la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Irving – 1

„Am allerschwersten fällt es uns doch, hinzunehmen, dass das Verstreichen der Zeit die Menschen, die uns einmal am meisten bedeuteten, einhüllt in Gedankenstriche“

John Irving

„Gottes Werk und Teufels Beitrag“ p. 636

Diogenes 1990

Originalausgabe 1985

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Einstimmung in die Drei Sonnen

Cixin Liu

„Der Spiegel“

Heyne Verlag: deutschsprachige Ausgabe 2017

ISBN: 978-3-453-31912-7

Dieses Buch enthält eine Novelle, „Spiegel“, einen Kommentar zu der Kosmogonie von Cixin Liu, eine Leseprobe aus „die drei Sonnen“, die ich schon mit großem Vergnügen gelesen habe und eine Leseprobe aus „der dunkle Wald“, dem zweiten Band der Trisolaris-Trilogie, die auf Deutsch noch nicht erschienen ist.

Cixin Liu ist ein neuer Stern am Himmel der Science Fiction, von dem wohl noch viel zu erwarten ist. Der Heyne Verlag hat sogar ein statement von Barack Obama auf dem Cover

„Spiegel“ ist auch ein recht faszinierendes Produkt von Cixin Liu. Wie in „Die drei Sonnen“ tauchen wir auch hier in wissenschaftliche Theorien ein, die die Grundlage für die Handlung darstellt. Hier geht es um die Erschaffung von Welten, um die Dimension der Zeit, um Reales und Virtuelles. Die Handlung ist in aktuelles chinesisches Leben eingebettet und allein schon dadurch wäre sie interessant.


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Wieder einmal im Neandertal – anthropologische Science Fiction

Jens Lubbadeh

„Neanderthal“

Heyne München 2017

ISBN 978-3 -453-31825-0

Es sei vorausgeschickt: ich habe ihn verschlungen ! Genau mein Lieblings-Science-Fiction-Genre !

In Deutschland ist man wieder einmal mit der Normierung des Menschen beschäftigt. Diesmal geht es nicht um einen Rassen- sondern um einen Gesundheitswahn. Die genetische Medizin ist so gut geworden, dass die Veranlagungen für praktisch alle Krankheiten pränatal eliminiert werden können. Jede Art von Behinderung kann vermieden werden. Es ist eine beängstigende „schöne neue Welt“ in der sich die äußerst spannende Handlung abspielt.

Einer der Protagonisten, ein Anthropologe gehört zu den letzten „Behinderten“, er ist taub und weigert sich, dies als Behinderung zu sehen. Seine Kollegin, die auch zu den Hauptpersonen des Romans gehört, hat ebenfalls  einige außergewöhnliche körperliche Merkmale. Sowohl diese beiden Figuren als auch viele andere, sind sehr plastisch herausgearbeitet.

Niemand kann es wirklich erklären, aber die absolut gesunden, perfekten Menschen werden zu einem erschreckend hohen Prozentsatz depressiv. Hier hat der Autor einen heftigen Seitenhieb auf sein Heimatland eingebaut: in Amerika existiert der deutsche Extremgesundheitswahn nur in sehr geringem Ausmaß und es gibt daher dort auch keine Depressionsepidemie.

Im Neandertal, nach dem der homo neanderthalensis benannt wurde, werden Knochen und Schädel gefunden, die eindeutig von Vertretern dieser Menschenart stammen, aber nur wenige Jahre alt sind, was die Wissenschaft in Erstaunen versetzt, da doch der Homo Neanderthalensis vor rund 30.000 Jahren ausgestorben ist. Jahrtausendelang  lebte die Gattung in Europa bis der homo sapiens aus Afrika, dem gemeinsamen Ursprung von neanderthalensis und sapiens nach Europa kam. Was dann letztlich passiert ist, warum der Neanderthaler ausgestorben ist, der homo sapiens aber blüht und gedeiht, ist nicht bekannt. Tatsache ist aber, dass es Vermischungen zwischen diesen beiden Menschenarten gegeben hat. Wir alle haben noch „Neanderthaler-Gene“.

Ausgehend von diesen über Neanderthaler bekannten Tatsachen entwickelt der Roman sowohl eine spannende Handlung als auch interessante Theorien, aus denen ein überraschender plot entstanden ist. Die Überraschungen verrate ich natürlich nicht. Parallel zu der Haupthandlung, die einige Jahrzehnte in der Zukunft spielt, gibt es auch eine Nebenhandlung, die in sehr grauer Vorzeit, zur Zeit der Begegnung zwischen Neanderthalern und Homo Sapiens spielt.

Insgesamt ein sehr gelungener Unterhaltungsroman mit ein bisschen wissenschaftlichem background, viel Fantasie und einer humanistischen Grundhaltung.


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Buch Date im Dezember

Zunächst einmal ein lautes „Hoch lebe das Zeilenende“. Seine Empfehlungen haben mir großes Lesevergnügen bereitet.

Zuerst wusste ich gar nichts. Lars Ruppel ? Nie gehört. „Holger, die Waldfee“, aha. Vielleicht ein eremitischer Transsexueller? Dann las ich „12 Gedichte über Redensarten“ und konnte die Redensarten nicht finden. Ich bin Österreicherin. Noch nie ist mir Holger, die Waldfee untergekommen ebenso wenig wie Schmidts Katze. Obwohl, meine Nachbarin heißt Schmidt und hat eine Katze, die kann ja aber nicht gemeint sein … oder doch ?

Ich zog also den Think-tank meiner versammelten Kollegenschaft zu Rate. Holger, die Waldfee ? Äh …..  Niemand ! Außer die allwissende Gerlinde, die hat nämlich eine Freundin aus dem deutschen Norden, die im Freundeskreis „Holla, die Waldfee“ genannt wird, weil sie diesen Ausdruck der Überraschung ständig verwendet . Aha !!! die erste Redensart wurde identifiziert.  Schmidts Katze, Herrn Gesangsverein und Heide Witzka allerdings kannte leider gar niemand.

Trotzdem bin ich von den Texten absolut begeistert. Zum Beispiel „Schmidts Katze“. Es geht darum, dass die Miezekatzen den Aufstand proben und die Weltherrschaft übernehmen wollen.

„Dort sitzen die Miezen, von Mondlicht beschienen,

im täglichen Plenum der Katzen der Stadt,

wo seit ihrem Wahlsieg im letzten September

den Vorsitz die Katze der Schmidts innehat“

Die Lage der Menschheit wird immer schlimmer:

Doch irgendwann wurde der Widerstand stärker:

Die Hunde versuchten als Erste ihr Glück.

Vom nächtlichen Sturm auf den Spielplatz im Stadtpark,

da kehrte nur einer von ihnen zurück;

Im Maul eine Nachricht, mit Whiskas geschrieben,

höchstselbst von der Katze der Schmidts formuliert

„Der Mensch soll sein klägliches Leben behalten,

sofern er den folgenden Deal akzeptiert.“

Als letzte Hoffnung der Menschheit, wird die größte aller möglichen Unterhändlerinnen in den Ring geschickt:

„Drum schickten die mächtigsten Menschen der Menschen

den mächtigsten Menschen als Repräsentant

zum letzten Duell in der Mitte des Stadtparks

beim Kinderspielplatz auf dem Sandkistensand.

Um Mitternacht stand auf vier Pfoten Schmidts Katze

vor Angela Merkel in Kampfposition

Auf Angies „Wir sollten hier differenzieren“

da schnurrte Schmidts Katze und lächelte nur.“

Und so geht es dahin von Klamauk bis besinnlich. Ich habe streckenweise Tränen gelacht und dabei nebenbei erfahren, dass der „liebe Herr Gesangsverein“ ein Verwandter von „Ach die lieber Schwan ist“ und dass Heide Witzka von einem Karnevalslied abstammt….

Vielen, vielen Dank an das Zeilenende. Das ist ein Text auf den ich von selbst nie gekommen wäre und der mir doch ausnehmend gut gefallen hat.

Nach dem großen Erfolg der ersten Empfehlung bin ich in die Buchhandlung geeilt um mir das zweite empfohlene Buch zu besorgen.

Auch dieses Buch, liebes Zeilenende, gefällt mir sehr, zwar bin ich noch nicht über die ersten 30 Seiten hinausgekommen, aber die haben mich schon sehr amüsiert …….

Beim nächsten Buch-Date bin ich unbedingt wieder dabei. Alle Rezensionen zu diesem Buchdate gibt es hier 


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Die türkische Männergruppe

Sonja Hartwig

„Kazim, wie schaffen wir das „

Deutsche Verlagsanstalt, München: 2017

ISBN:978 – 3 . 421-04765-6

Schon die Widmung hat mir gefallen:

Für unsere Väter

Battal und Friedhelm

„Leben wie ein Baum

einzeln und frei

und brüderlich wie ein Wald

das ist unsere Sehnsucht“

Nazim Hikmet, Davet

 

„Es kann die Ehre dieser Welt

dir keine Ehre geben.

Was dich in Wahrheit hebt und hält

muss in dir selber leben“

Theodor Fontane

Die Journalistin Sonja Hartwig hat dieses Buch geschrieben nachdem Sie Kazim Erdogan jahrelang begleitet hat. Erdogan (ich denke mir jedesmal wie unglaublich häufig dieser Name in der Türkei vorkommen muss) ist zum Studieren aus einem anatolischen Dorf nach Deutschland ausgewandert, ist Psychologe geworden, hat in allen möglichen Bereichen gearbeitet, auch als Lehrer und als Sozialarbeiter. Eines seiner bemerkenswertesten Projekte ist aber die Gründung einer Männer-Selbsthilfe-Gruppe für türkischstämmige Männer. Einmal in der Woche treffen sie sich und reden über alle möglichen Dinge, auch über ihre Probleme bei der Arbeit, in der Familie, bei der Kindererziehung.

„Männer sitzen um einen Tisch, die türkischen Paschas, die sogenannten.(…)Wer hätte das gedacht sagt Kazim. Immer wurde doch nur über sie geredet, nicht mit ihnen.

Männer im Anzug, Männer im Blaumann, Männer im Hoodie. Männer, die geschlagen wurden als Söhne, Männer, die schlagen als Väter; Männer, die ihre Frau verloren und ihre Ehre; Männer, die in dieses Land kamen, um eine Braut zu finden, und nun Frau und Schwiegereltern haben, aber keine Arbeit , kein Ansehen. „p. 9

Eines von Kazims Lieblingsthemen ist das „Ankommen“ im Einwanderungsland. Er spricht mit den Menschen aber auch über ihre Gefühle, ihre Probleme, ihre Ehre und immer wieder über ihre Frauen und Kinder und über Gewalt.

„Kazim sah (…) wie Männer, die Gewalt schöngeredet hatten, Gewalt abschworen, wie sie sich selbst halfen, wie sie, die nie gelernt hatten, über Probleme zu reden, sagten „Das war mein Fehler“. Wie sie selbstbewusster wurden, dadurch, dass sie zusammen etwas schufen, dass Medien schrieben: Sind nicht nur Machos. Dadurch, dass sie sich T-Shirts anzogen, mit Schnurrbart und Engelsflügeln drauf, und sagten: Wir Männer sind gegen Gewalt. Kazim sah, was es mit ihnen machte, dass sie nicht Ablehnung spürten, sondern etwas, das sie nicht kannten: Anerkennung.“ p. 100

Kazim Erdogans Erfolgsrezept ist einfach: er spricht mit den Menschen auf Augenhöhe.

Eine Menge Einblicke in eine fremde Welt hatte ich durch dieses Buch und eine Menge Stoff zum Nachdenken. Sehr empfehlenswert !

Mit herzlichem Dank an den Verlag für die Überlassung des Freiexemplars


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Er wird zu einem Lieblingsautor

Schon das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, hat mir sehr gut gefallen. Humorvoller und tiefgründiger Blick auf ein Thema, das nicht gerade in aller Munde ist, aber für viele durchaus relevant. Klick .

Auch das zweite Buch , das ich gelesen habe, ist mir zufällig über den Weg gelaufen:

„Gewidmet meinem Vater, der sich schließlich doch damit anfreunden konnte, dass ich nichts Rechtes gelernt habe“

Schon diese Widmung hat mir gefallen, weil sie doch vieles an Vater-Sohn-Beziehung darstellt. Das Buch ist in einer altertümmelnden Sprache geschrieben:

Das erste Capitel

Worin der König heiter der Ankunft eines neuen Riesen entgegenblicket.

Friedrich Wilhelm der Erste, siebenundzwanzig Jahre alt, König in Preußen und Markgraf von Brandenburg, Erzkämmerer und Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches, saß im Potsdamer Stadtschlosse in seinem Bette und freute sich. p. 7

Es geht um die „langen Kerle“ des Friedrich Wilhelm, die überdurchschnittlich großgewachsenen Männer,die er in eigentlich verbrecherischer Art und Weise in großen Teilen Europas einfach entführen ließ und in seine Armee eingliederte.  Einem König war damals alles erlaubt und wenn es auch nicht erlaubt war, so wurde es doch geduldet.

Auch dieses Buch ist humorvoll geschrieben und behandelt doch absolut skandalöse, menschenverachtende  Zustände. Gerade diese Kunst schwerwiegende Dinge leicht zu schreiben schätze ich sehr und Thomas Meyer beherrscht sie. Wäre schon schade gewesen, wenn er seinem Vater gefolgt und „etwas Rechtes“ gelernt und ausgeübt hätte.

Thomas Meyer ist auch ein meisterhafter Gestalter von Figuren. Mehrere dieser „Riesen“ werden skizzenhaft aber doch lebendig herausgearbeitet. Die Figur des Friedrich Wilhelm, eines charakterlich grobschlächtigen, kindisch-gnadenlosen Tyrannen wirkt streckenweise fast sympathisch. Es gibt auch noch andere interessante und differenziert dargestellte Figuren: den Geheimsecretair Creutz, bei dem irgendwann der letzte Tropfen des königlichen Verhaltens das Fass zum Überlaufen bringt, der skrupellose Menschenhändler Schmidt, der „wissenschaftliche Berater“ Freiherr Jacob Paul von Grundling, der für ausreichende Mengen Alkohol jede Demütigung hinnimmt.

Ich freue mich auf weitere Bücher dieses sehr vielseitigen Autors.


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11. Station der literarischen Weltreise – Who the fuck is Kafka ?

Endlich habe ich es geschafft wieder eine Literaturreise-Etappe abzuschließen. Es war eine ganz besonders interessante Gratwanderung durch Jerusalem und Tel Aviv.

Ein außerordentlich empfehlenswertes Buch. Es geht nicht um große politische Linien, nicht darum wer Recht oder Unrecht hat. Die wahrhaftig tragischen Konflikte sind ja bekanntlich jene, bei denen beide oder alle Seiten von ihrem Standpunkt aus Recht haben. Es geht um die ganz persönlichen, alltäglichen Befindlichkeiten zweier Menschen, eines Palästinensers und einer Israelin, beide Friedensaktivisten. Es ist keine Liebesgeschichte, es ist die Geschichte einer Begegnung, die nur außerhalb von Israel einigermaßen entspannt sein kann. Der Alltag der beiden ist schwierig und immer sind an den Schwierigkeiten die jeweils anderen beteiligt.

Wahre Lebenskunst besteht auch darin in schwierigsten Lebenssituationen Heiteres sehen zu können. Das beherrscht Lizzie Doron. Obwohl hier ein praktisch auswegloser, hoffnungslos verfahrener Konflikt beschrieben wird, gibt es doch immer wieder Gelegenheit zu schmunzeln.

Ungewöhnlich an dem Buch ist, dass es weder um Erklärungen noch um Rechtfertigungen geht, es wird einfach beschrieben wie eine Israelin im heutigen Tel Aviv und ein Palästinenser mit israelischem Pass im heutigen Jerusalem lebt. Die Frau des Palästinensers lebt auch in Jerusalem aber ohne israelischen Pass und könnte daher falls sie ihre Familie in Gaza besuchte nicht mehr zurück nach Jerusalem zu Mann und Kindern.

Trotz durchaus auch kritischer Anmerkungen zu beiden Seiten gelingt es der Autorin sehr gut Verständnis zu wecken. Auch Verständnis für die israelische Seite, die davon international ja nicht allzuviel abbekommt. Sie schildert ihr Leben als Tochter einer schwer traumatisierten KZ-Überlebenden, die ihrer Tochter – in bester Absicht – beigebracht und vorgelebt hat, nichts und niemandem zu trauen und nicht zuviel zu reden in einem winzigen Land, das von allen Seiten von mehr oder weniger feindlichen Ländern umgeben ist, in ihrem Alltag in dem sehr häufige Gedenktage an ermordete Angehörige vorkommen und die allgegenwärtige Angst vor Anschlägen. Dabei betont aber die Autorin mehrmals, dass es ihr schon klar sei, dass es den Palästinensern noch schlechter gehe.

Ein Buch, das keine Friedenswölkchen am Horizont ausmachen kann, das aber sehr viele Einblicke ermöglicht.