Kategorie: BÜCHER

Triste Verhältnisse 1920 in Wien

Alex Beer

„Die rote Frau“

Limes: 2018

Das ist schon mein zweiter Wien 1920-Krimi von Alex Beer. Hier der erste.   In beiden sind die harten Lebensbedingungen in Wien, kurz nach dem 1.Weltkrieg sehr eindringlich und wohl realistisch geschildert. Auch der Protagonist August Emmerich – „August“ weil er in diesem Monat gefunden und ins Waisenhaus gebracht wurde – hat eine Kriegsverletzung, einen Granatsplitter im Knie, der ihm starke Schmerzen und eine beträchtliche Gehbehinderung einbringt.

Auch dieser Roman hat eine gut konstruierte Handlung. Die Spannung wird durch ein paar unerwartete Wendungen aufrecht erhalten,  die Charaktere sind gekonnt herausgearbeitet. Die Handlung führt durch verschiedene soziale Milieus, die ich sehr überzeugend geschildert finde: vom Rotlicht bis zum verarmten Adel. Auch das Lokalkolorit ist einwandfrei – man muss sich als Ortskundige nicht fragen, wie um alles in der Welt man von A nach B in 10 Minuten kommen soll, wenn doch da die ganze Stadt dazwischen liegt. Kein Wunder, die Autorin lebt – laut Klappentext – selbst in Wien.

Das einzige Problem, das ich mit diesem und auch dem anderen Text habe, ist stellenweise die Sprache. Es ist mir schon klar, dass es schwierig ist, in einem der zahllosen Dialekte des Deutschen zu schreiben und den Text trotzdem auch für Menschen, die diesen Dialekt nicht kennen lesbar zu machen. Die Lösung finde ich geschickt: diverse Einheimische sprechen Wiener Dialekt, der Ermittler spricht Hochdeutsch. Soweit so gut, aber an vielen Stellen werden Wörter verwendet, die es im Wien des Jahres 1920 garantiert gar nicht und auch im Wien des Jahres 2018 nicht wirklich gibt. Im österreichischen Deutsch wird nicht „gelaufen“ sondern gegangen; es erzeugt ein sehr seltsames Bild, wenn der gehbehinderte Ermittler durch die Gegend „läuft“, was für Wiener ein Synonym für „rennt“ ist. Es gibt keine „Jungs“ und es wird nicht „geklaut“. „Mit ´ner Puff´n bedroht“ als Mischung von zwei verschiedenen Umgangssprachen klingt ebenso seltsam wie „Da bin ich doch restlos überfordert mit“. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Es mag kleinlich klingen, aber mich hat jeder dieser sprachlichen Missgriffe aus dem Lesefluss herausgeschleudert.

Insgesamt ein guter Krimi. Mein Kritikpunkt ist ja auch für nicht österreichisch Sprechende völlig irrelevant.

Das BUCH-DATE ist wieder einmal vorüber

… und es ist Zeit Bilanz zu ziehen.

Hier gibt es die gesammelten Beiträge 

Vielen Dank an Tausend für die Empfehlungen

Keines der drei Bücher hat mich auf den ersten Blick angesprochen und so habe ich mir alle drei besorgt, ein Lob an die Wiener Städtischen Büchereien, die alle drei vorrätig haben.

Gehört für mich in die Kategorie der rührseligen Schinken. Ist gar nicht abwertend gemeint, ich lese auch gelegentlich rührselige Schinken. Die Handlung ist so vorhersehbar, dass man schon nach ein paar Zeilen Covertext restlos informiert ist. Was etwas aus dem Genre herausfällt, ist eine seltsame Art des Humors: es wird hier Slapstick beschrieben und damit kann ich gar nichts anfangen. Wenn schon Slapstick dann im Film, in der Bewegung, aber in Worten …….

“ Der Trottel fährt ein paar Meter vor, wobei Ove deutlich erkennen kann, dass er den Hänger nicht richtig geradezieht. Dann beginnt der Trottel wieder rückwärts zu fahren. Geradewegs in Oves Briefkasten , so dass die Kante des Anhängers das grüne Blech aufschlitzt und verbiegt. (…) Ove knallt seine geballte Faust so heftig auf das Autodach, dass der Trottel zusammenfährt und sich den Kopf im Türrahmen anschlägt. Ove beugt sein Gesicht so weit zu ihm hinunter, dass die Worte kaum an die Luft kommen, bevor sie im Gehörgang des Trottels wieder verschwinden.

„Raus aus dem Wagen!“  „

Na ja ……


Das ist ein ungemein seltsames Buch, das mich an dem Label „Spiegel Bestseller“ sehr heftig zweifeln lässt. Laut Beschreibung handelt es sich um ein Zeitreise-Buch. Gut, Science Fiction lese ich gerne. Es ist aber so langatmig um nicht zu sagen langweilig geschrieben, dass ich es ohne Überblättern vieler Seiten gar nicht geschafft habe. Der Text beginnt damit, dass jemand sich eine Pistole aus dem Waffenschrank seines Vaters holt, um an einem bestimmten Ort Selbstmord zu begehen. Über hundert Seiten später ist er dort endlich angekommen.

Unendliche Monologe zu pseudophilosophischen Themen und zu wissenschaftlichen Fakten, die sich in weiterer Folge als Betrug herausstellen. Zu allem Überfluss ist es ein auktorialer Roman, in dem ermüdende Schleifen und Abschweifungen von der Handlung mit Wendungen eingeleitet werden wie „lassen wir nun XY durch diese Tür gehen und wenden wir uns inzwischen diesem und jenem zu“ Gelegentlich mühsam aufkommende Spannung wird sofort abgewürgt.

Nach hunderten Seiten stellt sich heraus, dass es eigentlich eine Geschichte über gefälschte Zeitreisen ist. Aha. H.G Wells samt gefälschter Zeitmaschine treten auf. Der Elefantenmann bekommt einen Auftritt, warum auch immer. Das ganze mäandert dahin….. Bei Seite 500 angelangt beschließe ich das Buch mit Überblättern vieler, vieler Seiten bis zum bitteren Ende fertig zu lesen, weil ich nun doch gespannt bin, wie eine derart abstruse Geschichte irgendwie zu einem Ende gebracht werden kann. 

Die Geschichte wird immer schlimmer: von den Zeitreisen über die Betrugszeitreisen landen wir nun bei doch existenten Zeitreisenden. Die Handlung überschlägt sich vor Absurdität, es wird immer langweiliger. NEIN, es reicht 

Amüsiert hat mich nur eine einzige Stelle in diesem Buch. H.G. Wells spricht in für den Autor ziemlich niederschmetternder Weise über ein Buch. Entweder ist Félix Palma sehr humorvoll selbstkritisch oder der Absatz gehört zu den gröberen Peinlichkeiten, denn die Beschreibung des grottenschlechten Romans durch Wells ist eine völlig zutreffende Kritik von „die Landkarte der Zeit“

„Die Handlung von G.Ms Roman konnte einen ebenfalls erröten lassen. Hinter dem hochfahrenden Titel verbarg sich die im Fieberwahn herbeiphantasierte Geschichte eines Irren (…) Eine derartige Geschichte konnte vielleicht als Satire funktionieren, aber Giliam nahm sie furchtbar ernst und gab ihr einen feierlichen Ton, der die Lachhaftigkeit der Handlung vollends peinlich machte. (…) Außerdem war sein Schreibstil ebenso kindisch wie großsprecherisch, die Charaktere blieben blass und die Dialoge waren weder spritzig noch witzig. So einen Roman schrieb jemand, der glaubte Schriftsteller könne jeder werden. 

Die Komposition Ihres Werks ist chaotisch und willkürlich,(…) man hat den Eindruck die Dinge passieren ohne jede erzählerische Logik, nur weil es Ihnen so gefällt. Das alles ruft beim Leser ein unüberwindliches Desinteresse hervor, wenn nicht sogar eine tiefe Ablehnung dessen, was er liest.“ p 451 f

Treffender kann man dieses Werk nicht zusammenfassen.

 

Die dritte Empfehlung schließlich, hat mir gefallen. Ein Buch auf dem Thriller draufsteht und Thriller drin ist. 

Die Protagonistin entdeckt in ihrem Haus einen Mann, der aus ihrer Sicht nur ein Einbrecher sein kann, selbst aber behauptet ihr Lebensgefährte zu sein, der mit ihr in diesem Haus wohnt. Sie erkennt ihn aber nicht. Ausgehend von dieser Situation entwickelt sich die wirklich sehr spannende Handlung, die abwechselnd vom Standpunkt der beiden Hauptpersonen aus geschildert wird, was den Überraschungseffekt lange am Leben lässt.

Kurze Sätze, alles in der Gegenwart geschrieben, hohes Erzähltempo, überraschende, phantasievolle Wendungen. Der Erzählstil passt zum Inhalt, die Handlung ist nicht alltäglich aber bewegt sich im Rahmen des Möglichen. PASST.  Wenn jemand einen spannenden Thriller lesen will, den man vor dem Ende kaum aus der Hand legen kann, dann ist er/sie bei diesem Buch richtig.

 

33. Station der Literaturweltreise – Schweiz

In diesem Fall bin ich nicht weit weg, aber hoch hinauf gereist:

Hier findet meine Literaturweltreise statt

Angelika Overath

„Alle Farben des Schnees“

btb-Verlag 2o13

Es handelt sich hier um ein Tagebuch der Autorin, die mit Mann und Kind 2007 von Tübingen in das Engadin zog, in den kleinen Bergort Sent. Von 1. September bis 1. September dokumentiert die Autorin ihr neues Leben im Dorf. Einerseits ist es ein persönliches Tagebuch, das die vielfältigen Interessen aus verschiedensten Lebensbereichen von Angelika Overath spiegelt, andererseits befasst es sich auch recht umfassend mit der Sozialgeschichte des Ortes und der Region.

Die Bilder aus dem Dorfleben – vor allem jene aus den Wintermonaten – werden sehr dicht und atmosphärisch geschildert. Der Alltag und das kulturelle Leben, an dem sich die Autorin intensiv beteiligt, erscheinen einem Stadtmenschen wie mir geradezu exotisch, wie aus einer anderen Welt.

Sehr interessiert haben mich auch die Berichte über das Rätoromanische. Der siebenjährige jüngste Sohn der Familie ist mitgezogen und besucht eine Schule mit Unterrichtssprache Rätoromanisch, wo er sich entgegen der Befürchtungen seiner Mutter sprachlich und sozial sehr schnell integriert. Sie selbst beginnt auch Rätoromanisch zu lernen, was die Basis ihrer eigenen Integration ins Dorfleben legt. Viele Menschen werden in dem Tagebuch beschrieben, immer aus einer positiven Perspektive.

Ein kleines, feines Buch, dessen in den Wintermonaten geschriebenen Teil ich bei der herrschenden Hitze als sehr angenehm kühlend empfunden habe.

32. Station der Literaturweltreise – Trinidad und Tobago

Vidiadhar Surajprasad Naipaul

„Herr und Sklave“

Original: 1967

Ein sehr schräges Buch dachte ich zunächst, eines von denen, die in schäbigen Londoner Pensionen spielen, wo  Angehörige aller Commonwealth-Staaten und ehemaliger britischer Kolonien zusammengeschwemmt werden. Der Erzähler war mir wegen seiner immer wieder eingestreuten statements über Frauen im allgemeinen von Anfang an höchst unsympathisch.

„Aber Lieni mit der beschränkten Weltanschauung einer Frau hatte mich auf Eroberungen ausgeschickt …“ p.23″

„es gehört nur zu meiner Gelassenheit, die sich auch Sandra aus weiblicher Furcht davor, jemals offenherzig zu sein, angeeignet hat “ p.63

ABER es ist fantastisch gut geschrieben, wenn ich auch die Gedankengänge des Erzählers oft nicht so wirklich nachvollziehen konnte. Sprachlich ist es ein wahrer Lesegenuss. Zu den beschriebenen Personen konnte ich wenig Zugang finden. V.S Naipaul  wurde 1932 auf Trinidad geboren, studierte in Oxford, arbeitete bei der BBC, erhielt 2001 den Nobelpreis für Literatur.

Das Buch spielt auch auf der Insel Isabella in der Karibik. Es gibt eine Insel Isabella, die zu den Galapagos-Inseln gehört, ob diese oder eine fiktive Karibik-Insel gemeint ist, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls stimme ich dem Klappentext zu:

„Man könnte diesen realistischen Roman ungeheuer komisch oder tragisch nennen; in  ihm einen Roman über London und den Verfall des empires, über Ordnung und Chaos, Wurzellosigkeit und Selbsterkenntnis sehen.“

Die psychologischen Irrungen, Verwirrungen und Abstrusitäten der „Kolonisierten“ werden meisterhaft beschrieben und man weiß wirklich nicht, ob man darüber lachen oder weinen soll.

Hier findet meine Weltreise statt