Sieben – Impulswerkstatt

Die Idee zu dieser Geschichte hatte ich schon vor einer Weile, genauer gesagt seit Christiane mir einen link zu einem Tangram-Spiel geschickt hat. (Danke!) Ich fand es nur recht schwierig Struktur in diese Idee zu bringen und habe ein paar Tage daran herumgefeilt. Übrigens habe ich da eine Person erfunden, die ich selbst recht interessant und ausbaufähig finde.

Es war kein schlechter Arbeitsplatz, weil es ihr nichts ausmachte, spät abends oder ganz früh zu arbeiten, kalt und finster war es ohnehin immer. Sie stieg aus dem Bus und drückte ihre große Tasche an sich. Der Wind blies sich in Richtung Sturm ein und wehte ihr das Kopftuch vors Gesicht. Es waren nur ein paar Schritte von der Bustation zum Firmengebäude, nur ein Stück geradeaus. Auch bei Regen oder Schnee wurde man kaum nass obwohl es in diesem Land oft regnete und große Mengen Wasser über die Menschen flossen. Früher hätte ihr das gut gefallen, doch die Verbindung von Nässe und Kälte mochte sie nicht. Regnete es in der Wüste konnte Stunden später ein Meer von blühenden Pflanzen aus dem Boden sprießen. Hier wurde nur der Asphalt nass und die Busse bespritzen die Passanten.

Der Security am Haupteingang der Firma erwartete sie schon. Ein netter junger Mann, mit dem sie ihre Muttersprache sprechen konnte. Manchmal brachte sie ihm Ouzis mit oder eine Portion Namura. Das eintönige, langweilige Essen in diesem Land konnte man ja nicht lange ertragen ohne vor Sehnsucht krank zu werden.

Der Firma, bei der sie gemeinsam mit drei anderen Frau arbeitete, gehörten drei Stockwerke des Bürogebäudes. Sie bekamen jede Woche einen neuen Plan, wer welche Bereiche putzen sollte. Sie kam somit nicht immer im dritten Stock ins Büro 335 und musste daher in manchen Wochen eine halbe Stunde früher kommen. Genau dreißig Minuten gab sie sich täglich für das Büro 335. Manchmal gab es dort nichts weiter zu tun als zu putzen. Wenn dies so war, tröstete sie sich damit, dass Jonas eben nicht so gut war wie sie selbst und länger brauchte „Jonas“ und einer dieser unendlich langen und komplizierten Namen, wie sie die Leute hierzulande hatten, stand an der Tür.
Es war ein im Gegensatz zu anderen recht unpersönliches Büro. Keine Fotos, keine persönlichen Gegenstände, gerade nur zwei kleine Kakteen, ein kompletter Anzug samt Hemd, Schuhen und Krawatte zum Wechseln, Getränke und Gläser für Gäste. Alles andere befand sich im Laptop. Natürlich hinter Passwörtern. Sie wunderte sich trotzdem darüber, dass das Gerät so offen hier herum stand. Als sie noch mit Laptops statt mit Putzwedeln arbeitete, waren ihre Daten und Informationen nicht so leicht zugänglich. Letztlich hatte ihr das aber auch nichts genützt.

Heute war sie wieder einmal früher gekommen, weil sie für ein anderes Stockwerk eingeteilt war und nachsehen wollte, ob Jonas etwas für sie hinterlegt hatte. Und er hatte. Sie lächelte, weil sie sich freute, dass er immer besser wurde. Er war noch kein ebenbürtiger Spieler für sie, aber er hatte viele Fortschritte gemacht seit seinen Anfängen. Die Figur, die er für sie gezeichnet hatte, war schon um vieles schwieriger zu legen als die ersten Aufgaben, die er ihr gestellt hatte und die Aufgabe, die sie für ihn bereitgelegt hatte, konnte er übers Wochenende lösen. Sie wusste nichts von ihm, nicht einmal, wie er aussah, und welche Funktion er in der Firma einnahm. Das einzige was sie wusste, war, dass er beim gemeinsamen Spiel deutliche Fortschritte machte.

Seit sie im Büro 335 einen anderen Anhänger ihres Lieblingshobbys aus einem früheren Leben gefunden hatte, kam sie geradezu gerne hierher. An einem ansonsten nicht weiter bemerkenswerten Tag, an dem sie den Teppich unter der Sitzgarnitur gesaugt und die Gläser abgewaschen hatte, wollte sie den Schreibtisch abwischen und fand dort die geliebten sieben Tangram-Teile liegen. Die Teile waren zu keiner ersichtlichen Figur gelegt und und daneben lag ein Buch für Anfänger.

Zuhause hatte sie auch eine Sammlung Tangram-Sets gehabt, aus verschiedenen Materialien, aus schreiend buntem Plastik ebenso wie aus verschiedenen Holzarten. Ein Set hatte sie mitgenommen auf die Flucht. Es war aus dem Holz des Lieblingsbaums ihrer Kindheit im Garten der Großeltern in Damaskus gemacht worden, von dem Handwerker, der auch viele ihrer Möbel getischlert hatte. Wie andere Leute irgendwelche Glücksbringer mit sich herum trugen, hatte sie ihre sieben Teile immer bei sich. Mit einem Bombenangriff war hier mitten in Europa prinzipiell nicht zu rechnen, aber sie hatte kein gutes Gefühl wenn sie ihr Tangram-Set nicht bei sich hatte.

Sie betrat Büro 335 und steuerte direkt zum Schreibtisch. Dort fand sie einen Zettel. „Liebe Tangram-Freundin! Hier habe ich drei wirklich schwierige Aufgaben für Sie gefunden. Gleich drei, weil ich in den nächsten zwei Wochen auf Urlaub bin. Hier meine e-mail-Adresse, aber eigentlich möchte ich unseren Austausch lieber so weiterführen wie bisher und nicht online gehen. Grüße an eine Unbekannte“ Darunter stand auch eine arabische Version des Textes. Sie lächelte. Jonas hatte sich die Arbeit gemacht etwas über ihre Identität herauszufinden und sein Briefchen auf arabisch zu übersetzen. Beides war kein großer Aufwand, ein Anruf im Personalbüro, einmal einen kleinen Text durch ein Übersetzungsprogramm schicken. Trotzdem. Jonas war also ein freundlicher Mensch.

Sie wusste nicht, dass Jonas mit seiner Frau beratschlagt hatte, ob es wohl eine gute Idee wäre, die Tangram-Freundin einmal nachhause einzuladen und kennenzulernen. Seine Frau hatte gemeint, dass man ihre Reaktion auf das Briefchen abwarten solle, dass sie sie aber auch gerne kennenlernen wolle.

Sie nahm die drei schwierigen Aufgaben, die tatsächlich auf den ersten Blick nicht ganz einfach aussahen und steckte sie in die Tasche, in der sich auch ihr Tangram-Set befand. In zwei Wochen würde sie nicht nur dem jungen Security am Firmeneingang sondern auch Jonas eine Kostprobe ihrer Kochkünste mitbringen.

Sie lebte seit drei Jahren in Österreich. Nachdem sie englisch verhandlungssicher beherrschte, war es ihr nicht allzu schwer gefallen Deutsch zu lernen. Doch den Schritt in Richtung Integration, in Richtung Öffentlichkeit hatte sie noch nicht gewagt. Ihre derzeitigen Lebensumstände empfand sie als schwebend zwischen Furcht und Überleben. Ihre Grundbedürfnisse waren gedeckt, der Tangram-Austausch mit Jonas aber war der erste Schritt hinaus aus dem Überleben, hinein ins Leben. Vielleicht führten ihre sieben Teile sie in diese Richtung, zu einem neuen Leben, in einem neuen Land.

Ihre Freundin Latifa würde daraus wunderschöne Poesie machen. Falls es denn ein Paradies gab, einen Garten ewigen Friedens und ewiger Freude, so wäre sie jetzt dort. Sie selbst aber musste zuerst in den vierten Stock und dort putzen.

35 Gedanken zu “Sieben – Impulswerkstatt

          1. Mich grinst aber dieses Mal auch nichts an.
            Außer das Bürofenster, da habe ich ein ähnliches Bild mit Spiegelung.
            Noch fehlt der Text dazu.

            Dafür fließt alles andere, lach…
            Man kann wohl nicht alles haben.

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  1. Ach, eine schöne, zarte Geschichte, mag ich. Jemanden über ein geliebtes und geteiltes Hobby, wenn man es dann als Hobby bezeichnen kann, wieder ins Leben, in ein anderes Leben, hineinzulocken, das gefällt mir gut.
    Ich zweifle daran, dass so etwas sehr realistisch ist, aber je öfter ich es lese, desto mehr ist es mir egal. Warum nicht. Möge das Experiment gelingen.
    Gut gefällt mir auch, dass offenbar beide die Figuren ausknobeln 😁
    Abendgrüße 😁☁️🍷🍪👍

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    1. Besonders realistisch ist es wohl nicht, aber andererseits hat das Leben doch immer wieder Seltsamkeiten zu bieten, warum nicht auch diese 😉 Das Tangram war ja als Idee auch zuerst da und der Rest ist drumherum gebaut.
      Es ist auch nicht wirklich abgerundet: die Freundin, die möglicherweise im Paradies ist, hätte auch schon vorher in Erscheinung treten können, der Security-Mann hätte auch noch was hergegeben. Aber alles in allem, als Skizze, mag ich es ganz gern. Und das erste Mal eigentlich habe ich eine Figur beschrieben, die mich noch weiter interessieren würde …..

      Gefällt 2 Personen

          1. Für einen Roman wäre das zu wenig. Aber für Kurzgeschichten darf es etwas unbestimmt bleiben. Und eine Serie von Kurzgeschichten gibt ihr automatisch mehr Facetten. Wer weiß, wie dann rückblickend die ganze Person wirkt.

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            1. Man kann es nicht vorhersehen, ich zumindest kann es nicht. Ich bin auch beim Schreiben sehr spontan. Der Laptop hat seinen Platz auf den Schreibtisch gefunden, weil ich fand, dass es dort nur mit Tangramteilen zu leer aussah 😇

              Gefällt 1 Person

  2. Die Geschichte hat viele feine Wendungen, Andeutungen, sie packt. Sehr ausbaufähig. Man fragt sich: was hat sie zuvor gearbeitet (Computer, geschützter Zugang, nichts genutzt), warum ist sie aus Damaskus geflohen, welche traumatischen Erfahrungen hat sie gemacht, man fragt sich, warum sie den Regen in Wien nicht mag und was die Wüste für sie bedeutet (Damaskus liegt ja nicht in einer Wüste), man fragt sich, wer diese Freundin ist……. Kurzum, es hat das Format einer großen Geschichte.

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  3. Hinsetzen!!! Zum getätschelt werden! Gefällt mir sehr!
    Diese zarte Annäherung der Araberin, die zu Hause sicher einen 100%ig anspruchsvolleren Beruf als Putzfrau hatte, an ihr neues Land mit der dritten Fremdsprache. Ich sage immer wieder, wir können diese Menschen nur bewundern für das, was sie schaffen und wie sie ihr Leben meistern.
    Für Tangram fehlt mir ein wenig das räumliche Vorstellungsvermögen (oder die grauen Zellen) – und warum ich Schach nicht kann, ist ein ähnlicher Grund.

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