la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit


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Wien 1919 – Der zweite Reiter

 Alex Beer

„Der zweite Reiter“

Verlag Limes 2017

ISBN: 978-3-641-19292-1

 

Wien 1919, der erste Weltkrieg ist vorbei:

„Der Kaiser war ins Exil gegangen, die Kronländer hatten sich abgespalten, und Österreich war nur noch ein klägliches Überbleibsel, das kaum lebensfähig war. Genau wie seine Einwohner.Es mangelte an allem. An Lebensmitteln, an Kohle, an Seife, an Kleidung. Die Menschen hungerten, froren und stanken. Sie prügelten sich um faules Pferdefleisch oder schimmlige Kartoffeln und teilten sich mit Flöhen ihre Betten. Es gab keine Arbeit und keine Medikamente, dafür umso mehr Verbrechen und Krankheiten.“ p. 9

Trostlose Zeiten. Es gibt Schwarzhandel, Auswanderungsvereine, massive Obdachlosigkeit. Zu dieser Zeit spielt die auch durchaus interessante Krimihandlung. Der Kommissar ist eine sehr gut gezeichnete Figur, ein Überlebender des Kriegs mit einer verletzungsbedingten Gehbehinderung, der selbst unter recht prekären Verhältnissen lebt, sein Assistent, Spross einer reichen Adelsfamilie. Das Wien in dem sie ermitteln ist ein ziemlich grausiger Ort, der aber durchaus bekannte Orte zeigt.

Natürlich ist der Autor kein Zeitzeuge, aber das Ambiente in Wien kurz nach dem 1. Weltkrieg scheint mir gut getroffen zu sein. Wenn man dann bedenkt, was noch nachkommen wird, können einem die Romanfiguren fast leid tun.

Auch ein interessanter Aspekt: Heroin war damals ein völlig legales Schmerzmittel, dessen Suchtpotential entweder nicht bekannt war, oder totgeschwiegen wurde.

„Heroin wurde überall als Wundermittel gepriesen. Es fand sich sogar im Hustensaft für Kinder.Er sollte dankbar sein, statt skeptisch und den versöhnlichen Blick genießen, den ihm das Medikament auf die Welt gewährte.

Wie zur Bestätigung tauchte vor ihm eine Litfaßsäule auf – Ein Spiegel ihrer Zeit. Waren bis vor kurzem Einberufungsbefehle, Kriegsdepeschen und Gefallenenlisten darauf plakatiert, so wandten sich die Ankündigungen mittlerweile wieder positiven Dingen zu –  Wohltätigkeitsabende wurden angekündigt, Theaterstücke angepriesen und neue Produkte feilgeboten. Vielleicht war Winters unerschütterlicher Optimismus doch nicht so fehl am Platz.“

Einzig die Sprache hat mich nicht restlos überzeugt. Der Autor schwankt zwischen Wiedergabe von wienerischer Mundart und Kompromissvokabular für den deutschen Leser. Aber das ist auch ein schwieriger Punkt, an dem sich viele Autoren die Zähne ausbeißen.

Insgesamt keine erheiternde Lektüre, aber eine gut gebaute Krimihandlung mit überraschendem Ende und ein realistisch beschriebener Hintergrund. Sehr empfehlenswert.

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Einstimmung in die Drei Sonnen

Cixin Liu

„Der Spiegel“

Heyne Verlag: deutschsprachige Ausgabe 2017

ISBN: 978-3-453-31912-7

Dieses Buch enthält eine Novelle, „Spiegel“, einen Kommentar zu der Kosmogonie von Cixin Liu, eine Leseprobe aus „die drei Sonnen“, die ich schon mit großem Vergnügen gelesen habe und eine Leseprobe aus „der dunkle Wald“, dem zweiten Band der Trisolaris-Trilogie, die auf Deutsch noch nicht erschienen ist.

Cixin Liu ist ein neuer Stern am Himmel der Science Fiction, von dem wohl noch viel zu erwarten ist. Der Heyne Verlag hat sogar ein statement von Barack Obama auf dem Cover

„Spiegel“ ist auch ein recht faszinierendes Produkt von Cixin Liu. Wie in „Die drei Sonnen“ tauchen wir auch hier in wissenschaftliche Theorien ein, die die Grundlage für die Handlung darstellt. Hier geht es um die Erschaffung von Welten, um die Dimension der Zeit, um Reales und Virtuelles. Die Handlung ist in aktuelles chinesisches Leben eingebettet und allein schon dadurch wäre sie interessant.


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Der ewige Deutsche ?

Schon lange habe ich das vom Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellte Hörbuch und habe einfach nicht geschafft, es bis zu Ende zu hören. Die nuancenreich modulierte Stimme von Hans Korte bietet anfangs reines Zuhörvergnügen. Allerdings geht es in weiterer Folge sehr militärisch-stramm zu und von Hörvergnügen kann man dann eigentlich nicht mehr sprechen.

Heinrich Manns „der Untertan“ beschreibt das Leben des Diederich Heßling, eines Menschen, der aus bescheidenen Verhältnissen kommend zu Macht aufsteigt. Zur Zeit Wilhelm I in Deutschland lebend, erfährt er eine Erziehung durch Elternhaus und Gesellschaft , die ihn durch brutale Verformung ebenso skrupellos wie duckmäuserisch macht. Das „weiche Kind „ wie er im ersten Satz des Romans genannt wird, entwickelt sich zu einem wahren Monster, einem Popanz seiner Zeit. Nur ganz zu Beginn des Romans, wenn Kindheit und erste Liebe des Protagonisten geschildert werden, gelingt gelegentlich eine zaghafte Identifizierung mit Diederich Heßling.

„Dieses Buch Heinrich Manns (…) ist das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Rohheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolganbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit. Leider: Es ist der deutsche Mann schlechthin gewesen; wer anders war, hatte nichts zu sagen, hieß Vaterlandverräter und war kaiserlicherseits angewiesen, den Staub des Landes von den Pantoffeln zu schütteln“ Kurt Tucholsky in Die Weltbühne, 15.Jahrgang Nr.13 (20.3.1919)


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16. Station der literarischen Weltreise – Großbritannien

Eine Ruth Rendell wie ich sie mag ! Eine prächtige Milieuschilderung, hochinteressante, wunderliche Charaktere, deren Wunderlichkeit aber aus ihrer Geschichte nachvollziehbar werden, minutiös aufgebaute Zufälle, Verwicklungen, Begegnungen, detailgetreue Schilderungen von Natur und Innengestaltung von Häusern und dazwischen immer der rote Faden der schicksalshaften Begegnungen.

Man geht von einer oder zwei Figuren aus und landet in einem Netz von Verknüpfungen zwischen unterschiedlichen Menschen, die von Ruth Rendell zusammengeführt werden, manchmal wie die Laborratten; was wohl geschieht, wenn man eine betrügerische Londoner Proletin mit einem aus ihrer Sicht armen tatsächlich aber steinreichen arabischen älteren Herrn zusammenführt ?  Diese Art von Experimenten kommen bei Ruth Rendell oft vor und bringen faszinierende Ergebnisse.

Die Bedeutung des Titels des Romans offenbart sich erst ganz am Ende des Buchs und auch hier verknüpfen sich Ereignisse, die nicht das Geringste miteinander zu tun haben. Aber Ruth Rendell nimmt man ihre  mögliche Verknüpfung durchaus ab.

Die genaue Handlung erzähle ich natürlich nicht. Nur soviel, dass die Hauptpersonen vier Frauen sind: zwei Schwestern und die beiden erwachsenen Töchter einer von ihnen. Der Ausgangspunkt der Geschehnisse ist eine in der Vergangenheit liegende Begebenheit, die großen Einfluss auf die Gegenwart hat obwohl nicht alle Akteure sich anfangs der Tragweite dieser Begebenheit bewusst sind.

 


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Netter Krimi – Ruth Rendell

Viel gelesen habe ich im Sommer und werde langsam einiges vorstellen. Zunächst einen netten Krimi.

Ruth Rendell ist eine meiner Lieblingskrimiautorinnen, vor allem ihre unter dem Namen Barbara Vine veröffentlichten Bücher schätze ich sehr. Das sind auch eigentlich keine Krimis.

Hier handelt es sich aber um ein Inspektor-Wexford-Buch. „Die Besucherin“. Ja, nicht ihr allerbestes aber auch nicht das schlechteste. Wobei ein schlechter Rendell-Krimi immer noch mindestens im Mittelfeld der veröffentlichten Krimis liegt. Wie bei allen ihren Krimigeschichten geht es nicht nur um die Mord-Story sondern um einige gesellschaftlich relevante Themen. In diesem Buch um Rassismus, Arbeitslosigkeit und die Beziehung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern.

Die Geschichte liest sich flüssig, ist logisch aber nicht allzu linear aufgebaut- es gibt überraschende Wendungen – bietet ein bisschen Stoff zum Nachdenken und ist insgesamt eine angenehme, mittelseichte Lektüre, die sich für Urlaubstage blendend eignet oder für häusliche Regentage. Man kann die Geschichte auch problemlos in Etappen lesen.

Ich danke dem Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars


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Nicht nur Literatur gibt es zu lesen

„Die eigentliche Herausforderung der Entwicklungspolitik besteht darin, dass eine Gruppe von Ländern am untersten Rand immer weiter zurückfällt und oft regelrecht zerfällt.

Diese Länder ganz unten gehören zwar zur Welt des 21. Jahrhunderts, aber ihre Lebenswirklichkeit ist die des 14. Jahrhunderts: Bürgerkrieg, Seuchen, Analphabetismus. Die meisten dieser Länder liegen in Afrika und Zentralasien, ein paar wenige in anderen Regionen. (…) Wir müssen uns daran gewöhnen, das vertraute Zahlenverhältnis *  auf den Kopf zu stellen: insgesamt 5 Milliarden Menschen leben heute bereits im Wohlstand oder sind auf dem Weg dorthin, eine Milliarde fällt immer weiter zurück. “

Paul Collier „Die unterste Milliarde“ Pantheon: 2007 p.17

Mit „das vertraute Zahlenverhältnis“ ist die Situation  gemeint, in der  1 Milliarde Menschen in der reichen Welt leben und fünf Milliarden Menschen in der armen. Tatsächlich ist die Armut insgesamt zurückgegangen, aber die Kluft zwischen den ganz Armen und denen, die in großem oder bescheidenem  Wohlstand leben wird immer tiefer.


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Kim Stanley Robinson – Spärenklänge

„Aurora“, ebenfalls von Kim Stanley Robinson habe ich mit großer Begeisterung gelesen. Ja, es hatte Längen, ja, es wird mit großer Detailverliebtheit beschrieben und ja, der Spannungsbogen bricht immer wieder zusammen, trotzdem ein Buch, das mir sehr gefallen hat, weil es da um ökologische Systeme und um Humanbiologie ging; Themen, die mich nicht nur interessieren sondern von denen ich auch einiges verstehe.

Um „Sphärenklänge“ so richtig genießen zu können, muss man aber in Musiktheorie, Mathematik und Physik bewandert sein. Leider ist das bei mir nicht der Fall. Ich bewundere übrigens den Autor, der offenbar in zahlreichsten wissenschaftlichen Disziplinen zuhause ist, zumindest ausreichend um überzeugende plots mit einem gewissen naturwissenschaftlichen Anspruch schreiben zu können.

Robinson hat auch „Sphärenklänge“ in einer weiten Zukunft angesiedelt, in der das gesamte Sonnensystem inklusive Monde diverser Planeten und kleine Gesteinsbrocken von Menschen besiedelt sind.

Das Holywelkinsche Orchester, eine gewaltige Konstruktion von Instrumenten, die es einer einzigen Person ermöglichen sämtliche Instrumente eines Orchesters von einer zentralen Stelle aus zu spielen, geht auf Tournee durch das Sonnensystem. Der Meister des Orchesters wird von einer Truppe von Spezialisten, Journalisten und Sicherheitsleuten begleitet. Im Zuge der Tournee findet der Meister des Orchesters aufgrund von Hinweisen eine Art Tagebuch von Holywelkin, der ein genialer Physiker, Mathematiker und Mystiker war, der – wie sich herausstellt – von einem Geheimbund verehrt wird. Dieser Geheimbund scheint die tieferen Geheimnisse des Lebens mithilfe Holywelkinscher Formeln ergründet zu haben.

Ich habe das Buch gerne gelesen, weil mir die Sprache gefällt und ich auch den plot interessant fand (soweit ich ihm folgen konnte) habe aber sehr lange dazu gebraucht. Gegen Ende wird es immer mysteriöser und zuletzt läßt der Autor alles kippen. Insgesamt ein recht anspruchsvolles Buch.

Ich danke dem Verlag für die Überlassung des Rezensionsexemplars