Identität und Spiegelung

Es gibt ja manchmal Textstellen in literarischen Werken, die genau gewissermaßen ins eigene Schwarze treffen. So geht es mir mit dieser Stelle. Die Stelle ist aus einem Buch, zu dem ich völlig zufällig gekommen bin. Jemand hat es mir in die Hand gedrückt und gemeint, ich sollte doch einmal schauen, ob es mir gefällt.

Eine Weile stand er fröstelnd am Quai und betrachtete ein paar Möwen, die auf dem Deck eines der Segelboote aufgereiht nebeneinander saßen und schliefen. Unter dem Rumpf des Bootes bewegten sich die Schatten kleiner Fische. Dann erblickte er im schwarzen Wasser vor sich in perspektivischer Verzerrung sein Spiegelbild, wie es schlingerte, schaukelte und schwankte, sich hin und her bewegte, auseinanderriss, zitternd wieder zusammenfloss und erneut in kleinen Wellen zerlief. Er musste lächeln, denn der Mann im Wasser, diese oszillierende Erscheinung dort unter ihm, die nie eine klare Form finden würde, war er.

Ulrich Tukur "Der Ursprung der Welt" Roman  S.Fischer: 2019  S63

Das Nichtvorhandensein einer starren, unwandelbaren Identität ist ein Thema, das ich nicht nur spannend sondern oft auch sehr entspannend finde. Wir können mehr und anders sein, als die klar umrissene Person, die wir in der eigenen Vorstellung meistens sind. Es ist mehr an uns dran, als immer nur die gleichen Verhaltensweisen und Muster.

35 Gedanken zu “Identität und Spiegelung

  1. Tja, dann sind wir vermutlich an dieser Stelle die Einzige, die das überhaupt nicht entspannend findet, ganz im Gegenteil. Aber vielleicht weil es hier, wenn auch oszillierend doch nur EINE Identität ist, die sich wandelt und Facetten hat, die es zu entdecken gilt. Das würde uns schon sehr beruhigen. ….

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      1. Nein, das denken wir nicht. Wir kennen das Verschwimmen innerhalb einzelnen Persönlichkeiten, die sehr facettenreich sind und viel Alltag leben, oder wo Integration bereits geschehen ist. Zusätzlich gäbe es in der Wasserspiegelung dann noch Gesichter unterschiedlichen Alters zu erblicken, die aber vielleicht nur kurz aufscheinen und wieder verschwinden und dennoch auch Teil des Ganzen sind.

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  2. Veränderungen sind Entwicklungen – und deshalb manchmal? / häufig? auch notwendig. Abseits so mancher Vorgaben, wo wir in einem vorgegebenen Rahmen auf fast unerträgliche Weise funktionieren sollen.

    Den Buchtitel habe ich mir gerade notiert. Danke für die Auswahl einer so großartigen Stelle daraus! Habe ja schon mehrfach gelesen, dass auch Tukur schreibt.
    Von seinem Kollegen Christian Berkel habe ich „Der Apfelbaum“ und „Ada“ gelesen. Besonders „Ada“ kann ich sehr empfehlen!

    Auf weitere spannende und entspannende Entdeckungen – in vielerlei Hinsicht!

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    1. Ja, gell, es ist eine wirklich schöne Stelle. Christian Berkel sagt mir nichts. Danke für den Tipp. Ich finde es immer spannend sich so von einem Lesestoff zum nächsten zu hangeln. Liebe Grüße

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          1. Das Werk von Tukur habe ich inzwischen mit großer Begeisterung gelesen. Ich werde das Buch zweifelsfrei auch weiterempfehlen.
            Ein toller Autor, ein toller Schauspieler. Und mit Erstaunen habe ich auch wahrgenommen, wie Tukur mit seiner beklemmenden Betrachtung politischer Ereignisse von „damals“ umgeht und solche Ereignisse in der Zukuft, die ja schon brutale Gegenwart ist, gleichsam auch vorhersehen konnte.

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            1. Freut mich, dass er dir gefallen hat. Mich hat – vom Text her- besonders der Übergang von einer Person zur anderen fasziniert, einmal ist es eine Szene mit einem Spiegel, einmal findet es in einem Tunnel statt…. Es ist ein überaus gelungener Genremix in einer wirklich beklemmenden Atmosphäre …

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  3. Gerade gestern lief ein „Tatort“ mit Tukur. Diese sind Pflicht für mich –
    bei dieser Gelegenheit tatsächlich an Deinen Tipp gedacht … 🙂
    Ich möchte auf eine österreichische Schriftstellerin hinweisen: Beatrix Kramlovsky
    Drei Bücher bereits von ihr gelesen, sehr empfehlenswert: „Die Lichtsammlerin“, „Fanny oder das weiße Land“.
    Liebe Grüße, C Stern

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