwasser auf arabisch

Ich nehme eine der vielen hilfreichen Anregungen von Jutta Reichelt   auf und schreibe einfach einmal drauflos aber mit einem Fokus auf den längeren Text, den ich vorhabe, also auf mein Projekt X.

Das Ergebnis von ein paar Minuten schreiben und einmal durchlesen, gefällt mir gut. Natürlich habe ich aber das Beschriebene vor meinem inneren Auge und kann nicht wirklich beurteilen, ob sich für die Lesenden auch ein Bild herauskristallisiert.  

Der Ansatz „Stoff zu sammeln“ in Form von spontan geschriebenen Kurztexten wie dieser entspricht mir sehr. Es wird mir sehr viel Freude machen, zu verschiedenen Stichwörtern oder Bildern zu schreiben, wobei sich der Plot für das Ganze in recht rudimentärem Zustand in meinem Kopf befindet. Trotzdem werde ich wohl irgendwann so etwas wie einen Plan machen müssen, wie das Ganze dann zusammengefügt werden kann. Vielleicht kann es aber auch gar nicht zusammengefügt werden, oder ganz anders. Ich seh schon, ich bin wieder ganz inspiriert.

Vielen Dank an Jutta

Es regnet, es gießt, es schüttet, es waschelt, hemmungslos und ausgiebig. Es fließt, es tropft, es trommelt gegen Scheiben, es prallt das Wasser von Wänden ab, es tröpfelt von den Bäumen, es flutet die Kanalisation. In Wien nicht, da ist die Kanalisation ziemlich solid aufgestellt, aber in vielen Städten dieser Welt habe ich gesehen, wie ein starker Regenguss die Straßen in Bäche und Flüsse verwandelt auf denen Diverses schwimmt und schaukelt, manchmal in Strudeln untergeht, manchmal den Vorbeikommenden an die Beine klatscht oder gar ins Gesicht. Manchmal gurgelt es auch beängstigend unter einem Kanaldeckel und die Vorbeigehenden behalten die Sache im Auge, ob nicht plötzlich ein Schwall Wasser oder eine Gruppe tierischer Bewohner der Unterwelt den Deckel hebt und auf die Straße herausströmt

Diese schmale Straße in Lissabon zum Beispiel, die vom Lokalbahnhof Cais do Sodré zur Praça do Comercio führt. Bei Regen konnte man dort getrost die Schuhe ausziehen und die Hosen hochkrempeln, denn sogar wenn die Autos vorsichtig und rücksichtsvoll durchgefahren wären, was sie nicht taten, wäre man auf jeden Fall bis zu den Knien nass gewesen.Tatsächlich bretterten sie aber durch die tiefen Wasserlachen, so dass Fussgänger manchmal zu ausgiebigen Ganzkörperduschen kamen mit Wasser in Reinheit und  Qualität, wie sie eben durch die städtische Kanalisation floss, denn das Wasser kam nicht nur von oben sondern durch die Überlastung des Systems auch von unten, aus den tieferen Gefilden des Abwassersystems.

Sistema de esgoto heißt die Kanalisation auf portugiesisch, alcantarillado dagegen auf spanisch. Alcantara wiederum heißt das Lissabonner Viertel mit einer großen Brücke über den Tejo und es gibt einen Ort in der Algarve, der Alcantarilha heißt. Das sprachliche Erbe der Araber auf der iberischen Halbinsel ist umfangreich und vielfältig.

Kurz hat der Regen aufgehört, die Erde saugt das Wasser gierig ein, der Beton schüttelt es angewidert ab oder stellt sich leicht auf um das unangenehme Nass abwärts fließen zu lassen. Doch es fängt nochmals an zu regnen. Das Platschen und Spritzen geht weiter. Missmutige Schirme werden wieder aufgespannt, Kapuzen wieder hochgezogen, Gummistiefel mit Kindern darin hüpfen mit vollem Schwung in die Wasserlachen. Es breitet sich eine Mischung aus Belustigung und Resignation aus

Und wenn die Pflanzen in den Parkanlagen entspannt und fröhlich summen könnten, würden sie das sicher tun.


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Projekt X – Version 1.2

Zweite Version des Beginns. Wird wohl nicht die letzte bleiben, aber sie gefällt mir schon besser und fügt sich langsam zusammen. Ein Teil des Textes ist ja fast ein Jahr alt. 

Hier gibt es die Farben und Anmerkungen aus der word-Datei nicht, an denen man auch gut sehen könnte, wie die Teile verbunden werden und zusammenwachsen, aber ausnahmsweise schreibe ich nicht direkt in den Blog. Zur Gewichtung habe ich hier den Anteil der Rückblende orange gefärbt. Das „Masse-Verhältnis“ ist jetzt ausbalancierter, denke ich. Aber ich mache mir keine Illusionen darüber, dass es noch mehrere Versionen geben wird, falls da jemals ein längerer Text draus wird.

Carmo starb in Lissabon. Für mich ganz unerwartet. Ich kam auch zu seinem Begräbnis zu spät, weil ich keinen Flug mehr bekommen hatte. Der größte Teil der Familie war wohl erleichtert, mich dort nicht zu sehen. Die Abneigung beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit, dennoch waren Carmo, Maris und ich jahrelang ein so ineinander verwobenes Trio, dass ich mich beinahe gefreut hätte, sie zu sehen. Nachdem es aber für unsere Art von Beziehung keine Bezeichnung gab, die man in einer konventionellen Familie hätte verwenden können, war es wohl besser, dass ich es nicht rechtzeitig zum Begräbnis geschafft hatte.

Ich wohnte bei Carmos Tante, einer sehr resoluten, alten Dame, die mich ins Herz geschlossen hatte und mir gegenüber seiner restlichen Familie immer die Stange hielt. Tía Arlette wurde sie von allen genannt. Sie war Tante, Großtante und sogar Urgroßtante und hielt die Familie mit eiserner Hand zusammen. Ungewöhnlich für ihre Generation hatte sie nie geheiratet. Die Familienlegende erzählte, ihre große Liebe wäre ein Doktor Soundso gewesen, aber niemand wusste, warum die beiden nicht geheiratet hatten. Ich halte diese  Geschichte für reine Erfindung. Arlette war eine kluge Frau und wahrscheinlich nicht bereit, sich in die totale Abhängigkeit zu einem Mann zu begeben, wie das in ihrer Jugend in einer Ehe üblich und gerne gesehen war. Allerdings wurde sie dem weiblichen Rollenbild in der portugiesischen christlich-konservativen Diktatur der 1940er und 50er Jahre insofern gerecht, als sie zuerst ihre Eltern pflegte, dann ihre älteste Schwester und schließlich eine weitere ihrer drei Schwestern bis zu deren Tod.   

Zwei Tage nach Carmos Begräbnis saßen wir in ihrem Esszimmer zwischen wahrscheinlich handgeschnitzten Holzmöbeln und recht düsteren Landschaftsbildern. Tía Arlete   brachte eine Plastikbox herein und stellte sie auf den Tisch; auf das filigran bestickte Tischtuch zwischen die silbernen Leuchter. Das Esszimmer war nur für besondere Gelegenheiten gedacht, an normalen Tagen aß man in der Küche. Die Tatsache, dass wir also im Esszimmer saßen, gab der Übergabe der Plastikbox eine gewisse feierliche Note. In dieser Box sagte die Tante hätte Carmo persönliche Dinge verwahrt.

Carmo war theoretisch von seiner in Spanien lebenden Frau Maris getrennt und lebte entweder in Wien oder in Lissabon bei seiner Tante. Er war wohl auch des öfteren in Spanien anzutreffen, ganz sicher nachdem wir uns getrennt hatten, höchstwahrscheinlich auch vorher. Klare Verhältnisse strebte er nie an.

Ich zögerte, die Box entgegenzunehmen. Es war mir klar, dass sie mir kaum Angenehmes berichten würde. Wenn mein verstorbener Liebhaber diese Box bei seiner Tante aufbewahrte, also ein paar tausend Kilometer außerhalb meiner Reichweite, so würde das seine Gründe haben.

Ich saß im Flugzeug, auf dem Weg nachhause, nach Wien. Die Plastikbox, eingepackt in  altertümliches Geschenkpapier lag als Handgepäck im Gepäcksfach über mir. Der Pilot drehte die unvermeidliche enge Kurve über die Lissabonner Innenstadt. Wenn man dort am Campo Grande steht, hat man den Eindruck, dass die Flugzeuge so knapp über den Köpfen der Menschen liegen, dass es unmöglich noch einmal gut gehen kann. Schaut man hinauf, ist die geringe Entfernung zwischen Parkbäumen und Flugzeug noch erschreckender.

Ich habe einmal gehört, dass alle Piloten darauf trainiert werden in gefährlichen Situationen, wenn ein Abstürzen des Flugzeugs bevorsteht, aufs Meer hinaus zu drehen. Dafür wäre in Lissabon keine Zeit, zu tief müssen die Flugzeuge schon sein  wenn sie über die Stadt fliegen und den Flughafen ansteuern Dabei ist das Meer gar nicht weit, die Mündung des Tejo liegt praktisch im Stadtgebiet. Und weiter im Westen liegt Madeira …

„Give me hope, Joanna, give me hope, Joanna, give me hope before the morning comes.“ Ich weiß nicht mehr, ob es das Lied jenes Sommers oder aus irgendwelchen Gründen mein Ohrwurm war, jedenfalls sehe ich die Ferienwohnung in Madeira wenn ich es höre und wenn ich an diese Zeit denke, höre ich „give me hope, Joanna.“

Der Sitz neben mir war leer, wir flogen durch eine dicke Wolkenschicht Richtung Wien, aber ich war in Madeira angekommen.

Es hatte mir imponiert, dass Carmo einfach irgendeinen Fußballfunktionär in Madeira anrief und daraufhin eine Ferienwohnung gratis bekam. Die Wohnung war hübsch, in einem Vorort von Funchal gelegen. Tage verbrachten wir am Pool mit Sonnen, Schwimmen, Schmusen, Aufladen mit aphrodisierendem Jod, auch hier war das Meer nicht weit weg, das Bett auch nicht oder der Tisch und die kühlen Bodenfließen in der Ferienwohnung. Wahrscheinlich erwartete der Fußballverband von Madeira irgendeine Gegenleistung von einer eingeladenen Berühmtheit, bekommen hat er jedenfalls nichts, soviel ich noch weiß.

Irgendwann fuhren wir in die Stadt, es gab eine ganz gute Busverbindung und ich wollte unbedingt eine Schiffsrundfahrt entlang der Küste machen. Carmo wollte nicht. Ich wusste damals nicht, warum er kaum jemals in ein Boot zu bekommen war. Über seine Ängste sprach er nicht mit mir, ich war schließlich die junge Geliebte, die zu den finsteren Bereichen seines Lebens keinen Zutritt hatte. Leider blieb das nicht so.

Ich erinnere mich an die fantastische Steilküste, an der das Boot entlang fuhr und wie gut mir die Rundfahrt gefiel. Carmo war im letzten Moment wieder ausgestiegen. Das war noch ziemlich am Anfang unserer Beziehung. Nach ein paar Stunden kam ich dann zurück an den Pool, wo er hinter einer Zeitung verschwunden war. Er ging immer davon aus, dass alles nach seinem Kopf zu geschehen hatte, wenn ich mich aber widersetzte, nahm er das zur Kenntnis. Im Rückblick betrachtet, hatte ich einen großen Anteil daran, dass er so viel Macht über mich gewann. Hätte ich mich am Anfang unserer Beziehung nicht so träge verhalten, wäre vieles anders gekommen, wahrscheinlich besser, aber wer weiß schon, was genau sich verändert, wenn man eine andere Abzweigung nimmt.

Abends rief er immer seine Frau an. Damals gab es noch keine Mobiltelefone, man musste von einer Telefonkabine aus sprechen und dazu brauchte man Münzen, viele Münzen, je mehr Lügengeschichten umso mehr Münzen. Manchmal streckte er nur beredt die Hand aus, er konnte ja nichts sagen, jemanden, der nicht existiert, kann man auch nicht auffordern Münzen heranzuschaffen. Ich weiß, dass ich die Rolle der Münzenbesorgerin für diese Gespräche als sehr demütigend empfand und nach ein paar Tagen verweigerte. Ich hörte dann lieber im Kopf „give me hope, Joanna“ ohne mich weiter um die Gespräche mit Maris zu kümmern. Den ganzen Text weiß ich nicht mehr. Irgendwann kommt vor „… in the black Soweto ….. „

Auf der Strecke Lissabon-Wien flogen wir inzwischen schon über Frankreich und es gab sogar warmes Essen inklusive Nachspeise: Honiglebkuchen aus Madeira. Unglaublich wie viele Details manchmal zusammenspielen um einen in einer Erinnerung festzuhalten. 

Von dem Honiglebkuchen, der uns beiden sehr gut schmeckte, hatten wir oft ein Stück auf dem runden, weißen Tisch in der Ferienwohnung in Funchal liegen. Das Bett war, glaube ich, auch weiß und auf der Seite auf der ich meistens schlief, gab es ein schmales, hohes Fenster durch das man über eine Landschaftsterrasse bis zum Meer hinuntersehen konnte. Carmo schlief viel mehr als ich, schließlich war er annähernd zwanzig Jahre älter und lebte in einer permanenten Sexorgie, daher hatte ich viel Gelegenheit aus dem Fenster zu schauen. Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube ich las damals „Erdsee“ von Ursula K Le Guin. Auf jeden Fall einen Fantasy-Flucht-Roman in dieser Art.

Wir waren mehrmals in Madeira und einmal auf der Nachbarinsel Porto Santo deswegen weiß ich nicht mehr genau, welche Ereignisse welchem Besuch zuzuordnen sind. Ich erinnere mich an den Besuch einer Messe für lokale Produkte, das könnte bei diesem Aufenthalt gewesen sein. Ich trug ein beiges Kleid mit handgehäkelten Spitzen. Seltsames Detail, an das ich mich da erinnere. Einmal waren wir im Botanischen Garten, das muss aber ein andermal gewesen sein.

Während das Flugzeug in den Sinkflug ging um in Wien zu laden, erinnerte ich mich an den Anflug in Madeira. Als wir das erste Mal dort waren, war die Flugpiste noch extrem kurz und Piloten, die diesen Flughafen anfliegen wollten, mussten eine Spezialausbildung machen. Die Piste endete abrupt ein paar Meter vor den Klippen, was ein irrwitziges Bremsmanöver erforderte, das das gesamte Flugzeug zum Vibrieren brachte. Man hatte den Eindruck, es würde jeden Moment auseinander brechen, in tausend Stücke oder ganz über die Klippen fallen. Beim nächsten Besuch war die Piste schon verlängert, der neue Teil steht auf tragenden Pfeilern im Meer. Damals war ich aber hauptsächlich verliebt und interessierte mich nur am Rande für solche Details.

Inzwischen wurde schon der Donauwalzer gespielt und dem Piloten applaudiert, wir waren in Wien-Schwechat gelandet. Einen Augenblick war ich in Versuchung die Büchse der Pandora im altertümlichen Geschenkpapier im Gepäckfach zu vergessen. Aber ich bin nun mal neugierig.

24.5.20


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Projekt X – 2

Projekt X – 1 

Inzwischen hat der Protagonist X den Namen Carmo bekommen. Das Projekt behält den Namen „X“ das passt sehr gut.

Zu klären ist die Frage, ob ich Rückblenden wie diese, von denen es ja ziemlich sicher sehr viele geben wird, in einer Rückblendperspektive erzählen soll – so wie hier –  oder sie lieber in eine direkte Gegenwartsperspektive holen sollte. Es spricht ja auch nichts dagegen, beides und auch noch vieles andere auszuprobieren.

 

Ich saß im Flugzeug, auf dem Weg nachhause. Die Plastikbox, eingepackt in  altertümliches Geschenkpapier lag als Handgepäck im Gepäcksfach über mir. Der Pilot drehte die unvermeidliche enge Kurve über die Lissabonner Innenstadt. Wenn man am Campo Grande steht, hat man den Eindruck, dass die Flugzeuge so knapp über den Köpfen der Menschen liegen, dass es unmöglich noch einmal gut gehen kann. Schaut man hinauf, ist die geringe Entfernung zwischen Parkbäumen und Flugzeug noch erschreckender.

Ich habe einmal gehört, dass alle Piloten darauf trainiert werden in gefährlichen Situationen, wenn ein Abstürzen des Flugzeugs bevorsteht, aufs Meer hinaus zu drehen. Dafür wäre in Lissabon keine Zeit, zu tief sind die Flugzeuge im Anflug wenn sie über die Stadt fliegen. Dabei ist das Meer gar nicht weit. Und weiter im Westen liegt Madeira …

„Give me hope, Joanna, give me hope, Joanna, give me hope before the morning comes.“ Ich weiß nicht mehr, ob es das Lied jenes Sommers oder aus irgendwelchen Gründen mein Ohrwurm war, jedenfalls sehe ich die Ferienwohnung in Madeira wenn ich es höre und wenn ich an diese Zeit denke, höre ich „give me hope, Joanna.“

Es hatte mir imponiert, dass Carmo einfach irgendeinen Fußballfunktionär in Madeira anrief und daraufhin eine Ferienwohnung gratis bekam. Nicht nur er, ich auch, als eine Art Anhängsel. Die Wohnung war hübsch, lag in einem Haus mit Pool, in einem Vorort von Funchal. Tage verbrachten wir am Pool mit Sonnen, Schwimmen, Schmusen, Aufladen mit aphrodisierendem Jod, auch hier war das Meer nicht weit weg, das Bett auch nicht oder der Tisch und die kühlen Bodenfließen in der Ferienwohnung. Wahrscheinlich erwartete der Fußballverband von Madeira irgendeine Gegenleistung von einer eingeladenen Berühmtheit, bekommen hat er jedenfalls nichts, soviel ich noch weiß.

Irgendwann fuhren wir in die Stadt, es gab eine ganz gute Busverbindung und ich wollte unbedingt eine Schiffsrundfahrt entlang der Küste machen. Carmo wollte nicht. Ich wusste damals nicht, warum er kaum jemals in ein Boot zu bekommen war. Über seine Ängste sprach er nicht mit mir, ich war schließlich die junge Geliebte, die zu den finsteren Bereichen seines Lebens keinen Zutritt hatte. Leider blieb das nicht so.

Ich erinnere mich an die fantastische Steilküste, an der das Boot entlang fuhr und wie gut mir die Rundfahrt gefiel. Carmo war im letzten Moment wieder ausgestiegen, ich nicht. Das war noch ziemlich am Anfang unserer Beziehung. Nach ein paar Stunden kam ich dann zurück an den Pool, wo er hinter einer Zeitung verschwunden war. Er ging immer davon aus, dass alles nach seinem Kopf zu geschehen hatte, wenn ich mich aber widersetzte, nahm er das zur Kenntnis. Im Rückblick betrachtet, hatte ich einen großen Anteil daran, dass er soviel Macht über mich gewann. Hätte ich mich am Anfang unserer Beziehung nicht so träge verhalten, wäre vieles anders gekommen, wahrscheinlich besser, aber wer weiß schon, was genau sich verändert, wenn man eine andere Abzweigung nimmt.

Abends rief er immer seine Frau an. Damals gab es noch keine Mobiltelefone, man musste von einer Telefonkabine aus sprechen und dazu brauchte man Münzen, viele Münzen, je mehr Lügengeschichten umso mehr Münzen. Manchmal streckte er nur beredt die Hand aus, er konnte ja nichts sagen, jemanden, der nicht existiert, kann man auch nicht auffordern Münzen heranzuschaffen. Ich weiß, dass ich die Rolle der Münzenbesorgerin für diese Gespräche als sehr demütigend empfand und nach ein paar Tagen verweigerte. Ich hörte dann lieber im Kopf „give me hope, Joanna“ ohne mich weiter um die verlogenen Gespräche zu kümmern. Den ganzen Text weiß ich nicht mehr. Irgendwann kommt vor „… in the black Soweto ….. „

Es gibt eine typische Süßigkeit in Madeira, eine Art Honiglebkuchen, der uns beiden sehr gut schmeckte und von dem wir immer einen auf dem runden, weißen Tisch in der Ferienwohnung liegen hatten. Das Bett war, glaube ich, auch weiß und auf der Seite auf der ich meistens schlief, gab es ein schmales, hohes Fenster durch das man über eine Landschaftsterrasse bis zum Meer hinuntersehen konnte. Carmo schlief viel mehr als ich, schließlich war er annähernd zwanzig Jahre älter und lebte in einer permanenten Sexorgie, daher hatte ich viel Gelegenheit aus dem Fenster zu schauen.

Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube ich las damals „Erdsee“ von Ursula K Le Guin. Auf jeden Fall einen Fantasy-Flucht-Roman in dieser Art.

Wir waren mehrmals in Madeira und einmal auf der Nachbarinsel Porto Santo deswegen weiß ich nicht mehr genau, welche Ereignisse welchem Besuch zuzuordnen sind. Ich erinnere mich an den Besuch einer Messe für lokale Produkte, das könnte bei diesem Aufenthalt gewesen sein. Ich trug ein beiges Kleid mit handgehäkelten Spitzen. Seltsames Detail, an das ich mich da erinnere. Einmal waren wir im Botanischen Garten, das muss aber ein andermal gewesen sein.

An den Anflug kann ich mich gut erinnern. Als wir das erste Mal in Madeira waren, war die Flugpiste noch ganz kurz und Piloten, die diesen Flughafen anfliegen wollten, mussten eine Spezialausbildung machen. Die Piste endete abrupt ein paar Meter vor den Klippen, was ein irrwitziges Bremsmanöver erforderte, das das gesamte Flugzeug zum Vibrieren brachte. Man hatte den Eindruck, das Flugzeug würde jeden Moment auseinander brechen, in tausend Stücke oder ganz über die Klippen fallen. Beim nächsten Besuch war die Piste schon verlängert, der neue Teil steht auf tragenden Pfeilern im Meer. Damals war ich aber hauptsächlich verliebt und interessierte mich nur am Rande für solche Details.

20.5.20


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Projekt X – 1

X kommt hier zweimal vor: als Arbeitstitel des Projekts und als Platzhalter für den Namen der männlichen Hauptfigur, den ich mir noch überlegen muss. Die geplanten Schauplätze der Handlung sind Orte, die ich kenne, die meisten davon sogar ziemlich gut. Es handelt sich wohlgemerkt um work in progress.

Wenige Tage nach dem Begräbnis begab ich mich auf den Weg X besser kennenzulernen und über diesen schmerzhaften Umweg auch mich selbst.

Ich war zu seinem Begräbnis angereist und wohnte bei seiner Tante, einer sehr resoluten, alten Dame, die mich ins Herz geschlossen hatte und mir gegenüber seiner restlichen Familie immer die Stange hielt. Tía Arlette wurde sie von allen genannt. Sie war Tante, Großtante und sogar Urgroßtante und hielt die Familie mit eiserner Hand zusammen. Ungewöhnlich für ihre Generation hatte sie nie geheiratet. Die Familienlegende erzählte, ihre große Liebe wäre ein Doktor Soundso gewesen, aber niemand wusste, warum die beiden nicht geheiratet hatten. Ich halte diese  Geschichte für reine Erfindung. Arlette war eine kluge Frau und wahrscheinlich nicht bereit, sich in die totale Abhängigkeit zu einem Mann zu begeben, wie das in ihrer Jugend in einer Ehe üblich und gerne gesehen war. Allerdings wurde sie dem weiblichen Rollenbild in der portugiesischen christlich-konservativen Diktatur in den 1940er und 50er Jahren insofern gerecht, als sie zuerst ihre Eltern pflegte, dann ihre älteste Schwester und schließlich eine weitere ihrer drei Schwestern bis zu deren Tod.   

Am Tag nach X Begräbnis saßen wir in ihrem Esszimmer zwischen wahrscheinlich handgeschnitzten Holzmöbeln und recht düsteren Landschaftsbildern. Tía Arlete   brachte eine große Plastikbox herein und stellte sie auf den Tisch. Auf das filigran bestickte Tischtuch zwischen die silbernen Leuchter. Das Esszimmer war nur für besondere Gelegenheiten gedacht, an normalen Tagen aß man in der Küche. Die Tatsache, dass wir also im Esszimmer saßen, gab der Übergabe der Plastikbox eine gewisse feierliche Note. In dieser Box sagte die Tante hätte X persönliche Dinge verwahrt.

X war theoretisch von seiner in Spanien lebenden Frau getrennt und lebte entweder in Wien oder in Lissabon bei seiner Tante. Er war wohl auch des öfteren in Spanien anzutreffen, ganz sicher nachdem wir uns getrennt hatten, höchstwahrscheinlich auch vorher. Klare Verhältnisse strebte er nie an.

Ich zögerte, die Box entgegenzunehmen. Es war mir klar, dass sie mir kaum Angenehmes berichten würde. Wenn mein verstorbener Liebhaber diese Box bei seiner Tante aufbewahrte, also ein paar tausend Kilometer außerhalb meiner Reichweite, so würde das seine Gründe haben.

16.5.20