Die Pubertät unbeschadet überleben

Die ABC Etüden wie immer bei Christiane
3 Wörter (siehe Illustration) werden in einen Text von höchstens 300 Wörtern eingebaut.
Die Wörter stammen diesmal vom mythischen Etüdenerfinder Ludwig Zeidler

Eigentlich war es ein Wunder, dass die neugierige Nachbarin erst heute auftauchte um sich nach den unerhörten Vorkommnissen in der Sylvesternacht zu erkundigen. Die Nachbarin konnte es selbst kaum glauben, aber sie war im falschen Moment nicht zuhause gewesen. Üblicherweise entging ihr nichts, wenn es auch eine traurige Tatsache war, dass in dieser öden Gegend kaum jemals irgendetwas los war.

Die Teenagermutter öffnete seufzend die Tür. Es gab nicht den leisesten Schimmer einer Hoffnung, dass die Nachbarin aufgeben würde, bevor sie die Geschehnisse aus erster Hand erfahren hätte. Als sie „erste Hand“ dachte, zuckte die Teenagermutter etwas zusammen.

Ja, die Rettung war wirklich sehr schnell gekommen und dann auch sehr schnell in der Klinik angekommen mit dem schreienden Paul und mitsamt den wichtigen Teilen.
Es wäre ja auch unverzeihlich wenn nicht, meinte die Nachbarin, bei einem so jungen Menschen.
Sie konnten beide Finger wieder annähen, sagte die Teenagermutter verhältnismäßig ruhig, sie wollte die sensationslüsterne Nachbarin nicht zu dramatischen Gefühlsausbrüchen ermutigen, die Chirurgen haben großartig gearbeitet und haben uns auch sehr viel Mut gemacht, dass alles wieder gut zusammenwachsen wird.
Ach wie schrecklich, tremolierte die Nachbarin.
Die Teenagermutter war fast am Rande ihrer Selbstbeherrschung angekommen .
Und wissen sie, was der Paul gesagt hat nachdem er aus der Narkose aufgewacht war?
Ja was denn gar? die Augen der Nachbarin wurden noch ein Stück größer. Heute wurde ihr doch wirklich einiges geboten.

Die Teenagermutter musste mehrmals ansetzen. Er hat gesagt, dass er nächstes Jahr nicht wieder so billiges Zeug kaufen wird, sondern gute Böller. Es ist alles so hoffnungslos sagte sie und brach in Tränen aus.
Auch der Nachbarin hatte es die Sprache verschlagen.

300 Wörter



35 Gedanken zu “Die Pubertät unbeschadet überleben

  1. Ich fragte mich am Schluss, ob die Mutter nicht einen boshaften Humor und die Fähigkeit zum Schauspielern hatte, der neugierigen Ratschn mit der Unbelehrbarkeit des Verunfallten einen Bären aufzubinden um sie in die Flucht zu schlagen.
    Freundlichkeit und Höflichkeit helfen selten gegen sensationslüsterne Neugier. Eigentlich hilft gar nichts, ausser die Kommunikation zu vermeiden.

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    1. Ja, das wäre auch eine Möglichkeit. Ich finde es immer schwierig in so einem kurzen Text Charaktere ein bissl herauszuarbeiten. Ich habe da wenig Erfahrung. In der Stadt ist es einfach Leuten auszuweichen, außer es sind direkte Nachbarn. Aber wenn unser Zweitwohnsitz ernsthaft in Betrieb geht, werde ich die Feinheiten des Lebens auf dem Dorf schon kennenlernen 🙂

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      1. 300 Worte sind wirklich wenige dafür, da muss man schon den Lesern auch ein bisschen Phantasie zumuten. Hat man Glück, geht es in dieselbe Richtung. Muss ja aber nicht. Deine Geschichte „funktioniert“ so oder so.
        Es kommt beim Dorf / Kleinstadt immer darauf an, ob man Zugezogener ist oder Alteingesessener. Als Zugezogener wird man nicht weniger kritisch beäugt, aber auf einer weniger persönlichen Ebene – ich finde das befreiend. Da genügt einfach dosierbare Freundlichkeit, ansonsten hätte man schon eine Last familiärer Verbindlichkeiten geerbt, die viel schwieriger ins Verträgliche zu dirigieren sind.

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        1. Ja, wenn die Geschichte bei den Lesern anders ankommt, macht es ja nichts solange sie – wie du sagst – „funktioniert“ also einen Sinn ergibt, auch wenn es ein anderer ist als der ursprünglich beabsichtigte.
          Interessant diese Unterscheidung zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen. Mein Partner, der in einer Kleinstadt aufgewachsen ist, hat ähnliches gesagt. Ich glaube, mir gefällt der Part der Zugezogenen ohne gemeinsame Geschichte mit dem ganzen Ort viel besser. Die potentiellen Verfehlungen meiner Urgroßeltern bearbeiten zu müssen, wäre wohl recht mühsam.

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  2. Vielleicht würde es helfen, wenn ihm jemand, der nicht vor Sorge in Ohnmacht gefallen ist (der Arzt) klarmacht, dass er sich eine Karriere bei so gut wie allem abschminken kann, wofür man Gefühl in den Fingern braucht, von Musik bis Gaming, von privaten Handlungen ganz zu schweigen, und dass er beim nächsten Mal unbedingt wieder dieselbe Hand nehmen soll, weil die eh langfristig jetzt eh schon im A… ist. Meine Güte. 😮
    Natürlich wollen die Nachbarn wissen, was los ist, das ist durchaus auch Mitgefühl 🤔. Die Frage ist nur, wes Geistes Kind und von welcher Bösartigkeit die besagte Nachbarin ist. Ja, da gibt es möglicherweise alles 😎
    Nachmittagskaffeegrüße 😁🌧️🖥️☕🍪👍

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    1. Ich bin auf die Geschichte gekommen, weil es auch heuer wieder zu Sylvester diese Art Unfälle gegeben hat, sogar Tote und die Einsicht vor allem männlicher Jugendlicher in solchen Fällen oft gering ist, weil die Armen schließlich ihren Machostatus in der Rangordnung der Gleichaltrigen nicht in Gefahr bringen wollen. Wie gesagt, für genauere Charakterisierungen der Nachbarin waren keine Wörter übrig.
      .
      Manche Kommentare haben ähnliche Wirkungen wie Bomben: plötzlich sind alle anderen weg …

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  3. Ich kenne auch jemand, der sich ein paar Finger weggesprengt hat. Auch unbelehrbar…So Leute sollten mal einen Tag nach Silvester im Krankenhaus aushelfen. Die Nachbarin sollte das vielleicht auch tun. Hat sie mal Hands-on-Gesprächsstoff. Vielleicht heilt das auch von Geschwätzigkeit. 😉
    Schöne Geschichte und sehr realitätsnah.

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    1. Ohh, auf die Idee, dass die Teenagermutter selbst ein Teenager sein könnte, bin ich gar nicht gekommen. Die Formulierung ist eine Wortsparmaßnahme. „Teenagermutter“ statt „Frau X, die die Mutter eines Teenagers ist“. Texte mit 300 Wörtern produzieren Kollateralschäden 😉 🙂

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  4. Vor sehr langer Zeit hat ein Bekannter von mir (nicht die hellste Kerze auf der Torte, aber sehr nett), vergessen, dass er einen angezündeten Böller in der Hand hielt, weil er sich mit jemandem unterhalten hat. Tja. Glücklicherweise hat ihm jemand den Böller aus der Hand geschlagen, etwa eine Zehntelsekunde, bevor er explodiert ist. Die Finger wären auch weg gewesen. So war nur die Handinnenfläche schwarz vom Pulver. Ich sehe heute noch seinen verblüfften Blick.

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  5. Es müssen ja nicht einmal die Finger sein (oder andre Körperteile). Ein Knalltrauma reicht ja auch schon. Seit ich einmal wegen Beschwipstsein einen Böller zu spät von mir geworfen habe und der direkt neben meinem rechten Ohr mit lautem Kawumm explodiert ist, habe ich einen großen Bogen um die Dinger gemacht und nur noch Batteriefeuerwerk genommen, das man einfach auf den Boden stellt, an der Lunte anzündet und wegläuft, um das Spektakel aus sicherer Entfernung zu genießen.
    Jetzt fehlt mir das Geknalle auch nicht mehr.

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