la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Kim Stanley Robinson – Spärenklänge

„Aurora“, ebenfalls von Kim Stanley Robinson habe ich mit großer Begeisterung gelesen. Ja, es hatte Längen, ja, es wird mit großer Detailverliebtheit beschrieben und ja, der Spannungsbogen bricht immer wieder zusammen, trotzdem ein Buch, das mir sehr gefallen hat, weil es da um ökologische Systeme und um Humanbiologie ging; Themen, die mich nicht nur interessieren sondern von denen ich auch einiges verstehe.

Um „Sphärenklänge“ so richtig genießen zu können, muss man aber in Musiktheorie, Mathematik und Physik bewandert sein. Leider ist das bei mir nicht der Fall. Ich bewundere übrigens den Autor, der offenbar in zahlreichsten wissenschaftlichen Disziplinen zuhause ist, zumindest ausreichend um überzeugende plots mit einem gewissen naturwissenschaftlichen Anspruch schreiben zu können.

Robinson hat auch „Sphärenklänge“ in einer weiten Zukunft angesiedelt, in der das gesamte Sonnensystem inklusive Monde diverser Planeten und kleine Gesteinsbrocken von Menschen besiedelt sind.

Das Holywelkinsche Orchester, eine gewaltige Konstruktion von Instrumenten, die es einer einzigen Person ermöglichen sämtliche Instrumente eines Orchesters von einer zentralen Stelle aus zu spielen, geht auf Tournee durch das Sonnensystem. Der Meister des Orchesters wird von einer Truppe von Spezialisten, Journalisten und Sicherheitsleuten begleitet. Im Zuge der Tournee findet der Meister des Orchesters aufgrund von Hinweisen eine Art Tagebuch von Holywelkin, der ein genialer Physiker, Mathematiker und Mystiker war, der – wie sich herausstellt – von einem Geheimbund verehrt wird. Dieser Geheimbund scheint die tieferen Geheimnisse des Lebens mithilfe Holywelkinscher Formeln ergründet zu haben.

Ich habe das Buch gerne gelesen, weil mir die Sprache gefällt und ich auch den plot interessant fand (soweit ich ihm folgen konnte) habe aber sehr lange dazu gebraucht. Gegen Ende wird es immer mysteriöser und zuletzt läßt der Autor alles kippen. Insgesamt ein recht anspruchsvolles Buch.

Ich danke dem Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars  


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AURORA

Dass ich sehr gerne science-fiction lese, habe ich an anderer Stelle ja schon gestanden. Vor allem science-fiction, in der es tatsächlich um „Wissenschaftsfiktion“ geht und das ist bei Kim Stanley Robinson eindeutig der Fall.

Wer gerne martialisch-aggressives liest, ist bei diesem Autor falsch. Es geht hier im Überlegungen dazu, wie sich wissenschaftlicher Fortschritt auf Menschen und ihre Gesellschaftsformen auswirken könnte. Es geht auch immer um zwischenmenschliche Beziehungen.

Die „Aurora“, das Raumschiff, auf dem der größte Teil der Handlung spielt, ist ein Generationenschiff. Science-Fiction-Leser wissen natürlich, was ein Generationenschiff ist. Noch-nicht-science-fiction-Leser wissen es vielleicht noch nicht. Es handelt sich um ein Raumschiff, in dem eine große Gruppe Menschen unterwegs ist, um neue Sonnensysteme zu erforschen und zu besiedeln. Wegen der großen Entfernungen kommen am Ziel nicht jene Menschen an, die von der Erde abgereist sind, sondern ihre Nachkommen.

Das hier beschriebene Raumschiff ist in ein Dutzend Biotope unterteilt mit verschiedenem Klima, verschiedener Flora und Fauna. Ziemlich ausführlich werden hier Probleme beschrieben, die dadurch entstehen, dass das Leben auf dem Schiff in einem geschlossenen Kreislauf stattfindet. Das heißt, dass alles , was an „Substanz“vorhanden ist immer wieder recycelt werden muss, jahrhundertelang. Dabei werden die einen und anderen Elemente immer weniger und dadurch entstehen bei Mensch und Tier Mangelerscheinungen verschiedenster Art. Ich gebe zu, dass man ein gewisses Interesse an biologischen Kreisläufen haben muss, wenn man diesen Aspekt des Buches genießen will.

Ganz originell finde ich, dass die Geschichte zum größten Teil vom Quantencomputer der Aurora erzählt wird, dem von seiner „Gesprächspartnerin“ der Auftrag erteilt wurde, die Geschichte des Schiffs literarisch zu bearbeiten. Es gibt der Geschichte eine humoristische Note, dass der Computer immer wieder von der literarischen Bearbeitung abweicht, Fakten und Zahlen bekannt gibt und sich dann selbst wieder auffordert, mehr zusammenzufassen und nicht so sehr ins Detail zu gehen. Nebenbei: ich weiß natürlich auch nicht, was ein Quantencomputer ist.

Auch die gesellschaftliche und politische Struktur, die diese Gruppe Menschen aufgebaut hat, ist ziemlich ungewöhnlich und nicht rasend erfolgreich. Sie geht übrigens auf die Ergebnisse einer Revolte zurück, die amüsanterweise im Jahre 68 der Reise stattgefunden hat.

Ich möchte nicht erzählen, was bei der Ankunft der Aurora an ihrem Ziel passiert. Wichtig finde ich es nur noch zu erwähnen, wie eindringlich und berührend am Ende der Geschichte die Verbindung des Menschen mit seinem Ursprung, der Erde, beschrieben wird. Man kann die Geschichte auch als sehr gelungene Öko-Saga betrachten.

Leider ist es mir noch nicht gelungen, die Mars-Trilogie desselben Autors aufzutreiben, aber ich arbeite daran.

Mit herzlichem Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar ! 

 

 


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Die fabelhafte Welt der Hochsensiblen und Hochbegabten

Ein Buch, das ganz anders ist, als ich mir erwartet hatte und das mir dennoch sehr gut gefallen hat.

Erwartet hatte ich mir ein populärwissenschaftliches Werk mit allgemeinen Betrachtungen zum Thema, abgerundet mit Berichten über diverse Studien und gepolstert mit diversen Statistiken.

Das aber, so schreibt die Autorin gleich auf den ersten Seiten , ist es keineswegs.

Denn dieses Buch ist explizit kein wissenschaftliches (…)Dieses Buch hat eine andere Herangehensweise – nämlich die über Bilder. Bilder und Geschichten sprechen uns in ganz anderer Weise an und geben uns die Möglichkeit, auf einer tieferen Ebene Dinge zu entdecken, (wieder ) zu erkennen und zu verstehen. p14

Es beginnt mit der Geschichte des häßlichen kleinen Entleins, das eigentlich ein Schwan ist, führt über Himmel und Hölle der Hundenase und die Prinzessin auf der Erbse bis zu Pippi Langstrumpf.

Es werden typische Verhaltensweise von Hochsensiblen und Hochbegabten besprochen. Die Kapitelüberschriften machen neugierig. „Niemand ist eine Insel – ich schon“, „Der Pinguin ist so perfekt wie die Giraffe“

Mich hat zum Beispiel das Thema Reizüberflutung und Hochsensibilität ziemlich interessiert. Ich fand es informativ, abgerundet, mit vielen Beispielen versehen. Es gibt zu allen Teilbereichen Erklärungen und Beispiele. Die Autorin schreibt einen angenehmen, leicht zu lesenden Stil. Hin und wieder kam meine Erwartungshaltung hoch, dass ich von einem solchen Buch erwarte, dass es von qualifizierten Psychologen geschrieben ist, aber diese Erwartungshaltung verflog dann immer wieder, weil sich das Buch eben so flüssig liest und weil mir die Schilderung von sehr vielen Stellungnahmen von Betroffenen sehr einleuchtend und streckenweise bekannt vorkam.

Einfach ein Beispiel:

Dazu kommt, dass sie von Kind an häufig verlernt haben, ihrer Intuition zu trauen. Damals stempelte man ihre Wahrnehmung als Einbildung und Spinnerei, als eine zu ausgeprägte Fantasie. So bestand häufig der einzige Ausweg darin, ihr sicheres Körpergefühl „abzustellen“, da die Erwachsenen so eine ganz andere Wahrnehmung hatten. Den Eltern , den Erwachsenen zu vertrauen ist  für das Kind überlebensnotwendig. Gib Tante Luise die Hand, Tante Luise lächelt doch so lieb. Sie haben als Kind ganz klar gespürt, dass Tante Luises Lächeln falsch war, dass sie gar keine Kinder mag. Sie haben es gespürt, sie wussten es einfach. Aber weil die Eltern immer Recht haben, verlernt das Kind seiner eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und ersetzt sie durch die Einschätzung der Eltern. (…) Was ich fühle ist falsch. Ich bin falsch so wie ich bin. p. 53

Das einzige, was mir an dem Buch wirklich nicht gefallen hat, ist eine der mehreren verwendeten Schriften. Dass überhaupt mehrere Schriften verwendet werden, finde ich weder gut noch schlecht, aber eine der verwendeten Schriften ist so blass, dass ich sie nur schwer entziffern konnte.

Insgesamt ein sehr angenehmes, interessantes Leseerlebnis, bei dem ich eine Menge gelernt habe.

Meinen herzlichen Dank an den Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars.

 


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Die Würde ist antastbar

Ich habe dieses Buch gelesen, weil mich einerseits der Autor angesprochen hat. Ich kenne Ferdinand von Schirach als Autor des Theaterstück/Films/Fernsehfilms „Terror“, wo mittels einer fiktiven Geschichte die Frage aufgeworfen wird, ob es moralisch vertretbar ist, das Leben einiger für das Leben einer viel größeren Anzahl von Menschen zu opfern. Eine Frage, die ich höchst interessant finde, weil sie meiner Ansicht nach nicht entschieden werden kann. Eine ethische Frage, die deutlich zeigt, wie sehr Theorie und Praxis auseinanderklaffen, wie sehr der individuelle Standpunkt von Bedeutung ist.

Auch der Titel dieser Sammlung von Essays hat mich angesprochen. Schirach denkt über eine große Anzahl an Themen nach. Er stellt dabei viele Fragen, von denen sich mehr als eine als unlösbar erweist. Der erste Essay zum Beispiel mit dem Titel „Verstehen Sie das alles noch ? Fragen an die Wirklichkeit“ besteht ausschließlich aus Fragen. So verschiedenartigen wie „Beunruhigt Sie der Begriff „effiziente europäische Bankenaufsicht“ ? “ oder „Schreibt Frau Merkel ihrem Mann manchmal eine SMS, dass noch Milch eingekauft werden müsse ? “ oder „Können wir jemanden für das alles, wie es so schön heißt, zur Verantwortung ziehen ?

Außerdem hat mich interessiert, ob Schirach irgendetwas über seinen Großvater, Baldur von Schirach, schrieb, der ab 1940 „Gauleiter“ und „Reichsstatthalter“ in Wien war. Tatsächlich tut er das in dem Essay „Du bist, wer du bist“. Schirach erzählt, dass er seinen Großvater nicht wirklich gut kannte, weil er zu klein war, als dieser kurze Zeit bei seiner Familie wohnte. Trotzdem finde ich, dass die kleine Anekdote, die er erzählt, ein sehr helles Licht auf diesen Mann wirft.

„Wir spielten jeden Tag Mühle, er gewann immer mit dem gleichen Trick. Irgendwann dachte ich solange darüber nach, bis ich verstand, wie er das machte. Danach spielte er nicht mehr mit mir. Ich war damals fünf, sechs Jahre alt.“ p 39

Bekannt ist auch dieser Satz aus einer Rede, die er 1942 hielt:  „Wenn man mir den Vorwurf machen wollte, dass ich aus dieser Stadt Aberzehntausende ins östliche Ghetto abgeschoben habe, muss ich antworten: Ich sehe darin einen aktiven Beitrag zur europäischen Kultur.“

Schirach fragt sich und kann nicht verstehen, warum sein Großvater zu dem geworden ist, was er ist. Er stammt aus einer wohlhabenden , gebildeten Familie, hatte jede Möglichkeit im Leben …..

„Die Schuld meines Großvaters ist die Schuld meines Großvaters. Der Bundesgerichtshof sagt, Schuld sei das, was einem Menschen persönlich vorgeworfen werden könne. Es gibt keine Sippenhaft, keine Erbschuld, und jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene Biografie. In meinem Buch schreibe ich nicht über ihn und seine Generation. Ich weiß nichts von diesen Männern, was nicht schon tausendmal gesagt und erforscht wurde. Unsere Welt heute interessiert mich mehr. Ich schreibe über die Nachkriegsjustiz, über die Gerichte in der Bundesrepublik, die grausam urteilten, über die Richter, die für jeden Mord eines NS-Täters nur fünf Minuten Freiheitsstrafe verhängten. Es ist ein Buch über die Verbrechen in unserem Staat, über Rache, Schuld und die Dinge, an denen wir heute noch scheitern. Wir glauben wir seien sicher, aber das Gegenteil ist der Fall: wir können unsere Freiheit wieder verlieren. Und damit verlören wir alles. Es ist jetzt unser Leben und es ist unsere Verantwortung.

Ganz am Ende des Buches fragt die Enkelin des Nazis den jungen Strafverteidiger : „Bin ich das alles auch ?“Er sagt: „Du bist, wer du bist.“ Das ist meine einzige Antwort auf die Fragen nach meinem Großvater. Ich habe lange für sie gebraucht.“ p. 46

Ein unter die Haut gehender Autor.

Ich danke dem Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars


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Die Arabesken des IS

Die Sprache des Terrors

Spannendes Thema, neuer, spannender Ansatz. Philippe-Joseph Salazar wurde in Casablanca geboren und verbrachte dort auch seine Kindheit. Man kann wohl sagen, dass er in der arabischen Welt zuhause ist. Obendrein ist er ein Schüler von Roland Barthes, einem bekannten Linguisten und Semiotiker. Betrachtet  man diese beiden biographischen Daten, so erstaunt der linguistische Ansatz zum Verstehen des IS nicht.

Salazar beschäftigt sich hauptsächlich mit der Rhetorik des IS. Dazu geht er zunächst zurück zur französischen Revolution:

Wer wäre heute noch bereit, derartige Sätze überzeugend auszusprechen oder gar in die Tat umzusetzen: Saint Justs „Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit“ Robespierres „Wer den Himmel anruft, will die Erde an sich reißen“ oder Marats“Die Freiheit muss mit Gewalt errungen werden“ Heute will das niemand mehr. Nur noch das Kalifat. (p14)

Er beschreibt die blumigen Arabesken des politischen Diskurses des IS

Gegen diesen Stil sind wir machtlos: Unsere politische Sprache ist vergleichsweise steril, rhetorisch banal und ohne jede Poesie. (p17)

Äußerst erhellend ist auch der Vergleich zwischen westlicher und islamischer Rechtstradition. Wo die westliche Rechtssprechung auf Rechtsnormen beruht (diese und jene Handlungen sind aufgrund von diesen und jenen Gesetzen verboten), arbeitet die islamische Rechtssprechung mit Analogien, die auf Interpretationen des Korans oder der Prophetengeschichten beruhen.

Weiters beschäftigt sich Salazar mit der Person des Kalifen, mit der Art wie er an die Macht kommen kann und mit dem Blick des Kalifats auf „sein“ Territorium

Das Recht auf Besitz und Eroberung, welches das Kalifat für sich in Anspruch nimmt, ist nicht extraterritorial, vielmehr ist es eine Wiedereroberung also eine Bestätigung, dass ihm jegliches Territorium bereits gehört. (p. 41)

Das territoriale Argument des Terrors lautet also wie folgt: weil Frankreich bereits dem Kalifat gehört, zur Zeit aber von den Ungläubigen besetzt gehalten wird, muss man diese Ungläubigen terrorisieren (p 42)

Auf der grundlegenden Unterscheidung zwischen „langue“ (Sprache) und „parole“(Rede) baut Salazar seine Betrachtungen der Propaganda auf, mit der der IS Jugendliche potentielle Dschihadisten überzieht. Er analysiert eine Reihe von IS-Videos sowie Videos der Gegenpropaganda des Westens.

„Um es anders zu sagen: In der E-Technik Internet verlegt sich das Kalifat auf Qualität, wir hingegen legen Wert auf Quantität. Das Kalifat setzt auf Heroismus, wir setzen auf Prävention. Es setzt auf das Ideal, wir setzen auf den Durchschnitt. Es setzt auf Transzendenz, wir setzen auf die Mittelschicht“ (p. 76)

Äußerst interessant finde ich auch die Gegenüberstellung des Dialogs (ein großer Wert im Westen) und des Appells, einer im Kalifat geschätzten Art der Rhetorik (p 84 ff)

Über die Ausführungen Salazars zum Feminismus im Kalifat konnte ich mich nur wundern, ebenso wie über seine ausführlichen Beschreibungen der Attribute der Männlichkeit der Krieger des Kalifats.

„Das Kalifat macht den Krieg wieder zu einer Sache der Männlichkeit“ (p117)

Ein weiterer Aspekt, den Salazar aufzeigt, ist der Unterschied zwischen der ideologischen Richtung des Islam des Kalifats und jener des Iran, eines Landes mit einer indo-europäischen Kultur, die die schiitische Version des Islam praktiziert

„Schauen wir uns den iranischen Islam an: Hat man jemals gesehen, wie ein Soldat der islamischen iranischen Revolution eine moralische Ansprache hielt und einem Opfer die Kehle durchschnitt, trotz aller Kriege und Schlachten, die seit der Entthronung des Schahs und der Erneuerung der schiitischen Herrschaft stattgefunden haben ? Nein, denn das ist nicht seine Aufgabe.“ (p 124)

„Im Iran, einer indoeuropäischen Kultur regiert der Klerus, schützen die Revolutionsgarden und arbeiten die Menschen, das ist das von Platon in der Republik beschriebene trifunktionale Modell (p.125) In der anthropologischen Sphäre, der die semitische und die arabisch-muslimische Welt, mit Ausnahme des Irans, entstammen, gibt es jedoch keine derartige funktionale Teilung. Ein arabisch-islamischer Soldat kann als Opferpriester handeln und seine Handlung während einer Liturgie des Menschenopfers auch als solche bezeichnen“ (p125)

Auch mit der Psychologie der ins Kalifat einwandernden jungen Menschen beschäftigt sich Salazar:

„Plötzlich – oder endlich- entdeckt man, dass Dschihadisten nicht zwingend dumm, minderbegabt, marginalisiert, gescheitert und ausgegrenzt sind, sondern in nicht wenigen Fällen Diplome vorweisen können, Söhne aus gutem Hause oder folgsame und fleißige Mädchen sind, die ihre Entscheidung häufig wortgewandt auszudrücken und zu beschreiben in der Lage sind (p. 142)

Salazar thematisiert noch die westliche und die dschihadistische Diskursgemeinschaft und erläutert seine Ansicht, wie der Krieg gegen den IS in einen bewaffneten Frieden umgewandelt werden könnte.

Keine einfache Lektüre, aber insgesamt ein hochinteressantes Buch mit ausführlicher, weiterführender Bibliographie zum Thema. Nicht besonders gut ist die Übersetzung. An vielen Stellen fand ich die Terminologie nicht so gut gewählt bzw verstand ich sie nur durch „Rückübersetzung“ ins Französische.

Philippe-Joseph Salazar

„Die Sprache des Terrors“

Pantheon Verlag: 2016

ISBN: 978 – 3-570- 55343 – 5

Vielen Dank an den Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars


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Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie

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Ernst Peter Fischer hat sich ein sehr ehrgeiziges Ziel gesteckt: eine Geschichte der Naturwissenschaften mit einem Sahnehäubchen aus Philosophen und Schriftstellern, komprimiert auf 50 Kurzartikel über 50 Personen auf 303 Seiten. Für ein so schwieriges Unterfangen ist das Buch sehr gut gelungen. Es ist auch in einer angenehmen, leicht lesbaren Sprache geschrieben, die den Zugang zu schwierigen Themen durchaus erleichtert.

Eine große Herausforderung für so ein Projekt ist wohl das Definieren der Zielgruppe. Soll man für Leser und Leserinnen schreiben, die sich in Physik gut auskennen? Für Menschen, die gut in Informatik sind, oder für die Expertinnen und Experten in Chemie und Medizin? Die ideale Zielgruppe wären allrounder, die in allen Naturwissenschaften beschlagen sind, aber davon gibt es wohl nicht allzu viele.

Ernst Peter Fischer hat diese Herausforderung gut bewältigt. Die verschiedenen Kapitel sind recht unterschiedlich gestaltet. Es gibt welche, in denen es nur um eine oder mehrere Beiträge zur Wissenschaft der beschriebenen Person geht. Es gibt auch Beiträge, die den Fokus auf biografische Daten oder anekdotische Details aus dem Leben der Wissenschafter legen. Da wo es ganz schwierig geworden wäre, zum Beispiel im Kapitel über Heisenberg, erspart sich der Autor den Gang über dünnes Eis. Er erwähnt nur, dass Heisenberg sich mit der Quantenmechanik beschäftigt hat, ohne sich auf Erklärungen einzulassen

Sehr geschickt gemacht, finde ich auch, wie noch andere Facetten der beschriebenen Wissenschafter und Wissenschafterinnen  erwähnt werden. Zum Beispiel erfahren wir, dass der große Physiker Niels Bohr eine Leidenschaft für Sprache hatte oder dass Georg Christoph Lichtenberg, der als der erste große Aphoristiker Deutschlands bekannt ist eigentlich Mathematiker und Physiker war. Es ist also für jede/n etwas dabei.

Der Satz „Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie“ stammt wahrscheinlich von Einstein und wird in dem Buch als Einleitung zum Einstein-Kapitel angeführt. Auch alle anderen Kapitel werden mit einem Zitat eingeleitet. Das Einstein-Zitat eignet sich einfach besonders als klingender Titel. Die Idee, die in diesem Zitat angesprochen wird, die Verbindung zwischen Wissen und Phantasie, wird aber weder im Einstein-Kapitel noch sonstwo thematisiert.

Abgerundet werden die 5o Kurz-Kapitel durch eine nochmalige Liste der 50 Personen, von denen die Rede ist und es wird auch das jeweilige Zitat nochmals angeführt. Das gesamte Layout des Buchs hat mir nicht so gut gefallen. Es ist einerseits sehr klein gedruckt und hat aber andererseits viele leere Seiten. Lieber wäre mir gewesen, es hätte einen etwas größeren Druck und weniger weiße Seiten.

Abschließend möchte ich noch mein Lieblingszitat aus diesem Buch erwähnen. Es stammt von James D. Watson, einem der beiden Entdecker der Doppelhelix-Struktur der DNS und ist wohl ein kleiner Hinweis darauf, dass niemand, auch nicht die Spitzen der Wissenschaft jemals so weit kommen, dass sie nicht noch etwas dazulernen könnten und sollten.

„If you are the smartest person in a room, you are in the wrong room“

(Wenn du der klügste Mensch in einem Raum bist, dann bist du im falschen Raum)

Ernst Peter Fischer
»Noch wichtiger als das Wissen ist die Phantasie«
Die 50 besten Erkenntnisse der Wissenschaft von Galilei bis Einstein

Penguin: 2016
ISBN: 978-3-328-11111-5
Ich bedanke mich beim Verlag für das Rezensionsexemplar.