Hadija Haruna-Oelker „Die Schönheit der Differenz – Miteinander anders denken“

Sehr vorsichtig bin ich an die Lektüre dieses Buchs herangegangen, denn meine Begeisterung für den typischen Stil der Genderforscher*innen hält sich sehr in Grenzen. Die vielen Abkürzungen und Wortschöpfungen, die absurden Pronomen und vieles mehr stehen meinem Engagement für die durchaus berechtigten Forderungen sehr im Weg. „Ja“ zu den Anliegen und deren Umsetzung aber „nein“ zu vielen Wegen dahin.

Meine Vorurteile dazu, dass manche Dinge so verschwurbelt werden, dass niemand sich damit beschäftigen möchte, haben sich gleich einmal bestätigt, denn die Autorin teilt mit, dass sie weiß immer klein und kursiv schreibt,

„… weil es eine Konstruktion ist ebenso wie „Schwarz“. „Schwarz“ schreibe ich groß, um zu verdeutlichen, dass es sich um eine Zuordnung und eine bestimmte Erfahrung handelt, die ich als „Rassifizierung“ verstehe“ S25.

Nun gut, andererseits beginnt das Buch mit:

„In diesem Buch schreibe ich für etwas und nicht gegen etwas an. Ich schreibe für eine diverse Gesellschaft und ihre Schönheit, und ich schreibe für alle, die, die einen Weg dorthin suchen, (…) Dieses Buch ist für Menschen, die nicht nur mit Gleichen reden möchten, sondern erfahren wollen, was ihnen noch unbekannt ist. Es ist für alle, die Fragen haben, auf der Suche nach Antworten sind und die Angst ablegen wollen, etwas falsch zu machen. Die sich Klärung statt Selbstgeißelung wünschen (…) S 9

Diese Einstellung wiederum gefiel mir und so las ich das Buch.

Dass die Autorin als Tochter einer weißen Deutschen und eines Ghanesen Spezialistin für die Diskriminierung von dunkelhäutigen Menschen in Europa im allgemeinen und in Deutschland im besonderen ist, will ich gerne glauben, ob aber sie oder sonst irgendjemand dem Anspruch des „intersektionellen Feminismus“ gerecht wird, auch von den speziellen Gegebenheiten bei allen anderen mehr oder weniger diskriminierten gesellschaftlichen Gruppen zu wissen ? Das ist, denke ich, gar nicht möglich.
Die Autorin bezeichnet sich selbst als Schwarz (immer groß geschrieben) obwohl sie die als korrekt propagierte Bezeichnung BI-POC (Black, Indigenous, People of Color) auf S 26 lang erklärt und befürwortet. Ich nehme dies als einen der vielen Widersprüche und Ungereimtheiten in der Szene.

Ihr Ziel oder ihre Vision beschreibt die Autorin folgendermaßen:

„Es gibt so vieles, was voneinander gesehen und gelernt werden kann. Das soll nicht platt dahergesagt klingen. Nein, es beschreibt eine grundsätzliche Haltung, die vielen noch fehlt. Diese Haltung ist in erster Linie eine offene. Damit meine ich nicht die Neugier und ein Bestaunen von „Anderen“, und ich meine damit auch kein interkulturelles Verständnis von hier meine und da deine Kultur. Nein. Mich treibt ein Gefühl an, das unsere Gesellschaft als zusammengewachsen versteht. S 181

Ich habe mit viel Interesse über Lebenserfahrungen von Hadija Haruna-Oelker gelesen. Wenn sie über eigene Erfahrungen und Gedanken schreibt, sind die Texte leicht zu lesen und vermittelten interessante Eindrücke aus mir unbekannten Welten. Schreibt sie aber über klassische Gender-Themen verfällt sie in mit Tonnen an Szenevokabular überlastete Schachtelsätze. Es wundert mich immer wieder, wie Autoren vermuten können, dass sie durch in diesem Stil geschriebene Episteln irgendjemanden für ihre Themen interessieren können. Ich halte mich da an ein anderes Zitat aus dem Buch, dem ich voll und ganz zustimme

„Doch anstatt in einen vielleicht schmerzhaften, aber dafür ehrlichen Austausch darüber zu kommen, ersticken wir diesen in Debatten über Political Correctness und Identitätspolitik, verklären dabei die Gewalt, die daraus entsteht und übersehen die Folgen “ S199 Ja, genauso sehe ich das auch …

Es ist ja nicht möglich, so ein Buch zusammenzufassen. Ich möchte auch keine Polemik zu einigen Aspekten eröffnen. ich beschreibe daher nur meine Eindrücke. Auf der positiven Seite stehen der humanistische Ansatz des Buchs, die umfangreiche Bibliographie, die Zusammenstellung von Vereinigungen und Gruppen, die sich mit erwähnten Themen beschäftigen und die sehr authentisch erscheinenden Berichte aus dem Leben der Autorin.

Auf der negativen Seite steht die schlechte Strukturierung und die Länge des Buchs. Bei einer Straffung um mehr als die Hälfte und einem nachvollziehbareren Aufbau der Themen, kämen die Inhalte besser bei den Leser*innen an. Bei mir löst es Langeweile aus, wenn ich statt des Kernsatzes „alle Menschen sind gleichwertig, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, Religion, Alter, Gesundheit ….“ fünfhundert Seiten lesen soll, in denen genau dies in mäanderndem Stil beschrieben wird.

Ich bin wahrscheinlich etwas ungerecht. Ich habe auch Dinge gelesen, die mir neu waren und die mich interesiert haben, nur hatte ich den Eindruck, dass ich mich wie mit einer Machete durch den Urwald zu ihnen vorkämpfen musste, weil drumherum so viele HIndernisse im Weg standen.

18 Gedanken zu “Hadija Haruna-Oelker „Die Schönheit der Differenz – Miteinander anders denken“

  1. Sehr interessant, deine Gedanken und Eindrücke. Auf jeden Fall hast du mich neugierig gemacht, denn auch ich stehe der (mitunter sehr ausufernden) Identitätsdebatte zwar prinzipiell offen, aber manchmal auch kritisch gegenüber.
    So sehr ich das Anliegen verstehe, so sehr nervt es mich, wenn vor lauter Eifer gleich wieder auf der anderen Seite vom Pferd gefallen wird. Obwohl ich zugestehe, dass Unsicherheit und das Bedürfnis, niemandem mit berechtigten Einwänden auf den Fuß getreten wird.

    Am meisten ärgert mich bei alledem, dass es so aussieht, als ob immer mehr Menschen bereit sind, auch mal absichtlich Dinge falsch zu verstehen, aber selbst auf ihren Privilegien („Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“) zu bestehen. Und das hört ja bei Dingen wie Hautfarbe oder sexueller Orientierung nicht auf. Es ist allumfassend: Körperliche und geistige Gesundheit, weltanschauliche Differenzen, Nationalität, Ernährungsvorlieben…

    Es ist anstrengend geworden. Aus den 1980er Jahren (mitsamt dem zweifelhaften Frisurengeschmack, den merkwürdigen Klamotten und der Musik von NDW bis EAV / Modern Talking, alles Dinge, die der Zeit heute zur Last gelegt werden) kenne ich das so nicht. Vielleicht verkläre ich auch nur meine Adoleszenz😅.

    Einen großen Teil davon haben wir sicher den Algorithmen der „sozialen“ Netzwerke zu verdanken und der Tatsache, dass sich der lokale Marktplatz oder das Klassenzimmer via Internet auf die gesamte Welt ausgeweitet haben, die meisten Menschen mit einer solchen Reichweite aber erstens nicht rechnen und zweitens nicht umgehen können.

    Vielen Dank jedenfalls für einen inspirierenden Buchtipp und ein schönes Wochenende für dich.
    Liebe Grüße
    Anja

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    1. Das Bild vom vor lauter Eifer gleich wieder auf der anderen Seite vom Pferd Fallen , finde ich sehr treffend. Manchmal denke ich, es braucht eben viel Energie und große Lautstärke um Themen in die Mitte der Gesellschaft zu bringen. Mir scheint aber auch, dass die Art wie Anliegen im Bereich der Genderdebatte argumentiert werden, nicht zielführend ist. W …ir werdn sehenm wie sich die Dinge weiter entwickeln

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  2. 500 Seiten? Du bist meine Heldin der beharrlichen Lektüre!
    Es gibt Bücher die auch gerne 1000 Seiten und mehr haben dürfen.
    Die sind dann aber nicht verschwurbelt. Und mehr als nur gut gemeint. Gut geschrieben hilft der guten Sache erheblich.
    „Alle Menschen sind gleichwertig“ ist so selbstverständlich – ein Jammer, dass man darüber im 21.Jahrhundert noch Bücher schreiben muss.

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    1. Das sehe ich ähnlich – weshalb ich da, wo es die geeigneten Worte gibt, auf neutrale Formulierungen ausweiche (z.B. Leserschaft statt Leser, Leserinnen oder Leser*innen) – vollends absurd wird es für mich jedoch dann, wenn ich eine E-Mail erhalte, in der ich mit Liebe Anwesende und Anwesendinnen begrüßt werde.

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        1. Übertroffen noch von der Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentags Anfang der 90er, die ausrief, wo man Papphockerinnen und Papphocker finden könne.

          Was ist eigentlich so schlimm daran, zu einem großen Ganzen zu gehören, ohne eine Sonderbehandlung für Partikularitäten zu fordern?

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          1. Hihi, ja das ist auch schön. Das sind Auswüchse.
            Aber prinzipiell ist es schon heftig, Frauen als „Partikularitäten“ zu bezeichnen. Es handelt sich um mehr als 50% der Menschheit. Wenn es nicht schlimm ist, immer nur „mitgedacht“ zu werden, dann könnte man ja zur Abwechslung auch die weibliche Form verwenden und die Männer „mitdenken“. Der darauf folgende Aufschrei wäre wahrscheinlich bis Alpha Centauri zu hören 🙂

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            1. Nun ja. Wenn’s denn nur darum ginge, Frauen gleichberechtigt mit Männern zu nennen. Aber vom Nennen zum Sehen ist es noch ein weiterer großer Schritt…
              Aber das meinte ich auch gar nicht mit „Partikularitäten“.
              Es gibt eine Reihe Menschen, die sich mit keinerlei Verallgemeinerung bezeichnen lassen wollen, aber gleichzeitig erwarten, daß man für sie eine adäquate Bezeichnung verwendet.
              Etwa so, als ob ich bei den Gelegenheiten, wo ich offiziellen Reden von Politikern zuhören muß, jedes Mal aufspränge, wenn die Versammlung mit „Mitbürgerinnen und Mitbürger“ oder „Französinnen, Franzosen“ angeredet wird – weil ich beides nicht bin, obwohl ich, wie in diesem Land lebe und somit auch mit und unter denen, auf die die Anrede zutrifft. So wie (immerhin) fünf Millionen weitere Ausländer im Land.

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              1. Klar ist der Schritt vom Nennen zum Sehen noch groß, aber immerhin ist es ein Anfang.
                In Ö hat vor ein paar Jahren der Bundespräsident damit begonnen bei seinen Reden liebe Österreicherinnen und Österreicher und alle, die hier leben zu dagen
                Andere Politiker haben das übernommen. Das gefällt mir ganz gut, kommt aber nur bei staatstragenden Reden zur Anwendung.
                Es ist ein sehr interessantes Thema, welche Personengruppen als Ausländer zusammengefasst und eventuell bei solchen Gelegenheiten angesprochen werden. Speziell in Frankreich nicht einfach…

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          1. Solange es existente Wörter sind, die benützt werden, habe ich gar nichts dagegen ganz im Gegenteil, ich finde es gut und richtig Frauen sprachlich sichtbar zu machen, aber Absurditäten sind peinlich und diskreditieren das Anliegen

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