Brücke durch Welten – Impulswerkstatt

Ein nicht-fiktiver Text

Die Brücke ist eine, die die Innenstadt und den zweiten Wiener Gemeindebezirk verbindet und trennt. Heute verbindet sie, die beiden Ufer, das Oben und Unten, Alt und Jung. Man rennt oder schlendert von einer Seite zur anderen, Stufen führen hinunter zum Donaukanal, einem innerstädtischen Jugendtreff, zu den Mauern voller Graffiti, den Lokalen, im Sommer zum aufgeschütteten Sand mit den Liegestühlen darauf. Freizeit wie am Strand, oder fast. Auf der Stadtseite eine Station, in der sich die Nord-Süd und die Ost-West Linien der U-Bahn treffen, eingebettet in Vergnügen, Konsum und Kultur. Von der Brücke gerade ein paar Minuten zu fuß ins Stadtzentrum, in die Altstadt, „in die Stadt“ sagt man in Wien.

Auf der innerstädtischen Seite liegt auch der Morzimplatz, wo sich im ehemaligen Hotel „Metropol“ die Leitstelle der Gestapo mit ihren Folterkellern befand. Der zweite Wiener Gemeindebezirk, die Leopoldstadt, wurde auch Mazzes-Insel genannt, weil der Großteil der jüdischen Gemeinde dort lebte, damals aus 200.000 heute aus etwa 12.000 Menschen bestehend.

Zu Nazizeiten trennte die Brücke mehr als sie verband. Sie trennte zwei Welten. Der Führer der einen Welt hatte beschlossen, die andere radikal auszurotten. In der Leopoldstadt wurden die zur Deportation vorgesehenen Menschen in Häusern zusammengepfercht, von wo aus sie abgeholt und im Normalfall in den Tod getrieben wurden. Als ich einmal eine Reise nach Israel machte und Yad Vashem besichtigte, sagte unser Begleiter, dass er ja in das Museum nicht mitkommen müsse, wir würden die Orte auf den Fotos ohnehin alle kennen und alles Geschriebene wäre auf deutsch. Das lag deutlich unter der Gürtellinie.

So ist Wien. Unter dem bunten, fröhlichen Gesicht, hinter den prachtvollen Bauten und den zahllosen kulturellen Veranstaltungen liegen Abgründe, die notdürftig zugeschüttet wurden, was dazu führt, dass noch heute immer wieder jemand darüber stolpert oder einsinkt. Viele Abgründe wurden gründlich ausgeräumt und trittsicher gemacht, andere warten noch darauf.

Über diese Brücke gehe ich zu meinem Ungarischkurs. Im Sommer bietet sie eine Aussichtswarte für prachtvolle Sonnenuntergänge, braust der Wind über den Donaukanal wehen Schals und Mützen und manche von ihnen entschließen sich dazu, dem Wind zu folgen. Schirme kann man auf der Brücke auch nur selten benützen, meist werden sie vom Wind umgedreht und der Regen prasselt in Kragen und modelliert Hosenbeine.

Wie eine Initiierung ist es. Um auf die andere Seite zu gelangen, setzt man sich den Naturgewalten aus.

20 Gedanken zu “Brücke durch Welten – Impulswerkstatt

  1. So machen Stadtführungen Freude! Mit allen Sinnen und historischer Tiefe einen Ort wirklich sehen, zu unterschiedlichen Zeiten und Wettern erfühlen, das schenkt dein Text. Wunderbar bildreich, und so liebevoll.

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