la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Menschen am Wien-Fluß 4/5

Jetzt wird es bald vorbei sein mit der sommerlichen Stimmung, aber am Mittwoch herrschte am Wien-Fluß noch Strand-Ambiente, allerdings mit verschiedenartigeren Aktivitäten als in der Sonne herumliegen. Derzeit ist der Fluß an vielen Stellen so seicht, dass man – wie diese beiden – ganz problemlos durchgehen kann. „Die Furt“ wäre der Titel einer Geschichte, die ich zu diesem Foto schreiben könnte. Es könnte eine Alltagsgeschichte sein, eine Liebesgeschichte, eine Horrorgeschichte, eine Science-Fiction Geschichte, ein Gedicht, eine Fahrradwerbung, eine Sportgeschichte und fast unendlich viel anderes.

Dazu demnächst mehr.

 


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Die Moorleiche – ABC-Etüden

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Lea von Kommunikatz

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

abc.etüden 2020 39+40 | 365tageasatzaday

Eine Mumie kann ein trauriger Anblick sein, eine Moorleiche nicht weniger, aber für eine Archäologin ist das ganz anders. Am archäologischen Institut der Universität Dublin betrachtete Brigid ihre Moorleiche mit zärtlichem Interesse. Die Freude daran, dass ihr Projekt genehmigt und somit finanziert wurde, die Begeisterung über den Glücksfund dieser Moorleiche und ihrer Grabbeigaben, alle diese positiven Gefühle flossen in ihren Blick ein. Caitlyn, Süße, sagte sie zu der Moorleiche wir beide werden es weit bringen.

Ein Team von Chemikern hatte die konservierten Reste des Inhalts der Keramikschale aus dem Moorgrab analysiert. Aus Pilzen stammten die Hauptbestandteile der Masse. Aus Pilzen und einer Menge Kräuter und Gräser. Im Grunde wäre ein Koch sehr hilfreich, dachte Brigid öfter, denn die Chemiker konnten die einzelnen Substanzen bestimmen aber nicht feststellen welche Pilze für dieses uralte Gericht verwendet worden waren. „Ein Rezept aus gälischer Urzeit“, „Was aßen die Druiden“, „Junge Archäologin wird zum Star“ In ihrem Kopf jubelten die Schlagzeilen.

Ungeduldig wartete Brigid im Innenhof der Universität. Endlich sah sie Ian kommen, dem sie schon von weitem ansah, wie unbehaglich er sich fühlte. Er hielt ihr einen Zettel zur Unterschrift hin. „Auf eigene Verantwortung …. etc“. Überschwänglich dankte sie ihm und griff vorsichtig nach der grünen Plastikdose. „Und es ist wirklich genau das, was in der Schale war?“ „Nach menschlichem Ermessen und dem Stand der Forschung. Bist du wirklich sicher ….. “ Sie hörte ihm gar nicht mehr zu. Wie eine kostbare Trophäe trug sie die Dose in ihr Labor.

Ganz kurz kamen ihr Zweifel, aber sie drängte sie weg und leerte das Gefäß in einem Zug. Dann legte sie sich auf die Liege, die gleich neben der Moorleiche stand.

Sie hatte wohl einige Stunden geschlafen. Die ultramarinblaue Sonne stieg in einem grünen Himmel immer höher. Brigid machte ein paar Schritte, streckte den Arm aus und ging durch die Wand des Labors.

305 Wörter


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ABC-Etüden – Gewissermaßen ein Sachtext

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Ludwig Zeidler

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Es kommt nicht oft vor, dass mir zu der etüdischen Wörtertrilogie gar nichts einfällt. Diesmal ist es aber soweit. Engel als Überbringer guter oder schlechter Nachrichten, ein Engel, der die erstgeborenen Söhne der biblischen Ägypter abschlachtet, Engel, die das Paradies bewachen, daraus lässt sich doch unbedingt etwas machen. Aber „engelhaft“ !

Ich drehe das Wort mit spitzen Fingern in alle Richtungen, stecke es ins Wasser, lasse es vom Wind trocknen, zerpflücke es in einzelne Buchstaben. Bringt auch nichts, Anagramme sind ja nicht erlaubt. Obendrein wäre „gehalften“ oder „heftlange“ auch nicht das wahre.

Letzter Versuch: ich stecke „engelhaft“ in verschiedene Farbtöpfe. Grün und Blau haften nicht, Rot verwandelt sich in Blutstropfen und Gelb rieselt in Form falscher Vergoldung ab. Dann eben nicht !

Nicht eine einzige noch so mickrige Idee kommt angekrochen. Sie haben sich sicher alle versteckt. In griechischen Amphoren vergraben. Die weniger Kunstsinnigen lungern in alten Turnschuhen herum. Na gut, bleibt nur alle wo ihr seid! Genießt die kühle unterirdische Atmosphäre in den noch nicht ausgegrabenen Amphoren oder die Duftnote der alten Turnschuhe. Ich brauche euch gar nicht, es gibt ja noch andere Wörter.

„engelhaft“ pfffffffff …….


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Der Dienstag dichtet, acht

Katha hat das Projekt ins Leben gerufen, bei ihr gibt es auch eine Teilnehmerliste

Ich definiere für mich „Gedicht“ als verdichtete Prosa und beginne – sehr vorsichtig – mich daran zu versuchen.

Diesmal mit Bild

Never change a running system

Fäden ziehen durch die Jahrmillionen, seit der glückhaften Vereinigung von Algen und Pilzen

Leuchtende Farben, weiche Polster, alle Arten von Strukturen gingen daraus hervor

Es fließt, haftet und kristallisiert. Schälchen, Punkte, aderndurchzogene Quasten, geflügelte Tiergestalten, uralte Gottheiten, Windräder und Drainagesysteme, alles könnt ihr abbilden

Phantasie ohne Neuronen

Irgendwann tauchten wir Menschen auf, durften euch eine Zeit lang bewundern und überließen euch unsere Welt wieder.

Flechten wird es geben bis ans Ende der Zeiten

 


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ABC-Etüden – Gedanken-Vögel

Die ABC-Etüden

Wie immer bei Christiane

Diesmal stammen die Wörter von Ludwig Zeidler

Die untenstehenden 3 Begriffe sollen in einem höchstens 300 Wörter langen Text vorkommen

Eigentlich wollte ich diesen Text in der Ich-Form schreiben, das hätte ihn theoretisch eindringlicher gemacht, praktisch aber ohne innere Logik. Nicht erst beim letzten Satz hätte man sich gefragt, wessen Gedanken da von wem präsentiert werden.

Die Ich-Erzähler versus auktoriale Position beschäftigt mich nach wie vor

Die Vögel waren alle verschieden, in Farben und Größen auch ihre Stimmen unterschieden sie. Sie hatten verschiedene Augen und Schnäbel und verschieden lange … Dingsbums, Finger, Faden, finden, nein Federn, ganz verschiedene Federn.

Bis vor kurzem konnte sie die Vögel noch manchmal fassen, die Erinnerung, den Gedanken, die Idee, die die Fliegenden mit sich trugen. Sie konnte kurz den Eindruck haben, über Erinnerungen und Gedanken zu verfügen, sich anderen Menschen verständlich machen zu können. Doch nun wurde das Geflatter immer hektischer und wirrer. Immer schneller flogen die Gedanken nun weg. Mancher Vogel war schwer zu fassen und schwer zu verstehen gewesen, blieb nicht lange bei ihr und nahm seinen Gedanken mit sich. Nun aber waren manche einfach verschwunden, verschollen, vergraben. Die Auswahl und Anzahl der Vögel in ihrem Kopf, die sie noch wenigstens für kurze Zeit fassen konnte, wurde immer kleiner.   

Bis vor kurzem waren manche Momente so klar, dass ihr bewusst wurde, wie wenige Vögel es noch gab, die sie manchmal fing aber oft auch dann nicht mehr verstehen konnte. Das waren ihre besten Momente, auch die verzweifeltsten.

Die Welt um sie herum war erst unverständlich geworden, dann ganz verschwunden. Nur manchmal drangen Farben und Bewegungen zu ihr durch. Geräusche konnte sie noch manchmal richtig verstehen, wenn die Vögel nicht zu wild waren und Berührungen konnte sie fühlen.

„Schau wie engelhaft sie lächelt“ sagte der Pfleger


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Der Dienstag dichtet, sechs

Katha hat das Projekt ins Leben gerufen, bei ihr gibt es auch eine Teilnehmerliste

Ich definiere für mich „Gedicht“ als verdichtete Prosa und beginne – sehr vorsichtig – mich daran zu versuchen

In weiten Serpentinen um den geraden Weg
Unterwegs begegnen mir Bäume
vernetzte Spinnen, exerzierende Ameisen
Der Raumspray-Geruch der Wohlanständigkeit lockt doch manchmal

Hilflos zuckt der Kompass
Süd- Nord
West-Ost
Kein Boden unter den Händen
Schluchten unter den Füßen

Doch Leben im Chaos
birgt Schönheit in den Abgründen
und durchdringende Lebendigkeit

Wasser strömt durch alles


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Ich oder Er/Sie ? Projekt X

In letzter Zeit habe ich von verschiedenen Gesichtspunkten aus darüber nachgedacht, welche Vor- und Nachteile das Schreiben aus einer auktorialen oder neutralen Erzählperspektive oder aber aus der Ich-Perspektive bietet. Ich schreibe sehr gerne in Ich-Form, aber diese Sicht auf die Welt aus einer „Froschperspektive“ eignet sich nicht immer. Wenn Zusammenhänge und die Standpunkte anderer Personen als der Ich-Erzählerin vorkommen sollen, wird es schwierig. Wie man ja aus dem Leben weiß: die reine Ich-Perspektive, der Tunnelblick beschränkt das Sehfeld und die Erfahrung. Andererseits kann es auch sehr interessant sein, eine Geschichte aus der Ich-Perspektive zu erzählen und den Umstand, dass die Kenntnis von Fakten und der Haltung und Meinung anderer sehr begrenzt ist zu benützen.

Um zu ergründen, wie dieses Thema in der Praxis gelöst wird, habe ich intensiv mit dem Blick auf die Erzählperspektive gelesen und habe gefunden, dass verschiedene Autoren verschiedene Lösungen finden um einerseits aus einer neutralen Position heraus zu erzählen, aber die einzelnen Personen der Handlung auch streckenweise aus einer Ich-Perspektive zu Wort kommen zu lassen. Da gibt es Dialoge und Monologe aus der Sicht der handelnden Personen, Briefe, Tagebucheintragungen. Diese Strukturen kommen mir sehr verlockend vor. Sie machen den Aufbau des Textes zwar komplizierter, aber allein der Textaufbau bringt eine gewisse Spannung in die Handlung.

Tatsächlich bin ich eine sehr spontane Schreiberin und denke während des Schreibens kleiner, kurzer Texte über solche Dinge nicht nach. Es wird mir aber immer klarer, dass ein langer, komplexer Text doch Überlegungen in diese Richtung erforderlich macht.


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Der Dienstag dichtet, fünf

Katha hat das Projekt ins Leben gerufen, bei ihr gibt es auch eine Teilnehmerliste

Ich definiere für mich „Gedicht“ als verdichtete Prosa und beginne – sehr vorsichtig – mich daran zu versuchen

 

 

Zwischen Lyrik, Prosa und Schwitzen

Die Hitze kriecht durch den Körper und lässt alle Muskel erschlaffen,

Venenklappen wollen sich nur mehr zögernd schließen

Das Gehirn schmilzt, Denken wird zähflüssig

 

Die aufblasbare Badeinsel mit der Palme grinst hämisch

Die Sandaletten werden immer enger

38 Grad, ohne Berücksichtigung des strahlenden  Betons, des flüssigen Teers

und der aggressiven Mitmenschen

 

Im Sommer in den Süden?

In den Blechhitzestau?

Ins Flugzeug mit virenspendender Belüftung?

Im duftenden Flixbus?

Freiwillig?

 


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Entschlossen nichts tun

Fast Mittag. Na und? Deswegen kann ich doch bequem herumliegen und lesen. „Das Paradies meines Nachbarn“, ungewöhnliche Perspektive, interessant. In der Wohnung ist es noch kühl. Mein Hals ist irgendwie belegt und verlangt nach viel Wasser. Bekommt er. Was wollte ich heute machen. Vormittag Schuhe kaufen, keine echten Wanderschuhe aber eine gemäßigte Variante, so gemäßigt wie meine Begeisterung fürs Wandern. Naja, wenn ich dann nah dran bin, gefällt es mir meistens doch. Dann wollte ich in die Apotheke gehen und die von meiner Pharmazeuten-Freundin empfohlenen Kurkuma-Kapseln erwerben. Nützt´s nix so schadet´s nix. Und dann wollte ich die gestrige Unkraut-Rupf-Aktion beenden und bügeln, Berge von ungebügeltem G`wand abtragen. Berge versperren überall den Weg. Für des Unkraut und das Bügeln ist es fast zu heiß, aber am Vormittag noch nicht. Ein paar Anrufe, ein paar emails ……

Alles abgehakt. Ein wunderbares Gefühl alles abzuhacken ohne irgendetwas getan zu haben. Die Zeit vergeht und wenn es so weit wäre, dies und das zu tun, lasse ich es vorbeiziehen und hake es ab. Nachmittag ist auch noch Zeit oder morgen….  An der Perfektionierung dieser Methode muss ich arbeiten. Aber nicht gerade jetzt.

Meine derzeitige Lektüre brachte mich zu der Frage, ob man auch „entschlossen herumstehen“ kann. Diese Betrachtung muss nicht gleich in hektische Aktivität umgesetzt werden, denn sicherlich gibt es nicht nur die Möglichkeit entschlossen herumzustehen sondern man kann auch entschlossen herumliegen. Fühlt sich ganz hervorragend an. „Entschlossen herumliegen“ lässt sich sicher durch „lesen interessanter Texte“ umschreiben. Herumschusseln ist ja keine Kunst, aber entschlossen entspannen …

Leider ist das Buch nicht besonders lang und ich könnte meine to-do-Liste am Nachmittag abarbeiten, bei der größten Hitze. Keine sehr kluge Strategie. Na und?


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Projekt X – Beflügelndes

Wie hier auch schon öfter erwähnt, hat mir dieses Buch außergewöhnlich gut gefallen, sowohl was das Thema als auch was die Sprache betrifft.

Im letzten Teil hat es dann noch ein besonders Schmankerl zu bieten: der Protagonist, der sich sein Leben lang mit  Übersetzungen von und in verschiedene Sprachen beschäftigt hat, beschließt nun, auch selbst zu schreiben. Dadurch entsteht die faszinierende Situation, dass in einem Roman ein Stück weit beschrieben wird, welche Gedanken zum Schreiben auftauchen können und wie ein literarischer Text entsteht. Es ist die Figur des Protagonisten, der über eine von ihm zu schaffende literarische Figur nachdenkt und nachfühlt und darüber, wie man daran herangehen kann, einen erzählenden Text zu schreiben.

„Das Nachdenken über das Schreiben, auch wenn es noch rhapsodisch und ungeordnet war, hatte eine neue Wachheit in ihm entstehen lassen. War schreiben wie aufwachen? “ p. 514

„Und vielleicht ist der Versuch einer eigenen Stimme einfach auch zu groß für mich. Eine Frage der Begabung. Oder ist es noch etwas anderes: die Furcht mir in meinen eigenen Worten zu begegnen.“ p.516

„Wieviel muss man festgelegt haben, bevor man mit dem Schreiben beginnen kann ? Nun habe ich alle diese vielen Bücher übersetzt, all diese Erzählungen, und weiß über das Schreiben so wenig“ p 518

„(…) spüre ich eine erste, glückliche Ungeduld, bald mit dem Schreiben zu beginnen“ p. 519

„Als das Flugzeug in Heathrow landete, wurde Leyland bewusst, wie weit er mit seiner Figur plötzlich schon war. Dabei stand noch kein einziger Satz. Würde es immer so sein, dass die Phantasie weit vorauseilte und dann durch die langsame Arbeit an einzelnen Sätzen eingeholt werden musste?“p 527 

Noch vieles mehr an interessanten Betrachtungen kann man zwischen diesen kurzen Zitaten lesen. Weitere Denkanstöße und Impulse gibt es bei Jutta Reichelt zu lesen. Sie hat einerseits Impulse zur Kreativitätsförderung gegeben und auch auf Betrachtungen zum Thema Literatur hingewiesen. Es wird in ihren Beiträgen auf eine Menge verschiedener Autoren verwiesen, die sich mit Hintergründen und Theorie des Schreibens befasst haben.

Vieles beschäftigt mich derzeit in diesem Zusammenhang. Ich bin gespannt, ob es auch so laufen kann und wird, wie ich es beim Schreiben größerer Arbeiten immer gehalten habe: zuerst sammeln, Informationen und Ideen, das alles dann irgendwo im Hinterkopf verstauen und dann kommt der Moment, an dem es so weit ist und sich alles (fast) von selbst zu einem Ganzen fügt und reif ist, geschrieben zu werden.

Ein letztes Zitat von Pascal Mercier:

„Die Phantasie – das spüre ich so deutlich in diesen Tagen – ist der eigentliche Ort der Freiheit“ p. 556

 

 

 


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Die Brüste des Modells – ABC-Etüde zum Thema „Kunst“

Sommerpausenintermezzo der ABC-Etüden, auch bei Christiane, der Etüden-Meisterin 

Diesmal geht es darum, eine alphabetische Liste von Begriffen zu einem selbst gewählten Thema zu erstellen und dann unter Verwendung aller 26 Begriffe einen Text zu schreiben.

Mein Thema ist „Kunst“ und ich habe zunächst den Text geschrieben und dann noch fehlende Wörter eingebaut. Sehr gut wäre ich auch ohne das Wörter-Alphabet ausgekommen. „Jadegrün oder nilgrün“ ist schon ein bisschen an den Haaren herbeigezogen, mir ist aber kein besseres Wort mit „j“ eingefallen.

Diesmal ist es keine Geschichte sondern einfach ein Text. Schließlich ist Sommer und der eignet sich wunderbar zum vor sich hin Sinnieren und Schreiben.

Die alten, buntgefleckten  Staffeleien lehnen an der Wand, ebenso die als Unterlagen verwendeten Malbretter, nach der Größe sortiert, die Holzstifte für die Staffeleien in einem geflochtenen Korb. In den Regalen stehen angeschlagene Teller, die als Malpaletten benützt werden. X-mal gewaschene Fetzen mit Regenbogen-Farbflecken liegen ordentlich zusammengelegt auf einem Regalbrett, die diversen Gläser für das Malwasser sind auch nach der Größe sortiert. Diese ehemaligen Heimstätten von Essiggurken, Oliven, Kompotten, und Salaten wurden sorgfältig ausgewaschen. Es herrscht hier eine Mischung von Bohème und Spießigkeit, keine Bobo-Atmosphäre eher Prekariat und Geldmangel.

Die Klospülung, ein Modell, das knapp hinter dem Plumps-Klo rangiert, funktioniert zwar, aber nur wenn man mit der genau richtigen Zugstärke an der metallenen Kette zieht. Sonst passiert gar nichts. Zum Reparieren fehlt seit Jahren das Geld. Hier werken Kreative, man sieht es: die Jalousie vor dem Fenster, die dem Klo Blickschutz bietet, besteht aus farbenprächtigen Dias, die kunstvoll zusammengehängt wurden, ein sehr originelles Einzelstück. Der Kühlschrank ist ausgesteckt, die Türe offen. Hier haben wir früher die selbstangerührte Ei-Tempera gelagert und gekühlt. Ob der Kühlschrank kaputt ist oder ob ihn nur gerade niemand braucht, habe ich nicht gefragt, muss ich auch nicht wissen.

Der Wasserhahn, der gleiche wie vor über zehn Jahren, rinnt immer noch nach nachdem er zugedreht wurde. Mir fällt auf, dass sich meine Hände an den richtigen Moment erinnern, an dem der Wasserhahn zugedreht werden muss um nicht zu viel und nicht zu wenig Wasser rinnen zu lassen. Ebenso wie meine Füße sich erinnern, wohin sie nicht treten sollten, auf kaputte Fliesen, auf morsche Holzteile, auf die Hühnerleiter, die in den Hinterhof führt und die schon seit Jahren jeden Moment zusammenbrechen kann. Dieses Atelier ist mir einfach vertraut, mit dem ganzen Körper.

Wir sind wenige und haben uns coronabedingt über den großen Atelierraum verteilt. Alle haben ihre Malnester gebaut: mit Tischen, Sesseln, Staffeleien, Papier, Leinwänden, Pinsel, Farben, Stiften, Kreiden, Kohle, Radiergummi, Messer, Fixierspray. Oft ist es eine wohlausgestattete Materialschlacht, die hier stattfindet. Die derzeit höchstwahrscheinlich prekären, finanziellen Verhältnisse im Atelier betreffen nicht die zahlenden Gäste. Nach mehreren Tagen kreativer Aktivitäten, wird der Boden so aussehen, als hätte ein Yeti mit besonders großen Füßen einen Hüpftanz geübt. Am Vormittag des ersten Tages ist es aber noch nicht soweit. Wir bereiten uns vor und erörtern schwierige Fragen wie Jadegrün oder Nilgrün zu Hellgrau oder Lila, Leinwände grundieren oder doch nicht. Die Größe und nötige Qualität des Papiers …

 Das erste Modell ist da, eine junge Frau in Begleitung einer anderen. Sie trägt blaue Shorts mit den unvermeidlichen weißen Streifen an der Seite, ein T-Shirt mit der Aufschrift „Filipinas“, Plastikschuhe und hat eine prachtvolle, gekrauste Mähne mit hineingefärbten blonden Strähnchen und ein richtig schönes, ebenmäßiges Gesicht. Vielleicht eine Somalierin, oder sie stammt aus Madagaskar. Sie zieht sich aus und nimmt zunächst eine einfach zu zeichnende Position ein: keine nennenswerten Verkürzungen, keine allzu verschlungenen Arme und Beine. Ihre Haut, ist jung, glatt, das Bindegewebe ist fest, man sieht die Muskelspannung unter der Haut. Ich überlege mir, wie man ein Inkarnat für dunkle Haut mischt. Zu Rot, Weiß, Blau, eine Spur Gelb, ein bisschen Braun, Hellbraun oder Dunkelbraun ? Am besten drauflos mischen …

Und dann sehe ich die Brüste des Modells und erschrecke. Die junge Frau sieht aus wie Mitte Zwanzig, vielleicht ist sie etwas älter, ich schätze dunkelhäutige Menschen immer etwas jünger als sie sind, aber diese ausgelaugten Brüste passen einfach nicht ins Gesamtbild. Hier gibt es kein straffes Bindegewebe, keine glatte Haut, ihre Brüste sehen aus als wären sie mindestens dreißig Jahre älter als der restliche Körper, als hätten sie dutzende Kinder gesäugt und nie irgendeine Stütze getragen, als wäre das Fettgewebe ausgesaugt worden. Aber warum sollte eine junge Frau mit einem sehr schönen Körper irgendetwas an ihren Brüsten verändern lassen. Wenn das doch geschehen sein sollte, wäre es ein tragisches Ergebnis. Ähnlich den völlig verunstalteten Gesichtern mit den auf froschähnliche Dimensionen aufgespritzten Lippen. Ihre Brustwarzen sind gepierct mit jeweils zwei Ringen, die aber unmöglich so schwer sein können, dass sie die Brüste derart hinunterziehen könnten.

Mir kommt vor, dass ich sie anstarre und ich komme mir voyeuristisch vor. Ein gewisser Voyeurismus lässt sich nicht vermeiden, wenn man ein Aktmodell abbildet, aber einen Teil ihres Körpers so intensiv anzustarren kommt mir doch ungehörig vor. Es wird ihr ja selbst auch klar sein, wie sie aussieht. Ich drehe eine Runde quer durchs Atelier um zu sehen, ob die anderen die Brüste so abbilden wie sie sind. Teils teils …

Wir machen eine Pause. Ich habe noch nicht so viele Aktmodelle erlebt, aber alle, die ich bisher gesehen habe, Frauen und Männer hatten die Gewohnheit sich in den Pausen zumindest ein Tuch umzuwickeln. Diese junge Frau bewegt sich ebenso nackt wie unbefangen, sieht sich die Bilder an, kommentiert sie, plaudert. Ich frage sie, ob sie Kunststudentin ist. Ja, sie macht Metallskulpturen und wäre sehr schlecht beim Zeichnen. Ihre Begleiterin dagegen, die sich zu uns gesetzt und mitgezeichnet hat, ist eine erfahrene Zeichnerin und zeigt uns ihre Skizze.

Dann nimmt das Modell eine neue Position ein, umschlingt ihre aufgestellten Beine mit den Armen. Dabei werden die Brüste gegen die Beine gedrückt und sehen dadurch noch schlaffer aus als zuvor, leere Säckchen. Das Stichwort „ausgeleiert“ erzeugt in mir ein Bild von einem dieser Nachtclubs mit Poledance und diesem als Tanz deklarierten schnellen Kreisen der mit Quasten dekorierten Brüste. Manche Tänzerinnen schaffen es sogar die Brüste in verschiedene Richtungen kreisen zu lassen. Wenn man diese Art der Zurschaustellung eine Weile betreibt, wird das Bindegewebe auch kleiner, fester Brüste garantiert ausgeleiert.

Eine mögliche Theorie wie viele andere. Alle Möglichkeiten, die mir einfallen, wie eine junge Frau zu alten Brüsten gekommen sein kann, hinterlassen einen unangenehmen Nachgeschmack von Ausbeutung und Würdelosigkeit. Obwohl diese Frau einen entspannten, selbstbewussten Eindruck macht. Der Weg zu Gelassenheit kann durch kleinere oder größere Höllenbereiche geführt haben.  

Und hier die Liste:

A – Atelier, Akt

B – Brüste, Bohème

C – coronabedingt

D – dunkelbraun

E – Ei-Tempera

F – Farbflecken, Fixierspray

G – grundieren, Geldmangel

H -Hellbraun

I – Inkarnat

J – Jadegrün

K – Kreiden

L – Leinwände

M – Modell, Malbrett

N – Nilgrün

O – ordentlich

P- Paleten, Pinsel

Q – quer

R – rot, Radiergummi

S – Staffelei, Stifte

T – Temperafarben

U – Unterlage

V – voyeuristisch

W – Wasserhahn, werken

X – x-mal

Y – Yeti

Z – Zurschaustellung


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Der Dienstag dichtet, vier

Katha hat das Projekt ins Leben gerufen, bei ihr gibt es auch eine Teilnehmerliste

Ich definiere für mich „Gedicht“ als verdichtete Prosa und beginne – sehr vorsichtig – mich daran zu versuchen

 

Vögel auf dem kahlen Zweig 

Schmetterlinge und Libellen kreisen

Doch er träumt von Blättern

unter der Sonne


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Heimat – ABC Etüden

Die ABC-Etüden mit sommerlichem Gesicht. Auch bei Christiane

Von 12 Wörtern konnte man sich sieben aussuchen und damit einen beliebig langen Text schreiben zum Thema #stayathome. Mein Text heißt „Heimat“ und die folgenden Wörter in alphabetischer Reihenfolge habe ich eingebaut:

Herzschmerz  –  Kantine –  Kommentar – Stoppelfeld – Vulkan – Windjammer – Zwischentöne

 

In Österreich war der Begriff „Heimat“ lange Zeit absurderweise von den Rechten so stark in Beschlag genommen, dass er in neutraler Weise kaum noch verwendet werden konnte. Es war ein sehr kluger Ansatz von Van der Bellens*) Wahlkampagne, dass er immer wieder davon sprach, dass er sich seinen Heimatbegriff nicht von den Rechten besetzen lassen würde.

*) Alexander Van der Bellen – derzeitiger österreichischer Bundespräsident

 

 HEIMAT

 Früher als ich noch wirklich viel und weit reiste, gab es eine mit anderen Reisenden immer wieder aufgeworfene Frage „was hat dir in Irgendwo gefehlt?“ bzw „Worauf hast du dich beim Nachhausekommen gefreut?“ Das war im Grunde eine andere Art zu fragen „Was macht für dich „zuhause“ aus?“.

Die Antwort auf die Frage, worauf man sich beim Nachhausekommen gefreut hätte, war erstaunlich oft „das Schwarzbrot und das Wiener Leitungswasser“. Man kann meinen, dass das eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise ist. Vielleicht ist es das aber gar nicht. Wasser und Brot sind Grundnahrungsmittel, solide Pfeiler des Lebens. Ob man Tempel bestaunt oder Vulkane, amerikanische, asiatische oder afrikanische Stoppelfelder durchquert, Wasser und Brot spielen auch auf Reisen immer eine Rolle.

Das Heimatgefühl ist vielschichtiger als Vorlieben für Brot und Wasser, natürlich. Menschen gehören dazu, Orte und eine bestimmte Sprache. Meist sind diese Faktoren miteinander verwoben, manchmal muss aber auch einer die Funktionen aller übernehmen. Für Emigranten etwa ist die Sprache der Heimat ein wichtiges Verbindungsglied zu ihren Wurzeln und ihrer Identität, auch wenn die heimatlichen Orte und Menschen nicht mehr da sind.

Meine Heimat ist Wien, die Stadt, die Menschen, die Sprache, so sehr sie mir auch öfters auf die Nerven gehen.

Aufgewachsen bin ich in einem Bezirk gleich neben der Innenstadt. Als Teenager sah ich als größten Vorzug unserer Wohnung, dass ich in einer knappen Viertelstunde zu Fuß im Stadtzentrum war. Dass es außerdem eine schöne und große Altbauwohnung war, wie es in Wien viele gibt, mit Holzpaneelen und Stukkatur war mir vorübergehend nicht so wichtig.

Die Leopoldstadt, der zweite Wiener Gemeindebezirk ist ein historisch belastetes Pflaster. Hier lebte der Großteil der wiener und österreichischen Juden bevor sie deportiert und ermordet wurden. Ersparen wir uns die Zahlen und die Gedanken an die beschämenden Szenen. In vielen Häusern wurden die für Deportationen bestimmten Menschen festgehalten und lebten dort eine Zeit lang zusammengepfercht. Als das Haus, in dem wir gewohnt hatten längst abgerissen war, ein daneben liegendes Krankenhaus wollte sich erweitern, stieß mein Bruder  auf die Information, dass „unser“ Haus damals so eine Vorabteilung der KZ-Höllen war. Er fand sogar einen Überlebenden, der damals noch als Kind dort interniert war.

Als wir dort lebten, war der Bezirk nicht besonders interessant. Ganz im Gegensatz zu heute. Erstaunlicherweise ist die Leopoldstadt ein lebendiges, brodelndes Viertel geworden mit sehr vielen Lokalen und Ateliers, viele davon haben den Corona-Lock-Down überlebt. Auch das jüdische Leben ist zurückgekehrt. Es gibt jede Menge koschere Geschäfte und Lokale, man sieht orthodoxe Juden mit und ohne Familie zu den wiedererstandenen Synagogen spazieren. Ich frage mich immer, wieso man diese Leute als ich im Bezirk wohnte nicht gesehen hat. Sie werden kaum neu zugewandert  sondern auch in meiner Kindheit schon dagewesen sein, aber sehr unauffällig.

Es gibt Gassen im Bezirk mit Gedenksteinen und kleinen Mahnmälern. Es ist eine recht seltsame Atmosphäre, manchmal jung und lustig, manchmal düster und schwer an den Erinnerungen tragend. Den Erinnerungen, die sich im Kopfsteinpflaster festgebissen haben und an dunklen, nebligen Tagen herauskommen um sich die Beine zu vertreten und die heitere Atmosphäre wegzudrängen. Man muss sie gewähren lassen, schließlich ist ihr Heimatrecht hier älter als jenes der jungen Szene, die sich erst vor kurzem etabliert hat.

Ich spaziere gerne durch mein „homeland“, diesen Bezirk der lauten Zwischentöne und der leisen Zivilcourage. Es hat sich vieles sehr verändert und doch auch wieder nicht. Heimat ist Heimat. Ich erkenne die Veränderungen und sehe doch vor dem inneren Auge, wie es früher ausgesehen hat. Es ist ja auch kein Zufall, dass mein Lieblingsatelier, wo ich immer wieder male ganz nah an unserem nicht mehr existenten Wohnhaus liegt.

Gerade habe ich mich vage an ein Gedicht von Anton Wildgans erinnert und es auch tatsächlich gefunden. Meine damalige Deutschlehrerin könnte einen pädagogischen Erfolg verbuchen.

Ich bin ein Kind der Stadt

Ich bin ein Kind der Stadt – Die Leute meinen

und spotten leichthin über unsereinen,

Daß solch ein Stadtkind keine Heimat hat.

In meine Spiele rauschten freilich keine

Wälder. Da schütterten die Pflastersteine,

Und bist mir doch ein Lied, du liebe Stadt.

 

Und immer noch, so oft ich dich für lange

Verlassen habe, ward mir seltsam bange,

Als könnte es ein besondrer Abschied sein.

Und jedesmal, heimkehrend von der Reise,

Im Zug mich nähernd, überläuft’s mich leise,

Seh’ ich im Dämmer deine Lichterreihn.

 

Und oft im Frühling, wenn ich einsam gehe,

Lockt es mich heimlich raunend in die Nähe

Der Vorstadt, wo noch meine Schule steht.

Da kann es sein, daß eine Straßenkrümmung,

Die noch wie damals ist, geweihte Stimmung

In mir erglühen macht wie ein Gebet.

 

Da ist ihr Laden, wo ich Heft und Feder,

Den ersten Zirkel und das erste Leder

Und all die neuen Bücher eingekauft,

Die Kirche da, wo ich zum ersten Male

Zur Beichte ging, zum heiligen Abendmahle,

Und dort der Park, in dem ich viel gerauft.

 

Dann lenk’ ich aus den trauten Dunkelheiten

Der alten Vorstadt wieder in die breiten

Gassen, wo all die lauten Lichter glühn.

Und bin in dem Gedröhne und Geschrille

Nur eine kleine, ausgesparte Stille,

In welcher alle deine Gärten blühn.

 

Und bin der flutend-namenlosen Menge,

Die deine Straßen anfüllt mit Gedränge,

Ein Pünktchen nur, um welches du nicht weißt.

Und hab’ in deinem heimatlichen Kreise

Gleich einem fremden Gaste auf der Reise

Kein Stückchen Erde, das mein eigen heißt.

Anton Wildgans

Im Café Beethoven mitten in der Stadt, soll Wildgans gerne geschrieben haben. Cafés mit dem Namen Beethoven gibt es eine Menge. Viele Spinnennetze und Verbindungen halten so eine Stadt zusammen. In Österreich wird ja immer noch gelegentlich daran gearbeitet, den Eindruck zu erwecken, dass Beethoven Österreicher, aber dafür Hitler Deutscher gewesen wäre.

Wir machen jetzt einen großen Schwenk zum moderneren Wien, zur Donauinsel, dem beliebtesten Naherholungsgebiet der Wiener. Als Überschwemmungsgebiet für die Donau gebaut, ist die Donauinsel heute ein Freizeitparadies, das die Möglichkeit für Radtouren und Wanderungen weit über das Wiener Stadtgebiet hinaus bietet. Auch für Wasserratten ist gesorgt, für die menschlichen und höchstwahrscheinlich auch für die vierbeinigen.

Man sieht hier zwar keine Yachten, keinen Raddampfer und keinen Windjammer, aber jede Menge kleiner Boote, Wasserschifahrer, Surfer. Die Insel ist groß. Man kann in abgelegenen Teilen unter Bäumen und Büschen Herz-Schmerz-Gedichte lesen oder auch schreiben oder man kann sich in den Trubel der Lokale direkt am Wasser werfen. „Konnte“ meine ich, vor Corona. 

Das Donauinselfest als Massenveranstaltung ist heuer auch abgesagt worden. Damit die Musiker irgendetwas zu tun haben, fährt ein Bus mit immer wieder anderen Musikern durch Wien, man weiß aber vorher nicht, wo er stehenbleiben wird. Der positive Effekt dieses Projekts: es finden sich nicht viele Zuhörer zusammen, weil man ja vorher nicht weiß, wo musiziert wird. Der negative Effekt dieses Projekts:  es finden sich nicht viele Zuhörer zusammen, weil man ja vorher nicht weiß, wo musiziert wird. Auf weitere Kommentare dazu verzichte ich lieber.

Die Wiener Innenstadt ist, was die Architektur betrifft, tatsächlich so etwas wie ein Freilichtmuseum. Aber es gibt auch Menschen, die dort wohnen, ganz normale Menschen, die nicht nur in Feinschmeckerlokalen sondern auch in Kantinen essen, die ihre Kleidung sicher nicht auf dem Kohlmarkt, dem teuersten Pflaster von Wien kaufen, deren Kinder in ganz normale öffentliche Schulen gehen und nicht ins Schottengymnasium und die im Urlaub an die Adria fahren und nicht in die Toskana. Und viele dieser Menschen arbeiten in der Gastronomie, im Tourismus und in der Kulturszene und sind nun arbeitslos.

Wien ohne Touristen ist ein anderes Wien. Wien ohne Konzerte, Theater, Oper, Festspiele, Ausstellungen, offene Ateliers und viele andere Veranstaltungen ist ein anderes Wien. Wien mit geschlossenen Nachtlokalen, Clubs, Diskos ist ebenfalls ein anderes Wien. Wenn auch der Blick auf das bewohnte Freilichtmuseum ein freierer, ungestörterer ist und es für uns Einheimische ein Genuss ist, nicht permanent über Reisegruppen zu stolpern.

Es ist lästig sich ständig durch die Mengen in der Innenstadt und anderswo durchdrängen zu müssen, aber schließlich muss man nur in eine Nebengasse abbiegen und schon ist niemand mehr zu sehen. Da ist das Kopfsteinpflaster in den für heute viel zu schmalen Gassen, die alten Häuser mit den Innenhöfen und diese ganz spezielle Stimmung. Ich habe einmal in einem Interview mit einem französischen Psychiater gelesen, dass für ihn die Wiener die fröhlichsten Depressiven wären, die er kenne. Da ist schon was dran.

Langsam beginnen mir die Touristen schon fast zu fehlen. Denn es macht auch stolz in einer Stadt zuhause zu sein, die so schön ist, dass so viele Menschen sie sehen wollen. Auch das gehört zum Heimatgefühl.

Wien, 21.Juli 2020


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Der Dienstag dichtet, drei

Katha hat das Projekt ins Leben gerufen, bei ihr gibt es auch eine Teilnehmerliste

Ich definiere für mich „Gedicht“ als verdichtete Prosa und beginne – sehr vorsichtig – mich daran zu versuchen

Worte verschlingendes, formendes Wasser

Verspielte Kringel, Wellen, Punkte, Tropfen

Neue Linien verändern die Welt

und sie tanzt im Regen


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Der Dienstag dichtet

Katha hat das Projekt ins Leben gerufen, bei ihr gibt es auch eine Teilnehmerliste

Ich definiere für mich „Gedicht“ als verdichtete Prosa und beginne – sehr vorsichtig – mich daran zu versuchen

 

Keine blaue Blume, lieber mag ich die roten

Sehnsucht macht sich nicht breit, aber Freude

Liebe, ein Bestandteil des Alltags in diesem Leben

Braucht die Welt fantasiertes Geglitzer um richtig zu sein?