Eis – Impulswerkstatt

Der Wind feilt eiskörnig über meine Haut. Dabei drängt er den Atem weg, lässt seine Wärme in eigenwilligen Figuren verdampfen. Mit dem Finger fahre ich die vielfältigen Strukturen entlang, die Erhebungen, Einbuchtungen, Schnörkel, ein Flussdelta, ein Bergpass, gefrorenes Meer, ein filigraner Braille-Text der Natur, den ich entziffern wollte.

Jeder mühsame, schwankende Schritt zeigt, dass das Eis sich nicht entschlüsseln lassen will. In Kristalle dringt es sich nicht ohne weiteres ein, ihre Abwehrmechanismen bringen mich an den Rand meiner Möglichkeiten aber nicht darüber hinaus, wie ich gehofft hatte. An der lächelnden Gelassenheit der Natur scheitert meine teure Ausrüstung erbärmlich. Das Moos hat bessere Strategien, es lässt sich umfließen, einfrieren und taut dann wieder auf, bleibt aber in jedem Zustand von der Umgebung unterscheidbar.

Dann die Eiswand. Sie spiegelt die Zeit in Facetten der Erinnerung. Das Eis steht dem Wahnsinn nicht nahe, seine Berührung ist kalt und leidenschaftslos aber folgenschwer.

Es beginnt zu schneien und der Wind lässt die Kälte tanzen zum Vergnügen jener, die hier überleben können. Ich liege rücklings auf dem Eis, die Wärme beginnt in meinen Fingern, dringt prickelnd in die Muskeln in die Blutgefäße, dehnt die Kapillaren. Ein verwirrender Angriff auf die Verlässlichkeit der Welt durch die völlige Umkehr der Sinneswahrnehmungen. Die Haut brennt am Eis fest, erfriert im kochenden Wasser, die Eiswand erhebt sich ins Unendliche hinunter um irgendwann den unterirdischen Himmel zu berühren.

Kann Blut zu kochen beginnen, kurz vor dem Zusammenbruch des Systems? Das dumpfe Brummen, ein gelblicher Schimmer rund um mich, die Knochen brechen, das Hirn löst sich auf in Synapsen brennenden Eises und ein paar gefrorene Proteine.

Gelb ist der Hubschrauber der Bergrettung, gelb wie die Sonne.

An diesem Text habe ich ein paar Tage gefeilt. Was aber nichts damit zu tun hat, dass „feilen“ gleich im ersten Satz vorkommt.

Ein möglicher Abschluss wäre auch „….. doch das Eis hat mich in Besitz genommen/ umschlossen/eingearbeitet/ zu einem Teil seines Organismus gemacht ….“

14 Gedanken zu “Eis – Impulswerkstatt

  1. Ich glaube dein alternatives Ende gefällt mir noch ein Stück besser. Dadurch bleibt der Text ein wrnig mysteriöser und irgendwie kälter. Das Gelb reißt einen irgendwie aus dem Weiß/Blau des Eises. Andeterseits ist es wohl ganz gut, am Ende die Geschichte nicht erfroren zu verlassen.

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  2. Tatsächlich würde ich bei dem Ende einen Mittelweg gehen zwischen dem hoffnungsvollen Gelb und dem Versinken im Eis …

    „Kann Blut zu kochen beginnen, kurz vor dem Zusammenbruch des Systems? Die Knochen brechen, das Hirn löst sich auf in Synapsen brennenden Eises und ein paar gefrorene Proteine.
    Farblos ist der Hubschrauber der Bergrettung, fahl wie die Sonne.“

    Spätnachmittagskaffeegrüße! 😉🕯️🕯️🕯️☕🍪👍

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    1. Das ist eine gute Idee, eine fahle Wintersonne passt ja auch gut ins Bild. In dieser Version würde ich dann auch eher davon ausgehen, dass „Ich“ erfroren ist.
      Ich habe mich bei dem Gelb an der tatsächlichen Farbe dieser Hubschrauber orientiert, die wahrscheinlich aus gutem Grund sehr grell gefärbt sind, aber eine eher gedämpfte Farbe gefällt mir bei näherer Betrachtung auch besser.
      Danke dir für die Anmerkung !

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