Gerda, die Galerie und ich – Impulswerkstatt Rahmen1

Wieder einmal ein Experiment. Der Text in schwarzer Schrift stammt von Gerda Kazakou, alles, was blau ist und die drei kleinen Streichungen stammen von mir. Ursprünglich wollte ich durch kleine Veränderungen und Hinzufügen eine andere Atmosphäre hineinbringen. Dann dachte ich, dass es in diesem Fall interessanter wäre, die ursprüngliche Intention zu verstärken. Natürlich habe ich Gerda vorher gefragt, ob es ihr recht ist und ich hoffe, dass ich den Gedanken einigermaßen getroffen habe.
Jedenfalls eine Übung, die mir sehr gefallen hat.

Die junge Frau öffnete die Tür zur Galerie. Es war als beträte sie ein Raumschiff oder ein U-Boot. Die Wände und auch der Boden waren hellgrau gestrichen, die Exponate auf metallisch glänzenden Tafeln angebracht, die in leichter Schräge gegen den Boden standen. Als hätte sich die Geometrie verselbstständigt und einen Raum geschaffen, der für Menschen nicht vorgesehen war. Das Gefühl von Irrealität, mit dem sie heute schon den ganzen Tag kämpfte, verstärkte sich. Was war das für ein Raum? Wieso hingen die Bilder nicht an den Wänden? War es überhaupt möglich, den Bildern näher zu treten oder genügten sie sich selbst in diesem metallischen Umfeld? Musste man sich hier auf den Boden hocken, um sie zu betrachten?

Offenbar. Anders war es nicht möglich und sie war fest entschlossen, die Bilder zu sehen, auch wenn das nicht so gedacht sein sollte, aus Trotz, wenn aus keinem anderen Grund. Also hockte sie sich hin.

Und nun sah sie auch, was dort abgebildet war: ein uralter Olivenbaum. Auf einmal schien es ihr vollkommen logisch und richtig, am Boden zu sitzen. Dieser Baum – wie eine Botschaft aus einer längst versunkenen Zeit kam er ihr vor, wie die Verbindung zum Leben und zur Erde. Sie vergaß die glatten Wände und das metallische Schimmern des Raums, ließ sich ganz ein auf den Baum. „Wie ein Anker, der mich festhält, damit ich mich nicht im grauen Nirgendwo verliere“, dachte sie. Sie nahm ihre Kamera, zoomte den Baum nah heran und versuchte, seine Schrift zu lesen, seine Botschaft zu entziffern. Das Bild stand ja nicht zufällig in diesem Raum. Es musste möglich sein, dieses Wesen zu verstehen. Doch so sehr sie sich auch bemühte, es gelang ihr nicht. „Zu Hause, ja, zu Hause, in meinen vier Wänden werde ich es lesen können“, tröstete sie sich.

Sie fühlte sich bereits zuversichtlicher und geerdeter als bei ihrem Eintritt. Entschlossen stellte sie sich wieder auf ihre Füße und ging hinaus.

23 Gedanken zu “Gerda, die Galerie und ich – Impulswerkstatt Rahmen1

  1. Toll, ja. Die Verdeutlichung ist dir sehr gut gelungen. Freilich geht dadurch die beabsichtigte Unschärfe etwas verloren: ist es der Raum oder ist es die Person, die aus dem Zustand der „Normalität“ herausgefallen ist? Ich will mal, nach Gerhards Anregung, deine Version erneut zu bearbeiten versuchen.

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  2. Eine interessante Aktion. Sie bewegt sich in Gegenrichtung zu meinem üblichen Schreibablauf (wenn ich denn überhaupt mal schreibe): erst Text fließen lassen, dann streichen, was redundant, Füllung, schwatzhaft ist.

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    1. Das mache ich auch so ähnlich, aber Redundanz in anderen Wörtern stört mich nicht, solange sie Zusätzliches bringt. Du verdichtest wohl gerne n Richtung Lyrik.
      Bei einen fremden Text ist alles nochmal anders. Aber ich finde es sehr spannend …

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    2. Verdichtung bei Dichtung, ja. Sonst auch, weniger streng aber. Zusätzliche Information zählt für mich nicht als redundant/ und Redundanz als poetisches Stilmittel schätze ich sogar.
      Die Welt ist kompliziert …🙂

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  3. Zuerst dachte ich, wie Lehrer oder Lehrerin korrigieren, bzw. streichen oder ergänzen würden 🙂
    Dann erkannte ich den experimentellen Charakter…

    Ich glaube, hier hat jeder seinen Stil, den er am Ende nochmal überdenkt und selbst streicht oder ergänzt, wenn er mit der Aussage nicht recht zufrieden ist.

    Hier hast Du ergänzt:
    Es musste möglich sein, dieses Wesens zu verstehen
    Es ist doch das Wesentliche, das es zu ergründen gilt oder nicht?

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  4. OOps, danke für den Hinweis. Es muss natürlich „Wesen“ ohne s heißen.

    Leider kann man so eine kleine Veränderung eines Textes nicht anders darstellen, als durch streichen und dazwischen schreiben ….

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