la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Der blaue Nil -ABC-Etüde

 

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Ulli vom Café Weltenall

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Nachdem mir derzeit absolut keine Geschichten einfallen wollen, greife ich auf das bewährte Einfach-drauflos-Schreiben zurück. Und siehe da, das geht auch in genau 300 Wörtern

„Die Quelle des Blauen Nil“ hatte für mich immer einen ganz besonderen Reiz, dessen Ursprung ich nicht nachverfolgen kann. Habe ich als Kind irgendwo gehört oder gelesen, dass diese Quelle für die europäischen Erforscher des afrikanischen Kontinents eine große Herausforderung darstellte, dass sie lange nicht gefunden wurde ? Jedenfalls entwickelte sich die „Quelle des Blauen Nil“ zu einem Ausdruck, den ich immer noch richtig gerne höre und schreibe, der abenteuerliche, mystische Bilder aufsteigen lässt.   

Der blaue Nil ist nicht blau, er führt eine Menge Sedimente mit und ist daher dunkel, was in der Übersetzung aus dem Arabischen in europäische Sprachen zu „blau“ wurde. Es würde sich unbedingt lohnen, in Bibliotheken und auch im Netz nach Übersetzungsfehlern zu stöbern, die im Laufe der Geschichte wichtige Auswirkungen hatten. Beim Blauen Nil ist das nicht der Fall, aber wenn ich zum Beispiel an den Apfelbaum im Garten Eden denke. Ein überaus interessantes Thema.

Ganz griesgrämig werde ich, wenn ich denke, mit welchen Banalitäten des Alltags ich mich beschäftige, statt mich in die lichten Höhen der Forschung zu begeben. Ich weiß, dass auch mein Bild der Forschung in alten Dokumenten ein stark romantisiertes ist. Tatsächlich ist das ein Kampf gegen Staub, Verwesung und unleserliche Handschriften in den Tagebüchern längst selbst zu Staub gewordener Menschen.

Andere Menschen träumen von Prinzen auf weißen Rössern. Nur zu. Bei mir sind es die alten Dokumente und die Quelle des blauen Nil. Wobei das Zusammentreffen von Quellen und Dokumenten für letztere sehr schlecht ausgehen könnte. Die Tinte löst sich auf und fließt in den Nil, der dadurch tatsächlich blau wird.

Solche Bilder sind wohl eine Art Selbstbefriedigung des Hirns in Zeiten des Shut-Downs bzw eine Entschuldigung für meine Antriebslosigkeit. Wer oder was hindert mich daran, zu einem Thema, das mich interessiert zu forschen? Nur ich selbst.

300 Wörter


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Mein inneres Kind – ABC Etüden

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Kain Schreiber (bei dem ich mich frage, ob er Kain mit Vornamen heißt?)

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Gutenberg-Anmerkungen: Den Text habe ich von Word rüberkopiert. die Formatierung blieb erhalten. Der größere Abstand zwischen vorletztem und letztem Absatz ist beabsichtigt. Lästig fand ich, dass ich die selbstkomponierte Textfarbe über jeden Absatz einzeln legen musste.

ICH WILL, ICH WILL, ICH WILL. Keine Spur von lieblichem Augenaufschlag, süßen Patschhändchen und reizendem Gebrabbel. Mein inneres Kind ist sehr energisch, energiegeladen, neugierig und abenteuerlustig. Und sehr hartnäckig im Verfolgen ihrer Ziele. Sie ist natürlich kein „es“ sondern eine „sie“, ganz eindeutig.

Sie kann auch sehr charmant sein, richtig lieb und anschmiegsam solange, ja solange alles nach ihrem Kopf geht. Sie ist wie alle Kleinkinder ein Monster an Egoismus. Die Möglichkeit mit anderen zu teilen oder deren Bedürfnisse zu respektieren gehört noch nicht zu ihrem Verhaltensrepertoire. Soziales Verhalten lernt ein Mensch erst später in seinem Leben, oder gar nicht.

Manchmal muss ich sie aus gefährlichen Situationen retten. Lebenserfahrungen hat sie ja noch keine und sie stürmt immer voran, wenn etwas ihre Neugier geweckt hat. Dass auf dem Weg dahin vielleicht eine tiefe Grube mit Krokodilen liegt, ein dicker LKW um die Ecke biegen könnte oder der Nachbar Schmidt mit gierigen Augen lauert, ist ihr nicht klar. In solchen Fällen muss ich dann eingreifen.

Verspielt ist sie auch und sehr kreativ, ein Vergnügen ihr zuzusehen, meistens darf ich auch mitmachen bei den schwankenden Konstruktionen und wilden Bildern. Die versteinerten Gedankengänge wellen sich dann plötzlich und tuten und piepen. Wenn man keine Konsequenzen und Risiken in Betracht zieht, ist das Leben zwar sehr gefährlich aber auch sehr bunt und vielfältig. Wir lachen oft und viel miteinander. Alles in allem sind wir ein höchst erfolgreiches Team.

 

Bei Tageslicht entdeckt sie die Welt, wenn das Nachtlicht zum Fenster hereinscheint, schläft sie. Beides tut sie mit vollem Einsatz. Auf ihre Energie, ihre Neugierde, ihre Kreativität und Verspieltheit greife ich gerne zurück. Manchmal gestattet sie mir das, manchmal auch nicht. Manchmal ärgere ich mich so heftig über sie, dass ich sie gerne zur Adoption freigeben würde, aber was würde mir da nicht alles fehlen !  

300 Wörter


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Das rechte Schreiben – ABC-Etüden

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Judith von „mutiger leben“

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Echt, Mit „tz“ schreibt man „putzen“?? Wer hat sich denn das ausgedacht !!

Das ist momentan völlig wurscht. Können musst du es. „Trotz“ schreibt man übrigens auch mit „tz“ und „Schutz“ und „Schmutz“ und „Schmutzfink“. Nimm die Finger aus dem Marmeladeglas ! „Fink“ allerdings nicht mit „ck“

Geh, Mama, jetzt reicht´s aber für heute

Noch nicht ganz. Wie schreibst du zum Beispiel „fabelhaft“? Eben, mit „f“ nicht mit „v“ ! Was schreibt man denn sonst noch mit „f“ am Anfang ?

Fliege

Super!

Falter

Genau!

Fiel

„fiel“ von fallen schon, aber viel wie wenig mit „v“.

Grauslich ist das. Wozu braucht man das überhaupt ?

Fürs Leben, beziehungsweise für die nächste Schularbeit.

Wenn ich 1 … na sagen wir lieber 3 bekomme, darf ich dann mit Stefan und Flopsi auf den Abenteuerspielplatz ?

Wer ist denn Flopsi? Und wie schreibt man den?

Na, F-L-O-B-S-I natürlich

Aha, nicht so wie Mops oder mopsen?

Was heißt denn „mopsen“ ?

„stehlen“. Aber gut, das musst du nicht wissen. Dass man stehlen mit „h“ schreibt dagegen schon

Weiß ich, so wie „Pläne“ und „Mehlspeise“. Darf ich mir eine Esterhazy-Schnitte kaufen?

Wenn du weißt, wie man sie schreibt

Nicht mit „s“ weil sie ja nix mit „Hasen“ zu tun hat. Und mit „y“ nicht mit „i“ weil denen ja das halbe Land gehört, sagt der Papa.

Oho, der Papa arbeitet mit politischen Ansätzen. Wie schreibt man übrigens „Ansatz“?

Lang, also mit „tz“ weil ein Ansatz länger dauert als ein Hieb, den schreibt man mit „i“

Auch vom Papa?

Klar

Na dann. Also gut, mein Sohn. Wir werden weiterhin alle gemeinsam an deiner Rechtschreibung arbeiten. Aber für heute reicht´s !

300 Wörter


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ABC-Etüden – Hobby-Gräben

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Werner Kastens

Die unten stehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Selbstverständlich ist keine wirkliche Ähnlichkeit mit lebenden Personen gegeben

abc.etüden 2020 41+42 | 365tageasatzaday

Hat es dir nicht gereicht, Werner, dass man dich mit deinen Opa Fritz-Stiefeln für ein Ufo gehalten hat und wir monatelang die NASA am Hals hatten ? War es nicht genug, den ganzen Garten zu versauen bei deinen Vermessungen und dich mit allen Nachbarn zu verfeinden? Musstest du dann auch noch auf dem Kinderspielplatz alle Schaukeln, Rutschen und sämtliche Klettergerüste abmontieren und vermessen und den Kindern Angst machen. Musste das wirklich alles sein, Werner ?! 

Frau K. war überaus aufgebracht.

Und du? Undankbar bist du für dein schönes Leben ! Musstest du wirklich meine Büffel im Zoo aussetzen? Was hat dich denn daran so gestört, dass ich den Geräteschuppen in einen Wildwestsaloon umgebaut und fürs Wochenende ein paar nette Mädels im angebrachten Kostüm dafür engagiert hatte ? Und warum soll denn ein Marterpfahl weniger dekorativ sein, als eine Rosenpergola ? An jedem meiner Hobbys hast du irgendetwas auszusetzen !

Zum Glück war es Werner gelungen eines seiner Hobbies, das Lottospielen geheimzuhalten. Und als er den Jackpot mit einem 3-stelligen Millionenbetrag gewann, fasste er einen Entschluss: endlich wollte er sich den Traum jedes geborenen Landvermessers erfüllen. Er mietete einen Lagerraum und verstaute dort die glänzende Land-Vermessungs-Ausrüstung, die sich selbstverständlich auf dem letzten Stand der Technik befand. Vor dem Lagerhaus parkte er den neu erworbenen Expeditionswagen und wartete nun nur noch einen geeigneten Termin zum Aufbruch ab.

An einem schönen Tag trafen sich zwei Zettel im Briefkasten der Ks. Auf Zettel Nr1 stand „Mit meiner Erbschaft, von der du  nichts weißt, habe ich mich an einer Ölquelle in Norwegen beteiligt. In einer Gegend wo garantiert schon alles perfekt vermessen ist. Du kannst ja inzwischen die ganze Stadt mit Marterpfählen verschönern“ Auf Zettel Nr 2 stand: Adieu, ewige Nörgelei. Ich werde die Wüste Gobi und die Sahara neu vermessen. Und die Wunderstiefel von Opa Fritz nehme ich auch mit“

299 Wörter


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Die Moorleiche – ABC-Etüden

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Lea von Kommunikatz

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

abc.etüden 2020 39+40 | 365tageasatzaday

Eine Mumie kann ein trauriger Anblick sein, eine Moorleiche nicht weniger, aber für eine Archäologin ist das ganz anders. Am archäologischen Institut der Universität Dublin betrachtete Brigid ihre Moorleiche mit zärtlichem Interesse. Die Freude daran, dass ihr Projekt genehmigt und somit finanziert wurde, die Begeisterung über den Glücksfund dieser Moorleiche und ihrer Grabbeigaben, alle diese positiven Gefühle flossen in ihren Blick ein. Caitlyn, Süße, sagte sie zu der Moorleiche wir beide werden es weit bringen.

Ein Team von Chemikern hatte die konservierten Reste des Inhalts der Keramikschale aus dem Moorgrab analysiert. Aus Pilzen stammten die Hauptbestandteile der Masse. Aus Pilzen und einer Menge Kräuter und Gräser. Im Grunde wäre ein Koch sehr hilfreich, dachte Brigid öfter, denn die Chemiker konnten die einzelnen Substanzen bestimmen aber nicht feststellen welche Pilze für dieses uralte Gericht verwendet worden waren. „Ein Rezept aus gälischer Urzeit“, „Was aßen die Druiden“, „Junge Archäologin wird zum Star“ In ihrem Kopf jubelten die Schlagzeilen.

Ungeduldig wartete Brigid im Innenhof der Universität. Endlich sah sie Ian kommen, dem sie schon von weitem ansah, wie unbehaglich er sich fühlte. Er hielt ihr einen Zettel zur Unterschrift hin. „Auf eigene Verantwortung …. etc“. Überschwänglich dankte sie ihm und griff vorsichtig nach der grünen Plastikdose. „Und es ist wirklich genau das, was in der Schale war?“ „Nach menschlichem Ermessen und dem Stand der Forschung. Bist du wirklich sicher ….. “ Sie hörte ihm gar nicht mehr zu. Wie eine kostbare Trophäe trug sie die Dose in ihr Labor.

Ganz kurz kamen ihr Zweifel, aber sie drängte sie weg und leerte das Gefäß in einem Zug. Dann legte sie sich auf die Liege, die gleich neben der Moorleiche stand.

Sie hatte wohl einige Stunden geschlafen. Die ultramarinblaue Sonne stieg in einem grünen Himmel immer höher. Brigid machte ein paar Schritte, streckte den Arm aus und ging durch die Wand des Labors.

305 Wörter


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ABC-Etüden – Gewissermaßen ein Sachtext

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Ludwig Zeidler

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Es kommt nicht oft vor, dass mir zu der etüdischen Wörtertrilogie gar nichts einfällt. Diesmal ist es aber soweit. Engel als Überbringer guter oder schlechter Nachrichten, ein Engel, der die erstgeborenen Söhne der biblischen Ägypter abschlachtet, Engel, die das Paradies bewachen, daraus lässt sich doch unbedingt etwas machen. Aber „engelhaft“ !

Ich drehe das Wort mit spitzen Fingern in alle Richtungen, stecke es ins Wasser, lasse es vom Wind trocknen, zerpflücke es in einzelne Buchstaben. Bringt auch nichts, Anagramme sind ja nicht erlaubt. Obendrein wäre „gehalften“ oder „heftlange“ auch nicht das wahre.

Letzter Versuch: ich stecke „engelhaft“ in verschiedene Farbtöpfe. Grün und Blau haften nicht, Rot verwandelt sich in Blutstropfen und Gelb rieselt in Form falscher Vergoldung ab. Dann eben nicht !

Nicht eine einzige noch so mickrige Idee kommt angekrochen. Sie haben sich sicher alle versteckt. In griechischen Amphoren vergraben. Die weniger Kunstsinnigen lungern in alten Turnschuhen herum. Na gut, bleibt nur alle wo ihr seid! Genießt die kühle unterirdische Atmosphäre in den noch nicht ausgegrabenen Amphoren oder die Duftnote der alten Turnschuhe. Ich brauche euch gar nicht, es gibt ja noch andere Wörter.

„engelhaft“ pfffffffff …….


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ABC-Etüden – Gedanken-Vögel

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Ludwig Zeidler

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Eigentlich wollte ich diesen Text in der Ich-Form schreiben, das hätte ihn theoretisch eindringlicher gemacht, praktisch aber ohne innere Logik. Nicht erst beim letzten Satz hätte man sich gefragt, wessen Gedanken da von wem präsentiert werden.

Die Ich-Erzähler versus auktoriale Position beschäftigt mich nach wie vor

Die Vögel waren alle verschieden, in Farben und Größen auch ihre Stimmen unterschieden sie. Sie hatten verschiedene Augen und Schnäbel und verschieden lange … Dingsbums, Finger, Faden, finden, nein Federn, ganz verschiedene Federn.

Bis vor kurzem konnte sie die Vögel noch manchmal fassen, die Erinnerung, den Gedanken, die Idee, die die Fliegenden mit sich trugen. Sie konnte kurz den Eindruck haben, über Erinnerungen und Gedanken zu verfügen, sich anderen Menschen verständlich machen zu können. Doch nun wurde das Geflatter immer hektischer und wirrer. Immer schneller flogen die Gedanken nun weg. Mancher Vogel war schwer zu fassen und schwer zu verstehen gewesen, blieb nicht lange bei ihr und nahm seinen Gedanken mit sich. Nun aber waren manche einfach verschwunden, verschollen, vergraben. Die Auswahl und Anzahl der Vögel in ihrem Kopf, die sie noch wenigstens für kurze Zeit fassen konnte, wurde immer kleiner.   

Bis vor kurzem waren manche Momente so klar, dass ihr bewusst wurde, wie wenige Vögel es noch gab, die sie manchmal fing aber oft auch dann nicht mehr verstehen konnte. Das waren ihre besten Momente, auch die verzweifeltsten.

Die Welt um sie herum war erst unverständlich geworden, dann ganz verschwunden. Nur manchmal drangen Farben und Bewegungen zu ihr durch. Geräusche konnte sie noch manchmal richtig verstehen, wenn die Vögel nicht zu wild waren und Berührungen konnte sie fühlen.

„Schau wie engelhaft sie lächelt“ sagte der Pfleger


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Die Brüste des Modells – ABC-Etüde zum Thema „Kunst“

Sommerpausenintermezzo der ABC-Etüden, auch bei Christiane, der Etüden-Meisterin 

Diesmal geht es darum, eine alphabetische Liste von Begriffen zu einem selbst gewählten Thema zu erstellen und dann unter Verwendung aller 26 Begriffe einen Text zu schreiben.

Mein Thema ist „Kunst“ und ich habe zunächst den Text geschrieben und dann noch fehlende Wörter eingebaut. Sehr gut wäre ich auch ohne das Wörter-Alphabet ausgekommen. „Jadegrün oder nilgrün“ ist schon ein bisschen an den Haaren herbeigezogen, mir ist aber kein besseres Wort mit „j“ eingefallen.

Diesmal ist es keine Geschichte sondern einfach ein Text. Schließlich ist Sommer und der eignet sich wunderbar zum vor sich hin Sinnieren und Schreiben.

Die alten, buntgefleckten  Staffeleien lehnen an der Wand, ebenso die als Unterlagen verwendeten Malbretter, nach der Größe sortiert, die Holzstifte für die Staffeleien in einem geflochtenen Korb. In den Regalen stehen angeschlagene Teller, die als Malpaletten benützt werden. X-mal gewaschene Fetzen mit Regenbogen-Farbflecken liegen ordentlich zusammengelegt auf einem Regalbrett, die diversen Gläser für das Malwasser sind auch nach der Größe sortiert. Diese ehemaligen Heimstätten von Essiggurken, Oliven, Kompotten, und Salaten wurden sorgfältig ausgewaschen. Es herrscht hier eine Mischung von Bohème und Spießigkeit, keine Bobo-Atmosphäre eher Prekariat und Geldmangel.

Die Klospülung, ein Modell, das knapp hinter dem Plumps-Klo rangiert, funktioniert zwar, aber nur wenn man mit der genau richtigen Zugstärke an der metallenen Kette zieht. Sonst passiert gar nichts. Zum Reparieren fehlt seit Jahren das Geld. Hier werken Kreative, man sieht es: die Jalousie vor dem Fenster, die dem Klo Blickschutz bietet, besteht aus farbenprächtigen Dias, die kunstvoll zusammengehängt wurden, ein sehr originelles Einzelstück. Der Kühlschrank ist ausgesteckt, die Türe offen. Hier haben wir früher die selbstangerührte Ei-Tempera gelagert und gekühlt. Ob der Kühlschrank kaputt ist oder ob ihn nur gerade niemand braucht, habe ich nicht gefragt, muss ich auch nicht wissen.

Der Wasserhahn, der gleiche wie vor über zehn Jahren, rinnt immer noch nach nachdem er zugedreht wurde. Mir fällt auf, dass sich meine Hände an den richtigen Moment erinnern, an dem der Wasserhahn zugedreht werden muss um nicht zu viel und nicht zu wenig Wasser rinnen zu lassen. Ebenso wie meine Füße sich erinnern, wohin sie nicht treten sollten, auf kaputte Fliesen, auf morsche Holzteile, auf die Hühnerleiter, die in den Hinterhof führt und die schon seit Jahren jeden Moment zusammenbrechen kann. Dieses Atelier ist mir einfach vertraut, mit dem ganzen Körper.

Wir sind wenige und haben uns coronabedingt über den großen Atelierraum verteilt. Alle haben ihre Malnester gebaut: mit Tischen, Sesseln, Staffeleien, Papier, Leinwänden, Pinsel, Farben, Stiften, Kreiden, Kohle, Radiergummi, Messer, Fixierspray. Oft ist es eine wohlausgestattete Materialschlacht, die hier stattfindet. Die derzeit höchstwahrscheinlich prekären, finanziellen Verhältnisse im Atelier betreffen nicht die zahlenden Gäste. Nach mehreren Tagen kreativer Aktivitäten, wird der Boden so aussehen, als hätte ein Yeti mit besonders großen Füßen einen Hüpftanz geübt. Am Vormittag des ersten Tages ist es aber noch nicht soweit. Wir bereiten uns vor und erörtern schwierige Fragen wie Jadegrün oder Nilgrün zu Hellgrau oder Lila, Leinwände grundieren oder doch nicht. Die Größe und nötige Qualität des Papiers …

 Das erste Modell ist da, eine junge Frau in Begleitung einer anderen. Sie trägt blaue Shorts mit den unvermeidlichen weißen Streifen an der Seite, ein T-Shirt mit der Aufschrift „Filipinas“, Plastikschuhe und hat eine prachtvolle, gekrauste Mähne mit hineingefärbten blonden Strähnchen und ein richtig schönes, ebenmäßiges Gesicht. Vielleicht eine Somalierin, oder sie stammt aus Madagaskar. Sie zieht sich aus und nimmt zunächst eine einfach zu zeichnende Position ein: keine nennenswerten Verkürzungen, keine allzu verschlungenen Arme und Beine. Ihre Haut, ist jung, glatt, das Bindegewebe ist fest, man sieht die Muskelspannung unter der Haut. Ich überlege mir, wie man ein Inkarnat für dunkle Haut mischt. Zu Rot, Weiß, Blau, eine Spur Gelb, ein bisschen Braun, Hellbraun oder Dunkelbraun ? Am besten drauflos mischen …

Und dann sehe ich die Brüste des Modells und erschrecke. Die junge Frau sieht aus wie Mitte Zwanzig, vielleicht ist sie etwas älter, ich schätze dunkelhäutige Menschen immer etwas jünger als sie sind, aber diese ausgelaugten Brüste passen einfach nicht ins Gesamtbild. Hier gibt es kein straffes Bindegewebe, keine glatte Haut, ihre Brüste sehen aus als wären sie mindestens dreißig Jahre älter als der restliche Körper, als hätten sie dutzende Kinder gesäugt und nie irgendeine Stütze getragen, als wäre das Fettgewebe ausgesaugt worden. Aber warum sollte eine junge Frau mit einem sehr schönen Körper irgendetwas an ihren Brüsten verändern lassen. Wenn das doch geschehen sein sollte, wäre es ein tragisches Ergebnis. Ähnlich den völlig verunstalteten Gesichtern mit den auf froschähnliche Dimensionen aufgespritzten Lippen. Ihre Brustwarzen sind gepierct mit jeweils zwei Ringen, die aber unmöglich so schwer sein können, dass sie die Brüste derart hinunterziehen könnten.

Mir kommt vor, dass ich sie anstarre und ich komme mir voyeuristisch vor. Ein gewisser Voyeurismus lässt sich nicht vermeiden, wenn man ein Aktmodell abbildet, aber einen Teil ihres Körpers so intensiv anzustarren kommt mir doch ungehörig vor. Es wird ihr ja selbst auch klar sein, wie sie aussieht. Ich drehe eine Runde quer durchs Atelier um zu sehen, ob die anderen die Brüste so abbilden wie sie sind. Teils teils …

Wir machen eine Pause. Ich habe noch nicht so viele Aktmodelle erlebt, aber alle, die ich bisher gesehen habe, Frauen und Männer hatten die Gewohnheit sich in den Pausen zumindest ein Tuch umzuwickeln. Diese junge Frau bewegt sich ebenso nackt wie unbefangen, sieht sich die Bilder an, kommentiert sie, plaudert. Ich frage sie, ob sie Kunststudentin ist. Ja, sie macht Metallskulpturen und wäre sehr schlecht beim Zeichnen. Ihre Begleiterin dagegen, die sich zu uns gesetzt und mitgezeichnet hat, ist eine erfahrene Zeichnerin und zeigt uns ihre Skizze.

Dann nimmt das Modell eine neue Position ein, umschlingt ihre aufgestellten Beine mit den Armen. Dabei werden die Brüste gegen die Beine gedrückt und sehen dadurch noch schlaffer aus als zuvor, leere Säckchen. Das Stichwort „ausgeleiert“ erzeugt in mir ein Bild von einem dieser Nachtclubs mit Poledance und diesem als Tanz deklarierten schnellen Kreisen der mit Quasten dekorierten Brüste. Manche Tänzerinnen schaffen es sogar die Brüste in verschiedene Richtungen kreisen zu lassen. Wenn man diese Art der Zurschaustellung eine Weile betreibt, wird das Bindegewebe auch kleiner, fester Brüste garantiert ausgeleiert.

Eine mögliche Theorie wie viele andere. Alle Möglichkeiten, die mir einfallen, wie eine junge Frau zu alten Brüsten gekommen sein kann, hinterlassen einen unangenehmen Nachgeschmack von Ausbeutung und Würdelosigkeit. Obwohl diese Frau einen entspannten, selbstbewussten Eindruck macht. Der Weg zu Gelassenheit kann durch kleinere oder größere Höllenbereiche geführt haben.  

Und hier die Liste:

A – Atelier, Akt

B – Brüste, Bohème

C – coronabedingt

D – dunkelbraun

E – Ei-Tempera

F – Farbflecken, Fixierspray

G – grundieren, Geldmangel

H -Hellbraun

I – Inkarnat

J – Jadegrün

K – Kreiden

L – Leinwände

M – Modell, Malbrett

N – Nilgrün

O – ordentlich

P- Paleten, Pinsel

Q – quer

R – rot, Radiergummi

S – Staffelei, Stifte

T – Temperafarben

U – Unterlage

V – voyeuristisch

W – Wasserhahn, werken

X – x-mal

Y – Yeti

Z – Zurschaustellung


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Heimat – ABC Etüden

Die ABC-Etüden mit sommerlichem Gesicht. Auch bei Christiane

Von 12 Wörtern konnte man sich sieben aussuchen und damit einen beliebig langen Text schreiben zum Thema #stayathome. Mein Text heißt „Heimat“ und die folgenden Wörter in alphabetischer Reihenfolge habe ich eingebaut:

Herzschmerz  –  Kantine –  Kommentar – Stoppelfeld – Vulkan – Windjammer – Zwischentöne

 

In Österreich war der Begriff „Heimat“ lange Zeit absurderweise von den Rechten so stark in Beschlag genommen, dass er in neutraler Weise kaum noch verwendet werden konnte. Es war ein sehr kluger Ansatz von Van der Bellens*) Wahlkampagne, dass er immer wieder davon sprach, dass er sich seinen Heimatbegriff nicht von den Rechten besetzen lassen würde.

*) Alexander Van der Bellen – derzeitiger österreichischer Bundespräsident

 

 HEIMAT

 Früher als ich noch wirklich viel und weit reiste, gab es eine mit anderen Reisenden immer wieder aufgeworfene Frage „was hat dir in Irgendwo gefehlt?“ bzw „Worauf hast du dich beim Nachhausekommen gefreut?“ Das war im Grunde eine andere Art zu fragen „Was macht für dich „zuhause“ aus?“.

Die Antwort auf die Frage, worauf man sich beim Nachhausekommen gefreut hätte, war erstaunlich oft „das Schwarzbrot und das Wiener Leitungswasser“. Man kann meinen, dass das eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise ist. Vielleicht ist es das aber gar nicht. Wasser und Brot sind Grundnahrungsmittel, solide Pfeiler des Lebens. Ob man Tempel bestaunt oder Vulkane, amerikanische, asiatische oder afrikanische Stoppelfelder durchquert, Wasser und Brot spielen auch auf Reisen immer eine Rolle.

Das Heimatgefühl ist vielschichtiger als Vorlieben für Brot und Wasser, natürlich. Menschen gehören dazu, Orte und eine bestimmte Sprache. Meist sind diese Faktoren miteinander verwoben, manchmal muss aber auch einer die Funktionen aller übernehmen. Für Emigranten etwa ist die Sprache der Heimat ein wichtiges Verbindungsglied zu ihren Wurzeln und ihrer Identität, auch wenn die heimatlichen Orte und Menschen nicht mehr da sind.

Meine Heimat ist Wien, die Stadt, die Menschen, die Sprache, so sehr sie mir auch öfters auf die Nerven gehen.

Aufgewachsen bin ich in einem Bezirk gleich neben der Innenstadt. Als Teenager sah ich als größten Vorzug unserer Wohnung, dass ich in einer knappen Viertelstunde zu Fuß im Stadtzentrum war. Dass es außerdem eine schöne und große Altbauwohnung war, wie es in Wien viele gibt, mit Holzpaneelen und Stukkatur war mir vorübergehend nicht so wichtig.

Die Leopoldstadt, der zweite Wiener Gemeindebezirk ist ein historisch belastetes Pflaster. Hier lebte der Großteil der wiener und österreichischen Juden bevor sie deportiert und ermordet wurden. Ersparen wir uns die Zahlen und die Gedanken an die beschämenden Szenen. In vielen Häusern wurden die für Deportationen bestimmten Menschen festgehalten und lebten dort eine Zeit lang zusammengepfercht. Als das Haus, in dem wir gewohnt hatten längst abgerissen war, ein daneben liegendes Krankenhaus wollte sich erweitern, stieß mein Bruder  auf die Information, dass „unser“ Haus damals so eine Vorabteilung der KZ-Höllen war. Er fand sogar einen Überlebenden, der damals noch als Kind dort interniert war.

Als wir dort lebten, war der Bezirk nicht besonders interessant. Ganz im Gegensatz zu heute. Erstaunlicherweise ist die Leopoldstadt ein lebendiges, brodelndes Viertel geworden mit sehr vielen Lokalen und Ateliers, viele davon haben den Corona-Lock-Down überlebt. Auch das jüdische Leben ist zurückgekehrt. Es gibt jede Menge koschere Geschäfte und Lokale, man sieht orthodoxe Juden mit und ohne Familie zu den wiedererstandenen Synagogen spazieren. Ich frage mich immer, wieso man diese Leute als ich im Bezirk wohnte nicht gesehen hat. Sie werden kaum neu zugewandert  sondern auch in meiner Kindheit schon dagewesen sein, aber sehr unauffällig.

Es gibt Gassen im Bezirk mit Gedenksteinen und kleinen Mahnmälern. Es ist eine recht seltsame Atmosphäre, manchmal jung und lustig, manchmal düster und schwer an den Erinnerungen tragend. Den Erinnerungen, die sich im Kopfsteinpflaster festgebissen haben und an dunklen, nebligen Tagen herauskommen um sich die Beine zu vertreten und die heitere Atmosphäre wegzudrängen. Man muss sie gewähren lassen, schließlich ist ihr Heimatrecht hier älter als jenes der jungen Szene, die sich erst vor kurzem etabliert hat.

Ich spaziere gerne durch mein „homeland“, diesen Bezirk der lauten Zwischentöne und der leisen Zivilcourage. Es hat sich vieles sehr verändert und doch auch wieder nicht. Heimat ist Heimat. Ich erkenne die Veränderungen und sehe doch vor dem inneren Auge, wie es früher ausgesehen hat. Es ist ja auch kein Zufall, dass mein Lieblingsatelier, wo ich immer wieder male ganz nah an unserem nicht mehr existenten Wohnhaus liegt.

Gerade habe ich mich vage an ein Gedicht von Anton Wildgans erinnert und es auch tatsächlich gefunden. Meine damalige Deutschlehrerin könnte einen pädagogischen Erfolg verbuchen.

Ich bin ein Kind der Stadt

Ich bin ein Kind der Stadt – Die Leute meinen

und spotten leichthin über unsereinen,

Daß solch ein Stadtkind keine Heimat hat.

In meine Spiele rauschten freilich keine

Wälder. Da schütterten die Pflastersteine,

Und bist mir doch ein Lied, du liebe Stadt.

 

Und immer noch, so oft ich dich für lange

Verlassen habe, ward mir seltsam bange,

Als könnte es ein besondrer Abschied sein.

Und jedesmal, heimkehrend von der Reise,

Im Zug mich nähernd, überläuft’s mich leise,

Seh’ ich im Dämmer deine Lichterreihn.

 

Und oft im Frühling, wenn ich einsam gehe,

Lockt es mich heimlich raunend in die Nähe

Der Vorstadt, wo noch meine Schule steht.

Da kann es sein, daß eine Straßenkrümmung,

Die noch wie damals ist, geweihte Stimmung

In mir erglühen macht wie ein Gebet.

 

Da ist ihr Laden, wo ich Heft und Feder,

Den ersten Zirkel und das erste Leder

Und all die neuen Bücher eingekauft,

Die Kirche da, wo ich zum ersten Male

Zur Beichte ging, zum heiligen Abendmahle,

Und dort der Park, in dem ich viel gerauft.

 

Dann lenk’ ich aus den trauten Dunkelheiten

Der alten Vorstadt wieder in die breiten

Gassen, wo all die lauten Lichter glühn.

Und bin in dem Gedröhne und Geschrille

Nur eine kleine, ausgesparte Stille,

In welcher alle deine Gärten blühn.

 

Und bin der flutend-namenlosen Menge,

Die deine Straßen anfüllt mit Gedränge,

Ein Pünktchen nur, um welches du nicht weißt.

Und hab’ in deinem heimatlichen Kreise

Gleich einem fremden Gaste auf der Reise

Kein Stückchen Erde, das mein eigen heißt.

Anton Wildgans

Im Café Beethoven mitten in der Stadt, soll Wildgans gerne geschrieben haben. Cafés mit dem Namen Beethoven gibt es eine Menge. Viele Spinnennetze und Verbindungen halten so eine Stadt zusammen. In Österreich wird ja immer noch gelegentlich daran gearbeitet, den Eindruck zu erwecken, dass Beethoven Österreicher, aber dafür Hitler Deutscher gewesen wäre.

Wir machen jetzt einen großen Schwenk zum moderneren Wien, zur Donauinsel, dem beliebtesten Naherholungsgebiet der Wiener. Als Überschwemmungsgebiet für die Donau gebaut, ist die Donauinsel heute ein Freizeitparadies, das die Möglichkeit für Radtouren und Wanderungen weit über das Wiener Stadtgebiet hinaus bietet. Auch für Wasserratten ist gesorgt, für die menschlichen und höchstwahrscheinlich auch für die vierbeinigen.

Man sieht hier zwar keine Yachten, keinen Raddampfer und keinen Windjammer, aber jede Menge kleiner Boote, Wasserschifahrer, Surfer. Die Insel ist groß. Man kann in abgelegenen Teilen unter Bäumen und Büschen Herz-Schmerz-Gedichte lesen oder auch schreiben oder man kann sich in den Trubel der Lokale direkt am Wasser werfen. „Konnte“ meine ich, vor Corona. 

Das Donauinselfest als Massenveranstaltung ist heuer auch abgesagt worden. Damit die Musiker irgendetwas zu tun haben, fährt ein Bus mit immer wieder anderen Musikern durch Wien, man weiß aber vorher nicht, wo er stehenbleiben wird. Der positive Effekt dieses Projekts: es finden sich nicht viele Zuhörer zusammen, weil man ja vorher nicht weiß, wo musiziert wird. Der negative Effekt dieses Projekts:  es finden sich nicht viele Zuhörer zusammen, weil man ja vorher nicht weiß, wo musiziert wird. Auf weitere Kommentare dazu verzichte ich lieber.

Die Wiener Innenstadt ist, was die Architektur betrifft, tatsächlich so etwas wie ein Freilichtmuseum. Aber es gibt auch Menschen, die dort wohnen, ganz normale Menschen, die nicht nur in Feinschmeckerlokalen sondern auch in Kantinen essen, die ihre Kleidung sicher nicht auf dem Kohlmarkt, dem teuersten Pflaster von Wien kaufen, deren Kinder in ganz normale öffentliche Schulen gehen und nicht ins Schottengymnasium und die im Urlaub an die Adria fahren und nicht in die Toskana. Und viele dieser Menschen arbeiten in der Gastronomie, im Tourismus und in der Kulturszene und sind nun arbeitslos.

Wien ohne Touristen ist ein anderes Wien. Wien ohne Konzerte, Theater, Oper, Festspiele, Ausstellungen, offene Ateliers und viele andere Veranstaltungen ist ein anderes Wien. Wien mit geschlossenen Nachtlokalen, Clubs, Diskos ist ebenfalls ein anderes Wien. Wenn auch der Blick auf das bewohnte Freilichtmuseum ein freierer, ungestörterer ist und es für uns Einheimische ein Genuss ist, nicht permanent über Reisegruppen zu stolpern.

Es ist lästig sich ständig durch die Mengen in der Innenstadt und anderswo durchdrängen zu müssen, aber schließlich muss man nur in eine Nebengasse abbiegen und schon ist niemand mehr zu sehen. Da ist das Kopfsteinpflaster in den für heute viel zu schmalen Gassen, die alten Häuser mit den Innenhöfen und diese ganz spezielle Stimmung. Ich habe einmal in einem Interview mit einem französischen Psychiater gelesen, dass für ihn die Wiener die fröhlichsten Depressiven wären, die er kenne. Da ist schon was dran.

Langsam beginnen mir die Touristen schon fast zu fehlen. Denn es macht auch stolz in einer Stadt zuhause zu sein, die so schön ist, dass so viele Menschen sie sehen wollen. Auch das gehört zum Heimatgefühl.

Wien, 21.Juli 2020


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Fortsetzung folgt nicht – ABC Etüden

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Stepnwolf

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Übermächtig war die Zerstörungswut gewesen und fast alles in dem riesigen, luftigen Labor war ihr zum Opfer gefallen. Von schlichten Reagenzgläsern über gewaltig auflösende Elektronenmikroskope bis zu den perfekten DNS-Sequenzierern. Alles lag unbrauchbar in Stücken und in Scherben. Nichts davon würde jeweils wieder benützt werden können, nicht zum Guten und nicht zum Bösen. Weder vom Großen Uhrmacher noch vom Bockfüßigen. Das letzte hier geschaffene Wesen, der homo sapiens sapiens, ein Lacherfolg dieser Name, der eigentlich nur durch den DNS-Anteil von seinem Vorgänger dem Neandertaler einigermaßen psychisch stabil gehalten werden konnte, hatte sich zum größten Flopp überhaupt, zum Zerstörer seiner Biosphäre entwickelt.

Dann übernahm der Zauberlehrling das Labor mit den zahllosen DNA-Proben diverser Hominiden und experimentierte mit Photosynthese, mit CO2-Atmung, Stoffwechsel auf Plastikbasis, Kiemen mit Bio-Filtern und diversen anderen Wegen, die das aufwändige Biotop vielleicht wieder stabilisieren könnten.

Doch der Große Uhrmacher und der Bockfüßige waren sich einig – zuviel ist zuviel, eine so misslungene Kreatur musste ausgelöscht werden. Zahlreiche Optimierungsversuche entweder durch großflächige Ausrottung oder durch Vorhalten eines Extremspiegels waren erfolglos geblieben. Die Sintflut, Sodom und Gomorrha, der Holocaust, Hiroshima, Donald Trump als letzter Versuch. Als Trump mit triumphalen 60 % wiedergewählt wurde, war die Zukunft des Labors besiegelt. Andere Biotope versprachen bessere Ergebnisse. Der Große Uhrmacher und der Bockfüßige zogen um in eine andere Ecke des Universums.

Das luftige Labor war völlig zerstört. Das gesamte Labor? Nein. Eine kleine Ecke war vergessen worden. Klein für die Verhältnisse des Riesenlabors. Hier standen unzerstört ein paar hundert Brutkästen, in denen der letzte Versuch des Zauberlehrlings ausgebrütet wurde. Menschliche Babys mit intensiv grüner Haut und hübschen orangen Kiemen, in ihrer synthetischen Muttermilch wurde Plastik aufgelöst durch das die Babys wunderbar gediehen. Ihr Stoffwechsel war aber so vielseitig, dass sie sich praktisch von allem ernähren konnten.  

Und eines Tages glitten sie in die verschmutzten Ozeane der Erde. 

(301 Wörter)

 


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Endlich hemmungslos kreativ sein können – ABC Etüde

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von books2cats

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Der Unfall war leider tödlich und da stand ich nun ….. ja wo eigentlich? Das Himmelstor hatte ich mir anders vorgestellt. Vielleicht war das der Hintereingang für Atheisten. Ein äußerst fescher junger Mann kam aus dem Tor auf mich zu. „Entschuldige den Schwefelgeruch“ sagte er mit sonorer Stimme. „Man riecht ihn aber eh nur außerhalb der Liegenschaften“

Liegenschaften?

„Hölle klingt nicht so gut. Herzlich willkommen! Du bist die 5trillionste Aufnahmebewerberin und bekommst eine Führung vom Chef persönlich.“ Was konnte ich anderes tun als ihm zu folgen, in eine wunderschöne, blühende Landschaft übrigens.

„Die eigentliche Chefin hier ist meine Großmutter. Die Dame dort drüben mit der bronzefarben-nilgrünen Frisur. Vor ein paar Äonen hat sie beschlossen die Bude hier völlig umzuorganisieren, sie wollte mehr feiern und weniger foltern. Daher haben wir von der calvinistischen Leiharbeiterfirma von oben Geräteschuppen bauen lassen für die Kessel, Zangen und sonstigen überflüssig gewordenen Folterinstrumente“

Leiharbeiterfirma?  

„Na, du weißt doch, die Calvinisten sind nur glücklich wenn sie viel arbeiten, deswegen hatte einer der himmlischen Engelchorleiter diesen glücklichen Gedanken. Eine eindeutige win-win-Situation.

Hier sind wir ja nicht nach Religionen organisiert sondern nach Interessensgebieten. Ungefähr 95% aller menschlichen Forscher, Philosophen, Küchenchefs, Künstler leben bei uns. Die Aufnahmebedingungen da oben sind praktisch unerfüllbar. Wer zum Beispiel bekommt denn heutzutage noch die letzte Ölung! Außerdem gefällt es den Menschen bei uns viel besser „

Ach, und die Verbrecher und so ?

„Für die hat die Oma eine Sonderabteilung eingerichtet. Zur Inspiration hat sie ein paar Wochen in den chinesischen Uiguren-Lagern verbracht. Das dortige System hat sie mit deutlichen Abmilderungen dann auch hier eingeführt.“  

„Aber du stehst auf der Liste für die kreative Abteilung. In aller Bescheidenheit möchte ich darauf hinweisen, dass die Zufriedenheitswerte dort bei 99,9% liegen.“

PLOPP

„Ich hab ja gewusst, dass die letzte Ölung sie wieder aufwecken wird“  sagt ein Mann in schwarzer Kutte zu einer Frau mit grüner Chirurgenmaske.  NEIN ……

 


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Letztlich haben Schnecken und Menschen ähnliche Interessen – ABC-Etüden

Die unten stehenden 6 Begriffe sollen in einem höchstens 500 Wörter langen Text vorkommen

Wie immer bei  Christiane

Erstens läuft der alte Editor tatsächlich noch und zweitens kommt in diesem Text 3x (in Worten „dreimal“ ) „Katamaran vor.

Das ist Otto-Sylvia mit frisch geputztem Haus an einem wundervollen, regnerischen Vormittag. Die Blätter und die Steine leuchten feucht, die Luft atmet sich von selbst. ErSie ist unterwegs zu einem Date mit Sybille-Jochen, unten an der Marina zwischen dem blauen Katamaran und dem kleinen Ruderboot „Schrecken des Meeres“. Aus reiner Lebensfreude versucht Otto-Sylvia seineihre Fühler zu ringeln und vibrieren zu lassen. Das gelingt nicht ganz, ist aber nicht weiter schlimm, sieer hält ohnehin nichts von den angeberischen, großspurigen Schnecken, die ständig ihre Begabungen zum schnellen Sex heraushängen lassen. Vulgär, so was! Natürlich muss man den Sex nicht totschweigen, aber so öffentlich und ohne PartnerPartnerin … Otto-Sylvia ist ganz entspannt: den Zeitplan für die Hin- und Rückreise wird ersie problemlos einhalten können, die Wetterfrösche garantieren Regen bis in den frühen Morgen hinein. Da werden sieer und Sybille-Jochen ausreichend Zeit haben um sich miteinander so richtig einzuschleimen und abzufühlern. Diese langen Trockenzeiten waren doch ein Horror, echte Notstandszeiten für temperamentvolle Schnecken. Auf dem Rückweg im angenehmen Rieselregen wird ihrihm eine Mondsichel leuchten, falls sie hinter den Wolken zu sehen sein wird. Wenn nicht, wird ersie eben auf der eigenen Schleimspur zurückfinden. Wäre nicht das erste Mal. Um mit Sybille-Jochen zu kopulieren, lohnt sich das auf jeden Fall.   In ihrerseiner üblichen, rasanten Fortbewegungsart gleitet Otto-Sylvia über die nassen Steine. Hin und wieder fällt ein Wassertropfen auf seineihre Fühler, elektrisierend fühlt sich das an, die Vorfreude wird langsam zur Gier. Aus genau denselben Gründen wie Otto-Sylvia ist auch Richard unterwegs, zur Disco an der Marina. Aus reinem Übermut hüpft er beidbeinig über die Schnecke und schwenkt seine Regenjacke wie Flügel. Seltsam, denkt Otto-Sylvia, dass man bei Menschen sofort sieht, ob sie gerade männlich oder weiblich sind. Das ist aber nicht die einzige Seltsamkeit bei Menschen denkt sieer und konzentriert sich wieder auf den Weg. Nach ein paar Stunden, als Richard gerade überlegt, ob es heute der Mühe Wert ist zu verkünden, dass sein Katamaran jederzeit bereit zum Ablegen ist, ist Otto-Sylvia beinahe angekommen. Sybille-Jochen kommt ihmihr entgegen, die beiden richten sich aneinander auf, entscheiden schnell, ob es Otto mit Sybille oder Sylvia mit Jochen sein soll und lassen sich dann in die schleimigen Freuden fallen. Bei Richard läuft es nicht so gut. Kein einziges weibliches Wesen scheint sich für ihn und seinen Katamaran zu interessieren. Klar, geschlechtlich unflexibel, was soll das schon werden, würde Otto-Sylvia denken, wenn ersie nicht intensiv anderweitig beschäftigt wäre.   ALTERNATIV: Richard sieht Otto-Sylvia nicht, oder ist ein Barbar oder mag keine Schnecken und daher glitsch, spritzt, schleim, Haus zu vergeben. Aber das wollen wir ja alle nicht.    


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Kritische Menschen – ABC Etüde

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Wie immer bei  Christiane

Der neue Texteditor ist doch etwas spröde, aber wunderbar geeignet für Turnübungen für die Synapsen. Bei solchen Gelegenheiten kann ich ganz beträchtliche Sturheit entwickeln.

In furchtbarer Erinnerung habe ich noch heute den Strandurlaub mit meiner Freundin Yolanda. Es war gegen Ende des Sommers 2020, als man in Europa nach der Corona-Pandemie endlich wieder reisen durfte. Wir wollten beide unbedingt ans Meer und mieteten uns gemeinsam ein Haus in der Altstadt der Insel Rab.

Die ersten Tage verbrachten wir gemeinsam an verschiedenen Stränden, schlenderten durch die Altstadt und den Yachthafen, probierten Fischgerichte, kauften bunte Kleider und Taschen und plauderten ohne Punkt und Komma. In einem der Fischrestaurants, das auf verschiedene Zubereitungsarten von Tintenfisch spezialisiert war, trafen wir am vierten Abend zufällig meinen ehemaligen Arbeitskollegen Markus, in den ich immer schon ein bisschen verliebt war. Er war nur für weitere zwei Tage allein auf der Insel. Yolanda verschwand schnell auf die Toilette und machte mir hinter Markus Rücken eindeutige Zeichen: ich sollte doch diese Gelegenheit auf keinen Fall vorbeigehen lassen. So kam es, dass Yolanda und ich einander in den folgenden Tagen kaum zu Gesicht bekamen.   

Markus entpuppte sich allerdings als hohler, großspuriger Angeber, mit dem ich kaum mehr als zwei Tage hätte verbringen wollen, eigentlich war das auch schon zu viel und so war es alles andere als schlimm, als wir uns verabschiedeten und er in Richtung Flughafen aufbrach. 

Am nächsten Tag saß ich wieder vergnügt mit Yolanda am Strand und erzählte ihr, dass diese Episode so peinlich war, dass sie am besten totgeschwiegen werden sollte. Yolanda nickte und meinte, es gäbe ja schließlich auch Männer von ganz anderem Kaliber, die sich über die Welt und das Leben Gedanken machten und handelten. Ich stimmte ihr zu und wollte zum Meer hinunter gehen. Aber Yolanda wollte mir etwas Wichtiges erzählen.

„Kommt es dir nicht auch seltsam vor, dass Präsident Trump so oft genau das Richtige tut, obwohl ihm das in Europa niemand zutraut“ fragte sie mich. Ich war verblüfft. „Und wolltest du noch nie wissen, was er und andere kritische, freiheitsliebende Menschen vorhaben um uns alle zu retten?“ fragte sie mich mit großen, glänzenden Augen. Bevor ich fragen konnte, wovor genau sie uns retten sollten, sprang sie auf, murmelte etwas von einem Zeitplan, der eingehalten werden müsse und lief davon.

Nun stand ich gegen zwei Uhr morgens am Yachthafen und starrte auf ein Schiff am Anleger. Es war ein Katamaran mit einer hell erleuchteten Kabine. Musik und Partygeräusche wehten von anderen Schiffen ans Ufer. Mir war aufgefallen, dass Yolanda ihren Pass und ihre Kreditkarten mithatte, als sie an Bord des Schiffs ging in Begleitung eines Mannes mit hartem Gesicht.

Wie konnte ich Yolanda dort nur wieder herausholen! Sie hatte wirre Geschichten erzählt von unterirdischen Gängen, Folterkammern für Kinder betrieben von den amerikanischen Demokraten, einer weltweiten Verschwörung, Reptiloiden … Kritikfähige Menschen – sagte sie –  müssten unbedingt G5-Handymasten abfackeln und Donald Trump und seinen Abgesandten blind  vertrauen, denn sie seien der Garant für Freiheit und Selbstbestimmung.

„Sie wollen sicher auch zur Q-anon- Versammlung“ sagte eine Stimme hinter mir. Jemand fasste mich hart am Arm und zerrte mich in Richtung Anleger. Gerade war auf dem Katamaran das Licht ausgegangen.


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Unerwartetes in Gerhards Garten – ABC- Etüde

Die ABC-Etüden

Wie immer bei  Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Gerhard von  Kopf und Gestalt.  

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Es summt und schwirrt und leuchtet ganz besonders intensiv in der linken hinteren Ecke von Gerhards Garten. Dort hat die Tarantula ihre Insekten-Fotomodel-Agentur eröffnet. Nachdem ihr schon als ganz kleiner Spinne schmerzhaft bewusst wurde, dass sie bei den Menschen nicht gerne gesehen war, auch nicht bei Gerhard, hatte sie sich dazu entschlossen, gewissermaßen im Hintergrund die Fäden zu ziehen. Heute herrschte Vollbetrieb. Es hatten sich einerseits besonders viele Interessierte gemeldet und andererseits wankte der Zeitplan gewaltig. Manche Insekten waren eben zeitmäßig extrem undiszipliniert.

Der hübsche Schiffermuelleria schaeferella, auch Mülli genannt, was der eitlen Motte sehr mißfiel, war deutlich verspätet. „Hopp, hopp, hopp“ rief die Tarantula “ dort kommt Gerhard schon und wer hängt noch nicht malerisch an der Hausmauer ?! “ „Aber ich bitte dich, das ist doch nicht schlimm, wenn er dann so etwas Hübsches wie mich zu sehen bekommt“ flötete Mülli selbstgefällig. Die Tarantula verdrehte die Augen und ließ sich an einem ihrer praktisch unzerreißbaren Fäden bis knapp über Müllis Kopf fallen. Das wirkte. Gerhards Freudenschrei im Hintergrund war Beweis genug für Müllis Arbeitseinsatz.

„Wen haben wir denn da heute ?“ fragte die Tarantula “ Oh, ein Homotropus Signatus., wie schön, aber du bist leider viel zu klein. Damit Gerhard dich mit seinem Makro fotografieren kann, muss er dich doch überhaupt einmal wahrnehmen.“ „Schaff ich schon, schaff ich schon“ sirrte die Miniwespe und flutsch war sie weg.

Die Tarantula blickte wieder über die Kandidaten  und entschied sich für einen Käfer, den sie besonders gerne zum Frühstück in ihrem Netz … „Nein, du Barbarin“ sagte sie zu sich selbst „kein Wunder, dass Gerhard dich nicht mag, obwohl du doch als erste vegetarisch lebende Spinne eine Art Weltwunder bist.“ Nein, diesen interessanten Valgus hemipterus werde ich Gerhard als besonderen fotografischen Leckerbissen auf einer Pusteblume präsentieren. „Ach Gerhard“ seufzte sie „es wäre so schön mit uns beiden“

300 Wörter


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Zwischen Theorie und Praxis – ABC-Etüde

Die ABC-Etüden

Wie immer bei  Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Gerhard von  Kopf und Gestalt.  

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Helga und Ullrich saßen im Garten, wie üblich versuchte sie, sich auf ein Buch zu konzentrieren, während er ohne Punkt und Komma redete. Ullrichs Hobby war die Erfindung mehr oder weniger realistischer Szenarien mit denen er sich in allen Details beschäftigte. Das Ziel dabei war, die von ihm selbst erfundene Situation bestmöglich zu meistern. Das letzte Thema war gewesen, wie am besten mit einem Chef zu verfahren wäre, der sich als verkappter Außerirdischer erwiesen hätte.

Helga hielt diese Situation für eine der ganz besonders hirnverbrannten Ideen. Ullrich hatte dazu hunderte Seiten Arbeitsrecht gewälzt, sich über mögliche Formen außerirdischen Lebens umfassend informiert. Das Schlimmste waren die Vorträge von übel beleumundeten, selbsternannten Propheten, die er besucht und natürlich auch kommentiert hatte. Selten war ihr Ullrich so sehr auf die Nerven gefallen wie in seiner „der-Chef-ein-Außerirdischer-Phase“ . Sie war sehr erleichtert als er das Thema mit einem abschließenden „Keine Chance, besser nicht anstreifen“ beendete.

Ein paar Wochen lang hatte relative Ruhe geherrscht. Beinahe wäre sie dem Irrtum verfallen, dass sie nun ein normales Leben hätte. Aber leider, vor ein paar Tagen, hatte Ullrich begonnen, sie über einen neuen Themenbereich zu informieren. Sein erster Satz dazu, der sie wieder in ihr schwieriges Alltagsleben zurückkatapultiert hatte, war „Das wichtigste bei einem Banküberfall ist der Zeitplan“. Es war schon um die Auswahl der Bank mit den höchsten Bargeldreserven gegangen, um die Fluchtmöglichkeiten und die Notwendigkeit der Vermeidung einer Geiselnahme.

Helga hatte das Gefühl, dass sie es heute einfach nicht mehr aushalten konnte und beschloss eine Flasche Wein aus dem Keller zu holen. Manchmal half das. Sie flüchtete also in Richtung Haus. Der Keller war nie besonders aufgeräumt, aber das halbe Dutzend riesiger Sporttaschen vor dem Weinregal hatte sie noch nie gesehen. Befremdet öffnete sie die vorderste Tasche, zog den Zippverschluss auf und da quollen ihr die Geldscheine entgegen….

300 Wörter