67. Station meiner Literatur- und Kunstweltreise – Tanzania und Sansibar

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Abdulrazak Gurnah ist der Literaturnobelpreisträger 2021, aber sein Roman „das verlorene Paradies“ im englischen Original „paradise“ wurde 1994 veröffentlicht. In deutscher Übersetzung kam es 1998 beim S.Fischer Verlag heraus und wurde 2021 in der Übersetzung von Inge Leipold beim Penguin Verlag neu aufgelegt, wahrscheinlich anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises.

Der Proganonist der Geschichte ist der zwölfjährige Yussuf, der zunächst bei seinen Eltern aufwächst und dann von einem reichen arabischen Kaufmann als Schuldsklave für die Schulden seines Vaters mitgenommen wird. Yussuf wird im Geschäft seines Onkels eingesetzt, wo er gemeinsam mit einem anderen jungen Mann, der auf ähnliche Art in den Besitz des Kaufmanns gelang ist, unbezahlt arbeitet. Am Ende des Romans ist Yussuf erwachsen und seine Sicht der Welt hat sich entsprechend verändert.

Der Roman spielt in einer bewegten Zeit, zu Beginn des 20ten Jahrhunderts, vor dem ersten Weltkrieg. Die zukünftige Kolonialmacht Deutschland beginnt das Leben im heutigen Tanzania mehr und mehr zu beeinflussen und zu Beginn des ersten Weltkriegs werden unter den Einheimischen Soldaten für die deutsche Armee ausgehoben.

Yussuf landet, nachdem er von seinen Eltern weggebracht wurde, in einer bunten, multiethnischen, multi-religiösen Gesellschaft, die für die Leser*innen überraschend und eher unbekannt ist. Der Autor zeichnet das präkoloniale Leben in Sansibar illusionslos. Die arabischen Sklavenhändler sind allgegenwärtig, Gewalt und öffentliche Folter sind an der Tagesordnung. Der Kolonialismus wird nicht als Einbruch in ein Paradies dargestellt sondern als zusätzliche Erschwernis des Lebens. Diese objektive Sicht auf Land und Leute, auf Geschichte, Kultur und Religion ist sehr interessant zu lesen und die Sprache des Autors ist leicht, fließend und mitreissend.

Gurnah zeichnet keine psychologischen Profile seiner Figuren, er beurteilt die Geschehnisse auch nicht, er beschreibt sie. Weder Schönheit, noch Brutalität werden ausgespart, die Bilder sind sehr stark, vor allem die Handelskarawanenreise fand ich sehr eindringlich. Es wird hier nicht nur diese Form des Handels mit all ihren Gefahren und Gewinnen beschrieben, es wird auch sehr klar, dass es nicht mehr lange möglich sein wird auf diese Weise Geschäfte zu machen, dass die Strukturen dieser ostafrikanischen Welt dabei sind, sich radikal zu ändern.

Zwei große Themen sehe ich in diesem Roman: die innere Freiheit unter widrigen Umständen und das Thema der Entwurzelung, einerseits jener des Protagonisten und andererseits jener des gesamten Kulturkreises. Andere mögen andere Leitmotive finden. Der Roman ist für vieles offen.

Sehr überraschend fand ich das Ende der Geschichte. Andererseits ist die psychologische Struktur des Protagonisten wenig vertieft und so kann man auch nicht sagen, ob das Ende nun schlüssig ist oder nicht. Für mich ist es ein plötzlicher Einbruch des Irrationalen, der verblüfft, aber bei näherer Betrachtung auch ein Vorgeschmack auf die Zukunft ist, die Yussuf erwartet.

13 Gedanken zu “67. Station meiner Literatur- und Kunstweltreise – Tanzania und Sansibar

  1. Mit deinen Inhaltsbeschreibungen kann ich immer eine Menge anfangen, sie geben einen klaren Eindruck davon, was mich erwartet. Oft bin ich so begeistert, dass ich das beschriebene Buch am liebsten sofort auch lesen möchte.
    Hier springt der Funke nicht so stark über, obwohl ich das Beschriebene interessant finde. Ich kann mir nicht erklären, warum das so ist. Bist du selbst nicht so ganz überzeugt von dem Buch wie von anderen, so dass du weniger Feuer auszustrahlen hast?

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    1. Das könnte daran liegen, dass ich es schon vor einer Weile ausgelesen habe, oder auch, dass ich es in kleinen Portionen gelesen habe und das finde ich immer schlecht, weil dann der Eindruck nicht annähernd so stark ist. Es hat mir durchaus gut gefallen. Die Sprache ist einfach zu lesen, aber die dahinter stehende unbekannte Kultur ist schon herausfordernd .
      Ich freue mich jedenfalls darüber, dass öfter der Funke überspringt.

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      1. Vielleicht wirkt der frische Funke stärker, wenn die Rezensentin beim Schreiben gerade frisch aus der Lesewelt aufgetaucht ist, ja.
        Oder es stellt sich ein wenig Distanz bei mir ein, weil ich zweifle, ob ein zwölfjähriger Junge für mich als Identifikationsfigur funktioniert.

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  2. Ich finde, dass aus deiner Besprechung die Ambiguität von dem Roman sehr gut herauskommt – alles bleibt etwas äußerlich und unzusammenhängend und dokumentiert eine sehr in Bruch gegangene Welt. Dies spiegelt sich auch in den teilweise sehr ungleichen Beschreibungsformen wider – teils wird hymnisch die Natur beschrieben, teils über sie nüchtern hinweg gegangen. Ich selbst war vor Jahren in Tanzania. Ich finde es schade, dass der Autor nicht sein eigenes Jetzt verarbeitet hat, sondern das vor seiner Zeit. Es bekommt so etwas Distanzierendes, das ich durch das ganze Buch hindurch gefühlt habe. All dies denke ich nur, weil es so dichte, mitreißende Szenen gegen eilig dahinbeschriebene gibt.

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    1. Ich freue mich bei Buchbesprechungen immer über Kommentare von Leuten, die das jeweilige Buch auch gelesen haben. Ja, diese wechselnde Distanz und Nähe fand ich auch sehr passend zu der Zeit , in der die Geschichte abläuft. Ich habe von diesem Autor sonst noch nichts gelesen und kann daher nicht sagen, ob dies zu seinem Stil gehört oder nur bei diesem Buch verwendet wurde. Und dann das Ende, diese Beiläufigkeit mi der dieser einschneidende Schritt des Protagonisten behandelt wird. Auch ohne jede Spur einer Erklärung warum …. Ich erinnere mich, dass ich ziemlich fassungslos auf die letzte Seite gestarrt habe, ob da nicht doch noch etwas Erklärendes kommt.

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      1. Ja, genau so ging es mir auch. Ich habe die letzten Seiten dann nochmals gelesen. Die Soldaten kam in das Dorf. Sie haben sich versteckt. Dann irgendwann läuft er los. Es wirkte so zerfasert, wie ein Aufgeben. Was ist jetzt mit den Frauen, seiner Mutter? Was mit der Familie, in denen er zu seinem Glauben gefunden hat? Das Buch findet nicht so recht zusammen. Die Sprachlosigkeit war erschütternd – vielleicht hat er Essays geschrieben, in denen er seinem Stil nachforscht. Im Grunde ist das ein sehr seltsames Buch, dem ich nicht so recht beizukommen vermag, daher mein Kommentar. Es bleibt einem im Gedächtnis als ein „noch etwas zu Verstehendes“ … und vielleicht macht das seine Güte aus.

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        1. Ja. Ich nehme es als Dokument über die Zeit des Beginns der Kolonisierung aus der Sicht eines Betroffenen und bedaure aber, dass man eigentlich sehr wenig von dieser Sicht erfährt. Wobei der Autor ja über Zeiten schreibt, die er nicht erlebt hat.

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