la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Die Brüste des Modells – ABC-Etüde zum Thema „Kunst“

Sommerpausenintermezzo der ABC-Etüden, auch bei Christiane, der Etüden-Meisterin 

Diesmal geht es darum, eine alphabetische Liste von Begriffen zu einem selbst gewählten Thema zu erstellen und dann unter Verwendung aller 26 Begriffe einen Text zu schreiben.

Mein Thema ist „Kunst“ und ich habe zunächst den Text geschrieben und dann noch fehlende Wörter eingebaut. Sehr gut wäre ich auch ohne das Wörter-Alphabet ausgekommen. „Jadegrün oder nilgrün“ ist schon ein bisschen an den Haaren herbeigezogen, mir ist aber kein besseres Wort mit „j“ eingefallen.

Diesmal ist es keine Geschichte sondern einfach ein Text. Schließlich ist Sommer und der eignet sich wunderbar zum vor sich hin Sinnieren und Schreiben.

Die alten, buntgefleckten  Staffeleien lehnen an der Wand, ebenso die als Unterlagen verwendeten Malbretter, nach der Größe sortiert, die Holzstifte für die Staffeleien in einem geflochtenen Korb. In den Regalen stehen angeschlagene Teller, die als Malpaletten benützt werden. X-mal gewaschene Fetzen mit Regenbogen-Farbflecken liegen ordentlich zusammengelegt auf einem Regalbrett, die diversen Gläser für das Malwasser sind auch nach der Größe sortiert. Diese ehemaligen Heimstätten von Essiggurken, Oliven, Kompotten, und Salaten wurden sorgfältig ausgewaschen. Es herrscht hier eine Mischung von Bohème und Spießigkeit, keine Bobo-Atmosphäre eher Prekariat und Geldmangel.

Die Klospülung, ein Modell, das knapp hinter dem Plumps-Klo rangiert, funktioniert zwar, aber nur wenn man mit der genau richtigen Zugstärke an der metallenen Kette zieht. Sonst passiert gar nichts. Zum Reparieren fehlt seit Jahren das Geld. Hier werken Kreative, man sieht es: die Jalousie vor dem Fenster, die dem Klo Blickschutz bietet, besteht aus farbenprächtigen Dias, die kunstvoll zusammengehängt wurden, ein sehr originelles Einzelstück. Der Kühlschrank ist ausgesteckt, die Türe offen. Hier haben wir früher die selbstangerührte Ei-Tempera gelagert und gekühlt. Ob der Kühlschrank kaputt ist oder ob ihn nur gerade niemand braucht, habe ich nicht gefragt, muss ich auch nicht wissen.

Der Wasserhahn, der gleiche wie vor über zehn Jahren, rinnt immer noch nach nachdem er zugedreht wurde. Mir fällt auf, dass sich meine Hände an den richtigen Moment erinnern, an dem der Wasserhahn zugedreht werden muss um nicht zu viel und nicht zu wenig Wasser rinnen zu lassen. Ebenso wie meine Füße sich erinnern, wohin sie nicht treten sollten, auf kaputte Fliesen, auf morsche Holzteile, auf die Hühnerleiter, die in den Hinterhof führt und die schon seit Jahren jeden Moment zusammenbrechen kann. Dieses Atelier ist mir einfach vertraut, mit dem ganzen Körper.

Wir sind wenige und haben uns coronabedingt über den großen Atelierraum verteilt. Alle haben ihre Malnester gebaut: mit Tischen, Sesseln, Staffeleien, Papier, Leinwänden, Pinsel, Farben, Stiften, Kreiden, Kohle, Radiergummi, Messer, Fixierspray. Oft ist es eine wohlausgestattete Materialschlacht, die hier stattfindet. Die derzeit höchstwahrscheinlich prekären, finanziellen Verhältnisse im Atelier betreffen nicht die zahlenden Gäste. Nach mehreren Tagen kreativer Aktivitäten, wird der Boden so aussehen, als hätte ein Yeti mit besonders großen Füßen einen Hüpftanz geübt. Am Vormittag des ersten Tages ist es aber noch nicht soweit. Wir bereiten uns vor und erörtern schwierige Fragen wie Jadegrün oder Nilgrün zu Hellgrau oder Lila, Leinwände grundieren oder doch nicht. Die Größe und nötige Qualität des Papiers …

 Das erste Modell ist da, eine junge Frau in Begleitung einer anderen. Sie trägt blaue Shorts mit den unvermeidlichen weißen Streifen an der Seite, ein T-Shirt mit der Aufschrift „Filipinas“, Plastikschuhe und hat eine prachtvolle, gekrauste Mähne mit hineingefärbten blonden Strähnchen und ein richtig schönes, ebenmäßiges Gesicht. Vielleicht eine Somalierin, oder sie stammt aus Madagaskar. Sie zieht sich aus und nimmt zunächst eine einfach zu zeichnende Position ein: keine nennenswerten Verkürzungen, keine allzu verschlungenen Arme und Beine. Ihre Haut, ist jung, glatt, das Bindegewebe ist fest, man sieht die Muskelspannung unter der Haut. Ich überlege mir, wie man ein Inkarnat für dunkle Haut mischt. Zu Rot, Weiß, Blau, eine Spur Gelb, ein bisschen Braun, Hellbraun oder Dunkelbraun ? Am besten drauflos mischen …

Und dann sehe ich die Brüste des Modells und erschrecke. Die junge Frau sieht aus wie Mitte Zwanzig, vielleicht ist sie etwas älter, ich schätze dunkelhäutige Menschen immer etwas jünger als sie sind, aber diese ausgelaugten Brüste passen einfach nicht ins Gesamtbild. Hier gibt es kein straffes Bindegewebe, keine glatte Haut, ihre Brüste sehen aus als wären sie mindestens dreißig Jahre älter als der restliche Körper, als hätten sie dutzende Kinder gesäugt und nie irgendeine Stütze getragen, als wäre das Fettgewebe ausgesaugt worden. Aber warum sollte eine junge Frau mit einem sehr schönen Körper irgendetwas an ihren Brüsten verändern lassen. Wenn das doch geschehen sein sollte, wäre es ein tragisches Ergebnis. Ähnlich den völlig verunstalteten Gesichtern mit den auf froschähnliche Dimensionen aufgespritzten Lippen. Ihre Brustwarzen sind gepierct mit jeweils zwei Ringen, die aber unmöglich so schwer sein können, dass sie die Brüste derart hinunterziehen könnten.

Mir kommt vor, dass ich sie anstarre und ich komme mir voyeuristisch vor. Ein gewisser Voyeurismus lässt sich nicht vermeiden, wenn man ein Aktmodell abbildet, aber einen Teil ihres Körpers so intensiv anzustarren kommt mir doch ungehörig vor. Es wird ihr ja selbst auch klar sein, wie sie aussieht. Ich drehe eine Runde quer durchs Atelier um zu sehen, ob die anderen die Brüste so abbilden wie sie sind. Teils teils …

Wir machen eine Pause. Ich habe noch nicht so viele Aktmodelle erlebt, aber alle, die ich bisher gesehen habe, Frauen und Männer hatten die Gewohnheit sich in den Pausen zumindest ein Tuch umzuwickeln. Diese junge Frau bewegt sich ebenso nackt wie unbefangen, sieht sich die Bilder an, kommentiert sie, plaudert. Ich frage sie, ob sie Kunststudentin ist. Ja, sie macht Metallskulpturen und wäre sehr schlecht beim Zeichnen. Ihre Begleiterin dagegen, die sich zu uns gesetzt und mitgezeichnet hat, ist eine erfahrene Zeichnerin und zeigt uns ihre Skizze.

Dann nimmt das Modell eine neue Position ein, umschlingt ihre aufgestellten Beine mit den Armen. Dabei werden die Brüste gegen die Beine gedrückt und sehen dadurch noch schlaffer aus als zuvor, leere Säckchen. Das Stichwort „ausgeleiert“ erzeugt in mir ein Bild von einem dieser Nachtclubs mit Poledance und diesem als Tanz deklarierten schnellen Kreisen der mit Quasten dekorierten Brüste. Manche Tänzerinnen schaffen es sogar die Brüste in verschiedene Richtungen kreisen zu lassen. Wenn man diese Art der Zurschaustellung eine Weile betreibt, wird das Bindegewebe auch kleiner, fester Brüste garantiert ausgeleiert.

Eine mögliche Theorie wie viele andere. Alle Möglichkeiten, die mir einfallen, wie eine junge Frau zu alten Brüsten gekommen sein kann, hinterlassen einen unangenehmen Nachgeschmack von Ausbeutung und Würdelosigkeit. Obwohl diese Frau einen entspannten, selbstbewussten Eindruck macht. Der Weg zu Gelassenheit kann durch kleinere oder größere Höllenbereiche geführt haben.  

Und hier die Liste:

A – Atelier, Akt

B – Brüste, Bohème

C – coronabedingt

D – dunkelbraun

E – Ei-Tempera

F – Farbflecken, Fixierspray

G – grundieren, Geldmangel

H -Hellbraun

I – Inkarnat

J – Jadegrün

K – Kreiden

L – Leinwände

M – Modell, Malbrett

N – Nilgrün

O – ordentlich

P- Paleten, Pinsel

Q – quer

R – rot, Radiergummi

S – Staffelei, Stifte

T – Temperafarben

U – Unterlage

V – voyeuristisch

W – Wasserhahn, werken

X – x-mal

Y – Yeti

Z – Zurschaustellung


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Mittwoch 22. April – eine kleine Wutstory.

Meine fleischfressende Venusfliegenfalle muss dringend umgetopft werden. Sie hat in diesem Frühling schon zwei große Blüten hochgefahren, aber die Klappfallen, die im Vorjahr so groß und prächtig rötlich gefärbt waren, sind irgendwann verkümmert. Sie braucht neue Erde, einen neuen Topf und etwas Motivation. Die Motivation in Form von Fliegen wird sich von selbst einstellen, aber für Topf und Erde bin wohl ich zuständig. Nachdem ich keine Lust habe, mich in eine lange Schlange vor einem Pflanzenmarkt einzureihen, versuche ich es zunächst telephonisch bei kleinen Gärtnereien und Blumengeschäften. Nix, die haben verständlicherweise nur ganz normale Blumenerde. Dafür, dass alle drei Jahre vielleicht jemand kommt und Carnivorenerde kaufen will, werden sie keinen Lagerplatz verschwenden. Man weiß ja nun dank der streckenweise höchst erhellenden Coronakrise, wie wichtig Lagerplatz ist.

Also online bestellen. Als bekennende Haptikerin hasse ich Online-Bestellungen, ein Ding erwerben, das ich vorher nicht angreifen konnte, furchtbar. Ich gehe also widerwillig an die Sache heran. Der ungeliebte Amazon, dem man zugute halten muss, dass er überaus kundenfreundlich ist, wenn er auch keine Steuern bezahlt und seine Angestellten, die gar keine Angestellten sind sondern großteils Leiharbeiter miserabel behandelt. Das ginge alles schnell und problemlos nur kann keine Carnivorenerde nach Österreich geliefert werden. Aha, vielleicht auch ein Lagerproblem, oder das neueste deutsche Ausfuhrverbot: Mundschutz und Carnivorenerde?

Gut, ein großer Baumarkt also, Produkt vorhanden. Hoffnung keimt auf, ich dringe nach mehreren Schleifen bis zu einem Lieferformular durch, bis zu der Spalte mit den Postleitzahlen. Ich setze meine Postleitzahl ein, das Kastl färbt sich rot, die Postleitzahl muss fünfstellig sein sonst kommt man nicht weiter bei der Bestellung. Österreichische Postleitzahlen sind aber vierstellig. Eine unüberwindliche Hürde. Ich rufe bei der in Wien mehrfach vertretenen Baumarktkette an und frage, ob ich, wenn sie es schon nicht schaffen das online Lieferformular  an lokale Bedingungen anzupassen nicht vielleicht telefonisch bestellen könnte. Totale Überforderung, nein, das geht nicht, aber, strahlendes Lächeln durch die Leitung, man könne mir beliebig viele Packungen reservieren und beiseite legen, es gäbe jede Menge davon.  Nein, danke, können sie sich ersparen. Freundlich bleiben!

Der nächste Kandidat. Hier gibt es auch einen Online-shop, aber nur für ausgewählte Produkte. Ich gewinne die Wette mit mir selbst, dass Carnivorenerde nicht dazu zählt. Ich schmeiße alles hin und wünsche den Baumärkten den coronabedingten Ruin. Hätten sie unbedingt verdient bei so viel Unfähigkeit. Der Herr Partner ruft im Hintergrund, dass ich gerade in der Praxis erlebe, warum der grausliche A. praktisch die Weltherrschaft übernommen hat: dort funktioniert immer alles, wie und warum interessiert irgendwann nicht mehr, wenn man den Spießrutenlauf durch diverse unbrauchbare Online-Shops absolviert hat. Dazwischen ruft die Gärtnerei an, bei der ich  Erdbeerpflanzen bestellt habe und teilt mir mit, dass sie noch keinen Erfolg beim Suchen hatten, weil offenbar ganz Wien in diesem Sommer Obst und Gemüse selbst anbauen möchte, dass sie aber dran bleiben und am Freitag nochmals anrufen. Das ist Service!

Ich werfe einen Blick auf die Venusfliegenfalle, die ja nun nichts kann für die Unfähigkeit heimischer Betriebe und mache noch einen letzten Versuch. Ohne viel Hoffnung, denn es handelt sich um die Kette von der mir ein Studierender die folgende gruselige Geschichte erzählt hat: er arbeitete dort einmal die Woche, Samstags und wäre von seinem Chef der Baustoffabteilung zugewiesen worden. Nachdem der junge Mann seinem Chef gestanden hatte, dass er von Baustoffen überhaupt nichts wüsste, gab ihm der Chef den Rat, dass er sich, wenn auskunftsheischende Kunden auftauchen würden, einfach verstecken solle. Hält man sowas für möglich! Natürlich wirbt gerade dieser Markt allenthalben mit seinem besonders guten Kunden-Service. Ich war schon sehr verärgert und bereit beim geringsten ärgerlichen Detailchen sofort aufzugeben und alle zum Teufel zu schicken, aber siehe da, es hat alles funktioniert, man kann bei diesem Markt sogar den Versandstatus nachverfolgen. Die Venusfliegenfalle bekommt eine Chance. Obwohl, die Lieferung ist ja noch nicht angekommen und die Angelegenheit somit noch nicht beendet.

 


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Übungen zur Ausbaufähigkeit – Kettentexte #1

Mein Projekt aus spontanen 5-Minuten-Texten einen Teil, ein Wort, ein Bild herauszunehmen und damit wieder einen Text zu schreiben, läuft an. Es ist eine Mischung aus mehreren Schreibanregungen von Jutta Reichelt. Das ist einmal ein Anfang, die Texte sollen länger werden. 

 

Waldbrände, Hasen, Hirsche. Eigentlich gibt es sie doch hauptsächlich im Süden, Griechenland, Spanien, Portugal, Italien und das im Sommer. Plötzlich ist es bei uns so trocken und heiß, dass im April der Wald brennt. Feuerwehr, freiwillige und Berufsfeuerwehr. Viele Jugendliche gehen gerne zur Feuerwehr, man sagt oft, dass es dort auch viele Pyromanen gibt, ein paar andere Motivationen wird es hoffentlich auch geben. Letztlich ist das für das Ergebnis aber egal, solange die Pyromanen die Feuer nicht selbst legen sondern nur löschen. Grundregeln für das Erkennen von Gebäuden im ländlichen Raum: Das Feuerwehrhaus sieht ähnlich aus wie eine Kapelle. Stadt-Land ist derzeit ein Thema. Ich stelle es mir schön vor, in einem Ort zu leben, wo man jedes Gebäude und seine Geschichte kennt. Ob es mir auch gefallen würde, alle Leute zu kennen und von allen Leuten gekannt zu werden, weiß ich nicht. Wohl eher nicht. In vieler Hinsicht mag ich die Anonymität großer Städte sehr gerne.

Das Feuer sprang zum Ende der Lunte, ins mitgebrachte Stroh und flammte auf, knisterte, brüllte. Es sprang hoch und breit, fraß, vernichtete und verwandelte. Der Geruch des aktiven Todes, des Verbrannten und Verkohlten. Transformation. Die Erregung flammte durch seine Beine hoch, die Erektion war unendlich. Es kamen schon die Kollegen um zu löschen und er musste schnell umschalten. Trotzdem, was für ein Orgasmus! Nicht zu vergleichen mit allem anderen.


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5 Minuten Banalitäten – Jutta Reichelt

Wieder ein neuer, interessanter Aspekt von Jutta Reichelts Schreibwerkstätte: die Scham. Man kann sich für die Banalität und Trivialität von Texten schämen, für die Intimitäten, die man preisgibt und für vieles andere. Scham verhindert fließendes, flüssiges Schreiben oder doch zumindest die Veröffentlichung von Texten, die den eigenen Ansprüchen nicht genügen oder als zu privat empfunden werden. Wobei diese Grenzen individuell völlig verschieden verlaufen und die tabuisierten Bereiche völlig andere sein können.

Das Unterschreiten der Grenzen der Trivialität fällt mir gar nicht schwer. Da kann ich stundenlang vor mich hin mäandern.

Ein spontanes 5-Minuten-Produkt. Ich denke, ich werde daraus ein kleines Projekt machen und versuchen aus diesem ebenso spontanen wie trivialen Text in weiterer Folge mehr herauszuholen:

Waldbrände ,Hasen, Hirsche. Eigentlich gibt es sie doch hauptsächlich im Süden, Griechenland, Spanien, Portugal, Italien und das im Sommer. Plötzlich ist es bei uns so trocken und heiß, dass im April der Wald brennt. Feuerwehr, freiwillige und Berufsfeuerwehr. Viele Jugendliche gehen gerne zur Feuerwehr, man sagt oft, dass es dort auch viele Pyromanen gibt, ein paar andere Motivationen wird es hoffentlich auch geben. Letzlich ist das für das Ergebnis aber egal, solange die Pyromanen die Feuer nicht selbst legen sondern nur löschen. Grundregeln für das Erkennen von Gebäuden im ländlichen Raum: Das Feuerwehrhaus sieht ähnlich aus wie eine Kapelle. Stadt-Land ist derzeit ein Thema. Ich stelle es mir schön vor, in einem Ort zu leben, wo man jedes Gebäude und seine Geschichte kennt. Ob es mir auch gefallen würde, alle Leute zu kennen und von allen Leuten gekannt zu werden, weiß ich nicht. Wohl eher nicht. In vieler Hinsicht mag ich die Anonymität großer Städte sehr gerne.


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Stilübungen auf Anregung von Jutta Reichelt

Vielen herzlichen Dank für die Anregung von Jutta Reichelt , die mir einen ungemein vergnüglichen Nachmittag beschert hat. Nach dem unerreichten Vorbild von Raymond Queneau, der einen Ursprungstext in 99 verschiedenen Textsorten variiert hat, schlägt sie die Übung vor einen eigenen Text in verschiedenste Formen zu verpacken. Ich dachte mir, am einfachsten geht das zum Einstieg mit einem möglichst kurzen, möglichst banalen Text.

Das Schreiben hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich sehe da viele, viele Möglichkeiten und Variationen.

Das war der Ausgangstext:

An einem der ersten wirklich warmen Frühlingstage stand ich unter den blühenden Obstbäumen und schaute den Hummeln zu, wie sie freundlich um mich herum brummelten.

Und nun einige Variationen. Es sind eigentlich nur Skizzen, die längenmäßig ausbaufähig wären

Science fiction:

An einem der ersten wirklich warmen Frühlingstage stand ich unter den blühenden Obstbäumen.

Aus dem unnatürlich blauen Himmel schwebte etwas nieder, was mich zunächst gar nicht an die klassische Darstellung einer fliegenden Untertasse erinnerte. Rundlich war es und pelzig und es summte irgendwie freundlich. Was aus diesem Gefährt allerdings herauskam, gehörte ab dem allerersten Moment der Begegnung zu den allergrößten Schrecken der Menschheit.

Kitsch:

An einem der ersten wirklich warmen Frühlingstage stand ich unter den blühenden Obstbäumen

Als ich an meinen Liebsten dachte, den die Pflicht ans andere Ende der Welt gerufen hatte, wollte es mir schier das Herz zerreißen. Der blaue Himmel erinnerte mich an die Farbe seiner Augen und die zarten Blütengebilde an die vielen Blumensträußlein, die er mir dargebracht hatte, als er noch an meiner Seite war. Ob wohl das Summen der Hummeln ein lieber Gruß von ihm war.

Naturwissenschaft:

Wissenschaftlicher Name: Bombus

FamilieEchte Bienen (Apidae)

Höhere KlassifizierungBombini

Die Hummeln sind eine zu den Echten Bienen gehörende Gattung staatenbildender Insekten, die zu den Stechimmen oder Wehrimmen gehören.

Schnurspringen:

EinszweidreiHummelBummelBlütenvier

UndnocheinZweigsiebenundzwanzigachtundzwanzigBlühblühblüh

HundertsiebzehnblauerHimmelUndnochdrei

FrühhhhhhhlingFrühhhhhhhlingunduffundaus

Spionage:

An einem der ersten wirklich warmen Frühlingstage stand ich unter den blühenden Obstbäumen.

Wenn ich den Code richtig verstanden hatte, was keineswegs sicher war, musste ich nach einem Hummelnest suchen. Unser neuer Abteilungsleiter war ein echter Spinner und  bestimmte die blödsinnigsten Orte zu Briefkästen. Nun musste ich also hier in diesem blühenden Obstgarten herumstiefeln und versuchen ein Hummelnest zu finden, möglichst ohne draufzutreten. Ich musste auch irgendwie meine Paranoia im Griff behalten, die mir zuflüsterte, dass der Abteilungsleiter genau wusste, dass ich gegen Hummelstiche allergisch war.   

Sandkistenbesucher:

Summende, feuerspeiende Drachen, die in der Sandburg wohnen. Sie sind durstig und der Burggraben muss aufgefüllt werden, mit dem roten Küberl. Dann landen sie auf der Burg und wohnen dort. Die Sandkiste hat zwei Farben, eine unter dem Baum, die andere weiter weg. Vom Baum fallen weiß-rosa Luftboote, die muss ich angreifen. Ohhhh jetzt habe ich sie in der Hand und sie sind weg. Sie sollen wieder zurückkommen !!

An die Bürgerbeschwerdeplattform:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wieder einmal muss ich mich an Sie wenden um die untragbaren Zustände in dieser Wohnanlage anzuzeigen.

Schlimm genug ist der ständige Lärm, die widerwärtigen Gerüche, der Müll, der überall herumliegt. Nun haben aber einige Leute dem Fass den Boden ausgeschlagen  und unter den Apfelbäumen neben unseren Parkbänken eine Sandkiste aufgestellt. Eine Sandkiste! Zu allem Überfluss lässt man dort Kinder spielen, die nichts Eiligeres zu tun haben als unter lautem Johlen die Baumblüten zu zerquetschen. In den Ländern, aus denen sie kommen, hat man eben keinen Schönheitssinn.

Ich fordere Sie ganz entschieden auf, diese unhaltbaren und sicher ungesetzlichen Zustände mit der ganzen Macht des Staates zu unterbinden.

 

Moritat nach der Melodie von Mackie Messer (3 mal 4 Silben, einmal 3 Silben, geleiert)

Blauer Himmel

Rosa Blüten

Und die Hummeln

Schon erwacht            

        

Doch die Menschen

Welch ein Jammer

Sind im Frühjahr

Auch so schlecht

 

Eine halbver-

-krümmte Leiche

Lag unter dem

Apfelbaum

 

Und die Blüten

Von dem Baume

Leuchten ganz be-

-sonders schön

 

Commissario

Adlerauge

Prüft die Leiche

Ganz genau

 

Und er findet

Auch die Spuren

Von dem Böse-

-wicht gar schlau

 

S´war der Boris

Gar kein Zweifel

Seine Handschrift

ist bekannt

 

Ausgangssperren

Gab es keine

In den Landen

Von U.K

 

Die Spitäler

Waren leider

Ausgestattet

Nur zum Schein

 

Und so blieben

Viele Bürger

Dieses Landes

Liegen nur.

 

Doch die Rache

Kam sehr hurtig

Und nun ist er

Selbst auch krank

 

Doch man muss sich

Gar nicht sorgen

Denn der Boris

Schafft das schon


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Die fünfgeteilte Forsythie – ABC-Etüden

Den heutigen Vorschlag von Jutta Reichelt, ebenso inspirierend wie bisher alle ihre Anregungen, wollte ich gleich ausprobieren. Es geht darum kleine Texte in irgendeiner Art miteinander zu verbinden. Ich habe den Vorschlag mit einer ABC-Etüde verbunden. Es ist also quasi alles mit allem verbunden. Mein verbindendes Element war die Forsythie, die ich ursprünglich als zu verwendendes Wort kreativitätsvernichtend gefunden habe. Aber, die Zeiten ändern sich, gewissermaßen …

AC-Etüden bei Christiane  

Diesmal mit 5 Begriffen, die in 500 Wörtern untergebracht werden

Der Hund grub mit vollem Elan neben der Forsythie, dann ließ er sich mit einem Plumps auf dem ausgehobenen Hügel nieder und blickte herausfordernd um sich. Ha, sollte die blöde gestreifte Katze mit ihrer lächerlichen Schwanzkringlerei nur kommen, er war bereit und gerüstet, absolut Herr der Situation. Heute konnte sie ihre Krallen woanders schärfen als in seinem Gesicht. Heimtückische Wesen diese Felinen.  Zuerst zuckten sie freundlich mit dem Schwanz, was jeder Hund als Begrüßung interpretierte. Kam man aber näher um sie etwas zu beschnüffeln, fuhren sie in aberwitziger Geschwindigkeit die Krallen aus und schlugen auf den wehrlosen Hund ein.

Am späten Nachmittag rückte ein Filmteam rund um die Forsythie an. Die Darsteller, ein junges Paar brachten sich auf einer schmiedeeisernen Gartenbank in Position. Sie trug ein Kleid mit Krinoline und ein Spitzenhäubchen, er enganliegende Pantalons und ein Sakko in himbeerrot und einer sehr großen Schleife um den Hals. „Nächstes Mal muss ich dann als Marienkäfer auftreten“ murmelte der Schauspieler grimmig. Das Team wartete auf den Sonnenuntergang und der Regisseur nutzte die Gelegenheit den beiden ihren Text nochmals vorzusagen. Du sagst „ach, Herr Adalbert, es ist heute so warm hier“ und du sagst „Ach Fräulein Hildegund, an meiner Seite sollen sie niemals erfrieren“

Hinter der Forsythie begann das Nachbargrundstück. Mitten auf der verwahrlosten Wiese war ein Hügel aufgeschüttet worden. Darunter befand sich der vollständig ausgestattete Bunker von Herrn Helmer. Eine Zeit lang ging es sehr laut und geschäftig zu, die Wagen vieler unterschiedlicher Firmen standen vor dem Haus. Dann wurde es ruhig. Der Bunker war perfekt ausgestattet. Es fehlte weder an Lebensmitteln noch an Filteranlagen für Luft und Wasser. Die Betten waren bezogen, die Antennen ausgefahren, das Kurbelradio und die Wiederaufbereitungsanlagen betriebsbereit. Viele Tage verbrachte Herr Helmer in seinem Bunker, den er immer wohnlicher ausgestaltete. Nur manchmal fehlte ein wenig Farbe. Heute hatte er sich einen Forythienzweig abgeschnitten. 

Der junge Mann kam gerade an der Forsythie vorbei als ihm einfiel, dass er vergessen hatte für den morgigen Geburtstag seiner netten, immer hilfsbereiten Nachbarin einen Strauß zu besorgen. Er blieb abrupt stehen und dachte nach. Konnte er … Wäre es sehr unverschämt … Sollte er tatsächlich… Der Garten der Nachbarin war riesig, sie hatte ganz bestimmt keinen Überblick über alle ihre Pflanzen. Ein Forsythienzweig, ein besonders schön verzweigter, zwei Birnenblütenzweige, vielleicht fand er auch noch Palmkätzchen. Im Teil des Gartens, vor dem er stand, hielt sich nie jemand auf. Mit einem Sprung war er über der Mauer. (98)

Eine Biene flog über die Forsythie. Ein angewiderter Blick aus Facettenaugen traf den blühenden Strauch. Gelb – eine furchtbare Farbe. Manche Bienen hatten ja überhaupt keinen Kunstverstand und von Farben verstanden sie auch nichts. Schlimm genug wenn man mit einem wuselnden Volk voller Banausinnen leben musste, besonders im Frühling. Sie liebte die warmen Töne, rot, rosa, manche blaue Blüten mochte sie auch. Aber gelb ! Selbstverständlich suchte sie die Blüten, die sie besuchte nach rein künstlerischen Kriterien aus, nach ihren Proportionen, dem Schwung der Blütenblätter, den farblichen Harmonien. Das Leben war schön.  

497 Wörter


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Ein Foto und 5 Minuten

Eine Kombination aus zwei Kreativtechniken: ein Bild als Ausgangspunkt und 5 Minuten drauflos schreiben. Ich merke einen ganz großen Unterschied zwischen wirklichem Drauflosschreiben – dessen Ergebnisse ich hier kaum veröffentlichen würde – und Drauflosschreiben unter Wahrung gewisser Vorsicht. Der Mittelweg muss her, offenes Schreiben, aber nicht allzu tief unter der Oberfläche. Ob das geht?

Menschen und Dinge liegen hinter einem Schleier. Schleier isolieren, trennen, in gewisser Weise schützen sie auch. Aber wovor, vor der Welt, vor dem Leben, vor anderen. Der Bildschirm zwischen Menschen, ein Gedanke, den ich auch schon anderswo gelesen habe. Welcher Gedanke ist schon originell? Ein Sommerhut. Ob sich in diesem Sommer Gelegenheiten zum Hut tragen ergeben werden? Na, jedenfalls besitze ich einen Sommerhut, für alle Fälle. Salzkammergut mit Hut und wehenden Bändern. Na ja. Aus dem Reisen wird in diesem Sommer wohl nichts werden. Ist nicht so schlimm, es ist ohnehin viel zu heiß und ab September stehen mir ja alle Zeiten des Jahres zur Verfügung. Schnelle Jahreszeiten, tiefe Jahreszeiten, gar keine Jahreszeiten, aber Sonnwendfeiern. Zu Weihnachten habe ich eine Schiffstour auf der Donau zum Sonnwendfeuerwerk im Juni geschenkt bekommen. Ein ganz liebes Geschenk, über das ich mich sehr gefreut habe. 5 Minuten 


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Soll ich oder doch nicht ….

Die heute vorgestellte Kreativtechnik bei Jutta Reichelt ist eine Art automatisches Schreiben: 5 Minuten, einfach drauf los, möglichst ohne zu denken, ohne zu konstruieren. Die Methode war im Surrealismus beliebt, man wollte so direkt an das Unbewusste herankommen. Ich denke das funktioniert prinzipiell gut. Man kann sich etwas mehr oder etwas weniger einlassen. Das ist ein Text bei dem ich mich ein bisschen eingelassen habe, nur so als Beispiel. Trotzdem könnte ich – wie Jutta das vorschlägt – einzelne Sätze herausnehmen und sie als Anfangssätze für einen neuen Text nehmen.

Ich kenne die Technik vom Malen. Was immer man tut, irgendwie fließt das Unterbewusste durch die Hand, es können Bilder daraus werden, oder Sätze. Immer aber ist es eine Form des Dialogs mit sich selbst, der erstaunliche Ergebnisse bringen kann oder auch nicht, je nachdem. Die Herausforderung ist es, für sich selbst zu entscheiden, was das nun geworden ist.

Donnerstag, der vierte, mehr zum Ende als zum Anfang. Anfang ist auch anstrengend, Arbeit, vielleicht in einem Stall, ausmisten, Kühe, Kühe mit Locken und Glocken … und Socken. Stroh, das pickst, Heuboden, Jugendabenteuer, aber nur auf dem Land. Löwenzahn in gelb, natürlich nicht rot , Rosen blühen und welken, auch in anderen Farben. Nachtfrost im März, gab es früher auch oft und viel ist erfroren. Die gelbe Rose, die den ganzen Winter durchgehalten hat, ist gestern Nacht erfroren. Vielleicht war sie ja schon tot und nur durch die Kälte in einen scheinlebendigen Zustand versetzt. Verglichen mit dem frischen Grün bemerkt man das dann. Aber auch das frische Grün ist letzte Nacht erfroren, mitten im Frühling und unter Coronaviren. Wie die auf Pflanzen wirken, weiß man ja nicht. Wahrscheinlich gar nicht, warum sollten sie auch. Gähnen, gähnende Leere, im Lagerhaus, auf den Plätzen, fertig, los  und 5 Minuten sind vorbei.


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„Ich erinnere mich …“ Jutta Reichelt Tag 2

Bei Juttas Online-Schreibwerkstatt geht es am zweiten Tag darum, einen vorgegebenen Satz weiterzuführen. Ich habe mich für den folgenden entschieden:

„Ich erinnere mich, wie ich innehielt, mitten in der Bewegung.“ (Eugen Ruge Cabo de Gata)

Interessant an dieser Kreativtechnik finde ich, dass man ja tatsächlich jeden beliebigen Satz aus jedem beliebigen Werk dazu verwenden kann. Die Herausforderung ist es, sich an Stil und Sprachebene dieses Satzes zu orientieren damit er aus dem Text nicht herausfällt.

Ich erinnere mich, wie ich innehielt, mitten in der Bewegung, wie mein Sichtfeld sich einengte, wie ich, die gesamte Umgebung ausblendend, nur noch auf einen Punkt fokussierte. Ich war damals dreizehn oder vierzehn. Den Samstag Nachmittag verbrachte ich regelmäßig mit ein paar Freundinnen auf dem Eislaufplatz, neben dem Konzerthaus, schräg gegenüber vom Musikverein. Im Sommer diente der Platz den Freistil-Ringern und so bildete er einen Schnittpunkt zwischen Sport und Kultur, was mir damals allerdings überaus gleichgültig war. Die Gedanken in meinem pubertätsgeschädigten Kopf bewegten sich ziemlich ausschließlich um ihn. Er war als Person austauschbar. Heute staune ich darüber, wie schnell und umfassend ich damals die von mir ersehnten Eigenschaften und Charakterzüge von einem männlichen Wesen auf das nächste übertrug und dadurch jede Menge genau meinen Vorstellungen entsprechende junge Männer schuf. An diesem speziellen Tag, an dem für mich plötzlich von der Welt nur ein sichtbarer Punkt übrigblieb, stand er dort auf dem Eislaufplatz, zum ersten Mal.


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Schreiben bei Jutta Reichelt – Schritt 1

Bei Jutta Reichelt gibt es ein interessantes Schreibprojekt. Ich werde mich sehr gerne beteiligen.

Schritt 1

sind Lockerungsübungen: ein Text mit

Lotte, schwer bepackt   und   Schiffsdeck

Wie es wohl der Lotte geht? Als Kollegin war sie eine Zumutung, ebenso reich wie geizig und pedantisch wie ich noch sonst niemanden kennengelernt habe. Vor ein paar Jahren hat sie sich an eine andere Schule versetzen lassen und seither habe ich nichts mehr von ihr gehört. Ohne Bedauern, muss ich sagen.

Kürzlich traf ich die Lotte aber, schwer bepackt. Um irgendein Transportmittel zu benützen und sei es ein Packesel ist sie zu geizig, sie schleppt lieber, egal welche Gewichte. Ich sah sie aus einiger Entfernung, wie sie in den City-Liner-Katamaran Wien-Bratislava einstieg. Ihr umfangreiches Gepäck belegte die halbe Fläche des Schiffsdecks. Boshaft fragte ich mich, wie sie das Dilemma lösen würde gleichzeitig ihr Gepäck zu bewachen und den Gratissnack in der Kabine zu bekommen.

Was sie wohl vorhatte? Übersiedelt sie nach Bratislava? Die niedrigeren Lebenshaltungskosten wären ein gutes Argument dafür oder gedenkt sie an einem slowakischen Marktstand Altkleidung oder Ähnliches zu verschachern. Die Dinge halt, die andere Leute irgendwelchen Organisationen spenden. Der Lotte ist alles zuzutrauen.

Um auch etwas Positives über sie zu sagen: sie ist eine hervorragende Germanistin mit umfangreichem Wissen auch in anderen akademischen Disziplinen. Und mit ihren Kenntnissen geht sie gar nicht geizig um, sie belehrt großzügigst jeden der ihr über den Weg läuft, was im Lauf der Jahre dazu geführt hat, dass ihr immer weniger Leute über den Weg laufen, schließlich ist man selbst klug.